STILL

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Durch einen verirrten Oktoberregen laufe ich zur Post und hole die Sendungen ab, die der Briefträger nicht abzuliefern gewillt ist. Darunter die neue, fünfte Ausgabe der auf den ersten Blick vermittels leichtem Überformat auffälligen Berlin-New Yorker Zeitschrift STILL.

„STILL is an independent magazine featuring inventive writing and photography,“ heißt es in der Selbstbeschreibung, „the artists published by the magazine challenge creative conventions in form or content and include an eclectic range of creators working in fiction, nonfiction, poetry, essays, translations, and fine art photography.“

Die wechselnden Text- und Bildsektionen der aktuellen Ausgabe erzeugen eine Komposition mit globalistischer Anmutung. Ein Teil der Texte findet sich aus dem Deutschen ins Englische übertragen oder umgekehrt. Zu entdecken sind neben einem Loreley-Text von Friederike Mayröcker, dem schönen Backcover-Gedicht von Sirka Elspaß, das direkt zweisprachig verfaßt wurde oder dem fotografischen Tagebuch von Lotte Reimann unter anderem auch zwei meiner guatemaltekischen Gedichte (englische Versionen: Jake Schneider).

AutorInnen: Ines Berwing, Daniela Danz, Petra Feigl, Forrest Gander, Kenneth Goldsmith, Axel Görlach, Sascha Hargesheimer, Andreas Hutt, Jan Imgrund, Mathias Jeschke, Pablo Katchadijan, Sascha Kokot, Stan Lafleur, Michael Lowenthal, Friederike Mayröcker, Sudabeh Mohafez, Jonas Mölzer, Filip Noterdaeme, Sandra Santana, Mercedes Spannagel, Andreas Thamm, Jordan Valentine Tucker, Uljana Wolf

FotografInnen: Alexander Anufriev, Miia Autio, Diego Ballestrasse, Tobias Faisst, Johannes Heinke, Kani Marouf, Anne-Lena Michel, Lotte Reimann, Daniel Terna

STILL 5 (Berlin Edition), 108 Seiten, 23×31 cm, Klebebindung, Berlin/New York 2017
Auflage: 400, 15 Euro

Mein durstiges Wort gegen die flüchtige Liebe

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Ein Karussell nennt Herausgeber Dinçer Güçyeter die neue Lyrik-Anthologie Mein durstiges Wort gegen die flüchtige Liebe: „Jetzt sehe ich die kugelschwere Zeit, entlastet, auf diesem leuchtenden Wunder, mit bunten Luftballons in der Hand. In ihrem Mund der Fleck eines Paradiesapfels.“ Tatsächlich äußern sich die versammelten Stimmen in hoher Varietät, in Farben ausgedrückt reichte die Auswahl von bonbonniere über différence und gloss bis sehnsuchtsgrau, es finden sich klassische Zeilen („benebelt von deinem Duft“), hungerndes Fleisch, Kirschblüten und natürlich eine Menge Lippen ebenso wie Brodskyverben, Nichtzielorganismen und geschlossene Vögel. Wen die Lektüre zum Selberdichten reizt, dem stehen am Buchende ein paar eigens für Notizen eingeräumte Seiten zur Verfügung.

Als eher achsensymmetrisch zum Titel bzw. die Vorgabe auf links wendend, als flüchtige Worte gegen den gewaltigen, allverschlingenden Durst der Liebe, empfinde ich meinen Beitrag, drei Gedichte aus der seit Jahren fortlaufenden Blick in den Himmel-Serie.

Die AutorInnen: Günter Abramowski, Willi Achten, Konstantin Ames, Birgit Boden, Martina Burandt, Marina Büttner, Safiye Can, Ernst Christoph Cohnen, Crauss., Max Czollek, Christoph Danne, Dominik Dombrowski, Matthias Engels, Sonja Enste, Ulrike Gau, Anke Glasmacher, Nora Gomringer, Marco Grosse, Dieter Hans, Jonis Hartmann, Bettina Hesse, Stefan Heuer, Tim Holland, Klára Hůrková, Angelika Janz, Gültekin Kaan Kaynak, Thomas Kade, Udo Kawasser, Sina Klein, Hung-min Krämer, Thorsten Krämer, David Krause, Arndt Kremer, Stan Lafleur, Maja Loewe, Werner Muth, Marlene Olbrich, José Oliver, Mario Osterland, Deniz Pasaoglu, Martin Piekar, Wolfgang Rödig, Jürgen Sanders, Şafak Sarıçiçek, Simone Scharbert, Amir Shaheen, Giuliano Francesco Spagnolo, Zacharias Stegmaier, Silke Vogten, Werner Weimar-Mazur, Alexander Weinstock, Wilfriede Weise-Ney, Ron Winkler und Gerrit Wustmann.

