Tuxtla Gutiérrez: Frisch gepresste Zeit

Das westwärts gerichtete Reisen ist Reisen in die Zeit, produziert mittels Reisebewegung zusammengestauchte Zeit: das ist zugleich Flucht vor der gewohnten Zeit und Aufbruch in ihre schwer zu ergründenden Ursprünge. Dorthin, wo sie herkommt, bis heute sich selbst belauert, besuchsoffen, aber wild, noch unverschweizert, diseuropäisiert. Weil sie der pazifischen Brandung entsteigt, im Meer entsteht, von ungeheurem Wasserdruck mit kosmischem Hintergrund geprägt. Und weil ihre Sprache in ihren kleinsten Einheiten, die zugleich ihre größten sind, denn aus sich selbst heraus kennt sie keine regulierenden Maßstäbe, aus denselben wirren Intervallfarben wie die Oberflächen der Fische zusammengesetzt ist, wird sie bis heute kaum verstanden. Körper und Denkweisen verformen sich unter dieser Zeitstauchung, die leuchtende Himmel absondert. Am Flughafen von Tuxtla verliere ich zur Zeitansage sofort die Orientierung.

jungfrauenerscheinungen

Jungfrauenerscheinungen immer freitags bis sonntags, sowie an jedem Monatszwölften

„Tuxtla Gutiérrez ist seit einigen Jahren Sitz der Regierung. Wenn man San Cristóbal, die frühere Hauptstadt des Staates, kennt, so scheint die Verlegung ganz unbegreiflich. Tuxtla ist heiß und hat ein erschlaffendes Klima, die Umgebung ist ziemlich öde und trocken; alle Nahrungsmittel müssen von weit her zur Stadt gebracht werden. Ein Regierungsgebäude war erst im Bau begriffen. Die einzige Annehmlichkeit ist die hübsche, schattige, mit Trueno-Bäumen bestandene Alameda.“ (Caecilie Seler-Sachs: Quer durch Chiapas, 1895/96)

Gesichter der Vergangenheit: die mexikanische Autorin Rosario Castellanos mit Freunden und Gedichtzeile: „Es necesario, a veces, encontrar compañía“

Vormittäglicher Erkundungsgang: so recht funktionieren mag nichts: fürs Mobiltelefon in einem kleinen Lädchen (nachdem mehrere andere meinten, sie führten so etwas nicht) eine mexikanische Prepaid Card für 30 Pesos. Bei Oxxo lädt man mir 100 Pesos drauf. Das Handy funktionierte mit der deutschen Karte gleich nach Ankunft nicht mehr und funktioniert auch nicht mit der neuen mexikanischen. Der Oxxo-Mann meint, es läge am Gerät und grinst. (Wenn die mexikanische 24/7-Moderne die Billiggeräte des prekär lebenden europäischen Dichters aussortiert.) Um ein Gefühl für den lokalen Takt zu bekommen, quatsche ich Leute an. Einfache Fragen, nach Orten, zu Handelswaren und Gegebenheiten produzieren Missverständnisse am Fließband. Kein Wunder, steigt bereits am Vormittag massive Hitze durchs Tal. Zudem markiere ich eine Gestalt außer der Reihe: der andere Weiße in der Stadt: mein Spiegelbild, das wackelt, während ich es vergeblich zu fixieren versuche. Dann aber doch: die Dusche funktioniert. Und auch die ferngesteuerte Klimaanlage. Als er beim Überreichen der Fernbedienung von meiner Absicht erfährt, das Zimmer auf 20 Grad Celsius zu kühlen, zuckt der Portier zusammen: „Amigo, ich komme aus Deutschland, wir sind hombres del invierno.“ Da lacht er und klopft mir auf die Schulter.

Heißes Pflaster Tuxtla Gutiérrez

Eine geschäftige Hauptstadt mit unsichtbaren Regierungsgebäuden, frei von Tourismus. Um nicht aufzufallen, gehe ich langsam, gehe dahin, wo alle hingehen, schön in rechten Winkeln um die Blöcke des Zentrums, treibende Blutkörperchen in übersichtlichen Pac-Man-Labyrinthen. Achtung, Achtung! Die Verkehrsampeln hängen gewöhnungsbedürftig im Himmel jenseits der Kreuzungen. Kulissen aus von der Regenzeit gelöschten Flammenbäumen, grellen, schnell blätternden Hausanstrichen und Murals. Grackeln schreiten/äugen hin und her in den Parks, reichlich zerfledderte Tauben, verkrätzte streunende Hunde. Auf dem nackten Boden schlafen Männer unter Plastikplanen, auch Kinder, in Hauseingängen und -buchten. An die freistehende Uhr auf der Hauptachse sind Ankündigungen regelmäßiger Marienerscheinungen plakatiert. (Ein Deutscher soll die Standuhr nach erfüllter Fürbitte gestiftet haben, meint ein Taxifahrer.) Im Parque Central koexistieren Jahrmarkt und Protestcamp. Aus den Zeltplanen wehen Dünste lebendig verrottender Menschen. Colectivos und Taxifahrer benutzen elektronische Pfiffe (angedeutete Melodien) oder es rufen die Angestellten aus dem offenen Fenster kurz die Richtung aus. Mein Blick sortiert sich in fotografierbaren Momenten, die häufig, eigentlich immer vorüber sind, bis ich die Kamera gezückt bzw Position ergriffen habe. VW Käfer in sagenhaft abgerockten Versionen: zerzauste Vehikel aus einem kaum gebrauchten Revival-Traum für Roadmovie-Regisseure.

Eines von vier Kaninchen im Zentrum Tuxtlas

Flanieren am Nachmittag: Distanzen und Straßennamen auf Google Maps werden von der Realität gedehnt und vertauscht. Unweit des Parque de la Marimba zwitschern elektronische Vögel aus einer zum Hohlweg umfunktionierten Bürgersteig-Bedschungelung mit Sitzbänken, Rankpflanzen und nachgebauten Tieren. Am Ufer des braunen, stinkenden, müllgeschmückten Río Sabinal zischt ein wütender Leguan durchs Geäst. Inkatäubchen und ein gelbbrüstiger Vogel, den ich nie zuvor sah, unter dessen Flügelschlag der Himmel zu rotieren beginnt. Es gibt mit Handtüchern wedelnde Parkplatzeinwinker. Dralle Frauen, die ihre Brüste mithilfe spezieller Textilien in die Blickebenen der Männer heben. Es gibt Mayaleute mit furchenzersägten, wulstig bepockten oder eingedellten/kubistischen Gesichtern, die mir bis an die Hüfte reichen. Obstverkäuferinnen mit Fliegenklatschen, farblich auf die Kleidung abgestimmt. Ein fußlahmes Mädchen trägt ein T-Shirt mit deutscher Aufschrift „Wanderlust“. Auf seinen Gehstock gestützt vermisst ein winziger, gebückter Alter per Daumenpeilung Stichstraßen außerhalb des Zentrums. Jähe Löcher im Bürgersteig: Einladungen in die Unterwelt. Ein alter Mestize mit skulpturalem Schädel, der sich neben den Bronzen lokaler/nationaler Berühmtheiten positioniert, von denen er nicht zu unterscheiden ist. Mayafrauen, Straßenverkäuferinnen, die beim Sortieren und Zurechtmachen ihrer Waren am liebsten zu Boden oder auf Hauswände starren, um ja keinen Passantenblick aufs Auge zu bekommen: eine zupft und bindet tiefrote Rosen vor tiefrosenroter Hauswand, sodass, Blüten und Wand heben sich auf, nur das Grün und die erdigen Hände (wie Tiere beim Nestbau) bleiben. Zahlreiche Leute, die auf dem Boden sitzen, einige arbeiten in dieser Position. Ein Männerpaar beim Küssen vor der Catedral de San Marcos.

