Wo nichts zu sehen ist, fließt der Fluss

Flyer_VorderseiteMein Blogprojekt rheinsein ist aktuell im Kunstpavillon Burgbrohl zu Gast mit einer Ausstellung, die Exponate aus der Sammlung Marcel Crépons erstmals diesseits des Internets zeigt und neu arrangiert. Die Fotografien, Zeichnungen, Bücher, Artefakte und Objekte dienten Marcel Crépon ursprünglich zur Illustration seiner randseitigen Reiseberichte, die er seit dem Sommer 2013 in unregelmäßigen Abständen und mit exponentiellem Volumenwachstum rheinsein zur Verfügung stellt.

Der Eifelort Burgbrohl liegt nur eine Handvoll Kilometer vom Mittelrheintal entfernt, die unmittelbare Umgebung mit Andernach, Bad Breisig und Burg Olbrück gehört zu den Zentren der Créponschen Rhein-Erkundungen. Auch der Ausstellungstitel (Wo nichts zu sehen ist, fließt der Fluss) im Rahmen der Reihe Absurde Phänomene des Realen ist einem Bericht von einer Reise in diese Gegend entlehnt. Die technische Umsetzung der Ausstellung hat der Kölner Künstler Roland Bergère realisiert, der rheinsein von Beginn an verbunden ist. Die teilweise ausufernden Geschichten hinter den Exponaten können innerhalb der Ausstellung abgerufen werden.

Zur Vernissage am Samstag sprachen der Bürgermeister der Verbandsgemeinde Brohltal Johannes Bell, der mit Detailwissen zum Rhein vor 13.000 Jahren überraschte und Rita Anna Tüpper mit einer kunsthistorisch fundierten Heranführung an die Exponate, deren Profanität als Dinge, abstruse Sammelobjekte und persönliche Erinnerungen im Rahmen des Kunst- bzw. Ausstellungskontexts vorübergehend erglänzen und als Anlass öffentlichen Staunens dienen mag. Abschließend sprach ich, als rheinsein-Betreiber, auf der spärlichen Basis dessen, was sich an privaten Informationen aus der mehrjährigen, stark auf Inhalte fokussierten Korrespondenz und seinem mittlerweile buchstarken Textkonvolut filtern ließ, über die Person Marcel Crépon.

heideggerkugeln

Durchgekaute Lektüre: Besonders schwerfällige Heidegger-Passagen, mit Speichel zu Papierkugeln geformt, waren eines der Lieblingsexponate des Vernissagenpublikums (Bild: Boris Nieslony)

Eine erste Presse-Reaktion war der mit O-Tönen verschnittene, heute im Journal am Mittag gesendete und leider nicht als Podcast verfügbare Ausstellungs-Bericht von Marianne Lechner für den Kultursender SWR2:

„(…) Seit Jahren ist Crépon entlang des Rheins unterwegs, redet mit Menschen, sammelt Geschichten und Gegenstände, die ihm aufhebenswert erscheinen. Stan Lafleur sagt, Crépon schicke ihm diese Texte per E-Mail, dazu Fotos, Zeitungsartikel und auch Objekte. Eine kleine Auswahl davon hängt jetzt an der Rückwand des ArtLab. Die Zeichnung eines Mannes, der sich von der Rheinreise Victor Hugos inspirieren ließ. Ein Foto, das zeigt wie ein Elsässer auf einem Feld den Verlauf des Rheins nachgebildet hat: ein Mini-Flussbett, ausgegraben und dann mit Wasser gefüllt, das tatsächlich mit Eimern aus dem Rhein geschöpft und zum Feld geschleppt wurde. Drei Fläschchen Wasser aus dem Rheinfall von Schaffhausen in der Schweiz: eine kritische Anmerkung eines Künstlers zum Rheinwasser, das Touristen dort in Aludosen als Souvenir kaufen können. Ein Kasten mit Fundstücken vom Rhein: Knochen, Tierzähne, glitzernder Mineralstaub. An der Wand hängen aber auch Tablets mit bewegten Bildern. (…)“

