Flüsse und Tiere in Chiapas

Verschwimmende Erinnerungen: Cañón del Sumidero

Nach meinem ersten Grand Canyon, dem der Schweiz, der Ruinaulta, erreiche ich in Chiapas meinen zweiten, den Cañón del Sumidero, den „Grand Canyon Mexikos“. Ob diese Besuche ausreichen, mir eine Visite des Namenspatrons in Arizona zu ersparen, bleibt unklar, selbst als es gelingt, die Flüsse dieser beiden Canyons, Graubündens Rhein mit Chiapas‘ Río Grijalva, mental zu überblenden. Auf der einen Seite das wilde, klare, trinkbare Surselvawasser, aus dem ich vor wenigen Jahren mit bloßer Hand eine Groppe gefischt habe und dem die Schweizer Boulevardpresse Alpendelfin-Legenden zuschreibt, auf der anderen Seite das Blasen werfende, toxisch-braune Sumiderowasser, in dessen verschlammten Tiefen neben anderen unerforschten Wesen bis heute die Geister der Chiapa siedeln könnten, einer früheren Mayapopulation, die der drohenden Versklavung durch die Konquistadoren den kollektiven Sprung in die Schlucht vorgezogen haben und dabei ausgestorben sein soll. Der Wasseramsel des Vorderrheins diametral gegenüber stehen tropische Silberreiher, deren strahlend weißes Gefieder jede Waschmittelreklame beschämt. In der Ruinaulta stapfte ich in Wanderstiefeln durch Wald und Flachwasser. Durch den Sumidero rase ich mit dem Speedboat. Den Himmelskorridor zwischen den Felswänden bevölkern verirrte Pelikane, im schattenartigen Flug die Schnabellanze leicht abgesenkt wie verkaterte Turnierritter. Darüber kreisende Rabengeier in kirre machenden Formationswechseln. Fünfbeinig-fünfarmig-greifschwänzig turnende, bizarre Körperhaltungen einnehmende Affen gehen den Alpen derzeit genau so ab wie Schlammbänke voller Krokodile. Ein die gesamte Flussbreite bedeckender Müllteppich bildet das Zentrum des chiapanesischen Naturschutzgebiets. Darin stakend: Boote voller Touristen, deren Kapitäne von den Heckkanzeln die „Hohe Geschichte des Plastikmülls“ predigen, deren Spitzen jedoch der Wind stiehlt, bevor sie verstanden werden können. Mühsam häckselnde Motorschrauben befreien die Boote mit ihren Schwimmwesten tragenden Passagieren, Schwimmwesten in Signalfarben chemischer Sonnenuntergänge: die Toten, heißt es in Mexiko, würden von den Farben Gelb und Orange besonders angezogen. Dass während der Fahrt bloß niemand seine Hand ins Wasser tauchen solle, lautete eine der vorab gehörten Warnungen. Meine Sitznachbarin versorgt mich unterdessen mit frischen Jícama-Scheiben, einem Snack, dessen aztekischer Namensursprung laut Wikipedia, je nach Ländereintrag, “Wasserwurzel” oder „Schmeckendes“ bedeute.

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revolutionskarnickel

Tuxtlenisches Revolutionskarnickel

Der Río Sabinal durchfließt die chiapanesische Hauptstadt Tuxtla Gutiérrez. Von kleinen Straßenbrücken überquert, gesäumt von klischeeisiert-üppiger Tropenvegetation, führen Trampelpfade an den Ufern entlang in menschenleere Zonen der ansonsten durchaus geschäftigen Stadt. Müll liegt auf den Wegen, stinkender Matsch, gespickt mit wohlig-betörenden Frangipani-Blüten. Ein Leguan verwechselt sich mit einem Eichhörnchen und zischt durchs ausladende Geäst über dem schmalen Wasserlauf. Rückwände, zerfallende Mauern, Graffiti. Das abschnittsweise eingefaßte Flußbett steckt voller Müll. Verkommene Parkanlagen, von potentiellen Besuchern strikt gemieden. Je weiter ich mich entlang der Ufer von der Straße entferne, desto stärker riechen sie nach Gefahr. Undefinierbare Bäume mit vor Wollust und Überdruss platzenden Früchten, überdimensionale Insekten mit Körperstrukturen, als gälte ihr Leben einer einzigen Aufforderung zur Vivisektion. Ich erinnere mich an Zeitungsartikel: Fotos von Leichenfundorten, gefolterte Torsi am Gestade. Das Elend der Stadt, gekippt in ein Rinnsal. Die überbordende Vegetation, der fantastische Vogelsang. Jeder Baum ein Vanitas-Symbol, krank und zugleich sprießend. Wieviel Prozent mag der Blutanteil des Wassers betragen? In Chiapas, wo der Tod in direkter Nachbarschaft des Lebens wohnt, eignen die Flüsse sehr deutlich neben ihrem Kreislauf- und lebensspendenden Charakter auch jenen der Selbstzerstörung und des Todes. In stadtplanerischer Hinsicht ist der Río Sabinal das am leichtfertigsten dem Nichts übereignete Naturfänomen, das ich bisher gesehen habe, denn die natürliche Oase einer von Hitze ausgelaugten Stadt wird inszeniert als kaum zu betretender Sumpf bzw als touristische Empfehlung für Zyniker und Lebensmüde.