Mein durstiges Wort gegen die flüchtige Liebe, Elif Verlag, Nettetal 2016, 104 Seiten, 17 x 24 cm, Broschur, 14,95 Euro, ISBN 978-3981750973

Nachtrag, 03. Juli 2017
Vorbeigerufen: Timo Brandt bespricht den Sammelband auf Fixpoetry unter dem Titel Der Ergebnisse der Liebe kann man kaum bekanntgeben, geht auf sämtliche Beiträger ein und beklagt in meinem Fall die Mißachtung seiner Leseerwartung: „Eine Spur Rotz, eine Spur Pathos, ein Nippen am Beliebigen, ein Prusten des Ekels. Stan Lafleurs drei Gedichte unterhalten, biegen und brechen hier und da etwas, illuminieren mit schneller Feder. Aber trotzdem ist es so, als riefe er immer an mir vorbei – mich als Lesenden scheint er gar nicht zu sehen.“

Karlheinz

billy hutter_karlheinz

Als „eine Art Roman“ bezeichnet Autor Billy Hutter sein Buch, auf das mich Dieter M. Gräf aufmerksam gemacht hatte. Das Cover mit seinen in Kodacolor gefaßten Kontrasten gefiel ebenso auf den ersten Blick wie der Neugier schürende Untertitel „Ein Stück von Karlheinz steckt auch in Euch“. Daß Karlheinz, den Billy Hutter im Buch und darüberhinaus als Paradebeispiel eines deutschen Durchschnittslebens „projektiert“ hat, tot im „deutschen Schicksalsstrom“ Rhein gefunden wurde, brachte zudem unverzüglich meine rheinsein-Ader in Wallung.

Karlheinz, wahlweise mit Bindestrich, hießen in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts unsere Komponisten, Schauspieler und Fußballer („der Treter mit dem Engelsgesicht“). Noch häufiger war der Name bei Bauarbeitern, Laboranten und obskuren Onkeln anzutreffen – kleinen Männern, für die selten literarische Worte bemüht werden (1). Laborant und obskurer Onkel zugleich war Karlheinz Naksch (1929–1989) gewesen, dessen Nachlaß Billy Hutter, der im Brotberuf als Entrümpler (2) arbeitet, einem Schatzsucher-Impuls folgend hortete, erforschte („Sauerkrautbüchsen, dreißig oder vierzig Stück, die einzigen Lebensmittel, die er auf Vorrat gekauft hat – Verdauungsprobleme? Skorbut?“), sortierte, deutete, im Rahmen von Kunstaktionen zugänglich machte und über die Jahre zum Buche Karlheinz faßte: die große leidenschaftslose Geschichte vom Versinken unter den Möglichkeiten, das Hohelied vom antriebsarmen Versacken in den unaussprechlichen Fallen des Aufbruchs nach dem Zweiten Weltkrieg.

Die Stadt ist eine Arbeiterstadt. Es ist meine Stadt. Hier dominiert leider ein schlechter Geschmack. (…)
In einer vom Pfälzischen Fremdenverkehrsverband e. V. (…) Ende der 1930er Jahre herausgegebenen Broschüre – „Deutschland – Die Pfalz am Rhein“ – (von Karlheinz mehrfach unbeherrscht mit „1939“ bestempelt) werden im Abschnitt Ludwigshafen unter dem Punkt Sehenswürdigkeiten im Wesentlichen der großartige Schiffsverkehr auf dem Rhein, die Werke der I.G. Farbenindustrie und der Blick auf Mannheim genannt.

Neben Karlheinz gebührt die zweite Hauptrolle des Buchs der Stadt Ludwigshafen, ihrer parallel zu Karlheinzens Leben verlaufenden Geschichte, sowie der näheren Umgebung. Daß die Pfalz exemplarisch für deutschen Durchschnitt steht, mag sich an ihrer Kartoffel- und Weinlastigkeit ermessen lassen (in der Pfalz wird Wein als Dubbeschoppe in Halblitergläsern serviert), an der bräsigen, vom Aussitzen dominierten Kanzlerschaft Helmut Kohls (Karlheinz und der große, anderthalb Jahre ältere Nachbarsjunge müssen sich wenigstens vom Sehen gekannt haben, rechnet Hutter nach Straßenzügen und Schulzeiten aus), oder auch daran, daß seit Jahrzehnten die Einwohner einer Ludwigshafen nahen Gemeinde mit dem sprechenden Namen Haßloch der Konsumlobby als Testkaninchen dienen, deren Verhalten entscheidet, welche neuen Produkte Einzug in den gesamtdeutschen Alltag halten dürfen.

