Aufwachen in Istanbul / Istanbul‘da Uyanış

Aktuell und noch bis zum 04. November ist in Köln die Ausstellung „Aufwachen in Istanbul / Istanbul‘da Uyanış“ zu sehen. Kuratiert wurde sie von Nadine Müseler und Jari Ortwig. Das Wortprogramm stellte Gerrit Wustmann zusammen. Gezeigt werden Werke Kölner Künstler, die in den vergangenen acht Jahren für längere Zeit in Istanbul gearbeitet haben:

Lars Breuer_Ideologie_Detail

Lars Breuer: Ideologie, Acryl auf Wand (Detail). Freitagnachmittagsschatten bearbeiten die Anfangsbuchstaben des an Runen erinnernden Schriftzugs

Philipp Enders_Abschied von I

Philipp Enders: Abschied von I, Soundinstallation, Digitaldruck auf Folie. Der Künstler erzählt von seiner Reaktion auf das Selbstmordattentat vom 16. März 2016 auf der İstiklal Caddesi

Evamaria Schaller: Fremdkörper, Fotografie einer 1-Minuten-Performance (Ausschnitt). Das wandgroße Selfie ist der Eyecatcher der Ausstellung

Noa Gur_Key Museum_Detail

Noa Gur: Key Museum (Detail). Die zweiteilige Arbeit besteht aus einem Koffer mit aus Ton nachgebildeten Objekten aus dem Archäologischen Museum in Istanbul und einem Video, in dem die Objekte zum Sternenhimmel abstrahiert werden

Von mir liegen Gedicht-Postkarten (Gezi-Park, Gülhane-Park) aus, die gratis mitgenommen werden dürfen. Im Programmheft ist darüberhinaus eine meiner Istanbul-Fotografien zu sehen

Beteiligte KünstlerInnen und AutorInnen: Lars Breuer, Marianna Christofides, Philipp Enders, Doris Frohnapfel, Tanja Goethe, Selma Gültoprak, Noa Gur, Andrea Karimé, Tessa Knapp, Alfons Knogl, Robert Kraiss, Stan Lafleur, Ulla Lenze, Marie T. Martin, Selim Özdogan, Evamaria Schaller, Bastian Schneider, Gerrit Wustmann und Mona Yahia.
Gastauftritte: Alper Canıgüz, Orhan Esen, Elektro Hafiz und Burçak Konukman.

Ort: Werft 5 – Raum für Kunst im Kunsthaus Rhenania, Bayenstraße 28, Köln-Südstadt
Dauer: 15. Oktober bis 04. November 2017
Öffnungszeiten: Donnerstag bis Sonntag von 15 bis 19 Uhr und nach Vereinbarung
Erweiterte Öffnungszeiten am 15./22. Oktober und 04. November

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Nachtrag, 08. November 2017
Auf Vimeo gibt es eine viertelstündige Dokumentation der Ausstellung von Verena Maas. Meine Beiträge (Gedichtpostkarten, Mikrolesung) bleiben darin konsequent außer Acht.

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Höllenblume

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Der kleine Alper Kamu dürfte sich freuen: Beşiktaş ist nach längerer Durststrecke gerade türkischer Fußballmeister geworden! In Istanbuls gleichnamigem Stadtbezirk um das brandneue Stadion herum dürfte die Hölle los gewesen sein. Mit Gewißheit vermelden darf ich die Freude Alper Canıgüzs: der große Alper, Schriftsteller und Schöpfer des kleinen Alper, ist ausgewiesener Beşiktaş-Fan und verkündete mir jüngst seine Genugtuung über die Tore von Mario Gomez – aber auch seine Beobachtungen zum bedenklichen Tagesgeschehen in Istanbul und Europa – im Facebook-Chat.

Alper Kamu, ein fünfjähriger Junge, in dessen Name sich sowohl Albert Camus als auch der Autor spiegeln, lebt in Beşiktaş in einem Umfeld, das, erzähltechnisch mittels psychedelischer Einsprengsel erweitert, mich u.a. an die Geschichten um Le petit Nicolas von Sempé/Goscinny, an die Vorstadtkrokodile, den Scharfsinn von Sherlock Holmes und die randständige Wildheit in Pasolinis grandiosem Roman Raggazi di vita erinnerte. In Höllenblume (im Original: Cehennem Çiçeği) löst der Dreikäsehoch nach dem Vorgänger Söhne und siechende Seelen (Oğullar ve Rencide Ruhlar) mit gelegentlich schwankender Selbstverständlichkeit den zweiten Mordfall in seiner Nachbarschaft.

