Wer geht denn je nach Guatemala? Kuriose und epochemachende Reiseberichte aus dem wilden Zentralamerika

John L. Stephens‘ Incidents of Travel in Central America, Chiapas and Yucatan erreichten Mitte des 19. Jahrhunderts in deutscher Übersetzung mit elf Auflagen in den ersten sechs Monaten erhebliche Beachtung. Der amerikanische Forscher, Diplomat und Reiseschriftsteller war ein knappes Jahr im Auftrag des Präsidenten der Vereinigten Staaten unterwegs gewesen, um die politischen Verhältnisse in der gerade zerfallenden Zentralamerikanischen Konföderation (1823-1840) auszuloten, zu der sich nach der Unabhängigkeit von Spanien Guatemala, Honduras, El Salvador, Nicaragua und Costa Rica als Staatenbund zusammengefunden hatten. Am Rande und inmitten chaotischer Kriegshandlungen bestieg Stephens brodelnde Vulkane, erlitt diverse Tropenfieber, notierte seine Begegnungen mit der indigenen Bevölkerung, suchte in den Städten oft vergeblich nach verbliebenen Regierungsvertretern und erforschte vom Dschungel verschluckte Mayastädte, von deren Existenz mehr Gerüchte als Wissen kursierten.

Nachdem unsre Gesellschaft sich durch die Ankunft einer vornehmen Familie aus Guatemala vermehrt hatte, zogen wir sammt und sonders zu dem Hahnenkampfe. Er fand statt in dem Hofe eines unbewohnten Hauses, der bereits mit Menschen überfüllt war, die, wie ich zur Ehre der Indianer und zur Schande der bessern Klassen bemerkte, sämmtlich Mestizen oder Weisse waren, und — mit steter Ausnahme von Carrera’s Soldaten — sah ich nie in meinem Leben einen Menschenschlag von hässlicherem oder mörderhafterem Aussehen. Längs den ganzen Mauern des Hofs standen Hähne an einem Beine angebunden und Leute liefen mit andern Hähnen unterm Arme umher, die sie, um Grösse und Gewicht zu vergleichen, auf die Erde setzten, brachten Wetten in Ordnung und suchten sich gegenseitig zu betrügen. Endlich begann ein Spiel. Die Damen unsrer Gesellschaft hatten Sitze im Corridor des Hauses und der Platz vor ihnen war frei. Die Hahnensporen waren mörderische Instrumente, mehr als zwei Zoll lang, dick und wie Nadeln spitz. Kaum waren die Hähne auf den Kampfplatz gelassen, als die Halsfedern aufschwollen und sie aufeinander losflogen. In weniger Zeit als man zu ihrem Bespornen gebraucht, lag einer todt da, mit heraushangender Zunge und mit dem Munde entströmendem Blute. Die Begierde und Leidenschaftlichkeit der Menge und ihr Lärmen und Toben, ihr Wetten, Fluchen, Zanken und Balgen boten ein trübes Bild der Menschennatur dar und zeugten von einem blutdürstigen Volke. Den Damen bin ich es schuldig zu sagen, dass sie in der Stadt niemals solchen Schauspielen beiwohnen. (…) Nachdem wir die widrige Scene verlassen, machten wir einen Gang in der Vorstadt umher, wo man von einem gewissen Punkte aus eine prachtvolle Aussicht über die Ebene und die Stadt Guatemala nebst den umliegenden Bergen geniesst, eine Aussicht, die Einen nicht begreifen lässt, wie es möglich ist, dass Menschen, die in mitten einer so grossartigen und herrlichen Natur aufwachsen, Geschmack an so gemeinen, niedrigen Dingen finden.

