Lyrik-Pegel: Antwerpen

In den meisten Städten des niederländisch-flämischen Sprachraums gehört dank umsichtiger Kulturpolitik Lyrik im öffentlichen Raum zum gängigen Accessoire des urbanen Antlitzes. Bisweilen, wie in Leiden, sogar zum prägenden. Auch Antwerpen nimmt in dieser Hinsicht eine besondere Stellung ein. In anderen Städten mag die Zahl der Interventionen höher liegen: in Antwerpen punkten sie mit Funktionalität, intelligenter Ortswahl und professioneller Ausführung. Nicht wenige davon vermitteln den Eindruck, als sei es regelmäßig und dauerhaft möglich, politische und ästhetische Themen anhand von Gedichten zentral im gesellschaftlichen Diskurs zu positionieren.

Gute Hilfe beim Erkunden öffentlich angebrachter Gedichte in den Niederlanden und Belgien leistet die dokumentarische Website Straatpoëzie, die ich hier bereits kurz vorgestellt habe. Für den Großraum Antwerpen kartografiert sie aktuell über 40 Positionen. Weil die Adressen weit verstreut liegen und die Straßen der Antwerpener Innenstadt sich lustig verästeln und strecken, lasse ich die Karte für den Anfang beiseite und vertraue auf meinen Instinkt. Mit Erfolg. In den mittlerweile sensibilisierten Blick fallen zahlreiche Gedichte, die bisher nicht bei Straatpoëzie registriert sind.

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Gleich bei der ersten dérive entlang der Schelde, deren innerstädtisches Ufer momentan aufwendig zur Promenade umgestaltet wird, stoße ich auf die letzten Worte eines Mauergedichts, dessen Anfang mehr als drei Kilometer weiter nördlich liegt. Organisiert hat es der damalige Stadtdichter (2010/11) Peter Holvoest-Hanssen. Per Zeitungsaufruf hatte er die Bürgerschaft gebeten, an einem Ufertext mitzuwirken. Aus hunderten Einsendungen komponierte Holvoest-Hanssen das Langgedicht Welkom pierewaaiers (Willkommen, Freunde des Piers). Die Stadt besorgte einen Trupp Anstreicher, der den Text in zweiwöchiger Arbeit unter Zuhilfenahme von Schablonen anbrachte. Den kompletten Wortstrom, seine Installation, seine Autoren und Ideen zur architektonischen Zukunft des Scheldekais dokumentiert eine Broschüre: Lyrik und Stadtplanung Hand in Hand.

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Es bedarf keiner langen Erkundungen, um zu ahnen, dass die Beziehung von Poesie und Bürgern in Antwerpens urbanem Gelände eine durchdachte, gemanagte ist, und dass sie der Alltagsnormalität angehört. Um mehr über die Hintergründe zu erfahren, treffe ich den Dichterkollegen Michaël Vandebril, der bei Antwerpens Boekenstad-Projekt beschäftigt ist, das die literarischen Aktivitäten in der Stadt bündelt. In seiner Position fungiert Michaël als Schnittstelle, koordiniert u.a. die Aktionen der für ein bis zwei Jahre bestallten Stadsdichter mit Verwaltung, Politik und ausführendem Handwerk, hilft passende Lösungen für Literatur im öffentlichen Raum zu entwickeln und erläutert auswärtigen Interessenten wie mir das Antwerpener System. Gemeinsam spazieren wir durchs Zentrum, um einige der markantesten Gedichtstandorte aufzusuchen. Darunter auch ehemalige Schauplätze, denn einige Texte waren und sind für klar bemessene, andere wiederum für offene Zeiträume konzipiert. „Hier durch diese Straße“, sagt Michaël, als wir die Fußgängerzone erreichen, „hat die kürzlich berufene Stadsdichterin Maud Vanhauwaert einen Performance-Zug geschickt: Menschen in weißen Ganzkörperanzügen, die im Gänsemarsch schweigend durchs Zentrum marschieren und dabei leere weiße Schilder in die Höhe halten.“ Sogleich fühle ich mich an mein mangels Mitteln niemals aufgeführtes, in elektropansen #4 niedergelegtes Theaterstück Demonstration der Sinnlosigkeit aus den frühen 90ern erinnert.