Hähnchenbraterei-Logo in typischen Hähnchenbratereifarben

Kaninchen habe ich in Tuxtla, dem „Ort der vielen Kaninchen“, keine lebenden erblickt, und nur vier auf Wandbildern, sowie mehrere stilisierte Kaninchenohren, die allerdings ebenso gut Esels- oder Eichhörnchenohren vorstellen konnten. Und auf dem Schild einer Bushaltestelle war ein Wortspiel zu lesen aus conejo (Kaninchen) und conexión (Verbindung). Nichtmal das gelbe Kaninchen im Mond gelang es zu erblicken; wahrscheinlich, weil gerade Halbmond (Kalebassenschalenmond) herrschte und das Kaninchen auf der anderen, unsichtbaren Seite oder im Inneren der Schüssel sich befand.

Wer schon immer wissen wollte wie absolute Leere aussieht, braucht lediglich dieses Stillleben um seinen Mexiko-Faktor zu bereinigen

Abends erscheinen mit dem Hunger jene klangvollen Worte, mit denen mexikanische Gerichte beschrieben werden. Ein mir zuvor völlig unbekanntes, zaubrisches gewinnt meine uneingeschränkte Aufmerksamkeit: Ninguijuti. Die kommunikative Kellnerin im Restaurant Ambar meint sogleich, dies seine eine hervorragende Wahl. Serviert wird eine Suppe mit Rücken- und Gulaschstücken vom Schwein in einer angedickten Brühe auf Basis von Maismehl mit Tomaten, grünen Chilis, Knoblauch, Annatto, Limone, dazu Bohnen, Habanerosauce und Tortillas. Die Bedienung liest mir die Begeisterung am Gesicht ab, was wiederum ihr sichtliche Freude bereitet. Aus dem Zoque käme die Bezeichnung, was sie aber bedeuten würde, wisse sie nicht. Die Chiapas-Küche sei eine Mischung aus Tradition, Mystizismus und indigenem Wissen/Handwerk und Ninguijuti die Schnittmenge daraus, lese ich später im Netz, das die wörtliche Bedeutung ebenfalls nicht zu kennen scheint. Auch das Zoque-Wörterbuch schweigt sich aus. Sollte „ninguijuti“ am Ende das seit Ewigkeiten vergeblich gesuchte, bedeutungsfreie, eine große Wort Gottes sein, das sich fleischlich-trivial in einem umwerfenden, grandiosen, alten Gericht manifestiert?

Advertisements

Ixcanul

Guatemala ist im Zeitalter der Globalisierung für die meisten Europäer Terra incognita geblieben. Das gilt sowohl für das Land selbst, als auch für seine Literatur. Die Youtube-Recherche führt zu den üblichen Amateurvideos von Reisenden, kurzen touristischen Werbefilmen und einigen Dokumentationen über Elend und Gewalt. Letztere dominiert den Alltag als nationales Thema: in den Straßen gespiegelt auf Wandbildern, in Graffiti, auf Suchplakaten nach Verschwundenen und täglich neu formuliert in den Mantras der Schlagzeilen. Spielfilme aus Guatemala – oder solche, die das Land zum Gegenstand wählen – sind indes rar bzw. in Europa kaum verfügbar.

Den größten Bekanntheitsgrad dürften zwei Produktionen aus den Achtzigern erreicht haben. Zum einen El Norte (USA/GB 1983), ein Flüchtlingsdrama von Gregory Nava, das das traurige Schicksal eines jugendlichen Maya-Geschwisterpaars auf seinem Weg aus dem vom Bürgerkrieg gebeutelten Guatemala ins gelobte Kalifornien beschreibt. Zum anderen The Evil That Men Do (MEX/USA/GB 1984), ein typischer Selbstjustiz-Action Thriller mit Charles Bronson in der Rolle des Rächers. Das Star-Vehikel spielt allerdings nur laut Drehbuch in Guatemala, aufgenommen wurde es in Mexiko.

„Sie wollen’s nicht tun!“ Gleich werden die Schweine mit Rum gedopt

Mit Ixcanul Volcano von Jayro Bustamante (GUA/FRA 2015) hat erstmals ein guatemaltekischer Streifen interkontinentale Aufmerksamkeit erzielt. Das Drama zeigt Ausschnitte aus dem Leben einer abgeschieden am Vulkanhang lebenden Kleinbauernfamilie. Formal schlicht erzählt, verquickt der Film eine ganze Reihe Aspekte des armseligen Kaffeepflückerlebens zu einem kompakten, komplexen Ganzen. So ließe sich Ixcanul Volcano wahlweise als Frauenfilm, Adoleszenz- bzw. Gesellschaftsdrama oder als Dokumentation über das heutige Leben ländlicher Mayas betrachten. Entwickelt wurde er nach einer wahren Begebenheit, wie es heißt, von Regisseur Bustamante und den Akteuren in Teamarbeit – für die Laienschauspieler (herausragend María Telón und María Mercedes Coroy als Mutter und Tochter) war es der erste Spielfilm.

Maya-Zeremonie am Vulkanhang mit Dank an die Geister

Mutter Juana und Tochter María zerren vor der intensiven Landschaft des Pacaya, einem der aktivsten Vulkane der Welt, ein Schwein in den Koben und füllen das Tier mit reichlich Hochprozentigem ab, um es zur Paarung zu stimulieren, bevor es für ein Gastmahl zur Hochzeitsanbahnung geschlachtet wird. Die Familie, Vater, Mutter, Tochter, lebt in einer Bretterhütte von wenig mehr als nichts. Hinter dem mächtigen Vulkan, Lebensraum und scheinbar unüberwindliches Hindernis zugleich, liegt das Unbekannte. María soll mit dem verwitweten Vorarbeiter der Kaffeepflücker verheiratet werden, doch die junge Frau interessiert sich stärker für den gleichaltrigen Hilfsarbeiter Pepe, einen Heiopei, der sie im Gesträuch bedrängt und davon spricht, in das Land hinterm Vulkan, wo es Strom und fließend Wasser gibt und jeder englisch spricht, abzuhauen. Beim Abtritt hinter der Schnapsbude läßt María sich von Pepe entjungfern und wird umgehend schwanger. Der werdende Vater verdrückt sich zügig Richtung Mexiko und USA. Der Ehemann in spe hatte sich seine Braut weniger schwanger vorgestellt, die Abtreibung mit Maya-Hausmitteln schlägt fehl. Ohne das feste Einkommen des Bräutigams steht die Familie nun vor dem Abgrund, zumal die Felder mit einerseits heiligen, andererseits todbringenden Schlangen verseucht sind. Beim Versuch der Schlangenaustreibung (Schwangeren können die Tiere nichts anhaben, erinnert sich Juana an eine alte Maya-Weisheit) wird María prompt gebissen. Das Krankenhaus in der Stadt rettet ihr Leben, doch verliert sie ihr Kind. Den Leichnam zu sehen wird María verweigert. Als sie den Sarg öffnet, enthält er nur Steine. Das Kind wurde geraubt und verkauft. Damit ist das Problem für den Bräutigam aus der Welt. So blickt María schließlich doch in eine Zukunft hinter dem Vorhang des Brautschleiers.

