Salina Cruz: Was bleibt ist das Verschwinden

Ensenada de la Ventosa lautet der Name einer Bucht hinter den östlichen Hügeln der mexikanischen Hafenstadt Salina Cruz. Von La Ventosa soll Arthur Cravan vor den Augen seiner schwangeren Frau Mina Loy mit einem leck erworbenen und selbst reparierten Boot auf den Pazifik aufgebrochen und für immer am Horizont verschwunden sein. Das war vor 99 Jahren. Über meine Verknüpfung mit Cravan hatte ich bereits an dieser Stelle geschrieben.

Nachts kommt der Cadejo, um dich zu beschützen oder zu töten: Mural in Salina Cruz

Der Bus von Tuxtla Gutiérrez nach Salina Cruz windet sich durch blassgrüne Sierra Madre, zeigt Hollywoodfilme im Bordfernsehen, taucht schließlich schlafwandlerisch hin und her unter den verschwommenen Oberflächen einer viel zu heißen Nacht. Bebenzerstört wabert und schummert die Stadt Juchitán de Zaragoza bei der Durchfahrt im Dunkeln: ein trüber Schemen. Angelangt in Salina Cruz, in der Literatur da und dort als Weltende beschrieben, klappere ich eine ganze Reihe Hotels ab. Keines möchte mir Unterkunft gewähren. Aufgrund der Erdbebenschäden – mit der Raffinerie musste der größte Arbeitgeber stillgelegt werden – sei die Stadt überfüllt mit auswärtigen Hilfskräften und Experten. Aufgeweicht von einem Zehntagesfieber aus den Bergen beratschlage ich auf der Straße mit meinem Fieber-Ich, was zu tun sei. Die Stadt sirrt vor irregeleiteter Elektrizität und fremden Augenpaaren. Just in einer ausladenden Schlaufe besten Leerlaufs im Schädel erscheint aus der Mitte der Nacht zu schlagartig entspannter Zikadenmusik ein Rezeptionist, der mich zuvor abgewiesen hatte und meint, wie gut, dass er mich aufgetrieben hätte, denn er habe in den Tiefen seines Hotels doch noch ein bisher unbekanntes, leerstehendes Zimmer entdecken können. Es müffelt und besitzt keine Klimaanlage. Die Allianz aus nächtlicher Hitze und gestauter Zimmerluft besiegt schließlich in hartem Ringen das Fieber, das mir zuletzt in Tuxtla heftig in die Beine getreten hatte.

Die Bucht von La Ventosa experimentiert mit Farben vergangener Jahrzehnte

Am Morgen fahre ich mit dem Colectivo zum Strand von La Ventosa. In Mexiko herrschen Puffertage zwischen dreitägiger Staatstrauer und den Unabhängigkeitsfeiern. Düfte röstender Tortillas und getrockneter Fische verhängen das Zentrum, angereichert mit Chili- und Koriandernoten. Am Markt und am Strand gehen die Dinge ihren Gang. Den Strand beschließt eine Lagune, hinter der die Erdöl-Raffinerie des Staatskonzerns PEMEX sich ausbreitet wie eine Kulissenstadt aus dem Star Trek-Universum. In der Bucht landen Fischer Mantas an und sind zu beschäftigt, meine Grüße zu erwidern. Mehr als das: sie schauen überaus finster drein und ignorieren mich komplett. Vielleicht leben sie in einer anderen Dimension und können mich deswegen weder hören noch sehen. Ansonsten ist niemand zugegen. Außer zwei Hunden. Und mir. Ich laufe den Strand auf und ab und denke: aha, und soso, und hier also. Nach einiger Zeit gewinnt der Ort an Größe und Traurigkeit. Ein mit sich selbst fremdelndes Jahrhundert scheint sich in diesem Abseits zu verdichten, zu überlagern, in schwächlichen Brisen im Kreis zu wandern. Viel gibt es nicht von sich preis, doch lässt sich sehr leicht vorstellen, an welcher Stelle Mina Loy schwanger am Lagerfeuer gesessen haben mochte, einen Oktopus am Spieß garend, an einer Horchata nippend, die Nacht durchwachend, voll böser Ahnung, nachdem ihr Mann über den Horizont gesegelt war.

