San Juan Chamula: Der ganze Hühnerscheiß

Schnellimbiss mit Hühner- und Klauensuppe, Trockenfleisch und gebratenen Mojarras im Angebot

Bekannt ist das autonom regierte Chamula, ein kleines Dorf von weitreichendem Ruf, vor allem für seine synkretistische Kirche San Juan Bautista, in der katholische Liturgie mit Maya-Zeremonien zu einer Form der Gottesanrufung verschmelzen, die ihresgleichen sucht. Ein Vorfall im Juli vergangenen Jahres, bei dem der Bürgermeister und sein Gemeindeverwalter von einem Trupp Bewaffneter (angeblich unter Beteiligung des vorherigen Bürgermeisters) während einer Ansprache auf dem Dorfplatz vor der Kirche erschossen worden waren, lenkte erstmals mein Augenmerk auf diesen Ort. Die Presse schrieb seinerzeit von Wildwest-Szenarien. Die Chamula-Leute könnten überaus unangenehm werden, wenn ihnen etwas missfiele, die Kriminalität sei hoch, tagsüber jedoch unsichtbar; allerspätestens um 17 Uhr solle ich das Dorf wieder verlassen, lauteten in Chiapas mit Nachdruck ausgesprochene Warnungen.
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Méxicolores: Visión de la muerte

Die halbstündige Fahrt von San Cristóbal mit dem Colectivo zur Kirche von Chamula führt durch pittoreske Höhenlandschaften der Sierra Madre de Chiapas. Die Ankunft belagern Kunsthandwerk-Verkäuferinnen, behängt mit Troddelschals und Freundschaftsbändchen. Ob ich Deutscher sei? Auf meine Bestätigung folgt postwendend die unerwartete Entgegnung: „Später, später!“ – und ich bin aus der Souvenirhölle entlassen. Für den Kirchenbesuch müssen Ortsfremde Eintrittstickets lösen. Fotografieren und Videoaufnahmen sind im Kircheninnern streng verboten. Schon mehrere Leute, die sich bei Aufnahmen erwischen ließen, sollen kollektiv zum Dorf hinaus geprügelt worden sein. Allen Gefahren und dem gebotenen Respekt zum Trotz lassen sich im Netz eine handvoll unscharfer Bilder und verwackelte Videos ähnlicher Szenerien entdecken wie ich sie meinen Notaten und Erinnerungen entnehme:

Iglesia San Juan Bautista in Chamula

Der Boden des Schiffs ist mit Kiefernnadeln (1) bestreut. Bänke Fehlanzeige. Entlang der Längsseiten befinden sich in Vitrinen (eine davon mit blauen Blinklichtern ausgestattet) insgesamt rund zwei Dutzend Heiligenfiguren diverser Provenienz (darunter die bösen Buben Judas und Thomas), beinahe museal aufgereiht und räumlich brav nach Männlein und Weiblein getrennt. Fotografische Vorgänge, entnehme ich Wortfetzen eines Guides, beschädigten ihre Wirkkraft. Nicht direkt zur Abwehr fotografischer Angriffe, sondern um Gunst oder Missgunst des Bittstellers zu erwidern, tragen die Figuren Spiegel auf ihren Brüsten. Zu den Heiligen empor wachsen überdimensionale Blumensträuße aus beeindruckenden Kerzenmeeren: Meere, in einem Schiff, das in Flammen steht! Ein enormer Schmetterling flattert durch die Szene, im Gebälk tummeln sich Tauben. Anstelle des Altarkreuzes oder der in Mexiko allgegenwärtigen Jungfrau von Guadalupe ist der Namenspatron (Johannes der Täufer) in der größten aller Vitrinen aufgestellt. Teils in Schafsfelle gekleidete Wachleute (2), Girlanden montierende Hilfsarbeiter und Touristenführer bevölkern die Kirche, das Besucheraufkommen schwankt permanent. Ein Wachmann raucht ungeniert Zigaretten. Es ist ein Ort der vielen kleinen Vorgänge, stete Bewegung erfüllt den Raum.

