Tuxtla Gutiérrez: Frisch gepresste Zeit

Das westwärts gerichtete Reisen ist Reisen in die Zeit, produziert mittels Reisebewegung zusammengestauchte Zeit: das ist zugleich Flucht vor der gewohnten Zeit und Aufbruch in ihre schwer zu ergründenden Ursprünge. Dorthin, wo sie herkommt, bis heute sich selbst belauert, besuchsoffen, aber wild, noch unverschweizert, diseuropäisiert. Weil sie der pazifischen Brandung entsteigt, im Meer entsteht, von ungeheurem Wasserdruck mit kosmischem Hintergrund geprägt. Und weil ihre Sprache in ihren kleinsten Einheiten, die zugleich ihre größten sind, denn aus sich selbst heraus kennt sie keine regulierenden Maßstäbe, aus denselben wirren Intervallfarben wie die Oberflächen der Fische zusammengesetzt ist, wird sie bis heute kaum verstanden. Körper und Denkweisen verformen sich unter dieser Zeitstauchung, die leuchtende Himmel absondert. Am Flughafen von Tuxtla verliere ich zur Zeitansage sofort die Orientierung.

jungfrauenerscheinungen

Jungfrauenerscheinungen immer freitags bis sonntags, sowie an jedem Monatszwölften

„Tuxtla Gutiérrez ist seit einigen Jahren Sitz der Regierung. Wenn man San Cristóbal, die frühere Hauptstadt des Staates, kennt, so scheint die Verlegung ganz unbegreiflich. Tuxtla ist heiß und hat ein erschlaffendes Klima, die Umgebung ist ziemlich öde und trocken; alle Nahrungsmittel müssen von weit her zur Stadt gebracht werden. Ein Regierungsgebäude war erst im Bau begriffen. Die einzige Annehmlichkeit ist die hübsche, schattige, mit Trueno-Bäumen bestandene Alameda.“ (Caecilie Seler-Sachs: Quer durch Chiapas, 1895/96)

Gesichter der Vergangenheit: die mexikanische Autorin Rosario Castellanos mit Freunden und Gedichtzeile: „Es necesario, a veces, encontrar compañía“

Vormittäglicher Erkundungsgang: so recht funktionieren mag nichts: fürs Mobiltelefon in einem kleinen Lädchen (nachdem mehrere andere meinten, sie führten so etwas nicht) eine mexikanische Prepaid Card für 30 Pesos. Bei Oxxo lädt man mir 100 Pesos drauf. Das Handy funktionierte mit der deutschen Karte gleich nach Ankunft nicht mehr und funktioniert auch nicht mit der neuen mexikanischen. Der Oxxo-Mann meint, es läge am Gerät und grinst. (Wenn die mexikanische 24/7-Moderne die Billiggeräte des prekär lebenden europäischen Dichters aussortiert.) Um ein Gefühl für den lokalen Takt zu bekommen, quatsche ich Leute an. Einfache Fragen, nach Orten, zu Handelswaren und Gegebenheiten produzieren Missverständnisse am Fließband. Kein Wunder, steigt bereits am Vormittag massive Hitze durchs Tal. Zudem markiere ich eine Gestalt außer der Reihe: der andere Weiße in der Stadt: mein Spiegelbild, das wackelt, während ich es vergeblich zu fixieren versuche. Dann aber doch: die Dusche funktioniert. Und auch die ferngesteuerte Klimaanlage. Als er beim Überreichen der Fernbedienung von meiner Absicht erfährt, das Zimmer auf 20 Grad Celsius zu kühlen, zuckt der Portier zusammen: „Amigo, ich komme aus Deutschland, wir sind hombres del invierno.“ Da lacht er und klopft mir auf die Schulter.

