Tour de France-Gedicht

Das Gedicht tour de france: finistère ist in keinem meiner Bände enthalten. Veröffentlicht wurde es erstmals 2005 in der ersten und vergriffenen Ausgabe der [SIC] Zeitschrift für Literatur, sowie später im Poetenladen, auf dessen Seiten es weiterhin nachlesbar ist.
Eine Live-Version, eingesprochen vor einer Woche im Düsseldorfer Haus der Universität, steht ab sofort auf SoundCloud zur Verfügung.

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In memoriam Thien Tran

„Das Schönste, was ein Mensch hinterlassen kann, ist ein Lächeln im Gesicht derer, die an ihn denken“ steht seit Wochen eine Spruchweisheit auf einem tönernen Grabteller im Schaufenster des Bestatters gegenüber ausgestellt. Ein Satz, der die Frage aufwirft, ob dem Verfasser bei der Niederlegung bewußt gewesen war, wieviele Arten des Lächelns der Menschheit zur Verfügung stehen. Wenn ich heute zwischen Bäcker und Frühstück anbetrachts dieser kitschigen Schaufensterausstattung an Thien Tran zurückdenke, der gestern vor sechs Jahren im Alter von nur 31 Jahren von uns ging, verspüre ich unter anderem auch ein Lächeln: ein überaus schmerzvolles, das mir darüber Auskunft erteilt wie schwierig für einige von uns das Leben ist und wie eklatant Klüfte zwischen zwei Menschen mit verwandten Absichten, die sich am Tisch bei Kaffee oder Bier gegenübersitzen, klaffen können.

„mein Haus. das ist ein Jahrmarkt / wo die Freundschaft ein- und ausgeht“

Denn solche um Austausch bemühten Gespräche habe ich in Köln mit Thien, meist im Café Storch auf der Aachener Straße, über ein knappes Jahrzehnt hinweg ungezählte geführt: über das Wesen der Dichtung und der Freundschaft, über Möglichkeiten und Schwierigkeiten des Dichterlebens, etwaige Neuigkeiten, unseren Alltag. Weil Thien häufig Selbstverständlichkeiten, übertrieben gesagt: jeden einzelnen Buchstaben des einmal Gehörten oder Gelesenen in Frage zu stellen gewillt war, bis vielleicht eine wahre Essenz übrig bliebe, weil viele seiner Vorgehensweisen sich mir kaum über die augenscheinlich verzweifelte Akribie hinaus erschlossen, mit der er sie betrieb, möglicherweise vor allem aufgrund unseres Altersunterschieds (ich hatte rund zwanzig Jahre zuvor ein ähnliches Programm absolviert), gelangen dabei selten gemeinsame Nenner.

„diese Linien im Kopf / sind die Linien der Flucht / keine Fluchtlinien“

In besagtem Café Storch, einem früher bei Dichtern beliebten Straßencafé im Belgischen Viertel unweit seiner Wohnung, war Thien jahrelang zuverlässig anzutreffen gewesen. Zu Beginn eines unserer ersten Zusammentreffen schenkte Thien mir dort Mangostan- und Rambutanfrüchte, die seine Mutter ihm anläßlich einer vietnamesischen Feier mitgegeben hatte und die er loswerden wollte, weil alles, was mit dem Thema Vietnam verbunden war, ihn bedrückte. Über seine Familie erzählte er ungern. Thien war als Kleinkind mit seinen Eltern als Flüchtling nach Deutschland gekommen. Erinnerungen daran besaß er keine. Was ich von meinen Reisen nach Vietnam zu berichten gehabt hätte, interessierte ihn nicht. Seine Wurzeln waren gekappt, zumindest beschädigt, in Sprache schlug er aus. In Sachen Sprachfindung wirkte Thien ebenso gehemmt wie besessen. Das konnte so aussehen, daß er sich über seine eigenen Sätze geradezu verzweifelt ärgerte, weil sie ihm nicht präzise genug erschienen; das konnte so aussehen, daß er ein Gespräch abrupt beendete und schimpfend davonstürzte, wenn ihm eine Äußerung seines Gegenübers nicht paßte.

