MINI WELT: Resonanz aus Istrien

Das mehrsprachige Literaturmagazin ZiN Daily aus dem kroatischen Teil Istriens stellt MINI WELT mit seinem von Natalija Grgorinić und Ognjen Rađen mit Sabina Lacmanović ins Kroatische übertragenen Prolog vor, plus begleitender Worte zu diesem Text aus meiner Tastatur: hier nachzulesen.

Meerschaukel

Unter dem Titel Stan Lafleur’s Sea-Saw präsentiert ZiN Daily – das neue Magazin von Natalija Grgorinić und Ognjen Rađen – drei meiner istrischen Fotografien: Wasser, das nicht mehr als Fluß, sondern Meer, oder vielleicht als Fluß, der bereits Meer ist, bzw. Meer, das noch Fluß ist, fungiert.

ZiN Daily stellt in kurzen Portraits internationale Literatur- und Kunstschaffende vor, die in der Residenz Zvona i Nari zu Gast waren. In der noch jungen Reihe finden sich bisher vor allem Bildwerke und ins Englische übersetzte zeitgenössische kroatische Dichtung.

Glocken und Granatäpfel

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Im September war ich als erster deutschsprachiger Writer in Residence zu Gast bei Zvona i Nari (Glocken und Granatäpfel) in Ližnjan, einem kleinen Küstenort im Südosten der istrischen Halbinsel. Vor fünf Jahren haben Natalija Grgorinić und Ognjen Rađen ihre ehemaligen Touristenunterkünfte in Schriftstellerwohnungen umgewandelt. Zvona i Nari dient nicht nur als Arbeitszentrum für Autoren aller Sparten, sondern auch als privat und mithilfe von Fördermitteln bereitgestellte Dorfbibliothek (die Bibliothek von Ližnjan war zuvor aufgelöst worden) mit Literaturtreff-Charakter.

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Walt Whitmans Leaves of Grass sprießen auf dem Gelände

Die Kombination „Glocken und Granatäpfel“ ist an mehreren Stellen in der Bibel zu finden (etwa Exodus 28:34): im Alten Testament trägt der Hohepriester Granatäpfel abwechselnd mit Glocken an der Quaste seines Gewandes. Vom Christentum als Fruchtbarkeitssymbole gedeutet, erklärt Philon von Alexandria für die jüdische Symbolik, der Granatapfel stünde für fließendes Wasser, die Glocke für den Wasserklang. Bells and pomegranates lautet zudem der Titel einer größeren Textsammlung Robert Brownings, über der er mit Elizabeth Barrett im Austausch stand, ein deutlicher Link zu den Betreibern der Residenz Natalija Grgorinić und Ognjen Rađen, ebenfalls ein Literatenpaar. Natalija und Ognjen verfassen ihre Bücher gemeinsam, zuletzt erschien der 500-seitige Roman Putanje (Wege bzw. Umlaufbahnen) über Personen, die auf den noch jungen kroatischen Autobahnen aneinander vorüberfahren, ihre Probleme und Beziehungsgeflechte: eine Gesellschaftsreflexion und nach über zehn Jahren, in denen das Paar seine Bücher auf Englisch verfaßt hatte, der erste Titel in kroatischer Sprache. Auch ohne Kroatischkenntnisse erschließt sich der Rhythmus, das Buch setzt stark auf grafische Elemente (so werden die Dialoge auf- und abgeblendet), zwischen tausenden unbekannten Wörtern stoße ich beim losen Durchblättern immer wieder auf zentrale Begriffe und Örtlichkeiten, die – Zufall oder vagierender Weltgeist – mit meiner Biografie verknüpft sind.