Heißes Pflaster Tuxtla Gutiérrez

Eine geschäftige Hauptstadt mit unsichtbaren Regierungsgebäuden, frei von Tourismus. Um nicht aufzufallen, gehe ich langsam, gehe dahin, wo alle hingehen, schön in rechten Winkeln um die Blöcke des Zentrums, treibende Blutkörperchen in übersichtlichen Pac-Man-Labyrinthen. Achtung, Achtung! Die Verkehrsampeln hängen gewöhnungsbedürftig im Himmel jenseits der Kreuzungen. Kulissen aus von der Regenzeit gelöschten Flammenbäumen, grellen, schnell blätternden Hausanstrichen und Murals. Grackeln schreiten/äugen hin und her in den Parks, reichlich zerfledderte Tauben, verkrätzte streunende Hunde. Auf dem nackten Boden schlafen Männer unter Plastikplanen, auch Kinder, in Hauseingängen und -buchten. An die freistehende Uhr auf der Hauptachse sind Ankündigungen regelmäßiger Marienerscheinungen plakatiert. (Ein Deutscher soll die Standuhr nach erfüllter Fürbitte gestiftet haben, meint ein Taxifahrer.) Im Parque Central koexistieren Jahrmarkt und Protestcamp. Aus den Zeltplanen wehen Dünste lebendig verrottender Menschen. Colectivos und Taxifahrer benutzen elektronische Pfiffe (angedeutete Melodien) oder es rufen die Angestellten aus dem offenen Fenster kurz die Richtung aus. Mein Blick sortiert sich in fotografierbaren Momenten, die häufig, eigentlich immer vorüber sind, bis ich die Kamera gezückt bzw Position ergriffen habe. VW Käfer in sagenhaft abgerockten Versionen: zerzauste Vehikel aus einem kaum gebrauchten Revival-Traum für Roadmovie-Regisseure.

Eines von vier Kaninchen im Zentrum Tuxtlas

Flanieren am Nachmittag: Distanzen und Straßennamen auf Google Maps werden von der Realität gedehnt und vertauscht. Unweit des Parque de la Marimba zwitschern elektronische Vögel aus einer zum Hohlweg umfunktionierten Bürgersteig-Bedschungelung mit Sitzbänken, Rankpflanzen und nachgebauten Tieren. Am Ufer des braunen, stinkenden, müllgeschmückten Río Sabinal zischt ein wütender Leguan durchs Geäst. Inkatäubchen und ein gelbbrüstiger Vogel, den ich nie zuvor sah, unter dessen Flügelschlag der Himmel zu rotieren beginnt. Es gibt mit Handtüchern wedelnde Parkplatzeinwinker. Dralle Frauen, die ihre Brüste mithilfe spezieller Textilien in die Blickebenen der Männer heben. Es gibt Mayaleute mit furchenzersägten, wulstig bepockten oder eingedellten/kubistischen Gesichtern, die mir bis an die Hüfte reichen. Obstverkäuferinnen mit Fliegenklatschen, farblich auf die Kleidung abgestimmt. Ein fußlahmes Mädchen trägt ein T-Shirt mit deutscher Aufschrift „Wanderlust“. Auf seinen Gehstock gestützt vermisst ein winziger, gebückter Alter per Daumenpeilung Stichstraßen außerhalb des Zentrums. Jähe Löcher im Bürgersteig: Einladungen in die Unterwelt. Ein alter Mestize mit skulpturalem Schädel, der sich neben den Bronzen lokaler/nationaler Berühmtheiten positioniert, von denen er nicht zu unterscheiden ist. Mayafrauen, Straßenverkäuferinnen, die beim Sortieren und Zurechtmachen ihrer Waren am liebsten zu Boden oder auf Hauswände starren, um ja keinen Passantenblick aufs Auge zu bekommen: eine zupft und bindet tiefrote Rosen vor tiefrosenroter Hauswand, sodass, Blüten und Wand heben sich auf, nur das Grün und die erdigen Hände (wie Tiere beim Nestbau) bleiben. Zahlreiche Leute, die auf dem Boden sitzen, einige arbeiten in dieser Position. Ein Männerpaar beim Küssen vor der Catedral de San Marcos.