Ihr Tag mit den Hühnern

Auf dem Boden rechteckige Areale, von Kiefernnadeln frei gekehrt: sie dienen den j’ilol, Chamula-HeilerInnen, als Ritualplätze (3): unter rhythmischen Beschwörungen schwenken sie Pox (4) und Coca-Cola über Kerzen, schütten die Flüssigkeiten auf den Boden bzw. nehmen sie ein. Schließlich rauschen mehrere Kerzen zugleich zu einem klingenden Feuer empor, bevor die Heilerin sie löscht und sich zu einer der Familien aufmacht, die sich wie zum Picknick auf den Kiefernnadeln niedergelassen haben. Dort nimmt die j’ilol den Puls des kranken Familienmitglieds, unterdessen ein Kirchendiener das Wachs vom Boden der Ritualstelle schabt, um sie für neue Rituale zu säubern. Der Puls erzählt der j’ilol vom Defizit des Patienten. Der Check gilt der Seele. In der Chamula-Weltanschauung setzt sich die Seele aus verschiedenen Tier-, Pflanzen- und weiteren Komponenten zusammen. Geschieht es, dass ein Geist aus einem Wasserloch eine Person um Seelenanteile bringt, erkrankt derjenige und es wird, in schwereren Fällen, ein Hühneropfer zum Seelenaustausch notwendig: die Hühnerseele gegen den Anteil der vom bösen Geist gestörten Seele der kranken Person. Geringere Probleme werden mithilfe eines Hühnereis absorbiert, das die j’ilol entlang des betroffenen Körpers führt. Ich beobachte ein schwarzes Huhn, das während längerer Zeremonienfasen mit Streicheleinheiten beruhigt, dem dann ratzfatz der Hals umgedreht wird und das schließlich in einer Handtasche landet, um nach dem Ritual gerupft und in Suppe umgewandelt zu werden. Die Zeremonie besitzt Schnittmengen mit solchen des Voodoo oder der Santería und erinnert mich für einen Moment an den durch Geflügelvolieren flüchtenden Filmdetektiv Harry Angel und seine ausgeprägte Aversion gegen „den ganzen Hühnerscheiß“.
Eher klassisch-katholische Gottesdienste finden an Sonntagen statt, die Eucharistie wird nicht abgehalten.

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Amerikanischer Truthahn, Asterix-Lesern auch als Guruguru bekannt

Spaziergang durchs Dorf, im ersten Ansatz unterbrochen vom fliegenden Bernsteinverkäufer mit seinem Schaukasten voller geschliffener, eingefasster Stücke. Ja, er wisse vom Bernstein aus der Ostsee, doch qualitativ hochwertiger sei der hiesige, aus den Minen der umliegenden Berge gebrochene. Am Rande des Hauptplatzes duckt und streckt sich ein Lebensmittel- und Textilienmarkt: günstige Waren guter Qualität. Doch wissen die Verkäuferinnen Herkunft und Art der Stoffe kaum einzuordnen. (Besser erledigen diese Aufgabe die eingenähten Etiketten.) Eine gute Handvoll Imbissbuden, schon ist der Dorfrand erreicht, prutteln Puter in Gärten, zieht ein Zug Ziegen über die Straßen. Hin und wieder verschwindet ein Wagen hinter der nächsten Kurve. Auf halber Höhe abgebrochene Betontreppen führen aus dem oder in den Wald: eine fantastische Vegetation voller fremdartiger Formen und Wirkstoffe. Von den Schwüngen der Grate begrenztes Land in Grün und bedrückenden gleichwie euforischen Ausblicken. Jimi Hendrix‘ Voodoo Child (Slight return) erklingt in meinem Hinterkopf: „Well, I stand up next to a mountain / And I chop it down with the edge of my hand“. Gelegentlich meistert ein Pick-up oder Pkw elegant schnurrend oder fies über den Asfalt schleifend den Straßenbuckel, der die Uhrzeit am Sonnenstand erkennt und warnt, es sei höchste Zeit Chamula zu verlassen, noch bevor der Friedhof besucht ist, der hinter einer Kirchenruine Grabkreuze in verschiedenen Farben aufweist: für Kinder, Adoleszente und solche im würdigen Alter, für gewalttätig und für friedlich Verstorbene.