Mutter und Tochter im Temazcal, dem medizinischen Schwitzbad

Vordergründig zu faszinieren vermögen an Ixcanul, was soviel wie „die nach außen drängende Kraft im Inneren des Berges“ bedeutet, Marías duldendes, die Kamera bezwingendes Gesicht, das Schönheit und Elend vereinende Chiaroscuro einer selten gezeigten Welt, befördert von der Tonspur, die statt auf musikalische Unterlegung auf knappe Dialoge und die Akustik der Schauplätze vertraut. Fernblick und Armutsexotik wecken beim europäischen Zuschauer Gefühle aus dem Sumpf seiner romantischen Vorbildung. Wie wunderbar stoisch die kleine Frau ihr Schicksal erträgt! Kein Wunder fallen da insbesondere die bürgerlichen Kritiken schwärmerisch aus.

María Mercedes Coroy als María

Über ihre tragische Handlungsabfolge hinaus weist die Geschichte auf das In-sich-Gefangensein einer als abgeschieden dargestellten Kultur, die tatsächlich die Hälfte der guatemaltekischen Bevölkerung stellt, von der herrschenden Klasse der Ladinos jedoch vernachlässigt, bestaunt und mißachtet, wenn nicht mißbraucht wird. María wirkt in diesem Kontext zuweilen wie der titelgebende Vulkan: magisch schön, sich selbst nicht verstehend, im Inneren brodelnd, letztlich unbesiegbar. Dieweil die Dialoge auf Kaqchikel, einer der 22 in Guatemala vorkommenden Maya-Sprachen, abgehalten werden, dienen sämtliche Tier- und Naturszenen des Films, darüberhinaus auch Orte wie das Schwitzbad oder ausgestellte Emotionen als Symbole der traditionellen Maya-Weltanschauung mit feststehenden Bedeutungen. Auf diese Weise verknüpft sich die Bildsprache zum spirituellen Grundmuster, welches die Erzählung neben einer dramatischen, ethno- und soziografischen auch zu einer religiösen macht.
In der indigenen Community wurde der Film teilweise kritisch aufgenommen: zu sehr bediene er sich des Ladino-Blickwinkels und reflektiere nicht unbedingt Wirklichkeit und Weltanschauung der Mayavölker.

Ixcanul Volcano ist bei uns als Ixcanul – Träume am Fuße des Vulkans auf DVD mit deutschen Untertiteln erhältlich und ab 12 Jahren freigegeben. Kostenpunkt: ca. 20 Euro.

Literatur aus dem Hinterland – Interview mit Rudy Alfonzo Gómez Rivas

Rudy Alfonzo Gómez Rivas lebt in Aguacatán, einer Kleinstadt abseits der Hauptrouten im Hochland der weit überwiegend von Maya bewohnten guatemaltekischen Region Huehuetenango. Seine literarischen Aktivitäten sind zahlreich und vielfältig: Rudy ist Dichter, Lehrer, Organisator des Poesiefestivals von Aguacatán und betreibt außerdem einen Kleinverlag: Editorial Cafeína, zu deutsch soviel wie Koffeinverlag.

Digital StillCamera

Mural mit Zitaten guatemaltekischer Dichter in Aguacatán

Rudy, wie und warum hast du mit der verlegerischen Tätigkeit begonnen? Existiert in Guatemala eine Traditionslinie ähnlicher Verlage?

Editorial Cafeína ist eine Reaktion auf das zunehmende Angebot erzählerischer wie lyrischer Werke von sehr hoher Qualität, das sich in Guatemala entwickelt hat und dient als Alternative für diejenigen, die nicht bei den großkalibrigen Verlagen landen können, die seit Jahrzehnten im Land tätig sind.
In Guatemala existiert keine sonderlich tief verankerte Verlagstradition und damit die Sache aus Verlegersicht funktioniert, mußt du in Guatemala bereits ein erfolgreicher Schriftsteller oder Dichter sein, um veröffentlicht zu werden, ein Prozeß, in dem du nichts weiter als dein Werk ablieferst. Oder andersherum: wenn du literarische Qualität, aber keinen großen Namen als Schriftsteller vorweisen kannst, und dennoch möchtest, daß deine Arbeit ans Licht kommt, mußt du dafür bezahlen. Ein Konzept, von dem ich denke, daß es die Arbeit des Schriftstellers zunichte macht.
Ich glaube also, im Fall Guatemala lag das Entstehen unabhängiger Verlage teilweise an dieser Herausgeberpolitik. Dadurch kamen Verlage auf wie Alambique Editorial („Destillierhelmverlag“), Editorial Chuleta de Cerdo („Schweinekotelettverlag“), Editorial Zopilotes („Rabengeierverlag“), Editorial Pato/lógica („Patho/logischer Verlag“), von denen ich weiß, daß ihre Vorgehensweisen nicht in besagter Tradition stehen: bei denen liefert der Autor sein Werk ab, der Verleger übernimmt den wirtschaftlichen Part, die Bücher auf den Weg zu bringen. Auf diese Weise wird die Arbeit des Autors gewürdigt.

Gibt es eine Verbindung zwischen Editorial Cafeína und der Cartonera-Idee, die sich seit 2002 von Buenos Aires ausgehend hauptsächlich in den lateinamerikanischen Ländern verbreitet hat?

Der Beginn der unabhängigen Verlage in Lateinamerika, speziell in Argentinien, liegt in der Wirtschaftskrise begründet, die das Land im von dir genannten Jahr erlebt hat. Denkweisen und Konzepte der einzelnen Verlage waren wohl auf die Voraussetzungen der einzelnen Länder abgestimmt, in sämtlichen Ländern gibt es unterschiedliche Vorgehensweisen, die jeweils regionale Aspekte berücksichtigen. Der gemeinsame Nenner liegt wahrscheinlich im Mangel an ökonomischen Mitteln, der in der Mehrzahl der lateinamerikanischen Länder gegeben ist. Im Fall von Guatemala sind die unabhängigen Verlage angetreten, um den neuen, noch nicht so bekannten Dichtern und Schriftstellern eine Atempause zu verschaffen, die ihnen erlaubt, ihr Werk vorzustellen und, wie man sagt, „sich einen Namen zu machen“.

Wie lauten deine Programmziele für Editorial Cafeína und wie suchst du deine Autoren aus?

Die Idee ist, daß jeder guatemaltekische Autor bei uns veröffentlichen kann. Ich denke, daß die Dezentralisierung, die der verlegerische Prozeß im Landesinneren erleidet, ebenso von Bedeutung ist wie die Tatsache, daß die daraus sich entwickelnden und ergebenden Verlagsaktivitäten fern der Hauptstadt nicht nur ein kulturelles Erbe bekräftigen, sondern auch mit herkömmlichen literarischen Paradigmen brechen. Das Wichtigste ist, daß es sich um Werke handelt, die andere Lesarten anbieten und befördern und eine klare Botschaft vermitteln, daß einem bestimmten literarischen Zirkel anzugehören keine notwendige Voraussetzung darstellt, um veröffentlicht zu werden. Die Auswahl betreiben wir in einem Herausgeberrat, eine Art Filter, der dafür sorgt, daß das, was publiziert werden soll, literarische Qualität aufweist, wenngleich das relativ ist.

Gibt es in der jungen guatemaltekischen Literatur so etwas wie einen gemeinsam zu nennenden Trend? Worüber schreiben die jungen guatemaltekischen Dichter (deines Verlags) in diesen Tagen?

