MINI WELT bei Livres

An der Lyrischen Litfaßsäule, dem Gedichtbänden vorbehaltenen Part von Livres, dem Büchermagazin des luxemburgischen Tageblatts, bespricht Guy Helminger für die Sommerausgabe meinen jüngsten Auswahlband MINI WELT:

„Wussten Sie, dass das Meer der Feind der Dichtung ist, dass Möwen Pendlerinnen sind zwischen unseren Wünschen und Müllhalden? Wenn nicht, sollten Sie Stan Lafleur lesen, der seit langem zu den Großen der deutschsprachigen Lyrikszene zählt. Der Band MINI WELT (…) gewährt einen kleinen Einblick in Lafleurs momentanes Schaffen, sind die Gedichte doch unterschiedlichen unveröffentlichten Manuskripten entnommen. Während das Kapitel „Möwen von Jetzt“ Texte präsentiert, die alle zusammengehören, entlang einer feinen, bildlich ausgefeilten Linie operieren, und dabei über den vergehenden Moment in die Ewigkeit von Zeit verweisen, Erdgebundenheit hinter sich lassend bei der Erkundung des Alls, positioniert sich der Abschnitt „Wahrscheinlich schon in Bickendorf“ nicht nur in Lafleurs Wahlheimat Köln, sondern in der Spoken-Word-Akustik. Auch hier kennt der Dichter sich aus, gibt dem Deskriptiven den Vortritt, paart die Bilder mit Binnenreim und sich angleichenden Sounds. Beides hat Witz und ist von einem einnehmenden ästhetischen Gestaltungsprinzip durchzogen. Gutes Buch. (…)“

MINI WELT

mini welt_cover_warmMein neuer Auswahlband, herausgegeben von Michael Serrer und Adrian Kasnitz, beinhaltet 28 Gedichte über die Möwe im Zeitalter ihrer technischen Reproduzier- und neoliberal geprägten Anpreisbarkeit, über heimatlichen Umgebungswandel und den Stand der Fortschritte zur Aufhebung der Klassengesellschaft. Geschrieben habe ich sie am Rhein, am Bosporus, auf meinem Mauenheimer Balkon und im Fernbus während langwieriger Polizeikontrollen an den innereuropäischen Grenzen. Die Bora, einer der stärksten Winde der Welt, half mit scharfböig vorgetragener, rüttelnder und jaulender Kritik beim Textschliff, als ich bei Zvona i Nari in Ližnjan als Artist in Residence zu Gast sein durfte.

Den Schwerpunkt des Bandes bildet das Eingangskapitel Möwen von Jetzt. Das Wesen des Vogels, eines der beliebtesten Motive der Dichtung, befindet sich im Wandel. Bereits vor 280 Jahren hatte der französische Ingenieur Jacques de Vaucanson eine hochkomplexe automatische Ente gebaut, die trinken, essen, mit den Flügeln flattern, schnattern, paddeln und sogar verdauen konnte, ein mechanisches Wunderwerk, das seinen Schöpfer berühmt machte. Diesem flugunfähigen canard digérateur folgten diverse Ornithopter: mechanische Vögel mit Schlagapparat und/oder Gleitfähigkeiten, angetrieben von Pressluft, Kohlensäure oder Revolverpatronen. Einen solchen künstlichen Vogel sah ich erstmals 2012 in Istanbul den Galataturm im Flug umrunden. Angetrieben von einem Gummimotor hielt er sich gute zehn Sekunden in der Luft und vollführte erstaunliche Kapriolen. Wo er flog, flogen auch biologische Spatzen, Tauben und Möwen. Die Bausätze, die es um sehr kleines Geld zu erstehen gab, hatten aus Fernost an diesen historisch belasteten Ort der Aeronautik gefunden. Bereits ein Jahr zuvor hatte der schwäbische Automatisierungsbetrieb Festo den SmartBird entwickelt, einen bionisch-elektronischen, der Silbermöwe nachempfundenen Vogel, und für sich in Anspruch genommen, den Vogelflug technisch entschlüsselt zu haben. Ungefähr zur gleichen Zeit lernte ich in einem Workshop bei Hannes Hoelzl wie handelsübliche Alarmanlagen zu Singvögeln umgelötet werden können – seither ist mein Gehör für artifizielle Vögel im öffentlichen Raum sensibilisiert: die Eroberung unserer Umwelt durch künstliche Vögel, die in der Dichtung bisher nicht sonderlich auffällig wurden, hat bereits vor einem Vierteljahrtausend begonnen.

Die übrigen Kapitel handeln von Umgebungen, die der neue Supervogel mit seinen Kameraaugen aufnehmen und für un/bestimmte Zwecke abspeichern könnte: Zeugnisse sich ausbeulender Zeit- und Gesellschaftsmatrix, des Alles und Nichts – häufig aus in der Lyrik eher unterrepräsentierten Perspektiven auf den kleinbürgerlichen, proletarischen und randständigen Alltag.

