MINI WELT: Möwengedichte auf Arabisch

wort für wort_dt-arabischer lyriksalonFünf Gedichte aus MINI WELT (Feuer, Freibad, Hemd, sowie zwei gleichlautend mit Die Möwe betitelte) hat Fouad El-Auwad für seine Anthologie Wort für Wort ausgewählt und ins Arabische übertragen. Die Anthologie begleitet den diesjährigen Deutsch-arabischen Lyriksalon mit Lesungs- und Musikabenden in Aachen und München.

„Verständigung und Versöhnung werden in einer Welt zunehmender Konfrontation immer wichtiger. Aufgrund ihrer Universalität und der Sinnlichkeit ihrer Metaphern ist die Sprache der Poesie in der Lage, einen lebendigen Dialog zwischen den Kulturen zu stiften. Der von dem deutschsprachigen, aus Syrien stammenden Dichter und bildenden Künstler Fouad EL-Auwad ins Leben gerufene und von ihm seit 2005 jährlich organisierte deutsch-arabische Lyrik-Salon soll ein Beispiel dafür sein. Er schafft die Möglichkeit Jahr für Jahr, dass sich die Kulturen auf literarischer Ebene begegnen und eine neue Brücke zwischen der arabischen und der europäischen Welt bauen.“

Mit Beiträgen von: Marwan Ali, Nouri Aljarrah, Michael Augustin, Patrick Beck, Fouad El-Auwad, Manfred Freude, Andrea Heuser, Khaleda Khalil, Stan Lafleur, Christoph Leisten, Anton G. Leitner, Undine Materni, Roland Merk, Jürgen Nendza, Àxel Sanjosé, Frank Schablewski, Ludwig Steinherr, Gerrit Wustmann und Kathy Zarnegin

Fouad El-Auwad (Hrsg.): Wort für Wort, Edition Lyrik-Salon spezial, Bonn 2017, 17.90 Euro, ISBN: 9783744883573

Advertisements

Puerto Àngel: Den Himmel meistern

accion poetica_los locos abren_carlo dossi

Irre erschließen die Wege, die später von Weisen beschritten werden: verblassende Zeilen nach Carlo Dossi an einer Fleischerei in Puerto Àngel

Der deutsche Wikipedia-Eintrag zu Arthur Cravan behauptet, der Boxerpoet sei zuletzt im November 1918 in Puerto Àngel (1) gesehen worden. Die Literatur bietet Anzeichen, dass Cravan sich tatsächlich für eine Weile in dem kleinen Fischerdorf (oder in dessen Nähe) an der Küste von Oaxaca aufgehalten haben könnte. In Puerto Àngel ist davon allerdings nichts in Erfahrung zu bringen. Zwei eher versteckte Murals unter dem Label der Acción Poética zitieren Verse des mexikanischen Rap-Literaten Danger Alto Kalibre und des italienischen Schriftstellers Carlo Dossi, eines Zeitgenossen Cravans. Keiner meiner Gesprächspartner kennt auch nur Cravans Namen. Durchaus möglich, dass Cravan unter einem weiteren Pseudonym in der Gegend unterwegs war, und keine Spuren hinterlassen wollte, denn er befand sich auf der Flucht.

***

zipolite_kolibriscape

Während des Aufklarens entstehen Kolibri-Landschaften

Der Regen prasselt so laut aufs Terrassendach, dass ich meine eigenen Gedanken nicht mehr hören kann. Unterm Tisch schläft Thunfisch, der Hund meiner Gastgeber, der Knecht Ruprecht, dem Hund der Simpsons, in Aussehen und Verhalten bis aufs Haar gleicht. In Oaxaca kämen nach den ersten Starkregen der Saison zwischen drei und vier Uhr morgens die Chicatanas (geflügelte Blattschneider) hervor, die überaus schmackhafte Mahlzeiten abgeben sollen (2). Auf dem Arbeitstisch schillert eine Flasche Mezcal, über den nicht mehr zu erfahren ist, als dass „die Frauen aus den Bergen“ ihn produzierten, die alle paar Wochen oder Monate an die Küste herab kämen, um frisch destillierte Margen zu verkaufen. Der Regen ist der weltschnellste Drumcomputer. Mit überbordendem, in Worten unmöglich wiederzugebenden Getrommel rasiert er die Stromversorgung. Frösche und Unken nutzen die Strompausen, um lautstark Generatorengeräusche nachzuahmen. Am nächsten Morgen ist das ausgetrocknete Flussbett (der Fluss in Puerto Àngel trägt keinen Namen) zur Hälfte gefüllt: der Oberlauf am Hang östlich der Brücke so trocken wie zuvor, besteht der flache Unterlauf bis zur Mündung ins Meer aus reißenden schlammigen Fluten.

***

fischerboote_2

Trügerisches Fischeridyll

In der Bucht werden Fische schubkarrengerecht geschlachtet, dh so, dass sie der Länge nach mit den Enden der Schubkarre abschließen und ihr Metallgrau in die unbestimmten Tiefen der Schubkarren übergeht. Haien werden umstandslos die Gebisse herausgehauen und die Rückenflossen abgetrennt. Erlegte Goldmakrelen transportieren die Traurigkeit des Mondes in die Mittagshitze. Der Fächerfisch darf sein Schwert nicht, dafür seinen Fächer behalten, Fächerfischmittelteile setzen bei jeder kleinen Brise Segel auf den Schubkarren. Viele Fischer sind breit bis an die Stirnunterkante, manche rennen halbnackt mit Schubkarren voller zerstoßenem Eis über die Straße und stolpern dabei in Schlaglöcher, wodurch antarktische Miniaturlandschaften sich über den Asfalt verteilen. Das Speiseeis heißt in Mexiko nicht nur Eis (helado), sondern auch, viel poetischer, Schnee (nieves).