Es gibt eine ziemlich lange Liste junger guatemaltekischer Dichter und Schriftsteller, dazu gehören Sonia Marroquín, Alberto Arzú, Rebeca Lane, Daniela Castillo, Pep Balcárcel, Marilinda Guerrero, Vanessa Ramos, Evelyn Macario, Jhonatan Bell, Marco Valerio Reyes, Numa Dávila, José Juan Guzmán, José Alvarado, Joselin Pinto, Pablo Hernández, Julio Prado, Marlon Francisco, Gabriela Gómez, César Yumán, Carlos Orellana, Rafael Romero und viele andere, die gerade meiner Erinnerung entflohen sind, aber zweifellos existiert eine große Varietät guatemaltekischer Literatur, die mit Kraft und sehr guten literarischen Vorschlägen aufwartet und die sich deutlich von romantischen oder Nachkriegskriterien absetzt. Ich würde sagen, es handelt sich um eine Literatur, welche die literarische Sprache neu zu erfinden beabsichtigt, und die unter anderem eine eineindeutige Beziehung zwischen Schriftsteller und Leser herzustellen versucht.

Wie würdest du die Beziehung von Aguacatán zur Literatur beschreiben? Hast du literarische Zukunftspläne für die Stadt und die Region?

Zwischen Aguacatán und der Literatur hat sich eine sehr enge Beziehung ergeben, ich glaube, die Stadt ist sehr darauf erpicht, sich der Literatur an verschiedenen Fronten zu nähern, und zwar dergestalt, daß die Bevölkerung Aguacatáns, zumindest die des städtischen und semiurbanen Bereichs, die Literatur als Passierschein nutzt, um einem latenten existentiellen Chaos zu entkommen.
Zu den Plänen gehört, in den Schulen die Lektüre zu fördern, um den jungen Generationen die Möglichkeit zu bieten, die Liebe zur Literatur in sich zu erwecken, ihnen diese faszinierende Welt aufzuzeigen. Kreatives Schreiben zuzulassen, damit neue lokale Werte in die nationale und die Literatur der Welt eingemeindet werden können und das eben Erwähnte beim Internationalen Poesiefestival Aguacatán in Szene zu setzen, welches auch als Plattform dient, die lokale Literatur kennenzulernen.

XVII

Die Gesichter meines Landes
sind abgezehrt
verschollen
fern
manchmal
– um nicht zu sagen immer –
unsichtbar.
Auch so noch rufen sie
bei Nacht die Liebe an.

(Das Gedicht habe ich übertragen aus Rudy Alfonzo Gómez Rivas: El silencio como invento, Editorial Letra Negra, Guatemala 2012)

Nachtrag, 18. Januar 2016
Die Lyrikzeitung übernimmt das Interview in Ausschnitten.

Der polnische Boxer

halfon_der polnische boxer

Am Morgen, an dem ich mich an diese Besprechung setze, lese ich in der guatemaltekischen Tageszeitung Prensa Libre, daß Eduardo Halfon den diesjährigen Prix Roger-Caillois erhalten wird. Bezeichnenderweise fokussiert der Artikel nicht auf Halfons Literatur, sondern auf seine Identität, die im Zentrum seines Werkes stehe und zitiert den Autor: „Meine Großeltern sind alle außerhalb Guatemalas geboren – im Libanon, in Polen, in Ägypten und in Syrien. Der Zufall führte sie Mitte des 20. Jahrhunderts in Guatemala zusammen, wo ich schließlich im Jahr 1971 zur Welt kam. Vielleicht ist dieser Nomadismus, dieses Umherschweifen mit dem Judentum verknüpft.“

Mein einziges Gespräch in Guatemala über Halfon erinnere ich sehr gut. Als ich erwähnte, außer Der polnische Boxer sei mir kein anderes Buch eines lebenden guatemaltekischen Autors in deutscher Übertragung bekannt, bekam ich zu hören, Halfon sei ein in den USA lebender Jude und könne sich das Publizieren daher, anders als die meisten im Land verbliebenen Autoren, leisten. Der so redete, war der PEN-Vorsitzende Guatemalas Carlos René García Escobar. Mein Einwand, daß Hanser nicht gerade im Ruf eines Zuschußverlags stehe, fand als Erwiderung nur unbestimmtes Gemurmel.

Wissen Sie, wie Dichtung auf Cakchikel heißt, Herr Halfon?, fragte Juan plötzlich. Nein, sagte ich, keine Ahnung. Pach’un tzij, sagte er. Pach’un tzij, sagte ich. Ich ließ mir das Wort eine Weile im Mund zergehen, kostete seinen Klang aus, genoss es, es immer wieder auszusprechen: Pach’un tzij. Wissen Sie, was das bedeutet?, fragte Juan, und ich antwortete zögernd, nein, das sei aber auch nicht wichtig. Wortgeflecht, sagte er. Das ist eine Neuschöpfung, sie bedeutet Wortgeflecht, sagte er noch einmal, Pach’un tzij. So elegant aussprechen wie er konnte es nur, wer rückhaltlos daran glaubt, dass es mehr gibt als nur diese eine Welt. Das ist ein Huipil aus Worten, sagte Juan, ein Wortkleid. Mehr sagte er nicht.

In der Tat spielt das Thema Identität in Halfons wohl bekanntestem Roman Der polnische Boxer die bedeutendste Rolle. Halfon agiert als Ich-Erzähler unter eigenem Namen und verwendet autobiografische Sequenzen. Sein Status als jüdischer Guatemalteke, der in den Staaten lebt, sorgt in der jeweiligen Heimat, sowohl in den USA, als auch in Guatemala, bei anderen Figuren für Irritationen. Weit überwiegend handeln die zehn geschlossenen Erzählrunden, die sich als literarischer Boxkampf des Autors gegen sich selbst bezeichnen ließen, von typisch postmodernen, bildungsbürgerlichen Szenarien. Vereinzelt setzen sich Erzählstränge über die Kapitel fort. Das Personal besteht aus Universitätsangestellten und Studenten, Teilnehmern eines Mark Twain-Symposions, Besuchern und Mitwirkenden eines internationalen Kulturfestivals in Antigua Guatemala und jungen, hübschen, sexuell freizügigen Frauen aus Guatemalas gehobener Schicht. Als Kontrapunkt dienen Skizzen einer in die Gegenwart transponierten, mystifizierten Zigeunerromantik, die der Autor an einige Figuren knüpft, die dem Roman-Eduardo in Belgrad, wohin er einem kuriosen Impuls folgend reist, begegnen.

Wir gingen in die Cueva de los Urquizú, ein einfaches Lokal mit Plastiktischdecken, Plastiktabletts und Wegwerfgeschirr, das höchstwahrscheinblich nie weggeworfen wurde. Ich wollte, dass Milan ein bisschen typisch guatemaltekisches Essen kennenlernte.

Oberflächliche Übereinstimmungen mit meiner eigenen Guatemala-Wahrnehmung habe ich vor allem im ersten Kapitel, Fern, gefunden: Halfon schwärmt von den beeindruckenden Namen guatemaltekischer Orte, vom Klang der Mayasprachen (die in meinem Empfinden, wo ich sie auf der Straße hörte, Naturfänomene nachzuahmen schienen und knisternde, raschelnde, rauschende, Naturkräften ähnelnde, zerfallende Soundskulpturen bildeten), läßt sich über die lokale Küche aus, bevorzugt unter den guatemaltekischen Bieren, genau wie ich, das dunkle Moza, und thematisiert die Ungleichheit zwischen indianischer und herrschender Bevölkerung, vorbereitet durch literaturwissenschaftliche Überlegungen, die er als Dozent seinen desinteressierten Studenten nahezubringen sucht, und denen einzig der junge talentierte Maya-Dichter Juan Kalel zu folgen versteht, der am Ende seine just begonnene akademische Laufbahn knicken muß, weil die Armut den Lebenstakt der Mayaexistenzen bestimmt und Juan die magere Gärtnerrolle des verstorbenen Vaters in seiner subsistenzwirtschaftlich sich ernährenden Familie einnehmen muß.