Hähnchenbraterei-Logo in typischen Hähnchenbratereifarben

Kaninchen habe ich in Tuxtla, dem „Ort der vielen Kaninchen“, keine lebenden erblickt, und nur vier auf Wandbildern, sowie mehrere stilisierte Kaninchenohren, die allerdings ebenso gut Esels- oder Eichhörnchenohren vorstellen konnten. Und auf dem Schild einer Bushaltestelle war ein Wortspiel zu lesen aus conejo (Kaninchen) und conexión (Verbindung). Nichtmal das gelbe Kaninchen im Mond gelang es zu erblicken; wahrscheinlich, weil gerade Halbmond (Kalebassenschalenmond) herrschte und das Kaninchen auf der anderen, unsichtbaren Seite oder im Inneren der Schüssel sich befand.

Wer schon immer wissen wollte wie absolute Leere aussieht, braucht lediglich dieses Stillleben um seinen Mexiko-Faktor zu bereinigen

Abends erscheinen mit dem Hunger jene klangvollen Worte, mit denen mexikanische Gerichte beschrieben werden. Ein mir zuvor völlig unbekanntes, zaubrisches gewinnt meine uneingeschränkte Aufmerksamkeit: Ninguijuti. Die kommunikative Kellnerin im Restaurant Ambar meint sogleich, dies seine eine hervorragende Wahl. Serviert wird eine Suppe mit Rücken- und Gulaschstücken vom Schwein in einer angedickten Brühe auf Basis von Maismehl mit Tomaten, grünen Chilis, Knoblauch, Annatto, Limone, dazu Bohnen, Habanerosauce und Tortillas. Die Bedienung liest mir die Begeisterung am Gesicht ab, was wiederum ihr sichtliche Freude bereitet. Aus dem Zoque käme die Bezeichnung, was sie aber bedeuten würde, wisse sie nicht. Die Chiapas-Küche sei eine Mischung aus Tradition, Mystizismus und indigenem Wissen/Handwerk und Ninguijuti die Schnittmenge daraus, lese ich später im Netz, das die wörtliche Bedeutung ebenfalls nicht zu kennen scheint. Auch das Zoque-Wörterbuch schweigt sich aus. Sollte „ninguijuti“ am Ende das seit Ewigkeiten vergeblich gesuchte, bedeutungsfreie, eine große Wort Gottes sein, das sich fleischlich-trivial in einem umwerfenden, grandiosen, alten Gericht manifestiert?

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San Juan La Laguna (2)

Landarbeiter prozessieren durchs Dorfzentrum

Landarbeiter prozessieren durchs Dorfzentrum

Die Wandgemälde in San Juan besorgen Mitglieder der örtlichen Vereinigung Xocomeel, in der die Künstler des Dorfes sich zusammengeschlossen haben. Die lustig gepunkteten Hosen der Männertracht, die in meinem Kopf sogleich eine Fernverbindung zu Yayoi Kusama herstellten, sah ich in natura etwas kürzer, auf Dreiviertellänge geschnitten und ausschließlich von Greisen getragen.

Hinweisschild an der dörflichen Abfüllstation für filtriertes Wasser

Hinweisschild an der dörflichen Abfüllstation für filtriertes Wasser

Filtriertes, sauberes Wasser ist in Guatemala nicht selbstverständlich. In der Hauptstadt kassierte ich auf meine Frage, ob die im Restaurant servierten Kaltgetränke mit filtriertem Wasser bereitet würden, schon mal einen derben Scherz. Das Wasser aus dem Hahn ist praktisch überall im Land mikrobenverseucht. Zugezogene Ausländer berichten von monatelangen Eingewöhnungsfasen an Essen, Getränke und Leitungswasser mit anhaltenden Magen-Darm-Problemen.

Verspielter junger Schattensucher

Verspielter junger Schattensucher

Der freundlichste Einwohner San Juans, dem ich bei meinem Besuch begegnete, war ein sehr junger Hund, den es aus unerfindlichen Gründen in die schärfste Mittagshitze verschlagen hatte. Auf hundert Meter war kein vernünftiger Schatten verfügbar – so gesellte er sich in den meinen, den ich ihm umstandslos spendierte. Nach einer kurzen Unterhaltung über Mühsal und Freuden des Daseins gingen wir, jeder in seine Richtung, auseinander.

