Mais

In der begleitenden Netz-Anthologie zu Das Gedicht 25 (Religion und Lyrik), zusammengestellt und ediert von Anton G. Leitner und José F. A. Oliver, ist mit Mais soeben eines meiner zentralamerikanischen Gedichte erschienen und hier nachzulesen.

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Wer geht denn je nach Guatemala? Kuriose und epochemachende Reiseberichte aus dem wilden Zentralamerika

John L. Stephens‘ Incidents of Travel in Central America, Chiapas and Yucatan erreichten Mitte des 19. Jahrhunderts in deutscher Übersetzung mit elf Auflagen in den ersten sechs Monaten erhebliche Beachtung. Der amerikanische Forscher, Diplomat und Reiseschriftsteller war ein knappes Jahr im Auftrag des Präsidenten der Vereinigten Staaten unterwegs gewesen, um die politischen Verhältnisse in der gerade zerfallenden Zentralamerikanischen Konföderation (1823-1840) auszuloten, zu der sich nach der Unabhängigkeit von Spanien Guatemala, Honduras, El Salvador, Nicaragua und Costa Rica als Staatenbund zusammengefunden hatten. Am Rande und inmitten chaotischer Kriegshandlungen bestieg Stephens brodelnde Vulkane, erlitt diverse Tropenfieber, notierte seine Begegnungen mit der indigenen Bevölkerung, suchte in den Städten oft vergeblich nach verbliebenen Regierungsvertretern und erforschte vom Dschungel verschluckte Mayastädte, von deren Existenz mehr Gerüchte als Wissen kursierten.

Nachdem unsre Gesellschaft sich durch die Ankunft einer vornehmen Familie aus Guatemala vermehrt hatte, zogen wir sammt und sonders zu dem Hahnenkampfe. Er fand statt in dem Hofe eines unbewohnten Hauses, der bereits mit Menschen überfüllt war, die, wie ich zur Ehre der Indianer und zur Schande der bessern Klassen bemerkte, sämmtlich Mestizen oder Weisse waren, und — mit steter Ausnahme von Carrera’s Soldaten — sah ich nie in meinem Leben einen Menschenschlag von hässlicherem oder mörderhafterem Aussehen. Längs den ganzen Mauern des Hofs standen Hähne an einem Beine angebunden und Leute liefen mit andern Hähnen unterm Arme umher, die sie, um Grösse und Gewicht zu vergleichen, auf die Erde setzten, brachten Wetten in Ordnung und suchten sich gegenseitig zu betrügen. Endlich begann ein Spiel. Die Damen unsrer Gesellschaft hatten Sitze im Corridor des Hauses und der Platz vor ihnen war frei. Die Hahnensporen waren mörderische Instrumente, mehr als zwei Zoll lang, dick und wie Nadeln spitz. Kaum waren die Hähne auf den Kampfplatz gelassen, als die Halsfedern aufschwollen und sie aufeinander losflogen. In weniger Zeit als man zu ihrem Bespornen gebraucht, lag einer todt da, mit heraushangender Zunge und mit dem Munde entströmendem Blute. Die Begierde und Leidenschaftlichkeit der Menge und ihr Lärmen und Toben, ihr Wetten, Fluchen, Zanken und Balgen boten ein trübes Bild der Menschennatur dar und zeugten von einem blutdürstigen Volke. Den Damen bin ich es schuldig zu sagen, dass sie in der Stadt niemals solchen Schauspielen beiwohnen. (…) Nachdem wir die widrige Scene verlassen, machten wir einen Gang in der Vorstadt umher, wo man von einem gewissen Punkte aus eine prachtvolle Aussicht über die Ebene und die Stadt Guatemala nebst den umliegenden Bergen geniesst, eine Aussicht, die Einen nicht begreifen lässt, wie es möglich ist, dass Menschen, die in mitten einer so grossartigen und herrlichen Natur aufwachsen, Geschmack an so gemeinen, niedrigen Dingen finden.

