Lyrik-Pegel (3)

Mosaikstein-Meldungen und Florilegium zu Gedichtvorkommen im öffentlichen Raum, elektronisch geharkt, kommentiert aufbereitet und mit Dank an alle ZuträgerInnen der Zukunft überlassen:

Köln
Es tauchen in Köln zunehmend öffentlich angebrachte Gedichte auf. Bisher meist an wenig frequentierten Orten und mit geringer Lebenserwartung. So ist die Gedichtkachel am Nippeser Markt, die ich im Februar dokumentiert habe, bereits Geschichte. Im Johannes-Giesberts-Park versteckt sich unterdessen ein Gedicht von Rumi. Angesprayt wurde es auf der Mauer des Clouth-Geländes, deren Parkseite großflächig mit floralen und ornamentalen Wandgemälden plus einem Buddha mit Hasenzähnen überzogen ist. Weil die Mauer von Mischwald verdeckt wird, muss sich, wer den Text entziffern möchte, dafür eigens ins Gehölz schlagen.

köln_rumiköln_rumi_2_johannes-giesberts-park
***

Berlin
Die stark umstrittene Festnahme des katalanischen Politikers und Separatistenführers Carles Puigdemont auf deutschem Boden nahm im März die Berliner Gruppierung PixelHELPER zum Anlass, das Gedicht avenidas von Eugen Gomringer als leicht wiedererkennbares Vorbild für ein Pastiche zu verwenden, das Puigdemonts Festnahme thematisiert. Vergangenen Herbst war Gomringers Original in seiner Eigenschaft als halböffentliches Wandgedicht zum Gegenstand einer langanhaltenden Debatte aufgestiegen. Nachdem der AStA der Alice Salomon Hochschule Berlin das Gedicht erstmals politisiert hatte, sorgten die PixelHELPER damit für eine Fortsetzung bzw. Übernahme des Textes zu Zwecken der Politisierung. In drei Sprachen (Deutsch, Katalanisch, Spanisch) projizierten sie ihre avenidas-Variation puigdemont auf das Emblem der Botschaft von Spanien in Berlin.

berlin_pixelhelper_avenidas_3

puigdemont in spanischer Version (Bild: Dirk-Martin Heinzelmann, PixelHELPER)

Ihren Ansatz beschreibt die Gruppierung wie folgt: „Die gemeinnützige PixelHELPER Foundation kämpft mit ungewöhnlichen Mitteln gegen gesellschaftliche Missstände. Oft werden mit Lichtprojektoren von fahrenden Autos aus Lichtkunstkarikaturen auf internationale Botschaften projiziert. Diese Form des politischen Protestes wurde schon gegen die Überwachungsprojekte der NSA, Waffenlieferungen an Saudi Arabien oder für Tierrechte eingesetzt. Oft setzen die teilnehmenden Künstler modernste Technik und alle Werkzeuge der Satire ein, um Probleme in den Fokus der medialen Berichterstattung zu stellen. Der Fokus der Arbeit liegt auf Menschenrechten, insbesondere die Freilassung von politischen Gefangenen und Staaten die gegen die Genfer Menschenrechtskonvention verstoßen. (…) Unsere Selbstjustiz der Kunst bietet alle Möglichkeiten für eine nachhaltige Veränderung innerhalb der Gesellschaft.​“

***

Bamberg/Internet

avenidas auf einem Fenster des Café Müller in Bamberg (Bild: #avenidaswall)

Die Alice Salomon Hochschule will das Gedicht avenidas, zu dessen Spiegeleffekt ich hier bereits ein paar Gedanken geäußert hatte, entfernen. Unterdessen ersteht es an zahlreichen anderen Orten wieder auf und gleicht damit der mythologischen Hydra, der für jeden abgeschlagenen Kopf zwei neue wuchsen. Nora Gomringer, die die Aktion #avenidaswall (auf Anfrage erhältliche, transparente Gedicht-Sticker im DIN A4-Format und eine eigene Facebook-Seite) initiiert hat, spricht von „Brooklyn, Barcelona, Nairobi usw“: Vervielfältigung und Verbreitung als klassisch-überzeugende Antwort an alle, die meinen, Verurteilen und Auswischen sei eine probate Lösung für den Umgang mit unliebsamer, als störend empfundener Literatur.

