An unreality of himself

David Lalé_Last Stop Salina CruzDen Spuren des Exzentrikers und Prädadaisten Arthur Cravan folgt diese vor zehn Jahren erschienene Road Novel des britischen Autors und Filmregisseurs David Lalé, indem sie historische Informationen zur Person Cravans mit der Coming of Age-Geschichte ihres Ich-Erzählers verschneidet, eines Büroangestellten und verhinderten Schriftstellers, der überstürzt aus England aufbricht, um per Anhalter und als Backpacker die Lebensstationen des sagenhaften Boxerpoeten aufzusuchen: von Paris über Barcelona, New York, Mexiko-Stadt hin zum wahrscheinlichsten Ort seines Verschwindens: Salina Cruz an der Pazifikküste im mexikanischen Bundesstaat Oaxaca.

„I’m perhaps the king of failures, since I must sureley be the king of something.“ (Arthur Cravan)

Paris
In den Jahren vor dem Ersten Weltkrieg hatte Cravan in der angesagten Kunstmetropole seine Zeitschrift Maintenant herausgegeben, seine ersten Skandale inszeniert, aufgrund wilder Erfindungen und Anschuldigungen, radikaler Performances und Zeitungsenten frühen Ruhm erworben. Weithin vergebens sucht Lalés Ich-Erzähler knapp hundert Jahre später in Paris nach Cravan’schen Adressen: entweder existieren die Gebäude nicht mehr oder sind seit Jahrzehnten Bestimmungen gewidmet, die so deutlich über das alte Flair hinweg geschrieben haben, daß es nicht einmal mehr erahnbar ist. Das Logis in einem billigen Hostel verschärft seine Krise. Ein Schlafsaal-Mitbewohner palavert unablässig davon, gerade „das neue On the Road“ zu schreiben. In der Lobby liegt zufällig eine veraltete englische Zeitschrift mit der einzigen Kritik (einem Verriß) seines Debutromans aus. Der handelte von Pech und Erfolglosigkeit, die sich in der Realität bis in die unglückliche Entsorgung der überschüssigen Exemplare fortsetzten:

The nine hundred and eighty-two unsold copies of my novel had been stacked in my father’s garage for years, to gather cement dust and be pissed on by generations of rats. Finally I carted them out in a wheelbarrow, down to the bottom of his garden, where I intended to burn every last one in a ritual of purgation.
But during the years of storage the books had become damp and mildewed, and they burned reticently, giving off a bitter green smoke. Even with the addition of a gallon can of paraffin they failed to come alight. They smouldered there for two days before finally choking the fire. I raked through the pile of blackened and partially carbonized books, and left them for the autumn, to be rained on and to rot.
The following year my father used the remains of them for compost on his vegetable patch, and that season their corrupted ashes miscarried three sickly and inedible Savoy cabbages. The garden was barren ever afterwards, and its wretched drabness mocked me whenever I went over to visit.

Erfolglosigkeit ist, neben Flucht, zentrales Motiv auch des vorliegenden Romans. Von seinen Mißerfolgen genervt, begibt sich der Ich-Erzähler auf den Père-Lachaise. Die dort spielende Szene deckt sich erstaunlich mit meinen Erlebnissen am Grabe Jim Morrisons, von dem Lalé schreibt, daß er als frühverstorbener, visionärer Poet durchaus eine Inkarnation Cravans vorstellen könnte:

Around the next corner I stumbled into the midst of a crowd of tourists. They were kneeling at the foot of a tomb adorned with tea lights and great welts of fresh flowers in bouquets. These people were consumed by a hushed reverence, the only sound was a murmur of sobbed incantations. (…) I backed off. I walked away as quickly as I could (…). At every turn I ran into tourists consulting fold-out maps and asking me where Morrison’s grave was. The first few I just ignored, but – thinking better of it – the next group to flag me over I misdirected into the inwardingly collapsing vortex at the centre of Père Lachaise.