„So viel Schönheit / so viele Pumpguns“ endet mein Gedicht Postkärtchen aus Guatemala. Als ich es letztes Jahr verfasste, waren mir Stephens‘ Berichte noch unbekannt. Sie zeichnen, als fokussierter Ausschnitt, die seit Anbeginn rekordgespickte Gewaltkurve Zentralamerikas fort und bis in unsere Gegenwart vor; annähernd 1000 Buchseiten mäandert die literarische Reise als grob- und feinnervig schillerndes Dokument chaotischer Zustände voller Brutalität, Schönheit und Zerrüttung seitens Mensch und Natur – und darin mindestens ebenbürtig den heute deutlich berühmteren Darstellungen des Wilden Westens, der ein paar tausend Meilen weiter nördlich zur selben Zeit seine Kaktusblüten trieb. Stephens‘ um Neutralität bemühte, gelegentlich zu ausschweifende, plastische und häufig mit Witz gewürzte Beschreibungen erinnern u.a. an Szenen aus Werner Herzogs Amazonas-Spielfilme: schlammüberzogene Ankünfte in entlegenen Dörfern, allgegenwärtiger Fieberwahn, rustikale Vergnügungen in Kolonialstädten mit ihren unablässig von Krieg und Naturgewalten bedrohten zivilisatorischen Fassaden; den als mürrisch, phlegmatisch bzw. als aguardiente- und blutdürstiger Mob beschriebenen indigenen Einwohnern bleiben im Dschungel nur Jobs aus der kolonialistisch-klerikalen Klamottenkiste:

Der zunächst Aufbrechende war der Kanonikus. Er war vor zwanzig Jahren, bei seiner ersten Ankunft im Lande, über den Berg gekommen, aber seine Schrecken standen noch immer in lebhafter Erinnerung vor ihm. Er reiste auf dem Rücken eines Indianers ab, nämlich getragen in einer Silla oder einem Stuhle mit hoher Lehne und zum Schutze gegen die Sonne oben überdeckt. Drei andere Indianer folgten als Reserve-Träger, sowie ein edles Maulthier zur Abwechselung für den Fall, dass er des Stuhltragens überdrüssig würde. Obwohl der Indianer von der Last tief zur Erde gebeugt marschirte, war doch der Kanonikus guter Dinge, schmauchte behaglich seine Cigarre und winkte uns mit der Hand zu bis er uns aus dem Gesicht war.

Stephens trifft unterwegs auf bemerkenswerte Gestalten, Sitten, Naturfänomene und Ruinen. Guatemala und seine Erscheinungen („Jeder unsrer Tritte und Schritte in diesem Lande bot uns etwas Wildphantastisches und Neues, etwas, was unsre Phantasie ergriff“), aus denen hundert Jahre später Miguel Ángel Asturias in seiner Prosa den Magischen Realismus destillieren wird, macht seine Besucher wie selbstverständlich zu Abenteurern, in schwer überschaubaren Kriegsverläufen verwandelt sich der verblüffte Stephens in einen Agenten wider Willen, der mit den Generälen beider verfeindeter Parteien speist und parliert, kurz nachdem deren versprengte Truppen ihn willkürlich gefangen genommen und um ein Haar exekutiert hatten. Ob Karl May sich bei Stephens bediente, entzieht sich meiner Kenntnis, die Möglichkeit einer solchen Linie immerhin erscheint überdeutlich.

Der letzte Fremde, der im Hafen gewesen war, war ein allbekannter Amerikaner, Namens Handy, von dem ich zuerst am Kap der Guten Hoffnung, wo er Giraffen jagte, gehört hatte, dem ich später in Neuyork begegnet war und den ich hier verfehlt zu haben ausserordentlich bedauerte. Er war von den Vereinigten Staaten aus durch Tejas, Mejico und Centralamerika gereist, und zwar mit einem Elephanten und zwei Dromedaren als Anführern seines Zugs! Der Elephant war der erste in Centraiamerika je gesehene und ich hörte oft von ihm in den Pueblos unter dem Namen El Demonio (der Teufel) sprechen.

Eine eher beiläufig erwähnte Gefahr der Reise besteht im Fieber. An einer Stelle berichtet Stephens trocken, dass alle sieben seiner unmittelbaren Vorgänger in Zentralamerika am Fieber gestorben seien. (Er selber wird zwölf Jahre später an Malariafolgen, einem ungewollten Reisemitbringsel, sterben.) Von zeitgenössischen Repellentien (außer komplett bedeckender Kleidung) kein Wort. In seiner Ergebenheit in die Fiebersituation kommt Stephens, ohne es zu merken, der Ergebenheit der Mayavölker in den Willen der Natur vielleicht am nächsten.

