Das Hungertuch

das hungertuchNachdem mir gestern geträumt hatte, in einer ortslosen lichten Fabrikhalle vor wohlgeordneten leeren Stuhlreihen bei der offiziellen Vergabe der Hauptsächlichen Preise für deutschsprachige Dichtung mit der unbeliebtesten der vier jeweils mit einer geringen krummen Summe Taschengelds dotierten Trofäen, dem Pokal für „Gedichte, die gar nicht erst versuchen Gedichte zu sein“, ausgezeichnet worden zu sein, einer plumpen Statue, die stark an die FIFA World Cup Trophy erinnerte und die schnellstmöglich loszuwerden hervorragend gelang, weil sie beim Abstellen umstandslos in der von Wichtigkeit beladenen Umgebung aufging, freue ich mich über die Ehre eines weiteren, höchst realen Preises für mein literarisches Schaffen: Das Hungertuch. Der Preis wird seit 2001 zweijährlich an zumeist drei Künstler verschiedener Sparten vergeben. Besonders rührt mich, unter den bisherigen Preisträgern zwei Musikhelden meiner Jugend zu finden: Tom Liwa und den Pyrolator. In der Sparte Literatur gehören u.a. A. J. Weigoni, Swantje Lichtenstein und Enno Stahl zu den Vorgängern. Unaussprechliche Freude gebührt der Tatsache, den diesjährigen Preis mit dem bretonischen Künstler Roland Bergère zu teilen, mit dem mich seit zwei Jahrzehnten zahlreiche Kooperationen verbinden. Dritter Preisträger 2017 ist der Komponist Christoph Staude.

„Diese von Ulrich Peters begründete Auszeichnung ist ein Preis, verliehen von Künstlern an Künstler. Er unterstreicht das Ideelle und Nachhaltige der künstlerischen Produktion und ist ein Plädoyer für die künstlerische Unabhängigkeit. (…) „Die Unabhängigkeit der Inhalte schützt am besten, wer sich tatsächlich um die Inhalte kümmert. (…) ‚Das Hungertuch‘ (…) wird an Artisten verliehen, die mit experimentellem Pioniergeist im 21. Jahrhundert neues künstlerisches Terrain aufbrechen. Die Jury verfolgt mit besonderem Interesse künstlerische Ansätze, die sich um die Verschmelzung unterschiedlicher Genres bemühen.““ (Kirsten Adamek, Galerie amschatzhaus)

Der Begriff des Hungertuchs rekurriert auf den mittelalterlichen Kirchenbrauch, in der Fastenzeit den Altar zu verhüllen. Zur körperlichen Buße des Fastens kommt die eines liturgischen Verzichts. Leicht mit dem Hungertuch assoziiert werden können Kafkas Erzählung Ein Hungerkünstler (als ironisch gezeichnete Symbolgestalt des Künstlers schlechthin) oder das Textil als (Welt-)Gewebe, innerhalb dessen und an dem der von spirituellen Antrieben motivierte Künstler wirkt.

Die Preisverleihung findet am 10.06.2017 um 16.30 Uhr in der Galerie amschatzhaus in Neuss-Holzheim mit Lesung und Musik im Rahmen von Roland Bergères Ausstellung Um die Häuser statt. Die Laudationes hält Enno Stahl.

Ausführlichere Informationen zum Hungertuch
– Die vollständige Preisträgerliste
– Vorabbericht zur Preisverleihung in der Rheinischen Post

Nachtrag, 21 Juni 2017
Zu den Literaturpreisen Das Hungertuch und Nahbellpreis schreibt Matthias Hagedorn unter dem Titel Scherz, Satire, Ironie und tiefere Bedeutung in den Kulturnotizen und stellt das Schaffen von Angelika Janz, HEL und mir in eine Reihe: „Diese Autoren haben es nicht nötig, ihre Wahrnehmungen mit der Creme salbender Schönheit zu tunen. Ihre Wahrnehmung ist brennscharf, sie haben ein untrügliches Gefühl für dramatische Zwischenräume, das lyrische Ich reflektiert gesellschaftliche Zustände in der Regel beiläufig, und zumeist heiterer Melancholie oder in bitter klugen Farcen.“

Die Geier rücken näher

Erstmals habe ich frei auftretende Geier in Köln vor einigen Monaten am Parkgürtel bemerkt, inzwischen sind sie bis auf wenige hundert Meter an meine Wohnung herangerückt. Das im Bild eingefangene Exemplar befindet sich an der Stadtbahnhaltestelle Neusser Straße/Gürtel. Im allgemeinen gelten Geier als unwillkommen, nicht nur im Deutschen ist ihre Erwähnung häufig mit Flüchen und Abwertung verbunden, zahlreiche literarische Stellen geben davon Zeugnis. Vermutlich das umfangreichste auf Geier spezialisierte Kompendium im Internet und zugleich ein ziemlich verborgenes betreibt Roland Bergère mit seinem bestiaire abrégé, das u.a. als Ehrenrettung der verachteten Spezies betrachtet werden darf.

Bergères Schaffen ist in hohem Maße emsig und vielfältig. So veröffentlicht er allmonatlich ein neues Kunstbuch oder verfolgt ausufernde Crash-Konzepte, indem er enzyklopädische Werke, die er archives silencieuses (Schweigende Archive) nennt, zusammenstellt, um sie als konsequente Lebensallegorie eigenhändiger oder zufälliger Vernichtung anheimfallen zu lassen.

Seit Jahren tausche ich mit Roland Bergère Funde aus Literatur, Netz und freier Wildbahn über Geier mit solchen über den Rhein. Der Austausch schlägt sich u.a. in kleineren gemeinsamen Veröffentlichungen auf rheinsein nieder, wie beispielsweise hier und hier zu finden. Infolge dieses lebhaften Austauschs fungiert Bergère seit geraumer Zeit als rheinsein-Chefkorrespondent für alle französischsprachigen Belange zur Rheinthematik und hat in dieser Eigenschaft nicht nur kaum mehr zu zählende Quellen aufgespürt, sondern unter verschiedenen Pseudonymen auch mannigfach seine eigenen Spuren in der unablässig wachsenden rheinischen Kulturgeschichte hinterlassen.