Barcelona
Um der Einziehung zum Militär und somit den Schützengräben zu entgehen, flüchtet Cravan aus Paris nach Katalonien und hängt mit anderen Pariser Exilanten ab: Anarchisten und Künstlern, deren Wege sich selten kreuzen. In Barcelona lebt er am Park Güell, zu dessen Fuße ich – eine Koinzidenz, zu deren Zeitpunkt Cravans Name mir noch nicht geläufig gewesen war – im Sommer 1991 einige Tage als Gast bei den anarchistischen Besetzern einer ehemaligen Polizeikaserne verbrachte, die sich von der deutschen Szene u.a. durch ihre Vorliebe für Schwarzenegger-Filme und das Nacktsonnen, generell durch offen zur Schau gestellte Lebensbejahung unterschieden. Teile Barcelonas wurden damals für die Olympischen Sommerspiele im Folgejahr umgebaut. Lalé läßt seinen Ich-Erzähler keine zwei Jahrzehnte später konstatieren, daß mittlerweile alle europäischen Städte gleich aussähen („Barcelona was just the same as Paris“) und in den Gesichtern der sie bevölkernden Menschen ein vernichtendes „I can never change“ erblicken.

Cravan’s relationship to the anarchist cause was an ambiguous one. It seems he should have been sympathetic to the worker’s plight, since their struggle reflected his own personal revolution. He had slipped the leash of polite society, and had nothing but contempt for the tyranny of civil behaviour that turned natural instincts into guilty secrets, primal urges into perversions, and made hypocrites of all men. He embodied the questioning nature of a godless time riddled with doubt and insecurity. (…) These were the times that gave birth to Dadaism. It sprung from the same spirit of nihilism, in defiance of the values of the past. Dada was a violent revolt against bourgeois pity, and who better to enact this revolt than Cravan, the scandal-artist with a love for the puerile and the profane and a natural-born gift for causing offence – the human spectacle who inspired admiration and loathing in equal measure and was ready to drop his underpants at a moment’s notice?

In Barcelona findet Cravans Kampf gegen den ehemaligen Schwergewichtsweltmeister Jack Johnson statt, ein Schauboxen, von dem Cravans Aufwärmfase in einem kurzen Film auf Youtube zu sehen ist. Für eine Zeit folgt er Francis Picabia („Even as he produced a masterpiece, he knew full well that art was a pretty waste of time in a world without meaning“) nach Tossa de Mar, wo beide Lalé zufolge die Grundlagen für Dada ausbrüteten. Der zunehmend verlorener wirkende Ich-Erzähler nutzt die trostlose Kulisse winterlich leerstehender Hotelkomplexe für ein Komabesäufnis mit schottischen Skinheads.

Dada was a prophecy and Cravan was its prophet. But he didn’t stop to consider what he was prophesying. The fact is, he didn’t care. (…) While his complete works number a mere dozen derivative poems, the real Dada masterpiece was Cravan himself.

New York
Als auch Barcelona für Kriegsverweigerer zu unsicher wird, flieht Cravan über den Atlantik nach New York. Während der Schiffspassage trifft er auf Leo Trotzki (wie dessen Tagebuch verbürgt) und erobert nach der Ankunft die New Yorker Kunstszene als arroganter Sonderling in Salons und mit einem skandalösen, in einer Verhaftung endenden Nacktvortrag, als dessen Strippenzieher jedoch Marcel Duchamp gilt, der Cravan gezielt mit Pastis abgefüllt und den stinkbesoffenen angestachelt und auf die Bühne geschubst haben soll. In New York verliebt sich Cravan in die britische Dichterin Mina Loy, die in den Salons als „Prototyp der modernen Frau“ gehandelt wird und, was den Sensationswert betrifft, seinen weiblichen Gegenpart darstellt.