Alle centralamerikanischen Häfen am stillen Meere sind ungesund, dieser aber galt geradezu als tödtlich. Ich war ohne Bangigkeit in Städte eingezogen, wo die Pest wüthete; hier aber herrschte am Ufer eine todtengleiche Stille, die erschreckend war. (…) Den Nachmittag brachte mich der Kapitän ans Ufer. Am ersten Hause sahen wir zwei Kerzen angezündet, um bei der Leiche eines Mannes zu brennen. Alle, die wir sahen, waren krank und Alle klagten, dass der Ort dem menschlichen Leben tödtlich wäre. Und er war in der That fast ganz verödet, und ungeachtet seiner Vortheile als Hafen erfolgte doch wenige Tage darnach von Seiten der Regierung der Befehl, ihn aufzugeben und nach dem ehemaligen Hafen von Punta Arenas zurückzuverlegen. (…)
Der Ort war ein elender Hüttenhaufen und arm an Lebensmitteln, wo die Leute lieber schmutziges Wasser, das vor ihren Hütten stand, tranken als dass sie sich die Mühe gaben, nach dem Flusse zu gehen.

Zu den Höhepunkten des Buches lassen sich auch viele weniger abenteuerliche Alltagsbeschreibungen zählen, z.B. über das Tortillabacken (wie ich es 180 Jahre später unverändert beobachtet habe und dessen elegant-monotone Geräusche sich mir tief eingeprägt haben) oder ein Kindsbegräbnis, das mit dem Zerstampfen des Leichnams endet, um auf dem Lehmgrund der Kirche Platz für kommende Tote zu schaffen. Landschaften wie der Atitlánsee, in der Maya-Mythologie Nabel der Welt und Verbindung zur Unterwelt, erfahren mit Kuriosa beschmückte Würdigungen. Wo er auf entsprechende Informationen trifft (Bücher sind auf der Route Raritäten, wer welche zu veräußern hat, kennt sie bereits auswendig), reichert Stephens seine Berichte mit geschichtlichen Exkursen an, die als Verbindungsglieder zwischen mythischem und modernem Wissen angesehen werden können.

Frühe am Morgen gingen wir abermals zum See. Es schwebte jetzt kein Dunst auf dem Wasser und die Scheitel der Vulkane waren wolkenfrei. (…) Wir verbrachten unsre Zeit mit Schiessen wilder Enten, konnten aber nur zwei Stück ans Ufer bekommen, die, wie wir später fanden, von köstlichem Geschmack waren. Nach Juarros‘ Nachrichten ist das Wasser dieses Sees so kalt, dass es schon nach wenigen Minuten die Glieder Aller, die in ihm baden, erstarren macht und anschwellt. Aber es sah so einladend aus, dass wir beschlossen es zu wagen, und siehe da, unsere Glieder erstarrten nicht und schwollen nicht an. Die Umwohner baden beständig darin, wie man uns sagte; und Herr Catherwood blieb, von seinem Schwimmgürtel getragen und ohne alle Körperbewegung, lange Zeit im Wasser und empfand nichts von einer ausserordentlichen Kälte. Bei der gänzlichen Unwissenheit, welche über die geographischen und geologischen Verhältnisse dieses Landes herrscht, kann es wohl sein, dass die Erzählung von der bodenlosen Tiefe des Sees und von dem Mangel jedes Abflusses ebenso unbegründet ist wie die von der Kälte seines Wassers.

Ein weitgehend und völlig zu Unrecht vergessenes bzw. übersehenes Monumentalwerk, das sich in die großen Reiseberichte der Literaturgeschichte reiht.

John L. Stephens, Eduard Höpfner: Reiseerlebnisse in Centralamerika, Chiapas und Yucatan, Leipzig 1854

Eine Neuausgabe der Höpfner-Übersetzung erschien im Herbst 2014 im Verlag der Pioniere.

In mehreren Formaten, darunter auch als E-Book, bietet Google Books das Werk zum kostenfreien Download (ohne Illustrationen).

Von Sekretärinnen und Taxifahrern

Alberto Arzús Gedichtband 10-14, diesen Mai erschienen bei Editorial X in Guatemala

Alberto Arzús Gedichtband 10-14, diesen Mai erschienen bei Editorial X in Guatemala

An einem von Starkregen bedrohten Nachmittag treffe ich im Parque Centroamérica im Herzen Quetzaltenangos, das bis zu 2400 Meter hoch auf den Sedimenten eines ehemaligen Bergsees liegt und nach seinem alten Mayanamen Xelajú meist Xela (sprich: Schela) genannt wird, auf Alberto Arzú, einen Dichter, der auf seiner Facebook-Seite (dort als Gato Azul, deutsch: Blaue Katze unterwegs) in hohem Takt von kulturellen und politischen Begebenheiten in Xela und ganz Guatemala berichtet sowie eine schier endlose Serie mit lyrischen Aforismen betreibt. Alberto ist leicht auszumachen: mit seinen Rastalocken und der Kapitänsbinde, die er über einer mit Stickern benähten Weste trägt, fällt er in Xela optisch aus dem Rahmen. Noch bevor er mich ausgiebig durch die innerstädtischen Zonen führt, in denen er jeder Straße, beinahe jedem Haus eine Geschichte zuzuordnen weiß, drückt er mir zwei seiner Gedichtbände in die Hand.

