Mais

In der begleitenden Netz-Anthologie zu Das Gedicht 25 (Religion und Lyrik), zusammengestellt und ediert von Anton G. Leitner und José F. A. Oliver, ist mit Mais soeben eines meiner zentralamerikanischen Gedichte erschienen und hier nachzulesen.

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San Pedro La Laguna (2)

Welt im Spiegel: ein Blick über die Schulter und der Tag ist ein anderer

Was auf diesem Bild zu sehen ist, ist mir nicht mit letzter Sicherheit klar. Wahrscheinlich ein Fußgänger vor einer doppelgeschossigen Fassade auf einer Blechblende, die Einschußlöcher aufzuweisen scheint. Oder kriecht mitten im guatemaltekischen Hinterland ein S-Bahn-Waggon über die Dächer Richtung Himmel, der als Schriftstück ausgewiesen ist? Blitzhafte Alltagsverzerrungen begleiteten meinen Aufenthalt in bemerkenswerter Frequenz, nicht umsonst zählt Guatemala zu den Ursprungsgegenden des magischen Realismus.

Rush hour: Hochbetrieb am hellen Mittag zur letzten Stunde des täglich stattfindenden Obst- und Gemüsemarkts

Tuk Tuks übernehmen in Guatemala den Transport in Orten, die vom Netz der Hauptstraßen abgeschnitten nur über abenteuerliche Pisten zu erreichen sind. So auch in den Dörfern und Städtchen rund um den Atitlánsee. Dort sind sie an ihren Farben als bestimmten Gemeinden zugehörig erkennbar und sichtbar durchnummeriert. Die Fahrten verlaufen selbst bei hoher Belegung (als Rekord zählte ich inklusive meiner selbst drei Männer, drei Frauen, ein Kleinkind plus Fahrer) entspannt – einmal besuchte mich für eine knappe Sekunde ein Kolibri in der Kabine. Der Schlaglöcher umkurvende Chauffeur erzählte, die Vehikel stammten aus China.

Wichtige Kreuzung – christliche Motti im Straßenbild finden sich über ganz San Pedro verstreut

„Jesus ist der Weg, die Wahrheit und das Leben – niemand gelangt zum Vater, wenn nicht um seinetwillen“. Am Ortseingang sieht sich der Ankommende vor die Wegwahl gestellt. Nach rechts geht es in den Himmel, nach links Richtung Hölle. Tatsächlich wird der linke Abzweig von Müll und Gestank begleitet, kurz vor dem Treppenende wartete, dem Zerberus gleich, mit abwägenden Blicken ein Korpus aus streunenden Hunden.

Öffentlicher Geschichtsunterricht an einem typischen Gemischtwarenlädchen

Wandgemälde in San Pedro thematisieren überwiegend lokale Themen. Z.B. Entführung, Mord und das Verschwindenlassen von Menschen als Formen des Terrors, der die ansonsten vom Bürgerkrieg eher unberührte Kleinstadt zwischen 1980 und 1982 erschütterte. Hinter den Vorfällen steckten Militäreinheiten, die sich tagsüber als Beschützer San Pedros gerierten. Nachts verbreiteten sie selbstgefertigte Guerillaparolen (Graffiti und Flugblätter), um ihre Schwarzen Listen zu rechtfertigen, die stärker von privaten Rache- und Neidgelüsten als vom Kampf gegen die Guerilla geprägt gewesen sein sollen. Nach zwei Jahren Terror entfernten andere Militäreinheiten die Marodeure. 