„The world has always exploited the Artist – it is time for the Artist to exploit the world!“. (Arthur Cravan)

Lalés Ich-Erzähler indes macht eine frühere Wohnung Cravans ausfindig, in der nun eine reizende alte Dame lebt. Da diese unter Taubheit und Alzheimer leidet, quartiert er sich kurzerhand für ein paar Tage in den weitläufigen Räumen ein. Im Central Park trifft er auf einen Schachmeister, der sein Auskommen verdient, indem er Passanten zu Partien um Geld herausfordert: die Referenz geht an Marcel Duchamp, der sich an gleicher Stelle bis zur Selbstaufgabe ins Schachspiel vertieft hatte. Nach 200 Seiten rückt der Erzähler damit heraus, daß seine gerade von ihm verlassene Lebensgefährtin von ihm schwanger sei.

Mexiko-Stadt
Als der Krieg nach Amerika ausgreift, sind Cravans New Yorker Tage gezählt. Auf abenteuerlichen Wegen gelangt er nach Mexiko-Stadt und residiert im Slackers‘ Hotel, einer Absteige für Mittellose. Ohne Szene, die auf seine Selbstinszenierung wartet, verfällt Cravan auf Krankheiten und schmachtende Liebesbriefe voller Lügen an Mina Loy. Lalé vermutet zunehmend aussetzenden Verstand. Eines Tages trifft Loy in Mexiko ein. Das Paar lebt von ihrem Ersparten und gelegentlichen Boxkämpfen. Der „Prototyp der modernen Frau“ hält die gemeinsame Wohnung sauber, kocht und wäscht Cravans Wäsche. Ein verschobener Kampf ist schließlich der einzige, den Cravan je im Ring gewinnt: mit dem Resultat, sich in der Stadt nicht mehr blicken lassen zu können.
Lalés Ich-Erzähler staunt 90 Jahre später über fremdartige Vorkommnisse, indianische Zeremonien in einer Megalopole, die sich in permanenter Rush Hour befindet und zitiert André Breton: „Mexico is truly the land of the surrealists.“

Salina Cruz
Über Stationen an der Pazifikküste gelangen Cravan und Loy nach Salina Cruz, ein gottverlassenes („life means nothing here“) Nest in Mexikos Süden, Absprungsort zu den Häfen Südamerikas. Inzwischen ist das Paar verheiratet und Mina schwanger. Cravan kauft am Strand von La Ventosa günstig ein leckes Boot und steckt seine Energie darein, es seetüchtig zu bekommen. Als es soweit ist, verkündet er eine Probefahrt, segelt über den Horizont und taucht einzig in Gerüchten wieder auf.

A sizeable group of slackers was already occupying the finest flop-house in Salina Cruz. They spent their days at Otto’s, a ramshackle bar knocked together by a ship’s carpenter who used his connections in the merchant navy to keep the place stocked with German beer. Pink insect netting drooped over the doors and windows, for decorative purposes more than anything else, for it provided scant protection against the merciless advance of the mosquitoes. The proprietor, armed with a rag and a stiff brush, expended his energies in tireless defence of his territory from the incursions of poisonous animals (…) From time to time Otto’s eyes would turn glassy, focusing somewhere in the air beyond his customers, then he’d vault the bar, bring down a scorpion from the wall with his dishcloth and dance it to death on the floor. This was the extent of the entertainment in Salina Cruz.

Angelangt, wo Cravan („an unreality of himself“) über das Meer verschwand wie im karibischen Gegenstück zu Salina Cruz in Coatzacoalcos der gefiederte Schlangengott Quetzalcoatl, schwant Lalés Ich-Erzähler Sinn und Auflösung seiner eigenen Flucht.

