Street Art in Oaxaca de Juárez

runen

Menetekel

Pixaçãos stammen ursprünglich aus São Paulo. Die runenartigen, oft mannshohen Schriftzüge lehnen sich an Heavy Metal-Typografie an. Als Signets lokaler Gangkultur werden sie häufig unter lebensgefährlichen Umständen auf Hochhäusern angebracht. Anders dieses Graffito im Pixação-Stil in Oaxaca de Juárez. Es findet sich in der touristisch frequentierten Fußgängerzone nahe des Santo Domingo-Ensembles. Das Werk überzieht eine komplette Hausfront und macht einen legalen Eindruck. Dafür spricht sowohl die exakte Abdeckung der Wand, als auch die präzise Ausführung der Lettern. Eher illegal wirken Relikte zweier weiterer Street Art-Styles: Scherenschnitte sah ich überall im Süden Mexikos als populäres (offizielles) Ausdrucksmittel, mit Schraffuren arbeitende, als Druckwerke angekleisterte Schwarzweißformate hingegen nur in Oaxaca.

teppichschieler

Mit Teppichen verhängtes ASARO-Werk auf der Außenwand eines Webereiprodukte-Ladens

schwarzweißschnitt mit gitter

Festzug der Landarbeiter ins Gefängnis

Sie gehen zurück auf die Versammlung der Revolutionären Künstler von Oaxaca, kurz ASARO (Asamblea de Artistas Revolucionarios de Oaxaca), ein Künstlerkollektiv, das sich vor elf Jahren gründete. ASARO-Werke sind seither unübersehbares Merkmal des Gesichts der Innenstadt. Sie beschäftigen sich mit sozialen und politischen Themen, häufig mit dem Landleben in der Sierra Madre und indianischer Kultur. Ihre Positionierung im Zentrum zielt auf Touristen ab, die Altstadt von Oaxaca zählt zum UNESCO-Weltkulturerbe. Die in den Straßen plakatierten Werke, Holzschnitte, deren stilistische Einheitlichkeit bzw. Nähe die Zuschreibung zu ASARO auch ohne Signatur ermöglicht, zielen bewusst auf Kurzlebigkeit. Auf diese Weise wechseln die im öffentlichen Raum gezeigten Motive ständig. In Werkstattläden stehen die Drucke auch zum Verkauf.

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Der Tod ist ein Radfahrer und Passanten tragen stets Sorge, ihre Kleidung mit der Umgebung abzustimmen

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Madre Tierra-Motiv aus der indianischen Weltanschauung

Oaxacenisches Rapunzel

Rascher Verfall ist ein Generalmerkmal von Street Art. Rätselhaft bleibt die Aussage dieses Werks in einem der Barrios auf den Hügeln. Zopfquirl und Unterarme des Mädchens scheinen sich in Pflanzen oder Wellen zu verwandeln oder sie herzustellen. Ist der käsige kleine Bienenmann (bzw. Stauneengel) Teil des Werks oder durch Zufall vom Wetter freigelegt worden? Liegt dem Wandgemälde ein lokaler oder regionaler Mythos zugrunde? Oder soll lediglich einmal mehr Bretons Diktum von Mexiko als dem Land des Surrealismus bildhaften Ausdruck gefunden haben?

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Oaxaca de Juárez: Mezcal, Gedichte und der Tod

Agavenfarben

An einem bodenständig-raffinierten Mezcal wie dem Papalométl aus der Schmetterlingsagave, der in irdenen Töpfen destilliert und in rindsledernen Schläuchen aufbewahrt überaus eigentümliche Aromen schlammig-scharfkantiger Bergwelten entwickelt, schärft sich auch das Verständnis für die agavenartigen Rhythmen der Stadt. Da ist z.B. dieser ausgemergelte, halbnackte, verfilzte Kerl, der in der Rush Hour stieren Blicks auf der überlasteten Kreuzung hin- und herstolpert und, als praktiziere er zeitgleich Tai-Chi, verhaltene Armbewegungen ausführt. Zunächst hielt ich ihn für betrunken oder verrückt. Doch nun verstehe ich, dass er lediglich versucht, mithilfe von Agavenkraft und Telepathie die Richtungen der Straßen zu vermehren und zu verschieben, um einen reibungslosen Verkehrsablauf zu gewährleisten. Eine hehre und gefährliche Tätigkeit um Gotteslohn. Und ich, als Reisender, werde es sein, der grandiose Einfälle wie den seinen in Gedichte rettet, allein schon, weil es sonst niemand tut.