Mein Großvater sagte immer, ich sei so alt wie die Ampeln, denn an dem Tag, an dem ich zur Welt kam, wurde offenbar an ich weiß nicht welcher Kreuzung im Stadtzentrum die erste Ampel Guatemalas aufgestellt.

Die zehn Erzählungen stecken voller einprägsamer, kräftiger Ideen und literarischer Finten, zu denen Halfon gerne etwas Theorie zur Deutung nachreicht. Sie sind ausstaffiert mit der Sprunghaftigkeit unserer globalisierten Epoche, Tablettenschwangerschaften und gezeichneten Orgasmen, mit der Häftlingstätowierung des Großvaters, der Auschwitz überlebte und sehr viel Musik, Zigaretten und Alkohol. Bei beachtlicher Vielschichtigkeit sind die Geschichten intelligent komponiert, handwerklich hervorragend gearbeitet und mit reichlich Witz versehen. Halfon kreist in Der polnische Boxer, stellvertretend für jedwede zeitgenössische Biografie, ständig um sein wahres und sein literarisches Ich: das längste Kapitel trägt paßgenau den Titel Pirouette. Extensive Beschreibungen des Fremden dienen letztlich der Suche nach dem Fremden im Autor selbst, in der Betrachtung gesellschaftlicher Außenseiter sucht er nach dem Unverstellten, der vermeintlichen Magie, die mit wirtschaftlicher Armut einhergeht und die sich mithilfe klassischer Bildung bzw aus den antrainierten Verhaltensmustern akademischer Tätigkeiten schwer begreifen läßt.

Als nächstes traf eine Karte aus Denver, Colorado, ein. Sie zeigte einen erdmandelmilchfarbenen Berg, der mit winzigen schwarzen Punkten übersät war, Skifahrer, nahm ich an, oder riesige Nadelbäume. Milan schrieb dazu: Es war einmal ein König, der besaß das große Zigeuner-ABC. Da es damals noch keine Bücherregale gab, um ABCs aufzubewahren, wickelte der König das ABC in Salatblätter ein. Anschließend legte er sich am Ufer eines sanften Bächleins schlafen. Wenig später erschien ein Esel, trank Wasser aus dem Bächlein und aß die Salatblätter auf. Deshalb haben wir Zigeuner kein eigenes ABC.

An meine mehrhundertfach fotografierten Sonnenaufgänge über dem Atitlánsee erinnert mich eine der Schlußszenen vor der Kulisse der antiken Mayastätte Tikal, die zugleich eine guatemaltekische Klammer schließt, indem sie eine neofolkloristische Betrachtung der indianischen Bevölkerung, auf die der weiße Mann in Guatemala sich unvermittelt verworfen sieht, anstellt, die, dem Zeitgeist gemäß, unaufgelöst bleiben muß.

Der Eingeborene zeichnete den Sonnenuntergang, (…) aber er zeichnete so, ganz schnell, sagte Shlomo und bemühte sich offensichtlich, den anderen nachzuahmen. Er machte mit seinen Farbstiften ganz schnell eine Zeichnung, sagte er, und dann riss er die Seite aus dem Heft und warf sie auf die Steine des Mayatempels, auf die Steine seiner Vorfahren, und fing an, einen neuen Sonnenuntergang zu zeichnen. Verstehen Sie? Denn jede Zeichnung war anders, jeder Sonnenuntergang war anders, als wären es wirklich lauter verschiedene Sonnenuntergänge. Alles veränderte sich ganz schnell. Die Bewegung der Wolken, die Stellung der Sonne, die Farbe des Himmels. (…) Aber statt einer Kamera nahm er seine Augen und seine Hände und seine Farbstifte dafür. (…) Und der Eingeborene, fuhr er fort, ließ seine Zeichnungen auf dem Boden liegen, und manche wurden vom Wind fortgetragen. Als läge ihm nichts daran, sagte er, oder als wäre das nicht das Wichtigste, sagte Shlomo. (…) Wir waren vielleicht zehn oder fünfzehn Touristen und wir vergaßen ganz, den Sonnenuntergang über dem Urwald zu verfolgen, und sahen dafür zu, wie dieser Eingeborene ihn mit seinen Farbstiften zeichnete.

Eduardo Halfon: Der polnische Boxer (aus dem Spanischen von Peter Kultzen und Luis Ruby), Hanser, München 2014 (Originalausgabe: El boxeador polaco, Editorial Pre-Textos, Valencia 2008/2010)

Maismenschen

asturias_maismenschen

„Die Hand, die jäh die Maisähre bricht, damit die Frucht ganz ausreift, ist wie die Hand, die den Klang der Glocke mitten entzweibricht, damit der Tote ausreifen kann.“

„Asturias, Asturias, Asturias, die ganze guatemaltekische Literatur ist Asturias“, erklärt gestikulierend der PEN-Vorsitzende des Landes, Carlos René García Escobar, als er mich durch Guatemala-Stadt chauffiert, und zählt ein paar Titel des Nobeltreisträgers auf. „“Hombres de maíz“ habe ich auf Deutsch im Gepäck“, entgegne ich, unschlüssig darüber wie Carlos sein Statement gemeint haben könnte. Da fällt das Thema bereits unter den Tisch, bzw. in den Fußraum des Wagens, wir kommen, inspiriert vom Geschehen vor der Windschutzscheibe, übergangslos auf Verkehr, Kriminalität, Politik und die Dichtung der jüngeren Generationen zu sprechen. Der Name Asturias begegnet mir in Guatemala fortab ähnlich wie der Name Grass in Deutschland: als angestaubter, mehr oder minder beschädigter Monolith, dem gerade nichts hinzuzufügen ist.

„Die Maismänner“ (wie das Buch in der mir vorliegenden Übersetzung von Rodolfo Selke heißt – es existiert noch eine weitere, „Maismenschen“ betitelt), meine Reiselektüre, läßt sich in heutiger Diktion am besten als Remix des Popol Vuh, des Heiligen Buches und Schöpfungsmythos der Maya beschreiben. Asturias nimmt bereits im Popol Vuh enthaltene Momente des Magischen Realismus auf und transponiert dessen illustres Personal aus prominenten Tierkriegern und Göttern zu geschlagenen Charakteren aus den einfachen Bevölkerungsschichten der Provinz. So setzt sich der Roman aus sechs bildmächtigen Einzelerzählungen zusammen, die jeweils nach ihrer Hauptfigur benannt sind. Zwischen den Erzählungen ergeben sich personelle Schnittmengen, allen gemein ist das geografische Milieu des Hochlands mit seinen indianischen Bewohnern und ihrer Weltsicht einer in sämtlichen Elementen belebten, zyklisch sich organisierenden Natur: in den Lebenden sind die Toten spürbar enthalten, den Maisgeborenen ist ihre künftige Eigenschaft als Maisdünger bewußt. Nicht selten geht die Handlung unter ihrer eigenen Bildhaftigkeit verschütt, in plastischen, poetischen, fabulierend wogenden Schüben wie aus der wind- und regenbewegten, saftig und dornig dümpelnden Natur der Mayagebiete.