David Lalé_Last Stop Salina Cruz_FotoErzählerische Zurückhaltung im Wechsel mit Bissigkeit sowie der feine Humor Lalés erzeugen einen Grundanstrich klassischer Britishness. Verschwommene Schwarzweiß-Fotografien ergänzen den Text: Authentizitätsnachweise bezüglich der Spielorte. In den Cravan-Passagen bleibt der Roman dicht bei der im Dankeswort ausführlich niedergelegten Quellenlage, die bekanntlich voller Widersprüche steckt. Deutschsprachige Cravan-Adepten dürfen zahlreiche Fundstücke, Anekdoten, Zitate und Aspekte, welche über die bei Nautilus erschienene Materialsammlung König der verkrachten Existenzen hinausgehen, bzw. dort nicht mitgelieferte Interpretationen erwarten.

In March 1910 Cravan entered the 8th Boxing Championship Meeting organized by the French Federation of Boxing Societes. This turned out to be one of the most uneventful competitions in the history of boxing. Plagued by clerical cock-ups and an outbreak of illness amongst the competitors, it was in fact an utter washout from which Cravan was the only person to derive any satisfaction. His first opponent was overcome by pre-fight nerves and forfeited the match. The following two fights were called in Cravan’s favour when his rivals fell victim to administrative incompetence and were directed to the wrong venue. Cravan progressed through the tournament unchallenged and found himself in the final rounds. His semi-final opponent, Gaumier, sprained his ankle as he vaulted into the ring and promptly withdrew limpingly from the competition, allowing Cravan to go through to the championship bout. On 14th March he claimed victory in a blaze of glory when his opponent, Pecquerieux, was confined to his bed with a nasty cold. Cravan was pronounced Heavyweight Champion of France without having thrown a single punch.

David Lalé: Last Stop Salina Cruz, Alma Books Ltd., London 2007 (Paperback 2008)

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Von Totenorten

Der romantischste Gottesacker meiner Erinnerung ist der Parkfriedhof in Niebüll. Ich betrat ihn zufällig, er lag gerade recht, um von einem längeren Fußmarsch zu pausieren. Von einer verwitternden Sitzbank blickte ich auf wilde, halb verwunschene Parklandschaften: großzügige Flächen lagen zwischen den Gräbern, das ungemähte Gras erreichte an manchen Stellen Wadenhöhe. Brombeeren, Äpfel und Birnen sprossen aus den Gebeinen, Rankpflanzen rahmten die Perspektiven wie in einem verspielten Scherenschnitt. Im bröckelnden Gemäuer fanden sich Kommunikationsspuren der nahen, ob ihrer Launen gefürchteten See. Das Gräberensemble war gänzlich frei von Pomp. Die einzelnen Grabstätten glichen stilvoll verwilderten Einlässen ins unsagbare Nichts der Ewigkeit: graue Quaderflächen mit eingravierten Zaubercodes aus Buchstaben, Zahlen, Symbolen: eine sympathische Brise blätterte in den Bäumen und erweiterte das Zeichensystem gekonnt um passende akustische Komponenten. Es war ein großer Vormittag. Ameisen paradierten, ein taumelnder Mistkäfer erging sich in simpler Drolligkeit. Berauschend senkte sich das Parfum Gottes in kaum wahrnehmbaren Schwaden über den Ort. Das Singvogelkonzert, zunächst etwas abseits in den Büschen, dann vom vagierenden Luftdruck direkt in meine Gehörgänge appliziert, verlief freudig, doch zu keinem Zeitpunkt ungehalten. Kurzum, der Niebüller Friedhof zeigt sich in der Rückschau derart idealisiert, daß ich meiner Erinnerung nicht trauen kann: Details, die ich unter Eid niemals bestätigen würde, geben sich in meinem neuronalen Netzwerk ein Stelldichein und fügen sich zu grandiosem Kitsch. Offenbar benötigt meine Vorstellung die Möglichkeit eines solchen Idylls, eines memotechnisch verklärten, perfekten Ruhe- und Rückzugsorts, den ich aufgrund seiner Abgeschiedenheit in der Realität kaum je ein zweites Mal betreten werde.

