Lyrik-Pegel (3)

Mosaikstein-Meldungen und Florilegium zu Gedichtvorkommen im öffentlichen Raum, elektronisch geharkt, kommentiert aufbereitet und mit Dank an alle ZuträgerInnen der Zukunft überlassen:

Köln
Es tauchen in Köln zunehmend öffentlich angebrachte Gedichte auf. Bisher meist an wenig frequentierten Orten und mit geringer Lebenserwartung. So ist die Gedichtkachel am Nippeser Markt, die ich im Februar dokumentiert habe, bereits Geschichte. Im Johannes-Giesberts-Park versteckt sich unterdessen ein Gedicht von Rumi. Angesprayt wurde es auf der Mauer des Clouth-Geländes, deren Parkseite großflächig mit floralen und ornamentalen Wandgemälden plus einem Buddha mit Hasenzähnen überzogen ist. Weil die Mauer von Mischwald verdeckt wird, muss sich, wer den Text entziffern möchte, dafür eigens ins Gehölz schlagen.

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Berlin
Die stark umstrittene Festnahme des katalanischen Politikers und Separatistenführers Carles Puigdemont auf deutschem Boden nahm im März die Berliner Gruppierung PixelHELPER zum Anlass, das Gedicht avenidas von Eugen Gomringer als leicht wiedererkennbares Vorbild für ein Pastiche zu verwenden, das Puigdemonts Festnahme thematisiert. Vergangenen Herbst war Gomringers Original in seiner Eigenschaft als halböffentliches Wandgedicht zum Gegenstand einer langanhaltenden Debatte aufgestiegen. Nachdem der AStA der Alice Salomon Hochschule Berlin das Gedicht erstmals politisiert hatte, sorgten die PixelHELPER damit für eine Fortsetzung bzw. Übernahme des Textes zu Zwecken der Politisierung. In drei Sprachen (Deutsch, Katalanisch, Spanisch) projizierten sie ihre avenidas-Variation puigdemont auf das Emblem der Botschaft von Spanien in Berlin.

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puigdemont in spanischer Version (Bild: Dirk-Martin Heinzelmann, PixelHELPER)

Ihren Ansatz beschreibt die Gruppierung wie folgt: „Die gemeinnützige PixelHELPER Foundation kämpft mit ungewöhnlichen Mitteln gegen gesellschaftliche Missstände. Oft werden mit Lichtprojektoren von fahrenden Autos aus Lichtkunstkarikaturen auf internationale Botschaften projiziert. Diese Form des politischen Protestes wurde schon gegen die Überwachungsprojekte der NSA, Waffenlieferungen an Saudi Arabien oder für Tierrechte eingesetzt. Oft setzen die teilnehmenden Künstler modernste Technik und alle Werkzeuge der Satire ein, um Probleme in den Fokus der medialen Berichterstattung zu stellen. Der Fokus der Arbeit liegt auf Menschenrechten, insbesondere die Freilassung von politischen Gefangenen und Staaten die gegen die Genfer Menschenrechtskonvention verstoßen. (…) Unsere Selbstjustiz der Kunst bietet alle Möglichkeiten für eine nachhaltige Veränderung innerhalb der Gesellschaft.​“

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Bamberg/Internet

avenidas auf einem Fenster des Café Müller in Bamberg (Bild: #avenidaswall)

Die Alice Salomon Hochschule will das Gedicht avenidas, zu dessen Spiegeleffekt ich hier bereits ein paar Gedanken geäußert hatte, entfernen. Unterdessen ersteht es an zahlreichen anderen Orten wieder auf und gleicht damit der mythologischen Hydra, der für jeden abgeschlagenen Kopf zwei neue wuchsen. Nora Gomringer, die die Aktion #avenidaswall (auf Anfrage erhältliche, transparente Gedicht-Sticker im DIN A4-Format und eine eigene Facebook-Seite) initiiert hat, spricht von „Brooklyn, Barcelona, Nairobi usw“: Vervielfältigung und Verbreitung als klassisch-überzeugende Antwort an alle, die meinen, Verurteilen und Auswischen sei eine probate Lösung für den Umgang mit unliebsamer, als störend empfundener Literatur.