Mina Loys Lippen materialisieren sich für einen flüchtigen Moment. Sie bleiben stumm

Nach einiger Zeit suche ich, um Schatten zu genießen, die verlassene Strandbar auf. So verlassen ist sie dann doch nicht. Aus dem Off erscheint, mich anpfeifend, der Besitzer, und bringt eine kühle Kokosnuss. Hernán Cortés sei einst vorbeigekommen, das Meer käme seit 40 Jahren ständig näher (er verweist auf alte, von der Flut verschluckte Strandlinien), eine Ölpest habe es gegeben, französische Gringos, die dachten, dass sie keine Gringos seien, die Rettung eines gestrandeten Wals, die es auf Youtube gebracht habe und ein bis heute gern erinnertes Aufsehen, weil eine Italienerin gemeint habe, hier (der Mann weist auf die ungefähre Stelle) ein Nacktbad nehmen zu müssen – das sei die komplette Geschichte der Bucht, von einem Dichter sei nichts bekannt. Ob ich keine Angst habe (Beben, Tsunami), er habe keine Angst. So endet meine Pilgerfahrt nach La Ventosa in Smalltalk mit der einzig verfügbaren Person. Während ich darüber nachdenke, was das zu bedeuten habe, erscheinen Fregattvögel und Rabengeier, um die Manta-Eingeweide in Augenschein zu nehmen, exakt hinter der Brandungslinie landen vornehm 13 Pelikane. Von meiner Stirn tropft Schweiß ins Notizbuch. Der Horizont kleidet sich in Banderolen. Das pazifische Rauschen. Das pazifische Blau.

la muerte

Ungefähr zwei Drittel aller Murals in Salina Cruz thematisieren den Tod

Am Nachmittag schlendere ich zur Städtischen Bibliothek, einem der beeindruckendsten Gebäude der von Hügeln umgrenzten Stadt. Vielleicht lassen sich dort Anhaltspunkte finden, existiert im Idealfall gar ein kleines Cravan-Regal. Vor der Bibliothek wacht eine unfassbar schöne Polizistin, und meint, ich dürfe das Gebäude nicht betreten, wegen Einsturzgefahr. Damit hatte ich nicht gerechnet. Nicht mit der überirdischen Ausstrahlung einer Frau in Uniform, nicht mit einem dermaßen tief in meine Psyche dringenden Lächeln. Die Verwirrung reicht so weit, dass jeder Gedanke an das Normale, nämlich sie zu schmieren oder einen bedeutenden Besucher zu markieren (oder beides), außer Kraft gesetzt wird. Erst Stunden und Tage später, hinter den Stadtgrenzen, sprich: viel zu spät, wird ein Gewitter derartige Lösungen wieder auf meinen inneren Schirm spülen. Auf diese Weise versiegt auch meine zweite Spur (falls in der Bibliothek Spuren aufzutreiben gewesen wären): neue Fakten über Cravans Verschwinden sind vor Ort zu diesem Zeitpunkt nicht aufzutreiben. Entweder sind sie tatsächlich inexistent oder sie schützen sich mit durchschaubaren, aber effektiven Tricks vor ihrer Entdeckung.

eine bunte geschichte vom verschwinden

Im Ansatz bunte, kühne, mehrschichtige Geschichte vom Verschwinden

Weil keine dritte Spur zur Hand ist, marschiere ich durchs Stadtzentrum voller Staub und Hitze und Schutt. Straße auf, Straße ab, mit ihren handgemalten Straßenschildern. Das ganze im Karree und sobald ich damit fertig bin, beginne ich wieder von vorne. Die Menschen wirken perspektivlos-freundlich. Machistisch regieren Hitze und Staub, mit der Absicht und dem Potential, absolute Gleichgültigkeit zu erzeugen. Ich setze mich in ein Fischrestaurant und denke, soweit man das Denken nennen kann, über mögliche Unterschiede zwischen den Zuständen des Vegetierens und des Nirwanas nach. Und darüber, dass Salina Cruz der perfekte Ort sei, der eigenen Zerrüttung zuzuschauen und/oder in einer fiebrig-spinnerten Aktion verschütt zu gehen. Das Ende der Welt kurz vor deren Umkippen ins pazifische Blau, das sich aus allen bekannten und unbekannten Blautönen zusammensetzt, womöglich gleichzusetzen mit dem anderen Blau, von dem Rolf Dieter Brinkmann geschrieben hat und das von Köln aus erreichbar sein muss.