Das Werk ist trotz seiner anderthalb Jahrhunderte langen Geschichte arm an Anekdoten – die Anilinratten sollen groß wie Katzen sein (…). Vielleicht ist seine Macht zu drückend, um kleine Geschichten zu spinnen. Eine, die dennoch in allen möglichen Varianten an den Stammtischen erzählt wird, geht so: In einer Abteilung fällt auf, daß immer wieder größere Mengen Quecksilber verschwinden. Der Werkschutz wird verständigt. Am Tor werden Kontrollen durchgeführt. Ein Arbeiter schiebt sein Fahrrad, er hat die Tasche auf den Gepäckträger geschnallt, dem Ausgang entgegen. Die Tasche wird durchsucht – ohne Ergebnis. Dieser Vorgang wiederholt sich in den folgenden (…) Wochen ein ums andere Mal. Der Mann hat den Verdacht auf sich gezogen. Eines Tages kippt ihm, er hat die Kontrolle schon passiert, das Fahrrad um. Die Werkschützer beobachten entgeistert, wie er sich bemüht, das Gefährt wieder hoch zu wuchten; es geht nicht, das Rad ist einfach zu schwer. Der Dieb hat den ganzen Rahmen mit Quecksilber gefüllt.

Natürlich spielt „das Werk“ auch in Karlheinzens Leben eine entscheidende Rolle: der Vater arbeitete dort als Doktor der Chemie. Die ans Werksgelände grenzenden Straßen der Arbeiterkinder galt es für den Jungen aus besserem Hause zu meiden. Die väterliche Erwartung, der Sohn möge in seine Fußstapfen treten, wird Karlheinz zwar angehen, jedoch nicht erfüllen. Für die allgegenwärtige, ihm von Geburt an zugedachte BASF zu arbeiten vermeidet er: Enthaltsamkeit als aufmüpfiger Akt? Statt Karriere zu machen, führt Karlheinz ein etwas undurchschaubares, von eintönigen Zeugnissen markiertes Leben: Ereignislosigkeit, die er von klein auf akribisch in Kalendern notiert: eine Akribie, auf die auch der Autor beim Erschließen der karlheinzschen Notizen verfällt, bis er unmerklich und nie ohne Widerwillen beginnt, das Leben des zur Kunstfigur erkorenen Verstorbenen in zaghaften Ausschnitten nachzuleben. Um derartige Vorgänge erträglich zu gestalten, muß Distanz zum Sujet gehalten werden (Zeugenbefragungen werden vermieden, sie könnten die Karlheinz-Ikone demolieren); dann wieder macht Hutter seine Leser zu Komplizen, indem er sie in bester Arbeitermanier euchzt und ihrzt; der nachgelassene Krempel, der seine Wohnung verstopft, wird zu Performance-Material umgedeutet:

Als ich zu sprechen beginne, zerstöre ich das demokratische Element. Meine Haltung ist bereits festgelegt. Ich beobachte längst meine Gäste. Ich beäuge argwöhnisch die Männer, die allein unterwegs sind. Hinter einer konventionellen Maske verbergen sie nicht unbedingt sympathische Schrullen. Der ist wegen Nichtigkeiten in bittere Grabenkämpfe mit seinen Nachbarn verstrickt. Der fliegt alleine nach Südostasien. Karlheinzige Typen. „Du bist Karlheinz!“
(…) Ich überbetone die endlosen Wiederholungen in seinen Aufzeichnungen und erzähle die Geschichte von den Gurken aus Oggersheim. Schildere, wie es der Familie im vorletzten Kriegsjahr gelingt, eine Ladung Gurken zu organisieren. Wie die Gurken im Wäschekorb über Bahnsteige geschleppt und zur Nahrungsergänzung mit in den Urlaub geschafft werden. Wie Karlheinz über drei lange Wochen täglich notiert: „abends Gurken.“