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Seltenes, in Chiapas heimisches Gelbwassertier

Die äußerliche tropische Hitze provoziert Ausbrüche meiner inneren Hitze. Ich drifte einher als Schatten suchender Planet. Ich jage den Tapir. Der Tapir jagt in mir. Der Tapir jagt nicht, er fläzt sich im Schatten, den ich suche. Äußerer und innerer Schatten: werden sie je zur Deckung gelangen? Der Tapir lebt nicht in meinem Inneren, er lebt im Zoo, durch den ich streife. Sein Gehege liegt hinter den Hügeln, die ich wegen meines Fiebers nicht erklimmen kann. Die Müllbehälter des Zoos tragen Aufsätze aus Tapirköpfen. Schlafe ich, zwingt mich der Tapir, ihn bis an den Rand des Erwachens zu reiten. Anderntags darf ich mich als erster Europäer in die Mitgliederliste der Liga del movimiento de la elegancia tapirística (Liga der tapiristischen Eleganzbewegung) eintragen.

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der tapir

Träges Totem Tapir

Während einer Fieberwanderung stoße ich in San Cristóbal auf den Río Amarillo, der so gelb aussieht wie sein Name es besagt. Von allen gelben Flüssen einer der gelbsten, gewiss. Wäre es an mir, ihn zu benennen, höchstwahrscheinlich würde ich ihn ganz genau so benennen wie er längst aus gutem Grunde heißt. Ansonsten handelt es sich eher um ein Flüsschen, denn um einen Fluss. Er streift die Stadt und sieht wie die beiden weiter oben portraitierten Flussabschnitte alles andere als gesund aus. Mehr als eine zusätzliche Farbnuance fällt die Häufung öffentlich angebrachter Zeilen auf, als ich die auf eine Fahrspur sich verengende Puente Blanco (Weiße Brücke) quere. Auf deren Pfeilern sind Knittelverse zur Geschichte der Brücke wie des “mejicanischen Vaterlands” angebracht. Und in unmittelbarer Nähe findet sich ein beinahe hauswandgroßer Schriftzug “Vivos los llevaron! Vivos los queremos!” (“Lebendig habt ihr sie geholt! Lebendig wollen wir sie zurück!”): eine Parole, mit der nach der Entführung und mutmaßlichen Ermordung von 43 studentischen Demonstranten in Ayotzinapa im Jahr 2014 das gesamte Land bepinselt wurde.

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geckoblaster

Spirituelles Gegacker aus pazifikblauem Geckoblaster

Klammeraffen heißen auf Spanisch Spinnenaffen, Krokodile Kokodrile und Spechte Schreiner. Nicht minder passende Namen als die unsrigen. Gelbbrüstige Spechte bewohnen in Chiapas Stadt und Land, sie picken um des Pickens willen auch an hauchdünnen Zweigen, deren Bepicken völlig sinnlos erscheint und unter ihrem Flügelschlag beginnt der Himmel zu rotieren. Leguane, die ich nie anders als dösend-äugend in Terrarien, reglos-camouflierend auf Mauerabbrüchen ghanaischer Freiluft-Autowerkstätten oder tot von den Schultern ihrer begabten karibischen Jäger baumeln sah, entwickeln in Tuxtla erstaunliche Geschwindigkeiten bei der innerstädtischen Flucht vor meiner Kamera.