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San Pedro La Laguna

Farbenschnarchen: La nariz (die Nase), einer der Gipfel über dem Atitlánsee, kann, samt seiner Abhänge, als Gesicht eines schlafenden Maya-Mannes interpretiert werden

Farbenschnarchen: La nariz (die Nase), einer der Gipfel über dem Atitlánsee, kann, samt seiner Abhänge, als Profil eines schlafenden Maya-Mannes interpretiert werden

San Pedro war der touristischste Ort, den ich auf meiner Hochlandreise zu Gesicht bekam. Die Uferstraße zwischen den Linienbootanlegern ist gesäumt von Hotels, Restaurants und Bespaßungsagenturen für Backpacker, die im zehn Fußminuten hügelan gelegenen Zentrum mit Kirchen, Markt und normalem Kleinstadtalltag kaum anzutreffen sind. Mein Hotel mit Blick Richtung Sonnenaufgang lag ein wenig abseits, ein gepflegt-wilder Garten bot Avocados, Bananen, Zitrus- und Nancefrüchte, die Hibisken zogen Kolibris an, die dichteren Büsche und Palmen unsichtbare Vögel, die wie Türen knarrten oder Geräusche von Plastikspielzeug imitierten. In die Zimmer eindringende Skorpione kommentierte der Manager mit einem herzhaften: „Keine Sorge, Tiere berechnen wir nicht extra.“

Die Nummer 9 beobachtet das Geschehen kurzzeitig vom linken Flügel

Die Nummer 9 beobachtet das Geschehen kurzzeitig vom linken Flügel

Vögel vermeinte ich auch in der Stadt pfeifen zu hören, bis ich entdeckte, daß es sich um Ladenbesitzer handelte, die mit langgezogenen Papageienrufen auf ihre Geschäfte aufmerksam machten. Wieder ein Ladeninhaber stellte vor seiner Tür ein Mikrofon auf und sang zu Konservenbegleitung gefühlige Schlager. Häufig saßen oder standen Menschengruppen beisammen, solch kurzfristige, sich schnell wieder auflösende Events zu betrachten oder um einfach im Schatten zu verschnaufen.

Maismenschen: nach dem Popol Vuh, dem Heiligen Buch der Maya, sind die Menschen nach einigen Fehlversuchen mit anderen Materialien aus Mais entstanden, der zugleich Hauptnahrungsmittel der Maya ist und "soviele Farben aufweisen kann wie die menschliche Haut"

Maismenschen: nach dem Popol Vuh, dem Heiligen Buch der Maya, schufen die Götter die Menschen (nach einigen Fehlversuchen mit anderen Materialien) aus Mais, der zugleich als Hauptnahrungsmittel dient und „soviele Farben aufweisen kann wie die menschliche Haut“

In San Pedro finden sich diverse Shops und Werkstätten, die von oben bis unten mit knalligen Ölgemälden vollgestopft sind, ein chromatischer Overkill. Die Bilder erinnern in Motivik und Rhythmik an naive Bauernmalerei europäischen Stils, nur daß die Kompositionen, klimatisch und gesellschaftlich bedingt, dichter und farbintensiver daherkommen. Mehrere Werkstätten lehren die Maltechnik in Schnellkursen.

Vermutlich der schönste Arbeitsplatz San Pedros: luftiges Rundkuppelstudio mit Blick auf die Stadt und den Erdkreis

Vermutlich der schönste Arbeitsplatz San Pedros: luftiges Rundkuppelstudio mit grandiosen Ausblicken auf die Stadt und den Erdkreis

Eines der auffälligsten Gebäude ist die baptistische Kirche. Ihre Außentreppe führt über drei Etagen zur Kuppel, von der sich fantastische Ausblicke ergeben. Durch ein Fenster erblicke ich im Kuppelinneren einen Mann, der sich an Geräten zu schaffen macht, die mir verdächtig bekannt vorkommen: „Hallo, hast du hier oben etwa eine Radiostation?“ DJ Hernán bejaht erfreut, winkt mich ins Studio, bietet mir einen Stuhl und hilft, die Fenster in verschiedenen Konstellationen für meine Fotos zu öffnen. Nach Beendigung der Aufnahmen setzen wir uns und quatschen. Die aktuelle Sendung geht offenbar problemlos ohne ihren DJ über den Äther.

Schwarzwälder Kirschtorte mit Erdbeeren, Stacheldraht

Schwarzwälder Kirschtorte mit Erdbeeren, Stacheldraht

Typisch für Guatemala sind die Tortillas, die mit einem sehr eigenen Geräusch, einem leisen Klap-klap-klap, aus schlichtem Maisteig zu handtellergroßen Fladen geformt und dann geröstet werden. Allerorten stieß ich auch auf die Selva Negra, eine guatemaltekische Version der Schwarzwälder Kirschtorte, die ohne Kirschen auskommt, welche manchmal durch Erdbeeren ersetzt werden. Typisch für Guatemala ist allemal der Stacheldraht, insbesondere, wenn er zusätzlich unter Strom steht. Mit diesem Foto ist es mir gelungen, gleich zwei der landestypischen Merkmale auf einen Schlag einzufangen.