Trotz aller Ereignisloskeit, die Leserschaft weiß das von Beginn an, steuert Karlheinz auf die Katastrofe zu. Die Frage, worin sie bestehen mag, erzeugt Spannung über den zur Schau gestellten Banalitäten („bedaure, daß ich euch gelangweilt habe“). Die Lektüre erinnert mich an Jugendgefährten, die verrückt geworden sind, verschollen, an Drogen, Unfällen oder Unlust gestorben. Wieviele von uns brechen vor der Zeit weg? Was macht ein Leben aus? Wenn Rolf Dieter Brinkmann in Rom, Blicke seine Einkaufszettel publiziert, strahlt das Wut aus. Wenn Billy Hutter Karlheinzens in etwa zur gleichen Zeit angesammelten Café-Rechnungen publiziert, spricht das von Bodenständigkeit. Zwei Seiten des Spießertums, das in Karlheinzens Person nicht nur erwartbare Facetten entfaltet: die extreme Bindung ans Elternhaus, zugleich der Haß auf die verheiratete Schwester, die Unfähigkeit zur Partnerschaft, versteckte Sexualität, unbeholfene Betrugsversuche und resultierende Gerichtsverfahren, ein „sensationeller Verschleiß an Regenmänteln“, der späte Karlheinz womöglich gar – wie praktisch jede Deutung im Buch trotz Kubikmetern gewissenhaft ausgewerteten Nachlaßmaterials unbewiesene Spekulation – eine Existenz als Ludwigshafener Original: der Mann (mehr ein Schemen) mit der braunen Einkaufstüte, der sich bei den Eingängen der Kaufhäuser und den Bekanntmachungen der Banken aufhält. Jeder Anflug von Skurrilität enthält bei Karlheinz zugleich Hilflosigkeit, Manie und die fiese Befremdnis bürgerlichen Mainstreams. Beim Lesen klingt mir ständig der schleppende Ludwigshafener Dialekt im Ohr, dieweil Hutter in Karlheinz die Existenz in ihrer äußersten Schlichtheit sich Bahn brechen läßt, eine überaus flache, jederzeit absturzgefährdete Kurve beschreibend: das vieltausendfach ungekannt gelebte Leben des Helden, von dem sein Nachempf- wie  -erfinder schreibt, daß er ihm persönlich lieber nicht habe begegnen wollen – und tatsächlich löst es Schauder aus, wenn Hutter über ein Ludwigshafener Hallenbad räsoniert: Karlheinz und der Autor hätten womöglich im selben Wasser geschwommen. So traurig und erfunden alles an Karlheinz wirkt, ist es das wahrste und beeindruckendste Buch, das ich dieses Jahr bisher gelesen habe.

Ich schlage vor, ihm ein Denkmal zu setzen. Das ist ein durch und durch seriöser und ernstgemeinter, ein nicht-literarischer Vorschlag. (…) Die offizielle kulturelle Praxis unserer Stadt setzt auf das Konstruktive und das Kybernetische. Im Gegensatz dazu wird das Karlheinz-Monument, das wir unten am Rheinufer errichten, eine Mischung aus den Objekten Duane Hansons und Claes Oldenburgs werden und in farbigem Polyester oder einem vergleichbaren künstlichen Material gehalten sein; kolossal jedenfalls, da darf nicht gekleckert werden. (…) Ein Monument der Mittelmäßigkeit und der Einsamkeit wird es werden, aber ebenso ein großartiges, ein größenwahnsinniges Ding, ein Wal, ein Heidelberger Faß, das zu Abbremsungen auf den Brücken führen wird. Am Fuß des Denkmals treffen sich Verliebte. Hier werden Hochzeitsfotos gemacht. Hierhin führt das Vorstandsmitglied die chinesische Delegation. Ein touristischer Magnet wird das Denkmal sein. Nach Ludwigshafen, um Karlheinz zu sehen!

Billy Hutter: Karlheinz, Metrolit-Verlag, Berlin 2015, 224 Seiten, 14,6 x 22 cm, gebunden, 25 Euro

***

(1) Zur weiterbildenden Lektüre empfehle ich das Gedicht Kleineleutechronik von HEL
(2) Anfang der 90er arbeitete ich einige Zeit wie Billy Hutter als Entrümpler und Möbelpacker in einem sozialistisch organisierten Kollektiv, ein Sammelbecken für Linksintellektuelle: nicht selten bugsierte ich damals Hand in Hand mit einem Doktor der Philosophie, der über Hegel promoviert hatte, Schränke und Waschmaschinen durch Düsseldorfer Treppenhäuser und fragte mich, wieviele Bücher dereinst einmal von Mitgliedern dieses handfesten Kollektivs verfaßt worden sein würden.

Lesezeichen 02/2016

Heute ist das neue Lesezeichen erschienen, die vierteljährliche Zusammenstellung mit Highlights aus der deutschsprachigen Netzliteratur bei litblogs.net, einem Portal, das derzeit gut 20 AutorInnen, KünstlerInnen und Gruppen assoziiert und präsentiert. Themen sind u.a.: Molly Bloom und ein Glas voller Luft, saure Brause für den Schlaf des Wissens, Jean Pauls Text-Jemand, Victor Vroomkoning und Louis Paul Boon, das Ich als DJ und seine Sam­mel­bil­der, Bergbäche, Schluchten und die Romane Mary Wesleys, Rap-Workshops in einem Café in Friedenau, die Kulturindustrie und zwei Gläschen Ninno-Wein, unbekannte Musen in Besitzstandswahrungsgesellschaften, Leszek Możdżer, Iiro Rantala, Michael Wollny und Maria Callas … uvm.

rheinsein ist diesmal mit einer Bild-Text-Einheit über Gedichte im öffentlichen Raum der gelderländischen Stadt Nijmegen vertreten, die der Rhein als Waal durchfließt. Weitere AutorInnen des aktuellen Lesezeichens sind Hartmut Abendschein, Chris Bader, Marianne Büttiker, Der goldene Fisch, Andreas Glumm, René Hamann, Alban Nikolai Herbst, Phyllis Kiehl, Jan Kuhlbrodt, Jörg Meyer, Michael Perkampus, J. S. Piveckova, Rittiner & Gomez und Andreas Louis Seyerlein.