Mural als Entscheidungshilfe für die lokalen Maisbauern

Dieses um eine Hausecke reichende Mural widmet sich dem heiligen Maisanbau (auf Tz’utujil und Spanisch) als kulturellem Erbe der Region und stellt die Frage nach dem Einsatz von Gentechnik. Die Tatsache bedenkend, daß die Maya-Landwirtschaft noch komplett von Hand betrieben wird, spricht ein dieser Tage weithin auf Plakatwänden beworbener Firmenname wie MayaFert (Düngemittel) Bände. Ein Dichterkollege berichtete mir von mittels Kunstdünger geschaffenen geschmacksarmen Riesenfrüchten. Ich hielt seine Beschreibungen für übertrieben, bis ich an einer Tankstelle Bauern beim Beladen eines LKWs beobachtete. Ihre Karotten erreichten, ohne Grün, die Maße meiner Unterschenkel – der Anblick faszinierte mich dermaßen, daß ich darüber das Fotografieren vergaß.

San Juan La Laguna

Mural, das den Maya-Schöpfungsmythos darstellt

Schattenmarkisenverhangenes Mural, das den Maya-Schöpfungsmythos darstellt

San Juan ist ein kleiner Ort mit leeren Straßen voller Wandgemälde, die weite Teile des Dorfes stärker als seine Menschen zu beleben scheinen. Die größten Outdoor-Aktivitäten beobachtete ich auf dem Friedhof, auf dem ein guter Schwung Gemeindearbeiter mit der Gräber- und Rasenpflege beschäftigt war. Die zentrale Markthalle bot neben dunkler muffiger Kühle deutlich mehr Leer- als Verkaufsflächen, das Angebot der wenigen Stände wirkte ärmlich. Am steilen Weg zum Bootsanleger reihen sich Webereien – sobald ein Fremder vorbeiläuft, wird er freundlich hereingewunken, sich die Handarbeiten erklären zu lassen.

Kaffee gefällig?

Kaffeeanbau gehört zu den verbreitetsten Wirtschaftszweigen rund um den Atitlánsee. Kaffeepflanzen sind nicht nur auf Plantagen, sondern auch in Hausgärten zu finden. Viele Hotels bieten ihren Gästen das Getränk gratis an.

Kaffeeplantage im Dorfzentrum

Kaffeeplantage im Dorfzentrum

Die Pflücker sind mit ihren Fahrrädern zur Arbeit gefahren. Auf dem Versammlungsplatz San Juans verdichten sich die Wandgemälde zu einem Spektakel. Beim Fotografieren erntete ich mißtrauische Blicke einzelner, auf den Tribünen abhängender Gestalten.

Der Junge und der Fisch

Die dargestellte Fischart konnte ich nicht ausfindig machen. Fischfang existiert auf dem See, spielt jedoch keine herausragende Rolle. Auf dem Markt von San Pedro sah ich Krebse, Schnecken und kleine fleischarme, dafür grätenreiche Fische, in den Touristen-Restaurants kommen eingeschleppte Buntbarsche (Tilapia) auf den Teller. Die Fauna des Atitlánsees jedenfalls verändert sich (wie z.B. auch die des Rheins), vielleicht steht der skeptische Junge mit dem Fisch für diesen Wandel.

San Pedro La Laguna

Farbenschnarchen: La nariz (die Nase), einer der Gipfel über dem Atitlánsee, kann, samt seiner Abhänge, als Gesicht eines schlafenden Maya-Mannes interpretiert werden

Farbenschnarchen: La nariz (die Nase), einer der Gipfel über dem Atitlánsee, kann, samt seiner Abhänge, als Profil eines schlafenden Maya-Mannes interpretiert werden

San Pedro war der touristischste Ort, den ich auf meiner Hochlandreise zu Gesicht bekam. Die Uferstraße zwischen den Linienbootanlegern ist gesäumt von Hotels, Restaurants und Bespaßungsagenturen für Backpacker, die im zehn Fußminuten hügelan gelegenen Zentrum mit Kirchen, Markt und normalem Kleinstadtalltag kaum anzutreffen sind. Mein Hotel mit Blick Richtung Sonnenaufgang lag ein wenig abseits, ein gepflegt-wilder Garten bot Avocados, Bananen, Zitrus- und Nancefrüchte, die Hibisken zogen Kolibris an, die dichteren Büsche und Palmen unsichtbare Vögel, die wie Türen knarrten oder Geräusche von Plastikspielzeug imitierten. In die Zimmer eindringende Skorpione kommentierte der Manager mit einem herzhaften: „Keine Sorge, Tiere berechnen wir nicht extra.“