Der Beitrag schließt mit der Vermutung, dass es sich bei Marcel Crépon, weil die Google-Suche nach seinem Namen keine Ergebnisse zeitige, um eine Kunstfigur handeln könne. Ein Schluss jedenfalls, der ganz auf Marcel Crépons feinen Nerv für Humor passen und gleichzeitig seine dem Kunstbetrieb nahezu unverständlichen Impulse zu Anonymität und Öffentlichkeitsscheu bedienen dürfte: in den für rheinsein bestimmten Schriften äußert Crépon an einer Stelle, dass die durch Saint-Maurice-de-Lignon verlaufende Rue Marcel Crépon, deren Existenz ihn vor wenigen Jahren überrascht und peinlich berührt habe, seine Anonymität letztlich schütze, weil Straßen bekanntlich nie nach lebenden Personen benannt würden.

Ich versichere: Marcel Crépon existiert, auch wenn er kein Freund von Vernissagen ist, nicht einmal (oder ganz besonders nicht) der eigenen. Die Ausstellung läuft noch, begleitet von Workshops zu Möglichkeiten von Kunstverständnis, bis 25. Mai 2018 und kann bis dahin, am besten nach vorheriger Vereinbarung, besichtigt werden.

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Nachtrag, 24.04.2018
Eine zweite Besprechung der Ausstellung liefert heute das rheinland-pfälzische Regionalblatt Blick aktuell: „Von nah und fern kamen vor Kurzem viele Besucher nach Burgbrohl-Lützingen, um im ArtLab des Kunstpavillons Burgbrohl die Eröffnung der Ausstellung „Wo nichts zu sehen ist, fließt der Fluss“ mitzuerleben. Die Idee zur Ausstellung basiert auf den Einsendungen von Marcel Crépon zum Weblog „rheinsein.de“ des Schriftstellers Stan Lafleur. (…) Den Titel der Ausstellung hat Crépon selbst gewählt und führt so über seine gedankliche Flussparadoxie sowohl an den konkreten Fluss, den Rhein, heran als auch an den digitalen Strom von rheinsein.de, dem Blog, dem man alle öffentlichen Äußerungen Crépons verdankt. (…) Crépon stellt hier unter anderem einen Holzrahmen mit drei völlig gleich aussehenden Gläsern aus, das eine mit Rheinwasser von oberhalb des Rheinfalls von Schaffhausen, das zweite mit Wasser aus dem Moment des Fallens und ein weiteres mit Rheinwasser von unterhalb des Rheinfalls. Er behauptet, dergestalt Zeit verkaufen zu können – eine gleichermaßen witzige wie weise Anmerkung zur Vergänglichkeit (…).“

Und eine weitere, einzig in der Printversion verfügbare Besprechung unter dem Titel Die Kunst auf den Spuren eines Phantoms von Petra Ochs in der Rhein-Zeitung vom 23.04.2018 anläßlich eines Workshops mit Jugendlichen im Rahmen der Ausstellung langte heute ein: „Handfest ist aber das, was Marcel Crépon in der Ausstellung zeigt. Etwa das Foto einer Nebellandschaft von dem Tag, an dem er den Fluss vor lauter Nebel nicht entdecken konnte. Oder die zu einem Buch von Martin Heidegger im Holzkasten hinzudrapierten Kügelchen, bei denen es sich um durchgekaute Buchseiten besonders zäher philosophischer Passagen handelt. Und auch das Bild von General Laroche, das Crépon von einer Frau in Bad Breisig bekommen haben will.“ (Anmerkung: Tatsächlich handelt es sch um ein Bildnis des Generals Lazare Hoch.) Und weiter: „Angeregt von der Ausstellung setzten sich die Jugendlichen an den Tisch, um nach dem Prinzip Zufall zu arbeiten: Sie zeichneten auf Buntpapier und schnitten die abstrakten Formen mit der Schere aus, um sie auf weißem Papier anzuordnen. „Ich habe ein Etwas und ein anderes Etwas“, meinte eine der Jugendlichen – beste Voraussetzungen also, um frei nach dem
Arp’schen Gestaltungsprinzip einfach drauflos zu legen und zu kleben. Am Ende kam dabei sogar eine große Gemeinschaftsarbeit heraus.“

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