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Richtungssuche

Die Gottheit der Mezcal-Liebhaber besteht aus 400 Kaninchen. Auf Náhuatl heißen sie Centzontotochtin. Ich stelle mir ein flauschiges, wuseliges, desorientiertes Gedränge vor, eine chaotische, diffundierende Götterherde, die aber nie wirklich auseinander fällt. Darunter befindet sich mit Tlaltecayohua ein Gottkaninchen, dessen Name „Fallende Erde“ bedeutet. Acolhua ist „Der mit den Schultern“, Papáztac („Der Entnervte“) zugleich Gott des Schaumes, Tlilhua („Der schwarze Tinte hat“) vermutlich der Dichter, der das Durcheinander in Worte fasst.

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Prominenz in der Seitenstraße: Neymar Junior und Frida Kahlo

Eine saubere, aufgeräumte Stadt mit europäischen Anmutungen. Besonders auffällig: die guten Bürgersteige. Ein wenig verströmt Oaxaca die Gesetztheit und zur Folklore erhobene Langeweile meiner Karlsruher Heimat. Auf den Straßen ist ab und an Deutsch zu hören. Selbst die einfachen Leute wirken gebildet, was wiederum an Freiburg erinnert, wo beinahe jeder Hilfsarbeiter Belehrungen und Erklärungen in Schachtelsätzen abzuhalten vermag. Übers gesamte Zentrum verteilt: die Universität mit geisteswissenschaftlichen Schwerpunkten. Ausgerechnet die erste Bar, die meine Aufmerksamkeit erregt, La nueva Babel, stellt sich als Literatentreff heraus. Sie bietet Dunkelbier, Mezcal und Quesadillas mit Kürbisblüten. Abends findet ein Palomazo (mexikanische Variante der Open Mikes) statt. Im Hinterzimmer, in internationaler epikureischer Runde, bedrängt mich eine junge mexikanische Frau, Bertolt Brecht (sie spricht den Namen maschinell aus, als würde sie eine Orange entsaften), der ihr absoluter Lieblingsdichter sei, den sie aber nur auf Spanisch kenne, im Original zu rezitieren. So erreicht Joseph alias Jakob Apfelböck im Jahre 2017 die Sierra Madre.

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„Willst du Wurmsalz?“ „Ist dein Salz für oder gegen Würmer?“ „Es ist eine Mischung aus Salz und zerstoßenen Würmern. Schau wie schön rot! Das geht hervorragend zum Mezcal!“

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Blick in den Himmel

Möglich, dass ich das alles halluziniere, dass ich meinen handschriftlichen Aufzeichnungen besser nicht trauen sollte: da steht, ich hätte mitten im Zentrum Oaxacas eine Dogge gesehen, unter deren Bauch die meisten Mexikaner, so sie keinen Sombrero trügen, was selten genug vorkommt, aufrecht hindurchgehen könnten und dies auch täten, in einer Art Reigen, Achten um die Dogge beschreibend, das Unendlichkeitssymbol, das, zum Moebiusband geflochten und meditativ verfolgt, einen Ausstieg aus dem Alltag offeriert, wie es heiße: dies nachdem ich halb im Himmel auf einer von Achten beschreibenden Kellnern stark frequentierten Terrasse wegen (von einigen Kollegen gefeierten!) Magenbeschwerden Kräuterschäume verspeist hatte und Kräutergelees und Blüten, die teils mit dem Attribut „heilig“ beschrieben waren.

