Lyrik-Pegel (3)

Mosaikstein-Meldungen und Florilegium zu Gedichtvorkommen im öffentlichen Raum, elektronisch geharkt, kommentiert aufbereitet und mit Dank an alle ZuträgerInnen der Zukunft überlassen:

Köln
Es tauchen in Köln zunehmend öffentlich angebrachte Gedichte auf. Bisher meist an wenig frequentierten Orten und mit geringer Lebenserwartung. So ist die Gedichtkachel am Nippeser Markt, die ich im Februar dokumentiert habe, bereits Geschichte. Im Johannes-Giesberts-Park versteckt sich unterdessen ein Gedicht von Rumi. Angesprayt wurde es auf der Mauer des Clouth-Geländes, deren Parkseite großflächig mit floralen und ornamentalen Wandgemälden plus einem Buddha mit Hasenzähnen überzogen ist. Weil die Mauer von Mischwald verdeckt wird, muss sich, wer den Text entziffern möchte, dafür eigens ins Gehölz schlagen.

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Berlin
Die stark umstrittene Festnahme des katalanischen Politikers und Separatistenführers Carles Puigdemont auf deutschem Boden nahm im März die Berliner Gruppierung PixelHELPER zum Anlass, das Gedicht avenidas von Eugen Gomringer als leicht wiedererkennbares Vorbild für ein Pastiche zu verwenden, das Puigdemonts Festnahme thematisiert. Vergangenen Herbst war Gomringers Original in seiner Eigenschaft als halböffentliches Wandgedicht zum Gegenstand einer langanhaltenden Debatte aufgestiegen. Nachdem der AStA der Alice Salomon Hochschule Berlin das Gedicht erstmals politisiert hatte, sorgten die PixelHELPER damit für eine Fortsetzung bzw. Übernahme des Textes zu Zwecken der Politisierung. In drei Sprachen (Deutsch, Katalanisch, Spanisch) projizierten sie ihre avenidas-Variation puigdemont auf das Emblem der Botschaft von Spanien in Berlin.

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puigdemont in spanischer Version (Bild: Dirk-Martin Heinzelmann, PixelHELPER)

Ihren Ansatz beschreibt die Gruppierung wie folgt: „Die gemeinnützige PixelHELPER Foundation kämpft mit ungewöhnlichen Mitteln gegen gesellschaftliche Missstände. Oft werden mit Lichtprojektoren von fahrenden Autos aus Lichtkunstkarikaturen auf internationale Botschaften projiziert. Diese Form des politischen Protestes wurde schon gegen die Überwachungsprojekte der NSA, Waffenlieferungen an Saudi Arabien oder für Tierrechte eingesetzt. Oft setzen die teilnehmenden Künstler modernste Technik und alle Werkzeuge der Satire ein, um Probleme in den Fokus der medialen Berichterstattung zu stellen. Der Fokus der Arbeit liegt auf Menschenrechten, insbesondere die Freilassung von politischen Gefangenen und Staaten die gegen die Genfer Menschenrechtskonvention verstoßen. (…) Unsere Selbstjustiz der Kunst bietet alle Möglichkeiten für eine nachhaltige Veränderung innerhalb der Gesellschaft.​“

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Bamberg/Internet

avenidas auf einem Fenster des Café Müller in Bamberg (Bild: #avenidaswall)

Die Alice Salomon Hochschule will das Gedicht avenidas, zu dessen Spiegeleffekt ich hier bereits ein paar Gedanken geäußert hatte, entfernen. Unterdessen ersteht es an zahlreichen anderen Orten wieder auf und gleicht damit der mythologischen Hydra, der für jeden abgeschlagenen Kopf zwei neue wuchsen. Nora Gomringer, die die Aktion #avenidaswall (auf Anfrage erhältliche, transparente Gedicht-Sticker im DIN A4-Format und eine eigene Facebook-Seite) initiiert hat, spricht von „Brooklyn, Barcelona, Nairobi usw“: Vervielfältigung und Verbreitung als klassisch-überzeugende Antwort an alle, die meinen, Verurteilen und Auswischen sei eine probate Lösung für den Umgang mit unliebsamer, als störend empfundener Literatur.

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Düsseldorf

Hypothetisches mural poético in einer Düsseldorfer Wohnsiedlung (Bild: Martin Knepper)

Martin Knepper schreibt: „Seit gut 15 Jahren trage ich mich mit dem Gedanken, unsere kahle Hauswand an der Südostseite dekorativ verschönern zu lassen. Meist ruht die Idee nach einer Weile wieder für Monate oder Jahre, die Debatte um das Gomringer-Mural an der Hochschulwand hat mir diese Idee wieder hochgespült. Über das Was und Wie bin ich mir immer noch unschlüssig; fest steht für mich nur, dass es kein buntes Mural im Diego-Rivera-Style werden soll. Gerade die südamerikanischen Wandmalereien bieten zwar oft herausragende Beispiele, doch in unserer drögen Mittelklassesiedlung wären sie so fehl am Platz wie eine Panflötenkombo in der Kieler Innenstadt. Nein, farbarm sollte es sein, mit nichts vom scharf kalkulierten Bildgehalt ablenken, keine herzerwärmende Tröstung für die Nachbarschaft. Eigentlich gilt für mich nur die Frage Text oder Schwarzweiß.“

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Lyrik-Pegel: Antwerpen

In den meisten Städten des niederländisch-flämischen Sprachraums gehört dank umsichtiger Kulturpolitik Lyrik im öffentlichen Raum zum gängigen Accessoire des urbanen Antlitzes. Bisweilen, wie in Leiden, sogar zum prägenden. Auch Antwerpen nimmt in dieser Hinsicht eine besondere Stellung ein. In anderen Städten mag die Zahl der Interventionen höher liegen: in Antwerpen punkten sie mit Funktionalität, intelligenter Ortswahl und professioneller Ausführung. Nicht wenige davon vermitteln den Eindruck, als sei es regelmäßig und dauerhaft möglich, politische und ästhetische Themen anhand von Gedichten zentral im gesellschaftlichen Diskurs zu positionieren.

Gute Hilfe beim Erkunden öffentlich angebrachter Gedichte in den Niederlanden und Belgien leistet die dokumentarische Website Straatpoëzie, die ich hier bereits kurz vorgestellt habe. Für den Großraum Antwerpen kartografiert sie aktuell über 40 Positionen. Weil die Adressen weit verstreut liegen und die Straßen der Antwerpener Innenstadt sich lustig verästeln und strecken, lasse ich die Karte für den Anfang beiseite und vertraue auf meinen Instinkt. Mit Erfolg. In den mittlerweile sensibilisierten Blick fallen zahlreiche Gedichte, die bisher nicht bei Straatpoëzie registriert sind.

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Gleich bei der ersten dérive entlang der Schelde, deren innerstädtisches Ufer momentan aufwendig zur Promenade umgestaltet wird, stoße ich auf die letzten Worte eines Mauergedichts, dessen Anfang mehr als drei Kilometer weiter nördlich liegt. Organisiert hat es der damalige Stadtdichter (2010/11) Peter Holvoest-Hanssen. Per Zeitungsaufruf hatte er die Bürgerschaft gebeten, an einem Ufertext mitzuwirken. Aus hunderten Einsendungen komponierte Holvoest-Hanssen das Langgedicht Welkom pierewaaiers (Willkommen, Freunde des Piers). Die Stadt besorgte einen Trupp Anstreicher, der den Text in zweiwöchiger Arbeit unter Zuhilfenahme von Schablonen anbrachte. Den kompletten Wortstrom, seine Installation, seine Autoren und Ideen zur architektonischen Zukunft des Scheldekais dokumentiert eine Broschüre: Lyrik und Stadtplanung Hand in Hand.