***

Und ewig äugt die Goldmakrele

„Die Mangos kosten 18 Pesos das Kilo, musst du abwiegen, mi vida, wer weiß wie viele du davon willst, die sind reif, die sind gut, mi vida, das da sind Pepinos, mi vida, wie Gurken, nur gelb, süß, das sind Früchte, kein Gemüse, gelbe Gurken, Süßgurken, mi vida“, sagt die Obstverkäuferin beim Obstverkaufen über das Obstverkäuferinnenleben bzw das Obst, denn mich wird sie ja wohl hoffentlich kaum mit „mi vida“ gemeint haben.

***

Aus den künstlichen Farbstoffen Gelb 6, Gelb 5 und Rot 40 setzt sich die intensivste Glut pazifischer Sonnenuntergänge zusammen, eine Farbe wie sie sonst nur die Peñafiel-Mandarinenlimo aufweist.

***

zipolite_cuidado

Mural im benachbarten Zipolite: „Vorsicht! Was du heute denkst, wird morgen wahr sein“

Unweit des Oxxo-Ladens sitzt an der Straße ein Mann mit verdreckter Jeans und löchrigem T-Shirt. Hinter ihm gähnt, gelb gestrichen, ein zur Straße offener Raum. Bis auf einen grünen Plastikhocker und eine brettgestützte Baumwurzel mit Haigebiss (zusammen ergeben sie die Skulptur: „Der Hai“) steht der Raum leer. Ob er mir sagen könne, wo im Dorf die Busse losführen? „Brauchst du ein Ticket, ich kann dir eins verkaufen“, antwortet der Mann. „Hier?“ Ich deute auf den bis auf die Hai-Skulptur leeren Raum. „Nein“, sagt der Mann und öffnet die Tür zu einem überaus düsteren Büro voller undefinierbarem Gerümpel direkt nebenan. „Brauchst nicht reinkommen“, sagt er, als er mein Misstrauen gegenüber diesem Raum wahrnimmt, „ich komm raus, hab alles hier in der Schachtel.“ Aus einer kleinen Box, ehemals eine Zigarrenschachtel, zieht er Busfahrplan, Quittungsblock und Stift. „Und das Ticket?“ „Ticket gibt’s nicht, komm einfach morgen vorbei, ich kenn‘ dich ja jetzt. Kannst gleich zahlen oder morgen, egal. Sei vor der Zeit da, der Bus fährt früher los, wenn der Fahrer Lust hat.“ „Hast du den Hai gemacht?“ „Den hab ich gemacht. Ist heiß hier, nicht viel los.“ „Machst du noch einen?“ „Mal sehen. Haigebisse gibt’s hier mehr als genug. Warum nicht? Eines Tages. Vielleicht.“

***

Über den Strand rasen Schatten von Flugsauriern. Walt Whitman beschrieb sie in seiner Ode To the Man-of-War-Bird: „Thou born to match the gale, (thou art all wings,) / To cope with heaven and earth and sea and hurricane“. Außerhalb des Dorfes liegt ein kleines Palmenhütteninstitut, das eine mehrtägige Ausbildung zum Fregattvogel anbietet. Seit der letzte Hurrikan in Richtung Norden abgebogen ist, finden neben Theorie- auch wieder Flugstunden statt.

***

kleine haie

Kleine Haie

Byron kennengelernt. Byron redet unentwegt (das Reden gehöre zu seinem Business). Als er von meinen Gründen für den Küstenbesuch erfährt, meint er, mir könne er erzählen, wovon er im Dorf besser schweige. Sein Vater nämlich habe den kompletten Lord Byron gelesen und geliebt und ihn entsprechend Byron getauft. Aus Neugier nach seiner Namensherkunft habe er in der Gesamtausgabe zu lesen begonnen und schätze Byrons Werk, soweit, ebenfalls. Seither frage er sich, ob die Kraft der Metafern die Naturgesetze übersteige. Im Dorf sei damit jedoch Vorsicht geboten. Man würde ihn für verrückt erklären und ausgrenzen, falls er sich oute, auf dunkle Verse eines toten englischen Dichters zu stehen. Nun dürfte es in diesem ein wenig dreckigen, zugleich malerischen Fischerdorf, so klein es auch ist, noch mindestens einen weiteren heimlichen Poesieliebhaber geben, wie mit Versen bepinselte Wände nahelegen. Dass diese von anonymer Hand angebracht wurden, bekräftigt der Rektor, an dessen winziger Schule sich eines der Graffiti befindet: obwohl im Dorf jeder jeden kenne, habe er keinerlei Ahnung, wer der Urheber sei.

***

Es ist ein viel lyrischeres Dorf, als die Bewohner sich selbst gegenüber eingestehen. Im Gespräch will einer der Restaurantbesitzer an der Playa del Panteón (Friedhofsstrand) wissen, ob es spanische Übertragungen meiner Texte gäbe. Als ich ihm mexikanische Veröffentlichungen (3) nenne, erinnert er sich tatsächlich: „Du bist also der Typ mit den Blick in den Himmel-Gedichten!“ Die hätten ihm gefallen, schließlich sei er täglich mit reichlich nutzlosem Himmel konfrontiert. Um den heutigen Himmel zu feiern und zu meistern, holt er mehrere Flaschen Mezcal „von den Frauen aus den Bergen“ aus seinem Kabuff. Wann die denn wieder kämen, möchte ich wissen. Für morgen seien sie versprochen: „Aber manchmal bleiben sie dabei unsichtbar.“

***

restauranterben

Was darf’s sonst noch sein?