***

Düsseldorf

Hypothetisches mural poético in einer Düsseldorfer Wohnsiedlung (Bild: Martin Knepper)

Martin Knepper schreibt: „Seit gut 15 Jahren trage ich mich mit dem Gedanken, unsere kahle Hauswand an der Südostseite dekorativ verschönern zu lassen. Meist ruht die Idee nach einer Weile wieder für Monate oder Jahre, die Debatte um das Gomringer-Mural an der Hochschulwand hat mir diese Idee wieder hochgespült. Über das Was und Wie bin ich mir immer noch unschlüssig; fest steht für mich nur, dass es kein buntes Mural im Diego-Rivera-Style werden soll. Gerade die südamerikanischen Wandmalereien bieten zwar oft herausragende Beispiele, doch in unserer drögen Mittelklassesiedlung wären sie so fehl am Platz wie eine Panflötenkombo in der Kieler Innenstadt. Nein, farbarm sollte es sein, mit nichts vom scharf kalkulierten Bildgehalt ablenken, keine herzerwärmende Tröstung für die Nachbarschaft. Eigentlich gilt für mich nur die Frage Text oder Schwarzweiß.“

Advertisements

Lyrik-Pegel

Mosaikstein-Meldungen und Florilegium zu Gedichtvorkommen im öffentlichen Realraum, elektronisch geharkt, kommentiert aufbereitet und mit Dank an alle Zuträgerinnen der Zukunft überlassen:

Köln
– In Mauenheim stieß ich im Januar erstmals in Köln auf ein anonym verfasstes Wandgedicht. Das Gedicht setzt sich ums Mauereck als Gemälde fort und erinnert darin an lateinamerikanische Murals, der applizierte Text wiederum an modernes christlich-ökumenisches Liedgut.

mauenheim_wandgedicht_bergstraße
– An einem Pfeiler des Nippeser Tadsch Mahals ist neuerdings eine fest angebrachte Kachel mit Benzinstift-Versen von Mascha Kaléko zu begutachten. nippes_lyrik im öffentlichen raum_2a

***

Brno
– Klára Hůrková schickt Fotos aus Brno, der zweitgrößten Stadt Tschechiens, in der Lyrik im öffentlichen Raum häufiger zu entdecken sei als in der Hauptstadt Prag.

brno_jan skácel_brunnen_klara hurkova

Brunnen mit Zeilen von Jan Skácel (Bild: Klára Hůrková)

brno_ivan blatny_tafel_klara hurkova

Tafel mit datiertem melancholischen Bummel von Ivan Blatný (Bild: Klára Hůrková)

***

Berlin
– Zu einer Debatte, deren öffentliches Ausmaß zuletzt Gedichte von Günter Grass und Jan Böhmermann erreicht hatten, führte der halböffentlich angebrachte Text avenidas von Eugen Gomringer an der Alice Salomon Hochschule. Anders als Grass‘ reichlich unpoetische, mit Israel-Bashing abgemischte Weltuntergangswarnung Was gesagt werden muss und Böhmermanns als Satire-Grenzerfahrung eingekleidete Knittelvers-Schmähkritik am türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdoğan, die immerhin zur Abschaffung des vor dem Gleichheitsgedanken absurden Straftatbestands „Beleidigung ausländischer Staatsmänner“ (Paragraf 103) führte, kommt das Gomringer-Gedicht gänzlich ohne Angriffe auf Staaten oder Personen aus.
Besonders im Fall avenidas ist neben der fysischen Präsenz des Gedichts auch das geweitete Spannungsfeld der Debatte, das ein Text zu produzieren vermochte, der lediglich vier Begriffe in spanischer Sprache: „avenidas“ (Alleen), „flores“ (Blumen/Blüten), „mujeres“ (Frauen) und „un admirador“ (ein Bewunderer) mithilfe des Bindeworts „y“ (und) in wechselnden Konstellationen aufschüttelt.
Das Gedicht, ein Stück konkrete Poesie mit Entstehungsjahr 1951, gelangte zunächst weniger anlässlich seiner Anbringung an der Hochschule im Rahmen eines Poetikpreises in den Fokus der Öffentlichkeit, als vielmehr durch Anwürfe seitens des AStA, dass es sich um einen sexistischen Text handle, dessen Präsenz Studierenden Unwohlsein bereite, weswegen er entfernt gehöre.
Mir erweckten die Zeilen beim ersten Lesen (das in Mexiko stattfand) die Vorstellung eines Bohème- eher als eines sonstigen Kontexts: auf einer wahrscheinlich lateinamerikanischen Prachtstraße, einer Flaniermeile mit Baumblüte oder städtischen Blumenarrangements, fallen in den Blick des männlichen Müßiggängers (womöglich der Dichter selbst) nebst Asfalt und Blüten spazierende Frauen, ein Gesamtpaket, das dem Betrachter Wohlgefallen bereitet (ähnlich wie es mir in Oaxaca just beim Morgenspaziergang ergangen war, bevor ich die avenidas-Nachricht im Netz aufrief). Die Zeilen gehörten in meiner Vorstellung zudem leicht oberhalb einer solchen Straßenszene angebracht, ähnlich wie auf der Hochschulwand tatsächlich der Fall, sodass die enthaltenen Subjekte sich selbst darin entdecken und verorten könnten.
Der AStA vertrat eine andere, bissigere Lesart: von im öffentlichen Raum im männlichen Auge zu Objekten degradierten Frauen, die Blüte als mittelalterlich-stereotypes Beiwerk für Frauen. Eine Sichtweise, die ungefähr im selben Maße das Gedicht zugunsten der eigenen Vorbehalte ausbeutet wie meine erste.
Denn gegen beide Sichtweisen stehen die Fakten des überaus reduzierten Textes. Gerade seine massive Reduktion reizt in der weltanschaulichen Umbruchfase des Genderdiskurses zu Interpretationen, die über das Begründbare hinausgehen. Wer das Gedicht als Kampfmittel einsetzt, richtet die Waffe gegen sich selbst: in dieser Erkenntnis mag sein eigentlicher, verspätet und bereits angestaubt erlangter historischer Wert liegen, wenngleich keine Seele dadurch gerettet werden wird.