Der Greif

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Titelloses Bild von Maria Mavropoulou (Athen 2016)

Soeben erschienen ist die neunte Ausgabe von DER GREIF, einem Magazin für zeitgenössische Fotografie und Literatur mit Schwerpunkt Fotografie. Das neue Heft „zeigt eine poetische, eigenartige Mischung aus Fotografie und Literatur mit ungeraden Verdrehungen“, heißt es in der Eigendarstellung und weiter:

„Künstlerisches Herzstück und Ursprung des Projektes ist das gedruckte und werbefreie Magazin. Hier werden die Arbeiten von Fotografen und Autoren unterschiedlichster Herkunft in einem Gesamtwerk kombiniert und präsentiert. Die Webseite ist Ausstellungs-, Kommunikations- und Informationsplattform für Teilnehmer und Interessenten. Teilnehmende Künstler werden in „Artist-Features“ vorgestellt und posten auf dem Guest-Blog. Im „Guest Room“ kuratieren namhafte Persönlichkeiten aus der Fotografie-Welt eingereichte Fotografien. DER GREIF verbindet digitale und analoge Inhalte auf einzigartige Weise, er erforscht und erweitert die Grenzen des Publikationswesens im digitalen Zeitalter. Seit seiner Gründung 2008 setzt sich das Projekt mit zeitgenössischen Themen wie der Wahrnehmung von Autorenschaft, De- und Rekontextualisierung von einzelnen fotografischen Bildern sowie dem künstlerischem Umgang mit fotografischen Archiven auseinander.“

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Anya Marchenkova: „Schwimmer“ (Jekaterinburg 2016)

In der aktuellen Ausgabe, die zeitgenössische Fotografie dezent mit kurzen Texten kombiniert, findet sich mein Gedicht Freibad auf einer Doppelseite mit u.a. den hier abgebildeten Fotos – die Redaktion schreibt, sie hätte unter rund 10.000 Werken von 3.000 Einsendern auszuwählen gehabt. Entstanden ist eine der schönsten Zeitschriften, zu denen ich in den vergangenen 30 Jahren beigetragen habe.

Die Release-Party findet am 07. Juli ab 21 Uhr im Rahmen der Rencontres d’Arles im Fotohaus Parisberlin in Arles statt.

Der Greif 9 zählt 100 Seiten (25 x 35 cm), ist bei einer 4000er Auflage manuell numeriert, kostet 15 Euro und ist unter dieser Adresse zu bestellen.

Literatur aus dem Hinterland – Interview mit Rudy Alfonzo Gómez Rivas

Rudy Alfonzo Gómez Rivas lebt in Aguacatán, einer Kleinstadt abseits der Hauptrouten im Hochland der weit überwiegend von Maya bewohnten guatemaltekischen Region Huehuetenango. Seine literarischen Aktivitäten sind zahlreich und vielfältig: Rudy ist Dichter, Lehrer, Organisator des Poesiefestivals von Aguacatán und betreibt außerdem einen Kleinverlag: Editorial Cafeína, zu deutsch soviel wie Koffeinverlag.

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Mural mit Zitaten guatemaltekischer Dichter in Aguacatán

Rudy, wie und warum hast du mit der verlegerischen Tätigkeit begonnen? Existiert in Guatemala eine Traditionslinie ähnlicher Verlage?

