Die alten Dosodarianer: Über androidisches Verhalten zur Dichtkunst

Einige der unterhaltsamsten Betrachtungen zu Dichtkunst im popkulturellen Kontext stammen von einer nichtmenschlichen Lebensform: Lieutenant Commander Data aus der TV-Serie Raumschiff Enterprise (Star Trek), die in der Zukunft spielt und bisweilen auf Literatur als Intermezzo oder Katalysator zurückgreift. Ziel des Androiden Data ist es, seine maschinelle Herkunft zu überwinden, menschliche Empfindungen zu verstehen, letztlich selber menschlich zu werden. Zu diesem Zweck beschäftigt Data sich u.a. mit den Künsten. Seine Ode an Spot (Ode to Spot), ein selbst verfasstes und anlässlich einer literarischen Soirée im Raumschiff vorgetragenes Gedicht(1) über seinen Kater(2), spiegelt gleichermaßen Originalität und Defizite des Data’schen Charakters. Die Einleitung der Performance, die auf Wissen aus Datas enzyklopädischem Datenspeicher basiert, klingt seltsam eingeschränkt und dennoch vielversprechend: „In allen Epochen von Keats bis Jorkemo haben viele Poeten für Einzelpersonen Oden verfasst, die einen tiefgreifenden Einfluss auf ihr Leben hatten. In Bewahrung dieser Tradition habe ich also mein nächstes Werk zu Ehren meiner Katze geschrieben.“(3) Doch Datas technizistische Poetologie ruft Langeweile bei den Zuschauern hervor, einen vorzeitig gesetzten Schlussapplaus aus dem Publikum missversteht der Rezitator als Ermunterung. Die er im Grunde mehr als verdient hätte, denn mit Sicherheit handelt es sich bei Ode to Spot bis heute um das weltweit berühmteste Gedicht eines Androiden:

Ode to Spot

Felis Catus is your taxonomic nomenclature,
An endothermic quadruped, carnivorous by nature.
Your visual, olfactory, and auditory senses
Contribute to your hunting skills and natural defenses.

I find myself intrigued by your subvocal oscillations,
A singular development of cat communications
That obviates your basic hedonistic predilection
For a rhythmic stroking of your fur to demonstrate affection.

A tail is quite essential for your acrobatic talents,
You would not be so agile if you lacked its counterbalance.
And when not being utilized to aid in locomotion,
It often serves to illustrate the state of your emotion.

Oh Spot, the complex levels of behavior you display
Connote a fairly well-developed cognitive array.
And though you are not sentient, Spot, and do not comprehend,
I nonetheless consider you a true and valued friend.(4)

Gerade weil der mit übermenschlichen Kräften und Fähigkeiten ausgestattete, rhetorisch bewanderte Data für Emotionen wie Humor unzugänglich ist, erzeugt er häufig unfreiwillig Situationen, die die anderen Crew-Mitglieder irritieren. In einer weniger bekannten Szene beschäftigt sich Data einige Zeit nach seiner mäßig erfolgreichen Lesung(6) abermals mit Dichtung(7). Dabei entspinnt sich ein Dialog zwischen Data und seinem besten menschlichen Freund, dem Ingenieur Geordi La Forge, dessen Mutter gerade als vermisst gemeldet wurde.

La Forge: „Ich bin nur vorbeigekommen, um mal zu sehen, was Sie hier so treiben.“
Data: „Ich verwende die Zeit, um mein Studium der Dichtkunst zu ergänzen.“
(Kameraschwenk über Datas Laptop, der einen schwarzen Bildschirm anzeigt.)
La Forge: „Data, es ist nichts auf dem Bildschirm!“
Data: „Das ist nicht vollkommen korrekt. Obwohl es wahr ist, dass das Display gegenwärtig leer ist, hat diese Leere eine poetische Bedeutung. Deswegen kann sie nicht als Nichts betrachtet werden.“
La Forge: „Wer sagt das?“
Data: „Die alten Dosodarianer. Viele ihrer Gedichte haben solche Lacunae und Leerräume enthalten. Oftmals dauerten diese Pausen mehrere Tage an, während derer der Dichter und das Publikum ermuntert wurden, die Erfahrungen dieser Leere in vollem Rahmen auszukosten.“
La Forge: „Einige Vorlesungen auf der Sternenflottenakademie schienen mir auch so zu sein.“
Data: „Sind Sie sicher, dass Sie nicht über Ihre Mutter sprechen möchten?“
La Forge: „Warum sagen Sie das?“
Data: „Zweifellos empfinden Sie großes emotionales Leid als Folge ihres Verschwindens. Sie behaupten zwar, Sie kämen nur so vorbei. Das ist aber wohl nur ein Vorwand, um ein Gespräch über dieses unangenehme Thema zu beginnen. Ist das korrekt?“
La Forge: „Nein, Data. Manchmal heißt „ich komme nur so vorbei“ einfach nur „ich komme nur so vorbei“.“
Data: „Hmmm. Dann verzeihen Sie mir bitte meine übereilte Annahme. Dieses spezielle Gedicht hat eine Lacunae von 47 Minuten. Sie können die Leere miterleben, wenn Sie wünschen.“
La Forge: „Danke!“
(Beide starren auf den schwarzen Bildschirm.)