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(1) Auf dem Zentralmarkt von San Cristóbal sah ich zuvor gelangweilte bzw. Siesta haltende Verkäuferinnen gewaltiger Säcke voller Kiefernnadeln, zu deren Verkäuflichkeit mir kein rechtes Bild einfallen wollte. Kiefernnadeln werden in der Region bei Feierlichkeiten, Einweihungen und dergleichen als Bodenbelag gestreut; die Kirche von Chamula dürfte gewiss der größte Abnehmer sein.
(2) Weiße Schafsfellwesten (chuj) sind nur den Mayordomos, den männlichen Autoritäten, erlaubt, dieweil schwarze Schafsfellröcke (nagua) zur gängigen Frauentracht gehören. Die Chamula gelten als besonders hartnäckig beim Erhalten ihrer Traditionen. In heißere Tropenregionen umgesiedelte Chamula trügen selbst dort ihre Schafsfellkleidung weiter.
(3) Heilzeremonien können nur von Einheimischen gekauft werden. Der Hausschamane des Museo de la Medicina Maya in San Cristóbal steht hingegen auch Touristen zur Verfügung.
(4) Ein regionales Destillat aus maíz criollo („Kreolenmais“), Zuckerrohr und Weizen. Das Tzotzil-Wort bedeutet soviel wie Medizin oder Heilung. Berufsbedingter Alkoholismus soll unter den j’ilol ein weit verbreitetes Problem darstellen. Eine grauhaarige Schamanin sah ich innert einer Stunde einen Drittelliter Pox verarbeiten.

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Tuxtla Gutiérrez: Frisch gepresste Zeit

Das westwärts gerichtete Reisen ist Reisen in die Zeit, produziert mittels Reisebewegung zusammengestauchte Zeit: das ist zugleich Flucht vor der gewohnten Zeit und Aufbruch in ihre schwer zu ergründenden Ursprünge. Dorthin, wo sie herkommt, bis heute sich selbst belauert, besuchsoffen, aber wild, noch unverschweizert, diseuropäisiert. Weil sie der pazifischen Brandung entsteigt, im Meer entsteht, von ungeheurem Wasserdruck mit kosmischem Hintergrund geprägt. Und weil ihre Sprache in ihren kleinsten Einheiten, die zugleich ihre größten sind, denn aus sich selbst heraus kennt sie keine regulierenden Maßstäbe, aus denselben wirren Intervallfarben wie die Oberflächen der Fische zusammengesetzt ist, wird sie bis heute kaum verstanden. Körper und Denkweisen verformen sich unter dieser Zeitstauchung, die leuchtende Himmel absondert. Am Flughafen von Tuxtla verliere ich zur Zeitansage sofort die Orientierung.

jungfrauenerscheinungen

Jungfrauenerscheinungen immer freitags bis sonntags, sowie an jedem Monatszwölften

„Tuxtla Gutiérrez ist seit einigen Jahren Sitz der Regierung. Wenn man San Cristóbal, die frühere Hauptstadt des Staates, kennt, so scheint die Verlegung ganz unbegreiflich. Tuxtla ist heiß und hat ein erschlaffendes Klima, die Umgebung ist ziemlich öde und trocken; alle Nahrungsmittel müssen von weit her zur Stadt gebracht werden. Ein Regierungsgebäude war erst im Bau begriffen. Die einzige Annehmlichkeit ist die hübsche, schattige, mit Trueno-Bäumen bestandene Alameda.“ (Caecilie Seler-Sachs: Quer durch Chiapas, 1895/96)

Gesichter der Vergangenheit: die mexikanische Autorin Rosario Castellanos mit Freunden und Gedichtzeile: „Es necesario, a veces, encontrar compañía“

Vormittäglicher Erkundungsgang: so recht funktionieren mag nichts: fürs Mobiltelefon in einem kleinen Lädchen (nachdem mehrere andere meinten, sie führten so etwas nicht) eine mexikanische Prepaid Card für 30 Pesos. Bei Oxxo lädt man mir 100 Pesos drauf. Das Handy funktionierte mit der deutschen Karte gleich nach Ankunft nicht mehr und funktioniert auch nicht mit der neuen mexikanischen. Der Oxxo-Mann meint, es läge am Gerät und grinst. (Wenn die mexikanische 24/7-Moderne die Billiggeräte des prekär lebenden europäischen Dichters aussortiert.) Um ein Gefühl für den lokalen Takt zu bekommen, quatsche ich Leute an. Einfache Fragen, nach Orten, zu Handelswaren und Gegebenheiten produzieren Missverständnisse am Fließband. Kein Wunder, steigt bereits am Vormittag massive Hitze durchs Tal. Zudem markiere ich eine Gestalt außer der Reihe: der andere Weiße in der Stadt: mein Spiegelbild, das wackelt, während ich es vergeblich zu fixieren versuche. Dann aber doch: die Dusche funktioniert. Und auch die ferngesteuerte Klimaanlage. Als er beim Überreichen der Fernbedienung von meiner Absicht erfährt, das Zimmer auf 20 Grad Celsius zu kühlen, zuckt der Portier zusammen: „Amigo, ich komme aus Deutschland, wir sind hombres del invierno.“ Da lacht er und klopft mir auf die Schulter.