Der erste, Taxi ¡Crush!, 2012 bei Chuleta de Cerdo Editorial erschienen, lotst die Leserschaft in ein anfahrendes Taxi, dessen namenloser Chauffeur über die Schulter von seinen Erlebnissen und Gedanken erzählt. Sämtliche Gedichte sind auf eine Buchseitenlänge geschnitten. In ihren Erzählweisen erinnern sie an Popsongs, die wiederum tatsächlich in vielen der Gedichte als Soundtrack aus dem ständig eingeschalteten Autoradio tönen: mal läuft nach vorne gehender Indie-Trashbeat (The Go-Go’s), dann wieder sehnsüchtige, melancholische Melodien (Feargal Sharkey, John Lennon) – vornehmlich Stücke aus den Achtzigerjahren. Im Popmusik-Kontext verweilend, ließe sich der Band als Konzeptalbum beschreiben: der Taxi fahrende Protagonist frißt Straßenkilometer wie flüchtige Begegnungen und durchlebt eine zunehmend emotionale Reise: von Anteilnahme und Verliebtheit über Frustration hin zu Todessehnsucht.

Auch wenn die Kulisse im Eingangsmotto als die „irgendeiner Stadt“ zu „irgendeiner Stunde“ vorgestellt wird, ergeben sich Hinweise auf Quetzaltenango, die Stadt Guatemalas, die der Dichter Arzú von allen am meisten schätzt. Die kulturellen Entfaltungsmöglichkeiten seien in Xela größer, der Zusammenhalt in der Szene besser als in der Hauptstadt. Seit 2003 findet regelmäßig ein großes internationales Poesiefestival statt. Hier betreibt er seinen Verlag Chuleta de Cerdo (Schweinekotelett), dessen Logo die kartografische Gestalt Guatemalas mit der eines Koteletts vereint. Der Verlag wurde aus der Cartonera-Idee geboren, seine Bände erinnern in ihrer Machart an die der Kölner Parasitenpresse.

Taxi ¡Crush! bewegt sich durch einen Alltag unterhalb des öffentlichen Interesses, voll kleiner, einfacher, kaum jemals hoffnungsfroher Geschichten mit verheulten Mädchen, gehetzten Männern, traurigen Büroangestellten, katastrofalen Heimniederlagen des lokalen Fußballteams, geheimnisvollen Rückbankschönheiten und dankbaren Unfällen am Wegesrand, die unerträgliche Monologe von Fahrgästen beenden helfen. Der Regen (der in Xela apokalyptische Ausmaße anzunehmen vermag) begleitet die Touren, die in ihrer täglichen Wiederholung die schönen Erinnerungen des Chauffeurs überkommen. Zunehmend empfindet er sich als Gefangener seiner Position, Desillusionierung und Daseinsekel brechen sich Bahn. Umschwirrt von gelben Taximolekülen endet der letzte Arbeitstag in einer Blutlache aus Traum und Wirklichkeit.

Die Zahlenfolge im Titel des zweiten Bandes, 10-14, weist sowohl auf eine typische Block-Hausnummer in Guatemala-Stadt als auch auf die durchnummerierten, aktuell 25 Zonen der zentralamerikanischen Metropole – und bezeichnet hier ein fiktives Bürogebäude in der gehobenen Zona 14. Von Angestellten, Angehörigen der Mittelklasse, deren Arbeit auf die Anschaffung des neuen Volkswagens abzielt, auf gesellschaftlichen Aufstieg innerhalb eines materiell, am Wert bestimmter Markenprodukte bemessenen Codesystems, handeln die Gedichte des ersten Teils, die optisch aus Büroeinheiten bestehenden Hochhäusern gleichen. Selbst die Schmerzkiller nach Büroschluß („ein schönes kühles Budweiser“) tragen Markennamen.

Anders als der Taxifahrer aus Taxi ¡Crush!, der die Musik hinnimmt, die das Radio ihm anbietet, unterscheiden die Büroangestellten bei der Arbeitsplatzbeschallung zwischen gutem und schlechtem Geschmack, „Reggaeton-Scheiße“ und „Bands mit Klasse“. Arzú zeichnet den Büromenschen als Spielball seines Statusdenkens, seiner von ungenannten Vordenkern übernommenen Klassifikationen, die ihm erlauben, den eigenen Mittelklasse-Status als gehoben, zumindest als über minderwertigere Geschmäcker, Einstellungen, Berufe erhaben betrachten zu dürfen.