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Düsseldorf

Hypothetisches mural poético in einer Düsseldorfer Wohnsiedlung (Bild: Martin Knepper)

Martin Knepper schreibt: „Seit gut 15 Jahren trage ich mich mit dem Gedanken, unsere kahle Hauswand an der Südostseite dekorativ verschönern zu lassen. Meist ruht die Idee nach einer Weile wieder für Monate oder Jahre, die Debatte um das Gomringer-Mural an der Hochschulwand hat mir diese Idee wieder hochgespült. Über das Was und Wie bin ich mir immer noch unschlüssig; fest steht für mich nur, dass es kein buntes Mural im Diego-Rivera-Style werden soll. Gerade die südamerikanischen Wandmalereien bieten zwar oft herausragende Beispiele, doch in unserer drögen Mittelklassesiedlung wären sie so fehl am Platz wie eine Panflötenkombo in der Kieler Innenstadt. Nein, farbarm sollte es sein, mit nichts vom scharf kalkulierten Bildgehalt ablenken, keine herzerwärmende Tröstung für die Nachbarschaft. Eigentlich gilt für mich nur die Frage Text oder Schwarzweiß.“

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Lyrik-Pegel (2)

Mosaikstein-Meldungen und Florilegium zu Gedichtvorkommen im öffentlichen Realraum, elektronisch geharkt, kommentiert aufbereitet und mit Dank an alle Zuträger und Zuträgerinnen der Zukunft überlassen:

Köln
– Als Anfang Februar Schnee fiel und, was selten genug vorkommt, am anderen Tag liegen blieb, hat dieses Ereignis im Kölner Norden offenbar einen unbekannten Jandl-Fan auf den Plan gerufen. Denn ausschließlich auf Jandl-Fragmente im Schnee stieß ich bei meinen Pausenspaziergängen im Nippeser Tälchen und auf der Rennbahn an mehreren Stellen. Weil der Kamera-Akku in der Kälte schlapp gemacht hatte, konnte ich nur diese beiden aufnehmen:

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Es jandlt: Ottos Mops kotzt auf einer Parkbank im Nippeser Tälchen

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Aus dem Jandl-Gedicht „im park“ geliehene Zeilen zieren das Dach einer Kinderspielhütte an der Galopprennbahn

– Ebenfalls in Nippes, für Köln erstaunlich genug, stieß ich auf Verse eines Düsseldorfers:

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Heinrich Heine, fragmentiert, in der Mauenheimer Straße

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Prag
– Vom Václav-Havel-Flughafen Prag schickt Klára Hůrková Leuchtschriftgedichte. Sie stammen von Václav Havel selbst, dessen Schaffen Kateřina Bártová in ihrer Abhandlung zur Geschichte der konkreten Poesie wie folgt einordnet: „Ein Sonderkapitel der tschechischen Poesie stellte Václav Havel dar. Mit seinen Sammlungen „das erste Mal“ (1966), „das zweite Mal“(1994) und „Antikode“, zeigte er einen künstlerischen Unterschied zu den anderen Autoren der tschechischen Experimentellen Poesie, der in der Kritik der Politik und des sozialen Wesens bestand. Im Wesentlichen behandeln seine Titel rationelle Systeme, Mathematik, Logik und Grammatik. Trotz diesem objektiven, wissenschaftlichen Prinzip können wir hinter jedem seiner Texte ein Autorbewusstsein und sein gesellschaftliches Engagement sehen.“

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Relativitätsgleichungsbaum von Václav Havel (Bild: Klára Hůrková)

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Wortkasten von Václav Havel (Bild: Klára Hůrková)

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Türkei
Achim Wagner schreibt: „In der Türkei fördern die Stadtteilverwaltungen von Çankaya (Ankara) und Kadıköy (İstanbul) mittlerweile Poesie im öffentlichen Raum und beziehen sich in der Auswahl auf die şiirsokakta-Bewegung, sprich auf häufig verwendete Gedichte bzw. Gedichtauszüge. Erwähnenswert ist dabei, dass die Stadteilverwaltung in Kadıköy anfangs (2013/2014) die gefundenen Verse noch überstreichen ließ, was dazu führte, dass Aktivisten und Aktivistinnen die Stadtverwaltung nachts antwitterten und ankündigten, gleich loszusziehen, um Wände und Straßen wieder und weiter zu beschriften…“
Achim schickt Aufnahmen zum Gedicht „Einzelverbot“ von Cemal Süreya, das 2013/2014 zu den weitverbreiteten Gedichten gehört habe. Die Übersetzung des Textes lautet: „An dem Tag, an dem die Freiheit kommt / An diesem Tag ist sterben verboten!“