Heißes Pflaster Tuxtla Gutiérrez

Eine geschäftige Hauptstadt mit unsichtbaren Regierungsgebäuden, frei von Tourismus. Um nicht aufzufallen, gehe ich langsam, gehe dahin, wo alle hingehen, schön in rechten Winkeln um die Blöcke des Zentrums, treibende Blutkörperchen in übersichtlichen Pac-Man-Labyrinthen. Achtung, Achtung! Die Verkehrsampeln hängen gewöhnungsbedürftig im Himmel jenseits der Kreuzungen. Kulissen aus von der Regenzeit gelöschten Flammenbäumen, grellen, schnell blätternden Hausanstrichen und Murals. Grackeln schreiten/äugen hin und her in den Parks, reichlich zerfledderte Tauben, verkrätzte streunende Hunde. Auf dem nackten Boden schlafen Männer unter Plastikplanen, auch Kinder, in Hauseingängen und -buchten. An die freistehende Uhr auf der Hauptachse sind Ankündigungen regelmäßiger Marienerscheinungen plakatiert. (Ein Deutscher soll die Standuhr nach erfüllter Fürbitte gestiftet haben, meint ein Taxifahrer.) Im Parque Central koexistieren Jahrmarkt und Protestcamp. Aus den Zeltplanen wehen Dünste lebendig verrottender Menschen. Colectivos und Taxifahrer benutzen elektronische Pfiffe (angedeutete Melodien) oder es rufen die Angestellten aus dem offenen Fenster kurz die Richtung aus. Mein Blick sortiert sich in fotografierbaren Momenten, die häufig, eigentlich immer vorüber sind, bis ich die Kamera gezückt bzw Position ergriffen habe. VW Käfer in sagenhaft abgerockten Versionen: zerzauste Vehikel aus einem kaum gebrauchten Revival-Traum für Roadmovie-Regisseure.

Eines von vier Kaninchen im Zentrum Tuxtlas

Flanieren am Nachmittag: Distanzen und Straßennamen auf Google Maps werden von der Realität gedehnt und vertauscht. Unweit des Parque de la Marimba zwitschern elektronische Vögel aus einer zum Hohlweg umfunktionierten Bürgersteig-Bedschungelung mit Sitzbänken, Rankpflanzen und nachgebauten Tieren. Am Ufer des braunen, stinkenden, müllgeschmückten Río Sabinal zischt ein wütender Leguan durchs Geäst. Inkatäubchen und ein gelbbrüstiger Vogel, den ich nie zuvor sah, unter dessen Flügelschlag der Himmel zu rotieren beginnt. Es gibt mit Handtüchern wedelnde Parkplatzeinwinker. Dralle Frauen, die ihre Brüste mithilfe spezieller Textilien in die Blickebenen der Männer heben. Es gibt Mayaleute mit furchenzersägten, wulstig bepockten oder eingedellten/kubistischen Gesichtern, die mir bis an die Hüfte reichen. Obstverkäuferinnen mit Fliegenklatschen, farblich auf die Kleidung abgestimmt. Ein fußlahmes Mädchen trägt ein T-Shirt mit deutscher Aufschrift „Wanderlust“. Auf seinen Gehstock gestützt vermisst ein winziger, gebückter Alter per Daumenpeilung Stichstraßen außerhalb des Zentrums. Jähe Löcher im Bürgersteig: Einladungen in die Unterwelt. Ein alter Mestize mit skulpturalem Schädel, der sich neben den Bronzen lokaler/nationaler Berühmtheiten positioniert, von denen er nicht zu unterscheiden ist. Mayafrauen, Straßenverkäuferinnen, die beim Sortieren und Zurechtmachen ihrer Waren am liebsten zu Boden oder auf Hauswände starren, um ja keinen Passantenblick aufs Auge zu bekommen: eine zupft und bindet tiefrote Rosen vor tiefrosenroter Hauswand, sodass, Blüten und Wand heben sich auf, nur das Grün und die erdigen Hände (wie Tiere beim Nestbau) bleiben. Zahlreiche Leute, die auf dem Boden sitzen, einige arbeiten in dieser Position. Ein Männerpaar beim Küssen vor der Catedral de San Marcos.

