Flüchtiges Fleisch im Arbeitskittel

lütfiye güzel_faible
Seit 2012 hat Lütfiye Güzel sieben Bücher mit Gedichten, Notizen, Kurzgeschichten und Selbstgesprächen vorgelegt, darunter eine Novelle und ein Antiroman. faible? fungiert als Best of-Kompilation aus diesen sieben Titeln. Inhalte und Herstellungsbedingungen des Bandes erinnern an Produkte des Social Beat, eines literarischen Netzwerks in den 90ern, das abseits etablierter Strukturen unzählige Zeitschriften, Lesungen und Verlage organisierte und dessen AutorInnen überwiegend von gesellschaftlichem Schattendasein erzählten.

faible? eröffnet mit einem Supermarkt-Gedicht, in dem das lyrische Ich sich ostentativ vor den Waren und zugleich im Off der Kommerz- und Erfolgswelt mit ihren Anforderungen und Normen positioniert. Ein Auftakt, der sich im Folgenden bestätigt: auf der Flucht vor dem Vielzuviel pendelt ein zweifelserfüllter Ichzustand webschiffchengleich von Text zu Text, schattierte Muster aus grauen Gewissheiten zu wirken.

die hose

wie die hose & das t-shirt
über der stuhllehne hängen
so leblos & fallen gelassen
nutzlos auch
& das buch der antworten
es liegt auf meinen knien
während ich an den fragen arbeite

In Lütfiye Güzels Worten schwingen Staunen, Zweifel, Einsamkeit, Abenteuerlust, Verlust und Randexistenz-Bewußtsein: krakenbeinige Führungslinien, die in trockenen, tödlich nüchternen Beobachtungen verlaufen. Ihre Sprache ist prägnant, trotzig, bisweilen überraschend, aus mittlerer Distanz klingen Orhan Veli und Charles Bukowski an, aus der Nähe viel Marxloher Vorstadtwirklichkeit. Mehrere Gedichte erreichen Hitqualität. Es wäre wunderbar, solche Texte, gegen jede Furcht und Routine, am Samstagabend um 20 Uhr im Ersten ausgestrahlt zu wissen. Sie handeln von Ängsten in einem der wohlhabendsten Länder (von der Angst nicht dazuzugehören genauso wie von der Angst dazuzugehören), von Kleinigkeiten, von der Welt, von Sehnsucht und Fernweh, von der Verlorenheit, vom Nichterreichten, von der Machtlosigkeit der poetischen Fantasie, davon daß nichts passiert, vom Vater (dem Helden, der sein Geld verspielte), von hüzün (der türkischen Version von Tristesse, die auf Deutsch nach Fado klingt), kurzum: vom Gegenteil von Glück und insofern vom Glück, von der Dichtung als Ausweg (der keiner ist), vom Gastarbeiter-Schichtalltag und vom Gurkensortieren, von Duisburg, vom Nichtbleibenwollen und Nichtfortgehenkönnen, von der Verlogenheit der Durchhalteparolen, vom Einrasten des Klischees, von Zimmern (immer wieder von Zimmern), von Reinigung, Familie und entkoppelt dastehenden Gefühlen, von der Übersättigung an Unbefriedigendem, von einem Treffen mit Claude Chabrol, letztlich von der Flucht aus dem Vertrauten ins Vertraute, das zu ertragen eine der edelsten Aufgaben des Menschseins vorstellt.

In Anlehnung an Arte Povera ließe sich bei Lütfiye Güzel von Poesia Povera sprechen, einer Dichtung aus „armen“, sprich gewöhnlichen, alltäglichen Materialien. Der auf diesen Seiten stets geprüfte Möwenfaktor beträgt in faible? übrigens, wie auch der Rheinfaktor, Null. Statt Möwen finden sich Tauben „die man verjagt / weil sie vielleicht / nicht wirklich schön sind“, die an anderer Stelle als „Nazi-Tauben“ auftreten und somit als Symboltiere das gesamte Hassliebespektrum des Bandes auf sich vereinen. Für diesen Herbst ist mit Elle-Rebelle bereits der nächste Güzel-Band angekündigt.

gedicht 6

aus dem nichts
bleibt mir
der zerbrechliche trost
dass vielleicht
je tiefer man
über eine sache
zu reden fähig ist
man sie am
wenigsten
empfindet

Lütfiye Güzel: faible?, go-güzel-publishing, Duisburg 2017, Taschenbuch, 200 Seiten, 12 Euro, ISBN: 978-3-00-054953-3

Meine Hände

Meine Hände

Meine Hände sind zwei gefangene Vögel
ganz in der Nähe ihrer Flugkurve:
sie bewegen sich rastlos
weil sie kein Nest haben
oder angespannt warten.
Durch die dünnen Adern fließt
das stille Blut
wie Pflanzensäfte durch den Zweig,
jedoch bewegt meine Hände kein
Frühlingswind.
Zärtlichkeit, die sich ausruht oder nicht
belebt ihre Mattigkeit,
und eine Hoffnung auf zumindest die
Erinnerung an Dinge die sie taten.
Meine Hände sind eingesperrte Tauben
sie können nicht hinter
den Sand der Zeit fliegen
der durch ihre Finger rinnt.