***

Schweiz
– Meine einzige Erinnerung an Lyrik im öffentlichen Raum der Schweiz habe ich nicht fotografisch dokumentiert. Es handelte sich um in weißer Wandfarbe auf dunkel-verwitterte Holzfassaden angepinselte Verse auf Sursilvan, der romanischen Sprache des Vorderrheintals. In der ländlich-bäuerlichen Umgebung ein überraschender Anblick, der insbesondere bei Schnee eine landschaftseingepasste Ästhetik transportiert.
– Aus Genève schickt Heike Fiedler Bilder ihrer Fensterladen-Installation mémoire collective et cetera aus dem vergangenen Jahr. Eine Vorgängerversion existiert bei Vimeo als Spoken Word-Film dissens dissonanz – livre à ciel ouvert.

geneve_heike fiedler

Klappbares Wohnhausgedicht (Bild: Heike Fiedler)

***

Italien
Von Heike Fiedler stammt auch der Hinweis auf Carlo Belloli, einen in Deutschland kaum bekannten Futuristen und Pionier räumlicher Poesie: „Im Jahr 1944 legt der Italiener Carlo Belloli mit seinen testi-poemi murali erstmals an, was zehn Jahre später von der konkreten Poesie systematisch weitergeführt wird: die Berücksichtigung des Raumes als semiotische Struktur und die Konzentration auf das einzelne Wort. Belloli beschriftet die Mauern seiner Stadt und versetzt durch diese Art von poesia visuale die Schrift aus ihrem gewohnten Umfeld des Buches oder beschriebenen (bedruckten) Blattes hinaus in den unmittelbaren Lebensraum. Für den Schriftsteller bedeutet der neue Schreibuntergrund die Herausarbeitung anderer Arten schriftlicher Darstellung. Belloli setzt sich in den folgenden Jahren von der zwischenzeitlich aktuell gewordenen konkreten Dichtung ab, da er in ihr nur noch auf die Form reduzierte Ergebnisse sieht, die seiner Meinung nach nicht mehr den Anspruch auf Poesie erheben dürfen.“

Struktur und Humbug

geländer am rheinufergeländer am rheinufer_7geländer am rheinufer_8geländer am rheinufer_10a

Der Handlauf eines Geländers am Kölner Rheinufer birgt Ansichten, die an Landschaften, prähistorische Malerei und Kartenwerk erinnern. Ihre Schönheit offenbart sich, von Witterung und Abgas freigesetzt, unterhalb der Lackschicht. Zwischen petroglyfenartigen Rankpflanzenschraffuren scheinen Tiere und Geister auf: aus Umweltvorgängen generierte Collagen im Nebelgrau bald vergessener Januartage.

Salina Cruz: Was bleibt ist das Verschwinden

Ensenada de la Ventosa lautet der Name einer Bucht hinter den östlichen Hügeln der mexikanischen Hafenstadt Salina Cruz. Von La Ventosa soll Arthur Cravan vor den Augen seiner schwangeren Frau Mina Loy mit einem leck erworbenen und selbst reparierten Boot auf den Pazifik aufgebrochen und für immer am Horizont verschwunden sein. Das war vor 99 Jahren. Über meine Verknüpfung mit Cravan hatte ich bereits an dieser Stelle geschrieben.

Nachts kommt der Cadejo, um dich zu beschützen oder zu töten: Mural in Salina Cruz

Der Bus von Tuxtla Gutiérrez nach Salina Cruz windet sich durch blassgrüne Sierra Madre, zeigt Hollywoodfilme im Bordfernsehen, taucht schließlich schlafwandlerisch hin und her unter den verschwommenen Oberflächen einer viel zu heißen Nacht. Bebenzerstört wabert und schummert die Stadt Juchitán de Zaragoza bei der Durchfahrt im Dunkeln: ein trüber Schemen. Angelangt in Salina Cruz, in der Literatur da und dort als Weltende beschrieben, klappere ich eine ganze Reihe Hotels ab. Keines möchte mir Unterkunft gewähren. Aufgrund der Erdbebenschäden – mit der Raffinerie musste der größte Arbeitgeber stillgelegt werden – sei die Stadt überfüllt mit auswärtigen Hilfskräften und Experten. Aufgeweicht von einem Zehntagesfieber aus den Bergen beratschlage ich auf der Straße mit meinem Fieber-Ich, was zu tun sei. Die Stadt sirrt vor irregeleiteter Elektrizität und fremden Augenpaaren. Just in einer ausladenden Schlaufe besten Leerlaufs im Schädel erscheint aus der Mitte der Nacht zu schlagartig entspannter Zikadenmusik ein Rezeptionist, der mich zuvor abgewiesen hatte und meint, wie gut, dass er mich aufgetrieben hätte, denn er habe in den Tiefen seines Hotels doch noch ein bisher unbekanntes, leerstehendes Zimmer entdecken können. Es müffelt und besitzt keine Klimaanlage. Die Allianz aus nächtlicher Hitze und gestauter Zimmerluft besiegt schließlich in hartem Ringen das Fieber, das mir zuletzt in Tuxtla heftig in die Beine getreten hatte.