Hähnchenbraterei-Logo in typischen Hähnchenbratereifarben

Kaninchen habe ich in Tuxtla, dem „Ort der vielen Kaninchen“, keine lebenden erblickt, und nur vier auf Wandbildern, sowie mehrere stilisierte Kaninchenohren, die allerdings ebenso gut Esels- oder Eichhörnchenohren vorstellen konnten. Und auf dem Schild einer Bushaltestelle war ein Wortspiel zu lesen aus conejo (Kaninchen) und conexión (Verbindung). Nichtmal das gelbe Kaninchen im Mond gelang es zu erblicken; wahrscheinlich, weil gerade Halbmond (Kalebassenschalenmond) herrschte und das Kaninchen auf der anderen, unsichtbaren Seite oder im Inneren der Schüssel sich befand.

Wer schon immer wissen wollte wie absolute Leere aussieht, braucht lediglich dieses Stillleben um seinen Mexiko-Faktor zu bereinigen

Abends erscheinen mit dem Hunger jene klangvollen Worte, mit denen mexikanische Gerichte beschrieben werden. Ein mir zuvor völlig unbekanntes, zaubrisches gewinnt meine uneingeschränkte Aufmerksamkeit: Ninguijuti. Die kommunikative Kellnerin im Restaurant Ambar meint sogleich, dies sei eine hervorragende Wahl. Serviert wird eine Suppe mit Rücken- und Gulaschstücken vom Schwein in einer angedickten Brühe auf Basis von Maismehl mit Tomaten, grünen Chilis, Knoblauch, Annatto, Limone, dazu Bohnen, Habanerosauce und Tortillas. Die Bedienung liest mir während des Verzehrs die Begeisterung am Gesicht ab, was wiederum ihr sichtliche Freude bereitet. Aus dem Zoque käme die Bezeichnung, was sie aber bedeuten würde, wisse sie nicht. Die Chiapas-Küche sei eine Mischung aus Tradition, Mystizismus und indigenem Wissen/Handwerk und Ninguijuti die Schnittmenge daraus, lese ich später im Netz, das die wörtliche Bedeutung ebenfalls nicht zu kennen scheint. Auch das Zoque-Wörterbuch schweigt sich aus. Sollte „ninguijuti“ am Ende das seit Ewigkeiten vergeblich gesuchte, bedeutungsfreie, eine große Wort Gottes sein, das sich fleischlich-trivial in einem umwerfenden, grandiosen, alten Gericht manifestiert?

Flüchtiges Fleisch im Arbeitskittel

lütfiye güzel_faible
Seit 2012 hat Lütfiye Güzel sieben Bücher mit Gedichten, Notizen, Kurzgeschichten und Selbstgesprächen vorgelegt, darunter eine Novelle und ein Antiroman. faible? fungiert als Best of-Kompilation aus diesen sieben Titeln. Inhalte und Herstellungsbedingungen des Bandes erinnern an Produkte des Social Beat, eines literarischen Netzwerks in den 90ern, das abseits etablierter Strukturen unzählige Zeitschriften, Lesungen und Verlage organisierte und dessen AutorInnen überwiegend von gesellschaftlichem Schattendasein erzählten.

faible? eröffnet mit einem Supermarkt-Gedicht, in dem das lyrische Ich sich ostentativ vor den Waren und zugleich im Off der Kommerz- und Erfolgswelt mit ihren Anforderungen und Normen positioniert. Ein Auftakt, der sich im Folgenden bestätigt: auf der Flucht vor dem Vielzuviel pendelt ein zweifelserfüllter Ichzustand webschiffchengleich von Text zu Text, schattierte Muster aus grauen Gewissheiten zu wirken.