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Es bedarf keiner langen Erkundungen, um zu ahnen, dass die Beziehung von Poesie und Bürgern in Antwerpens urbanem Gelände eine durchdachte, gemanagte ist, und dass sie der Alltagsnormalität angehört. Um mehr über die Hintergründe zu erfahren, treffe ich den Dichterkollegen Michaël Vandebril, der bei Antwerpens Boekenstad-Projekt beschäftigt ist, das die literarischen Aktivitäten in der Stadt bündelt. In seiner Position fungiert Michaël als Schnittstelle, koordiniert u.a. die Aktionen der für ein bis zwei Jahre bestallten Stadsdichter mit Verwaltung, Politik und ausführendem Handwerk, hilft passende Lösungen für Literatur im öffentlichen Raum zu entwickeln und erläutert auswärtigen Interessenten wie mir das Antwerpener System. Gemeinsam spazieren wir durchs Zentrum, um einige der markantesten Gedichtstandorte aufzusuchen. Darunter auch ehemalige Schauplätze, denn einige Texte waren und sind für klar bemessene, andere wiederum für offene Zeiträume konzipiert. „Hier durch diese Straße“, sagt Michaël, als wir die Fußgängerzone erreichen, „hat die kürzlich berufene Stadsdichterin Maud Vanhauwaert einen Performance-Zug geschickt: Menschen in weißen Ganzkörperanzügen, die im Gänsemarsch schweigend durchs Zentrum marschieren und dabei leere weiße Schilder in die Höhe halten.“ Sogleich fühle ich mich an mein mangels Mitteln niemals aufgeführtes, in elektropansen #4 niedergelegtes Theaterstück Demonstration der Sinnlosigkeit aus den frühen 90ern erinnert.

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Übrig noch auf Plastiktüten: Tom Lanoyes Gedicht am vorübergehend umbenannten KBC-Turm

Das erste auffällige Gedicht im öffentlichen Raum ging auf die Amtszeit von Tom Lanoye in den Jahren 2003/2004 zurück, dem ersten Antwerpener Stadtdichter überhaupt, erzählt Michaël, als wir das markanteste Hochhaus des Zentrums passieren. Arbeiter verkleideten den Boerentoren (Bauernturm), eines der frühesten Hochhäuser Europas und bis heute das nach der Liebfrauenkathedrale höchste Gebäude Antwerpens, mit riesigen Lettern des von Lanoye maßgefertigten Gedichts De Boerentoren schrijft. Die Maßnahme war seinerzeit stark diskutiert, viele Antwerpener kennen den Inhalt bis heute, wahrscheinlich handelt es sich um das bekannteste Antwerpen-Gedicht der jüngeren Zeit.

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Über den Platz vor der Stadsschouwburg (Stadttheater) erstreckt sich ein riesiges, auf schlanke Säulen gestütztes Lamellendach. Am Wochenende findet auf dem Theaterplatz ein Markt statt. Besonderer Beliebtheit erfreuen sich die dicht belagerten Imbissstände mit Kibbeling und Schalentieren, hunderte Antwerpener ergehen sich am Samstagvormittag bei Austern und Sekt in lebhaften Freiluft-Gesprächen und Feierlaune. Zur Einweihung des Dachs ließ die Stadsdichterin von 2008 bis 2010, Joke van Leeuwen, in Zusammenarbeit mit dem Skulpturisten Bob Takes die Worte „zie wat ik zeg dat ik niet zeggen kann“ (sieh was ich sage das ich nicht sagen kann) an der Unterseite anbringen, und zwar so, dass der Text je nach Standort von den Lamellen verzerrt und verschluckt wurde und nur von einer einzigen, leicht abseitigen Position aus vollständig lesbar war. Der Architekt soll von der Idee eines Textes an „seinem Dach“ anfangs alles andere als begeistert gewesen sein, willigte aber schließlich in eine vorübergehende Maßnahme ein. Die Zeile stammt aus dem Gedicht Ben ik (Bin ich), in dem van Leeuwen Kindesmissbrauch thematisiert. Das Stadtgespräch findet direkt unter diesem Dach statt, eine öffentlichere Diskussion ist in Antwerpen kaum denkbar. Am Dach selbst ist der Vers heute nicht mehr sichtbar, stattdessen ist er nun in ein Schwarzweißmuster Konkreter Kunst integriert: eine die Theaterfassade erweiternde Mauer, an der ein gerahmtes Plakat mit dem vollständigen Wortlaut des Gedichts angebracht ist.

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Schwarz und weiß: Joke van Leeuwen bringt das Thema Kindesmissbrauch in Zusammenarbeit mit dem Künstler Bob Takes ins Zentrum der Stadt

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Ein weiteres Gedicht zum Thema Kind, Klein von Bart Moeyaert, ist riesengroß an der Theaterfassade angebracht: die Stadt und ihre lebenden Dichter, verbunden in symbiotischer Präsenz. Letzte Station des Rundgangs mit Michaël Vandebril ist De Vertelboom (Der Erzählbaum), ein weiteres Projekt von Peter Holvoet-Hanssen. Wieder sind zahlreiche Beteiligte in das Werk involviert. Was in Deutschland als Kunst am Bau bekannt ist, hat Antwerpen auf Gedichtebene weitergedacht. Als ich Michaël, beeindruckt von Vielfalt, Ausdruck und Möglichkeiten des Gesehenen, auf Faktoren und Bedeutung für den Fremdenverkehr anspreche, meint er, ich sei als Tourist in Sachen Gedichte im öffentlichen Raum wohl zugleich als Avantgardist zu betrachten und wahrscheinlich (immerhin!) der erste, der Antwerpen aus diesem Grund, jedenfalls der erste, der ihn deswegen aufgesucht hätte. Von den Gedichten gehen wir über zum Bier; auch in dieser Hinsicht wartet Antwerpen mit Qualität auf, zum Beispiel mit dem Seef, über das wieder eigene Lieder und Gedichte gesungen werden.

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Der Erzählbaum setzt sich in einem wahrhaftigen Baum fort

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Anderntags besuche ich das Museum aan de Stroom. Das Gebäude erinnert an einen kubistischen Clownfisch. Über zehn Stockwerke verteilt bietet das MAS mehrere Sammlungen und Sonderausstellungen. Gratis und sehr beliebt ist der Panoramablick vom Dach. Rolltreppen führen von Etage zu Etage, die u.a. mit Antwerpen-Gedichten der Stadtdichter und Antwerpen-Motiven der Stadtfotografen ausgestattet sind. Wer Antwerpen von oben betrachten will, defiliert zwangsläufig an Versen seiner zeitgenössischen Dichter vorüber, die Inhalte beschäftigen sich mit Vorkommnissen und Möglichkeiten urbanen Alltags. Verfasst sind sie auf Flämisch, Französisch und Englisch und korrespondieren mit der Internationalität der Stadt, in der in mehreren Sprachen zugleich geführte Gespräche an jeder Ecke zu hören sind.

Mit Herman de Coninck überschriebenes Hafenpanorama in einer Zwischenetage des MAS

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Erinnerung an Mexiko

Poetischer Blick in den Himmel in Antwerpens Plantentuin: Erinnerung an Mexiko

Der Plantentuin (Botanischer Garten), ein hinter Mauern verborgenes, aus der Zeit gefallenes Kleinod mitten in der Stadt, dient in einer zweiten Funktion zugleich als Tuin der Poëten (Dichtergarten). Neben der in solchen Anlagen üblichen botanischen Beschilderung existert ein Pfad mit Stationen, in denen ausgewählte Pflanzen, oft solche mit traumverstärkender oder anderweitig giftiger Wirkung, in Gedichten behandelt werden. Mit dem Smartfone kann man sich an den Stationen einloggen und Audio-Versionen der Texte abrufen. U.a. stoße ich auf ein Absinth-Gedicht meines alten Freundes Bart Droog. Im Schatten einer ausladenden Zeder steht auf dem Boden, aus Stein gearbeitet und zur allgemeinen Verfügung „het krukje der poëten“ (das Dichterschemelchen). Bei vorfrühlingshaften Temperaturen lasse ich mich darauf nieder und notiere Gedanken und Verszeilen für ein neues Europoem.