Die Bucht von La Ventosa experimentiert mit Farben vergangener Jahrzehnte

Am Morgen fahre ich mit dem Colectivo zum Strand von La Ventosa. In Mexiko herrschen Puffertage zwischen dreitägiger Staatstrauer und den Unabhängigkeitsfeiern. Düfte röstender Tortillas und getrockneter Fische verhängen das Zentrum, angereichert mit Chili- und Koriandernoten. Am Markt und am Strand gehen die Dinge ihren Gang. Den Strand beschließt eine Lagune, hinter der die Erdöl-Raffinerie des Staatskonzerns PEMEX sich ausbreitet wie eine Kulissenstadt aus dem Star Trek-Universum. In der Bucht landen Fischer Mantas an und sind zu beschäftigt, meine Grüße zu erwidern. Mehr als das: sie schauen überaus finster drein und ignorieren mich komplett. Vielleicht leben sie in einer anderen Dimension und können mich deswegen weder hören noch sehen. Ansonsten ist niemand zugegen. Außer zwei Hunden. Und mir. Ich laufe den Strand auf und ab und denke: aha, und soso, und hier also. Nach einiger Zeit gewinnt der Ort an Größe und Traurigkeit. Ein mit sich selbst fremdelndes Jahrhundert scheint sich in diesem Abseits zu verdichten, zu überlagern, in schwächlichen Brisen im Kreis zu wandern. Viel gibt es nicht von sich preis, doch lässt sich sehr leicht vorstellen, an welcher Stelle Mina Loy schwanger am Lagerfeuer gesessen haben mochte, einen Oktopus am Spieß garend, an einer Horchata nippend, die Nacht durchwachend, voll böser Ahnung, nachdem ihr Mann über den Horizont gesegelt war.

Mina Loys Lippen materialisieren sich für einen flüchtigen Moment. Sie bleiben stumm

Nach einiger Zeit suche ich, um Schatten zu genießen, die verlassene Strandbar auf. So verlassen ist sie dann doch nicht. Aus dem Off erscheint, mich anpfeifend, der Besitzer, und bringt eine kühle Kokosnuss. Hernán Cortés sei einst vorbeigekommen, das Meer käme seit 40 Jahren ständig näher (er verweist auf alte, von der Flut verschluckte Strandlinien), eine Ölpest habe es gegeben, französische Gringos, die dachten, dass sie keine Gringos seien, die Rettung eines gestrandeten Wals, die es auf Youtube gebracht habe und ein bis heute gern erinnertes Aufsehen, weil eine Italienerin gemeint habe, hier (der Mann weist auf die ungefähre Stelle) ein Nacktbad nehmen zu müssen – das sei die komplette Geschichte der Bucht, von einem Dichter sei nichts bekannt. Ob ich keine Angst habe (Beben, Tsunami), er habe keine Angst. So endet meine Pilgerfahrt nach La Ventosa in Smalltalk mit der einzig verfügbaren Person. Während ich darüber nachdenke, was das zu bedeuten habe, erscheinen Fregattvögel und Rabengeier, um die Manta-Eingeweide in Augenschein zu nehmen, exakt hinter der Brandungslinie landen vornehm 13 Pelikane. Von meiner Stirn tropft Schweiß ins Notizbuch. Der Horizont kleidet sich in Banderolen. Das pazifische Rauschen. Das pazifische Blau.

la muerte

Ungefähr zwei Drittel aller Murals in Salina Cruz thematisieren den Tod

Am Nachmittag schlendere ich zur Städtischen Bibliothek, einem der beeindruckendsten Gebäude der von Hügeln umgrenzten Stadt. Vielleicht lassen sich dort Anhaltspunkte finden, existiert im Idealfall gar ein kleines Cravan-Regal. Vor der Bibliothek wacht eine unfassbar schöne Polizistin, und meint, ich dürfe das Gebäude nicht betreten, wegen Einsturzgefahr. Damit hatte ich nicht gerechnet. Nicht mit der überirdischen Ausstrahlung einer Frau in Uniform, nicht mit einem dermaßen tief in meine Psyche dringenden Lächeln. Die Verwirrung reicht so weit, dass jeder Gedanke an das Normale, nämlich sie zu schmieren oder einen bedeutenden Besucher zu markieren (oder beides), außer Kraft gesetzt wird. Erst Stunden und Tage später, hinter den Stadtgrenzen, sprich: viel zu spät, wird ein Gewitter derartige Lösungen wieder auf meinen inneren Schirm spülen. Auf diese Weise versiegt auch meine zweite Spur (falls in der Bibliothek Spuren aufzutreiben gewesen wären): neue Fakten über Cravans Verschwinden sind vor Ort zu diesem Zeitpunkt nicht aufzutreiben. Entweder sind sie tatsächlich inexistent oder sie schützen sich mit durchschaubaren, aber effektiven Tricks vor ihrer Entdeckung.