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el zopilote pasa

El zopilote pasa

Die Erde bebt, mein Körper bebt. Tag für Tag. Häufig bleibt unklar, was genau da bebt. Die Straßen beben, es beben die Autos auf den Straßen. Wie Flüsse beben, ist nicht zu ermitteln. Ich sehe wilde Tiere, hinter, vor und zwischen Zäunen, in der freien Natur der Stadt. Bebende Reptilien. Beben auslösende Insekten. Staksende Grackeln. Atme mit Klarsicht verdünnte Luft. Esse wurmstichige Früchte von einem Baum, der noch mit B. Travens Asche gedüngt worden ist.

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San Juan Chamula: Der ganze Hühnerscheiß

Schnellimbiss mit Hühner- und Klauensuppe, Trockenfleisch und gebratenen Mojarras im Angebot

Bekannt ist das autonom regierte Chamula, ein kleines Dorf von weitreichendem Ruf, vor allem für seine synkretistische Kirche San Juan Bautista, in der katholische Liturgie mit Maya-Zeremonien zu einer Form der Gottesanrufung verschmelzen, die ihresgleichen sucht. Ein Vorfall im Juli vergangenen Jahres, bei dem der Bürgermeister und sein Gemeindeverwalter von einem Trupp Bewaffneter (angeblich unter Beteiligung des vorherigen Bürgermeisters) während einer Ansprache auf dem Dorfplatz vor der Kirche erschossen worden waren, lenkte erstmals mein Augenmerk auf diesen Ort. Die Presse schrieb seinerzeit von Wildwest-Szenarien. Die Chamula-Leute könnten überaus unangenehm werden, wenn ihnen etwas missfiele, die Kriminalität sei hoch, tagsüber jedoch unsichtbar; allerspätestens um 17 Uhr solle ich das Dorf wieder verlassen, lauteten in Chiapas mit Nachdruck ausgesprochene Warnungen.
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Méxicolores: Visión de la muerte

Die halbstündige Fahrt von San Cristóbal mit dem Colectivo zur Kirche von Chamula führt durch pittoreske Höhenlandschaften der Sierra Madre de Chiapas. Die Ankunft belagern Kunsthandwerk-Verkäuferinnen, behängt mit Troddelschals und Freundschaftsbändchen. Ob ich Deutscher sei? Auf meine Bestätigung folgt postwendend die unerwartete Entgegnung: „Später, später!“ – und ich bin aus der Souvenirhölle entlassen. Für den Kirchenbesuch müssen Ortsfremde Eintrittstickets lösen. Fotografieren und Videoaufnahmen sind im Kircheninnern streng verboten. Schon mehrere Leute, die sich bei Aufnahmen erwischen ließen, sollen kollektiv zum Dorf hinaus geprügelt worden sein. Allen Gefahren und dem gebotenen Respekt zum Trotz lassen sich im Netz eine handvoll unscharfer Bilder und verwackelte Videos ähnlicher Szenerien entdecken wie ich sie meinen Notaten und Erinnerungen entnehme:

Iglesia San Juan Bautista in Chamula

Der Boden des Schiffs ist mit Kiefernnadeln (1) bestreut. Bänke Fehlanzeige. Entlang der Längsseiten befinden sich in Vitrinen (eine davon mit blauen Blinklichtern ausgestattet) insgesamt rund zwei Dutzend Heiligenfiguren diverser Provenienz (darunter die bösen Buben Judas und Thomas), beinahe museal aufgereiht und räumlich brav nach Männlein und Weiblein getrennt. Fotografische Vorgänge, entnehme ich Wortfetzen eines Guides, beschädigten ihre Wirkkraft. Nicht direkt zur Abwehr fotografischer Angriffe, sondern um Gunst oder Missgunst des Bittstellers zu erwidern, tragen die Figuren Spiegel auf ihren Brüsten. Zu den Heiligen empor wachsen überdimensionale Blumensträuße aus beeindruckenden Kerzenmeeren: Meere, in einem Schiff, das in Flammen steht! Ein enormer Schmetterling flattert durch die Szene, im Gebälk tummeln sich Tauben. Anstelle des Altarkreuzes oder der in Mexiko allgegenwärtigen Jungfrau von Guadalupe ist der Namenspatron (Johannes der Täufer) in der größten aller Vitrinen aufgestellt. Teils in Schafsfelle gekleidete Wachleute (2), Girlanden montierende Hilfsarbeiter und Touristenführer bevölkern die Kirche, das Besucheraufkommen schwankt permanent. Ein Wachmann raucht ungeniert Zigaretten. Es ist ein Ort der vielen kleinen Vorgänge, stete Bewegung erfüllt den Raum.