Eindeutiger sind meine Erinnerungen an den British Cemetery in Loos-en-Gohelle. Weiße Grabtafeln stehen auf dem nordfranzösischen Soldatenfriedhof in geordneten Reihen wie bei einer historischen Schlachtaufstellung oder dem Antanzen zum letzten Appell. Die meisten Gräber sind anonym und so denke ich an namenlose Gestalten, gesichtslose Männer, Uniformierte, die in Angst und Hast gegen eine Spiegelachse ziehen, eine Linie, hinter der andere gesichtslose Männer in leicht abweichenden Uniformen wiederum sich der Front nähern, um massenhaft zu töten und sich abschlachten zu lassen für die Interessen einiger weniger, die weit von dieser Front entfernt Gewinne und Verluste aufrechnen. Ein einziger Mann besitzt doch ein Gesicht. Es handelt sich um meinen Großvater väterlicherseits. Im Ersten Weltkrieg war er in Frankreich als Soldat im Einsatz. Wo genau, ist unbekannt. Überliefert ist lediglich, daß er nach Kriegsende zu Fuß in die Heimat zurückkehrte. Mein Gefühlshaushalt gerät angesichts der Gräberreihen außer Balance. Ich bin vom Conseil Régional (dem Äquivalent unserer Landesregierungen) als Freund in eine Gegend eingeladen, die meine Vorfahren als Feinde heimsuchten. Ein Moment, in dem meine Nationalität, die Handlungen meiner Ahnen mich beschämen, auch wenn von den Lebenden in Loos niemand auf die Idee kommt, diese Scham zu befördern. Ich stapfe durch die Reihen, die tiefstehende Novembersonne tüncht einzelne der ohnehin schon blendend weißen Grabtafeln in eine Art Heiligenschein. Auf zahlreichen anonymen Gräbern entdecke ich die Wortfolge „Known unto God“, deren altertümliche Schönheit mich berührt. Zunächst eine shakespearsche Halbzeile vermutend, finde ich später im Internet die Information, daß es sich um ein Epitaf aus der Feder Rudyard Kiplings handelt, den eine besondere, im Ort selbst kaum bekannte Geschichte mit Loos-en-Gohelle verbindet. Der 1907 mit dem Literatur-Nobelpreis ausgezeichnete Kipling schickte aus patriotischen Überlegungen und unter Einsatz seiner Beziehungen zur Politik seinen einzigen Sohn John, der eigentlich für kriegsuntauglich befunden worden war, an die Front. In der dreiwöchigen Schlacht von Loos im Herbst 1915 wurde John Kipling verletzt und als missing in action deklariert. Nach dem Ende des Krieges reiste Rudyard Kipling, inzwischen zum Pazifisten gewandelt, bis zu seinem Tod im Jahre 1936 jeden Sommer in die Gegend von Loos, um den Verbleib seines Sohnes zu klären. Erst 1992 wurde John Kiplings Grab im Nachbarort Haisnes identifiziert. Den in Loos gefundenen Grabspruch „Known unto God“ nutzte ich als Titel für die Geschichte des in sich selbst verlorenen und unter Tage zu einem Maulwurf mutierten Bergmanns Topowski, die ich gemeinsam mit Dominique Sampiero und dem schlesischen Fotografen Arek Gola vor Ort entwickelte.

Britischer Soldatenfriedhof in Loos-en-Gohelle. Foto: Arek Gola

Britischer Soldatenfriedhof in Loos-en-Gohelle. (Foto: Arek Gola)