Den Sonntag hatte ich in meinem Zimmer verbracht, gedöst, schamlosen sexuellen Fantasien nachgehangen und, dem unschicklichen Gedanken die Stirn bietend, der sich immer wieder in einem Winkel meines Gehirns bemerkbar machte – „schon dreihundert Seiten, und noch immer ist dieser verfickte Fisch nicht aufgetaucht“ – Moby Dick gelesen. In dieser Form hatte ich meinen Körper und Geist einen Tag brachliegen lassen, nun bereit, von Montagmorgen an in eine Woche voller neuer Lügen, Verrat und Qualen zu starten.“

Sämtliche Romane mit Schauplatz Istanbul, die ich bisher gelesen habe, wiesen als Gemeinsamkeit die Beschreibung von Verbrechen und mehr oder minder brutaler Alltagsgewalt, meist in zentraler Position, auf. So ermittelt auch Kinderdetektiv Alper in einem Umfeld, in dem hinter jeder Ecke, hinter jedem Vorhang Gefahr lauert: straßenweise in Gangs organisierte Nachbarkinder, bedrohliche Jugendliche und schwer durchschaubare Erwachsene. Ein vorderhand unverdächtiger Todesfall in einer neu zugezogenen Familie entwickelt sich dank Alper Kamus Gespür zum Kriminalfall. Die Mordaufklärung dient als Aufhänger für ein kleinbürgerliches Psychorama. Denn Alper ist ein außergewöhnlicher Fünfjähriger. Hochgradig belesen agiert und spricht er mehr als nur ansatzweise wie ein Erwachsener, seine kindlichen Impulse indes bleiben bestehen: eine Figur, geschaffen um Komik wie Tragik auf sich zu ziehen.

„Okay“, sagte ich. „Eigentlich ist es so: Als Baby wurde ich von einem radioaktiven Intellektuellen gebissen. Und das ist eben aus mir geworden.“
Als wäre alle Energie aus ihr gewichen, sank meine Ärztin neben mir in den Stuhl. (…) Vielleicht fragte sie sich auch, ob ihr eine der Krankenschwestern oder einer ihrer witzigen Kollegen womöglich ein halluzinogenes Medikament ins Wasser gemixt haben könnte. Eigentlich musste ich ihr recht geben. Während eines albtraumartigen Nachtdiensts im Numune-Krankenhaus war eine Ärztin mit der größtmöglichen Katastrophe konfrontiert: mit mir. (…) „Sie glauben mir nicht. (…) Ich habe eine Reinkarnation erlebt. Sogar mehrere. In einem meiner früheren Leben war ich Henker in der Französischen Revolution, in einem Wächter im russischen Zarenreich und in einem anderen Militärrichter in der Türkei nach dem Putsch vom 12. März. Um meine Opfer genau kennenzulernen, habe ich alles gelesen, was sie so geschrieben haben, und dabei jede Menge gelernt. Wenn möglich, möchte ich in diesem Leben der Volksmiliz im Südosten beitreten.“

Mit seinen Reden verblüfft Alper Kamu sogar den Polizeichef des Viertels, seinen mächtigsten Verbündeten, der ihm noch aus dem Vorgängerroman vertraut. Sein loses Mundwerk bringt den Jungen mal in die Bredouille und sichert ihm dann wieder das Überleben. Ein Punkt, den er mit Detektiv-Übervater Philip Marlowe gemein hat. Anstelle der üblichen tiefen Einsamkeit erwachsener männlicher Hardboiled-Helden tritt bei Alper die Verlustangst. Sein geliebter Vater scheint die geliebte Mutter nicht so zu lieben wie es sich gehörte und treibt sich zu häufig in Kneipen herum. Bereits das Kind lernt: die Hölle liegt fest im Herzen des Kleinbürgeruniversums vertaut. An guten Tagen kehrt sie sich auch mal stundenweise ins Paradies. Zwischen Himmel und Hölle seiner Kindheit surft Alper auf seinen spritzigen Gedanken bisweilen einfach nur gegen den Strom der Langeweile, etwa wenn er seitenlang den Einfluß von Antibiotika auf die Scheidungsrate exegiert.