die hose

wie die hose & das t-shirt
über der stuhllehne hängen
so leblos & fallen gelassen
nutzlos auch
& das buch der antworten
es liegt auf meinen knien
während ich an den fragen arbeite

In Lütfiye Güzels Worten schwingen Staunen, Zweifel, Einsamkeit, Abenteuerlust, Verlust und Randexistenz-Bewußtsein: krakenbeinige Führungslinien, die in trockenen, tödlich nüchternen Beobachtungen verlaufen. Ihre Sprache ist prägnant, trotzig, bisweilen überraschend, aus mittlerer Distanz klingen Orhan Veli und Charles Bukowski an, aus der Nähe viel Marxloher Vorstadtwirklichkeit. Mehrere Gedichte erreichen Hitqualität. Es wäre wunderbar, solche Texte, gegen jede Furcht und Routine, am Samstagabend um 20 Uhr im Ersten ausgestrahlt zu wissen. Sie handeln von Ängsten in einem der wohlhabendsten Länder (von der Angst nicht dazuzugehören genauso wie von der Angst dazuzugehören), von Kleinigkeiten, von der Welt, von Sehnsucht und Fernweh, von der Verlorenheit, vom Nichterreichten, von der Machtlosigkeit der poetischen Fantasie, davon daß nichts passiert, vom Vater (dem Helden, der sein Geld verspielte), von hüzün (der türkischen Version von Tristesse, die auf Deutsch nach Fado klingt), kurzum: vom Gegenteil von Glück und insofern vom Glück, von der Dichtung als Ausweg (der keiner ist), vom Gastarbeiter-Schichtalltag und vom Gurkensortieren, von Duisburg, vom Nichtbleibenwollen und Nichtfortgehenkönnen, von der Verlogenheit der Durchhalteparolen, vom Einrasten des Klischees, von Zimmern (immer wieder von Zimmern), von Reinigung, Familie und entkoppelt dastehenden Gefühlen, von der Übersättigung an Unbefriedigendem, von einem Treffen mit Claude Chabrol, letztlich von der Flucht aus dem Vertrauten ins Vertraute, das zu ertragen eine der edelsten Aufgaben des Menschseins vorstellt.

In Anlehnung an Arte Povera ließe sich bei Lütfiye Güzel von Poesia Povera sprechen, einer Dichtung aus „armen“, sprich gewöhnlichen, alltäglichen Materialien. Der auf diesen Seiten stets geprüfte Möwenfaktor beträgt in faible? übrigens, wie auch der Rheinfaktor, Null. Statt Möwen finden sich Tauben „die man verjagt / weil sie vielleicht / nicht wirklich schön sind“, die an anderer Stelle als „Nazi-Tauben“ auftreten und somit als Symboltiere das gesamte Hassliebespektrum des Bandes auf sich vereinen. Für diesen Herbst ist mit Elle-Rebelle bereits der nächste Güzel-Band angekündigt.

gedicht 6

aus dem nichts
bleibt mir
der zerbrechliche trost
dass vielleicht
je tiefer man
über eine sache
zu reden fähig ist
man sie am
wenigsten
empfindet

Lütfiye Güzel: faible?, go-güzel-publishing, Duisburg 2017, Taschenbuch, 200 Seiten, 12 Euro, ISBN: 978-3-00-054953-3

Meine Hände

Meine Hände

Meine Hände sind zwei gefangene Vögel
ganz in der Nähe ihrer Flugkurve:
sie bewegen sich rastlos
weil sie kein Nest haben
oder angespannt warten.
Durch die dünnen Adern fließt
das stille Blut
wie Pflanzensäfte durch den Zweig,
jedoch bewegt meine Hände kein
Frühlingswind.
Zärtlichkeit, die sich ausruht oder nicht
belebt ihre Mattigkeit,
und eine Hoffnung auf zumindest die
Erinnerung an Dinge die sie taten.
Meine Hände sind eingesperrte Tauben
sie können nicht hinter
den Sand der Zeit fliegen
der durch ihre Finger rinnt.