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Zum Willkommen hatte der Himmel Lidstrich aufgetragen

Kleine Granatapfelbäumchen, eher noch Büsche, wachsen im mehr als fußballfeldgroßen Garten neben Oliven, Feigen, Mandeln, Pflaumen, Jujube, Wein und Oleander, das Glockenläuten liefert die St. Martinskirche in Hör- und Sichtweite auf der höchsten Erhebung des Dorfes. Der Garten lockt die Tierwelt: weit ausschreitend hastet ein Fasan übers Grün, Häher und Elstern beschimpfen sich gegenseitig, Stare stürzen in den Wein, bevor sie auf den Oberleitungen die Partituren zu ihren wechselnden Gesängen inszenieren; abends schnauft der Igel längs der Terrasse und tönt furchtlos das Grunzen und Knabbern der Wildschweine, die sonst die Wiese nach Aronstabwurzeln durchpflügen, diesmal aus dem Weingarten, wo sie auf neue Delikatessen gestoßen zu sein scheinen. Tausendfüßler und Weinbergschnecken ziehen über die Terrasse, von Hand stoppe ich ihre Leistungen: Zvona i Nari entschleunigt und offeriert nebst unaufdringlicher Gastfreundschaft Natur, Schlichtheit, Ruhe und WLAN: perfekte Kombination für einen zurückgezogenen Schreibaufenthalt.

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Selbstportrait beim morgendlichen Disput mit dem Gartengrill

Im September entwickelt sich das ohnehin ruhige Ližnjan teilweise zum Geisterdorf. Vor acht Uhr morgens kräht kaum ein istrischer Hahn. In der Ferne klappern dann und wann Handwerker, um Apartmani nachzubessern, die sich zunehmend um den winzigen Ortskern ziehen – Bauarbeiten sind nur außerhalb der Saison erlaubt. Deutlich mehr Betrieb herrscht im mühelos zu Fuß erreichbaren Nachbarort Medulin, der bei ungefähr gleicher Größe ein Vielfaches an touristischen Angeboten aufweist und vor allem in der 12 Kilometer entfernten Stadt Pula mit ihren bestens erhaltenen römischen Relikten (Amfitheater, Augustus-Tempel, Sergierbogen, Bodenmosaik mit der Bestrafung Dirkes), ausgedehnter Fußgängerzone, großem Fischereihafen, Markthalle und neuzeitlichen Konsumtempeln zum Dienst an St. Aldi, St. Lidl und Santa Billa.

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Zur Straße hin führen die Palmen Theaterstücke auf

Um das auf einem etwa 50 Meter hohen Hügel gelegene Ližnjan herum erstreckt sich kilometerweit fahrig hingekritzelte Felsküste mit zahlreichen Buchten. Im September läßt sich immer ein ungestörtes Plätzchen finden, dem Meer zu lauschen, zu baden oder Meeresschnecken für das Abendessen einzusammeln. Hinter der Küste lauern Felder, Olivenhaine, Pinienwäldchen und Macchie. Der Terra Rossa-Boden sorgt für leuchtende Farbkontraste. Wer um das Dorf herumstreift, wird automatisch mit Flora und Fauna konfrontiert, ab Dämmerung, sobald die Grillen aufspielen, verstärkt auch mit Moskitos, die im Refugium selbst von Mückensteckern in Schach gehalten werden.

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Nichtmal auf den Kölner Dom mußte ich auf dem Gelände von Zvona i Nari verzichten

Zvona i Nari steht allen Literaturschaffenden offen und bietet Wohnungen, in die auch Familie mitgenommen werden kann. Die Bewerbungsmodalitäten sind in kroatischer, deutscher und englischer Sprache erhältlich. Derzeit ist die Website des Zentrums wegen eines Providerwechsels häufig nicht einsehbar. Das Problem sollte allerdings in Bälde behoben sein.

Nachtrag, 21.01.2017
Die Website von Zvona i Nari läuft inzwischen stabil. Mehr noch: seit dem jüngsten Relaunch finden sich dort neue Rubriken, u.a. ZiN Daily (mit Nachrichten und literarischen Portraits der bisherigen Gäste in englischer Sprache).