Keine Ahnung, ob sie Anstalten machte, mich zu hindern, oder ob sie noch etwas sagte, ich stürzte nämlich aus der Tür, die Treppe hinunter und auf die Straße. Zuerst tat mir der Wind gut, der mir ins Gesicht schlug, doch dann brach bleierne Müdigkeit über mich herein. Ich war noch nicht völlig genesen und hatte immer noch ein wenig Fieber. In meinem Zustand auf der Straße herumzulaufen war eigentlich alles andere als vernünftig. Ich war ohnehin von schwacher Konstitution, vor allem mit meinen Lungen war es nicht weit her. In jener Hinsicht ähnelte ich Marcel Proust. Oder meinem Großvater mütterlicherseits, der ein türkisches Bad betrieben hatte und in einem Sanatorium einem Lungenephysem erlegen war. Wem ich in Wahrheit ähnlicher war, würde die Zukunft ans Licht bringen.

Hinter dem Trivialem lauert bei Canıgüz stets die Hochkultur, die, einmal freigekratzt, umgehend wieder ins Triviale blendet. Banale Alltagsvorgänge erreichen im Lichte psychologischer Betrachtungsweisen, einer Spezialität des Autors, verwirrende Komplexität: der Canıgüz-Sound aus helizierenden Handlungsverläufen mit hoher Abschweifungskonstante basiert auf überdrehte Weise auf historisch bewährten Gegensatzpaaren menschlichen Ausdrucks: Liebe und Haß, Zielstrebigkeit und Fatalismus, sowie alle paar Nasen lang fysische wie psychische Gewalt.

„Geh nicht zu nah ran“, warnte ich. „Es kann spucken.“
Kaum hatte ich diesen Satz ausgesprochen, hatte Ümit dem Lama im Kampf ums nackte Überleben ins Gesicht gespuckt und den Rückzug eingeschlagen und stieß dabei einen brutalen Fluch auf das Tier und die Schöpfung aus. Ich denke, Ümit war von dem starken Glauben beseelt, dass jedes Lebewesen, das seinem Gegenüber potentiell Schaden zufügen konnte, von diesem Potential auch unbedingt Gebrauch machen würde.

Am Ende siegt, unter Verlusten, mitten im ewigen Wogen des zahllose Geheimnisse und Rätsel bergenden Istanbuler Häusermeers, die Erkenntnis und das Gerechtigkeitsempfinden eines mit zuviel Wissen gefütterten Fünfjährigen – der Krimi, die Vorstadtstudie, die Gesellschaftskarikatur, der Unterhaltungsroman kehren sich zum Abschluß in ein traurig-zuversichtliches Märchen. Wäre ich Filmemacher, ich würde dieses Buch verfilmen wollen.

Alper Canıgüz: Höllenblume (aus dem Türkischen von Monika Demirel), binooki, Berlin 2015, Broschur, 218 Seiten, 16.90 Euro, ISBN 978-3-943562-49-1

İstanblues

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İstanblues fungiert als Kompilation der ersten beiden Bände (Beyoğlu Blues, Istanbul Bootleg) der Istanbul-Trilogie des Kölner Dichters Gerrit Wustmann. Die zweisprachige Ausgabe erscheint nur in der Türkei. Eine Botin, die vom Bosporus an den Rhein geheiratet hat, brachte dieser Tage einen Stapel Exemplare in die Domstadt.

Istanbuls Blues heißt eigentlich hüzün, eine lokale Sonderform der Melancholie wie die saudade der Portugiesen, „eine kollektive Stimmung des Scheiterns und des Verlustes“ wie Orhan Pamuk schreibt, die sich sichtbar in den Grautönen auslebt, in die die Männer sich kleiden, und in deren kargen Gesichtsausdrücken, wenn sie auf der Galatabrücke ein paar Sardinen aus dem Wasser ziehen. Viele der bekanntesten Istanbul-Gedichte sind auf diesen melancholischen Grundton geeicht. An einige von Istanbuls Bedichtern der letzten hundert Jahre knüpft Wustmann an, indem er ihre Motive als Leitfäden verwendet: zentrale Begriffe aus den Texten von Nâzım Hikmet, Cahit Külebi oder des Meistererzählers Sait Faik Abasıyanık bilden die Gerüste für kurz gehaltene, in klarer Sprache verfaßte Texte, weitere Referenzen gehen an den deutschen Autor Jörg Fauser, der Ende der 60er im Viertel Tophane als Junkie vor sich hindämmerte und schrieb und besonders an Orhan Veli, dessen Klassiker İstanbul’u dinliyorum (Ich höre Istanbul) Wustmann komplett für den Stadtteil Beyoğlu nachdichtet; der fiktive Dichter Ka aus Orhan Pamuks Roman Kar (Schnee) wird zur Projektionsfläche einer Nachdichtung, ohne daß Kas Gedichte – immerhin wissen wir grob, wovon sie handeln – der Menschheit bisher im Wortlaut bekannt wären.