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Heilige Blätter

Im Bundesstaat Oaxaca sind hongos („Zauberpilze“ mit dem psychotropen Inhaltsstoff Psilocybin) deutlich präsent. In Huautla de Jiménez wurden sie 1955 von Gordon Wasson, einem amerikanischen Ethnomykologen, im Rahmen einer Session bei der mazatekischen Schamanin María Sabina für die westliche Welt entdeckt und in der Folge klassifiziert; den indigenen Bewohnern waren sie seit jeher bekannt. Das nebelverhangene Dorf San José del Pacífico in den Höhen der Sierra Madre del Sur, in der Gegend des Wolkenvolks, der Zapoteken, bietet seit geraumer Zeit einen speziellen Pilztourismus an, kombiniert mit Besuchen im temazcal (Schwitzbad). Die Einnahme der Pilze wird als viaje (Reise) beschrieben, von der, wie ich in der Hauptstadt Oaxaca de Juárez zu hören bekomme, viele Touristen nicht zurückkehrten. Entweder würden sie verrückt oder liefen tagtäglich ohne Sinn und Zweck die Berghänge auf und ab. Als Kulturbotschafter Nordrhein-Westfalens gilt es bei dieser Gelegenheit die von vielen Autoren und Künstlern genutzte europäische Kulturtechnik zu erläutern, ohne erkennbaren Zweck durch etwelche Gegenden zu flanieren(1), sowie von der Existenz in ihrer Wirkung vergleichbarer Gewächse auf unseren heimatlichen Golfplätzen zu berichten. Insbesondere deren Name, Spitzkegelige Kahlköpfe, sorgt für große Erheiterung unter der oaxacenischen Zuhörerschaft und endet in zungenbrecherischen Ausspracheversuchen.

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Drei Frauen

Mexiko, Land des Todes: für mich als Ortsfremden liegt es stets im Bereich des Möglichen, dass ich, insbesondere des Nachts, in einem unachtsamen Augenblick in einem der urbanen Löcher verschwinden könnte. Nur wenige der Löcher senden gelegentlich Warnsignale. Wird etwa die Kanalisation von Starkregen gespült, entsteht unter der Erde ein solcher Druck, dass Wasserfontänen an die Oberfläche drängen. Ein paar solcher Fontänen habe ich mit eigenen Augen gesehen. Es soll in Chiapas eine in einem mehrere Meter tiefen Straßenloch verschwundene Frau sogar von einer heftigen Fontäne an die Oberfläche zurückgespült worden sein. Sekundenlang soll sie hilflos auf dem Gipfel der Fontäne gehangen haben, bis Passanten sie retteten.
Heute bin ich mit einer Todesart konfrontiert worden, die in meiner Vorstellungswelt bisher keinen Platz einnahm: um ein Haar wäre ich in der Nähe des Zentralmarkts zwischen einer Hauswand und einem LKW zerquetscht worden. Meine Seele hatte ich bereits einer unnatürlich verbreiterten Silhouette entfliehen sehen. Denn dank einer hiesigen Malaise leide ich aktuell unter erhöhter Wahrnehmung. So gelang rechtzeitig der wohl schnellste Rückwärtssprint meines Lebens. Auch die kleine Frau direkt hinter mir profitierte davon, denn um dem Tode zu entrinnen, musste ich zunächst sie aus dem Gefahrenwinkel schubsen. Gerettet und der Sprache für den Moment unfähig, schauten wir uns an und machten dabei Gesten des Luftherauslassens, ohne das Procedere zu übertreiben, denn der Tod (die mexikanische Spezies(2)) lauerte vermutlich schon an der nächsten Ecke auf weniger aufmerksame Opfer. Kurz darauf fielen mir die in Originalgröße an Hauswänden angebrachten Druckwerke menschlicher Silhouetten wieder ein, deren Sinn mir bis dato verborgen geblieben war.

(1) Gemeint ist la dérive, das psychogeografische Konzept der Situationisten einer ziellos-traumwandlerischen Umgebenserkundung, die sich von subjektiven Empfindungen leiten lässt.
(2) Der Chauffeur des Lasters, erzählten mir Passanten mit Einblick ins Führerhaus, habe einen wütenden Eindruck gemacht. Er hatte ein Mobiltelefon am Ohr und den Wortfetzen zufolge, die durchs offene Seitenfenster zu verstehen gewesen seien, befand er sich in einem Streitgespräch mit einer Frau namens Catrina.

Salina Cruz: Was bleibt ist das Verschwinden

Ensenada de la Ventosa lautet der Name einer Bucht hinter den östlichen Hügeln der mexikanischen Hafenstadt Salina Cruz. Von La Ventosa soll Arthur Cravan vor den Augen seiner schwangeren Frau Mina Loy mit einem leck erworbenen und selbst reparierten Boot auf den Pazifik aufgebrochen und für immer am Horizont verschwunden sein. Das war vor 99 Jahren. Über meine Verknüpfung mit Cravan hatte ich bereits an dieser Stelle geschrieben.