Editorial Cafeína ist eine Reaktion auf das zunehmende Angebot erzählerischer wie lyrischer Werke von sehr hoher Qualität, das sich in Guatemala entwickelt hat und dient als Alternative für diejenigen, die nicht bei den großkalibrigen Verlagen landen können, die seit Jahrzehnten im Land tätig sind.
In Guatemala existiert keine sonderlich tief verankerte Verlagstradition und damit die Sache aus Verlegersicht funktioniert, mußt du in Guatemala bereits ein erfolgreicher Schriftsteller oder Dichter sein, um veröffentlicht zu werden, ein Prozeß, in dem du nichts weiter als dein Werk ablieferst. Oder andersherum: wenn du literarische Qualität, aber keinen großen Namen als Schriftsteller vorweisen kannst, und dennoch möchtest, daß deine Arbeit ans Licht kommt, mußt du dafür bezahlen. Ein Konzept, von dem ich denke, daß es die Arbeit des Schriftstellers zunichte macht.
Ich glaube also, im Fall Guatemala lag das Entstehen unabhängiger Verlage teilweise an dieser Herausgeberpolitik. Dadurch kamen Verlage auf wie Alambique Editorial („Destillierhelmverlag“), Editorial Chuleta de Cerdo („Schweinekotelettverlag“), Editorial Zopilotes („Rabengeierverlag“), Editorial Pato/lógica („Patho/logischer Verlag“), von denen ich weiß, daß ihre Vorgehensweisen nicht in besagter Tradition stehen: bei denen liefert der Autor sein Werk ab, der Verleger übernimmt den wirtschaftlichen Part, die Bücher auf den Weg zu bringen. Auf diese Weise wird die Arbeit des Autors gewürdigt.

Gibt es eine Verbindung zwischen Editorial Cafeína und der Cartonera-Idee, die sich seit 2002 von Buenos Aires ausgehend hauptsächlich in den lateinamerikanischen Ländern verbreitet hat?

Der Beginn der unabhängigen Verlage in Lateinamerika, speziell in Argentinien, liegt in der Wirtschaftskrise begründet, die das Land im von dir genannten Jahr erlebt hat. Denkweisen und Konzepte der einzelnen Verlage waren wohl auf die Voraussetzungen der einzelnen Länder abgestimmt, in sämtlichen Ländern gibt es unterschiedliche Vorgehensweisen, die jeweils regionale Aspekte berücksichtigen. Der gemeinsame Nenner liegt wahrscheinlich im Mangel an ökonomischen Mitteln, der in der Mehrzahl der lateinamerikanischen Länder gegeben ist. Im Fall von Guatemala sind die unabhängigen Verlage angetreten, um den neuen, noch nicht so bekannten Dichtern und Schriftstellern eine Atempause zu verschaffen, die ihnen erlaubt, ihr Werk vorzustellen und, wie man sagt, „sich einen Namen zu machen“.

Wie lauten deine Programmziele für Editorial Cafeína und wie suchst du deine Autoren aus?

Die Idee ist, daß jeder guatemaltekische Autor bei uns veröffentlichen kann. Ich denke, daß die Dezentralisierung, die der verlegerische Prozeß im Landesinneren erleidet, ebenso von Bedeutung ist wie die Tatsache, daß die daraus sich entwickelnden und ergebenden Verlagsaktivitäten fern der Hauptstadt nicht nur ein kulturelles Erbe bekräftigen, sondern auch mit herkömmlichen literarischen Paradigmen brechen. Das Wichtigste ist, daß es sich um Werke handelt, die andere Lesarten anbieten und befördern und eine klare Botschaft vermitteln, daß einem bestimmten literarischen Zirkel anzugehören keine notwendige Voraussetzung darstellt, um veröffentlicht zu werden. Die Auswahl betreiben wir in einem Herausgeberrat, eine Art Filter, der dafür sorgt, daß das, was publiziert werden soll, literarische Qualität aufweist, wenngleich das relativ ist.

Gibt es in der jungen guatemaltekischen Literatur so etwas wie einen gemeinsam zu nennenden Trend? Worüber schreiben die jungen guatemaltekischen Dichter (deines Verlags) in diesen Tagen?

Es gibt eine ziemlich lange Liste junger guatemaltekischer Dichter und Schriftsteller, dazu gehören Sonia Marroquín, Alberto Arzú, Rebeca Lane, Daniela Castillo, Pep Balcárcel, Marilinda Guerrero, Vanessa Ramos, Evelyn Macario, Jhonatan Bell, Marco Valerio Reyes, Numa Dávila, José Juan Guzmán, José Alvarado, Joselin Pinto, Pablo Hernández, Julio Prado, Marlon Francisco, Gabriela Gómez, César Yumán, Carlos Orellana, Rafael Romero und viele andere, die gerade meiner Erinnerung entflohen sind, aber zweifellos existiert eine große Varietät guatemaltekischer Literatur, die mit Kraft und sehr guten literarischen Vorschlägen aufwartet und die sich deutlich von romantischen oder Nachkriegskriterien absetzt. Ich würde sagen, es handelt sich um eine Literatur, welche die literarische Sprache neu zu erfinden beabsichtigt, und die unter anderem eine eineindeutige Beziehung zwischen Schriftsteller und Leser herzustellen versucht.

Wie würdest du die Beziehung von Aguacatán zur Literatur beschreiben? Hast du literarische Zukunftspläne für die Stadt und die Region?