Gedichttitel wie „Sie haben einen Blocker für die sozialen Netzwerke in den Bürocomputern installiert“ halten, was sie versprechen: die Texte analysieren zeitgenössische Arbeitsbedingungen in Versen, es geht um Angestelltenrabatte, Arbeitsgeräusche und den Blick aus der siebten Etage über die Stadt. Wird Facebook abgeschaltet, taucht der Firmenpsychologe auf und hilft zweifelnden Mitarbeitern zu Liebenswürdigkeit und Effizienz zurückzufinden. Denn die meisten Angestellten lieben ihre Arbeit nicht gerade: ihnen ist bewußt, daß sie Geldmengen generieren, die maßgeblich von wenigen anderen abgeschöpft werden. Ein anderer Titel: „Die Wanduhren in diesen Büros sind riesig, damit sie uns an den Lauf der Zeit erinnern“ scheint direkt an Charlie Chaplins Modern Times bzw. Jacques Tatis Playtime anzuschließen.

Die von Hierarchiebewußtsein und Austauschbarkeit geprägten Verhältnisse der Angestellten dienen Arzú als Ausgangskonstellationen für kurze Erzählgedichte, in denen selten Wesentlicheres passiert, als daß eine geradezu unerträgliche Grundstimmung sich immer weiter aufbläht, eine Blase aus zigtausendfacher Realität in westlichen Modefarben, über der als ständige Bedrohung eine Insolvenz dräut, die immer nur die sogenannten Mitarbeiter um ihre aus anfallenden Ratenzahlungen bestehenden Lebensentwürfe fürchten läßt, während die Bosse in gänzlich anderen Sfären zu leben scheinen.

Auf die Erzählgedichte folgen im zweiten Teil kurze zwei- bis sechszeilige, aforistische Skizzen, die an abstrakte Kunstwerke auf den Fluren von Firmengebäuden erinnern und die im ersten Teil aufgebaute Stimmung eines seiner Lebendigkeit beraubten Lebens nochmals verdichten: „Im blauen Büro / der grauen Angestellten“, „Denn im Büro finden sich Angestellte / Und in den Angestellten findet sich nichts / Arbeit, Arbeit, Arbeitsroutine / Etwas findet sich“.

Alberto Arzús Gedichte werden getragen von verallgemeinerten soziologischen Betrachtungen und Sprechweisen des Pop. Sie transportieren die Hoffnungen der Jugend, des Verliebtseins, denen die Melancholie des Vergehens und Scheiterns bereits innewohnt. Die jungen Dichter Guatemalas räumen auf ihre Weise mit der Literatur des Landes  auf. Aus der Zeit des Bürgerkriegs (1960-1996), der das Volk bis in die Gegenwart traumatisiert hat, erklingen in Arzús Gedichten lediglich die Lieder von The Smiths, The Cure oder U2. Die auftretenden Gestalten scheinen ihrer Wurzeln beraubte, unter globalen Prämissen lebende Weltbürger, die in kurzen lyrischen Strichen mithilfe von New Wave-Songs und europäischen Traumautos vor einer unbestimmten Situation flüchten, in der sie zugleich alptraumhaft auf der Stelle treten. In Alberto Arzús Gedichten finden sich Schnittmengen zu meinen Beobachtungen des urbanen Guatemalas, wie es sich in der Hauptstadt und teilweise in Quetzaltenango abspielt. Trotz einigermaßen stabiler Wirtschaftslage ist allenthalben Desillusionierung spürbar; dafür sprechen die Gesichter der Menschen, die insbesondere in den Straßen der Hauptstadt von Plakaten und Graffiti mit den Konterfeis Verschwundener und Ermordeter gespiegelt wirken.

Nachtrag, 08. September 2015
Von Sekretärinnen und Taxifahrern ist nun auch in der Lyrikzeitung nachzulesen.

Nachtrag, 29. Dezember 2015
Im Rahmen ihres Rückblicks auf das Lyrikjahr 2015 rebloggen die Kulturnotizen zu Kunst, Musik und Poesie den Eintrag Von Sekretärinnen und Taxifahrern heute auf ihrer Website.