Gerrit Wustmann findet Istanbuls Schönheit über beide Bände hinweg auffallend im schnell Vergänglichen, das sich tagtäglich wiederholt: im Flügelschlag der Möwen, in den warmen Farbtönen des gezuckerten, in Tulpengläsern servierten Tees, im Regenprasseln, in der Stille und den Stimmen der Nacht, in Lichtspielen und kurz im Blickfeld aufblühenden Ornamenten: fast alles beliebte, für Istanbul typische Bildmotive, die den Stadtcharakter als illustrierte Reportagen und millionenfach verschickte Postkarten seit Dekaden im kollektiven Bewußtsein umreißen. Das Paradox, Vergängliches in einer Sprache zu skizzieren, die um Zeitlosigkeit bedacht ist, funktioniert in İstanblues inhaltlich auf Kosten aktuellen Zeitgeschehens, das, nach dem Cover und der Ankündigung zu urteilen, für den in Kürze erscheinenden Abschlußteil der Trilogie, Taksim Tango, reserviert sein dürfte. Auf sprachlicher Ebene bricht die Gegenwart in İstanblues da und dort mittels Begriffen wie Skyline, Highway, E-Gitarre, Sendemast oder Pupillenreizung durch. Auf diese Weise verortet und isoliert der Band eine nostalgisch aufgeladene, längst zum Klischee verdichtete Stimmung und stellt sie, an Orhan Pamuks Masumiyet Müzesi (Museum der Unschuld) in Cihangir erinnernd, das ebenfalls bedichtet wird, in der sie adoptierenden Gegenwart aus.

Als die Gedichte des zweiten Teils Istanbul Bootleg entstanden, wohnte ich mit ihrem Verfasser Tür an Tür im deutschen Dichterghetto von Kuledibi in der Nähe des Galataturms. Abends unterhielten wir uns häufig auf der gemeinsamen Dachterrasse und schauten dabei auf den Bosporus und die Bewegungen in den Gassen des mitten in der Gentrifizierung begriffenen Viertels, letztere ein Umstand, zu dem unsere Anwesenheit beitrug. Ich sprach von den allgegenwärtigen Möwen und behauptete in einer Kolumne, daß ich keinen Istanbultext schreiben könne, wenn nicht mindestens eine Möwe darin vorkäme. In Wustmanns Istanbul Bootleg tauchen die in Istanbul omnipräsenten Vögel spätestens in jedem dritten Gedicht auf, was den Autor zum Member of the Möwement ehrenhalber qualifiziert.

Außer in Beyoğlu sind die Gedichte auf den Prinzeninseln lokalisiert, sie beschreiben somit, ohne explizit davon zu sprechen, Gassen und Orte in vergleichsweise privilegierten Vierteln, die von westlich orientierten Intellektuellen, jungen Künstlern und Touristen durchsetzt ihre alte Einwohnerschaft an den Stadtrand verdrängen, der selbst von den höchsten Hochhäusern der Innenstadt nicht zu erblicken ist. Gleichzeitig fühlen die Übriggebliebenen sich von einem Staat bedrängt, der ihre Privilegien einengt und werden die Straßen plötzlich von tausenden Kriegsflüchtlingen, die nichts besitzen, als was sie am Leib tragen, als Orte purer Existenz markiert. Geschichte passiert in Istanbul so schnell und gewaltig, daß sie kaum mitgeschrieben werden kann. Eine Straße, eben noch vorhanden, ist am Abend bereits abgerissen und zwei Monate später als eine völlig andere neu erbaut.

