Flüsse und Tiere in Chiapas

Verschwimmende Erinnerungen: Cañón del Sumidero

Nach meinem ersten Grand Canyon, dem der Schweiz, der Ruinaulta, erreiche ich in Chiapas meinen zweiten, den Cañón del Sumidero, den „Grand Canyon Mexikos“. Ob diese Besuche ausreichen, mir eine Visite des Namenspatrons in Arizona zu ersparen, bleibt unklar, selbst als es gelingt, die Flüsse dieser beiden Canyons, Graubündens Rhein mit Chiapas‘ Río Grijalva, mental zu überblenden. Auf der einen Seite das wilde, klare, trinkbare Surselvawasser, aus dem ich vor wenigen Jahren mit bloßer Hand eine Groppe gefischt habe und dem die Schweizer Boulevardpresse Alpendelfin-Legenden zuschreibt, auf der anderen Seite das Blasen werfende, toxisch-braune Sumiderowasser, in dessen verschlammten Tiefen neben anderen unerforschten Wesen bis heute die Geister der Chiapa siedeln könnten, einer früheren Mayapopulation, die der drohenden Versklavung durch die Konquistadoren den kollektiven Sprung in die Schlucht vorgezogen haben und dabei ausgestorben sein soll. Der Wasseramsel des Vorderrheins diametral gegenüber stehen tropische Silberreiher, deren strahlend weißes Gefieder jede Waschmittelreklame beschämt. In der Ruinaulta stapfte ich in Wanderstiefeln durch Wald und Flachwasser. Durch den Sumidero rase ich mit dem Speedboat. Den Himmelskorridor zwischen den Felswänden bevölkern verirrte Pelikane, im schattenartigen Flug die Schnabellanze leicht abgesenkt wie verkaterte Turnierritter. Darüber kreisende Rabengeier in kirre machenden Formationswechseln. Fünfbeinig-fünfarmig-greifschwänzig turnende, bizarre Körperhaltungen einnehmende Affen gehen den Alpen derzeit genau so ab wie Schlammbänke voller Krokodile. Ein die gesamte Flussbreite bedeckender Müllteppich bildet das Zentrum des chiapanesischen Naturschutzgebiets. Darin stakend: Boote voller Touristen, deren Kapitäne von den Heckkanzeln die „Hohe Geschichte des Plastikmülls“ predigen, deren Spitzen jedoch der Wind stiehlt, bevor sie verstanden werden können. Mühsam häckselnde Motorschrauben befreien die Boote mit ihren Schwimmwesten tragenden Passagieren, Schwimmwesten in Signalfarben chemischer Sonnenuntergänge: die Toten, heißt es in Mexiko, würden von den Farben Gelb und Orange besonders angezogen. Dass während der Fahrt bloß niemand seine Hand ins Wasser tauchen solle, lautete eine der vorab gehörten Warnungen. Meine Sitznachbarin versorgt mich unterdessen mit frischen Jícama-Scheiben, einem Snack, dessen aztekischer Namensursprung laut Wikipedia, je nach Ländereintrag, “Wasserwurzel” oder „Schmeckendes“ bedeute.