„So viel Schönheit / so viele Pumpguns“ endet mein Gedicht Postkärtchen aus Guatemala. Als ich es letztes Jahr verfasste, waren mir Stephens‘ Berichte noch unbekannt. Sie zeichnen, als fokussierter Ausschnitt, die seit Anbeginn rekordgespickte Gewaltkurve Zentralamerikas fort und bis in unsere Gegenwart vor; annähernd 1000 Buchseiten mäandert die literarische Reise als grob- und feinnervig schillerndes Dokument chaotischer Zustände voller Brutalität, Schönheit und Zerrüttung seitens Mensch und Natur – und darin mindestens ebenbürtig den heute deutlich berühmteren Darstellungen des Wilden Westens, der ein paar tausend Meilen weiter nördlich zur selben Zeit seine Kaktusblüten trieb. Stephens‘ um Neutralität bemühte, gelegentlich zu ausschweifende, plastische und häufig mit Witz gewürzte Beschreibungen erinnern u.a. an Szenen aus Werner Herzogs Amazonas-Spielfilme: schlammüberzogene Ankünfte in entlegenen Dörfern, allgegenwärtiger Fieberwahn, rustikale Vergnügungen in Kolonialstädten mit ihren unablässig von Krieg und Naturgewalten bedrohten zivilisatorischen Fassaden; den als mürrisch, phlegmatisch bzw. als aguardiente- und blutdürstiger Mob beschriebenen indigenen Einwohnern bleiben im Dschungel nur Jobs aus der kolonialistisch-klerikalen Klamottenkiste:

Der zunächst Aufbrechende war der Kanonikus. Er war vor zwanzig Jahren, bei seiner ersten Ankunft im Lande, über den Berg gekommen, aber seine Schrecken standen noch immer in lebhafter Erinnerung vor ihm. Er reiste auf dem Rücken eines Indianers ab, nämlich getragen in einer Silla oder einem Stuhle mit hoher Lehne und zum Schutze gegen die Sonne oben überdeckt. Drei andere Indianer folgten als Reserve-Träger, sowie ein edles Maulthier zur Abwechselung für den Fall, dass er des Stuhltragens überdrüssig würde. Obwohl der Indianer von der Last tief zur Erde gebeugt marschirte, war doch der Kanonikus guter Dinge, schmauchte behaglich seine Cigarre und winkte uns mit der Hand zu bis er uns aus dem Gesicht war.

Stephens trifft unterwegs auf bemerkenswerte Gestalten, Sitten, Naturfänomene und Ruinen. Guatemala und seine Erscheinungen („Jeder unsrer Tritte und Schritte in diesem Lande bot uns etwas Wildphantastisches und Neues, etwas, was unsre Phantasie ergriff“), aus denen hundert Jahre später Miguel Ángel Asturias in seiner Prosa den Magischen Realismus destillieren wird, macht seine Besucher wie selbstverständlich zu Abenteurern, in schwer überschaubaren Kriegsverläufen verwandelt sich der verblüffte Stephens in einen Agenten wider Willen, der mit den Generälen beider verfeindeter Parteien speist und parliert, kurz nachdem deren versprengte Truppen ihn willkürlich gefangen genommen und um ein Haar exekutiert hatten. Ob Karl May sich bei Stephens bediente, entzieht sich meiner Kenntnis, die Möglichkeit einer solchen Linie immerhin erscheint überdeutlich.

Der letzte Fremde, der im Hafen gewesen war, war ein allbekannter Amerikaner, Namens Handy, von dem ich zuerst am Kap der Guten Hoffnung, wo er Giraffen jagte, gehört hatte, dem ich später in Neuyork begegnet war und den ich hier verfehlt zu haben ausserordentlich bedauerte. Er war von den Vereinigten Staaten aus durch Tejas, Mejico und Centralamerika gereist, und zwar mit einem Elephanten und zwei Dromedaren als Anführern seines Zugs! Der Elephant war der erste in Centraiamerika je gesehene und ich hörte oft von ihm in den Pueblos unter dem Namen El Demonio (der Teufel) sprechen.

Eine eher beiläufig erwähnte Gefahr der Reise besteht im Fieber. An einer Stelle berichtet Stephens trocken, dass alle sieben seiner unmittelbaren Vorgänger in Zentralamerika am Fieber gestorben seien. (Er selber wird zwölf Jahre später an Malariafolgen, einem ungewollten Reisemitbringsel, sterben.) Von zeitgenössischen Repellentien (außer komplett bedeckender Kleidung) kein Wort. In seiner Ergebenheit in die Fiebersituation kommt Stephens, ohne es zu merken, der Ergebenheit der Mayavölker in den Willen der Natur vielleicht am nächsten.