Liebesbriefe

Liebesworte
beflügelten ihn;
wie Tauben schlüpften
sie aus seiner Hand,
beraubten das Herz
seiner Schläge.
Lange Silberfäden
breiteten sich aus der Luft
meine Hand zu erreichen,
und fanden ihr Nest
in meinem Herzen.
Rings um mich herum
flattern unsichtbar
die Liebesworte.

Vor einigen Monaten bemängelte Michael Gratz, Herausgeber der Lyrikzeitung, die wunderbaren Gedichte Alaíde Foppas seien bisher nicht auf Deutsch verfügbar. Mit einer Übertragung von „Cartas de amor“, der Originaltext findet sich unten, habe ich begonnen, diesem Mißstand Abhilfe zu schaffen. Vor knapp zwei Wochen hatte mir Wingston González, ein junger Dichter, von dem hier noch zu reden sein wird, in Guatemala-Stadt „mit schönen Grüßen des Verlegers“ (nämlich des Ministeriums für Kultur und Sport, in dem Wingston arbeitet) den Band „Viento de primavera“ („Frühlingswind“) übergeben: eine 2014 erschienene, gut 200-seitige Sammlung mit ausgewählten Werken der Dichterin. Vor 35 Jahren war Alaíde Foppa von mutmaßlichen Mitgliedern des Militärgeheimdienstes G-2 entführt worden und zählt seither zu den zehntausenden Verschwundenen, die Guatemala seit Beginn der Achtzigerjahre beklagt. Aus dem Großbürgertum stammend, hatte sich Alaíde Foppa für Menschen-, Gefangenen- und Frauenrechte eingesetzt. Von der gerade nachrückenden Dichtergeneration in Guatemala wird sie, soweit ich mitbekam, mit leuchtenden Augen verehrt.

Cartas de amor

Las palabras de amor
le dieron alas;
de su mano se escaparon,
como palomas,
y al corazón le robaron
sus latidos.
Largos hilos de plata
en el aire han tendido,
para llegar hasta mi mano,
y en mi propio corazón,
hallaron nido.
Hay a mi alrededor
un invisible vuelo
de palabras de amor.

P.S.: Wingston González meldet, daß es auf einem schweizerischen Chiapas-Portal vielleicht doch bereits eine Foppa-Übertragung ins Deutsche gegeben habe. Tatsächlich findet sich dort ein von Gabriele Thomas übersetzter Brief von Subcomandante Marcos von Januar 2005, dem ein Zitat aus dem Zyklus „La sin ventura“ („Die Glücklose“) als Motto voransteht. Dabei handelt es sich allerdings nicht um ein komplettes Foppa-Gedicht, sondern um einen kurzen Ausschnitt eines mehrseitigen Textes.

Die Maya-Dichtung von Pascual Felipe Tz’ikin

tz'ikin_palabras de pajaroAuf dem internationalen Poesiefestival von Aguacatán habe ich mit Pascual Felipe Tz’ikin einen jungen Mayadichter kennengelernt, der seine Texte ursprünglich auf Tujaal (zumeist bekannt als Sakapultekisch), einer in der guatemaltekischen Region El Quiché gesprochenen Mayasprache verfaßt und selbst, „roh“ wie er sagt, ins Spanische überträgt. Die Sprecherzahl des Tujaal-Maya hat in den letzten Jahren so stark abgenommen, daß der Sprachbestand gefährdet ist. (1)

Pascuals Gedichte erscheinen bei Caféina Editores („Koffeinverlag“) in Aguacatán, einem Kleinverlag aus der Provinz, der landesweit beachtet wird, seit derartige Publikationen einen Leerraum erschlossen. (2) Als Dichter nennt er sich Kaypa‘ („Blitz“), bzw. Kaypa‘ Tz’ikin, eine Kombination, die unterschiedlich nuancierte Bedeutungen besitzt, etwa Blitzvogel, Blitzender Quetzal, Gefiederte Feuerschlange oder Feueradler. Tz’ikin, die Vogelkomponente des Namens, geht direkt auf seine Vorfahren zurück, eine Ahnenlinie, die seit mehr als 500 Jahren andauert. Kaypa‘, die Blitzkomponente, korrespondiert bei den Tujaal-Maya mit verschiedenen Nahualen (3) wie dem Quetzal oder dem Obsidian.