Der Titel des Bandes, MINI WELT, sollte ursprünglich barockes Ausmaß erreichen, Inhalte, Entstehungsbedingungen und Förderer in einem über mehrere Zeilen mäandernden Satz inklusive Kommata und Punkt berücksichtigen, um aktuelle Produktionsvorgaben hiesiger Dichtung mit einer gefilterten Rückspiegelsicht auf feudale Bedingungen zu überblenden. Die Corporate Design-Vorgabe der Reihe ließ das nicht zu. Nun also MINI WELT – zum Minipreis von 5 Euro. Das sind knapp 18 Cent pro Gedicht, ein unverschämt günstiger Preis, der dadurch zustande kommen konnte, daß die Nyland-Stiftung Druck und Lektorat der Reihe subventioniert.

MINI WELT, Lyrik-Edition Rheinland, Edition Virgines, Düsseldorf 2017
32 Seiten, 14,5 x 21 cm, Taschenbuch, 5 Euro, ISBN: 978-3944011660

applaudissement

Mit wenigen Monaten Verzögerung erreichte mich die diesjährige Ausgabe von applaudissement, der Münchner Zeitschrift für Literatur und Kunst – Herausgeber Bernhard Rusch drückte mir die aktuelle Nummer 19 jüngst in Köln persönlich in die Hand. applaudissement spricht sich, anders als sich vermuten ließe, nicht französisch, sondern deutsch „applau-disse-ment“. Erstmals im Kunstkontext abgedruckt wurde eines meiner The Möwement-Fotos, das eine Möwe im einsam-abenteuerlichen Flug durch die grünen Himmel über Rotterdams Hafenindustrie zeigt. Dazu gibt es einen Textausschnitt aus der Rhein-Meditation.

Mit Text- und Bildbeiträgen von Max Ackermann, Peter Adacker, Hazel Ang, Bobbie Dunn-Komarek, Elwood, Elzemieke De Tiège, Christian Engelken, Catalina Gomez, Maud Gravereaux, Gerald Grüneklee, Josef Hader, Lynn Hardacker, Thomas Höpfinger, Emmy Horstkamp, Manuela Illera, Jürgen Kerstiens, Justin Koller, Stan Lafleur, Joachim Lischka, Brigitte Yoshiko Pruchnow, Gabriele Rothweiler, Wencke Rowek, Bernhard Rusch, Tina Schlegel, Ulli Schmeling, Nina Schmid, Ines Seidel, Steve Toase, Niko Vartiainen und Bärbel Wolfmeier.

applaudissement, 36 Seiten, DIN A4, zahlreiche Farbbilder, 5 Euro. Zu beziehen über den TTR-Verlag.

Istanbul

ich schaue den Schatten der Möwen auf den
Dachplanen der Fährboote zu wie sie sich in
Störche verwandeln. dies ist also die Fremde

die Taubenfutterverkäuferin schlägt mit einem
Stock nach den Tauben. der Friedhof besitzt
eine Café-Terrasse mit bröckelnden Menschen

die Stadt ist eine Welle, die mich mitreißt
um mittags, inmitten fragender Blicke
der Straßenhunde, über mir zu zerfallen

unter meiner Haut steht graviert, daß ich
Ausländer bin: alleine schlendernd dringe
ich durch die Gassen vor auf mein Spiegelbild

Die Möwe

es waren Comics aus denen sie in
geschwungenen Linien in die Sfären
strömte, angetrieben von Brotresten
und Sardinen, Pendlerin zwischen
unseren Träumen und Müllhalden

nun kommt sie zu uns herab und
predigt von Sonnen, von Nächten
in denen sie als Keilschrift
durch richtungslose Himmel fiel

nun wacht sie auf dem Schornstein
gegenüber. enträtselt mit nervösen
Blicken die Vorgänge in der Stadt

Treiben

treibende_2Ein mit After Effects animiertes Video von Paul Parker auf Vimeo zeichnet Möwenflugspuren nach und verfremdet sie zu helizierenden Bändern, die den Himmel beschreiben. Die Kölner Rheinmöwen zeigen dieser Tage ein abweichendes Verhalten, das an einen vom Mythos des Sisyphos inspirierten Zeitvertreib erinnert: mittelgroße Schwärme lassen sich in der Flußmitte nieder und gen Nordsee treiben, um sich kurz vor Leverkusen zu besinnen, aufzufliegen, an ihre Ausgangsstelle zurückzukehren und sich, die Schlaufe vollendend, erneut treiben zu lassen.

Möwensinfonie

möwensinfonie_seilbahn_zoobrücke_4 Den Umstand nutzend, daß die Kölner Seilbahn infolge eines Unfalls (der bundesweite Schlagzeilen machte, aber glücklicherweise ohne Personenschäden ausging) ihren Betrieb vorübergehend eingestellt hat, entstand am 25. Oktober 2014 meine erste Möwensinfonie. Die Seile über der Zoobrücke waren ganztags für kompositorische Arrangements frei geworden. Ohne die großartige, selbstlose und überwiegend spontane Mitarbeit zahlreicher Kölner und Leverkusener Möwen wäre dieses Himmelswerk nicht zustande gekommen. Das Bild zeigt einen Ausschnitt der Ouvertüre.