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Beim Schlendern durch die Stadt lässt sich bemerken, dass viele Müllwerker aussehen wie Dichter und viele Künstler wie Geschäftsleute. Im Netz schnappe ich unterdessen bei Maarten Inghels auf, dass neuerdings sogar auf Antwerpens Müllwagen Poesie angebracht sei. Auf der Pirsch erweist sich, dass die entsprechenden Fahrzeuge selbst zur Morgenstunde selten sind, sich scheu und bei Entdeckung flink verhalten – sowie längst nicht alle mit Zitaten beschriftet sind. Nach ausdauernder Lauer am Bolivarplaats gelingt es schließlich, wenigstens aus der Ferne ein poetisches Exemplar abzulichten.

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Mit Lyrik beschrifteter Müllwagen: der Text in weißer Schrift läuft über drei Zeilen, darunter abgesetzt die Autorenangabe

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Neben den offiziellen Interventionen der jüngeren Zeit, lassen sich in Antwerpen auch historische Gedichte entdecken, bzw. solche mit privatem bzw halböffentlichem Interesse wie etwa an Gastronomiebetrieben, die mit griffigen Zeilen flämischer und ausländischer Dichter Kundschaft locken. Hinter dem derzeit wegen Renovierung geschlossenen Königlichen Kunstmuseum steht im Schatten des Geschehens ein beachtliches Ensemble aus Gedichtstelen zu den Unabhängigkeiten der flämischen und niederländischen Gebiete. Am Waterpoort (Wassertor) sind lateinische Verse zur weltverbindenden Wirkung des Wassers eingemeißelt. Als vor kurzer Zeit die kleinen Nachtshops, vergleichbar unseren Kiosks bzw. Büdchen, derart hoch besteuert wurden, dass ihnen das Aus drohte, initiierte Maarten Inghels eine lyrische Protestaktion: Türschilder, die mit einem leuchtenden „OPEN“ bei Nacht die Öffnung anzeigen, ersetzte er durch „POETRY“-Leuchtschilder in derselben, in China produzierten Ästhetik, um auf die kulturelle Bedeutung der Läden für die Viertel aufmerksam zu machen. Während sich Beispiele vorwiegend organischer, aber auch verstörender und aktionistischer Interventionen an dieser Stelle mühelos fortsetzen ließen, setzt Antwerpen permanent neue Projekte für Lyrik im öffentlichen Raum an: eine Situation, die auch deutschen Literaturinstitutionen zur Inspiration dienen könnte wie sich ein auf Literatur basierender Diskurs aus eher geschlossenen Räumen und Kreisen in weitere Teile der Gesellschaft tragen ließe.

 

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Die städtisch unterstützten poetischen Interventionen aus den vergangenen 15 Jahren sind zu einem guten Teil in Büchern, Broschüren und auf  anderen Trägern (Poster, Tischdecken, Spielkarten) dokumentiert

Lyrik-Pegel (2)

Mosaikstein-Meldungen und Florilegium zu Gedichtvorkommen im öffentlichen Realraum, elektronisch geharkt, kommentiert aufbereitet und mit Dank an alle Zuträger und Zuträgerinnen der Zukunft überlassen:

Köln
– Als Anfang Februar Schnee fiel und, was selten genug vorkommt, am anderen Tag liegen blieb, hat dieses Ereignis im Kölner Norden offenbar einen unbekannten Jandl-Fan auf den Plan gerufen. Denn ausschließlich auf Jandl-Fragmente im Schnee stieß ich bei meinen Pausenspaziergängen im Nippeser Tälchen und auf der Rennbahn an mehreren Stellen. Weil der Kamera-Akku in der Kälte schlapp gemacht hatte, konnte ich nur diese beiden aufnehmen:

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Es jandlt: Ottos Mops kotzt auf einer Parkbank im Nippeser Tälchen

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Aus dem Jandl-Gedicht „im park“ geliehene Zeilen zieren das Dach einer Kinderspielhütte an der Galopprennbahn

– Ebenfalls in Nippes, für Köln erstaunlich genug, stieß ich auf Verse eines Düsseldorfers:

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Heinrich Heine, fragmentiert, in der Mauenheimer Straße

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Prag
– Vom Václav-Havel-Flughafen Prag schickt Klára Hůrková Leuchtschriftgedichte. Sie stammen von Václav Havel selbst, dessen Schaffen Kateřina Bártová in ihrer Abhandlung zur Geschichte der konkreten Poesie wie folgt einordnet: „Ein Sonderkapitel der tschechischen Poesie stellte Václav Havel dar. Mit seinen Sammlungen „das erste Mal“ (1966), „das zweite Mal“(1994) und „Antikode“, zeigte er einen künstlerischen Unterschied zu den anderen Autoren der tschechischen Experimentellen Poesie, der in der Kritik der Politik und des sozialen Wesens bestand. Im Wesentlichen behandeln seine Titel rationelle Systeme, Mathematik, Logik und Grammatik. Trotz diesem objektiven, wissenschaftlichen Prinzip können wir hinter jedem seiner Texte ein Autorbewusstsein und sein gesellschaftliches Engagement sehen.“

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Relativitätsgleichungsbaum von Václav Havel (Bild: Klára Hůrková)

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Wortkasten von Václav Havel (Bild: Klára Hůrková)

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Türkei
Achim Wagner schreibt: „In der Türkei fördern die Stadtteilverwaltungen von Çankaya (Ankara) und Kadıköy (İstanbul) mittlerweile Poesie im öffentlichen Raum und beziehen sich in der Auswahl auf die şiirsokakta-Bewegung, sprich auf häufig verwendete Gedichte bzw. Gedichtauszüge. Erwähnenswert ist dabei, dass die Stadteilverwaltung in Kadıköy anfangs (2013/2014) die gefundenen Verse noch überstreichen ließ, was dazu führte, dass Aktivisten und Aktivistinnen die Stadtverwaltung nachts antwitterten und ankündigten, gleich loszusziehen, um Wände und Straßen wieder und weiter zu beschriften…“
Achim schickt Aufnahmen zum Gedicht „Einzelverbot“ von Cemal Süreya, das 2013/2014 zu den weitverbreiteten Gedichten gehört habe. Die Übersetzung des Textes lautet: „An dem Tag, an dem die Freiheit kommt / An diesem Tag ist sterben verboten!“

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Im Anfang 2014 restaurierten Cemal-Süreya-Park in Çankaya (Bild: Achim Wagner)

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Eine von mehreren Gedichtplatten in der Cemal-Süreya-Straße in Kadıköy, die die Stadtteilverwaltung dort Anfang 2016 verlegen ließ (Bild: Achim Wagner)

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In Dikmen (Ankara), früher Herbst 2013 (Bild: Achim Wagner)

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Allgemein
– Bei der #şiirsokakta-Bewegung und der lateinamerikanischen Acción Poética lassen sich einige Parallelen entdecken, die sie deutlich von kerneuropäischer Lyrik im öffentlichen Raum unterscheiden. Zu nennen wäre, neben der Bereitschaft zum Zusammenschluss unter einem Label bzw. Hashtag, zunächst der halblegale bis illegale/wilde Charakter der poetischen Erweiterung/Gewichtung von Mauern, Zäunen, Straßen, der das Recht auf Schönheit und Gedankenfreiheit mit einer Selbstverständlichkeit transportiert, die vorrangig im Jenseits von Saturiertheit und Nachbarschaftsklagen zu gedeihen scheint. Desweiteren der ästhetisch eher spielerische Umgang mit dem öffentlichen Raum, der nicht nur ungezwungener, sondern zugleich auch organischer, bisweilen geradezu zwangsläufig wirkt, während hiesigen Anbringungen bisher meist etwas offiziöses, museales, juriertes („Bronzetafel“) beigegeben ist. Der Bewegungscharakter mit mehr oder minder organisierten lokalen, regionalen, nationalen Gruppierungen, solidarisch geachteten Übereinkünften und hohen Followerzahlen in den sozialen Netzwerken sensibilisiert permanent und mit weitem Radius für Gedichte. Schließlich das politische Moment, das weniger bis gar nicht im Text selbst, sondern aufgrund seiner wilden Anbringung, seiner überraschenden Präsenz und Wechselwirkung mit gesellschaftlichen und politischen Umständen zum Ausdruck gelangt.
Mexikaner und Niederländer forcieren Poesie im öffentlichen Raum mit der für mich bisher deutlichsten Sichtbarkeit – aus teils sehr unterschiedlichen Beweggründen.