Ihr Tag mit den Hühnern

Auf dem Boden rechteckige Areale, von Kiefernnadeln frei gekehrt: sie dienen den j’ilol, Chamula-HeilerInnen, als Ritualplätze (3): unter rhythmischen Beschwörungen schwenken sie Pox (4) und Coca-Cola über Kerzen, schütten die Flüssigkeiten auf den Boden bzw. nehmen sie ein. Schließlich rauschen mehrere Kerzen zugleich zu einem klingenden Feuer empor, bevor die Heilerin sie löscht und sich zu einer der Familien aufmacht, die sich wie zum Picknick auf den Kiefernnadeln niedergelassen haben. Dort nimmt die j’ilol den Puls des kranken Familienmitglieds, unterdessen ein Kirchendiener das Wachs vom Boden der Ritualstelle schabt, um sie für neue Rituale zu säubern. Der Puls erzählt der j’ilol vom Defizit des Patienten. Der Check gilt der Seele. In der Chamula-Weltanschauung setzt sich die Seele aus verschiedenen Tier-, Pflanzen- und weiteren Komponenten zusammen. Geschieht es, dass ein Geist aus einem Wasserloch eine Person um Seelenanteile bringt, erkrankt derjenige und es wird, in schwereren Fällen, ein Hühneropfer zum Seelenaustausch notwendig: die Hühnerseele gegen den Anteil der vom bösen Geist gestörten Seele der kranken Person. Geringere Probleme werden mithilfe eines Hühnereis absorbiert, das die j’ilol entlang des betroffenen Körpers führt. Ich beobachte ein schwarzes Huhn, das während längerer Zeremonienfasen mit Streicheleinheiten beruhigt, dem dann ratzfatz der Hals umgedreht wird und das schließlich in einer Handtasche landet, um nach dem Ritual gerupft und in Suppe umgewandelt zu werden. Die Zeremonie besitzt Schnittmengen mit solchen des Voodoo oder der Santería und erinnert mich für einen Moment an den durch Geflügelvolieren flüchtenden Filmdetektiv Harry Angel und seine ausgeprägte Aversion gegen „den ganzen Hühnerscheiß“.
Eher klassisch-katholische Gottesdienste finden an Sonntagen statt, die Eucharistie wird nicht abgehalten.

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Amerikanischer Truthahn, Asterix-Lesern auch als Guruguru bekannt

Spaziergang durchs Dorf, im ersten Ansatz unterbrochen vom fliegenden Bernsteinverkäufer mit seinem Schaukasten voller geschliffener, eingefasster Stücke. Ja, er wisse vom Bernstein aus der Ostsee, doch qualitativ hochwertiger sei der hiesige, aus den Minen der umliegenden Berge gebrochene. Am Rande des Hauptplatzes duckt und streckt sich ein Lebensmittel- und Textilienmarkt: günstige Waren guter Qualität. Doch wissen die Verkäuferinnen Herkunft und Art der Stoffe kaum einzuordnen. (Besser erledigen diese Aufgabe die eingenähten Etiketten.) Eine gute Handvoll Imbissbuden, schon ist der Dorfrand erreicht, prutteln Puter in Gärten, zieht ein Zug Ziegen über die Straßen. Hin und wieder verschwindet ein Wagen hinter der nächsten Kurve. Auf halber Höhe abgebrochene Betontreppen führen aus dem oder in den Wald: eine fantastische Vegetation voller fremdartiger Formen und Wirkstoffe. Von den Schwüngen der Grate begrenztes Land in Grün und bedrückenden gleichwie euforischen Ausblicken. Jimi Hendrix‘ Voodoo Child (Slight return) erklingt in meinem Hinterkopf: „Well, I stand up next to a mountain / And I chop it down with the edge of my hand“. Gelegentlich meistert ein Pick-up oder Pkw elegant schnurrend oder fies über den Asfalt schleifend den Straßenbuckel, der die Uhrzeit am Sonnenstand erkennt und warnt, es sei höchste Zeit Chamula zu verlassen, noch bevor der Friedhof besucht ist, der hinter einer Kirchenruine Grabkreuze in verschiedenen Farben aufweist: für Kinder, Adoleszente und solche im würdigen Alter, für gewalttätig und für friedlich Verstorbene.