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revolutionskarnickel

Tuxtlenisches Revolutionskarnickel

Der Río Sabinal durchfließt die chiapanesische Hauptstadt Tuxtla Gutiérrez. Von kleinen Straßenbrücken überquert, gesäumt von klischeeisiert-üppiger Tropenvegetation, führen Trampelpfade an den Ufern entlang in menschenleere Zonen der ansonsten durchaus geschäftigen Stadt. Müll liegt auf den Wegen, stinkender Matsch, gespickt mit wohlig-betörenden Frangipani-Blüten. Ein Leguan verwechselt sich mit einem Eichhörnchen und zischt durchs ausladende Geäst über dem schmalen Wasserlauf. Rückwände, zerfallende Mauern, Graffiti. Das abschnittsweise eingefaßte Flußbett steckt voller Müll. Verkommene Parkanlagen, von potentiellen Besuchern strikt gemieden. Je weiter ich mich entlang der Ufer von der Straße entferne, desto stärker riechen sie nach Gefahr. Undefinierbare Bäume mit vor Wollust und Überdruss platzenden Früchten, überdimensionale Insekten mit Körperstrukturen, als gälte ihr Leben einer einzigen Aufforderung zur Vivisektion. Ich erinnere mich an Zeitungsartikel: Fotos von Leichenfundorten, gefolterte Torsi am Gestade. Das Elend der Stadt, gekippt in ein Rinnsal. Die überbordende Vegetation, der fantastische Vogelsang. Jeder Baum ein Vanitas-Symbol, krank und zugleich sprießend. Wieviel Prozent mag der Blutanteil des Wassers betragen? In Chiapas, wo der Tod in direkter Nachbarschaft des Lebens wohnt, eignen die Flüsse sehr deutlich neben ihrem Kreislauf- und lebensspendenden Charakter auch jenen der Selbstzerstörung und des Todes. In stadtplanerischer Hinsicht ist der Río Sabinal das am leichtfertigsten dem Nichts übereignete Naturfänomen, das ich bisher gesehen habe, denn die natürliche Oase einer von Hitze ausgelaugten Stadt wird inszeniert als kaum zu betretender Sumpf bzw als touristische Empfehlung für Zyniker und Lebensmüde.

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otter

Seltenes, in Chiapas heimisches Gelbwassertier

Die äußerliche tropische Hitze provoziert Ausbrüche meiner inneren Hitze. Ich drifte einher als Schatten suchender Planet. Ich jage den Tapir. Der Tapir jagt in mir. Der Tapir jagt nicht, er fläzt sich im Schatten, den ich suche. Äußerer und innerer Schatten: werden sie je zur Deckung gelangen? Der Tapir lebt nicht in meinem Inneren, er lebt im Zoo, durch den ich streife. Sein Gehege liegt hinter den Hügeln, die ich wegen meines Fiebers nicht erklimmen kann. Die Müllbehälter des Zoos tragen Aufsätze aus Tapirköpfen. Schlafe ich, zwingt mich der Tapir, ihn bis an den Rand des Erwachens zu reiten. Anderntags darf ich mich als erster Europäer in die Mitgliederliste der Liga del movimiento de la elegancia tapirística (Liga der tapiristischen Eleganzbewegung) eintragen.

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der tapir

Träges Totem Tapir

Während einer Fieberwanderung stoße ich in San Cristóbal auf den Río Amarillo, der so gelb aussieht wie sein Name es besagt. Von allen gelben Flüssen einer der gelbsten, gewiss. Wäre es an mir, ihn zu benennen, höchstwahrscheinlich würde ich ihn ganz genau so benennen wie er längst aus gutem Grunde heißt. Ansonsten handelt es sich eher um ein Flüsschen, denn um einen Fluss. Er streift die Stadt und sieht wie die beiden weiter oben portraitierten Flussabschnitte alles andere als gesund aus. Mehr als eine zusätzliche Farbnuance fällt die Häufung öffentlich angebrachter Zeilen auf, als ich die auf eine Fahrspur sich verengende Puente Blanco (Weiße Brücke) quere. Auf deren Pfeilern sind Knittelverse zur Geschichte der Brücke wie des “mejicanischen Vaterlands” angebracht. Und in unmittelbarer Nähe findet sich ein beinahe hauswandgroßer Schriftzug “Vivos los llevaron! Vivos los queremos!” (“Lebendig habt ihr sie geholt! Lebendig wollen wir sie zurück!”): eine Parole, mit der nach der Entführung und mutmaßlichen Ermordung von 43 studentischen Demonstranten in Ayotzinapa im Jahr 2014 das gesamte Land bepinselt wurde.