Tatsächlich erweist sich der schwarze Spiegel des poetischen Interludums als Referenzfläche für La Forges Sorgen. Im weiteren Gesprächsverlauf erklärt La Forge dem Androiden, dass „ich komme nur so vorbei“ in diesem Fall eben doch nicht einfach nur „ich komme nur so vorbei“ bedeutet habe. Wie stets nimmt Data das Verwirrende emotionslos-analytisch zur Kenntnis. Neu für uns ist die Überlieferung der altdosodarianischen Gedichttechnik. Ohne Datas Interesse für das Überzogene, das mit seinen Programmeigenschaften korrespondiert, wäre sie uns noch lange verborgen geblieben. Zwischen Wortfolgen stehen bei den Dosodarianern womöglich noch bedeutendere Leerstellen. Offenbar dienen sie dazu, die Auswirkungen der Worte kontrapunktisch zu neutralisieren: die Quadratur eines spirituellen Konzepts. In ihrer Ausdehnung übertreffen die dosodarianischen Pausen alles, was das menschengeschaffene Gedicht bisher gewagt hat, und auch Erwin Schulhoffs Fünf Pittoresken oder John Cages 4’33“ (Four minutes, thirty-three seconds) wirken anbetrachts der dosodarianischen Leistungen wie eine leichtfertige Aufwärmübung in Dingen Silentium, Leere, Nachdenken und Rezeption.

(1) Hier im Original in einem Youtube-Video
(2) In Staffel 6, Folge 5 (In den Subraum entführt; Original: Schisms)
(3) Die Szene beginnt eigentlich mit den Schlusszeilen eines anderen, titellosen Gedichts Datas, das einen zweisamen romantischen Sonnenuntergang am Meer aus Androidensicht behandelt: anstatt dem menschlichen Gegenüber das Abendrot anhand wissenschaftlicher Analysen auseinanderzusetzen, schweigt das empfindungslose lyrische Maschinen-Ich aus Rücksicht auf die Gesamtstimmung
(4) Der Rapper Dan Bull produzierte einen Remix des Gedichts mit Datas Stimme zu Hiphop-Beats und gab dem Text damit einen frischeren und durchgehenden Flow
(5) Auch die deutsche Version gibt die präzise Umständlichkeit von Datas Sprache gut wieder. Der tatsächliche Verfasser des Originaltexts ist umstritten. Data-Darsteller Brent Spiner nannte als Autor Brannon Braga
(6) Datas literarischer Auftritt parodiert zugleich (ähnlich Lothar Frohweins Melusine-Vortrag in Pappa ante portas) das gängige Klischee der Wasserglaslesung zu Beginn der 90er-Jahre
(7) In Staffel 7, Folge 3 (Das Interface; Original: Interface)

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Mein durstiges Wort gegen die flüchtige Liebe

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Ein Karussell nennt Herausgeber Dinçer Güçyeter die neue Lyrik-Anthologie Mein durstiges Wort gegen die flüchtige Liebe: „Jetzt sehe ich die kugelschwere Zeit, entlastet, auf diesem leuchtenden Wunder, mit bunten Luftballons in der Hand. In ihrem Mund der Fleck eines Paradiesapfels.“ Tatsächlich äußern sich die versammelten Stimmen in hoher Varietät, in Farben ausgedrückt reichte die Auswahl von bonbonniere über différence und gloss bis sehnsuchtsgrau, es finden sich klassische Zeilen („benebelt von deinem Duft“), hungerndes Fleisch, Kirschblüten und natürlich eine Menge Lippen ebenso wie Brodskyverben, Nichtzielorganismen und geschlossene Vögel. Wen die Lektüre zum Selberdichten reizt, dem stehen am Buchende ein paar eigens für Notizen eingeräumte Seiten zur Verfügung.

Als eher achsensymmetrisch zum Titel bzw. die Vorgabe auf links wendend, als flüchtige Worte gegen den gewaltigen, allverschlingenden Durst der Liebe, empfinde ich meinen Beitrag, drei Gedichte aus der seit Jahren fortlaufenden Blick in den Himmel-Serie.