 

Lyrik-Pegel

Mosaikstein-Meldungen und Florilegium zu Gedichtvorkommen im öffentlichen Realraum, elektronisch geharkt, kommentiert aufbereitet und mit Dank an alle Zuträgerinnen der Zukunft überlassen:

Köln
– In Mauenheim stieß ich im Januar erstmals in Köln auf ein anonym verfasstes Wandgedicht. Das Gedicht setzt sich ums Mauereck als Gemälde fort und erinnert darin an lateinamerikanische Murals, der applizierte Text wiederum an modernes christlich-ökumenisches Liedgut.

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– An einem Pfeiler des Nippeser Tadsch Mahals ist neuerdings eine fest angebrachte Kachel mit Benzinstift-Versen von Mascha Kaléko zu begutachten. nippes_lyrik im öffentlichen raum_2a

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Brno
– Klára Hůrková schickt Fotos aus Brno, der zweitgrößten Stadt Tschechiens, in der Lyrik im öffentlichen Raum häufiger zu entdecken sei als in der Hauptstadt Prag.

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Brunnen mit Zeilen von Jan Skácel (Bild: Klára Hůrková)

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Tafel mit datiertem melancholischen Bummel von Ivan Blatný (Bild: Klára Hůrková)

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Berlin
– Zu einer Debatte, deren öffentliches Ausmaß zuletzt Gedichte von Günter Grass und Jan Böhmermann erreicht hatten, führte der halböffentlich angebrachte Text avenidas von Eugen Gomringer an der Alice Salomon Hochschule. Anders als Grass‘ reichlich unpoetische, mit Israel-Bashing abgemischte Weltuntergangswarnung Was gesagt werden muss und Böhmermanns als Satire-Grenzerfahrung eingekleidete Knittelvers-Schmähkritik am türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdoğan, die immerhin zur Abschaffung des vor dem Gleichheitsgedanken absurden Straftatbestands „Beleidigung ausländischer Staatsmänner“ (Paragraf 103) führte, kommt das Gomringer-Gedicht gänzlich ohne Angriffe auf Staaten oder Personen aus.
Besonders im Fall avenidas ist neben der fysischen Präsenz des Gedichts auch das geweitete Spannungsfeld der Debatte, das ein Text zu produzieren vermochte, der lediglich vier Begriffe in spanischer Sprache: „avenidas“ (Alleen), „flores“ (Blumen/Blüten), „mujeres“ (Frauen) und „un admirador“ (ein Bewunderer) mithilfe des Bindeworts „y“ (und) in wechselnden Konstellationen aufschüttelt.
Das Gedicht, ein Stück konkrete Poesie mit Entstehungsjahr 1951, gelangte zunächst weniger anlässlich seiner Anbringung an der Hochschule im Rahmen eines Poetikpreises in den Fokus der Öffentlichkeit, als vielmehr durch Anwürfe seitens des AStA, dass es sich um einen sexistischen Text handle, dessen Präsenz Studierenden Unwohlsein bereite, weswegen er entfernt gehöre.
Mir erweckten die Zeilen beim ersten Lesen (das in Mexiko stattfand) die Vorstellung eines Bohème- eher als eines sonstigen Kontexts: auf einer wahrscheinlich lateinamerikanischen Prachtstraße, einer Flaniermeile mit Baumblüte oder städtischen Blumenarrangements, fallen in den Blick des männlichen Müßiggängers (womöglich der Dichter selbst) nebst Asfalt und Blüten spazierende Frauen, ein Gesamtpaket, das dem Betrachter Wohlgefallen bereitet (ähnlich wie es mir in Oaxaca just beim Morgenspaziergang ergangen war, bevor ich die avenidas-Nachricht im Netz aufrief). Die Zeilen gehörten in meiner Vorstellung zudem leicht oberhalb einer solchen Straßenszene angebracht, ähnlich wie auf der Hochschulwand tatsächlich der Fall, sodass die enthaltenen Subjekte sich selbst darin entdecken und verorten könnten.
Der AStA vertrat eine andere, bissigere Lesart: von im öffentlichen Raum im männlichen Auge zu Objekten degradierten Frauen, die Blüte als mittelalterlich-stereotypes Beiwerk für Frauen. Eine Sichtweise, die ungefähr im selben Maße das Gedicht zugunsten der eigenen Vorbehalte ausbeutet wie meine erste.
Denn gegen beide Sichtweisen stehen die Fakten des überaus reduzierten Textes. Gerade seine massive Reduktion reizt in der weltanschaulichen Umbruchfase des Genderdiskurses zu Interpretationen, die über das Begründbare hinausgehen. Wer das Gedicht als Kampfmittel einsetzt, richtet die Waffe gegen sich selbst: in dieser Erkenntnis mag sein eigentlicher, verspätet und bereits angestaubt erlangter historischer Wert liegen, wenngleich keine Seele dadurch gerettet werden wird.

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Schweiz
– Meine einzige Erinnerung an Lyrik im öffentlichen Raum der Schweiz habe ich nicht fotografisch dokumentiert. Es handelte sich um in weißer Wandfarbe auf dunkel-verwitterte Holzfassaden angepinselte Verse auf Sursilvan, der romanischen Sprache des Vorderrheintals. In der ländlich-bäuerlichen Umgebung ein überraschender Anblick, der insbesondere bei Schnee eine landschaftseingepasste Ästhetik transportiert.
– Aus Genève schickt Heike Fiedler Bilder ihrer Fensterladen-Installation mémoire collective et cetera aus dem vergangenen Jahr. Eine Vorgängerversion existiert bei Vimeo als Spoken Word-Film dissens dissonanz – livre à ciel ouvert.