(1) Stand: 25. März 2017. Die Behauptung bleibt ohne Quellenangabe. Der deutsche Artikel weicht damit ab von den englischen, französischen, italienischen, niederländischen und türkischen Versionen (Stand: November 2017), welche die letzte Sichtung in Salina Cruz lokalisieren. Diese teils mit Quellen versehenen Angaben beinhalten wiederum voneinander abweichende Behauptungen. Der spanische Eintrag verortet Cravans Verschwinden nach André Breton „irgendwo im Golf von Mexiko“, also auf der karibischen, anstatt auf der pazifischen Seite.
(2) Nach langwieriger Suche gelang es später, ein Gläschen mit Olivenöl und Chili angemachter Salsa de Chicatana (Blattschneidersoße) aufzutreiben. Chicatanas werden in Mexiko mit Gold aufgewogen. Wer probieren möchte, mag sich gerne melden.
(3) In La Jornada und punto de partida (einer bekannten Studentenzeitschrift aus der Hauptstadt, die, wie ich nun weiß, auch von Restaurantbesitzern in der Provinz gelesen wird). In Übertragungen von Daniel Bencomo und Gonzalo Vélez (jeweils im Jahr 2011, als Deutschland Gastland auf der Internationalen Buchmesse von Guadalajara war).

Salina Cruz: Was bleibt ist das Verschwinden

Ensenada de la Ventosa lautet der Name einer Bucht hinter den östlichen Hügeln der mexikanischen Hafenstadt Salina Cruz. Von La Ventosa soll Arthur Cravan vor den Augen seiner schwangeren Frau Mina Loy mit einem leck erworbenen und selbst reparierten Boot auf den Pazifik aufgebrochen und für immer am Horizont verschwunden sein. Das war vor 99 Jahren. Über meine Verknüpfung mit Cravan hatte ich bereits an dieser Stelle geschrieben.

Nachts kommt der Cadejo, um dich zu beschützen oder zu töten: Mural in Salina Cruz

Der Bus von Tuxtla Gutiérrez nach Salina Cruz windet sich durch blassgrüne Sierra Madre, zeigt Hollywoodfilme im Bordfernsehen, taucht schließlich schlafwandlerisch hin und her unter den verschwommenen Oberflächen einer viel zu heißen Nacht. Bebenzerstört wabert und schummert die Stadt Juchitán de Zaragoza bei der Durchfahrt im Dunkeln: ein trüber Schemen. Angelangt in Salina Cruz, in der Literatur da und dort als Weltende beschrieben, klappere ich eine ganze Reihe Hotels ab. Keines möchte mir Unterkunft gewähren. Aufgrund der Erdbebenschäden – mit der Raffinerie musste der größte Arbeitgeber stillgelegt werden – sei die Stadt überfüllt mit auswärtigen Hilfskräften und Experten. Aufgeweicht von einem Zehntagesfieber aus den Bergen beratschlage ich auf der Straße mit meinem Fieber-Ich, was zu tun sei. Die Stadt sirrt vor irregeleiteter Elektrizität und fremden Augenpaaren. Just in einer ausladenden Schlaufe besten Leerlaufs im Schädel erscheint aus der Mitte der Nacht zu schlagartig entspannter Zikadenmusik ein Rezeptionist, der mich zuvor abgewiesen hatte und meint, wie gut, dass er mich aufgetrieben hätte, denn er habe in den Tiefen seines Hotels doch noch ein bisher unbekanntes, leerstehendes Zimmer entdecken können. Es müffelt und besitzt keine Klimaanlage. Die Allianz aus nächtlicher Hitze und gestauter Zimmerluft besiegt schließlich in hartem Ringen das Fieber, das mir zuletzt in Tuxtla heftig in die Beine getreten hatte.

Die Bucht von La Ventosa experimentiert mit Farben vergangener Jahrzehnte

Am Morgen fahre ich mit dem Colectivo zum Strand von La Ventosa. In Mexiko herrschen Puffertage zwischen dreitägiger Staatstrauer und den Unabhängigkeitsfeiern. Düfte röstender Tortillas und getrockneter Fische verhängen das Zentrum, angereichert mit Chili- und Koriandernoten. Am Markt und am Strand gehen die Dinge ihren Gang. Den Strand beschließt eine Lagune, hinter der die Erdöl-Raffinerie des Staatskonzerns PEMEX sich ausbreitet wie eine Kulissenstadt aus dem Star Trek-Universum. In der Bucht landen Fischer Mantas an und sind zu beschäftigt, meine Grüße zu erwidern. Mehr als das: sie schauen überaus finster drein und ignorieren mich komplett. Vielleicht leben sie in einer anderen Dimension und können mich deswegen weder hören noch sehen. Ansonsten ist niemand zugegen. Außer zwei Hunden. Und mir. Ich laufe den Strand auf und ab und denke: aha, und soso, und hier also. Nach einiger Zeit gewinnt der Ort an Größe und Traurigkeit. Ein mit sich selbst fremdelndes Jahrhundert scheint sich in diesem Abseits zu verdichten, zu überlagern, in schwächlichen Brisen im Kreis zu wandern. Viel gibt es nicht von sich preis, doch lässt sich sehr leicht vorstellen, an welcher Stelle Mina Loy schwanger am Lagerfeuer gesessen haben mochte, einen Oktopus am Spieß garend, an einer Horchata nippend, die Nacht durchwachend, voll böser Ahnung, nachdem ihr Mann über den Horizont gesegelt war.