Alaíde Foppa (1914-1980 (?)) gehört zu den bedeutendsten lyrischen Stimmen Guatemalas. Das Gedicht Mis manos findet sich im Zyklus Mujer im 2014 erschienenen Sammelband Viento de primavera, der das Werk der im Kontext des guatemaltekischen Bürgerkriegs verschwundenen Dichterin erstmals ordnet. Tauben und Hände gehören zu den Lieblingsbildern Alaíde Foppas, wie auch in Liebesbriefe, einem weiteren von mir übertragenen Gedicht.

Mis manos

Mis manos son dos pájaros cautivos
y cercano es el giro de su vuelo:
se agitan sin sosiego
porque no tienen nido
o quedan en suspenso y en espera.
Pasa por las finas venas
la sangre silenciosa
como savia en el ramo,
mas no mueve mis manos
viento de primavera.
Caricia que se posa o no se posa
anima su cansancio,
y una esperanza de guardar siquiera
memoria de las cosas que tuvieron.
Mis manos son palomas prisioneras
y no pueden volar
tras la arena de tiempo
que pasa entre sus dedos.

Liebesbriefe

Liebesworte
beflügelten ihn;
wie Tauben schlüpften
sie aus seiner Hand,
beraubten das Herz
seiner Schläge.
Lange Silberfäden
breiteten sich aus der Luft
meine Hand zu erreichen,
und fanden ihr Nest
in meinem Herzen.
Rings um mich herum
flattern unsichtbar
die Liebesworte.

Vor einigen Monaten bemängelte Michael Gratz, Herausgeber der Lyrikzeitung, die wunderbaren Gedichte Alaíde Foppas seien bisher nicht auf Deutsch verfügbar. Mit einer Übertragung von „Cartas de amor“, der Originaltext findet sich unten, habe ich begonnen, diesem Mißstand Abhilfe zu schaffen. Vor knapp zwei Wochen hatte mir Wingston González, ein junger Dichter, von dem hier noch zu reden sein wird, in Guatemala-Stadt „mit schönen Grüßen des Verlegers“ (nämlich des Ministeriums für Kultur und Sport, in dem Wingston arbeitet) den Band „Viento de primavera“ („Frühlingswind“) übergeben: eine 2014 erschienene, gut 200-seitige Sammlung mit ausgewählten Werken der Dichterin. Vor 35 Jahren war Alaíde Foppa von mutmaßlichen Mitgliedern des Militärgeheimdienstes G-2 entführt worden und zählt seither zu den zehntausenden Verschwundenen, die Guatemala seit Beginn der Achtzigerjahre beklagt. Aus dem Großbürgertum stammend, hatte sich Alaíde Foppa für Menschen-, Gefangenen- und Frauenrechte eingesetzt. Von der gerade nachrückenden Dichtergeneration in Guatemala wird sie, soweit ich mitbekam, mit leuchtenden Augen verehrt.

Cartas de amor

Las palabras de amor
le dieron alas;
de su mano se escaparon,
como palomas,
y al corazón le robaron
sus latidos.
Largos hilos de plata
en el aire han tendido,
para llegar hasta mi mano,
y en mi propio corazón,
hallaron nido.
Hay a mi alrededor
un invisible vuelo
de palabras de amor.

P.S.: Wingston González meldet, daß es auf einem schweizerischen Chiapas-Portal vielleicht doch bereits eine Foppa-Übertragung ins Deutsche gegeben habe. Tatsächlich findet sich dort ein von Gabriele Thomas übersetzter Brief von Subcomandante Marcos von Januar 2005, dem ein Zitat aus dem Zyklus „La sin ventura“ („Die Glücklose“) als Motto voransteht. Dabei handelt es sich allerdings nicht um ein komplettes Foppa-Gedicht, sondern um einen kurzen Ausschnitt eines mehrseitigen Textes.

Istanbul

ich schaue den Schatten der Möwen auf den
Dachplanen der Fährboote zu wie sie sich in
Störche verwandeln. dies ist also die Fremde

die Taubenfutterverkäuferin schlägt mit einem
Stock nach den Tauben. der Friedhof besitzt
eine Café-Terrasse mit bröckelnden Menschen

die Stadt ist eine Welle, die mich mitreißt
um mittags, inmitten fragender Blicke
der Straßenhunde, über mir zu zerfallen

unter meiner Haut steht graviert, daß ich
Ausländer bin: alleine schlendernd dringe
ich durch die Gassen vor auf mein Spiegelbild