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(1) Auf dem Zentralmarkt von San Cristóbal sah ich zuvor gelangweilte bzw. Siesta haltende Verkäuferinnen gewaltiger Säcke voller Kiefernnadeln, zu deren Verkäuflichkeit mir kein rechtes Bild einfallen wollte. Kiefernnadeln werden in der Region bei Feierlichkeiten, Einweihungen und dergleichen als Bodenbelag gestreut; die Kirche von Chamula dürfte gewiss der größte Abnehmer sein.
(2) Weiße Schafsfellwesten (chuj) sind nur den Mayordomos, den männlichen Autoritäten, erlaubt, dieweil schwarze Schafsfellröcke (nagua) zur gängigen Frauentracht gehören. Die Chamula gelten als besonders hartnäckig beim Erhalten ihrer Traditionen. In heißere Tropenregionen umgesiedelte Chamula trügen selbst dort ihre Schafsfellkleidung weiter.
(3) Heilzeremonien können nur von Einheimischen gekauft werden. Der Hausschamane des Museo de la Medicina Maya in San Cristóbal steht hingegen auch Touristen zur Verfügung.
(4) Ein regionales Destillat aus maíz criollo („Kreolenmais“), Zuckerrohr und Weizen. Das Tzotzil-Wort bedeutet soviel wie Medizin oder Heilung. Berufsbedingter Alkoholismus soll unter den j’ilol ein weit verbreitetes Problem darstellen. Eine grauhaarige Schamanin sah ich innert einer Stunde einen Drittelliter Pox verarbeiten.

In den Straßen von San Cristóbal

die hlg jungfrau von guadalupe

Rückenwind und Risse im Profil: Bildnis Unserer Lieben Frau von Guadalupe auf einer Plastikplane


Festivallesung in Corazón de María, einer Gemeinde des Municipios San Cristóbal, eine knappe Stunde außerhalb der Stadt in den Bergen versteckt. Wenige Kilometer vor dem Dorf sprinten Grundschüler mit Schulranzen unserem Bus voller Dichter hinterher. Noch vor wenigen Jahrzehnten sei die Gegend wegen ständiger Nebel unsichtbar und somit unbewohnbar gewesen. Weshalb die Nebel, die sich zwischen die umgebenden Höhenzüge zurückgezogen haben, Acker- und Weideland freigegeben hätten, wisse kein Mensch. 3000 Einwohner habe die Gemeinde, über ausladende Flächen verteilt, und kein wirkliches Zentrum, meint ein Dorfbewohner, zu dem ich mich am Rande des Basketballfeldes vor der Schulhalle setze, um die Aromen der Bergluft aufzunehmen und ein wenig über den Ort in Erfahrung zu bringen, während drinnen das Programm sich streckt. Wie hoch genau die Gemeinde gelegen sei, könne er nicht sagen, höher jedenfalls als die Stadt. Die einzige Angabe, die später im Netz ausfindig zu machen ist, verortet Corazón de María auf 2340 Metern. Zweifelsfrei habe ich in der Dorfhalle einen neuen persönlichen Höhenlesungsrekord aufgestellt; zuvor empfangen von Feuerwerk und frenetischem Kinderjubel; in einer Gegend, die es lange nicht gab und die in Zukunft womöglich erneut in Nebel und Nichts aufgehen wird. Vieles in Chiapas erscheint auf den dritten Blick anders als auf den zweiten, dieweil der erste generell als Streichergebnis in Betracht gezogen werden sollte, selbst wenn es sich um geringfügige Beobachtungen handelt. So entpuppen sich vermeintliche EZLN-Graffiti auf dem Hinweg nach Corazón de María, offene oder geheime Rebellenzeichen, handgemalt und waffenstrotzend, auf dem Rückweg als Reklamen für Paintball-Gelände. (Ob diese ausschließlich für zivilen Zeitvertreib genutzt werden, ist nicht in Erfahrung zu bringen.)