Mina Loys Lippen materialisieren sich für einen flüchtigen Moment. Sie bleiben stumm

Nach einiger Zeit suche ich, um Schatten zu genießen, die verlassene Strandbar auf. So verlassen ist sie dann doch nicht. Aus dem Off erscheint, mich anpfeifend, der Besitzer, und bringt eine kühle Kokosnuss. Hernán Cortés sei einst vorbeigekommen, das Meer käme seit 40 Jahren ständig näher (er verweist auf alte, von der Flut verschluckte Strandlinien), eine Ölpest habe es gegeben, französische Gringos, die dachten, dass sie keine Gringos seien, die Rettung eines gestrandeten Wals, die es auf Youtube gebracht habe und ein bis heute gern erinnertes Aufsehen, weil eine Italienerin gemeint habe, hier (der Mann weist auf die ungefähre Stelle) ein Nacktbad nehmen zu müssen – das sei die komplette Geschichte der Bucht, von einem Dichter sei nichts bekannt. Ob ich keine Angst habe (Beben, Tsunami), er habe keine Angst. So endet meine Pilgerfahrt nach La Ventosa in Smalltalk mit der einzig verfügbaren Person. Während ich darüber nachdenke, was das zu bedeuten habe, erscheinen Fregattvögel und Rabengeier, um die Manta-Eingeweide in Augenschein zu nehmen, exakt hinter der Brandungslinie landen vornehm 13 Pelikane. Von meiner Stirn tropft Schweiß ins Notizbuch. Der Horizont kleidet sich in Banderolen. Das pazifische Rauschen. Das pazifische Blau.

la muerte

Ungefähr zwei Drittel aller Murals in Salina Cruz thematisieren den Tod

Am Nachmittag schlendere ich zur Städtischen Bibliothek, einem der beeindruckendsten Gebäude der von Hügeln umgrenzten Stadt. Vielleicht lassen sich dort Anhaltspunkte finden, existiert im Idealfall gar ein kleines Cravan-Regal. Vor der Bibliothek wacht eine unfassbar schöne Polizistin, und meint, ich dürfe das Gebäude nicht betreten, wegen Einsturzgefahr. Damit hatte ich nicht gerechnet. Nicht mit der überirdischen Ausstrahlung einer Frau in Uniform, nicht mit einem dermaßen tief in meine Psyche dringenden Lächeln. Die Verwirrung reicht so weit, dass jeder Gedanke an das Normale, nämlich sie zu schmieren oder einen bedeutenden Besucher zu markieren (oder beides), außer Kraft gesetzt wird. Erst Stunden und Tage später, hinter den Stadtgrenzen, sprich: viel zu spät, wird ein Gewitter derartige Lösungen wieder auf meinen inneren Schirm spülen. Auf diese Weise versiegt auch meine zweite Spur (falls in der Bibliothek Spuren aufzutreiben gewesen wären): neue Fakten über Cravans Verschwinden sind vor Ort zu diesem Zeitpunkt nicht aufzutreiben. Entweder sind sie tatsächlich inexistent oder sie schützen sich mit durchschaubaren, aber effektiven Tricks vor ihrer Entdeckung.

eine bunte geschichte vom verschwinden

Im Ansatz bunte, kühne, mehrschichtige Geschichte vom Verschwinden

Weil keine dritte Spur zur Hand ist, marschiere ich durchs Stadtzentrum voller Staub und Hitze und Schutt. Straße auf, Straße ab, mit ihren handgemalten Straßenschildern. Das ganze im Karree und sobald ich damit fertig bin, beginne ich wieder von vorne. Die Menschen wirken perspektivlos-freundlich. Machistisch regieren Hitze und Staub, mit der Absicht und dem Potential, absolute Gleichgültigkeit zu erzeugen. Ich setze mich in ein Fischrestaurant und denke, soweit man das Denken nennen kann, über mögliche Unterschiede zwischen den Zuständen des Vegetierens und des Nirwanas nach. Und darüber, dass Salina Cruz der perfekte Ort sei, der eigenen Zerrüttung zuzuschauen und/oder in einer fiebrig-spinnerten Aktion verschütt zu gehen. Das Ende der Welt kurz vor deren Umkippen ins pazifische Blau, das sich aus allen bekannten und unbekannten Blautönen zusammensetzt, womöglich gleichzusetzen mit dem anderen Blau, von dem Rolf Dieter Brinkmann geschrieben hat und das von Köln aus erreichbar sein muss.

Aufwachen in Istanbul / Istanbul‘da Uyanış

Aktuell und noch bis zum 04. November ist in Köln die Ausstellung „Aufwachen in Istanbul / Istanbul‘da Uyanış“ zu sehen. Kuratiert wurde sie von Nadine Müseler und Jari Ortwig. Das Wortprogramm stellte Gerrit Wustmann zusammen. Gezeigt werden Werke Kölner Künstler, die in den vergangenen acht Jahren für längere Zeit in Istanbul gearbeitet haben:

Lars Breuer_Ideologie_Detail

Lars Breuer: Ideologie, Acryl auf Wand (Detail). Freitagnachmittagsschatten bearbeiten die Anfangsbuchstaben des an Runen erinnernden Schriftzugs

Philipp Enders_Abschied von I

Philipp Enders: Abschied von I, Soundinstallation, Digitaldruck auf Folie. Der Künstler erzählt von seiner Reaktion auf das Selbstmordattentat vom 16. März 2016 auf der İstiklal Caddesi

Evamaria Schaller: Fremdkörper, Fotografie einer 1-Minuten-Performance (Ausschnitt). Das wandgroße Selfie ist der Eyecatcher der Ausstellung

Noa Gur_Key Museum_Detail

Noa Gur: Key Museum (Detail). Die zweiteilige Arbeit besteht aus einem Koffer mit aus Ton nachgebildeten Objekten aus dem Archäologischen Museum in Istanbul und einem Video, in dem die Objekte zum Sternenhimmel abstrahiert werden

Von mir liegen Gedicht-Postkarten (Gezi-Park, Gülhane-Park) aus, die gratis mitgenommen werden dürfen. Im Programmheft ist darüberhinaus eine meiner Istanbul-Fotografien zu sehen

Beteiligte KünstlerInnen und AutorInnen: Lars Breuer, Marianna Christofides, Philipp Enders, Doris Frohnapfel, Tanja Goethe, Selma Gültoprak, Noa Gur, Andrea Karimé, Tessa Knapp, Alfons Knogl, Robert Kraiss, Stan Lafleur, Ulla Lenze, Marie T. Martin, Selim Özdogan, Evamaria Schaller, Bastian Schneider, Gerrit Wustmann und Mona Yahia.
Gastauftritte: Alper Canıgüz, Orhan Esen, Elektro Hafiz und Burçak Konukman.