eine bunte geschichte vom verschwinden

Im Ansatz bunte, kühne, mehrschichtige Geschichte vom Verschwinden

Weil keine dritte Spur zur Hand ist, marschiere ich durchs Stadtzentrum voller Staub und Hitze und Schutt. Straße auf, Straße ab, mit ihren handgemalten Straßenschildern. Das ganze im Karree und sobald ich damit fertig bin, beginne ich wieder von vorne. Die Menschen wirken perspektivlos-freundlich. Machistisch regieren Hitze und Staub, mit der Absicht und dem Potential, absolute Gleichgültigkeit zu erzeugen. Ich setze mich in ein Fischrestaurant und denke, soweit man das Denken nennen kann, über mögliche Unterschiede zwischen den Zuständen des Vegetierens und des Nirwanas nach. Und darüber, dass Salina Cruz der perfekte Ort sei, der eigenen Zerrüttung zuzuschauen und/oder in einer fiebrig-spinnerten Aktion verschütt zu gehen. Das Ende der Welt kurz vor deren Umkippen ins pazifische Blau, das sich aus allen bekannten und unbekannten Blautönen zusammensetzt, womöglich gleichzusetzen mit dem anderen Blau, von dem Rolf Dieter Brinkmann geschrieben hat und das von Köln aus erreichbar sein muss.

Aufwachen in Istanbul / Istanbul‘da Uyanış

Aktuell und noch bis zum 04. November ist in Köln die Ausstellung „Aufwachen in Istanbul / Istanbul‘da Uyanış“ zu sehen. Kuratiert wurde sie von Nadine Müseler und Jari Ortwig. Das Wortprogramm stellte Gerrit Wustmann zusammen. Gezeigt werden Werke Kölner Künstler, die in den vergangenen acht Jahren für längere Zeit in Istanbul gearbeitet haben:

Lars Breuer_Ideologie_Detail

Lars Breuer: Ideologie, Acryl auf Wand (Detail). Freitagnachmittagsschatten bearbeiten die Anfangsbuchstaben des an Runen erinnernden Schriftzugs

Philipp Enders_Abschied von I

Philipp Enders: Abschied von I, Soundinstallation, Digitaldruck auf Folie. Der Künstler erzählt von seiner Reaktion auf das Selbstmordattentat vom 16. März 2016 auf der İstiklal Caddesi

Evamaria Schaller: Fremdkörper, Fotografie einer 1-Minuten-Performance (Ausschnitt). Das wandgroße Selfie ist der Eyecatcher der Ausstellung

Noa Gur_Key Museum_Detail

Noa Gur: Key Museum (Detail). Die zweiteilige Arbeit besteht aus einem Koffer mit aus Ton nachgebildeten Objekten aus dem Archäologischen Museum in Istanbul und einem Video, in dem die Objekte zum Sternenhimmel abstrahiert werden

Von mir liegen Gedicht-Postkarten (Gezi-Park, Gülhane-Park) aus, die gratis mitgenommen werden dürfen. Im Programmheft ist darüberhinaus eine meiner Istanbul-Fotografien zu sehen

Beteiligte KünstlerInnen und AutorInnen: Lars Breuer, Marianna Christofides, Philipp Enders, Doris Frohnapfel, Tanja Goethe, Selma Gültoprak, Noa Gur, Andrea Karimé, Tessa Knapp, Alfons Knogl, Robert Kraiss, Stan Lafleur, Ulla Lenze, Marie T. Martin, Selim Özdogan, Evamaria Schaller, Bastian Schneider, Gerrit Wustmann und Mona Yahia.
Gastauftritte: Alper Canıgüz, Orhan Esen, Elektro Hafiz und Burçak Konukman.

Ort: Werft 5 – Raum für Kunst im Kunsthaus Rhenania, Bayenstraße 28, Köln-Südstadt
Dauer: 15. Oktober bis 04. November 2017
Öffnungszeiten: Donnerstag bis Sonntag von 15 bis 19 Uhr und nach Vereinbarung
Erweiterte Öffnungszeiten am 15./22. Oktober und 04. November

***

Nachtrag, 08. November 2017
Auf Vimeo gibt es eine viertelstündige Dokumentation der Ausstellung von Verena Maas. Meine Beiträge (Gedichtpostkarten, Mikrolesung) bleiben darin konsequent außer Acht.