Alaíde Foppa (1914-1980 (?)) gehört zu den bedeutendsten lyrischen Stimmen Guatemalas. Das Gedicht Mis manos findet sich im Zyklus Mujer im 2014 erschienenen Sammelband Viento de primavera, der das Werk der im Kontext des guatemaltekischen Bürgerkriegs verschwundenen Dichterin erstmals ordnet. Tauben und Hände gehören zu den Lieblingsbildern Alaíde Foppas, wie auch in Liebesbriefe, einem weiteren von mir übertragenen Gedicht.

Mis manos

Mis manos son dos pájaros cautivos
y cercano es el giro de su vuelo:
se agitan sin sosiego
porque no tienen nido
o quedan en suspenso y en espera.
Pasa por las finas venas
la sangre silenciosa
como savia en el ramo,
mas no mueve mis manos
viento de primavera.
Caricia que se posa o no se posa
anima su cansancio,
y una esperanza de guardar siquiera
memoria de las cosas que tuvieron.
Mis manos son palomas prisioneras
y no pueden volar
tras la arena de tiempo
que pasa entre sus dedos.

Liebesbriefe

Liebesworte
beflügelten ihn;
wie Tauben schlüpften
sie aus seiner Hand,
beraubten das Herz
seiner Schläge.
Lange Silberfäden
breiteten sich aus der Luft
meine Hand zu erreichen,
und fanden ihr Nest
in meinem Herzen.
Rings um mich herum
flattern unsichtbar
die Liebesworte.

Vor einigen Monaten bemängelte Michael Gratz, Herausgeber der Lyrikzeitung, die wunderbaren Gedichte Alaíde Foppas seien bisher nicht auf Deutsch verfügbar. Mit einer Übertragung von „Cartas de amor“, der Originaltext findet sich unten, habe ich begonnen, diesem Mißstand Abhilfe zu schaffen. Vor knapp zwei Wochen hatte mir Wingston González, ein junger Dichter, von dem hier noch zu reden sein wird, in Guatemala-Stadt „mit schönen Grüßen des Verlegers“ (nämlich des Ministeriums für Kultur und Sport, in dem Wingston arbeitet) den Band „Viento de primavera“ („Frühlingswind“) übergeben: eine 2014 erschienene, gut 200-seitige Sammlung mit ausgewählten Werken der Dichterin. Vor 35 Jahren war Alaíde Foppa von mutmaßlichen Mitgliedern des Militärgeheimdienstes G-2 entführt worden und zählt seither zu den zehntausenden Verschwundenen, die Guatemala seit Beginn der Achtzigerjahre beklagt. Aus dem Großbürgertum stammend, hatte sich Alaíde Foppa für Menschen-, Gefangenen- und Frauenrechte eingesetzt. Von der gerade nachrückenden Dichtergeneration in Guatemala wird sie, soweit ich mitbekam, mit leuchtenden Augen verehrt.

Cartas de amor

Las palabras de amor
le dieron alas;
de su mano se escaparon,
como palomas,
y al corazón le robaron
sus latidos.
Largos hilos de plata
en el aire han tendido,
para llegar hasta mi mano,
y en mi propio corazón,
hallaron nido.
Hay a mi alrededor
un invisible vuelo
de palabras de amor.

P.S.: Wingston González meldet, daß es auf einem schweizerischen Chiapas-Portal vielleicht doch bereits eine Foppa-Übertragung ins Deutsche gegeben habe. Tatsächlich findet sich dort ein von Gabriele Thomas übersetzter Brief von Subcomandante Marcos von Januar 2005, dem ein Zitat aus dem Zyklus „La sin ventura“ („Die Glücklose“) als Motto voransteht. Dabei handelt es sich allerdings nicht um ein komplettes Foppa-Gedicht, sondern um einen kurzen Ausschnitt eines mehrseitigen Textes.

Istanbul

ich schaue den Schatten der Möwen auf den
Dachplanen der Fährboote zu wie sie sich in
Störche verwandeln. dies ist also die Fremde

die Taubenfutterverkäuferin schlägt mit einem
Stock nach den Tauben. der Friedhof besitzt
eine Café-Terrasse mit bröckelnden Menschen

die Stadt ist eine Welle, die mich mitreißt
um mittags, inmitten fragender Blicke
der Straßenhunde, über mir zu zerfallen

unter meiner Haut steht graviert, daß ich
Ausländer bin: alleine schlendernd dringe
ich durch die Gassen vor auf mein Spiegelbild