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Klappbares Wohnhausgedicht (Bild: Heike Fiedler)

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Italien
Von Heike Fiedler stammt auch der Hinweis auf Carlo Belloli, einen in Deutschland kaum bekannten Futuristen und Pionier räumlicher Poesie: „Im Jahr 1944 legt der Italiener Carlo Belloli mit seinen testi-poemi murali erstmals an, was zehn Jahre später von der konkreten Poesie systematisch weitergeführt wird: die Berücksichtigung des Raumes als semiotische Struktur und die Konzentration auf das einzelne Wort. Belloli beschriftet die Mauern seiner Stadt und versetzt durch diese Art von poesia visuale die Schrift aus ihrem gewohnten Umfeld des Buches oder beschriebenen (bedruckten) Blattes hinaus in den unmittelbaren Lebensraum. Für den Schriftsteller bedeutet der neue Schreibuntergrund die Herausarbeitung anderer Arten schriftlicher Darstellung. Belloli setzt sich in den folgenden Jahren von der zwischenzeitlich aktuell gewordenen konkreten Dichtung ab, da er in ihr nur noch auf die Form reduzierte Ergebnisse sieht, die seiner Meinung nach nicht mehr den Anspruch auf Poesie erheben dürfen.“

#şiirsokakta

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Zeilen aus einem Gedicht von Turgut Uyar in Kuledibi, der Nachbarschaft unterhalb des Galataturms

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Nicht alle Männer sind gleich: sofistische bzw. Sufi-Variante des Straßengedichts nahe Şişhane

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Umarme mich, wo ich mein Leben gelassen habe: Metin Altıok starb beim Brandanschlag von Sivas

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Wenn du blau trägst vergesse ich das Meer: Gedichttitel von Selçuk Yamen vor Rissen an Hauswand

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Auf der Befestigung der Uferpromenade von Kadıköy: Vers von Necdet Evliyagil

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Hüzün, gekreuzte Kabel und schwarzes Haar: aus dem Gedicht Kestim Kara Saçlarımı von Gülten Akın

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Verbleichende Verse von Can Yücel, irgendwo in Beyoğlu

 

Straatpoëzie

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„dat rond / deel deel / dat rond“: Lucebert-Gedicht „uiterst klein rond deel“ in Venlo

In den Niederlanden und in Belgien gehören Gedichte im öffentlichen Raum zum Straßenbild. Das ist mir in mehreren Städten beider Länder angenehm aufgefallen und wo sich Gelegenheit ergab, habe ich solche Orte poetischer Alltagserweiterung fotografiert: in Rotterdam, Leiden, Nijmegen, Arnhem, Venlo, Brüssel und Ostende. Die Gedichte finden sich auf Hauswänden (muurgedichten), ins Trottoir eingelassen, auf Fensterglas, Plakaten, Schildern, an Hafenbecken und eigens eingerichteten Objekten appliziert. Manche sind versteckt, andere zieren stark frequentierte Orte wie Bahnhöfe oder Fußgängerzonen.

Vor geraumer Zeit stieß ich in der Facebook-Timeline von Lucas Hüsgen, der einige meiner Gedichte ins Niederländische übersetzt hat, auf eine Website, deren Anspruch es ist, lyrische Interventionen im öffentlichen Raum der Niederlande und Belgiens mit genauen Adressen zu dokumentieren. Soweit ich verstehe, kann dabei jeder mitmachen. Wer die Website von Straatpoëzie aufruft, bekommt eine Landkarte präsentiert, in der annähernd 2000 solcher Textstätten markiert und teilweise mit Fotos, Wortlaut und Informationen zum jeweiligen Gedicht versehen sind. Die Website bestätigt die naheliegende Vermutung, dass die meisten Straßengedichte mithilfe institutioneller Unterstützung ihren Weg in die Öffentlichkeit fanden.

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Rote Ziegel, zitternde Hände: Louis Paul Boon auf nächtlicher Suche in Versen nach dem in die Jahre gekommenen Mariechen von Nimwegen

Die Straßengedichte können sowohl von historischen, als auch von zeitgenössischen, sowohl von nationalen, als auch von internationalen Verfassern stammen. Beim wilden Klicken stieß ich ebenso rasch wie zufällig auf Gedichte geschätzter Kollegen, mit denen mich gemeinsame Auftritte verbinden: Charles Ducal aus Belgien, sowie Diana Ozon und Ester Naomi Perquin aus den Niederlanden.

Von manchen der registrierten Gedichte wie etwa einer von Schuhsohlen und Gezeiten abgenutzten Ode von Fernando Pessoa auf der Promenade von Ostende habe ich Fotos, die auf der Website noch fehlen. Auch besitze ich Aufnahmen von Versen, welche die Website bisher nicht kennt: Lyrik im öffentlichen Raum ist, obgleich sie bis heute ihr klassisches In-Stein-Gemeißeltsein fortführt, auch ein bewegliches Gut, dessen Potential noch lange nicht ausgeschöpft ist.

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Zu Risiken bei der Detailisolierung: Spruchgedicht von Ton Luijten in Arnheim

Generell scheinen Belgier und Niederländer poetischere Nachbarn. Mehrere Städte bestallen sogenannte Stadsdichter, deren Aufgabe unter anderem darin besteht, lyrisch in den öffentlichen Raum einzuwirken bzw. die Bürger für Dichtkunst zu sensibilisieren. Die Ergebnisse poetischer Interventionen im öffentlichen Raum beider Länder jedenfalls können sich selbst in brutalistischen Fällen sehen lassen: das kürzlich hier vorgestellte und weltweit ausgelegte Motto „Sin poesía no hay ciudad“ der mexikanischen Acción Poética wirkt in den Niederlanden und Belgien bereits gut verstanden und angekommen.

Ohne Poesie gibt es keine Stadt

Die Acción Poética ist ein literarisches und künstlerisches Fänomen mit Ursprung in Mexiko. In beinahe allen mexikanischen Städten und Dörfern, die ich besuchte, fand ich Interventionen, die das Label nutzten.(1) Dabei handelt es sich um meist in Großbuchstaben angepinselte Gedicht- oder Liedfragmente auf Flächen des öffentlichen Raums, häufig von anonymer Hand und stets mit Acción Poética, gelegentlich auch zusätzlich mit einer Lokalkennung signiert. Die Interventionen besitzen eine gewisse, leicht erkennbare Einheitlichkeit. Angestrebt sind schwarze Lettern auf weißem Grund, um an die Buchherkunft der Verse zu erinnern, und eine Ästhetik guter Leserlichkeit. Religiöse und politische Themen werden zugunsten eines eher romantischen Tonfalls vermieden, die Texte gehen in der Regel nicht über zehn Wörter bzw. fünf Zeilen hinaus. Die malerische Ästhetik der Lettern ist eine eigene Betrachtung wert. Letztlich entwickelt die Bewegung auf den Straßen eine spezielle Anthologieform zerstreuender Versbotschaften, ein poetisches Subraumnetz voller Tages- und Nachtmantras für Passanten.

Mondgebadete Straßen: Zeile aus dem Lied „Luna de Xelajú“ von Paco Pérez. Quetzaltenango, meist kurz Xela genannt, gilt als Stadt des Mondes.


Begründet wurde die Acción Poética im Jahr 1996 vom mexikanischen Dichter Armando Alanís Pulido in Monterrey, als er eigene Texte in der Stadt anpinselte. Seine Aktionen brachten ihm den Beinamen El bardo de las bardas (Der Zaunbarde) ein. Von ihm stammt auch eines der bekanntesten Textmotive: „Sin poesía no hay ciudad“ (Ohne Poesie gibt es keine Stadt). Die Idee verbreitete sich, zunächst in Mexiko, heute gibt es in allen lateinamerikanischen Ländern Ableger der Bewegung, die eine weltweite Reichweite seit Bestehen der sozialen Netzwerke entwickelt hat: die verschiedenen Facebookseiten werden millionenfach abonniert. Insbesondere die neueren grafischen Oberflächen bei Facebook erlauben eine Fortsetzung des Formats ins Elektronische. Zahlreiche selbst organisierte Gruppen sorgen für die Verbreitung von Idee und Texten.
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Der Tod ist die Kaution für dieses Gefängnis aus Fleisch und Blut: Schulwand in Puerto Àngel


In ihrer oft harmlosen, bisweilen aber auch tiefgreifenden Aforistik, sowie in ihrer äußeren Form erinnern die verwendeten Verse und Fragmente an hiesige Spruchpostkarten. An Wänden des öffentlichen Raums angebracht, können sie sich unmittelbar auf ihre Umgebung beziehen, was den ausgewählten Texten eine zusätzliche Dimension zu verleihen vermag, so etwa der kopfüber an einer Parkmauer angebrachte Vers „El cielo a tus pies“ (Der Himmel zu deinen Füßen). Selten sah ich Acción Poética-Texte an exponierten Stellen, häufiger an Schulen und in eher vernachlässigten, nicht-touristischen Ecken. Anders als bei der türkischen #şiirsokakta-Bewegung spielt das Subversionsmoment bei der Acción Poética keine beherrschende Rolle. Im Vordergrund steht die Konfrontation des Publikums mit Literatur. Teils werden Texte illegal angepinselt, häufig jedoch auf Einladung. So brachte im Jahr 2015 eine offizielle Kampagne der Stadtregierung Acción Poética-Tüpfel an unzählige Orte entlang der Metro von Mexiko-Stadt.