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Fliegender Teppich mit hüpfenden Bohnen


Ein Junge von ungefähr elf Jahren hat sich am Mittag in der Fußgängerzone aufgebaut und präsentiert ein paar hundert getrocknete Kapseln, die an Kaffeebohnen erinnern. Es handele sich um frijol saltarín (Hüpfbohne) aus dem nördlichen Bundesstaat Sonora, besagt ein laminierter Computerausdruck: Heilmittel gegen Bluthochdruck, Nervenleiden, Kopf- und Herzschmerzen sowie gegen Rheuma. Bei Beschwerden solle man vier Bohnen in die Hand nehmen und abwarten bis sie zu hüpfen begönnen. Bei näherem Betrachten zucken einige der Kapseln, wackeln, als wollten sie in Kürze davonrollen, ein Fänomen, das mir entfernt bekannt vorkommt. Warum die Bohnen zucken, frage ich den Jungen. „Weiß nicht“, kommt seine missmutige Antwort. Mein Begleiter beginnt, ihn zu belehren: wenn er etwas verkaufen wolle, dann wäre es nur gescheit, Respekt zu zeigen und die Fragen der Leute zu beantworten. Der Junge wirkt noch missmutiger und schweigt sich aus. Dass er womöglich kaum Spanisch spreche, entgegne ich, als wir ein paar Meter weiter sind, und dass das eigentliche Problem bei der Geschichte darin gründen könne, dass ein Junge seines Alters um diese Zeit besser in der Schule aufgehoben sei, denn als Verkäufer zweifelhafter Wundermittel auf der Touristenmeile. Die Frage, weswegen die Bohnen ein Déjà-vu auslösten und weshalb sie wackeln, wird erst Wochen später im Laufe eines Telefonats beantwortet werden: in den 70-er Jahren hatte die Zeitschrift Yps „lebende Wunderbohnen“ als „Super-Gimmick aus Mexiko“ im Programm: „Sensationell! Sie pochen wie dein Herz und springen wie ein Ball“. Heute firmiert das Fänomen unter dem Begriff „Mexikanische Spring- bzw. Hüpfbohne“: es handelt sich um die Frucht eines Wolfsmilchgewächses, das von der Larve der Hüpfbohnenmotte bewohnt wird, die bei Hitze beginnt, sich zu winden, was die „Bohne“ in Bewegung versetzt.

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die einkäufe nachhause retten

Die Einkäufe nach Hause retten: Szene auf dem Zentralmarkt


Erdbeben der Stärke 8,2 auf der Richter-Skala, kurz nach dem Einschlafen, während eines ausgewachsenen Fieberschubs. Das Bett schlingert seitwärts ruckend, ächzend, krängend, eine Nussschale auf hoher See in sternenloser Neumondnacht. Unverzüglich in den Innenhof oder auf die Straße zu fliehen, rät mein Verstand, doch das Fieber argumentiert dagegen: schließlich schlägt der Boden Wellen wie das Meer, besteht jedoch aus Stein: sollte ich stürzen, was in diesem Zustand und ohne Licht wahrscheinlich wäre, ein paralleler Gedanke gilt meinen Erfahrungen auf dem Erdbebensimulator des Karlsruher Naturkundemuseums, könnte das zu Verletzungen führen. (Traumartige Bilder einer blutüberströmten Gestalt, wieder und wieder in Richtung Bett zurückgeworfen von gewaltigen Bodenwellen.) In der Nachbarschaft beginnen die Hunde zu bellen, Alarmsirenen konzertieren, aufgeregte Stimmen auf der Straße, die das Szenario noch eine Spur gefährlicher erscheinen lassen: ob bereits Plünderungen stattfinden? Das Bett schlingert weiter, mein Zeitgefühl ist aufgehoben. Während es bebt, denke ich: „Was, wenn das nie mehr endet?“ Kurz, nachdem es geendet hat: „Das waren vielleicht nicht mehr als 20 Sekunden, denn Beängstigendes wirkt stets intensiver als die Uhr.“ Der Seismische Dienst Mexikos weiß es besser und bis auf die Sekunde genau: zweieinviertel Minuten hatte das Beben angehalten.