„Man hat mir ja schon Medizin gegeben. Was ich in der Brust spüre und was man mir untersucht hat, ist Herzensschaum.“
„Ach du Scheiße! Was ist das denn?“
„Leuten wie mir, die ihr Leben lang immer gut getrunken haben, bleibt ein schaumiger Rückstand von all dem Likör im Blut, und wenn dieser Schaum das Herz erreicht, stirbt man. Das Herz verträgt den Schnapsschaum nicht.“
„Aber dagegen muß es doch ein Mittel geben…“
„Ja, noch ein Schlückchen… Wie meinen?“

Zäh und beharrlich geht das Erzählen vonstatten wie die Feldarbeit im Hochland, die ich auf diversen Autofahrten aus der Ferne betrachte, die bis heute von Hand betrieben wird. Bis in die Gegenwart von Großgrundbesitzern ausgebeutete Campesinos marschieren nach verrichtetem Tagwerk mit geschulterten Macheten die Landstraßen heimwärts. Manche erreichen ihr Zuhause nicht, sondern bleiben, vom Schnaps niedergestreckt, zuckend am Straßenrand oder gleich direkt vor dem Friedhofstor liegen. Mit derartigen Beobachtungen wie ich sie an verschiedenen Stellen im Departamento Huehuetenango mache, korrespondiert eine der schönsten Schnapstrinkerpassagen der Literatur, gleichwohl mit vorhersehbarem Ausgang, als in der Buchmitte die Compadres Revolorio und Goyo Yic sich seitenlang gegenseitig ihren Fusel um immer dieselbe Münze abkaufen, bis der Kanister, mit dem sie für guten Verdienst ein halbes Dorf abfüllen wollten, geleert ist.

In Aguacatán zu Füßen der Sierra de los Cuchumatanes, abseits der Touristenpfade, werde ich zufälliger Zeuge einer Maya-Räucherzeremonie für einen Toten und verbinde das Gesehene sogleich mit einer Buchpassage über Maisblattfeuergeknister. Asturias beschreibt Guatemala in seiner natürlichen, sinnlichen Vielfalt, die Geschichten sind angereichert mit Auftritten von Vögeln, Pflanzen, Gerichten und Getränken, von denen ich noch nie zuvor gehört habe. Bei den Schulspeisungen auf Mayagebiet, zu denen ich als Gast geladen werde, und auf Märkten erweist sich, daß die kulinarischen Hinweise des Buches weiterhin zutreffen: ich verkoste Atol (ein schrotiges, warm serviertes Maisgetränk), in Bananenblätter geschlagene Reistamales (ein herzhaftes Risotto) oder Nancefrüchte und andere, der deutschsprachigen Wikipedia bis dato unbekannte Köstlichkeiten. Am Straßenrand erblicke ich Ortsbezeichnungen, die auf historische Mayahelden weisen, die wiederum das Maismenschen-Personal bereichern: in einigen Momenten kommt es mir vor, als befahre, bewandere und erkunde ich anstelle Guatemalas ein sechzig, siebzig Jahre altes Buch, Momente, die jedoch schnell in Wirklichkeit und Moderne sich lösen: die Tochter der Marktfrau, die nur Tz’utujil spricht, spielt mit ihrem Smartfone, statt Eselskarren holpern Pick-ups und Tuk Tuks durch die Provinz, gerade hat ein im Lande wegen seines Blicks auf die Mayakultur kontrovers diskutierter Spielfilm, Ixcanul Volcano von Jayro Bustamente, der erste guatemaltekische Wettbewerbsfilm bei der Berlinale überhaupt, einen Silbernen Bären gewonnen.

Menschen sind wie in Kleider gehüllte Tamales, aus denen der rote Saft quillt.

Im Spannungsfeld zwischen Lebens- und Todesmetafern wabert ein beschwörender Text voller blut-, feuer-, liebes-, haß- und alkoholgetränkter Zauberformeln, die mit Macht aus dem Leben mit seinen profanen Vorgängen hervortreten, das sie zur Beiläufigkeit verurteilen, dieweil die mystische Dimension obsiegt: überfrachtet-bunte, nach innen gespiegelte Geisterhaftigkeit wie aus Überblendungen der gemalten Visionen Henri Rousseaus und Hieronymus Boschs, ein psychedelischer Ouroboros-Comic, naiver Normalitätssplatter als Möbiusschlaufe. Die Guatemala durchwirkende, täglich in den Zeitungen abgehandelte Gewalttätigkeit strebt ihrer Erlösung in zeremoniellem Wort und freier Fantasie entgegen: keine im modernen Sinne mitreißende, sondern vielmehr eine mit unzähligen Falltüren ins Reich der Mystik versehene, die Beharrlichkeit bäuerlicher Rhythmen imitierende und fordernde Lektüre.

„Immer betrügt man sich selbst in der Hoffnung, daß die Dinge so sind, wie man sie sich wünscht. Leider sind sie es nicht. Gaspar ertrank. Aber nicht, weil er nicht schwimmen konnte – du sagtest selbst, er war mit dem Wasser vertraut wie ein Fisch – sondern weil er im Lager statt lebendiger Menschen nur Leichen fand. Die Soldaten hatten alles niedergemetzelt. Das traf ihn härter als jeden anderen, war er doch ihr Führer, und so wurde ihm klar, daß er mit ihnen gehen mußte, mit den Gemordeten. Um nicht der Patrouille den Gefallen zu tun, auf den sie warteten, ließ er sich in den Fluß fallen – aber nun nicht mehr wie ein Mensch, sondern wie ein Stein. Du mußt wissen, wenn Gaspar schwamm, war er zuerst eine Wolke, dann ein Vogel und schließlich der Schatten seines Schattens auf dem Wasser.“

Miguel Angel Asturias: Die Maismänner, Volk und Welt, Berlin 1985 (Originalausgabe: Hombres de Maíz, Editorial Losada, Buenos Aires 1949)

San Juan La Laguna (2)

Landarbeiter prozessieren durchs Dorfzentrum

Landarbeiter prozessieren durchs Dorfzentrum

Die Wandgemälde in San Juan besorgen Mitglieder der örtlichen Vereinigung Xocomeel, in der die Künstler des Dorfes sich zusammengeschlossen haben. Die lustig gepunkteten Hosen der Männertracht, die in meinem Kopf sogleich eine Fernverbindung zu Yayoi Kusama herstellten, sah ich in natura etwas kürzer, auf Dreiviertellänge geschnitten und ausschließlich von Greisen getragen.

Hinweisschild an der dörflichen Abfüllstation für filtriertes Wasser

Hinweisschild an der dörflichen Abfüllstation für filtriertes Wasser

Filtriertes, sauberes Wasser ist in Guatemala nicht selbstverständlich. In der Hauptstadt kassierte ich auf meine Frage, ob die im Restaurant servierten Kaltgetränke mit filtriertem Wasser bereitet würden, schon mal einen derben Scherz. Das Wasser aus dem Hahn ist praktisch überall im Land mikrobenverseucht. Zugezogene Ausländer berichten von monatelangen Eingewöhnungsfasen an Essen, Getränke und Leitungswasser mit anhaltenden Magen-Darm-Problemen.

Verspielter junger Schattensucher

Verspielter junger Schattensucher

Der freundlichste Einwohner San Juans, dem ich bei meinem Besuch begegnete, war ein sehr junger Hund, den es aus unerfindlichen Gründen in die schärfste Mittagshitze verschlagen hatte. Auf hundert Meter war kein vernünftiger Schatten verfügbar – so gesellte er sich in den meinen, den ich ihm umstandslos spendierte. Nach einer kurzen Unterhaltung über Mühsal und Freuden des Daseins gingen wir, jeder in seine Richtung, auseinander.

Schritte

Schritte

Die Menschen in der Mittagshitze eigneten eine Gangart, die so langsam war, daß innerhalb ihres Dahinschleichens zwangsläufig, damit sie überhaupt von der Stelle kämen, eine Hast sich entwickelte, die ihr Tempo letztlich in wundersamer Weise dahingehend aufhob, daß sie gleichsam von Ort zu Ort sich beamten. Sah ich eben noch eine Person – in San Juan waren um besagte Uhrzeit fast ausschließlich Frauen und Kinder unterwegs – auf mich zukommen, war sie im nächsten Moment schon weit in meinem Rücken, wo sie unverzagt zeitlupenhaft, mit augenscheinlich schnellen raumgreifenden Schritten dahinwandelte.