Schritte

Schritte

Die Menschen in der Mittagshitze eigneten eine Gangart, die so langsam war, daß innerhalb ihres Dahinschleichens zwangsläufig, damit sie überhaupt von der Stelle kämen, eine Hast sich entwickelte, die ihr Tempo letztlich in wundersamer Weise dahingehend aufhob, daß sie gleichsam von Ort zu Ort sich beamten. Sah ich eben noch eine Person – in San Juan waren um besagte Uhrzeit fast ausschließlich Frauen und Kinder unterwegs – auf mich zukommen, war sie im nächsten Moment schon weit in meinem Rücken, wo sie unverzagt zeitlupenhaft, mit augenscheinlich schnellen raumgreifenden Schritten dahinwandelte.

Profecyman vs. Furchtbürger

Profecyman vs. Furchtbürger

Aufgrund meiner gleichnamigen Gedichtreihe zog dieses Wandgemälde mit deutlich forciertem Blick in den Himmel sogleich meine Aufmerksamkeit. Die durchscheinend ausgeführte, bedrohlich wirkende Gestalt mit einer Mischung aus Kugelfisch- und Katzenkopf, schien, wie ich es zuvor bei diversen Maya beobachtet hatte, direkt aus der Wand hervorzutreten.

San Pedro La Laguna (2)

Welt im Spiegel: ein Blick über die Schulter und der Tag ist ein anderer

Was auf diesem Bild zu sehen ist, ist mir nicht mit letzter Sicherheit klar. Wahrscheinlich ein Fußgänger vor einer doppelgeschossigen Fassade auf einer Blechblende, die Einschußlöcher aufzuweisen scheint. Oder kriecht mitten im guatemaltekischen Hinterland ein S-Bahn-Waggon über die Dächer Richtung Himmel, der als Schriftstück ausgewiesen ist? Blitzhafte Alltagsverzerrungen begleiteten meinen Aufenthalt in bemerkenswerter Frequenz, nicht umsonst zählt Guatemala zu den Ursprungsgegenden des magischen Realismus.

Rush hour: Hochbetrieb am hellen Mittag zur letzten Stunde des täglich stattfindenden Obst- und Gemüsemarkts

Tuk Tuks übernehmen in Guatemala den Transport in Orten, die vom Netz der Hauptstraßen abgeschnitten nur über abenteuerliche Pisten zu erreichen sind. So auch in den Dörfern und Städtchen rund um den Atitlánsee. Dort sind sie an ihren Farben als bestimmten Gemeinden zugehörig erkennbar und sichtbar durchnummeriert. Die Fahrten verlaufen selbst bei hoher Belegung (als Rekord zählte ich inklusive meiner selbst drei Männer, drei Frauen, ein Kleinkind plus Fahrer) entspannt – einmal besuchte mich für eine knappe Sekunde ein Kolibri in der Kabine. Der Schlaglöcher umkurvende Chauffeur erzählte, die Vehikel stammten aus China.

Wichtige Kreuzung – christliche Motti im Straßenbild finden sich über ganz San Pedro verstreut

„Jesus ist der Weg, die Wahrheit und das Leben – niemand gelangt zum Vater, wenn nicht um seinetwillen“. Am Ortseingang sieht sich der Ankommende vor die Wegwahl gestellt. Nach rechts geht es in den Himmel, nach links Richtung Hölle. Tatsächlich wird der linke Abzweig von Müll und Gestank begleitet, kurz vor dem Treppenende wartete, dem Zerberus gleich, mit abwägenden Blicken ein Korpus aus streunenden Hunden.

Öffentlicher Geschichtsunterricht an einem typischen Gemischtwarenlädchen

Wandgemälde in San Pedro thematisieren überwiegend lokale Themen. Z.B. Entführung, Mord und das Verschwindenlassen von Menschen als Formen des Terrors, der die ansonsten vom Bürgerkrieg eher unberührte Kleinstadt zwischen 1980 und 1982 erschütterte. Hinter den Vorfällen steckten Militäreinheiten, die sich tagsüber als Beschützer San Pedros gerierten. Nachts verbreiteten sie selbstgefertigte Guerillaparolen (Graffiti und Flugblätter), um ihre Schwarzen Listen zu rechtfertigen, die stärker von privaten Rache- und Neidgelüsten als vom Kampf gegen die Guerilla geprägt gewesen sein sollen. Nach zwei Jahren Terror entfernten andere Militäreinheiten die Marodeure. 