Alle centralamerikanischen Häfen am stillen Meere sind ungesund, dieser aber galt geradezu als tödtlich. Ich war ohne Bangigkeit in Städte eingezogen, wo die Pest wüthete; hier aber herrschte am Ufer eine todtengleiche Stille, die erschreckend war. (…) Den Nachmittag brachte mich der Kapitän ans Ufer. Am ersten Hause sahen wir zwei Kerzen angezündet, um bei der Leiche eines Mannes zu brennen. Alle, die wir sahen, waren krank und Alle klagten, dass der Ort dem menschlichen Leben tödtlich wäre. Und er war in der That fast ganz verödet, und ungeachtet seiner Vortheile als Hafen erfolgte doch wenige Tage darnach von Seiten der Regierung der Befehl, ihn aufzugeben und nach dem ehemaligen Hafen von Punta Arenas zurückzuverlegen. (…)
Der Ort war ein elender Hüttenhaufen und arm an Lebensmitteln, wo die Leute lieber schmutziges Wasser, das vor ihren Hütten stand, tranken als dass sie sich die Mühe gaben, nach dem Flusse zu gehen.

Zu den Höhepunkten des Buches lassen sich auch viele weniger abenteuerliche Alltagsbeschreibungen zählen, z.B. über das Tortillabacken (wie ich es 180 Jahre später unverändert beobachtet habe und dessen elegant-monotone Geräusche sich mir tief eingeprägt haben) oder ein Kindsbegräbnis, das mit dem Zerstampfen des Leichnams endet, um auf dem Lehmgrund der Kirche Platz für kommende Tote zu schaffen. Landschaften wie der Atitlánsee, in der Maya-Mythologie Nabel der Welt und Verbindung zur Unterwelt, erfahren mit Kuriosa beschmückte Würdigungen. Wo er auf entsprechende Informationen trifft (Bücher sind auf der Route Raritäten, wer welche zu veräußern hat, kennt sie bereits auswendig), reichert Stephens seine Berichte mit geschichtlichen Exkursen an, die als Verbindungsglieder zwischen mythischem und modernem Wissen angesehen werden können.

Frühe am Morgen gingen wir abermals zum See. Es schwebte jetzt kein Dunst auf dem Wasser und die Scheitel der Vulkane waren wolkenfrei. (…) Wir verbrachten unsre Zeit mit Schiessen wilder Enten, konnten aber nur zwei Stück ans Ufer bekommen, die, wie wir später fanden, von köstlichem Geschmack waren. Nach Juarros‘ Nachrichten ist das Wasser dieses Sees so kalt, dass es schon nach wenigen Minuten die Glieder Aller, die in ihm baden, erstarren macht und anschwellt. Aber es sah so einladend aus, dass wir beschlossen es zu wagen, und siehe da, unsere Glieder erstarrten nicht und schwollen nicht an. Die Umwohner baden beständig darin, wie man uns sagte; und Herr Catherwood blieb, von seinem Schwimmgürtel getragen und ohne alle Körperbewegung, lange Zeit im Wasser und empfand nichts von einer ausserordentlichen Kälte. Bei der gänzlichen Unwissenheit, welche über die geographischen und geologischen Verhältnisse dieses Landes herrscht, kann es wohl sein, dass die Erzählung von der bodenlosen Tiefe des Sees und von dem Mangel jedes Abflusses ebenso unbegründet ist wie die von der Kälte seines Wassers.

Ein weitgehend und völlig zu Unrecht vergessenes bzw. übersehenes Monumentalwerk, das sich in die großen Reiseberichte der Literaturgeschichte reiht.

John L. Stephens, Eduard Höpfner: Reiseerlebnisse in Centralamerika, Chiapas und Yucatan, Leipzig 1854

Eine Neuausgabe der Höpfner-Übersetzung erschien im Herbst 2014 im Verlag der Pioniere.

In mehreren Formaten, darunter auch als E-Book, bietet Google Books das Werk zum kostenfreien Download (ohne Illustrationen).