Nachts kommt der Cadejo, um dich zu beschützen oder zu töten: Mural in Salina Cruz

Der Bus von Tuxtla Gutiérrez nach Salina Cruz windet sich durch blassgrüne Sierra Madre, zeigt Hollywoodfilme im Bordfernsehen, taucht schließlich schlafwandlerisch hin und her unter den verschwommenen Oberflächen einer viel zu heißen Nacht. Bebenzerstört wabert und schummert die Stadt Juchitán de Zaragoza bei der Durchfahrt im Dunkeln: ein trüber Schemen. Angelangt in Salina Cruz, in der Literatur da und dort als Weltende beschrieben, klappere ich eine ganze Reihe Hotels ab. Keines möchte mir Unterkunft gewähren. Aufgrund der Erdbebenschäden – mit der Raffinerie musste der größte Arbeitgeber stillgelegt werden – sei die Stadt überfüllt mit auswärtigen Hilfskräften und Experten. Aufgeweicht von einem Zehntagesfieber aus den Bergen beratschlage ich auf der Straße mit meinem Fieber-Ich, was zu tun sei. Die Stadt sirrt vor irregeleiteter Elektrizität und fremden Augenpaaren. Just in einer ausladenden Schlaufe besten Leerlaufs im Schädel erscheint aus der Mitte der Nacht zu schlagartig entspannter Zikadenmusik ein Rezeptionist, der mich zuvor abgewiesen hatte und meint, wie gut, dass er mich aufgetrieben hätte, denn er habe in den Tiefen seines Hotels doch noch ein bisher unbekanntes, leerstehendes Zimmer entdecken können. Es müffelt und besitzt keine Klimaanlage. Die Allianz aus nächtlicher Hitze und gestauter Zimmerluft besiegt schließlich in hartem Ringen das Fieber, das mir zuletzt in Tuxtla heftig in die Beine getreten hatte.

Die Bucht von La Ventosa experimentiert mit Farben vergangener Jahrzehnte

Am Morgen fahre ich mit dem Colectivo zum Strand von La Ventosa. In Mexiko herrschen Puffertage zwischen dreitägiger Staatstrauer und den Unabhängigkeitsfeiern. Düfte röstender Tortillas und getrockneter Fische verhängen das Zentrum, angereichert mit Chili- und Koriandernoten. Am Markt und am Strand gehen die Dinge ihren Gang. Den Strand beschließt eine Lagune, hinter der die Erdöl-Raffinerie des Staatskonzerns PEMEX sich ausbreitet wie eine Kulissenstadt aus dem Star Trek-Universum. In der Bucht landen Fischer Mantas an und sind zu beschäftigt, meine Grüße zu erwidern. Mehr als das: sie schauen überaus finster drein und ignorieren mich komplett. Vielleicht leben sie in einer anderen Dimension und können mich deswegen weder hören noch sehen. Ansonsten ist niemand zugegen. Außer zwei Hunden. Und mir. Ich laufe den Strand auf und ab und denke: aha, und soso, und hier also. Nach einiger Zeit gewinnt der Ort an Größe und Traurigkeit. Ein mit sich selbst fremdelndes Jahrhundert scheint sich in diesem Abseits zu verdichten, zu überlagern, in schwächlichen Brisen im Kreis zu wandern. Viel gibt es nicht von sich preis, doch lässt sich sehr leicht vorstellen, an welcher Stelle Mina Loy schwanger am Lagerfeuer gesessen haben mochte, einen Oktopus am Spieß garend, an einer Horchata nippend, die Nacht durchwachend, voll böser Ahnung, nachdem ihr Mann über den Horizont gesegelt war.