Profecyman vs. Furchtbürger

Profecyman vs. Furchtbürger

Aufgrund meiner gleichnamigen Gedichtreihe zog dieses Wandgemälde mit deutlich forciertem Blick in den Himmel sogleich meine Aufmerksamkeit. Die durchscheinend ausgeführte, bedrohlich wirkende Gestalt mit einer Mischung aus Kugelfisch- und Katzenkopf, schien, wie ich es zuvor bei diversen Maya beobachtet hatte, direkt aus der Wand hervorzutreten.

San Pedro La Laguna (2)

Welt im Spiegel: ein Blick über die Schulter und der Tag ist ein anderer

Was auf diesem Bild zu sehen ist, ist mir nicht mit letzter Sicherheit klar. Wahrscheinlich ein Fußgänger vor einer doppelgeschossigen Fassade auf einer Blechblende, die Einschußlöcher aufzuweisen scheint. Oder kriecht mitten im guatemaltekischen Hinterland ein S-Bahn-Waggon über die Dächer Richtung Himmel, der als Schriftstück ausgewiesen ist? Blitzhafte Alltagsverzerrungen begleiteten meinen Aufenthalt in bemerkenswerter Frequenz, nicht umsonst zählt Guatemala zu den Ursprungsgegenden des magischen Realismus.

Rush hour: Hochbetrieb am hellen Mittag zur letzten Stunde des täglich stattfindenden Obst- und Gemüsemarkts

Tuk Tuks übernehmen in Guatemala den Transport in Orten, die vom Netz der Hauptstraßen abgeschnitten nur über abenteuerliche Pisten zu erreichen sind. So auch in den Dörfern und Städtchen rund um den Atitlánsee. Dort sind sie an ihren Farben als bestimmten Gemeinden zugehörig erkennbar und sichtbar durchnummeriert. Die Fahrten verlaufen selbst bei hoher Belegung (als Rekord zählte ich inklusive meiner selbst drei Männer, drei Frauen, ein Kleinkind plus Fahrer) entspannt – einmal besuchte mich für eine knappe Sekunde ein Kolibri in der Kabine. Der Schlaglöcher umkurvende Chauffeur erzählte, die Vehikel stammten aus China.

Wichtige Kreuzung – christliche Motti im Straßenbild finden sich über ganz San Pedro verstreut

„Jesus ist der Weg, die Wahrheit und das Leben – niemand gelangt zum Vater, wenn nicht um seinetwillen“. Am Ortseingang sieht sich der Ankommende vor die Wegwahl gestellt. Nach rechts geht es in den Himmel, nach links Richtung Hölle. Tatsächlich wird der linke Abzweig von Müll und Gestank begleitet, kurz vor dem Treppenende wartete, dem Zerberus gleich, mit abwägenden Blicken ein Korpus aus streunenden Hunden.

Öffentlicher Geschichtsunterricht an einem typischen Gemischtwarenlädchen

Wandgemälde in San Pedro thematisieren überwiegend lokale Themen. Z.B. Entführung, Mord und das Verschwindenlassen von Menschen als Formen des Terrors, der die ansonsten vom Bürgerkrieg eher unberührte Kleinstadt zwischen 1980 und 1982 erschütterte. Hinter den Vorfällen steckten Militäreinheiten, die sich tagsüber als Beschützer San Pedros gerierten. Nachts verbreiteten sie selbstgefertigte Guerillaparolen (Graffiti und Flugblätter), um ihre Schwarzen Listen zu rechtfertigen, die stärker von privaten Rache- und Neidgelüsten als vom Kampf gegen die Guerilla geprägt gewesen sein sollen. Nach zwei Jahren Terror entfernten andere Militäreinheiten die Marodeure. 

Mural als Entscheidungshilfe für die lokalen Maisbauern

Dieses um eine Hausecke reichende Mural widmet sich dem heiligen Maisanbau (auf Tz’utujil und Spanisch) als kulturellem Erbe der Region und stellt die Frage nach dem Einsatz von Gentechnik. Die Tatsache bedenkend, daß die Maya-Landwirtschaft noch komplett von Hand betrieben wird, spricht ein dieser Tage weithin auf Plakatwänden beworbener Firmenname wie MayaFert (Düngemittel) Bände. Ein Dichterkollege berichtete mir von mittels Kunstdünger geschaffenen geschmacksarmen Riesenfrüchten. Ich hielt seine Beschreibungen für übertrieben, bis ich an einer Tankstelle Bauern beim Beladen eines LKWs beobachtete. Ihre Karotten erreichten, ohne Grün, die Maße meiner Unterschenkel – der Anblick faszinierte mich dermaßen, daß ich darüber das Fotografieren vergaß.

San Juan La Laguna

Mural, das den Maya-Schöpfungsmythos darstellt

Schattenmarkisenverhangenes Mural, das den Maya-Schöpfungsmythos darstellt

San Juan ist ein kleiner Ort mit leeren Straßen voller Wandgemälde, die weite Teile des Dorfes stärker als seine Menschen zu beleben scheinen. Die größten Outdoor-Aktivitäten beobachtete ich auf dem Friedhof, auf dem ein guter Schwung Gemeindearbeiter mit der Gräber- und Rasenpflege beschäftigt war. Die zentrale Markthalle bot neben dunkler muffiger Kühle deutlich mehr Leer- als Verkaufsflächen, das Angebot der wenigen Stände wirkte ärmlich. Am steilen Weg zum Bootsanleger reihen sich Webereien – sobald ein Fremder vorbeiläuft, wird er freundlich hereingewunken, sich die Handarbeiten erklären zu lassen.

Kaffee gefällig?

Kaffeeanbau gehört zu den verbreitetsten Wirtschaftszweigen rund um den Atitlánsee. Kaffeepflanzen sind nicht nur auf Plantagen, sondern auch in Hausgärten zu finden. Viele Hotels bieten ihren Gästen das Getränk gratis an.

Kaffeeplantage im Dorfzentrum

Kaffeeplantage im Dorfzentrum

Die Pflücker sind mit ihren Fahrrädern zur Arbeit gefahren. Auf dem Versammlungsplatz San Juans verdichten sich die Wandgemälde zu einem Spektakel. Beim Fotografieren erntete ich mißtrauische Blicke einzelner, auf den Tribünen abhängender Gestalten.

Der Junge und der Fisch

Die dargestellte Fischart konnte ich nicht ausfindig machen. Fischfang existiert auf dem See, spielt jedoch keine herausragende Rolle. Auf dem Markt von San Pedro sah ich Krebse, Schnecken und kleine fleischarme, dafür grätenreiche Fische, in den Touristen-Restaurants kommen eingeschleppte Buntbarsche (Tilapia) auf den Teller. Die Fauna des Atitlánsees jedenfalls verändert sich (wie z.B. auch die des Rheins), vielleicht steht der skeptische Junge mit dem Fisch für diesen Wandel.