Im Nachwort spricht Wustmann von Istanbul als einer „schwierigen Geliebten“, die „störrisch, widersprüchlich, launisch und sprunghaft“ und davon, daß der erste Band gleichsam über Nacht gegen jede Überlegung entstanden sei. In den Gedichten selbst ist von Gott und das Panorama durchziehender Göttlichkeit die Rede: aus den Kontrasten, der permanenten Umwälzung, den überall sichtbaren Brüchen, die Istanbul so unbeschreiblich machen, lassen sich unzählige, unterschiedlichste Destillate gewinnen, denen der spezifische Geschmack der Stadt unweigerlich anhaften wird, weil sie bei aller Vielfalt und Differenziertheit zu den am leichtesten erkennbaren der Welt gehört. In Wustmanns Destillat schmeckt aus der geheimen Tausendgewürzemischung die elegische Note vor.

Im Vorwort vergleicht der für seine wendungsreichen Romane bekannte türkische Schriftsteller Alper Canıgüz die beiden tausendjährigen Städte Köln und Istanbul, um sich dem Istanbul-Zugang Wustmanns zu nähern und erwähnt auch einen Rheinspaziergang, den wir vor zwei Jahren gemeinsam unternahmen:

Bei meinem Besuch in Köln befiel mich das Gefühl, dass die ungeheure Energie in diesem einmaligen Zentrum der Kunst und Kultur der Spannung zwischen dem weltberühmten prächtigen Dom und dem Fluss entspringt. „Hier bin ich“, verkündete der Kölner Dom. „Vorläufig“, erwiderte der Rhein. „Ist nicht unbedingt wie der Bosporus, was?“, meinte Stan Lafleur, ein (…) befreundeter Kölner Dichter, als wir uns am Rheinufer auf einer Bank niederließen und es plötzlich dunkel wurde. „So ist der Kölner Himmel meistens; eine Decke für die Toten.“

Die etwas schräg klingende Formulierung von der Decke kam dadurch zustande, daß ich während des auf Englisch verlaufenden Gesprächs nicht auf den Begriff shroud kam, weswegen ich den gemeinten Leichentuchhimmel ein wenig umschreiben mußte. Alper Canıgüz jedenfalls freute sich an unserer faden, grunddeutsche Melancholie verströmenden Himmelsexotik wie sie in Istanbul allenfalls an Schneetagen vorkommt; dennoch entflohen wir den Himmeln zügig ins Brauhaus. Köln kennt im Gegensatz zu Istanbul für den Blues keine lokalspezifische Bezeichnung: wohl weil die Schwermut (in welcher Ausprägung auch immer) am Rhein keine Woche unbeschadet überleben kann.

Gerrit Wustmann: İstanblues, Foo Prodüksiyon, Istanbul 2016, Softcover, 102 Seiten, 10 YTL

Nachtrag, 02. April 2016
Tatsächlich dominieren den dritten Trilogie-Teil Taksim Tango über weite Strecken Gedichte zu zeitgenössischen Themen: Gentrifizierung und die Proteste im Gezi-Park im Frühsommer 2013, die quasi mit ihrem Auftreten, in das auch zahlreiche AutorInnen und PublizistInnen involviert waren, in die türkische Geschichte eingegangen sind. Im Nachwort zu Taksim Tango zitiert mich Wustmann mit dem Satz, Istanbul sei „ein Zellorganismus, der Minute für Minute Zellen abstößt und neue bildet“: ein Satz, der gewiß auf zahlreiche Metropolen zutrifft, doch nirgendwo sonst habe ich die Umwälzung einer Stadt so vehement und rasant empfunden wie bei meinen Aufenthalten in Istanbul.