Ort: Werft 5 – Raum für Kunst im Kunsthaus Rhenania, Bayenstraße 28, Köln-Südstadt
Dauer: 15. Oktober bis 04. November 2017
Öffnungszeiten: Donnerstag bis Sonntag von 15 bis 19 Uhr und nach Vereinbarung
Erweiterte Öffnungszeiten am 15./22. Oktober und 04. November

***

Nachtrag, 08. November 2017
Auf Vimeo gibt es eine viertelstündige Dokumentation der Ausstellung von Verena Maas. Meine Beiträge (Gedichtpostkarten, Mikrolesung) bleiben darin konsequent außer Acht.

STILL

STILL-5_COVER

Durch einen verirrten Oktoberregen laufe ich zur Post und hole die Sendungen ab, die der Briefträger nicht abzuliefern gewillt ist. Darunter die neue, fünfte Ausgabe der auf den ersten Blick vermittels leichtem Überformat auffälligen Berlin-New Yorker Zeitschrift STILL.

„STILL is an independent magazine featuring inventive writing and photography,“ heißt es in der Selbstbeschreibung, „the artists published by the magazine challenge creative conventions in form or content and include an eclectic range of creators working in fiction, nonfiction, poetry, essays, translations, and fine art photography.“

Die wechselnden Text- und Bildsektionen der aktuellen Ausgabe erzeugen eine Komposition mit globalistischer Anmutung. Ein Teil der Texte findet sich aus dem Deutschen ins Englische übertragen oder umgekehrt. Zu entdecken sind neben einem Loreley-Text von Friederike Mayröcker, dem schönen Backcover-Gedicht von Sirka Elspaß, das direkt zweisprachig verfaßt wurde oder dem fotografischen Tagebuch von Lotte Reimann unter anderem auch zwei meiner guatemaltekischen Gedichte (englische Versionen: Jake Schneider).

AutorInnen: Ines Berwing, Daniela Danz, Petra Feigl, Forrest Gander, Kenneth Goldsmith, Axel Görlach, Sascha Hargesheimer, Andreas Hutt, Jan Imgrund, Mathias Jeschke, Pablo Katchadijan, Sascha Kokot, Stan Lafleur, Michael Lowenthal, Friederike Mayröcker, Sudabeh Mohafez, Jonas Mölzer, Filip Noterdaeme, Sandra Santana, Mercedes Spannagel, Andreas Thamm, Jordan Valentine Tucker, Uljana Wolf

FotografInnen: Alexander Anufriev, Miia Autio, Diego Ballestrasse, Tobias Faisst, Johannes Heinke, Kani Marouf, Anne-Lena Michel, Lotte Reimann, Daniel Terna

STILL 5 (Berlin Edition), 108 Seiten, 23×31 cm, Klebebindung, Berlin/New York 2017
Auflage: 400, 15 Euro

Mein durstiges Wort gegen die flüchtige Liebe

mein-durstiges-wort-gegen-die-fluchtige-liebe

Ein Karussell nennt Herausgeber Dinçer Güçyeter die neue Lyrik-Anthologie Mein durstiges Wort gegen die flüchtige Liebe: „Jetzt sehe ich die kugelschwere Zeit, entlastet, auf diesem leuchtenden Wunder, mit bunten Luftballons in der Hand. In ihrem Mund der Fleck eines Paradiesapfels.“ Tatsächlich äußern sich die versammelten Stimmen in hoher Varietät, in Farben ausgedrückt reichte die Auswahl von bonbonniere über différence und gloss bis sehnsuchtsgrau, es finden sich klassische Zeilen („benebelt von deinem Duft“), hungerndes Fleisch, Kirschblüten und natürlich eine Menge Lippen ebenso wie Brodskyverben, Nichtzielorganismen und geschlossene Vögel. Wen die Lektüre zum Selberdichten reizt, dem stehen am Buchende ein paar eigens für Notizen eingeräumte Seiten zur Verfügung.

Als eher achsensymmetrisch zum Titel bzw. die Vorgabe auf links wendend, als flüchtige Worte gegen den gewaltigen, allverschlingenden Durst der Liebe, empfinde ich meinen Beitrag, drei Gedichte aus der seit Jahren fortlaufenden Blick in den Himmel-Serie.

Die AutorInnen: Günter Abramowski, Willi Achten, Konstantin Ames, Birgit Boden, Martina Burandt, Marina Büttner, Safiye Can, Ernst Christoph Cohnen, Crauss., Max Czollek, Christoph Danne, Dominik Dombrowski, Matthias Engels, Sonja Enste, Ulrike Gau, Anke Glasmacher, Nora Gomringer, Marco Grosse, Dieter Hans, Jonis Hartmann, Bettina Hesse, Stefan Heuer, Tim Holland, Klára Hůrková, Angelika Janz, Gültekin Kaan Kaynak, Thomas Kade, Udo Kawasser, Sina Klein, Hung-min Krämer, Thorsten Krämer, David Krause, Arndt Kremer, Stan Lafleur, Maja Loewe, Werner Muth, Marlene Olbrich, José Oliver, Mario Osterland, Deniz Pasaoglu, Martin Piekar, Wolfgang Rödig, Jürgen Sanders, Şafak Sarıçiçek, Simone Scharbert, Amir Shaheen, Giuliano Francesco Spagnolo, Zacharias Stegmaier, Silke Vogten, Werner Weimar-Mazur, Alexander Weinstock, Wilfriede Weise-Ney, Ron Winkler und Gerrit Wustmann.