Zwischen Aguacatán und der Literatur hat sich eine sehr enge Beziehung ergeben, ich glaube, die Stadt ist sehr darauf erpicht, sich der Literatur an verschiedenen Fronten zu nähern, und zwar dergestalt, daß die Bevölkerung Aguacatáns, zumindest die des städtischen und semiurbanen Bereichs, die Literatur als Passierschein nutzt, um einem latenten existentiellen Chaos zu entkommen.
Zu den Plänen gehört, in den Schulen die Lektüre zu fördern, um den jungen Generationen die Möglichkeit zu bieten, die Liebe zur Literatur in sich zu erwecken, ihnen diese faszinierende Welt aufzuzeigen. Kreatives Schreiben zuzulassen, damit neue lokale Werte in die nationale und die Literatur der Welt eingemeindet werden können und das eben Erwähnte beim Internationalen Poesiefestival Aguacatán in Szene zu setzen, welches auch als Plattform dient, die lokale Literatur kennenzulernen.

XVII

Die Gesichter meines Landes
sind abgezehrt
verschollen
fern
manchmal
– um nicht zu sagen immer –
unsichtbar.
Auch so noch rufen sie
bei Nacht die Liebe an.

(Das Gedicht habe ich übertragen aus Rudy Alfonzo Gómez Rivas: El silencio como invento, Editorial Letra Negra, Guatemala 2012)

Nachtrag, 18. Januar 2016
Die Lyrikzeitung übernimmt das Interview in Ausschnitten.

schliff

schliff no_3

Kurz vor Weihnachten ist sie nun erschienen: die lange angekündigte dritte Ausgabe von schliff, herausgegeben von Kathrin Schuchmann und Maximilian Mengeringhaus am Institut für deutsche Sprache und Literatur der Universität zu Köln. Ein Schwerpunkt der Aktivitäten des Instituts unter Leitung von Christof Hamann ist die vielerorts sträflich vernachlässigte zeitgenössische Lyrik: dazu gehören regelmäßige Einladungen von Dichtern zum Vortrag und zur Diskussion an die Universität. Die Affinität zum Gedicht schlägt sich auch in schliff, einer professionell gestalteten Zeitschrift in Buchform, nieder, die zwischen bekannten Stimmen Texte junger, studentischer AutorInnen präsentiert: ein sympathisches Konzept mit einer feinen Auswahl, darunter zwei Gedichte meiner fortlaufenden Reihe Blick in den Himmel.

Die aktuelle Ausgabe enthält Beiträge von Nils Aßmus, Günter Blamberger, Nico Bleutge, Benjamin Brey, Christoph Danne, Matthias Dieckmann, Udo Friedrich, David Gabriel, Alina Geukes, Lars Gustafsson, Andrea Heuser, Lisa James, Adrian Kasnitz, Jochen Kelter, Thorsten Krämer, Michael Krüger, Stan Lafleur, Claudia Liebrand, Christoph Lurtz, Nico Ries, Jan Volker Röhnert, Xaver Römer, Peter Salomon, Walle Sayer, Tom Schulz, Petra Schumacher, Pia Steffen, Aleš Šteger, Julia Trompeter, Wilhelm Voßkamp, Jan Wagner, Helene Wczesniak, Alexander Weinstock und Ron Winkler.

schliff № 3, Edition Virgines, Lingen/Düsseldorf 2015, ca. A5-Format, Softcover, mit farbigen Abbildungen, 7 Euro
ISBN: 978-3-944011-40-0

Neulich, in der Kölner Literaturszene (8)

Seit Oktober existiert in Köln eine monatliche Zusammenkunft von Literaten, Journalisten und Übersetzern, die als Flüchtlinge oder Migranten in die Region gelangt sind. In der Bibliothek des Kölner Literaturhauses treffen sie auf einheimische Kollegen. FremdwOrte – Interkulturelles Autorencafé nennt sich das Projekt, initiiert hat es der Kölner Literaturwissenschaftler und Übersetzer Roberto Di Bella.

Ungefähr 20 Personen verteilen sich beim Dezembertreffen um einen runden Tisch, auf dem Wasser, Kaffee und Kekse bereitstehen. Ich blicke in eine offensichtlich mitteleuropäisch dominierte Runde, Namensschilder weisen diejenigen aus, die ihr Kommen zuvor schriftlich angekündigt hatten. Das von den räumlichen Bedingungen vorgegebene Szenario erinnert stärker an ein Seminar als an ein Café. Über zweieinhalb Stunden fungiert Roberto in zentraler Position als Moderator. Weil Marwan Ali, der aus seinen Gedichten vortragen soll, verspätet von einem Amtstermin erscheint, dient die erste Dreiviertelstunde der Klärung einiger Details des künftigen Flyers und bietet den wenigen zugewanderten Autoren der Runde ein anschauliches Lehrbeispiel in deutscher Akribie.