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Maismenschen

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„Die Hand, die jäh die Maisähre bricht, damit die Frucht ganz ausreift, ist wie die Hand, die den Klang der Glocke mitten entzweibricht, damit der Tote ausreifen kann.“

„Asturias, Asturias, Asturias, die ganze guatemaltekische Literatur ist Asturias“, erklärt gestikulierend der PEN-Vorsitzende des Landes, Carlos René García Escobar, als er mich durch Guatemala-Stadt chauffiert, und zählt ein paar Titel des Nobeltreisträgers auf. „“Hombres de maíz“ habe ich auf Deutsch im Gepäck“, entgegne ich, unschlüssig darüber wie Carlos sein Statement gemeint haben könnte. Da fällt das Thema bereits unter den Tisch, bzw. in den Fußraum des Wagens, wir kommen, inspiriert vom Geschehen vor der Windschutzscheibe, übergangslos auf Verkehr, Kriminalität, Politik und die Dichtung der jüngeren Generationen zu sprechen. Der Name Asturias begegnet mir in Guatemala fortab ähnlich wie der Name Grass in Deutschland: als angestaubter, mehr oder minder beschädigter Monolith, dem gerade nichts hinzuzufügen ist.

„Die Maismänner“ (wie das Buch in der mir vorliegenden Übersetzung von Rodolfo Selke heißt – es existiert noch eine weitere, „Maismenschen“ betitelt), meine Reiselektüre, läßt sich in heutiger Diktion am besten als Remix des Popol Vuh, des Heiligen Buches und Schöpfungsmythos der Maya beschreiben. Asturias nimmt bereits im Popol Vuh enthaltene Momente des Magischen Realismus auf und transponiert dessen illustres Personal aus prominenten Tierkriegern und Göttern zu geschlagenen Charakteren aus den einfachen Bevölkerungsschichten der Provinz. So setzt sich der Roman aus sechs bildmächtigen Einzelerzählungen zusammen, die jeweils nach ihrer Hauptfigur benannt sind. Zwischen den Erzählungen ergeben sich personelle Schnittmengen, allen gemein ist das geografische Milieu des Hochlands mit seinen indianischen Bewohnern und ihrer Weltsicht einer in sämtlichen Elementen belebten, zyklisch sich organisierenden Natur: in den Lebenden sind die Toten spürbar enthalten, den Maisgeborenen ist ihre künftige Eigenschaft als Maisdünger bewußt. Nicht selten geht die Handlung unter ihrer eigenen Bildhaftigkeit verschütt, in plastischen, poetischen, fabulierend wogenden Schüben wie aus der wind- und regenbewegten, saftig und dornig dümpelnden Natur der Mayagebiete.

„Man hat mir ja schon Medizin gegeben. Was ich in der Brust spüre und was man mir untersucht hat, ist Herzensschaum.“
„Ach du Scheiße! Was ist das denn?“
„Leuten wie mir, die ihr Leben lang immer gut getrunken haben, bleibt ein schaumiger Rückstand von all dem Likör im Blut, und wenn dieser Schaum das Herz erreicht, stirbt man. Das Herz verträgt den Schnapsschaum nicht.“
„Aber dagegen muß es doch ein Mittel geben…“
„Ja, noch ein Schlückchen… Wie meinen?“

Zäh und beharrlich geht das Erzählen vonstatten wie die Feldarbeit im Hochland, die ich auf diversen Autofahrten aus der Ferne betrachte, die bis heute von Hand betrieben wird. Bis in die Gegenwart von Großgrundbesitzern ausgebeutete Campesinos marschieren nach verrichtetem Tagwerk mit geschulterten Macheten die Landstraßen heimwärts. Manche erreichen ihr Zuhause nicht, sondern bleiben, vom Schnaps niedergestreckt, zuckend am Straßenrand oder gleich direkt vor dem Friedhofstor liegen. Mit derartigen Beobachtungen wie ich sie an verschiedenen Stellen im Departamento Huehuetenango mache, korrespondiert eine der schönsten Schnapstrinkerpassagen der Literatur, gleichwohl mit vorhersehbarem Ausgang, als in der Buchmitte die Compadres Revolorio und Goyo Yic sich seitenlang gegenseitig ihren Fusel um immer dieselbe Münze abkaufen, bis der Kanister, mit dem sie für guten Verdienst ein halbes Dorf abfüllen wollten, geleert ist.