Die Nummer 9 beobachtet das Geschehen kurzzeitig vom linken Flügel

Die Nummer 9 beobachtet das Geschehen kurzzeitig vom linken Flügel

Vögel vermeinte ich auch in der Stadt pfeifen zu hören, bis ich entdeckte, daß es sich um Ladenbesitzer handelte, die mit langgezogenen Papageienrufen auf ihre Geschäfte aufmerksam machten. Wieder ein Ladeninhaber stellte vor seiner Tür ein Mikrofon auf und sang zu Konservenbegleitung gefühlige Schlager. Häufig saßen oder standen Menschengruppen beisammen, solch kurzfristige, sich schnell wieder auflösende Events zu betrachten oder um einfach im Schatten zu verschnaufen.

Maismenschen: nach dem Popol Vuh, dem Heiligen Buch der Maya, sind die Menschen nach einigen Fehlversuchen mit anderen Materialien aus Mais entstanden, der zugleich Hauptnahrungsmittel der Maya ist und "soviele Farben aufweisen kann wie die menschliche Haut"

Maismenschen: nach dem Popol Vuh, dem Heiligen Buch der Maya, schufen die Götter die Menschen (nach einigen Fehlversuchen mit anderen Materialien) aus Mais, der zugleich als Hauptnahrungsmittel dient und „soviele Farben aufweisen kann wie die menschliche Haut“

In San Pedro finden sich diverse Shops und Werkstätten, die von oben bis unten mit knalligen Ölgemälden vollgestopft sind, ein chromatischer Overkill. Die Bilder erinnern in Motivik und Rhythmik an naive Bauernmalerei europäischen Stils, nur daß die Kompositionen, klimatisch und gesellschaftlich bedingt, dichter und farbintensiver daherkommen. Mehrere Werkstätten lehren die Maltechnik in Schnellkursen.

Vermutlich der schönste Arbeitsplatz San Pedros: luftiges Rundkuppelstudio mit Blick auf die Stadt und den Erdkreis

Vermutlich der schönste Arbeitsplatz San Pedros: luftiges Rundkuppelstudio mit grandiosen Ausblicken auf die Stadt und den Erdkreis

Eines der auffälligsten Gebäude ist die baptistische Kirche. Ihre Außentreppe führt über drei Etagen zur Kuppel, von der sich fantastische Ausblicke ergeben. Durch ein Fenster erblicke ich im Kuppelinneren einen Mann, der sich an Geräten zu schaffen macht, die mir verdächtig bekannt vorkommen: „Hallo, hast du hier oben etwa eine Radiostation?“ DJ Hernán bejaht erfreut, winkt mich ins Studio, bietet mir einen Stuhl und hilft, die Fenster in verschiedenen Konstellationen für meine Fotos zu öffnen. Nach Beendigung der Aufnahmen setzen wir uns und quatschen. Die aktuelle Sendung geht offenbar problemlos ohne ihren DJ über den Äther.

Schwarzwälder Kirschtorte mit Erdbeeren, Stacheldraht

Schwarzwälder Kirschtorte mit Erdbeeren, Stacheldraht

Typisch für Guatemala sind die Tortillas, die mit einem sehr eigenen Geräusch, einem leisen Klap-klap-klap, aus schlichtem Maisteig zu handtellergroßen Fladen geformt und dann geröstet werden. Allerorten stieß ich auch auf die Selva Negra, eine guatemaltekische Version der Schwarzwälder Kirschtorte, die ohne Kirschen auskommt, welche manchmal durch Erdbeeren ersetzt werden. Typisch für Guatemala ist allemal der Stacheldraht, insbesondere, wenn er zusätzlich unter Strom steht. Mit diesem Foto ist es mir gelungen, gleich zwei der landestypischen Merkmale auf einen Schlag einzufangen.