Mein durstiges Wort gegen die flüchtige Liebe, Elif Verlag, Nettetal 2016, 104 Seiten, 17 x 24 cm, Broschur, 14,95 Euro, ISBN 978-3981750973

Nachtrag, 03. Juli 2017
Vorbeigerufen: Timo Brandt bespricht den Sammelband auf Fixpoetry unter dem Titel Der Ergebnisse der Liebe kann man kaum bekanntgeben, geht auf sämtliche Beiträger ein und beklagt in meinem Fall die Mißachtung seiner Leseerwartung: „Eine Spur Rotz, eine Spur Pathos, ein Nippen am Beliebigen, ein Prusten des Ekels. Stan Lafleurs drei Gedichte unterhalten, biegen und brechen hier und da etwas, illuminieren mit schneller Feder. Aber trotzdem ist es so, als riefe er immer an mir vorbei – mich als Lesenden scheint er gar nicht zu sehen.“

Karlheinz

billy hutter_karlheinz

Als „eine Art Roman“ bezeichnet Autor Billy Hutter sein Buch, auf das mich Dieter M. Gräf aufmerksam gemacht hatte. Das Cover mit seinen in Kodacolor gefaßten Kontrasten gefiel ebenso auf den ersten Blick wie der Neugier schürende Untertitel „Ein Stück von Karlheinz steckt auch in Euch“. Daß Karlheinz, den Billy Hutter im Buch und darüberhinaus als Paradebeispiel eines deutschen Durchschnittslebens „projektiert“ hat, tot im „deutschen Schicksalsstrom“ Rhein gefunden wurde, brachte zudem unverzüglich meine rheinsein-Ader in Wallung.

Karlheinz, wahlweise mit Bindestrich, hießen in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts unsere Komponisten, Schauspieler und Fußballer („der Treter mit dem Engelsgesicht“). Noch häufiger war der Name bei Bauarbeitern, Laboranten und obskuren Onkeln anzutreffen – kleinen Männern, für die selten literarische Worte bemüht werden (1). Laborant und obskurer Onkel zugleich war Karlheinz Naksch (1929–1989) gewesen, dessen Nachlaß Billy Hutter, der im Brotberuf als Entrümpler (2) arbeitet, einem Schatzsucher-Impuls folgend hortete, erforschte („Sauerkrautbüchsen, dreißig oder vierzig Stück, die einzigen Lebensmittel, die er auf Vorrat gekauft hat – Verdauungsprobleme? Skorbut?“), sortierte, deutete, im Rahmen von Kunstaktionen zugänglich machte und über die Jahre zum Buche Karlheinz faßte: die große leidenschaftslose Geschichte vom Versinken unter den Möglichkeiten, das Hohelied vom antriebsarmen Versacken in den unaussprechlichen Fallen des Aufbruchs nach dem Zweiten Weltkrieg.

Die Stadt ist eine Arbeiterstadt. Es ist meine Stadt. Hier dominiert leider ein schlechter Geschmack. (…)
In einer vom Pfälzischen Fremdenverkehrsverband e. V. (…) Ende der 1930er Jahre herausgegebenen Broschüre – „Deutschland – Die Pfalz am Rhein“ – (von Karlheinz mehrfach unbeherrscht mit „1939“ bestempelt) werden im Abschnitt Ludwigshafen unter dem Punkt Sehenswürdigkeiten im Wesentlichen der großartige Schiffsverkehr auf dem Rhein, die Werke der I.G. Farbenindustrie und der Blick auf Mannheim genannt.

Neben Karlheinz gebührt die zweite Hauptrolle des Buchs der Stadt Ludwigshafen, ihrer parallel zu Karlheinzens Leben verlaufenden Geschichte, sowie der näheren Umgebung. Daß die Pfalz exemplarisch für deutschen Durchschnitt steht, mag sich an ihrer Kartoffel- und Weinlastigkeit ermessen lassen (in der Pfalz wird Wein als Dubbeschoppe in Halblitergläsern serviert), an der bräsigen, vom Aussitzen dominierten Kanzlerschaft Helmut Kohls (Karlheinz und der große, anderthalb Jahre ältere Nachbarsjunge müssen sich wenigstens vom Sehen gekannt haben, rechnet Hutter nach Straßenzügen und Schulzeiten aus), oder auch daran, daß seit Jahrzehnten die Einwohner einer Ludwigshafen nahen Gemeinde mit dem sprechenden Namen Haßloch der Konsumlobby als Testkaninchen dienen, deren Verhalten entscheidet, welche neuen Produkte Einzug in den gesamtdeutschen Alltag halten dürfen.

Das Werk ist trotz seiner anderthalb Jahrhunderte langen Geschichte arm an Anekdoten – die Anilinratten sollen groß wie Katzen sein (…). Vielleicht ist seine Macht zu drückend, um kleine Geschichten zu spinnen. Eine, die dennoch in allen möglichen Varianten an den Stammtischen erzählt wird, geht so: In einer Abteilung fällt auf, daß immer wieder größere Mengen Quecksilber verschwinden. Der Werkschutz wird verständigt. Am Tor werden Kontrollen durchgeführt. Ein Arbeiter schiebt sein Fahrrad, er hat die Tasche auf den Gepäckträger geschnallt, dem Ausgang entgegen. Die Tasche wird durchsucht – ohne Ergebnis. Dieser Vorgang wiederholt sich in den folgenden (…) Wochen ein ums andere Mal. Der Mann hat den Verdacht auf sich gezogen. Eines Tages kippt ihm, er hat die Kontrolle schon passiert, das Fahrrad um. Die Werkschützer beobachten entgeistert, wie er sich bemüht, das Gefährt wieder hoch zu wuchten; es geht nicht, das Rad ist einfach zu schwer. Der Dieb hat den ganzen Rahmen mit Quecksilber gefüllt.