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Im Anfang 2014 restaurierten Cemal-Süreya-Park in Çankaya (Bild: Achim Wagner)

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Eine von mehreren Gedichtplatten in der Cemal-Süreya-Straße in Kadıköy, die die Stadtteilverwaltung dort Anfang 2016 verlegen ließ (Bild: Achim Wagner)

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In Dikmen (Ankara), früher Herbst 2013 (Bild: Achim Wagner)

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Allgemein
– Bei der #şiirsokakta-Bewegung und der lateinamerikanischen Acción Poética lassen sich einige Parallelen entdecken, die sie deutlich von kerneuropäischer Lyrik im öffentlichen Raum unterscheiden. Zu nennen wäre, neben der Bereitschaft zum Zusammenschluss unter einem Label bzw. Hashtag, zunächst der halblegale bis illegale/wilde Charakter der poetischen Erweiterung/Gewichtung von Mauern, Zäunen, Straßen, der das Recht auf Schönheit und Gedankenfreiheit mit einer Selbstverständlichkeit transportiert, die vorrangig im Jenseits von Saturiertheit und Nachbarschaftsklagen zu gedeihen scheint. Desweiteren der ästhetisch eher spielerische Umgang mit dem öffentlichen Raum, der nicht nur ungezwungener, sondern zugleich auch organischer, bisweilen geradezu zwangsläufig wirkt, während hiesigen Anbringungen bisher meist etwas offiziöses, museales, juriertes („Bronzetafel“) beigegeben ist. Der Bewegungscharakter mit mehr oder minder organisierten lokalen, regionalen, nationalen Gruppierungen, solidarisch geachteten Übereinkünften und hohen Followerzahlen in den sozialen Netzwerken sensibilisiert permanent und mit weitem Radius für Gedichte. Schließlich das politische Moment, das weniger bis gar nicht im Text selbst, sondern aufgrund seiner wilden Anbringung, seiner überraschenden Präsenz und Wechselwirkung mit gesellschaftlichen und politischen Umständen zum Ausdruck gelangt.
Mexikaner und Niederländer forcieren Poesie im öffentlichen Raum mit der für mich bisher deutlichsten Sichtbarkeit – aus teils sehr unterschiedlichen Beweggründen.

 

Lyrik-Pegel

Mosaikstein-Meldungen und Florilegium zu Gedichtvorkommen im öffentlichen Realraum, elektronisch geharkt, kommentiert aufbereitet und mit Dank an alle Zuträgerinnen der Zukunft überlassen:

Köln
– In Mauenheim stieß ich im Januar erstmals in Köln auf ein anonym verfasstes Wandgedicht. Das Gedicht setzt sich ums Mauereck als Gemälde fort und erinnert darin an lateinamerikanische Murals, der applizierte Text wiederum an modernes christlich-ökumenisches Liedgut.

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– An einem Pfeiler des Nippeser Tadsch Mahals ist neuerdings eine fest angebrachte Kachel mit Benzinstift-Versen von Mascha Kaléko zu begutachten. nippes_lyrik im öffentlichen raum_2a

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Brno
– Klára Hůrková schickt Fotos aus Brno, der zweitgrößten Stadt Tschechiens, in der Lyrik im öffentlichen Raum häufiger zu entdecken sei als in der Hauptstadt Prag.

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Brunnen mit Zeilen von Jan Skácel (Bild: Klára Hůrková)

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Tafel mit datiertem melancholischen Bummel von Ivan Blatný (Bild: Klára Hůrková)