Mitte Juli feierte Pascuals Band “Rich’ab’al Tz’ikin / Palabras de Pájaro” („Vogelworte“) Premiere. In der Originalsprache performt sind die Gedichte ein unvergleichliches Erlebnis, der Vortrag erinnert an schamanische Besprechungen, die Tujaal-Laute knallen und prasseln wie Feuer, sie hecheln und stutzen, als hielten sie Ausschau, stürzen dann wieder voran, letztlich entführen sie in psychedelische Gefilde, das heißt, und dafür braucht es nicht die geringsten Tujaal-Kenntnisse, in eine andere, intensive Geistesverfaßtheit. Beim Zuhören fühlte ich mich, als wäre von Seiten der Bühne plötzlich ein Wackelkontakt zum Gemurmel uralter Wesenheiten entstanden. Pascual inszeniert einzelne Gedichte auch als Dialog mit seiner Stimme vom Band zu selbsteingespielter Musik und als Handpuppe fungierender Jaguarmaske – Text, der in Tanz übergeht: eines der magischsten Spoken Word-Momente meines Lebens, das mich technisch gesehen an frühe eigene Experimente mit Tapezuspielungen erinnerte.

Der Blitz und der Jaguar umkreisen sich im Dialog. Salón Don Bosco, Aguacatán, Juli 2015

Der Blitz und der Jaguar umkreisen sich im Dialog (Salón Don Bosco, Aguacatán, Juli 2015)

Pascual schreibt: „Das im Dialog und Tanz mit dem Jaguar diskutierte Thema lautet Qakik’el („Unser Blut“):

Elqera’aj ripetikwa’ ajertaq tziij
ela’ kiya’mka’n qate’t qamaam

Elqera’aj nem rik’aslemaal
Keq’axwa’ k’eytaq tun
Keq’axwa’ k’eytaq baktun

Elqera’aj xa’ junam rik’iin jun kaypa´
Kirtzij qab’eey
Chipam nemtaq aqo’m
Kirtzij qab’eeyChipam nemtaq aq’ab’

elqera’aj k’aslek paqanima’
k’aslek paqano’jb’al
k’aslek paqakike’l

Elqera’aj xa’ junam rik’iin jun saqarb’al
Re ajertaq tziij

Keq’axwa’ k’eytaq tun
Keq’axwa’ k’eytaq baktun
Elqera’aj kichupstajtwa’ riwach (4)

Der Text handelt von der Mayakultur, der alten Weisheit, vom Mais, unserem Land, unserem Volk, von Kämpfen, Widerstand, von der Erinnerung. Es handelt sich um einen Dialog zwischen den Generationen, zwischen Tag und Nacht, Licht und Finsternis, über Ergänzung, mit dem Kosmos, mit dem Herzen des Himmels und dem Herzen der Erde, eine Zeitreise…“ Das Jaguarmotiv ist dabei ein in der Mayakultur zentrales. Bekannt als Balam, repräsentiert der Jaguar, der in Guatemala heute noch wild vorkommt, die Ambivalenz von Licht und Dunkelheit und ist Gegenstand praktisch jeder künstlerischen Ausdrucksform, von der Keramik über Malerei und Skulptur hin zum auf der Bühne vorgetragenen Gedicht.

Pascual sagt, er orientiere sich bei seinen Auftritten an der Tradition der alten Erzählmeister, „ajtziij“ oder „ajtok“ genannt; anstatt deren Formen der mündlichen Überlieferung eins zu eins zu kopieren, modernisiere er deren Verfahren. Die immergleichen alten Geschichten wolle er nicht nacherzählen. Sie dienten ihm jedoch als Ausgangsstoffe, auf deren Basis er neue Texte und Ausdrucksformen schaffe. Unter diesen Ansatz fallen auch Auftritte mit seiner Musikgruppe „Tujaal Rock“. (Hier geht es zum vollständigen zweiten Album der Truppe auf Soundcloud, inklusive einer musikalischen Umsetzung von Qakik’el.)

Nachdem wir beide auf der Bühne gestanden hatten, reichte Pascual seine Tujaal-Gedichte an mich weiter und grinste: “Los, lies mal vor!” Ich versuchte, seine Aussprache und seinen Rhythmus zu imitieren und als ich geendet hatte, urteilte er: “Nicht schlecht!” Dann las er den Text nochmal selber, und ich entdeckte, daß ich auf acht Zeilen rund hundert Fehler begangen hatte. Zu der Tatsache, daß einige Buchstaben in Mayasprachen anders als im Deutschen oder Spanischen ausgesprochen werden, kommen die schnalzenden, klickenden Gaumenlaute. Die wiederum schien Pascual in meinem Bühnenvortrag aufgespürt zu haben. Von allen, die er es in meiner Gegenwart versuchen ließ, vermochte ich der korrekten Tujaal-Aussprache angeblich am ehesten beizukommen. Mein rachenlastiges Deutsch ähnele ziemlich seinem Tujaal, meinte Pascual.