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geckoblaster

Spirituelles Gegacker aus pazifikblauem Geckoblaster

Klammeraffen heißen auf Spanisch Spinnenaffen, Krokodile Kokodrile und Spechte Schreiner. Nicht minder passende Namen als die unsrigen. Gelbbrüstige Spechte bewohnen in Chiapas Stadt und Land, sie picken um des Pickens willen auch an hauchdünnen Zweigen, deren Bepicken völlig sinnlos erscheint und unter ihrem Flügelschlag beginnt der Himmel zu rotieren. Leguane, die ich nie anders als dösend-äugend in Terrarien, reglos-camouflierend auf Mauerabbrüchen ghanaischer Freiluft-Autowerkstätten oder tot von den Schultern ihrer begabten karibischen Jäger baumeln sah, entwickeln in Tuxtla erstaunliche Geschwindigkeiten bei der innerstädtischen Flucht vor meiner Kamera.

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el zopilote pasa

El zopilote pasa

Die Erde bebt, mein Körper bebt. Tag für Tag. Häufig bleibt unklar, was genau da bebt. Die Straßen beben, es beben die Autos auf den Straßen. Wie Flüsse beben, ist nicht zu ermitteln. Ich sehe wilde Tiere, hinter, vor und zwischen Zäunen, in der freien Natur der Stadt. Bebende Reptilien. Beben auslösende Insekten. Staksende Grackeln. Atme mit Klarsicht verdünnte Luft. Esse wurmstichige Früchte von einem Baum, der noch mit B. Travens Asche gedüngt worden ist.

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Neulich, in der Kölner Literaturszene (10)

Im Rahmen der Reihe Kölner Gespräche zur Weltliteratur war der guatemaltekische Autor Eduardo Halfon, dessen Buch Der polnische Boxer ich hier vorgestellt habe, zu Gast im Neuen Senatssaal der Universität zu Köln (Hauptgebäude, Albertus-Magnus-Platz 1). Eine für ihren Aufwand recht klandestin angelegte Veranstaltung, auf die mich Timo Berger aufmerksam gemacht hatte, der die Übersetzung des Autorengesprächs besorgte. Halfon, der derzeit vom Literaturbetrieb zum neuen Star der lateinamerikanischen Literatur aufgebaut wird, las mit gutem Gefühl für die Textmaterie aus seinem gerade auf deutsch erschienenen Buch Signor Hoffman die bildstarke, haften bleibende Erzählung Bambus, die an der guatemaltekischen Pazifikküste angesiedelt auf engem Raum Gegensätze und Wildheit des mittelamerikanischen Landes thematisiert:

Ich kam an einem Stück Land mit Cashew- und Mangobäumen vorbei, an einer verlassenen Tankstelle, an einer Gruppe sonnengebräunter Männer, die ihr Gespräch unterbrachen und mich nur aus dem Augenwinkel betrachteten, aus Ressentiment oder Zurückhaltung. Die Erde unter den Füßen war keine Erde, sondern Papierfetzen und Verpackungsmaterial und trockenes Laub und Plastiktüten und ein paar Reste von grünen Mandeln, zertreten und moderig. In der Ferne hörte ein Schwein nicht auf zu brüllen. Ich ging langsam weiter, ohne mir Gedanken zu machen, betrachtete eine Mulattin auf der anderen Straßenseite, zu dick für ihren schwarz-weiß gestreiften Bikini, zu pausbäckig für ihre hohen Absätze. Auf einmal spürte ich Nässe am Fuß. Ich hatte mir die Mulattin zu lange angesehen und war dabei in eine rötliche Pfütze getreten. Ich blieb stehen. Als ich nach links blickte, in eine dunkle, enge Lagerhalle, entdeckte ich, dass der Boden dort voller Haie war. Kleine Haie. Mittelgroße Haie. Blaue Haie. Graue Haie. Braune Haie. Sogar ein paar Hammerhaie. Alle trieben sozusagen in einer Suhle aus Salzwasser und Eingeweiden und Blut und noch mehr Haien. Der Geruch war fast nicht zu ertragen. Ein Mädchen kniete da. Das Gesicht glänzend von Wasser und Schweiß. Ihre Hände griffen in einen langen Einschnitt im weißen Bauch des Hais und zogen innere Organe und Eingeweide heraus. (…) Mir fiel auf, dass die meisten Haie schon keine Flossen mehr hatten. Ich erinnerte mich, irgendwo gelesen zu haben, dass es da einen internationalen Schwarzmarkt gab. Den Flossenmarkt. Da wird man aufpassen müssen, dachte ich, später im Meer. An so einem Haifischtag.