(1) Auch in Guatemala, wo ich erstmals auf das Fänomen stieß, ließen sich mehrere Acción Poética-Versgemälde entdecken.

Puerto Àngel: Den Himmel meistern

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Irre erschließen die Wege, die später von Weisen beschritten werden: verblassende Zeilen nach Carlo Dossi an einer Fleischerei in Puerto Àngel

Der deutsche Wikipedia-Eintrag zu Arthur Cravan behauptet, der Boxerpoet sei zuletzt im November 1918 in Puerto Àngel (1) gesehen worden. Die Literatur bietet Anzeichen, dass Cravan sich tatsächlich für eine Weile in dem kleinen Fischerdorf (oder in dessen Nähe) an der Küste von Oaxaca aufgehalten haben könnte. In Puerto Àngel ist davon allerdings nichts in Erfahrung zu bringen. Zwei eher versteckte Murals unter dem Label der Acción Poética zitieren Verse des mexikanischen Rap-Literaten Danger Alto Kalibre und des italienischen Schriftstellers Carlo Dossi, eines Zeitgenossen Cravans. Keiner meiner Gesprächspartner kennt auch nur Cravans Namen. Durchaus möglich, dass Cravan unter einem weiteren Pseudonym in der Gegend unterwegs war, und keine Spuren hinterlassen wollte, denn er befand sich auf der Flucht.

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Während des Aufklarens entstehen Kolibri-Landschaften

Der Regen prasselt so laut aufs Terrassendach, dass ich meine eigenen Gedanken nicht mehr hören kann. Unterm Tisch schläft Thunfisch, der Hund meiner Gastgeber, der Knecht Ruprecht, dem Hund der Simpsons, in Aussehen und Verhalten bis aufs Haar gleicht. In Oaxaca kämen nach den ersten Starkregen der Saison zwischen drei und vier Uhr morgens die Chicatanas (geflügelte Blattschneider) hervor, die überaus schmackhafte Mahlzeiten abgeben sollen (2). Auf dem Arbeitstisch schillert eine Flasche Mezcal, über den nicht mehr zu erfahren ist, als dass „die Frauen aus den Bergen“ ihn produzierten, die alle paar Wochen oder Monate an die Küste herab kämen, um frisch destillierte Margen zu verkaufen. Der Regen ist der weltschnellste Drumcomputer. Mit überbordendem, in Worten unmöglich wiederzugebenden Getrommel rasiert er die Stromversorgung. Frösche und Unken nutzen die Strompausen, um lautstark Generatorengeräusche nachzuahmen. Am nächsten Morgen ist das ausgetrocknete Flussbett (der Fluss in Puerto Àngel trägt keinen Namen) zur Hälfte gefüllt: der Oberlauf am Hang östlich der Brücke so trocken wie zuvor, besteht der flache Unterlauf bis zur Mündung ins Meer aus reißenden schlammigen Fluten.

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Trügerisches Fischeridyll

In der Bucht werden Fische schubkarrengerecht geschlachtet, dh so, dass sie der Länge nach mit den Enden der Schubkarre abschließen und ihr Metallgrau in die unbestimmten Tiefen der Schubkarren übergeht. Haien werden umstandslos die Gebisse herausgehauen und die Rückenflossen abgetrennt. Erlegte Goldmakrelen transportieren die Traurigkeit des Mondes in die Mittagshitze. Der Fächerfisch darf sein Schwert nicht, dafür seinen Fächer behalten, Fächerfischmittelteile setzen bei jeder kleinen Brise Segel auf den Schubkarren. Viele Fischer sind breit bis an die Stirnunterkante, manche rennen halbnackt mit Schubkarren voller zerstoßenem Eis über die Straße und stolpern dabei in Schlaglöcher, wodurch antarktische Miniaturlandschaften sich über den Asfalt verteilen. Das Speiseeis heißt in Mexiko nicht nur Eis (helado), sondern auch, viel poetischer, Schnee (nieves).

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Und ewig äugt die Goldmakrele

„Die Mangos kosten 18 Pesos das Kilo, musst du abwiegen, mi vida, wer weiß wie viele du davon willst, die sind reif, die sind gut, mi vida, das da sind Pepinos, mi vida, wie Gurken, nur gelb, süß, das sind Früchte, kein Gemüse, gelbe Gurken, Süßgurken, mi vida“, sagt die Obstverkäuferin beim Obstverkaufen über das Obstverkäuferinnenleben bzw das Obst, denn mich wird sie ja wohl hoffentlich kaum mit „mi vida“ gemeint haben.

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Aus den künstlichen Farbstoffen Gelb 6, Gelb 5 und Rot 40 setzt sich die intensivste Glut pazifischer Sonnenuntergänge zusammen, eine Farbe wie sie sonst nur die Peñafiel-Mandarinenlimo aufweist.

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Mural im benachbarten Zipolite: „Vorsicht! Was du heute denkst, wird morgen wahr sein“

Unweit des Oxxo-Ladens sitzt an der Straße ein Mann mit verdreckter Jeans und löchrigem T-Shirt. Hinter ihm gähnt, gelb gestrichen, ein zur Straße offener Raum. Bis auf einen grünen Plastikhocker und eine brettgestützte Baumwurzel mit Haigebiss (zusammen ergeben sie die Skulptur: „Der Hai“) steht der Raum leer. Ob er mir sagen könne, wo im Dorf die Busse losführen? „Brauchst du ein Ticket, ich kann dir eins verkaufen“, antwortet der Mann. „Hier?“ Ich deute auf den bis auf die Hai-Skulptur leeren Raum. „Nein“, sagt der Mann und öffnet die Tür zu einem überaus düsteren Büro voller undefinierbarem Gerümpel direkt nebenan. „Brauchst nicht reinkommen“, sagt er, als er mein Misstrauen gegenüber diesem Raum wahrnimmt, „ich komm raus, hab alles hier in der Schachtel.“ Aus einer kleinen Box, ehemals eine Zigarrenschachtel, zieht er Busfahrplan, Quittungsblock und Stift. „Und das Ticket?“ „Ticket gibt’s nicht, komm einfach morgen vorbei, ich kenn‘ dich ja jetzt. Kannst gleich zahlen oder morgen, egal. Sei vor der Zeit da, der Bus fährt früher los, wenn der Fahrer Lust hat.“ „Hast du den Hai gemacht?“ „Den hab ich gemacht. Ist heiß hier, nicht viel los.“ „Machst du noch einen?“ „Mal sehen. Haigebisse gibt’s hier mehr als genug. Warum nicht? Eines Tages. Vielleicht.“

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Über den Strand rasen Schatten von Flugsauriern. Walt Whitman beschrieb sie in seiner Ode To the Man-of-War-Bird: „Thou born to match the gale, (thou art all wings,) / To cope with heaven and earth and sea and hurricane“. Außerhalb des Dorfes liegt ein kleines Palmenhütteninstitut, das eine mehrtägige Ausbildung zum Fregattvogel anbietet. Seit der letzte Hurrikan in Richtung Norden abgebogen ist, finden neben Theorie- auch wieder Flugstunden statt.