Als mit einigem Schwung der syrische Dichter eintrifft, löst sich die Stimmung. In arabischer Sprache stellt Marwan Ali seine kurzen, aforistischen, teils mit einer Spur melancholischen Humors unterfütterten Gedichte vor, aus der Runde werden englische und deutsche Übertragungen nachgereicht. Ein Gedicht, in dem Marx, Lenin und die Kommunistische Partei auftauchen, bezeichnet Marwan vorbeugend als unpolitisch.

Jahreszeit

Wie konnte der Frühling in deiner Abwesenheit kommen?
Nicht einmal die Jahreszeiten kennen noch Scham.

Ob die syrischen Dichter angesichts der Situation in ihrer Heimat sich nicht vielleicht doch besser politisch äußern sollten, kommt eine nahezu unvermeidliche Frage aus der Runde. Daß Gedichte, als kristalline Gebilde, alles mögliche reflektieren und von denjenigen, die es wollten, häufig auch politisch gelesen werden könnten, daß eine konkrete politische Aussage auf die Gedichtform jedoch nicht passe, lautet Marwans Antwort und Roberto Di Bella wirft Brechts An die Nachgeborenen in die Diskussion, die umgehend in allgemeines Wohlwollen ausflacht. Das Café erscheint bei meinem ersten Besuch vornehmlich als in der Schwebe befindlicher Ort eines möglichen Anknüpfens. Die Fluktuation sei hoch, lautet eine Klage aus der Runde, dieweil ein Teilnehmer in seinen Sprachkurs entflieht.

Syrien

Mein Koffer ist gepackt
Mira in meinen Armen
dieweil ich in diesem fernen Land warte,
und weil die Erde sich dreht,
werden wir eines Tages Syrien erreichen. (1)

Marwan Ali verließ Syrien 1996 und lebt seitdem im Exil in den Niederlanden und in Nordrhein-Westfalen. In Köln sollen dieses Jahr, genaue Zahlen konnte ich nicht auftreiben, um die 4.500 Flüchtlinge in provisorischen Unterkünften aufgenommen worden sein. Das Interkulturelle Autorencafé sucht dort mithilfe von Aushängen nach interessierten Kollegen, konnte bisher jedoch nicht fündig werden. Die bis dato eher wenigen zugewanderten Autoren des Kreises halten sich sämtlich bereits seit einem Jahr oder deutlich länger in Deutschland auf. Auch bei jedem künftigen Treffen soll mindestens ein zugewanderter Autor seine Texte vorstellen.

(1)
Beide Gedichte Marwan Alis, Jahreszeit und Syrien, habe ich nach Übertragungen in der 50. Ausgabe der Zeitschrift Banipal, die moderne arabische Literatur auf Englisch verbreitet, ins Deutsche gesetzt.

Nachtrag, 16.03.2016
Ein zehnminütiges Radioportrait über das Autorencafé lief vor einer Woche in der WDR5-Sendung Scala. Der informative Beitrag steht weiterhin als Podcast zur Verfügung.

Die FAZ über Literaturblogs

Unter dem Titel Autor, Verleger und Herausgeber sind eine Person geht Elke Heinemann in der FAZ vom 07. Oktober 2015, bezeichnenderweise direkt über der Todesanzeige für Hellmuth Karasek, der Frage nach, was literarische Blogs im deutschsprachigen Raum dieser Tage charakterisiert und welchen Stellenwert sie in der zeitgenössischen Literatur einnehmen und untersucht dabei vornehmlich Blogs, die bei litblogs.net assoziiert sind oder waren: etwa das aufgrund einer Genderfinte vieldiskutierte Werk von Aléa Torik, aber auch Neuzugänge wie Jan Kuhlbrodts Postkultur oder das solitäre, ohne litblogs-Anschluß entstandene Arbeit und Struktur des verstorbenen Wolfgang Herrndorf. Auch rheinsein findet im Artikel kurze Erwähnung: „Rhizomatisch wuchern Literaturblogs nicht nur inner-, sondern auch außerhalb des Internets. Beispielsweise ist http://rheinsein.de des Kölner Lyrikers und Spoken Word-Performers Stan Lafleur mehr als eine kulturgeschichtliche Digitalenzyklopädie des Rheinlands, denn „aus dem rheinsein-Datenpool entstehen zeitgleich wiederum klassische literarische Derivate wie Bücher, Hörspiele, Lesungen, Vorträge, (Hochschul-)Seminare etc.““

Nachtrag, 14. Oktober 2015
Der gesamte Artikel ist auf der Website der Autorin im pdf-Format eingestellt.