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Fledermausfrauen auf dem Zentralmarkt von San Cristóbal


Am Rande der Wahrscheinlichkeit von Mexiko geleitet ein an- und abschwellendes, namenloses Bergfieber mich zur Stadt San Cristóbal de las Casas hinaus zu den Fledermausmenschen von Zinacantán. Im Dorf ist es heiß. Ich fühle mich allein auf weiter Flur. In der Mittagssonne schmilzt mein einsamer Schatten. Gebärdet sich zunehmend unförmiger beim Schwinden. Kaum beginne ich, mich ernsthaft um ihn zu sorgen, als ganz plötzlich, bevor es mit dem Schatten zu Ende geht, von der San Lorenzo-Kirche wirre, doch bei sich selbst verharrende Rhythmen mit magischen Anziehungskräften erklingen. Scheppernd, treibend, in die Beine fahrend. Wie schöne, wilde, gerade eben noch so kontrollierte Guggenmusik. Eine Menge Fledermausmenschen geraten mit der Musik in mein Blickfeld. Die Männer, ausschließlich die Männer, tanzen in traditionellen Plateauschluppen, kurzen Hosen, bestickten Westen, Ponchos und fantastischen Hüten mit bunten rückwärtigen Streifenvorhängen ein wieder und wieder wiederholtes Auf-der-Stelle-treten. Flaschen mit eingetrübtem Pox kreisen am helllichten Tag. Ein unsichtbares Band zieht mich in ihre Nähe. Ich verspüre den Drang, das alles festzuhalten, doch hält es mich fest. Vielmehr ist es so, als setzte die Musik mich frisch in Gang. Freundliche Bäume verwehren der Sonne den Zugriff auf meinen Schatten und fächeln lächelnd etwas Luft in unsere Richtung. Anwallende Ohnmachten verschwinden chancenlos in tiefen Rissen verschleppter Rhythmen, die Bläser hauchen mir ihren Odem ein, ich bin der Golem dieser musizierenden, tanzenden, betrunkenen Fledermausmenschen. An Fasenverschiebungen laborierend, trete ich mit den Fledermausmännern auf der Stelle, ohne beweiskräftige Aufzeichnungen. Musik, Tanz und Schatten geleiten meinen Körper unversehrt aus dem Dorf. Dessen früherer Name habe Ik’al Ojov (Schwarzer Herr) gelautet, ein schreckenerregender Name. Am Dorfrand, bei ausklingender Musik, versuche ich erfolglos Fledermausfrauenschatten abzulichten: sie sind einfach zu schnell für die Kamera. Später, zurück in meiner Gastwohnung in der Kolumbusstraße, erprobt das Fieber neue Ringergriffe an meinem Körper. Von der Baustelle des bis auf die bunt angemalte Fassade komplett in sich zusammengefallenen, direkt angrenzenden Psychonautenhauses erklingt dazu in Endlosschleife der Chattanooga Choo Choo.

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Die Kathedrale von San Cristóbal nach einem Starkregen


Unter Kolibri-Einfluss reflektiere ich das Gewahrwerden zu Schleuderpreisen verschwendeter Naturschönheiten und -gewalten. Sie schwappen jeweils in radikalen Ausmaßen an und ergreifen den Menschen. In Fiebern schreiben sie sich vereint den Nerven ein und prägen das Empfinden. Der Kolibrischnabel gilt als Injektionsnadel, mit deren Hilfe er seine schillernden Farb-, Leichtigkeits- und Geschwindigkeitslehren durch unsere kleinen Pupillenlöcher auf lückenhafte Gedankenschirme überträgt. Kaum hast du, anfangs meist ganz unvermittelt, einen Kolibri entdeckt, explodiert ein Großteil deines Alltagsempfindens und ein Sekundenlächeln, das endlos gegen den Horizont des Gartens, der Dachterrasse, der Stadt wiederholte, wiederholt erscheinende Wellen schlägt, bemächtigt sich deines Gemüts. In deinen Fiebern wird der schwirrende Vogel transzendiert, zu medizinischem, oral einzunehmenden Püree verarbeitet, winzige gefiederte weiche Tabletten, aus denen feine Knöchelchen als Widerhaken staken. Der Kolibri wächst zum Emblem, Mittler zwischen Außen- und Innenwelt, Totem, Nahual. Er bringt und er ist zugleich die tröstlich schillernde Botschaft zwischen Leben und Tod, die Idee des ewigen Kreislaufs, manifestiert in einem zarten kleinen Etwas, das von punktuell auftretender Süße lebt inmitten herber Bergwelten.