Natürlich spielt „das Werk“ auch in Karlheinzens Leben eine entscheidende Rolle: der Vater arbeitete dort als Doktor der Chemie. Die ans Werksgelände grenzenden Straßen der Arbeiterkinder galt es für den Jungen aus besserem Hause zu meiden. Die väterliche Erwartung, der Sohn möge in seine Fußstapfen treten, wird Karlheinz zwar angehen, jedoch nicht erfüllen. Für die allgegenwärtige, ihm von Geburt an zugedachte BASF zu arbeiten vermeidet er: Enthaltsamkeit als aufmüpfiger Akt? Statt Karriere zu machen, führt Karlheinz ein etwas undurchschaubares, von eintönigen Zeugnissen markiertes Leben: Ereignislosigkeit, die er von klein auf akribisch in Kalendern notiert: eine Akribie, auf die auch der Autor beim Erschließen der karlheinzschen Notizen verfällt, bis er unmerklich und nie ohne Widerwillen beginnt, das Leben des zur Kunstfigur erkorenen Verstorbenen in zaghaften Ausschnitten nachzuleben. Um derartige Vorgänge erträglich zu gestalten, muß Distanz zum Sujet gehalten werden (Zeugenbefragungen werden vermieden, sie könnten die Karlheinz-Ikone demolieren); dann wieder macht Hutter seine Leser zu Komplizen, indem er sie in bester Arbeitermanier euchzt und ihrzt; der nachgelassene Krempel, der seine Wohnung verstopft, wird zu Performance-Material umgedeutet:

Als ich zu sprechen beginne, zerstöre ich das demokratische Element. Meine Haltung ist bereits festgelegt. Ich beobachte längst meine Gäste. Ich beäuge argwöhnisch die Männer, die allein unterwegs sind. Hinter einer konventionellen Maske verbergen sie nicht unbedingt sympathische Schrullen. Der ist wegen Nichtigkeiten in bittere Grabenkämpfe mit seinen Nachbarn verstrickt. Der fliegt alleine nach Südostasien. Karlheinzige Typen. „Du bist Karlheinz!“
(…) Ich überbetone die endlosen Wiederholungen in seinen Aufzeichnungen und erzähle die Geschichte von den Gurken aus Oggersheim. Schildere, wie es der Familie im vorletzten Kriegsjahr gelingt, eine Ladung Gurken zu organisieren. Wie die Gurken im Wäschekorb über Bahnsteige geschleppt und zur Nahrungsergänzung mit in den Urlaub geschafft werden. Wie Karlheinz über drei lange Wochen täglich notiert: „abends Gurken.“

Trotz aller Ereignisloskeit, die Leserschaft weiß das von Beginn an, steuert Karlheinz auf die Katastrofe zu. Die Frage, worin sie bestehen mag, erzeugt Spannung über den zur Schau gestellten Banalitäten („bedaure, daß ich euch gelangweilt habe“). Die Lektüre erinnert mich an Jugendgefährten, die verrückt geworden sind, verschollen, an Drogen, Unfällen oder Unlust gestorben. Wieviele von uns brechen vor der Zeit weg? Was macht ein Leben aus? Wenn Rolf Dieter Brinkmann in Rom, Blicke seine Einkaufszettel publiziert, strahlt das Wut aus. Wenn Billy Hutter Karlheinzens in etwa zur gleichen Zeit angesammelten Café-Rechnungen publiziert, spricht das von Bodenständigkeit. Zwei Seiten des Spießertums, das in Karlheinzens Person nicht nur erwartbare Facetten entfaltet: die extreme Bindung ans Elternhaus, zugleich der Haß auf die verheiratete Schwester, die Unfähigkeit zur Partnerschaft, versteckte Sexualität, unbeholfene Betrugsversuche und resultierende Gerichtsverfahren, ein „sensationeller Verschleiß an Regenmänteln“, der späte Karlheinz womöglich gar – wie praktisch jede Deutung im Buch trotz Kubikmetern gewissenhaft ausgewerteten Nachlaßmaterials unbewiesene Spekulation – eine Existenz als Ludwigshafener Original: der Mann (mehr ein Schemen) mit der braunen Einkaufstüte, der sich bei den Eingängen der Kaufhäuser und den Bekanntmachungen der Banken aufhält. Jeder Anflug von Skurrilität enthält bei Karlheinz zugleich Hilflosigkeit, Manie und die fiese Befremdnis bürgerlichen Mainstreams. Beim Lesen klingt mir ständig der schleppende Ludwigshafener Dialekt im Ohr, dieweil Hutter in Karlheinz die Existenz in ihrer äußersten Schlichtheit sich Bahn brechen läßt, eine überaus flache, jederzeit absturzgefährdete Kurve beschreibend: das vieltausendfach ungekannt gelebte Leben des Helden, von dem sein Nachempf- wie  -erfinder schreibt, daß er ihm persönlich lieber nicht habe begegnen wollen – und tatsächlich löst es Schauder aus, wenn Hutter über ein Ludwigshafener Hallenbad räsoniert: Karlheinz und der Autor hätten womöglich im selben Wasser geschwommen. So traurig und erfunden alles an Karlheinz wirkt, ist es das wahrste und beeindruckendste Buch, das ich dieses Jahr bisher gelesen habe.