Mural als Entscheidungshilfe für die lokalen Maisbauern

Dieses um eine Hausecke reichende Mural widmet sich dem heiligen Maisanbau (auf Tz’utujil und Spanisch) als kulturellem Erbe der Region und stellt die Frage nach dem Einsatz von Gentechnik. Die Tatsache bedenkend, daß die Maya-Landwirtschaft noch komplett von Hand betrieben wird, spricht ein dieser Tage weithin auf Plakatwänden beworbener Firmenname wie MayaFert (Düngemittel) Bände. Ein Dichterkollege berichtete mir von mittels Kunstdünger geschaffenen geschmacksarmen Riesenfrüchten. Ich hielt seine Beschreibungen für übertrieben, bis ich an einer Tankstelle Bauern beim Beladen eines LKWs beobachtete. Ihre Karotten erreichten, ohne Grün, die Maße meiner Unterschenkel – der Anblick faszinierte mich dermaßen, daß ich darüber das Fotografieren vergaß.

San Juan La Laguna

Mural, das den Maya-Schöpfungsmythos darstellt

Schattenmarkisenverhangenes Mural, das den Maya-Schöpfungsmythos darstellt

San Juan ist ein kleiner Ort mit leeren Straßen voller Wandgemälde, die weite Teile des Dorfes stärker als seine Menschen zu beleben scheinen. Die größten Outdoor-Aktivitäten beobachtete ich auf dem Friedhof, auf dem ein guter Schwung Gemeindearbeiter mit der Gräber- und Rasenpflege beschäftigt war. Die zentrale Markthalle bot neben dunkler muffiger Kühle deutlich mehr Leer- als Verkaufsflächen, das Angebot der wenigen Stände wirkte ärmlich. Am steilen Weg zum Bootsanleger reihen sich Webereien – sobald ein Fremder vorbeiläuft, wird er freundlich hereingewunken, sich die Handarbeiten erklären zu lassen.

Kaffee gefällig?

Kaffeeanbau gehört zu den verbreitetsten Wirtschaftszweigen rund um den Atitlánsee. Kaffeepflanzen sind nicht nur auf Plantagen, sondern auch in Hausgärten zu finden. Viele Hotels bieten ihren Gästen das Getränk gratis an.

Kaffeeplantage im Dorfzentrum

Kaffeeplantage im Dorfzentrum

Die Pflücker sind mit ihren Fahrrädern zur Arbeit gefahren. Auf dem Versammlungsplatz San Juans verdichten sich die Wandgemälde zu einem Spektakel. Beim Fotografieren erntete ich mißtrauische Blicke einzelner, auf den Tribünen abhängender Gestalten.

Der Junge und der Fisch

Die dargestellte Fischart konnte ich nicht ausfindig machen. Fischfang existiert auf dem See, spielt jedoch keine herausragende Rolle. Auf dem Markt von San Pedro sah ich Krebse, Schnecken und kleine fleischarme, dafür grätenreiche Fische, in den Touristen-Restaurants kommen eingeschleppte Buntbarsche (Tilapia) auf den Teller. Die Fauna des Atitlánsees jedenfalls verändert sich (wie z.B. auch die des Rheins), vielleicht steht der skeptische Junge mit dem Fisch für diesen Wandel.

Quetzaltenango

Quetzaltenango (Ort des Quetzals (1), den es in der Region längst nicht mehr gibt), meist Xela (sprich: Schela) genannt, nach ihrem alten Mayanamen Xelajú, gilt nach der Hauptstadt als zweitgrößte Stadt Guatemalas. Auf den Sedimenten eines ehemaligen Bergsees in rund 2400 Metern Höhe gelegen, leben, von grünen Gipfeln umgeben, über 100.000 Menschen – die größten Bevölkerungsgruppen bilden Ladinos und Quiché-Maya.