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Übrig noch auf Plastiktüten: Tom Lanoyes Gedicht am vorübergehend umbenannten KBC-Turm

Das erste auffällige Gedicht im öffentlichen Raum ging auf die Amtszeit von Tom Lanoye in den Jahren 2003/2004 zurück, dem ersten Antwerpener Stadtdichter überhaupt, erzählt Michaël, als wir das markanteste Hochhaus des Zentrums passieren. Arbeiter verkleideten den Boerentoren (Bauernturm), eines der frühesten Hochhäuser Europas und bis heute das nach der Liebfrauenkathedrale höchste Gebäude Antwerpens, mit riesigen Lettern des von Lanoye maßgefertigten Gedichts De Boerentoren schrijft. Die Maßnahme war seinerzeit stark diskutiert, viele Antwerpener kennen den Inhalt bis heute, wahrscheinlich handelt es sich um das bekannteste Antwerpen-Gedicht der jüngeren Zeit.

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Über den Platz vor der Stadsschouwburg (Stadttheater) erstreckt sich ein riesiges, auf schlanke Säulen gestütztes Lamellendach. Am Wochenende findet auf dem Theaterplatz ein Markt statt. Besonderer Beliebtheit erfreuen sich die dicht belagerten Imbissstände mit Kibbeling und Schalentieren, hunderte Antwerpener ergehen sich am Samstagvormittag bei Austern und Sekt in lebhaften Freiluft-Gesprächen und Feierlaune. Zur Einweihung des Dachs ließ die Stadsdichterin von 2008 bis 2010, Joke van Leeuwen, in Zusammenarbeit mit dem Skulpturisten Bob Takes die Worte „zie wat ik zeg dat ik niet zeggen kann“ (sieh was ich sage das ich nicht sagen kann) an der Unterseite anbringen, und zwar so, dass der Text je nach Standort von den Lamellen verzerrt und verschluckt wurde und nur von einer einzigen, leicht abseitigen Position aus vollständig lesbar war. Der Architekt soll von der Idee eines Textes an „seinem Dach“ anfangs alles andere als begeistert gewesen sein, willigte aber schließlich in eine vorübergehende Maßnahme ein. Die Zeile stammt aus dem Gedicht Ben ik (Bin ich), in dem van Leeuwen Kindesmissbrauch thematisiert. Das Stadtgespräch findet direkt unter diesem Dach statt, eine öffentlichere Diskussion ist in Antwerpen kaum denkbar. Am Dach selbst ist der Vers heute nicht mehr sichtbar, stattdessen ist er nun in ein Schwarzweißmuster Konkreter Kunst integriert: eine die Theaterfassade erweiternde Mauer, an der ein gerahmtes Plakat mit dem vollständigen Wortlaut des Gedichts angebracht ist.

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Schwarz und weiß: Joke van Leeuwen bringt das Thema Kindesmissbrauch in Zusammenarbeit mit dem Künstler Bob Takes ins Zentrum der Stadt

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Ein weiteres Gedicht zum Thema Kind, Klein von Bart Moeyaert, ist riesengroß an der Theaterfassade angebracht: die Stadt und ihre lebenden Dichter, verbunden in symbiotischer Präsenz. Letzte Station des Rundgangs mit Michaël Vandebril ist De Vertelboom (Der Erzählbaum), ein weiteres Projekt von Peter Holvoet-Hanssen. Wieder sind zahlreiche Beteiligte in das Werk involviert. Was in Deutschland als Kunst am Bau bekannt ist, hat Antwerpen auf Gedichtebene weitergedacht. Als ich Michaël, beeindruckt von Vielfalt, Ausdruck und Möglichkeiten des Gesehenen, auf Faktoren und Bedeutung für den Fremdenverkehr anspreche, meint er, ich sei als Tourist in Sachen Gedichte im öffentlichen Raum wohl zugleich als Avantgardist zu betrachten und wahrscheinlich (immerhin!) der erste, der Antwerpen aus diesem Grund, jedenfalls der erste, der ihn deswegen aufgesucht hätte. Von den Gedichten gehen wir über zum Bier; auch in dieser Hinsicht wartet Antwerpen mit Qualität auf, zum Beispiel mit dem Seef, über das wieder eigene Lieder und Gedichte gesungen werden.

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Der Erzählbaum setzt sich in einem wahrhaftigen Baum fort

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Anderntags besuche ich das Museum aan de Stroom. Das Gebäude erinnert an einen kubistischen Clownfisch. Über zehn Stockwerke verteilt bietet das MAS mehrere Sammlungen und Sonderausstellungen. Gratis und sehr beliebt ist der Panoramablick vom Dach. Rolltreppen führen von Etage zu Etage, die u.a. mit Antwerpen-Gedichten der Stadtdichter und Antwerpen-Motiven der Stadtfotografen ausgestattet sind. Wer Antwerpen von oben betrachten will, defiliert zwangsläufig an Versen seiner zeitgenössischen Dichter vorüber, die Inhalte beschäftigen sich mit Vorkommnissen und Möglichkeiten urbanen Alltags. Verfasst sind sie auf Flämisch, Französisch und Englisch und korrespondieren mit der Internationalität der Stadt, in der in mehreren Sprachen zugleich geführte Gespräche an jeder Ecke zu hören sind.