Ich schlage vor, ihm ein Denkmal zu setzen. Das ist ein durch und durch seriöser und ernstgemeinter, ein nicht-literarischer Vorschlag. (…) Die offizielle kulturelle Praxis unserer Stadt setzt auf das Konstruktive und das Kybernetische. Im Gegensatz dazu wird das Karlheinz-Monument, das wir unten am Rheinufer errichten, eine Mischung aus den Objekten Duane Hansons und Claes Oldenburgs werden und in farbigem Polyester oder einem vergleichbaren künstlichen Material gehalten sein; kolossal jedenfalls, da darf nicht gekleckert werden. (…) Ein Monument der Mittelmäßigkeit und der Einsamkeit wird es werden, aber ebenso ein großartiges, ein größenwahnsinniges Ding, ein Wal, ein Heidelberger Faß, das zu Abbremsungen auf den Brücken führen wird. Am Fuß des Denkmals treffen sich Verliebte. Hier werden Hochzeitsfotos gemacht. Hierhin führt das Vorstandsmitglied die chinesische Delegation. Ein touristischer Magnet wird das Denkmal sein. Nach Ludwigshafen, um Karlheinz zu sehen!

Billy Hutter: Karlheinz, Metrolit-Verlag, Berlin 2015, 224 Seiten, 14,6 x 22 cm, gebunden, 25 Euro

***

(1) Zur weiterbildenden Lektüre empfehle ich das Gedicht Kleineleutechronik von HEL
(2) Anfang der 90er arbeitete ich einige Zeit wie Billy Hutter als Entrümpler und Möbelpacker in einem sozialistisch organisierten Kollektiv, ein Sammelbecken für Linksintellektuelle: nicht selten bugsierte ich damals Hand in Hand mit einem Doktor der Philosophie, der über Hegel promoviert hatte, Schränke und Waschmaschinen durch Düsseldorfer Treppenhäuser und fragte mich, wieviele Bücher dereinst einmal von Mitgliedern dieses handfesten Kollektivs verfaßt worden sein würden.

Lesezeichen 02/2016

Heute ist das neue Lesezeichen erschienen, die vierteljährliche Zusammenstellung mit Highlights aus der deutschsprachigen Netzliteratur bei litblogs.net, einem Portal, das derzeit gut 20 AutorInnen, KünstlerInnen und Gruppen assoziiert und präsentiert. Themen sind u.a.: Molly Bloom und ein Glas voller Luft, saure Brause für den Schlaf des Wissens, Jean Pauls Text-Jemand, Victor Vroomkoning und Louis Paul Boon, das Ich als DJ und seine Sam­mel­bil­der, Bergbäche, Schluchten und die Romane Mary Wesleys, Rap-Workshops in einem Café in Friedenau, die Kulturindustrie und zwei Gläschen Ninno-Wein, unbekannte Musen in Besitzstandswahrungsgesellschaften, Leszek Możdżer, Iiro Rantala, Michael Wollny und Maria Callas … uvm.

rheinsein ist diesmal mit einer Bild-Text-Einheit über Gedichte im öffentlichen Raum der gelderländischen Stadt Nijmegen vertreten, die der Rhein als Waal durchfließt. Weitere AutorInnen des aktuellen Lesezeichens sind Hartmut Abendschein, Chris Bader, Marianne Büttiker, Der goldene Fisch, Andreas Glumm, René Hamann, Alban Nikolai Herbst, Phyllis Kiehl, Jan Kuhlbrodt, Jörg Meyer, Michael Perkampus, J. S. Piveckova, Rittiner & Gomez und Andreas Louis Seyerlein.

Der Greif

der greif_maria mavropoulou_athens

Titelloses Bild von Maria Mavropoulou (Athen 2016)

Soeben erschienen ist die neunte Ausgabe von DER GREIF, einem Magazin für zeitgenössische Fotografie und Literatur mit Schwerpunkt Fotografie. Das neue Heft „zeigt eine poetische, eigenartige Mischung aus Fotografie und Literatur mit ungeraden Verdrehungen“, heißt es in der Eigendarstellung und weiter:

„Künstlerisches Herzstück und Ursprung des Projektes ist das gedruckte und werbefreie Magazin. Hier werden die Arbeiten von Fotografen und Autoren unterschiedlichster Herkunft in einem Gesamtwerk kombiniert und präsentiert. Die Webseite ist Ausstellungs-, Kommunikations- und Informationsplattform für Teilnehmer und Interessenten. Teilnehmende Künstler werden in „Artist-Features“ vorgestellt und posten auf dem Guest-Blog. Im „Guest Room“ kuratieren namhafte Persönlichkeiten aus der Fotografie-Welt eingereichte Fotografien. DER GREIF verbindet digitale und analoge Inhalte auf einzigartige Weise, er erforscht und erweitert die Grenzen des Publikationswesens im digitalen Zeitalter. Seit seiner Gründung 2008 setzt sich das Projekt mit zeitgenössischen Themen wie der Wahrnehmung von Autorenschaft, De- und Rekontextualisierung von einzelnen fotografischen Bildern sowie dem künstlerischem Umgang mit fotografischen Archiven auseinander.“

der greif_anya marchenkova

Anya Marchenkova: „Schwimmer“ (Jekaterinburg 2016)

In der aktuellen Ausgabe, die zeitgenössische Fotografie dezent mit kurzen Texten kombiniert, findet sich mein Gedicht Freibad auf einer Doppelseite mit u.a. den hier abgebildeten Fotos – die Redaktion schreibt, sie hätte unter rund 10.000 Werken von 3.000 Einsendern auszuwählen gehabt. Entstanden ist eine der schönsten Zeitschriften, zu denen ich in den vergangenen 30 Jahren beigetragen habe.

Die Release-Party findet am 07. Juli ab 21 Uhr im Rahmen der Rencontres d’Arles im Fotohaus Parisberlin in Arles statt.

Der Greif 9 zählt 100 Seiten (25 x 35 cm), ist bei einer 4000er Auflage manuell numeriert, kostet 15 Euro und ist unter dieser Adresse zu bestellen.