Mina Loys Lippen materialisieren sich für einen flüchtigen Moment. Sie bleiben stumm

Nach einiger Zeit suche ich, um Schatten zu genießen, die verlassene Strandbar auf. So verlassen ist sie dann doch nicht. Aus dem Off erscheint, mich anpfeifend, der Besitzer, und bringt eine kühle Kokosnuss. Hernán Cortés sei einst vorbeigekommen, das Meer käme seit 40 Jahren ständig näher (er verweist auf alte, von der Flut verschluckte Strandlinien), eine Ölpest habe es gegeben, französische Gringos, die dachten, dass sie keine Gringos seien, die Rettung eines gestrandeten Wals, die es auf Youtube gebracht habe und ein bis heute gern erinnertes Aufsehen, weil eine Italienerin gemeint habe, hier (der Mann weist auf die ungefähre Stelle) ein Nacktbad nehmen zu müssen – das sei die komplette Geschichte der Bucht, von einem Dichter sei nichts bekannt. Ob ich keine Angst habe (Beben, Tsunami), er habe keine Angst. So endet meine Pilgerfahrt nach La Ventosa in Smalltalk mit der einzig verfügbaren Person. Während ich darüber nachdenke, was das zu bedeuten habe, erscheinen Fregattvögel und Rabengeier, um die Manta-Eingeweide in Augenschein zu nehmen, exakt hinter der Brandungslinie landen vornehm 13 Pelikane. Von meiner Stirn tropft Schweiß ins Notizbuch. Der Horizont kleidet sich in Banderolen. Das pazifische Rauschen. Das pazifische Blau.

la muerte

Ungefähr zwei Drittel aller Murals in Salina Cruz thematisieren den Tod

Am Nachmittag schlendere ich zur Städtischen Bibliothek, einem der beeindruckendsten Gebäude der von Hügeln umgrenzten Stadt. Vielleicht lassen sich dort Anhaltspunkte finden, existiert im Idealfall gar ein kleines Cravan-Regal. Vor der Bibliothek wacht eine unfassbar schöne Polizistin, und meint, ich dürfe das Gebäude nicht betreten, wegen Einsturzgefahr. Damit hatte ich nicht gerechnet. Nicht mit der überirdischen Ausstrahlung einer Frau in Uniform, nicht mit einem dermaßen tief in meine Psyche dringenden Lächeln. Die Verwirrung reicht so weit, dass jeder Gedanke an das Normale, nämlich sie zu schmieren oder einen bedeutenden Besucher zu markieren (oder beides), außer Kraft gesetzt wird. Erst Stunden und Tage später, hinter den Stadtgrenzen, sprich: viel zu spät, wird ein Gewitter derartige Lösungen wieder auf meinen inneren Schirm spülen. Auf diese Weise versiegt auch meine zweite Spur (falls in der Bibliothek Spuren aufzutreiben gewesen wären): neue Fakten über Cravans Verschwinden sind vor Ort zu diesem Zeitpunkt nicht aufzutreiben. Entweder sind sie tatsächlich inexistent oder sie schützen sich mit durchschaubaren, aber effektiven Tricks vor ihrer Entdeckung.

eine bunte geschichte vom verschwinden

Im Ansatz bunte, kühne, mehrschichtige Geschichte vom Verschwinden

Weil keine dritte Spur zur Hand ist, marschiere ich durchs Stadtzentrum voller Staub und Hitze und Schutt. Straße auf, Straße ab, mit ihren handgemalten Straßenschildern. Das ganze im Karree und sobald ich damit fertig bin, beginne ich wieder von vorne. Die Menschen wirken perspektivlos-freundlich. Machistisch regieren Hitze und Staub, mit der Absicht und dem Potential, absolute Gleichgültigkeit zu erzeugen. Ich setze mich in ein Fischrestaurant und denke, soweit man das Denken nennen kann, über mögliche Unterschiede zwischen den Zuständen des Vegetierens und des Nirwanas nach. Und darüber, dass Salina Cruz der perfekte Ort sei, der eigenen Zerrüttung zuzuschauen und/oder in einer fiebrig-spinnerten Aktion verschütt zu gehen. Das Ende der Welt kurz vor deren Umkippen ins pazifische Blau, das sich aus allen bekannten und unbekannten Blautönen zusammensetzt, womöglich gleichzusetzen mit dem anderen Blau, von dem Rolf Dieter Brinkmann geschrieben hat und das von Köln aus erreichbar sein muss.

Speedscape

Das Elztal im SchwarzwaldDas Elztal im Schwarzwald: bei durchschnittlicher Landschaftsgeschwindigkeit richten sich Wiesen und Ackerböden in separaten, solidarischen Farben, an magnetische Feldlinien erinnernd, gegen das altbekannt Ungewisse. In dieser Umgebung schwebte heute mein Vater vom Leben zum Tod hinüber.