Mit Herman de Coninck überschriebenes Hafenpanorama in einer Zwischenetage des MAS

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Erinnerung an Mexiko

Poetischer Blick in den Himmel in Antwerpens Plantentuin: Erinnerung an Mexiko

Der Plantentuin (Botanischer Garten), ein hinter Mauern verborgenes, aus der Zeit gefallenes Kleinod mitten in der Stadt, dient in einer zweiten Funktion zugleich als Tuin der Poëten (Dichtergarten). Neben der in solchen Anlagen üblichen botanischen Beschilderung existert ein Pfad mit Stationen, in denen ausgewählte Pflanzen, oft solche mit traumverstärkender oder anderweitig giftiger Wirkung, in Gedichten behandelt werden. Mit dem Smartfone kann man sich an den Stationen einloggen und Audio-Versionen der Texte abrufen. U.a. stoße ich auf ein Absinth-Gedicht meines alten Freundes Bart Droog. Im Schatten einer ausladenden Zeder steht auf dem Boden, aus Stein gearbeitet und zur allgemeinen Verfügung „het krukje der poëten“ (das Dichterschemelchen). Bei vorfrühlingshaften Temperaturen lasse ich mich darauf nieder und notiere Gedanken und Verszeilen für ein neues Europoem.

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Beim Schlendern durch die Stadt lässt sich bemerken, dass viele Müllwerker aussehen wie Dichter und viele Künstler wie Geschäftsleute. Im Netz schnappe ich unterdessen bei Maarten Inghels auf, dass neuerdings sogar auf Antwerpens Müllwagen Poesie angebracht sei. Auf der Pirsch erweist sich, dass die entsprechenden Fahrzeuge selbst zur Morgenstunde selten sind, sich scheu und bei Entdeckung flink verhalten – sowie längst nicht alle mit Zitaten beschriftet sind. Nach ausdauernder Lauer am Bolivarplaats gelingt es schließlich, wenigstens aus der Ferne ein poetisches Exemplar abzulichten.

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Mit Lyrik beschrifteter Müllwagen: der Text in weißer Schrift läuft über drei Zeilen, darunter abgesetzt die Autorenangabe

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Neben den offiziellen Interventionen der jüngeren Zeit, lassen sich in Antwerpen auch historische Gedichte entdecken, bzw. solche mit privatem bzw halböffentlichem Interesse wie etwa an Gastronomiebetrieben, die mit griffigen Zeilen flämischer und ausländischer Dichter Kundschaft locken. Hinter dem derzeit wegen Renovierung geschlossenen Königlichen Kunstmuseum steht im Schatten des Geschehens ein beachtliches Ensemble aus Gedichtstelen zu den Unabhängigkeiten der flämischen und niederländischen Gebiete. Am Waterpoort (Wassertor) sind lateinische Verse zur weltverbindenden Wirkung des Wassers eingemeißelt. Als vor kurzer Zeit die kleinen Nachtshops, vergleichbar unseren Kiosks bzw. Büdchen, derart hoch besteuert wurden, dass ihnen das Aus drohte, initiierte Maarten Inghels eine lyrische Protestaktion: Türschilder, die mit einem leuchtenden „OPEN“ bei Nacht die Öffnung anzeigen, ersetzte er durch „POETRY“-Leuchtschilder in derselben, in China produzierten Ästhetik, um auf die kulturelle Bedeutung der Läden für die Viertel aufmerksam zu machen. Während sich Beispiele vorwiegend organischer, aber auch verstörender und aktionistischer Interventionen an dieser Stelle mühelos fortsetzen ließen, setzt Antwerpen permanent neue Projekte für Lyrik im öffentlichen Raum an: eine Situation, die auch deutschen Literaturinstitutionen zur Inspiration dienen könnte wie sich ein auf Literatur basierender Diskurs aus eher geschlossenen Räumen und Kreisen in weitere Teile der Gesellschaft tragen ließe.