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Berlin
– Zu einer Debatte, deren öffentliches Ausmaß zuletzt Gedichte von Günter Grass und Jan Böhmermann erreicht hatten, führte der halböffentlich angebrachte Text avenidas von Eugen Gomringer an der Alice Salomon Hochschule. Anders als Grass‘ reichlich unpoetische, mit Israel-Bashing abgemischte Weltuntergangswarnung Was gesagt werden muss und Böhmermanns als Satire-Grenzerfahrung eingekleidete Knittelvers-Schmähkritik am türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdoğan, die immerhin zur Abschaffung des vor dem Gleichheitsgedanken absurden Straftatbestands „Beleidigung ausländischer Staatsmänner“ (Paragraf 103) führte, kommt das Gomringer-Gedicht gänzlich ohne Angriffe auf Staaten oder Personen aus.
Besonders im Fall avenidas ist neben der fysischen Präsenz des Gedichts auch das geweitete Spannungsfeld der Debatte, das ein Text zu produzieren vermochte, der lediglich vier Begriffe in spanischer Sprache: „avenidas“ (Alleen), „flores“ (Blumen/Blüten), „mujeres“ (Frauen) und „un admirador“ (ein Bewunderer) mithilfe des Bindeworts „y“ (und) in wechselnden Konstellationen aufschüttelt.
Das Gedicht, ein Stück konkrete Poesie mit Entstehungsjahr 1951, gelangte zunächst weniger anlässlich seiner Anbringung an der Hochschule im Rahmen eines Poetikpreises in den Fokus der Öffentlichkeit, als vielmehr durch Anwürfe seitens des AStA, dass es sich um einen sexistischen Text handle, dessen Präsenz Studierenden Unwohlsein bereite, weswegen er entfernt gehöre.
Mir erweckten die Zeilen beim ersten Lesen (das in Mexiko stattfand) die Vorstellung eines Bohème- eher als eines sonstigen Kontexts: auf einer wahrscheinlich lateinamerikanischen Prachtstraße, einer Flaniermeile mit Baumblüte oder städtischen Blumenarrangements, fallen in den Blick des männlichen Müßiggängers (womöglich der Dichter selbst) nebst Asfalt und Blüten spazierende Frauen, ein Gesamtpaket, das dem Betrachter Wohlgefallen bereitet (ähnlich wie es mir in Oaxaca just beim Morgenspaziergang ergangen war, bevor ich die avenidas-Nachricht im Netz aufrief). Die Zeilen gehörten in meiner Vorstellung zudem leicht oberhalb einer solchen Straßenszene angebracht, ähnlich wie auf der Hochschulwand tatsächlich der Fall, sodass die enthaltenen Subjekte sich selbst darin entdecken und verorten könnten.
Der AStA vertrat eine andere, bissigere Lesart: von im öffentlichen Raum im männlichen Auge zu Objekten degradierten Frauen, die Blüte als mittelalterlich-stereotypes Beiwerk für Frauen. Eine Sichtweise, die ungefähr im selben Maße das Gedicht zugunsten der eigenen Vorbehalte ausbeutet wie meine erste.
Denn gegen beide Sichtweisen stehen die Fakten des überaus reduzierten Textes. Gerade seine massive Reduktion reizt in der weltanschaulichen Umbruchfase des Genderdiskurses zu Interpretationen, die über das Begründbare hinausgehen. Wer das Gedicht als Kampfmittel einsetzt, richtet die Waffe gegen sich selbst: in dieser Erkenntnis mag sein eigentlicher, verspätet und bereits angestaubt erlangter historischer Wert liegen, wenngleich keine Seele dadurch gerettet werden wird.

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Schweiz
– Meine einzige Erinnerung an Lyrik im öffentlichen Raum der Schweiz habe ich nicht fotografisch dokumentiert. Es handelte sich um in weißer Wandfarbe auf dunkel-verwitterte Holzfassaden angepinselte Verse auf Sursilvan, der romanischen Sprache des Vorderrheintals. In der ländlich-bäuerlichen Umgebung ein überraschender Anblick, der insbesondere bei Schnee eine landschaftseingepasste Ästhetik transportiert.
– Aus Genève schickt Heike Fiedler Bilder ihrer Fensterladen-Installation mémoire collective et cetera aus dem vergangenen Jahr. Eine Vorgängerversion existiert bei Vimeo als Spoken Word-Film dissens dissonanz – livre à ciel ouvert.