Vom Fluß meiner Kindheit und Jugend, der Alb, durchflossen wird der Rüppurrer Friedhof. Er ist deutlich älter als die evangelische Auferstehungskirche, zu deren Füßen er liegt und in deren Name die Erwartung einer Zombieinvasion mitschwingt, die von „meinem Stadtteilfriedhof“ ihren Ausgang nehmen könnte. Ein flußdurchflossener Friedhof ist etwas Schönes, doch mich stimmt der äußerlich hübsch anzusehende Rüppurrer Kirchacker stets traurig. An keinem anderen Ort spüre ich die Auswirkungen meiner Wurzellosigkeit in vergleichbarem Maß. Niemand aus meiner verstreuten Familie liegt in Rüppurrer Erde begraben. Wer von uns stirbt, verschwindet in die Anonymität. Also stelle ich mir vor, daß wir nach dem Tod versteinern, um ganz allmählich von Wasser und Witterung zermalmt in die planetaren Kreisläufe einzugehen. An der Alb bestattet liegt Pia. Bei Pia handelt es sich um keine reale Person, sondern um eine lyrische Leiche. Pia steht für die in flokatigepolsterten Nächten und an zähen Sonntagen vor der Silhouette der Schwarzwaldausläufer und zum Soundtrack der Bundesautobahn erwürgte Jugend, für das langwierige, nur teilweise erfolgreiche Abtöten von Sehnsüchten. Die Gedicht-Pia setzt sich zusammen aus Momenten provinzieller Abgestandenheit und hoffnungsvoller Frische, aus Saturiertheit und Magersucht, aus vorgestanzten Träumen mit bürgerlichen Rebellenelementen, eine klassisch-moderne Fertigmischung, die Blumen an ihrem Grab sind die Plastikblumen des Schnellrestaurants, in dem wir uns nach Jahrzehnten zu einer Thaisuppe treffen, welche die längst stattgefundene Ankunft der weiten Welt, nach der wir uns einst im badischen Hinterland so sehr sehnten, symbolisiert. Jetzt habe ich die E-Mail-Adresse der auferstandenen Pia und ihren Tom Kha Gung-Segen. Unsere mit Ölkreide ausgemalten Schnittmengen lagern in muffigen Schubladen. Gehe ich heute über den Albfriedhof, verfremde nicht ich Szenerie und Geschichte in Gedichten, sondern sind es vielmehr die reale Szenerie und Geschichte, die mich verfremden, sogar entfremden, indem sie mir in schmerzhafter Weise das chronisch wiederkehrende Heimatgefühl kurieren. In der gleichen Richtung, in der die Alb durch den Friedhof verläuft, verschwinde ich von diesem Ort und auch in der gleichen Weise: immer auf der Stelle tretend, immer auf der Flucht.

Am Día de los Muertos wird in Guatemala gemeinsam mit Nachbarn und Bekannten Fiambre (was im Spanischen sowohl Leiche, als auch Kaltgericht bedeutet) gegessen, ein überreicher Mischmasch, der tagelanger Vorbereitung bedarf und dessen Zutaten die Hundert überschreiten können, weil jede Zutat die Lieblingsspeise eines Ahnen repräsentiert. Leben und Tod wirken im tropischen Zentralamerika mit seinen Gewaltexzessen üppiger und enger verschlungen als in Europa. So gehen in Quetzaltenango im guatemaltekischen Hochland die Viertel der Lebenden und der Toten trotz trennender Mauern auf magische Weise ineinander über. Vom zentral gelegenen Cementerio General ergeben sich die faszinierendsten innerstädtischen Ausblicke, einige Friedhofsfluchten scheinen in Wohnstraßen zu münden, deren Häuser exakt die Farbigkeit der Grabmäler besitzen. Die umgebenden Vulkane wirken als wurzelten sie, wo die Toten wohnen, und wulsteten sich von dort empor, verstärkt wird dieser Eindruck durch einen auffälligen Ceibabaum, der in der Maya-Mythologie der germanischen Esche Yggdrasil entspricht, indem er als Weltachse Himmel, Erde und Unterwelt verknüpft. Zwei Pyramiden ähneln in Größe und Material frappant dem Wahrzeichen meiner Heimatstadt, der Karlsruher Pyramide auf dem Marktplatz, nur daß sie eleganter gearbeitet und von Marmorsfingen bewacht sind. In Nähe des Haupteingangs befindet sich die blumenbedeckte und mit Wünschen bekritzelte Skulptur der vor hundert Jahren verstorbenen Zigeunerin Vanushka, ein Pilgerort für Menschen, die an unglücklicher Liebe leiden. Während vor der Friedhofsmauer Schnapsleichen zucken, räuchern innerhalb Hinterbliebene mit Maisblattfeuern und geflüsterten Sprüchen die Seele eines Verstorbenen nach. Zu zweit und in Kleingruppen promenieren gelöste Menschen über die Hauptachse, um in Urnengassen und Hügelwellen zu verschwinden und an anderer Stelle wieder aufzutauchen. Ganz allein unter fremden Toten fühle ich mich plötzlich frei: überwältigt von einer Ahnung, dieser von potenten, freundlich dreinschauenden Bergen bewachte farbenfrohe Friedhof diene als Übergangsort, an dem die Verstorbenen, für kurze Zeit nur, in ihren Gruften geheimnisvolle Formeln studieren, um sich auf ein neues unbekanntes Leben vorzubereiten.