 

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Die städtisch unterstützten poetischen Interventionen aus den vergangenen 15 Jahren sind zu einem guten Teil in Büchern, Broschüren und auf  anderen Trägern (Poster, Tischdecken, Spielkarten) dokumentiert

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Straatpoëzie

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„dat rond / deel deel / dat rond“: Lucebert-Gedicht „uiterst klein rond deel“ in Venlo

In den Niederlanden und in Belgien gehören Gedichte im öffentlichen Raum zum Straßenbild. Das ist mir in mehreren Städten beider Länder angenehm aufgefallen und wo sich Gelegenheit ergab, habe ich solche Orte poetischer Alltagserweiterung fotografiert: in Rotterdam, Leiden, Nijmegen, Arnhem, Venlo, Brüssel und Ostende. Die Gedichte finden sich auf Hauswänden (muurgedichten), ins Trottoir eingelassen, auf Fensterglas, Plakaten, Schildern, an Hafenbecken und eigens eingerichteten Objekten appliziert. Manche sind versteckt, andere zieren stark frequentierte Orte wie Bahnhöfe oder Fußgängerzonen.

Vor geraumer Zeit stieß ich in der Facebook-Timeline von Lucas Hüsgen, der einige meiner Gedichte ins Niederländische übersetzt hat, auf eine Website, deren Anspruch es ist, lyrische Interventionen im öffentlichen Raum der Niederlande und Belgiens mit genauen Adressen zu dokumentieren. Soweit ich verstehe, kann dabei jeder mitmachen. Wer die Website von Straatpoëzie aufruft, bekommt eine Landkarte präsentiert, in der annähernd 2000 solcher Textstätten markiert und teilweise mit Fotos, Wortlaut und Informationen zum jeweiligen Gedicht versehen sind. Die Website bestätigt die naheliegende Vermutung, dass die meisten Straßengedichte mithilfe institutioneller Unterstützung ihren Weg in die Öffentlichkeit fanden.

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Rote Ziegel, zitternde Hände: Louis Paul Boon auf nächtlicher Suche in Versen nach dem in die Jahre gekommenen Mariechen von Nimwegen

Die Straßengedichte können sowohl von historischen, als auch von zeitgenössischen, sowohl von nationalen, als auch von internationalen Verfassern stammen. Beim wilden Klicken stieß ich ebenso rasch wie zufällig auf Gedichte geschätzter Kollegen, mit denen mich gemeinsame Auftritte verbinden: Charles Ducal aus Belgien, sowie Diana Ozon und Ester Naomi Perquin aus den Niederlanden.

Von manchen der registrierten Gedichte wie etwa einer von Schuhsohlen und Gezeiten abgenutzten Ode von Fernando Pessoa auf der Promenade von Ostende habe ich Fotos, die auf der Website noch fehlen. Auch besitze ich Aufnahmen von Versen, welche die Website bisher nicht kennt: Lyrik im öffentlichen Raum ist, obgleich sie bis heute ihr klassisches In-Stein-Gemeißeltsein fortführt, auch ein bewegliches Gut, dessen Potential noch lange nicht ausgeschöpft ist.

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Zu Risiken bei der Detailisolierung: Spruchgedicht von Ton Luijten in Arnheim

Generell scheinen Belgier und Niederländer poetischere Nachbarn. Mehrere Städte bestallen sogenannte Stadsdichter, deren Aufgabe unter anderem darin besteht, lyrisch in den öffentlichen Raum einzuwirken bzw. die Bürger für Dichtkunst zu sensibilisieren. Die Ergebnisse poetischer Interventionen im öffentlichen Raum beider Länder jedenfalls können sich selbst in brutalistischen Fällen sehen lassen: das kürzlich hier vorgestellte und weltweit ausgelegte Motto „Sin poesía no hay ciudad“ der mexikanischen Acción Poética wirkt in den Niederlanden und Belgien bereits gut verstanden und angekommen.

Lesezeichen 04/2015

Mit einem Leidener muurgedicht als Titelfoto ist soeben das neue Lesezeichen erschienen, die vierteljährliche Zusammenstellung mit Highlights aus der deutschsprachigen Netzliteratur bei litblogs.net, einem Portal, das derzeit gut 20 AutorInnen, KünstlerInnen und Gruppen assoziiert und präsentiert. Themen sind u.a.: Der Tod und ein Glas Milch, Erfahrungen beim endlosen Schleppen von Aktenmappen, Geräusche in der Moldauschlinge, schwarze Raupen und giftige Sporen, Quadraturen, Sahnekuchen und schmale Pritschen, Chaim Noll, Theodor Kramer und Martin Mosebach, stornierte Handwerkerrechnungen, Sappho und Arthur Rimbaud, Danila Stoyanova und Schneewittchen, Windkobolde, Butterfly-Effekte und ein Alpha-Mieder vor dem Einschlafen.