Neulich, in der Kölner Literaturszene (9)

Der monatlich im Theater „die wohngemeinschaft“ stattfindende Literaturklub hat sich zu einer Konstante unter den Kölner Lesebühnen gemausert. Mit Guy Helmingers und Navid Kermanis Literarischem Salon, der auf international bekannte Stimmen spezialisiert ist, der von Christoph Danne betriebenen Lyrikreihe hellopoetry! und der auf junge Autoren ausgerichteten Cafélesung Land in Sicht, die von einem fünfköpfigen Team betreut wird, zählt der Literaturklub zu den interessantesten Kölner Literaturveranstaltungen. Ihr Betreiber Adrian Kasnitz setzt auf frische, bisweilen borstige Stimmen: gute bis hochqualitative literarische Alternativen zum Angebot, das den Markt und somit die bekannteren Feuilletons beherrscht. Das hat sich herumgesprochen: der anfänglich schwankende Publikumszuspruch ist passé, die Literaturklub-Abende sind mittlerweile regelmäßig gut besucht.

Der aktuelle Märztermin stand, recht allgemein gehalten, im Zeichen „neuer Texte“. Neben Gastgeber und Kurator Adrian Kasnitz, der gelegentlich die Moderatorenrolle verläßt und eigene Texte vorstellt, lasen diesmal Miriam Zeh und Joachim Geil.

Kasnitz begann mit Ausschnitten aus dem jüngst in der hauseigenen parasitenpresse erschienenen Band 2 (Februar) seines „auf sechs bis zehn Jahre“ angelegten Langzeitprojekts Kalendarium, das für jeden Kalendermonat einen Band mit je einem Gedicht pro Kalendertag vorsieht. Die von Alltagssituationen und Polaroids ausgehenden Februartexte ankern, saisongemäß, zumeist in Beschreibungen winterlicher Heimeligkeit, die, mithilfe antiidyllischer Spiegelungen und diverser „Techniken gegen die Jahreszeit“ gebrochen und aufgeschüttelt vom morbiden Charme der Bourgeoisie, sich zu Schneekugellandschaften runden, die seltsam wirklich erscheinen. Der Alltag kippt in von Falltüren und Melancholie durchsetzte Minidramen: so entwirrt sich aus dem Kabelsalat einer Homerecording-Session ein fatalistischer Strick als offene Exit-Variante. Kasnitz‘ tonlos gehaltenem Vortrag fehlten auf der Bühne lediglich Kaminfeuer und Schwarzweißfilter, seine Februargedichte in die perfekte Vortragsumgebung zu rücken.

Miriam Zeh eröffnete auf Kasnitz‘ Eingangsfragen mit verdruckst vorgebrachten Anekdoten zu ihrer Teilnahme an der Schreibwerkstatt an der Kölner Universität: so habe sie Werkstättenleiter Marcel Beyer „beinahe mit einer Zigarette den Mantel angezündet“ und wisse nicht recht wie sie den Eindruck vermeiden könne, Kurs und Kursleiter hätten anstatt über Literatur sich auszutauschen nur Bier getrunken. Verhaltenes Gelächter. Es folgte eine gedehnte Kurzgeschichte aus dem Jugendorchestermilieu: glasklare Sätze, punktgenau über musikalisches Fachwissen komponiert, Daphnis und Chloe-Thema, Flöten- und Oboeproben verschaltet mit sexuellem Erwachen. Zehs rhythmisch geschulter, beeindruckender Vortrag kaschierte inhaltliche Längen, die langsam und technizistisch aufgebaute Lolita-Erotik zwischen der zunächst fünfzehnjährigen, später im Studentenalter befindlichen Holzbläserin und ihren kugelbäuchigen Lehrern im fortgeschrittenen Mannsalter mündet, überraschend harsch und trashig, in einen katastrofalen Liebesspaziergang am apokalyptisch vermüllten Rheinufer, „der perfekten Gegend, um sich zu erschießen“. Eine zweite Lolita-Geschichte, diesmal im Ponyhofmilieu angesiedelt, mit Passagen „zum Kichern“ wie Zeh anmerkte, entschwand noch während des wiederum gekonnten Vortrags meinem Gedächtnis.

Als dritter Abendgast las Joachim Geil aus seinem im Herbst bei Steidl erscheinenden neuen Roman Ruhe auf der Flucht über ein mit überbordender Fantasie gesegnetes Mißbrauchsopfer auf Rachefeldzug. Den Ausschnitt hatte Geil eigens für die Veranstaltung umgeschrieben und von der nahen Zukunft in die Gegenwart des Jahres 2016 verfrachtet. Vor einem Supermarkt im Industriegebiet in den klandestinen Tiefen der Pfalz greifen ein Kind (der sich erinnernde Ich-Erzähler) und ein nach Genußmittelkonsum riechender Erwachsener zugleich nach einer Pepsibüchse („beide Hände wie Handschellen um die Dose gekrallt“), auf der eine Dorflotterie-Zahl angebracht steht: eine grandiose Auftaktszene, die an Italowestern gemahnte. Geil verfiel umgehend in wogenden Vortrag, der den wogenden, mit postmoderner Aforistik („Erst born to be wild, dann warst du Sachbearbeiterin“) und Ziffernversessenheit applizierten Erinnerungen seines Protagonisten entsprach: vor dem Publikum, welches plötzlich aus unerfindlichen Gründen schwarmartig per Smartfone durchs Netz surfte, entstand ein nie zuvor erblicktes pfälzisches Meer, in dem auf begeisternde Art Humor, Schrecken, amorfe Provinzschatten und gute Stücke Weltgeschichte einherschwappten: starker Text, starker Vortrag, Joachim Geils dritter Roman muß wohl mit Vorfreude erwartet werden.