In Aguacatán zu Füßen der Sierra de los Cuchumatanes, abseits der Touristenpfade, werde ich zufälliger Zeuge einer Maya-Räucherzeremonie für einen Toten und verbinde das Gesehene sogleich mit einer Buchpassage über Maisblattfeuergeknister. Asturias beschreibt Guatemala in seiner natürlichen, sinnlichen Vielfalt, die Geschichten sind angereichert mit Auftritten von Vögeln, Pflanzen, Gerichten und Getränken, von denen ich noch nie zuvor gehört habe. Bei den Schulspeisungen auf Mayagebiet, zu denen ich als Gast geladen werde, und auf Märkten erweist sich, daß die kulinarischen Hinweise des Buches weiterhin zutreffen: ich verkoste Atol (ein schrotiges, warm serviertes Maisgetränk), in Bananenblätter geschlagene Reistamales (ein herzhaftes Risotto) oder Nancefrüchte und andere, der deutschsprachigen Wikipedia bis dato unbekannte Köstlichkeiten. Am Straßenrand erblicke ich Ortsbezeichnungen, die auf historische Mayahelden weisen, die wiederum das Maismenschen-Personal bereichern: in einigen Momenten kommt es mir vor, als befahre, bewandere und erkunde ich anstelle Guatemalas ein sechzig, siebzig Jahre altes Buch, Momente, die jedoch schnell in Wirklichkeit und Moderne sich lösen: die Tochter der Marktfrau, die nur Tz’utujil spricht, spielt mit ihrem Smartfone, statt Eselskarren holpern Pick-ups und Tuk Tuks durch die Provinz, gerade hat ein im Lande wegen seines Blicks auf die Mayakultur kontrovers diskutierter Spielfilm, Ixcanul Volcano von Jayro Bustamente, der erste guatemaltekische Wettbewerbsfilm bei der Berlinale überhaupt, einen Silbernen Bären gewonnen.

Menschen sind wie in Kleider gehüllte Tamales, aus denen der rote Saft quillt.

Im Spannungsfeld zwischen Lebens- und Todesmetafern wabert ein beschwörender Text voller blut-, feuer-, liebes-, haß- und alkoholgetränkter Zauberformeln, die mit Macht aus dem Leben mit seinen profanen Vorgängen hervortreten, das sie zur Beiläufigkeit verurteilen, dieweil die mystische Dimension obsiegt: überfrachtet-bunte, nach innen gespiegelte Geisterhaftigkeit wie aus Überblendungen der gemalten Visionen Henri Rousseaus und Hieronymus Boschs, ein psychedelischer Ouroboros-Comic, naiver Normalitätssplatter als Möbiusschlaufe. Die Guatemala durchwirkende, täglich in den Zeitungen abgehandelte Gewalttätigkeit strebt ihrer Erlösung in zeremoniellem Wort und freier Fantasie entgegen: keine im modernen Sinne mitreißende, sondern vielmehr eine mit unzähligen Falltüren ins Reich der Mystik versehene, die Beharrlichkeit bäuerlicher Rhythmen imitierende und fordernde Lektüre.

„Immer betrügt man sich selbst in der Hoffnung, daß die Dinge so sind, wie man sie sich wünscht. Leider sind sie es nicht. Gaspar ertrank. Aber nicht, weil er nicht schwimmen konnte – du sagtest selbst, er war mit dem Wasser vertraut wie ein Fisch – sondern weil er im Lager statt lebendiger Menschen nur Leichen fand. Die Soldaten hatten alles niedergemetzelt. Das traf ihn härter als jeden anderen, war er doch ihr Führer, und so wurde ihm klar, daß er mit ihnen gehen mußte, mit den Gemordeten. Um nicht der Patrouille den Gefallen zu tun, auf den sie warteten, ließ er sich in den Fluß fallen – aber nun nicht mehr wie ein Mensch, sondern wie ein Stein. Du mußt wissen, wenn Gaspar schwamm, war er zuerst eine Wolke, dann ein Vogel und schließlich der Schatten seines Schattens auf dem Wasser.“

Miguel Angel Asturias: Die Maismänner, Volk und Welt, Berlin 1985 (Originalausgabe: Hombres de Maíz, Editorial Losada, Buenos Aires 1949)