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kleine haie

Kleine Haie

Byron kennengelernt. Byron redet unentwegt (das Reden gehöre zu seinem Business). Als er von meinen Gründen für den Küstenbesuch erfährt, meint er, mir könne er erzählen, wovon er im Dorf besser schweige. Sein Vater nämlich habe den kompletten Lord Byron gelesen und geliebt und ihn entsprechend Byron getauft. Aus Neugier nach seiner Namensherkunft habe er in der Gesamtausgabe zu lesen begonnen und schätze Byrons Werk, soweit, ebenfalls. Seither frage er sich, ob die Kraft der Metafern die Naturgesetze übersteige. Im Dorf sei damit jedoch Vorsicht geboten. Man würde ihn für verrückt erklären und ausgrenzen, falls er sich oute, auf dunkle Verse eines toten englischen Dichters zu stehen. Nun dürfte es in diesem ein wenig dreckigen, zugleich malerischen Fischerdorf, so klein es auch ist, noch mindestens einen weiteren heimlichen Poesieliebhaber geben, wie mit Versen bepinselte Wände nahelegen. Dass diese von anonymer Hand angebracht wurden, bekräftigt der Rektor, an dessen winziger Schule sich eines der Graffiti befindet: obwohl im Dorf jeder jeden kenne, habe er keinerlei Ahnung, wer der Urheber sei.

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Es ist ein viel lyrischeres Dorf, als die Bewohner sich selbst gegenüber eingestehen. Im Gespräch will einer der Restaurantbesitzer an der Playa del Panteón (Friedhofsstrand) wissen, ob es spanische Übertragungen meiner Texte gäbe. Als ich ihm mexikanische Veröffentlichungen (3) nenne, erinnert er sich tatsächlich: „Du bist also der Typ mit den Blick in den Himmel-Gedichten!“ Die hätten ihm gefallen, schließlich sei er täglich mit reichlich nutzlosem Himmel konfrontiert. Um den heutigen Himmel zu feiern und zu meistern, holt er mehrere Flaschen Mezcal „von den Frauen aus den Bergen“ aus seinem Kabuff. Wann die denn wieder kämen, möchte ich wissen. Für morgen seien sie versprochen: „Aber manchmal bleiben sie dabei unsichtbar.“

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Was darf’s sonst noch sein?

(1) Stand: 25. März 2017. Die Behauptung bleibt ohne Quellenangabe. Der deutsche Artikel weicht damit ab von den englischen, französischen, italienischen, niederländischen und türkischen Versionen (Stand: November 2017), welche die letzte Sichtung in Salina Cruz lokalisieren. Diese teils mit Quellen versehenen Angaben beinhalten wiederum voneinander abweichende Behauptungen. Der spanische Eintrag verortet Cravans Verschwinden nach André Breton „irgendwo im Golf von Mexiko“, also auf der karibischen, anstatt auf der pazifischen Seite.
(2) Nach langwieriger Suche gelang es später, ein Gläschen mit Olivenöl und Chili angemachter Salsa de Chicatana (Blattschneidersoße) aufzutreiben. Chicatanas werden in Mexiko mit Gold aufgewogen. Wer probieren möchte, mag sich gerne melden.
(3) In La Jornada und punto de partida (einer bekannten Studentenzeitschrift aus der Hauptstadt, die, wie ich nun weiß, auch von Restaurantbesitzern in der Provinz gelesen wird). In Übertragungen von Daniel Bencomo und Gonzalo Vélez (jeweils im Jahr 2011, als Deutschland Gastland auf der Internationalen Buchmesse von Guadalajara war).

Flüsse und Tiere in Chiapas

Verschwimmende Erinnerungen: Cañón del Sumidero

Nach meinem ersten Grand Canyon, dem der Schweiz, der Ruinaulta, erreiche ich in Chiapas meinen zweiten, den Cañón del Sumidero, den „Grand Canyon Mexikos“. Ob diese Besuche ausreichen, mir eine Visite des Namenspatrons in Arizona zu ersparen, bleibt unklar, selbst als es gelingt, die Flüsse dieser beiden Canyons, Graubündens Rhein mit Chiapas‘ Río Grijalva, mental zu überblenden. Auf der einen Seite das wilde, klare, trinkbare Surselvawasser, aus dem ich vor wenigen Jahren mit bloßer Hand eine Groppe gefischt habe und dem die Schweizer Boulevardpresse Alpendelfin-Legenden zuschreibt, auf der anderen Seite das Blasen werfende, toxisch-braune Sumiderowasser, in dessen verschlammten Tiefen neben anderen unerforschten Wesen bis heute die Geister der Chiapa siedeln könnten, einer früheren Mayapopulation, die der drohenden Versklavung durch die Konquistadoren den kollektiven Sprung in die Schlucht vorgezogen haben und dabei ausgestorben sein soll. Der Wasseramsel des Vorderrheins diametral gegenüber stehen tropische Silberreiher, deren strahlend weißes Gefieder jede Waschmittelreklame beschämt. In der Ruinaulta stapfte ich in Wanderstiefeln durch Wald und Flachwasser. Durch den Sumidero rase ich mit dem Speedboat. Den Himmelskorridor zwischen den Felswänden bevölkern verirrte Pelikane, im schattenartigen Flug die Schnabellanze leicht abgesenkt wie verkaterte Turnierritter. Darüber kreisende Rabengeier in kirre machenden Formationswechseln. Fünfbeinig-fünfarmig-greifschwänzig turnende, bizarre Körperhaltungen einnehmende Affen gehen den Alpen derzeit genau so ab wie Schlammbänke voller Krokodile. Ein die gesamte Flussbreite bedeckender Müllteppich bildet das Zentrum des chiapanesischen Naturschutzgebiets. Darin stakend: Boote voller Touristen, deren Kapitäne von den Heckkanzeln die „Hohe Geschichte des Plastikmülls“ predigen, deren Spitzen jedoch der Wind stiehlt, bevor sie verstanden werden können. Mühsam häckselnde Motorschrauben befreien die Boote mit ihren Schwimmwesten tragenden Passagieren, Schwimmwesten in Signalfarben chemischer Sonnenuntergänge: die Toten, heißt es in Mexiko, würden von den Farben Gelb und Orange besonders angezogen. Dass während der Fahrt bloß niemand seine Hand ins Wasser tauchen solle, lautete eine der vorab gehörten Warnungen. Meine Sitznachbarin versorgt mich unterdessen mit frischen Jícama-Scheiben, einem Snack, dessen aztekischer Namensursprung laut Wikipedia, je nach Ländereintrag, “Wasserwurzel” oder „Schmeckendes“ bedeute.

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revolutionskarnickel

Tuxtlenisches Revolutionskarnickel

Der Río Sabinal durchfließt die chiapanesische Hauptstadt Tuxtla Gutiérrez. Von kleinen Straßenbrücken überquert, gesäumt von klischeeisiert-üppiger Tropenvegetation, führen Trampelpfade an den Ufern entlang in menschenleere Zonen der ansonsten durchaus geschäftigen Stadt. Müll liegt auf den Wegen, stinkender Matsch, gespickt mit wohlig-betörenden Frangipani-Blüten. Ein Leguan verwechselt sich mit einem Eichhörnchen und zischt durchs ausladende Geäst über dem schmalen Wasserlauf. Rückwände, zerfallende Mauern, Graffiti. Das abschnittsweise eingefaßte Flußbett steckt voller Müll. Verkommene Parkanlagen, von potentiellen Besuchern strikt gemieden. Je weiter ich mich entlang der Ufer von der Straße entferne, desto stärker riechen sie nach Gefahr. Undefinierbare Bäume mit vor Wollust und Überdruss platzenden Früchten, überdimensionale Insekten mit Körperstrukturen, als gälte ihr Leben einer einzigen Aufforderung zur Vivisektion. Ich erinnere mich an Zeitungsartikel: Fotos von Leichenfundorten, gefolterte Torsi am Gestade. Das Elend der Stadt, gekippt in ein Rinnsal. Die überbordende Vegetation, der fantastische Vogelsang. Jeder Baum ein Vanitas-Symbol, krank und zugleich sprießend. Wieviel Prozent mag der Blutanteil des Wassers betragen? In Chiapas, wo der Tod in direkter Nachbarschaft des Lebens wohnt, eignen die Flüsse sehr deutlich neben ihrem Kreislauf- und lebensspendenden Charakter auch jenen der Selbstzerstörung und des Todes. In stadtplanerischer Hinsicht ist der Río Sabinal das am leichtfertigsten dem Nichts übereignete Naturfänomen, das ich bisher gesehen habe, denn die natürliche Oase einer von Hitze ausgelaugten Stadt wird inszeniert als kaum zu betretender Sumpf bzw als touristische Empfehlung für Zyniker und Lebensmüde.