Geschnitzte und bemalte Totenheinis am Verkaufsstand einer Maya-Kooperative in Guatemala

Geschnitzte und bemalte Totenfiguren am Verkaufsstand einer Maya-Kooperative in Guatemala

Am Ende des Goldenen Horns liegt, am eindrücklichsten mit dem Vapur, der Dampfschifffähre, zu erreichen, der Istanbuler Stadtteil Eyüp. Benannt nach Abu Aiyub al-Ansari, einem Gefährten Mohammeds, dessen Grab sich in der Eyüp-Sultan-Moschee befinden soll, gilt der muslimisch geprägte Stadtteil als bedeutende Pilgerstätte. Vom Wasser fällt der Blick über Eyüp auf den Pierre Loti-Hügel. In diesem Blickwinkel die prägendste Erscheinung bietet der Friedhof, ein von Baumgruppen durchsetztes Gräberfeld, fast wie ein Steinbruch, mit geometrischen Mustern, die archaischen Strukturen aus Beton beziehungsweise einer eingefrorenen Computerspielkulisse in Grautönen gleichen. Über den Friedhof hinweg pendelt seit 2005 eine modern designte, touristische Seilbahn. Sie bedient die Aussichtsterrassen, Cafés und Teegärten auf dem Gipfelplateau mit seinen aufgereihten Münzfernrohren. Unablässig strömen Paare und Gruppen den Hügel hinauf, die Situation erinnert an den Drachenfels, nur daß in Eyüp statt einer Burgruine Grabsteine die Aufmerksamkeit auf sich ziehen. Vom Gipfel fällt der Blick anstatt über den Rhein über die autark wirkende Gräberstadt und die Bosporusausbuchtung auf die Rückseite des abendländischsten Teils Istanbuls: das pulsierende Beyoğlu, bekrönt von Levents Hochhäusern. Bei näherem Betrachten, der Hügel läßt sich leicht auch zu Fuß erschließen, erweist sich der Friedhof als Gräberdschungel, für dessen Betreten Querfeldein- und Kletterfähigkeiten von Vorteil sind: die Pfade zwischen den Gräbern sind extrem schmal, steil oder inexistent. Erkundungen anzustellen, ohne auf einzelne Gräber zu treten: ein Ding der Unmöglichkeit. Auf den Grabsteinen entdecke ich Koranverse in arabischer Schrift und Gedichte in türkischer Sprache. Die trauerschwere weißgraue Marmorwildnis hin und wieder gelockert vom Farbtupfer einer Blumenblüte. So gut wie niemand betritt den eigentlichen Friedhof, die Touristen bleiben hinter der niedrigen Mauer zurück und blicken auf das Gräberfeld wie auf eine beliebige Sehenswürdigkeit. Ein geflügeltes Wort behauptet, die zahlreichen streunenden Katzen Istanbuls mieden von allen Orten die Friedhöfe. In Eyüp gilt dies höchstens solange, bis jemand seine Essenreste über die Mauerbegrenzung kippt. Bis vor hundert Jahren sollen viele Istanbuler Friedhöfe wie heute wohl nur noch der von Eyüp wilde urbane Flecken zwischen den Wohnsiedlungen gewesen sein, abenteuerliche Gelände, in denen Geier und furchterregende Gestalten sich herumtrieben, gefährliche Orte, von denen die Katzen wußten, weshalb sie ihnen fernblieben, überkommene Orte, an denen der Tod aktiv am Leben teilnahm.