„viele meiner Abonnenten / sind unzufrieden. weil ich ihnen immer / meine Probleme mitliefere“

Seine intensive Beschäftigung mit der Lyrik (oft trug er Bücher, Kladden und Manuskriptseiten mit sich), seine Seelenschwankungen (welche das Café Storch oder zumindest Tischecken davon auszufüllen in der Lage waren), seine Unfähigkeit zu freundschaftlichem Umgang und Liebesbeziehungen, seine Demonstrationen schlechter Laune entfremdeten ihn den meisten Menschen wie wohl auch die Folgen seiner über Jahre hinweg bitteren materiellen Armut. Entspanntere, hoffnungsfrohe Fasen, in denen er auf Perspektiven vertraute, wechselten mit solchen, in denen er vorwiegend innere Kämpfe ausfocht, die, wie mir zugetragen wurde, zunehmend in heftigen unkontrollierten Reaktionen mündeten, die Dritte vor den Kopf stießen. Unter der Auflage, es für mich zu behalten, hatte Thien mir erzählt, daß er vor seinem Auftauchen in Köln aufgrund psychischer Probleme eine Weile in Behandlung gewesen sei. Gelegentliche Ratschläge, sich mit seinen Problemen erneut an Fachleute zu wenden, schlug er mit der Begründung aus, daß solche Konsultationen erfahrungsgemäß zu nichts führen würden.

„die Bourgeoisie / nominierte diesen Kandidaten. die Sonntage nun schon / zum dritten Mal ausgezeichnet“

Als das Verlagshaus J. Frank (heute: Verlagshaus Berlin) sein lyrisches Debut fieldings herausbrachte, hatte Thien, der bis dahin kaum etwas veröffentlicht hatte, bereits erste Preise gewonnen und nach und nach mit der kompletten Kölner Dichterschaft gebrochen. fieldings hatte ich ungefähr zwei Jahre vor Erscheinen in einer ersten Version auf Thiens Wunsch lektoriert. Davon war später in den Credits keine Rede. Die Preise verhalfen Thien dazu, seine Gedichte über Kölns Kreise hinaus zu präsentieren. Sonderlich wohl schien er sich damit nicht zu fühlen. Unsere Gespräche wurden seltener und verliefen zuletzt so unerquicklich, daß ich ihm schrieb, es wäre an der Zeit, unsere Treffen auszusetzen. Er antwortete freundlich, wünschte mir Glück. Wenige Monate später hörte ich Gerüchte, Thien habe Köln verlassen.

„der luftleere Raum war uns / zu unpersönlich. wir strebten auseinander“

Obwohl oder vielmehr gerade weil wir in den letzten Monaten seines nun für immer jungen Lebens keinen Kontakt mehr pflegten, beschäftigt Thiens Tod seither jedes Jahr meine Gedanken. Die Todesnachricht hatte mich hart getroffen. (Thien ist in Paris gestorben, von Freitod hörte ich KollegInnen sprechen, ohne daß genauere Umstände zu erfahren gewesen wären.) Beinahe ebenso wie die Todesnachricht verstörten mich damals Äußerungen einiger weniger KollegInnen und gemeinsamer Bekannter: Verächtlichkeit und Mißgunst über den Tod hinaus für einen jungen Mann, für den das Wort Tragik gemacht schien. In Köln hatte Thien, vom Grundsatz ein defensiver Typ, es sich offenbar derart verscherzt, daß bis heute keine (literarische) Gedenkveranstaltung stattfand. fieldings ist nicht mehr lieferbar, ein möglicher Nachlaßband bisher nicht erschienen.

***

Ausschließlich KollegInnen außerhalb Kölns hatten vor sechs Jahren auf Thiens Tod öffentlich reagiert. Der poetenladen versammelt unter einigen wenigen Gedichten Thiens den Nachruf von Ron Winkler und eine akustische Gedenkminute von Mara Genschel. Ein kurzes literarisches Innehalten für Thien von Tom Bresemann, Simone Kornappel und Philip Maroldt ist bei lyrikkritik erschienen.

Nachtrag, 19. Dezember 2016
Ich darf mich korrigieren: Thorsten Krämer schrieb, nachdem ich diesen Artikel heute früh auf Facebook verlinkt hatte, er meine sich zu erinnern, daß er seinerzeit im Forum der 13 auf Thiens Tod mit einer Note reagiert habe. Damit hätte immerhin auch ein Kölner Kollege sich öffentlich geäußert. Der betreffende Beitrag ist allerdings mit dem gesamten, einst reichhaltigen und literaturgeschichtlich sehr interessanten Archiv des Forums nicht mehr zugänglich.