Das begleitende Gespräch drehte sich vornehmlich um die bei Halfon zentrale Frage nach der literarischen Identität. Die Eduardo-Figur seiner Bücher ähnle ihm in Aussehen und Alter, rauche jedoch wie ein Schlot, während er selber „zu feige“ zum Rauchen sei, meinte der Autor und stupste dabei fleißig den Moderator an. Dass seine Hauptfigur stets seinen Namen trage, habe „sich mit der Zeit so ergeben“. Seine Auseinandersetzung mit Guatemala stehe vor dem Hintergrund, dass er mit seiner Familie das Land während des Bürgerkriegs in Richtung USA verlassen habe müssen. Als Jude sei er in Guatemala ein seltenes Exemplar, auch seine Statur und sein Spanisch unterschieden ihn von klassischen Guatemalteken. In den USA habe er Englisch zu denken begonnen und seine Studien in der neuen Sprache abgeschlossen. Erst im Alter von 23 Jahren habe er sich wieder auf das Spanisch seiner Herkunft, in dem er seither sämtliche Erzählungen verfasst, besonnen.

Gerahmt wurde Halfons sympathischer Auftritt von einem Literarischen Quintett, das aus Heinrich von Berenberg (Berenberg Verlag), Anita Djafari (LitProm), Ijoma Mangold (Die Zeit), Thomas Sparr (Suhrkamp) und Nicole Witt (Agentur Mertin) bestand und über Gründe der geringfügigen Repräsentation von Literaturen aus dem Dritte Welt-Gürtel auf dem deutschen Buchmarkt sich austauschte, sowie einem Empfang mit Quiche und Wein.

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Im Literaturklub (Theater Die Wohngemeinschaft, Richard-Wagner-Str. 39) lud Adrian Kasnitz zum zweiten Mal zum Lyrikfest Über der Kimmung. Mehrere Lesungen wurden zunächst zaghaft begleitet von variantenreichen, frei in den Raum geworfenen Lautäußerungen eines Babys in der Sitzreihe hinter mir. Nachdem das Baby unter den Stühlen in meine Reihe vorgekrochen war, gelang es mir nach und nach, seine Laute zu koordinieren. Fortab gickste und juchzte das Kind nicht nur, sondern begann mit den Armen zu arbeiten, an mir herumzuzupfen und an seiner Mimik zu feilen: eine Performancenatur, die einige Bühnenvorträge auszustechen vermochte.

Was noch gut war: Wolfgang Schiffer stellte die isländischen Atomdichter vor, die in den 50er-Jahren mit den seit Jahrhunderten erstarrten Versformen der Edda und der Skalden brachen und damit gesellschaftliche Skandale auslösten, die – die Rede ist vom Umgang mit lyrischen Traditionen! – bis hin zu Morddrohungen gereicht haben sollen. Rund 50 Gedichte der Atomdichter und ihrer Nachfolger hat Wolfgang Schiffer, der die Texte mit anderen ins Deutsche übertrug, bisher auf seinem Blog Wortspiele in der Serie Dichtung von der Insel aus Feuer und Eis einzeln vorgestellt und mit zusätzlichen Informationen, Anekdoten und Fotos versehen. Zum Einstieg empfehle ich: Wintertag von Stefán Hörður Grímsson und Sauberland aus den Supermarkt-Gedichten Andri Snær Magnasons.