İstanblues

wustmann_istanblues

İstanblues fungiert als Kompilation der ersten beiden Bände (Beyoğlu Blues, Istanbul Bootleg) der Istanbul-Trilogie des Kölner Dichters Gerrit Wustmann. Die zweisprachige Ausgabe erscheint nur in der Türkei. Eine Botin, die vom Bosporus an den Rhein geheiratet hat, brachte dieser Tage einen Stapel Exemplare in die Domstadt.

Istanbuls Blues heißt eigentlich hüzün, eine lokale Sonderform der Melancholie wie die saudade der Portugiesen, „eine kollektive Stimmung des Scheiterns und des Verlustes“ wie Orhan Pamuk schreibt, die sich sichtbar in den Grautönen auslebt, in die die Männer sich kleiden, und in deren kargen Gesichtsausdrücken, wenn sie auf der Galatabrücke ein paar Sardinen aus dem Wasser ziehen. Viele der bekanntesten Istanbul-Gedichte sind auf diesen melancholischen Grundton geeicht. An einige von Istanbuls Bedichtern der letzten hundert Jahre knüpft Wustmann an, indem er ihre Motive als Leitfäden verwendet: zentrale Begriffe aus den Texten von Nâzım Hikmet, Cahit Külebi oder des Meistererzählers Sait Faik Abasıyanık bilden die Gerüste für kurz gehaltene, in klarer Sprache verfaßte Texte, weitere Referenzen gehen an den deutschen Autor Jörg Fauser, der Ende der 60er im Viertel Tophane als Junkie vor sich hindämmerte und schrieb und besonders an Orhan Veli, dessen Klassiker İstanbul’u dinliyorum (Ich höre Istanbul) Wustmann komplett für den Stadtteil Beyoğlu nachdichtet; der fiktive Dichter Ka aus Orhan Pamuks Roman Kar (Schnee) wird zur Projektionsfläche einer Nachdichtung, ohne daß Kas Gedichte – immerhin wissen wir grob, wovon sie handeln – der Menschheit bisher im Wortlaut bekannt wären.

Gerrit Wustmann findet Istanbuls Schönheit über beide Bände hinweg auffallend im schnell Vergänglichen, das sich tagtäglich wiederholt: im Flügelschlag der Möwen, in den warmen Farbtönen des gezuckerten, in Tulpengläsern servierten Tees, im Regenprasseln, in der Stille und den Stimmen der Nacht, in Lichtspielen und kurz im Blickfeld aufblühenden Ornamenten: fast alles beliebte, für Istanbul typische Bildmotive, die den Stadtcharakter als illustrierte Reportagen und millionenfach verschickte Postkarten seit Dekaden im kollektiven Bewußtsein umreißen. Das Paradox, Vergängliches in einer Sprache zu skizzieren, die um Zeitlosigkeit bedacht ist, funktioniert in İstanblues inhaltlich auf Kosten aktuellen Zeitgeschehens, das, nach dem Cover und der Ankündigung zu urteilen, für den in Kürze erscheinenden Abschlußteil der Trilogie, Taksim Tango, reserviert sein dürfte. Auf sprachlicher Ebene bricht die Gegenwart in İstanblues da und dort mittels Begriffen wie Skyline, Highway, E-Gitarre, Sendemast oder Pupillenreizung durch. Auf diese Weise verortet und isoliert der Band eine nostalgisch aufgeladene, längst zum Klischee verdichtete Stimmung und stellt sie, an Orhan Pamuks Masumiyet Müzesi (Museum der Unschuld) in Cihangir erinnernd, das ebenfalls bedichtet wird, in der sie adoptierenden Gegenwart aus.

Als die Gedichte des zweiten Teils Istanbul Bootleg entstanden, wohnte ich mit ihrem Verfasser Tür an Tür im deutschen Dichterghetto von Kuledibi in der Nähe des Galataturms. Abends unterhielten wir uns häufig auf der gemeinsamen Dachterrasse und schauten dabei auf den Bosporus und die Bewegungen in den Gassen des mitten in der Gentrifizierung begriffenen Viertels, letztere ein Umstand, zu dem unsere Anwesenheit beitrug. Ich sprach von den allgegenwärtigen Möwen und behauptete in einer Kolumne, daß ich keinen Istanbultext schreiben könne, wenn nicht mindestens eine Möwe darin vorkäme. In Wustmanns Istanbul Bootleg tauchen die in Istanbul omnipräsenten Vögel spätestens in jedem dritten Gedicht auf, was den Autor zum Member of the Möwement ehrenhalber qualifiziert.