Die „Vogelworte“ bestehen aus Anrufungen der Weiblichkeit, Natur, zugleich des Gedächtnisses des Tujaal-Volkes, Formeln zur Vergegenwärtigung der Naturkreisläufe. Ins Spanische übertragen verlieren sie an Magie: die urtümlich tönenden, energiegeladenen Lautfolgen verschwinden zugunsten bekannt erscheinender, schlichter Floskeln. Im Original jedoch klingen die Gedichte nach selbstbewußter Traurigkeit wie aus den Tiefen der Bäume, der Berge, des Windes und des Feuers entstanden, die ihre Schönheit ausstellen, indem sie sich ihrer Gegenwart und Vergangenheit vergewissern und sich selbst zu beschwören scheinen wie ich es ähnlich bisher nur aus den sursilvanischen Texten (einer ebenfalls bedrohten Sprache) des vor einigen Monaten verstorbenen Vic Hendry kannte.

***

(1)
Knapp unter 7.000 Tujaal-Sprecher zählte die UNESCO in einer Erhebung im Jahr 2009. Gleichzeitig belaufen sich ihre Schätzungen auf mehr als 20.000 Sprecher noch in den 90er-Jahren, was einen rapiden, heftigen Schnitt bedeuten würde, der mit erheblichen Migrationsbewegungen in die Städte bzw. die Vereinigten Staaten in Verbindung gesetzt wird. Auch das guatemaltekische Bildungsmodell, das normalerweise Spanisch als einzige Unterrichtssprache vorsieht, unterhöhle den Tujaal-Gebrauch, hinzu käme der (nicht näher ausgeführte) Rassismus und die Diskriminierung in den Massenmedien. Unter den derzeit noch 23 Minderheitensprachen Guatemalas (22 Mayasprachen und das karibische Garífuna) betrug der Tujaal-Sprecheranteil bei der Zählung lediglich 0,22 Prozent. Die UNESCO stuft die Sprache seitdem als gefährdet ein.

(2)
Laufende Bemühungen um ein Interview zur dezentralen Kleinverlagsszene in Guatemala mit Pascuals Verleger Rudy Alfonzo Gómez Rivas, zugleich Festivaldirektor in Aguacatán, gestalten sich über die transatlantische Distanz bis tief ins guatemaltekische Hinterland derzeit schwierig.

(3)
Zum insbesondere für Europäer faszinierenden Thema Nahual erklärte Pascual im persönlichen Gespräch, daß es wesentlich komplexer sei, als was ich darüber gelesen hätte – und was ich gelesen hätte, sei teilweise nicht zutreffend. Auf Nachfrage schickte er diese bündige Erklärung, nicht von ihm selbst verfaßt, der er jedoch zuzustimmen scheint: „Nahual bedeutet Energie, Geist oder Kraft der Wesen und Elemente der Natur. Nahuale fungieren als Repräsentanten der Elemente selbst, wie Sonne, Mond, Regen, Luft, Pflanzen oder Tiere, denn im Mayadenken ist alles belebt. Darüberhinaus besitzt in der Maya-Weltsicht jeder Mensch ein Nahual, das ihn identifiziert und mit der Natur verbindet: es begünstigt die Harmonie und das existentielle Gleichgewicht des Menschen mit seiner Umgebung. Desweiteren fördert es den Respekt und eine sinnvolle Nutzung der natürlichen Ressourcen, um zukünftige Existenzen zu ermöglichen.“ Jedes der 20 Nahuale repräsentiert einen der 20 Kalendertage des Tzolkin-Kalenders, dabei bleiben sie alle untereinander verbunden, als Teil eines Ganzen, des Kosmos.

(4)
Das unsere handelt von einer uralten Liebe
mit der Geschichte gereift

Das unsere geht wie Herzschlag
Jahre und Zeitalter verstreichen
Das unsere sprießt stets von neuem

Das unsere ist wie der Blitz
unsere leuchtenden Hoffnungen
in dunkelster Nacht
Das unsere sprießt stets von neuem
und erblüht

Das unsere schlägt in jedem Herz
jedem Gedanken
jedem Seufzer

Das unsere ist ein uraltes
Morgengrauen

Jahre vergehen
Zeitalter vergehen
Das unsere bleibt

(Ich habe die spanische Rohübertragung von Pascual Tz’ikin dieser vermutlich ersten Übertragung eines Tujaal-Gedichts ins Deutsche zugrunde gelegt.)