Ein weiterer Höhepunkt war die Lesung von Menno Wigman aus Amsterdam. Menno hatte ich 2008 in der Bukowina anläßlich eines einwöchigen Poesiefestivals kennengelernt, wo ich erstmals auf seine Gedichte stieß, deren schwarzromantische, von Popelementen und milder Nostalgie durchwirkte Eleganz mich umgehend einnahm. Von schönen Idioten war darin die Rede, von der abstrusen wie konkreten Verletzlichkeit von Körper und Seele, und davon wie es kommt, daß in Amsterdam soviele Männerleichen in den Grachten aufgefunden werden. Um Mitternacht, wenn wir von ganztägigen Bustouren zu den Auftritten in den bukowinischen Ortschaften nach Suceava zurückgekehrt waren, hatten wir uns desöfteren bei Zigaretten und rumänischem Wodka der Marke Stalin in die kleineren Parks verzogen, um im Windschatten der Karpaten die europäische Literaturlandschaft und Popgeschichte zu zerreden. Mittlerweile ist Menno mit seinem Auswahlband Im Sommer stinken alle Städte in deutscher Übertragung bei der parasitenpresse gelandet, bei der auch drei meiner Gedichtbände erschienen sind. Der Abend brachte zutage, daß Menno (neben vielen anderen niederländischen und flämischen Dichtern) im Auftrag der Stiftung De Eenzame Uitvaart Nachruf-Gedichte für Verstorbene ohne Angehörige schreibt, eine Idee, die auf Bart FM Droog, einen weiteren befreundeten niederländischen Kollegen zurückgeht. Wünschenswert wäre, daß diese Idee auch in Deutschland Unterstützung erlangt. Ein großartiges Beispiel ist das Gedicht Hou niet van mij (Lieb mich nicht), das Menno für den in Serbien geborenen Igor K. (1970-2016) verfaßt hat:

Hou niet van mij

Het was een feest, je weet niet meer wanneer,
je brak een tand, je weet niet meer waarom,
maar bloedend had je het bestaan doorgrond.

Je bleef de bodem uit je leven slaan:
een optocht hier, een vaandel daar, de roes
van witte grafmuziek om voor te sterven.

Ik zie je, Igor, ik zie je en ik lees je lichaam.
Dit is wat je tatoeages me vertellen:
hou niet van mij, maar vrees me, vrees me.

Hoe lang al was je in jezelf verongelukt?
Waar kon je heen met die beladen huid?
– Jij met je laarzen vol verstand, verstrikt

in hevig wit en radeloze razernij,
je zocht gejaagd een lus voor je gelijk,
hing het op straat voor iedereen te kijk.

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Macht und Ohnmacht der Worte war das Programm der Kölner Literaturtage, organisiert vom lokalen VS (Verband deutscher Schriftstellerinnen und Schriftsteller), betitelt, mit natürlichem Schwerpunkt auf politischer Literatur. Im Academyspace (vormals Teapot, Herwarthstr. 3) der Akademie der Künste der Welt befragte Roberto Di Bella die Autoren Ramy Al-Asheq, Vougar Aslanov und Safiye Can zu ihren Erfahrungen mit Flucht und Migration.

Der „staatenlose syrische Palästinenser“ Al-Asheq lebt derzeit in Köln, wo er als Chefredakteur seit einem knappen Jahr die (wie es hieß) erste arabische Zeitung Deutschlands, Abwab (Türen), betreibt – die FAZ berichtete im Februar über das Projekt. Als Lesebeitrag trug Al-Asheq aus einem Langgedicht vor, welches klassische Elemente arabischer Lyrik als Stream of Consciousness mit freizügig-modernem Vokabular neu anzuordnen schien und um einen Mordanschlag auf den Autor in Damaskus sich gruppierte: für meine nicht sonderlich mit arabischer Lyrik vertrauten Ohren eine neuartige und hochinteressante Erfahrung.

Safiye Can, eine in Deutschland geborene Autorin mit tscherkessischen Wurzeln, auf die ich bereits als Übersetzerin türkischer Lyrik ins Deutsche hingewiesen habe, trug in einem Stil vor, der an Slam Poetry (und mich insbesondere an meine eigenen Performances früherer Jahre) erinnerte: eingängige, für die Bühne überaus brauchbare Gedichte, die sich am gül ve bülbül (Rose und Nachtigall)-Motiv der türkischen bzw. vorderasiatischen Literatur orientieren: der schwierigen, unerwiderten Liebe.