Außer in Beyoğlu sind die Gedichte auf den Prinzeninseln lokalisiert, sie beschreiben somit, ohne explizit davon zu sprechen, Gassen und Orte in vergleichsweise privilegierten Vierteln, die von westlich orientierten Intellektuellen, jungen Künstlern und Touristen durchsetzt ihre alte Einwohnerschaft an den Stadtrand verdrängen, der selbst von den höchsten Hochhäusern der Innenstadt nicht zu erblicken ist. Gleichzeitig fühlen die Übriggebliebenen sich von einem Staat bedrängt, der ihre Privilegien einengt und werden die Straßen plötzlich von tausenden Kriegsflüchtlingen, die nichts besitzen, als was sie am Leib tragen, als Orte purer Existenz markiert. Geschichte passiert in Istanbul so schnell und gewaltig, daß sie kaum mitgeschrieben werden kann. Eine Straße, eben noch vorhanden, ist am Abend bereits abgerissen und zwei Monate später als eine völlig andere neu erbaut.

Im Nachwort spricht Wustmann von Istanbul als einer „schwierigen Geliebten“, die „störrisch, widersprüchlich, launisch und sprunghaft“ und davon, daß der erste Band gleichsam über Nacht gegen jede Überlegung entstanden sei. In den Gedichten selbst ist von Gott und das Panorama durchziehender Göttlichkeit die Rede: aus den Kontrasten, der permanenten Umwälzung, den überall sichtbaren Brüchen, die Istanbul so unbeschreiblich machen, lassen sich unzählige, unterschiedlichste Destillate gewinnen, denen der spezifische Geschmack der Stadt unweigerlich anhaften wird, weil sie bei aller Vielfalt und Differenziertheit zu den am leichtesten erkennbaren der Welt gehört. In Wustmanns Destillat schmeckt aus der geheimen Tausendgewürzemischung die elegische Note vor.

Im Vorwort vergleicht der für seine wendungsreichen Romane bekannte türkische Schriftsteller Alper Canıgüz die beiden tausendjährigen Städte Köln und Istanbul, um sich dem Istanbul-Zugang Wustmanns zu nähern und erwähnt auch einen Rheinspaziergang, den wir vor zwei Jahren gemeinsam unternahmen:

Bei meinem Besuch in Köln befiel mich das Gefühl, dass die ungeheure Energie in diesem einmaligen Zentrum der Kunst und Kultur der Spannung zwischen dem weltberühmten prächtigen Dom und dem Fluss entspringt. „Hier bin ich“, verkündete der Kölner Dom. „Vorläufig“, erwiderte der Rhein. „Ist nicht unbedingt wie der Bosporus, was?“, meinte Stan Lafleur, ein (…) befreundeter Kölner Dichter, als wir uns am Rheinufer auf einer Bank niederließen und es plötzlich dunkel wurde. „So ist der Kölner Himmel meistens; eine Decke für die Toten.“

Die etwas schräg klingende Formulierung von der Decke kam dadurch zustande, daß ich während des auf Englisch verlaufenden Gesprächs nicht auf den Begriff shroud kam, weswegen ich den gemeinten Leichentuchhimmel ein wenig umschreiben mußte. Alper Canıgüz jedenfalls freute sich an unserer faden, grunddeutsche Melancholie verströmenden Himmelsexotik wie sie in Istanbul allenfalls an Schneetagen vorkommt; dennoch entflohen wir den Himmeln zügig ins Brauhaus. Köln kennt im Gegensatz zu Istanbul für den Blues keine lokalspezifische Bezeichnung: wohl weil die Schwermut (in welcher Ausprägung auch immer) am Rhein keine Woche unbeschadet überleben kann.

Gerrit Wustmann: İstanblues, Foo Prodüksiyon, Istanbul 2016, Softcover, 102 Seiten, 10 YTL

Nachtrag, 02. April 2016
Tatsächlich dominieren den dritten Trilogie-Teil Taksim Tango über weite Strecken Gedichte zu zeitgenössischen Themen: Gentrifizierung und die Proteste im Gezi-Park im Frühsommer 2013, die quasi mit ihrem Auftreten, in das auch zahlreiche AutorInnen und PublizistInnen involviert waren, in die türkische Geschichte eingegangen sind. Im Nachwort zu Taksim Tango zitiert mich Wustmann mit dem Satz, Istanbul sei „ein Zellorganismus, der Minute für Minute Zellen abstößt und neue bildet“: ein Satz, der gewiß auf zahlreiche Metropolen zutrifft, doch nirgendwo sonst habe ich die Umwälzung einer Stadt so vehement und rasant empfunden wie bei meinen Aufenthalten in Istanbul.