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Seltenes, in Chiapas heimisches Gelbwassertier

Die äußerliche tropische Hitze provoziert Ausbrüche meiner inneren Hitze. Ich drifte einher als Schatten suchender Planet. Ich jage den Tapir. Der Tapir jagt in mir. Der Tapir jagt nicht, er fläzt sich im Schatten, den ich suche. Äußerer und innerer Schatten: werden sie je zur Deckung gelangen? Der Tapir lebt nicht in meinem Inneren, er lebt im Zoo, durch den ich streife. Sein Gehege liegt hinter den Hügeln, die ich wegen meines Fiebers nicht erklimmen kann. Die Müllbehälter des Zoos tragen Aufsätze aus Tapirköpfen. Schlafe ich, zwingt mich der Tapir, ihn bis an den Rand des Erwachens zu reiten. Anderntags darf ich mich als erster Europäer in die Mitgliederliste der Liga del movimiento de la elegancia tapirística (Liga der tapiristischen Eleganzbewegung) eintragen.

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der tapir

Träges Totem Tapir

Während einer Fieberwanderung stoße ich in San Cristóbal auf den Río Amarillo, der so gelb aussieht wie sein Name es besagt. Von allen gelben Flüssen einer der gelbsten, gewiss. Wäre es an mir, ihn zu benennen, höchstwahrscheinlich würde ich ihn ganz genau so benennen wie er längst aus gutem Grunde heißt. Ansonsten handelt es sich eher um ein Flüsschen, denn um einen Fluss. Er streift die Stadt und sieht wie die beiden weiter oben portraitierten Flussabschnitte alles andere als gesund aus. Mehr als eine zusätzliche Farbnuance fällt die Häufung öffentlich angebrachter Zeilen auf, als ich die auf eine Fahrspur sich verengende Puente Blanco (Weiße Brücke) quere. Auf deren Pfeilern sind Knittelverse zur Geschichte der Brücke wie des “mejicanischen Vaterlands” angebracht. Und in unmittelbarer Nähe findet sich ein beinahe hauswandgroßer Schriftzug “Vivos los llevaron! Vivos los queremos!” (“Lebendig habt ihr sie geholt! Lebendig wollen wir sie zurück!”): eine Parole, mit der nach der Entführung und mutmaßlichen Ermordung von 43 studentischen Demonstranten in Ayotzinapa im Jahr 2014 das gesamte Land bepinselt wurde.

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geckoblaster

Spirituelles Gegacker aus pazifikblauem Geckoblaster

Klammeraffen heißen auf Spanisch Spinnenaffen, Krokodile Kokodrile und Spechte Schreiner. Nicht minder passende Namen als die unsrigen. Gelbbrüstige Spechte bewohnen in Chiapas Stadt und Land, sie picken um des Pickens willen auch an hauchdünnen Zweigen, deren Bepicken völlig sinnlos erscheint und unter ihrem Flügelschlag beginnt der Himmel zu rotieren. Leguane, die ich nie anders als dösend-äugend in Terrarien, reglos-camouflierend auf Mauerabbrüchen ghanaischer Freiluft-Autowerkstätten oder tot von den Schultern ihrer begabten karibischen Jäger baumeln sah, entwickeln in Tuxtla erstaunliche Geschwindigkeiten bei der innerstädtischen Flucht vor meiner Kamera.

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el zopilote pasa

El zopilote pasa

Die Erde bebt, mein Körper bebt. Tag für Tag. Häufig bleibt unklar, was genau da bebt. Die Straßen beben, es beben die Autos auf den Straßen. Wie Flüsse beben, ist nicht zu ermitteln. Ich sehe wilde Tiere, hinter, vor und zwischen Zäunen, in der freien Natur der Stadt. Bebende Reptilien. Beben auslösende Insekten. Staksende Grackeln. Atme mit Klarsicht verdünnte Luft. Esse wurmstichige Früchte von einem Baum, der noch mit B. Travens Asche gedüngt worden ist.

Aufwachen in Istanbul / Istanbul‘da Uyanış

Aktuell und noch bis zum 04. November ist in Köln die Ausstellung „Aufwachen in Istanbul / Istanbul‘da Uyanış“ zu sehen. Kuratiert wurde sie von Nadine Müseler und Jari Ortwig. Das Wortprogramm stellte Gerrit Wustmann zusammen. Gezeigt werden Werke Kölner Künstler, die in den vergangenen acht Jahren für längere Zeit in Istanbul gearbeitet haben:

Lars Breuer_Ideologie_Detail

Lars Breuer: Ideologie, Acryl auf Wand (Detail). Freitagnachmittagsschatten bearbeiten die Anfangsbuchstaben des an Runen erinnernden Schriftzugs

Philipp Enders_Abschied von I

Philipp Enders: Abschied von I, Soundinstallation, Digitaldruck auf Folie. Der Künstler erzählt von seiner Reaktion auf das Selbstmordattentat vom 16. März 2016 auf der İstiklal Caddesi

Evamaria Schaller: Fremdkörper, Fotografie einer 1-Minuten-Performance (Ausschnitt). Das wandgroße Selfie ist der Eyecatcher der Ausstellung

Noa Gur_Key Museum_Detail

Noa Gur: Key Museum (Detail). Die zweiteilige Arbeit besteht aus einem Koffer mit aus Ton nachgebildeten Objekten aus dem Archäologischen Museum in Istanbul und einem Video, in dem die Objekte zum Sternenhimmel abstrahiert werden

Von mir liegen Gedicht-Postkarten (Gezi-Park, Gülhane-Park) aus, die gratis mitgenommen werden dürfen. Im Programmheft ist darüberhinaus eine meiner Istanbul-Fotografien zu sehen

Beteiligte KünstlerInnen und AutorInnen: Lars Breuer, Marianna Christofides, Philipp Enders, Doris Frohnapfel, Tanja Goethe, Selma Gültoprak, Noa Gur, Andrea Karimé, Tessa Knapp, Alfons Knogl, Robert Kraiss, Stan Lafleur, Ulla Lenze, Marie T. Martin, Selim Özdogan, Evamaria Schaller, Bastian Schneider, Gerrit Wustmann und Mona Yahia.
Gastauftritte: Alper Canıgüz, Orhan Esen, Elektro Hafiz und Burçak Konukman.

Ort: Werft 5 – Raum für Kunst im Kunsthaus Rhenania, Bayenstraße 28, Köln-Südstadt
Dauer: 15. Oktober bis 04. November 2017
Öffnungszeiten: Donnerstag bis Sonntag von 15 bis 19 Uhr und nach Vereinbarung
Erweiterte Öffnungszeiten am 15./22. Oktober und 04. November

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Nachtrag, 08. November 2017
Auf Vimeo gibt es eine viertelstündige Dokumentation der Ausstellung von Verena Maas. Meine Beiträge (Gedichtpostkarten, Mikrolesung) bleiben darin konsequent außer Acht.