Lyrik-Pegel

Mosaikstein-Meldungen und Florilegium zu Gedichtvorkommen im öffentlichen Realraum, elektronisch geharkt, kommentiert aufbereitet und mit Dank an alle Zuträgerinnen der Zukunft überlassen:

Köln
– In Mauenheim stieß ich im Januar erstmals in Köln auf ein anonym verfasstes Wandgedicht. Das Gedicht setzt sich ums Mauereck als Gemälde fort und erinnert darin an lateinamerikanische Murals, der applizierte Text wiederum an modernes christlich-ökumenisches Liedgut.

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– An einem Pfeiler des Nippeser Tadsch Mahals ist neuerdings eine fest angebrachte Kachel mit Benzinstift-Versen von Mascha Kaléko zu begutachten. nippes_lyrik im öffentlichen raum_2a

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Brno
– Klára Hůrková schickt Fotos aus Brno, der zweitgrößten Stadt Tschechiens, in der Lyrik im öffentlichen Raum häufiger zu entdecken sei als in der Hauptstadt Prag.

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Brunnen mit Zeilen von Jan Skácel (Bild: Klára Hůrková)

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Tafel mit datiertem melancholischen Bummel von Ivan Blatný (Bild: Klára Hůrková)

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Berlin
– Zu einer Debatte, deren öffentliches Ausmaß zuletzt Gedichte von Günter Grass und Jan Böhmermann erreicht hatten, führte der halböffentlich angebrachte Text avenidas von Eugen Gomringer an der Alice Salomon Hochschule. Anders als Grass‘ reichlich unpoetische, mit Israel-Bashing abgemischte Weltuntergangswarnung Was gesagt werden muss und Böhmermanns als Satire-Grenzerfahrung eingekleidete Knittelvers-Schmähkritik am türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdoğan, die immerhin zur Abschaffung des vor dem Gleichheitsgedanken absurden Straftatbestands „Beleidigung ausländischer Staatsmänner“ (Paragraf 103) führte, kommt das Gomringer-Gedicht gänzlich ohne Angriffe auf Staaten oder Personen aus.
Besonders im Fall avenidas ist neben der fysischen Präsenz des Gedichts auch das geweitete Spannungsfeld der Debatte, das ein Text zu produzieren vermochte, der lediglich vier Begriffe in spanischer Sprache: „avenidas“ (Alleen), „flores“ (Blumen/Blüten), „mujeres“ (Frauen) und „un admirador“ (ein Bewunderer) mithilfe des Bindeworts „y“ (und) in wechselnden Konstellationen aufschüttelt.
Das Gedicht, ein Stück konkrete Poesie mit Entstehungsjahr 1951, gelangte zunächst weniger anlässlich seiner Anbringung an der Hochschule im Rahmen eines Poetikpreises in den Fokus der Öffentlichkeit, als vielmehr durch Anwürfe seitens des AStA, dass es sich um einen sexistischen Text handle, dessen Präsenz Studierenden Unwohlsein bereite, weswegen er entfernt gehöre.
Mir erweckten die Zeilen beim ersten Lesen (das in Mexiko stattfand) die Vorstellung eines Bohème- eher als eines sonstigen Kontexts: auf einer wahrscheinlich lateinamerikanischen Prachtstraße, einer Flaniermeile mit Baumblüte oder städtischen Blumenarrangements, fallen in den Blick des männlichen Müßiggängers (womöglich der Dichter selbst) nebst Asfalt und Blüten spazierende Frauen, ein Gesamtpaket, das dem Betrachter Wohlgefallen bereitet (ähnlich wie es mir in Oaxaca just beim Morgenspaziergang ergangen war, bevor ich die avenidas-Nachricht im Netz aufrief). Die Zeilen gehörten in meiner Vorstellung zudem leicht oberhalb einer solchen Straßenszene angebracht, ähnlich wie auf der Hochschulwand tatsächlich der Fall, sodass die enthaltenen Subjekte sich selbst darin entdecken und verorten könnten.
Der AStA vertrat eine andere, bissigere Lesart: von im öffentlichen Raum im männlichen Auge zu Objekten degradierten Frauen, die Blüte als mittelalterlich-stereotypes Beiwerk für Frauen. Eine Sichtweise, die ungefähr im selben Maße das Gedicht zugunsten der eigenen Vorbehalte ausbeutet wie meine erste.
Denn gegen beide Sichtweisen stehen die Fakten des überaus reduzierten Textes. Gerade seine massive Reduktion reizt in der weltanschaulichen Umbruchfase des Genderdiskurses zu Interpretationen, die über das Begründbare hinausgehen. Wer das Gedicht als Kampfmittel einsetzt, richtet die Waffe gegen sich selbst: in dieser Erkenntnis mag sein eigentlicher, verspätet und bereits angestaubt erlangter historischer Wert liegen, wenngleich keine Seele dadurch gerettet werden wird.

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Schweiz
– Meine einzige Erinnerung an Lyrik im öffentlichen Raum der Schweiz habe ich nicht fotografisch dokumentiert. Es handelte sich um in weißer Wandfarbe auf dunkel-verwitterte Holzfassaden angepinselte Verse auf Sursilvan, der romanischen Sprache des Vorderrheintals. In der ländlich-bäuerlichen Umgebung ein überraschender Anblick, der insbesondere bei Schnee eine landschaftseingepasste Ästhetik transportiert.
– Aus Genève schickt Heike Fiedler Bilder ihrer Fensterladen-Installation mémoire collective et cetera aus dem vergangenen Jahr. Eine Vorgängerversion existiert bei Vimeo als Spoken Word-Film dissens dissonanz – livre à ciel ouvert.

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Klappbares Wohnhausgedicht (Bild: Heike Fiedler)

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Italien
Von Heike Fiedler stammt auch der Hinweis auf Carlo Belloli, einen in Deutschland kaum bekannten Futuristen und Pionier räumlicher Poesie: „Im Jahr 1944 legt der Italiener Carlo Belloli mit seinen testi-poemi murali erstmals an, was zehn Jahre später von der konkreten Poesie systematisch weitergeführt wird: die Berücksichtigung des Raumes als semiotische Struktur und die Konzentration auf das einzelne Wort. Belloli beschriftet die Mauern seiner Stadt und versetzt durch diese Art von poesia visuale die Schrift aus ihrem gewohnten Umfeld des Buches oder beschriebenen (bedruckten) Blattes hinaus in den unmittelbaren Lebensraum. Für den Schriftsteller bedeutet der neue Schreibuntergrund die Herausarbeitung anderer Arten schriftlicher Darstellung. Belloli setzt sich in den folgenden Jahren von der zwischenzeitlich aktuell gewordenen konkreten Dichtung ab, da er in ihr nur noch auf die Form reduzierte Ergebnisse sieht, die seiner Meinung nach nicht mehr den Anspruch auf Poesie erheben dürfen.“

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