Die AutorInnen: Günter Abramowski, Willi Achten, Konstantin Ames, Birgit Boden, Martina Burandt, Marina Büttner, Safiye Can, Ernst Christoph Cohnen, Crauss., Max Czollek, Christoph Danne, Dominik Dombrowski, Matthias Engels, Sonja Enste, Ulrike Gau, Anke Glasmacher, Nora Gomringer, Marco Grosse, Dieter Hans, Jonis Hartmann, Bettina Hesse, Stefan Heuer, Tim Holland, Klára Hůrková, Angelika Janz, Gültekin Kaan Kaynak, Thomas Kade, Udo Kawasser, Sina Klein, Hung-min Krämer, Thorsten Krämer, David Krause, Arndt Kremer, Stan Lafleur, Maja Loewe, Werner Muth, Marlene Olbrich, José Oliver, Mario Osterland, Deniz Pasaoglu, Martin Piekar, Wolfgang Rödig, Jürgen Sanders, Şafak Sarıçiçek, Simone Scharbert, Amir Shaheen, Giuliano Francesco Spagnolo, Zacharias Stegmaier, Silke Vogten, Werner Weimar-Mazur, Alexander Weinstock, Wilfriede Weise-Ney, Ron Winkler und Gerrit Wustmann.

Mein durstiges Wort gegen die flüchtige Liebe, Elif Verlag, Nettetal 2016, 104 Seiten, 17 x 24 cm, Broschur, 14,95 Euro, ISBN 978-3981750973

Nachtrag, 03. Juli 2017
Vorbeigerufen: Timo Brandt bespricht den Sammelband auf Fixpoetry unter dem Titel Der Ergebnisse der Liebe kann man kaum bekanntgeben, geht auf sämtliche Beiträger ein und beklagt in meinem Fall die Mißachtung seiner Leseerwartung: „Eine Spur Rotz, eine Spur Pathos, ein Nippen am Beliebigen, ein Prusten des Ekels. Stan Lafleurs drei Gedichte unterhalten, biegen und brechen hier und da etwas, illuminieren mit schneller Feder. Aber trotzdem ist es so, als riefe er immer an mir vorbei – mich als Lesenden scheint er gar nicht zu sehen.“

Liebesbriefe

Liebesworte
beflügelten ihn;
wie Tauben schlüpften
sie aus seiner Hand,
beraubten das Herz
seiner Schläge.
Lange Silberfäden
breiteten sich aus der Luft
meine Hand zu erreichen,
und fanden ihr Nest
in meinem Herzen.
Rings um mich herum
flattern unsichtbar
die Liebesworte.

Vor einigen Monaten bemängelte Michael Gratz, Herausgeber der Lyrikzeitung, die wunderbaren Gedichte Alaíde Foppas seien bisher nicht auf Deutsch verfügbar. Mit einer Übertragung von „Cartas de amor“, der Originaltext findet sich unten, habe ich begonnen, diesem Mißstand Abhilfe zu schaffen. Vor knapp zwei Wochen hatte mir Wingston González, ein junger Dichter, von dem hier noch zu reden sein wird, in Guatemala-Stadt „mit schönen Grüßen des Verlegers“ (nämlich des Ministeriums für Kultur und Sport, in dem Wingston arbeitet) den Band „Viento de primavera“ („Frühlingswind“) übergeben: eine 2014 erschienene, gut 200-seitige Sammlung mit ausgewählten Werken der Dichterin. Vor 35 Jahren war Alaíde Foppa von mutmaßlichen Mitgliedern des Militärgeheimdienstes G-2 entführt worden und zählt seither zu den zehntausenden Verschwundenen, die Guatemala seit Beginn der Achtzigerjahre beklagt. Aus dem Großbürgertum stammend, hatte sich Alaíde Foppa für Menschen-, Gefangenen- und Frauenrechte eingesetzt. Von der gerade nachrückenden Dichtergeneration in Guatemala wird sie, soweit ich mitbekam, mit leuchtenden Augen verehrt.

Cartas de amor

Las palabras de amor
le dieron alas;
de su mano se escaparon,
como palomas,
y al corazón le robaron
sus latidos.
Largos hilos de plata
en el aire han tendido,
para llegar hasta mi mano,
y en mi propio corazón,
hallaron nido.
Hay a mi alrededor
un invisible vuelo
de palabras de amor.

P.S.: Wingston González meldet, daß es auf einem schweizerischen Chiapas-Portal vielleicht doch bereits eine Foppa-Übertragung ins Deutsche gegeben habe. Tatsächlich findet sich dort ein von Gabriele Thomas übersetzter Brief von Subcomandante Marcos von Januar 2005, dem ein Zitat aus dem Zyklus „La sin ventura“ („Die Glücklose“) als Motto voransteht. Dabei handelt es sich allerdings nicht um ein komplettes Foppa-Gedicht, sondern um einen kurzen Ausschnitt eines mehrseitigen Textes.