Panajachel

Der bedeutendste Ort am Atitlánsee besteht auf den ersten Blick aus einer ansehnlichen, von Restaurants und Geschäften gesäumten Hauptstraße, dominiert von Läden mit Maya-Textilien in großartigen Mustern und Farben. Von den ca. sieben Geldautomaten funktionierten zwei, deutlich mehr als in anderen Orten rund um den See, von dem Aldous Huxley schrieb, er sei „too much of a good thing“. Nach Panajachel bewegte ich mich mit dem Schnellboot, das den See in ca. einer halben Stunde in West-Ost-Richtung quert. Die Boote, gleich ob sie für zehn oder 20 Passagiere ausgelegt sind, verlassen den Anleger stets, sobald der vierzehnte Passagier an Bord ist. Morgens ist die Fahrt ruhig, nachmittags wellt der Xocomil, ein über die Berge kriechender Fallwind die Oberfläche: die Folge sind brutale Schläge und Gischtduschen beim Aufsetzen des durch die Traumlandschaft hastenden Bootes.

Zwei Museen bietet Panajachel. Die Casa Cakchiquel zeigt historische Fotografien an den Wänden eines städtisch betriebenen Cafés. Neben frühen Aufnahmen von Campesinos, die mich an gleichalte Bilder derb gewachsener Bauern im Appenzell erinnerten, sind auch Prominente (Che Guevara, Ingrid Bergman) zu sehen, von denen auf diese Weise Zusammenhänge mit dem Ort in die Luft gestellt, jedoch nicht erläutert werden.

Das Museo Lacustre ist in der schicken Posada Don Rodrigo untergebracht und befaßt sich mit „Samabaj“, dem „Maya-Atlantis“, einer Stadt auf dem Seegrund, die vor mindestens 1700 Jahren untergegangen sein soll. Benannt ist der Fundort nach seinem „Entdecker“ Roberto Samayoa Asmus: ein Kunstwort aus dessen Nachnamenssilbe Sam, kombiniert mit dem Quichéwort und häufigen Namensbestandteil abaj (Stein). Um den See herum sollen Berichte über den versunkenen Ort in mündlichen Maya-Überlieferungen existieren, die für die Forschung und Namensgebung jedoch bisher nicht berücksichtigt wurden. Unterdessen regt „Samabaj“ eine bunte Reihe religiöser und esoterischer Theoretiker zu Beweisführungen an. Die im Museum ausgestellten Fundstücke sind mühelos abzählbar. Als ich die Ausstellung ob ihres geringen Schauwerts achselzuckend verlassen wollte, fing mich eine Angestellte ab und geleitete mich in einen zweiten Raum, indem sie mich anwies, barfuß weiterzugehen und das Fotografieren zu unterlassen. Der Raum war rundum blau gestrichen und sollte eine Szenerie auf dem Seegrund vorstellen. In einer dreiviertelstündigen Dokumentation taucht er – trotz Fotografierverbots – kurz auf.

San Pedro La Laguna

Farbenschnarchen: La nariz (die Nase), einer der Gipfel über dem Atitlánsee, kann, samt seiner Abhänge, als Gesicht eines schlafenden Maya-Mannes interpretiert werden

Farbenschnarchen: La nariz (die Nase), einer der Gipfel über dem Atitlánsee, kann, samt seiner Abhänge, als Profil eines schlafenden Maya-Mannes interpretiert werden

San Pedro war der touristischste Ort, den ich auf meiner Hochlandreise zu Gesicht bekam. Die Uferstraße zwischen den Linienbootanlegern ist gesäumt von Hotels, Restaurants und Bespaßungsagenturen für Backpacker, die im zehn Fußminuten hügelan gelegenen Zentrum mit Kirchen, Markt und normalem Kleinstadtalltag kaum anzutreffen sind. Mein Hotel mit Blick Richtung Sonnenaufgang lag ein wenig abseits, ein gepflegt-wilder Garten bot Avocados, Bananen, Zitrus- und Nancefrüchte, die Hibisken zogen Kolibris an, die dichteren Büsche und Palmen unsichtbare Vögel, die wie Türen knarrten oder Geräusche von Plastikspielzeug imitierten. In die Zimmer eindringende Skorpione kommentierte der Manager mit einem herzhaften: „Keine Sorge, Tiere berechnen wir nicht extra.“

Die Nummer 9 beobachtet das Geschehen kurzzeitig vom linken Flügel

Die Nummer 9 beobachtet das Geschehen kurzzeitig vom linken Flügel

Vögel vermeinte ich auch in der Stadt pfeifen zu hören, bis ich entdeckte, daß es sich um Ladenbesitzer handelte, die mit langgezogenen Papageienrufen auf ihre Geschäfte aufmerksam machten. Wieder ein Ladeninhaber stellte vor seiner Tür ein Mikrofon auf und sang zu Konservenbegleitung gefühlige Schlager. Häufig saßen oder standen Menschengruppen beisammen, solch kurzfristige, sich schnell wieder auflösende Events zu betrachten oder um einfach im Schatten zu verschnaufen.

Maismenschen: nach dem Popol Vuh, dem Heiligen Buch der Maya, sind die Menschen nach einigen Fehlversuchen mit anderen Materialien aus Mais entstanden, der zugleich Hauptnahrungsmittel der Maya ist und "soviele Farben aufweisen kann wie die menschliche Haut"

Maismenschen: nach dem Popol Vuh, dem Heiligen Buch der Maya, schufen die Götter die Menschen (nach einigen Fehlversuchen mit anderen Materialien) aus Mais, der zugleich als Hauptnahrungsmittel dient und „soviele Farben aufweisen kann wie die menschliche Haut“

In San Pedro finden sich diverse Shops und Werkstätten, die von oben bis unten mit knalligen Ölgemälden vollgestopft sind, ein chromatischer Overkill. Die Bilder erinnern in Motivik und Rhythmik an naive Bauernmalerei europäischen Stils, nur daß die Kompositionen, klimatisch und gesellschaftlich bedingt, dichter und farbintensiver daherkommen. Mehrere Werkstätten lehren die Maltechnik in Schnellkursen.

Vermutlich der schönste Arbeitsplatz San Pedros: luftiges Rundkuppelstudio mit Blick auf die Stadt und den Erdkreis

Vermutlich der schönste Arbeitsplatz San Pedros: luftiges Rundkuppelstudio mit grandiosen Ausblicken auf die Stadt und den Erdkreis

Eines der auffälligsten Gebäude ist die baptistische Kirche. Ihre Außentreppe führt über drei Etagen zur Kuppel, von der sich fantastische Ausblicke ergeben. Durch ein Fenster erblicke ich im Kuppelinneren einen Mann, der sich an Geräten zu schaffen macht, die mir verdächtig bekannt vorkommen: „Hallo, hast du hier oben etwa eine Radiostation?“ DJ Hernán bejaht erfreut, winkt mich ins Studio, bietet mir einen Stuhl und hilft, die Fenster in verschiedenen Konstellationen für meine Fotos zu öffnen. Nach Beendigung der Aufnahmen setzen wir uns und quatschen. Die aktuelle Sendung geht offenbar problemlos ohne ihren DJ über den Äther.

Schwarzwälder Kirschtorte mit Erdbeeren, Stacheldraht

Schwarzwälder Kirschtorte mit Erdbeeren, Stacheldraht

Typisch für Guatemala sind die Tortillas, die mit einem sehr eigenen Geräusch, einem leisen Klap-klap-klap, aus schlichtem Maisteig zu handtellergroßen Fladen geformt und dann geröstet werden. Allerorten stieß ich auch auf die Selva Negra, eine guatemaltekische Version der Schwarzwälder Kirschtorte, die ohne Kirschen auskommt, welche manchmal durch Erdbeeren ersetzt werden. Typisch für Guatemala ist allemal der Stacheldraht, insbesondere, wenn er zusätzlich unter Strom steht. Mit diesem Foto ist es mir gelungen, gleich zwei der landestypischen Merkmale auf einen Schlag einzufangen.