Straatpoëzie

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„dat rond / deel deel / dat rond“: Lucebert-Gedicht „uiterst klein rond deel“ in Venlo

In den Niederlanden und in Belgien gehören Gedichte im öffentlichen Raum zum Straßenbild. Das ist mir in mehreren Städten beider Länder angenehm aufgefallen und wo sich Gelegenheit ergab, habe ich solche Orte poetischer Alltagserweiterung fotografiert: in Rotterdam, Leiden, Nijmegen, Arnhem, Venlo, Brüssel und Ostende. Die Gedichte finden sich auf Hauswänden (muurgedichten), ins Trottoir eingelassen, auf Fensterglas, Plakaten, Schildern, an Hafenbecken und eigens eingerichteten Objekten appliziert. Manche sind versteckt, andere zieren stark frequentierte Orte wie Bahnhöfe oder Fußgängerzonen.

Vor geraumer Zeit stieß ich in der Facebook-Timeline von Lucas Hüsgen, der einige meiner Gedichte ins Niederländische übersetzt hat, auf eine Website, deren Anspruch es ist, lyrische Interventionen im öffentlichen Raum der Niederlande und Belgiens mit genauen Adressen zu dokumentieren. Soweit ich verstehe, kann dabei jeder mitmachen. Wer die Website von Straatpoëzie aufruft, bekommt eine Landkarte präsentiert, in der annähernd 2000 solcher Textstätten markiert und teilweise mit Fotos, Wortlaut und Informationen zum jeweiligen Gedicht versehen sind. Die Website bestätigt die naheliegende Vermutung, dass die meisten Straßengedichte mithilfe institutioneller Unterstützung ihren Weg in die Öffentlichkeit fanden.

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Rote Ziegel, zitternde Hände: Louis Paul Boon auf nächtlicher Suche in Versen nach dem in die Jahre gekommenen Mariechen von Nimwegen

Die Straßengedichte können sowohl von historischen, als auch von zeitgenössischen, sowohl von nationalen, als auch von internationalen Verfassern stammen. Beim wilden Klicken stieß ich ebenso rasch wie zufällig auf Gedichte geschätzter Kollegen, mit denen mich gemeinsame Auftritte verbinden: Charles Ducal aus Belgien, sowie Diana Ozon und Ester Naomi Perquin aus den Niederlanden.

Von manchen der registrierten Gedichte wie etwa einer von Schuhsohlen und Gezeiten abgenutzten Ode von Fernando Pessoa auf der Promenade von Ostende habe ich Fotos, die auf der Website noch fehlen. Auch besitze ich Aufnahmen von Versen, welche die Website bisher nicht kennt: Lyrik im öffentlichen Raum ist, obgleich sie bis heute ihr klassisches In-Stein-Gemeißeltsein fortführt, auch ein bewegliches Gut, dessen Potential noch lange nicht ausgeschöpft ist.

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Zu Risiken bei der Detailisolierung: Spruchgedicht von Ton Luijten in Arnheim

Generell scheinen Belgier und Niederländer poetischere Nachbarn. Mehrere Städte bestallen sogenannte Stadsdichter, deren Aufgabe unter anderem darin besteht, lyrisch in den öffentlichen Raum einzuwirken bzw. die Bürger für Dichtkunst zu sensibilisieren. Die Ergebnisse poetischer Interventionen im öffentlichen Raum beider Länder jedenfalls können sich selbst in brutalistischen Fällen sehen lassen: das kürzlich hier vorgestellte und weltweit ausgelegte Motto „Sin poesía no hay ciudad“ der mexikanischen Acción Poética wirkt in den Niederlanden und Belgien bereits gut verstanden und angekommen.

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Wie Johan Cruyff verhinderte, daß die Niederlande 1974 Fußballweltmeister werden konnten

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In Nijmegen treffe ich Lucas Hüsgen, der für die flandrische Literaturzeitschrift DW B (Dietsche Warande en Belfort) einige meiner Gedichte ins Niederländische übertragen und zuletzt für rheinsein eine Serie mit Texten und Fotos zu Orten entlang des gelderländischen Rheinarms Waal verfaßt hat, in der u.a. über Geschichte und Gegenwart, Wirtschaftsmodelle, Fußballplätze und Frittenbuden, Brücken und Nebenrinnen, Zuwanderung und Blutvergießen, Schriftsteller und Gespenster berichtet und nachgedacht wird.

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Als erstes besuchen wir Mariken van Nieumeghen, bekannt für ihren sündigen Lebenswandel bzw. allgemein dafür, daß sie sich dem Teufel verschrieben hat. Die wilden Zeiten hat Mariken indes hinter sich gelassen, gemeinsam schweigend betrachten wir den Himmel, über den in rasanter Folge eindrückliche, von kräftigen Windstößen getriebene Aprilwetter flüchten und dem für niederländische Verhältnisse tiefsten Binnenland einen seeischen Anschein verleihen.

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Nijmegen ist, eine in hiesigen Niederungen seltene Kombination, klassisch katholisch und zugleich politisch so rot, daß es als La Habana der Niederlande bezeichnet wird. Samstag ist Markttag und so gilt unser zweiter Besuch Wilma Graat, nicht zuletzt deswegen die bekannteste Fischhändlerin Nijmegens, weil ihr Nachname Gräte bedeutet. Ohne Eile wandern Unmengen Hering und Kibbeling über den Tresen. Entspannte Geschäftigkeit überall. Der Giro d’Italia wird in Kürze in Nijmegen starten und so mischt sich Rosa (die Trikotfarbe des Führenden in der Giro-Gesamtwertung) ebenso ins Stadtbild wie Wettbewerbe im Langsamfahren auf dem Fahrrad. Um selber keinesfalls zu überschleunigen, besuchen wir eines der zahlreichen Straßencafés, das vom Faß gezapftes Trappistenbier anbietet.

mutter mit dem kinde

Wenn ein niederländischer und ein deutscher Dichter sich unterhalten, kommen sie beinahe unumgänglich auf das Endspiel der Fußballweltmeisterschaft 1974 zu sprechen. Als ich von Cruyffs Alleingang in der ersten Spielminute schwärme, eröffnet Lucas Hüsgen mir eine in Deutschland kaum bekannte Theorie, weshalb die Niederlande das Spiel nicht gewinnen konnten, eine Theorie, die hauptsächlich von PSV Eindhoven-Fans vertreten werden dürfte: „Alles lag daran, daß Johan Cruyff bewirkt hatte, daß der damals beste Torwart der Welt, Jan van Beveren (von PSV), nicht für den Kader der niederländischen Mannschaft nominiert wurde. Van Beveren hätte das Tor von Gerd Müller niemals zugelassen, er hat genau solche Bälle immer gehalten. Später spielten die beiden gemeinsam in den USA bei den Fort Lauderdale Strikers. Selbst im Training konnte Gerd Müller Jan van Beveren kein einziges Mal bezwingen.“

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(Bilder: Decke, Fenster und Mauern in Nijmegen)