Nicht zuletzt dank der Berühmtheiten, die auf ihm bestattet wurden, ist der Père-Lachaise einer der bekanntesten Friedhöfe der Welt. In einer langen Reihe von Friedhofsbesuchen war er der erste, den ich unter touristischen Aspekten aufsuchte. Zuvor hatte einer meiner Brüder mir von seinem Paris-Besuch erzählt, bei dem er sich, weil er die französischen Anweisungen des Wächters nicht verstand, bei Dunkelheit auf dem Père-Lachaise-Gelände eingeschlossen fand. Also überkletterte er die Friedhofsmauer, an einer Stelle, die im Jenseits urbanes Licht versprach – und landete mitten auf der Bühne einer grell ausgeleuchteten Filmhandlung mit leichtbekleideten Schauspielerinnen und einem tobenden Regisseur, dem der unverhoffte Eindringling die Szene versaut hatte. In meiner Erinnerung besteht der Père-Lachaise aus Kapellengräbern, einem rapiden Kältesturz um mindestens zehn Grad Celsius und der bibbernden Suche nach der letzten Ruhestätte Jim Morrisons, die mir gleichgültig war, meinem Freund Klaus, der mich begleitete, jedoch eminent wichtig, sodaß wir uns von den imposanten Grabmonumenten etwa Oscar Wildes ab- und einer im Umherirren geführten Debatte zuwandten, die, dem Umstand geschuldet, daß zum Zwecke angemessener Morrisonapproximation eingenommene Lysergsäure unsere Gedankengänge stimulierte, rasch an Abgründen gewann. Während Klaus nach Kreidepfeilen spähte, die das versteckt liegende Morrison-Grab anzeigen sollten, stellte ich Berechnungen an wie unsere Überlebenschancen stünden, sollte der begonnene Kältesturz sich fortsetzen. Daß wir in Bewegung waren, war in dieser Hinsicht günstig, nur müßte es mir gelingen, den Freund davon zu überzeugen, daß uns Nachgeborene mit diesem Morrison weit weniger verband als gemeinhin behauptet. Die Zeit begann sich zu dehnen und zurückzuschnalzen wie ein Expander. Die Friedhofshügel wandelten sich in schwarze Gletscher. Unser Streunen glich zunehmend dem Moonwalk Michael Jacksons: kaum war uns mehr bewußt, in welche Richtung wir uns bewegten. Unsere Fußstapfen pflügten den Boden und hinterließen tiefe Krater. Aus meiner Gegenwart entwich in frostigen Atemzügen der Sinn. Da plötzlich grinste Klaus mir triumfierend ins Gesicht. Wenige Meter entfernt lag, umstanden von kargem Gesträuch und einer handvoll langhaariger Silhouetten, wie nach einem Filmschnitt, das Morrisongrab! Eine junge Frau im Poncho schüttete den Inhalt einer Flasche Rotwein auf den Boden. Aus dem Gebüsch löste sich ein weinender Mann und trat direkt auf Klaus zu: „Du, hasch vielleicht emol e Dembodascheduuch?“ Im selben Augenblick spürte ich die Kräfte des Rock’n’Roll mich mit aller Macht von diesem Ort abstoßen. Auch Klaus hatte genug gesehen. Wortlos blickten wir uns an und machten auf dem Absatz kehrt, um uns den Lichtern von Paris zuzuwenden.