Umgespritzte us-amerikanische Schulbusse, chicken buses, sind die Haupttransportmittel in Guatemala. Die privaten Betreiber sehen sich mit Schutzgelderpressungen diverser Banden konfrontiert. (2) Der Name chicken bus rührt einerseits daher, daß die Passagiere bisweilen wie Hühner auf der Stange sich zusammendrängen müssen, Stehplätze eingeschlossen, andererseits daher, daß tatsächlich Hühner zum Transportgut gehören. Gepäck wird in der Regel auf dem Dach festgezurrt.

Mondgebadete Straßen: Mural der lokalen Acción Poética. Xela gilt, jeweils zurecht, als Stadt des Mondes und der Schokolade. Im Café Luna, das zugleich als Museum für Stadtgeschichte dient, wird eine unvergleichliche Trinkschokolade serviert. Der Mond selbst blieb während meines Aufenthalts hinter den Gewitterwolken der Regenzeit verborgen – mir liegen jedoch Erzählungen, Lieder und Beweisfotos für seine in Quetzaltenango außergewöhnliche Schönheit vor.

Obgleich durch eine Mauer getrennt, scheinen in Xela die Städte der Lebenden und der Toten nahtlos ineinander überzugehen. Der Friedhof als zentraler Ort bietet einige der schönsten Blickwinkel der Stadt. Zwei schlanke Pyramiden-Grabmäler übertreffen in Größe und Design die Pyramide auf dem Karlsruher Marktplatz, das Wahrzeichen meiner Heimatstadt. Auf die liegende Marmorskulptur von Vanushka Cardenas Barajas sind Botschaften mit Textmarker gekritzelt. Das Zigeunermädchen soll aus Verzweiflung über ihre unmögliche, nicht standesgemäße Liebe gestorben sein und seit Jahrzehnten gegen Blumengaben verlorene Liebschaften zurückbringen. (3)

Zu dröhnender Elektrocumbia aus dem CD-Player preßt die junge Dame an Vormittagen Obst- und Gemüsesäfte im Akkord. Zu jedem Getränk wird ein Bonbon serviert, wer möchte, kann sich rohe Hühner- oder Wachteleier in den Orangensaft schlagen lassen. Vor dem Stand sind einige Plastikhocker aufgereiht, das bunt gemischte Publikum stammt aus dem Viertel, man kennt sich. Ein kommunikativer Ort. Als ich mich auf Nachfrage als Schriftsteller oute, ernte ich skeptische Blicke und lenke das Thema schnell auf Fußball. Wenige Tage zuvor waren zwei die Stadt besuchende Journalisten von Straßenhändlern ihres Equipments beraubt und verprügelt worden.

(1) Der Quetzal, ein sehr seltener farbenprächtiger Vogel, ist das Nationaltier Guatemalas. Darstellungen finden sich allenthalben, auf Fotopostern, Wandgemälden, sogar die Währung trägt seinen Namen. Weil er in Gefangenschaft eingeht, gilt er als Freiheitssymbol.
(2) Häufig ist in den Landesnachrichten von erschossenen Fahrern zu lesen, bisweilen treffen die Kugeln auch Passagiere. Gründe für die Morde an Busfahrern sparen sich die Blätter. Sie sind allgemein bekannt.
(3) Ihre Geschichte wurde zur Schnulze.

Mural poético in Aguacatán

Mural von Abel Perez auf einer Hauswand in Aguacatán im Departamento Huehuetenango im guatemaltekischen Hochland. Vergangenen Juli fand in der abgelegenen Stadt zu Füßen der Sierra de los Cuchumatanes zum zweiten Mal ein internationales Lyrikfestival statt. Das Wandgemälde offeriert Verszeilen einiger Teilnehmer: Marlon Francisco, Enrique Godoy Duran, Chary Gumeta, Lisa Johnson, Elvin Munguía, Pascual Felipe Tz’ikin – auch ein Ausschnitt meines Schwarzwald-Gedichts steht in spanischer Übertragung angepinselt.