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Klappbares Wohnhausgedicht (Bild: Heike Fiedler)

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Italien
Von Heike Fiedler stammt auch der Hinweis auf Carlo Belloli, einen in Deutschland kaum bekannten Futuristen und Pionier räumlicher Poesie: „Im Jahr 1944 legt der Italiener Carlo Belloli mit seinen testi-poemi murali erstmals an, was zehn Jahre später von der konkreten Poesie systematisch weitergeführt wird: die Berücksichtigung des Raumes als semiotische Struktur und die Konzentration auf das einzelne Wort. Belloli beschriftet die Mauern seiner Stadt und versetzt durch diese Art von poesia visuale die Schrift aus ihrem gewohnten Umfeld des Buches oder beschriebenen (bedruckten) Blattes hinaus in den unmittelbaren Lebensraum. Für den Schriftsteller bedeutet der neue Schreibuntergrund die Herausarbeitung anderer Arten schriftlicher Darstellung. Belloli setzt sich in den folgenden Jahren von der zwischenzeitlich aktuell gewordenen konkreten Dichtung ab, da er in ihr nur noch auf die Form reduzierte Ergebnisse sieht, die seiner Meinung nach nicht mehr den Anspruch auf Poesie erheben dürfen.“

Cevizli Baklava mit Himmelseintrübungen

cevizli baklava
Im Baklava-Lädchen saß ich und lauschte den türkischen Dialogen am Nachbartisch, von denen ich hauptsächlich die wenigen auf deutsch eingeflochtenen Begriffe verstand: „Alleinstehende Doppelhaushälfte“, „Verband deutscher Sachversicherer“. Alleinstehend! Doppelhaushälfte! Sachversicherer! Keine schlechte Lösung für „Deutschland in drei Worten“(*) dachte ich und begab mich vor die Ladentür, Tee trinken, Himmel über Nippes gucken. Die Worte am Nachbartisch hatten mich traurig gestimmt. Ein Junge, der lose zu dem Lädchen gehört, setzte sich zu mir und fragte, nachdem er meinen Gesichtsausdruck studiert hatte, ob ich seine Arabeske-Aufnahmen hören möge. Dem Jungen gefiel vor allem Azer Bülbül, dessen Musik mir zu seicht klang. Ich bevorzugte einen anderen Interpreten: „Was singt er da?“, fragte ich. Der Junge übersetzte: „Ich muß heute zwanzig Gläser Rakı trinken!“

(*) Deutschland in drei Worten: Eine in den 1960ern geplante Quiz-Sendung des ZDF für Gastarbeiter, die niemals anlief.

Heute morgen, an der Ampel

lyrik in köln
Lyrik im öffentlichen Raum besitzt in Köln wenig Tradition – sofern von verschriftlichten Formen die Rede ist. Zu Beginn bis Mitte der Neunziger beklebte Tom Toys (heute nach vollzogener Selbstadelung: Tom de Toys) Ampeln und Laternenpfähle der Stadt wild mit seinen Gedichten. Etwa zeitgleich sprühte Enno Stahl kurze lautgedichtartige Texte und „moderne Runen“ in den urbanen Raum. In den Anfangsjahren des neuen Jahrtausends brachte das Kölner Literaturhaus, in Kooperation mit weiteren Literaturhäusern anderer Städte, drei- oder viermal während der Sommerferien auf bezahlten Plakatflächen „Poesie in die Stadt!“.
Heute morgen, als ich meinen Sohn zur Schule brachte, stieß ich an Verkehrsampeln in Mauenheim und Bilderstöckchen auf neue lyrische Interventionen in Köln. Die Spuckis in einheitlichem Design transportierten kurze Texte mir bis dato unbekannter AutorInnen, als Erkennungszeichen tragen sie einen karmesinroten Kreis, der an die Sonnenscheibe der japanischen Flagge erinnert und eine Webadresse, die zu Lyrik in Köln, einer seit anderthalb Jahren bestehenden „Initiative zur Förderung der Dichtkunst in Köln“ führt, die zu Einsendungen für ihr monatliches, kostenlos verteiltes Lyrik-Faltblatt aufruft.

Nachtrag, 21 Januar 2016
Das Epizentrum von Lyrik in Köln liegt in meiner unmittelbaren Nachbarschaft. Nachdem ich zuletzt 2014 Gedichtspuckis an Ampeln und Laternenpfählen im Stadtbezirk Nippes erblickt hatte (unter den weiteren Sichtungen fanden sich auch Texte mir bekannter AutorInnen), die Wettereinflüsse und Knibbelattacken von Gedichtspuckigegnern nur kurze Zeit überstanden, war ich davon ausgegangen, daß die Aktionen ausgelaufen seien. Mitnichten! Jüngst stieß ich auf dieses Adventgedicht von Gundula Schiffer, das noch nicht allzu lange kleben konnte:

Digital StillCamera