rheinsein ist diesmal mit einer Vorstellung der Wandgedichte von Leiden vertreten, ein wenig bekannter, umso lohnenswerterer Anlaß für einen Städtetrip. Über Leiden als Stadt des Gedichts habe ich auch an dieser Stelle geschrieben. Weitere AutorInnen des aktuellen Lesezeichens sind Hartmut Abendschein, Chris Bader, Marianne Büttiker, Der goldene Fisch, Andreas Glumm, René Hamann, Alban Nikolai Herbst, Phyllis Kiehl, Jörg Meyer, Michael Perkampus, J. S. Piveckova, Rittiner & Gomez, Guido Rohm, Norbert Schlinkert, Helmut Schulze, Andreas Louis Seyerlein und Benjamin Stein.

Die Wandgedichte von Leiden

Auf den ersten Blick prägt Wasser das Gesicht der südholländischen Universitätsstadt Leiden. Flankiert von Grachten, Singels und Kanälen fließt der Rhein in gleich drei Varianten als Oude Rijn, Nieuwe Rijn und Stille Rijn durchs Zentrum – nur eine Handvoll Kilometer westlich mündet der große europäische Fluß in einem ausgedünnten Deltaarm an Katwijks weitläufigem Strand in die Nordsee. Entlang der Wasseradern fügen sich in Leiden historische und moderne Gebäude, Hausboote und Gastronomieschiffe, Windmühlen und Baukräne zu einem harmonischen Ensemble, das selbst im tristesten Novemberniesel das Bewußtsein seiner Gelungenheit verströmt. Zum positiven Gesamteindruck tragen die muurgedichten (Wandgedichte) bei, eine Leidener Besonderheit: mehr als hundert Gedichttexte aus aller Welt und durch die Zeiten, von Sappho über Arthur Rimbaud bis zur jung verstorbenen bulgarischen Dichterin Danila Stoyanova, sind dauerhaft auf den Wänden der Stadt angebracht. Dort fügen sie sich häufig so organisch ein, als wären sie bereits beim Bau der Häuser berücksichtigt gewesen.

Mai auf dem Eis - Wandgedicht in friesischer Sprache von Pieter Jelles Troelstra (1860-1930)

Mai auf dem Eis – Wandgedicht in friesischer Sprache von Pieter Jelles Troelstra (1860-1930)

Die Website zum Projekt listet sämtliche Verfasser und Adressen. In niederländischer Sprache wird zudem eine zwei- bis dreistündige Wanderung vorgeschlagen, ein als PDF-Datei verfügbarer Rundgang, der vom Hauptbahnhof ausgehend gut 20 Wandgedichte beinhaltet und darüberhinaus viele Leidener Sehenswürdigkeiten am Wegrand erklärt. Die Wanderung dürfte lohnen, soweit ich das beurteilen kann, denn ich mußte sie aufgrund widrigen Wetters nach einer guten Viertelstunde abbrechen. Da führte sie bereits durch einige Winkel, die der Ortsfremde nicht unbedingt als erste betritt. Die Wandgedichte, erwies sich, sind bisweilen so angebracht, daß sie ohne speziellen Hinweis leicht übersehen werden können. Tatsächlich habe ich, als ich später meiner Nase folgend durch die Stadt wandelte, nur noch ein einziges muurgedicht entdeckt.

Sonnet XXX von William Shakespeare

Sonnet XXX von William Shakespeare

Die Idee der Wandgedichte scheint die Leidener zu weiteren Gedichtaktionen zu inspirieren. An mehreren Fenstern fand ich Zettel mit Versen angeklebt, eines der häufig unverhängten Wohnzimmerfenster zur Straße zierte ein mit weißer Wandfarbe in expressiver Handschrift angepinseltes Gedicht. Die Leidener muurgedichten präsentieren sich jeweils in ihrer Originalsprache und der zugrunde liegenden Schrift. Die oben verlinkte Website bietet alle Texte auf Fotos dokumentiert, in niederländischer Übertragung, sowie teilweise Analysen und weiterführendes Material. Auf ihren Straßen und zugleich im Netz dauerhaft von Lyrik schwingende Städte sind weltweit äußerst rar gestreut. Leiden scheint die unaufdringliche, gekonnt eingesetzte Lyrikpräsenz bestens zu bekommen: mit Betreten der Stadt habe ich mich trotz grauen Nieselwetters wohl gefühlt wie nur an wenigen anderen fremden Orten.