Von Totenorten

Der romantischste Gottesacker meiner Erinnerung ist der Parkfriedhof in Niebüll. Ich betrat ihn zufällig, er lag gerade recht, um von einem längeren Fußmarsch zu pausieren. Von einer verwitternden Sitzbank blickte ich auf wilde, halb verwunschene Parklandschaften: großzügige Flächen lagen zwischen den Gräbern, das ungemähte Gras erreichte an manchen Stellen Wadenhöhe. Brombeeren, Äpfel und Birnen sprossen aus den Gebeinen, Rankpflanzen rahmten die Perspektiven wie in einem verspielten Scherenschnitt. Im bröckelnden Gemäuer fanden sich Kommunikationsspuren der nahen, ob ihrer Launen gefürchteten See. Das Gräberensemble war gänzlich frei von Pomp. Die einzelnen Grabstätten glichen stilvoll verwilderten Einlässen ins unsagbare Nichts der Ewigkeit: graue Quaderflächen mit eingravierten Zaubercodes aus Buchstaben, Zahlen, Symbolen: eine sympathische Brise blätterte in den Bäumen und erweiterte das Zeichensystem gekonnt um passende akustische Komponenten. Es war ein großer Vormittag. Ameisen paradierten, ein taumelnder Mistkäfer erging sich in simpler Drolligkeit. Berauschend senkte sich das Parfum Gottes in kaum wahrnehmbaren Schwaden über den Ort. Das Singvogelkonzert, zunächst etwas abseits in den Büschen, dann vom vagierenden Luftdruck direkt in meine Gehörgänge appliziert, verlief freudig, doch zu keinem Zeitpunkt ungehalten. Kurzum, der Niebüller Friedhof zeigt sich in der Rückschau derart idealisiert, daß ich meiner Erinnerung nicht trauen kann: Details, die ich unter Eid niemals bestätigen würde, geben sich in meinem neuronalen Netzwerk ein Stelldichein und fügen sich zu grandiosem Kitsch. Offenbar benötigt meine Vorstellung die Möglichkeit eines solchen Idylls, eines memotechnisch verklärten, perfekten Ruhe- und Rückzugsorts, den ich aufgrund seiner Abgeschiedenheit in der Realität kaum je ein zweites Mal betreten werde.

Eindeutiger sind meine Erinnerungen an den British Cemetery in Loos-en-Gohelle. Weiße Grabtafeln stehen auf dem nordfranzösischen Soldatenfriedhof in geordneten Reihen wie bei einer historischen Schlachtaufstellung oder dem Antanzen zum letzten Appell. Die meisten Gräber sind anonym und so denke ich an namenlose Gestalten, gesichtslose Männer, Uniformierte, die in Angst und Hast gegen eine Spiegelachse ziehen, eine Linie, hinter der andere gesichtslose Männer in leicht abweichenden Uniformen wiederum sich der Front nähern, um massenhaft zu töten und sich abschlachten zu lassen für die Interessen einiger weniger, die weit von dieser Front entfernt Gewinne und Verluste aufrechnen. Ein einziger Mann besitzt doch ein Gesicht. Es handelt sich um meinen Großvater väterlicherseits. Im Ersten Weltkrieg war er in Frankreich als Soldat im Einsatz. Wo genau, ist unbekannt. Überliefert ist lediglich, daß er nach Kriegsende zu Fuß in die Heimat zurückkehrte. Mein Gefühlshaushalt gerät angesichts der Gräberreihen außer Balance. Ich bin vom Conseil Régional (dem Äquivalent unserer Landesregierungen) als Freund in eine Gegend eingeladen, die meine Vorfahren als Feinde heimsuchten. Ein Moment, in dem meine Nationalität, die Handlungen meiner Ahnen mich beschämen, auch wenn von den Lebenden in Loos niemand auf die Idee kommt, diese Scham zu befördern. Ich stapfe durch die Reihen, die tiefstehende Novembersonne tüncht einzelne der ohnehin schon blendend weißen Grabtafeln in eine Art Heiligenschein. Auf zahlreichen anonymen Gräbern entdecke ich die Wortfolge „Known unto God“, deren altertümliche Schönheit mich berührt. Zunächst eine shakespearsche Halbzeile vermutend, finde ich später im Internet die Information, daß es sich um ein Epitaf aus der Feder Rudyard Kiplings handelt, den eine besondere, im Ort selbst kaum bekannte Geschichte mit Loos-en-Gohelle verbindet. Der 1907 mit dem Literatur-Nobelpreis ausgezeichnete Kipling schickte aus patriotischen Überlegungen und unter Einsatz seiner Beziehungen zur Politik seinen einzigen Sohn John, der eigentlich für kriegsuntauglich befunden worden war, an die Front. In der dreiwöchigen Schlacht von Loos im Herbst 1915 wurde John Kipling verletzt und als missing in action deklariert. Nach dem Ende des Krieges reiste Rudyard Kipling, inzwischen zum Pazifisten gewandelt, bis zu seinem Tod im Jahre 1936 jeden Sommer in die Gegend von Loos, um den Verbleib seines Sohnes zu klären. Erst 1992 wurde John Kiplings Grab im Nachbarort Haisnes identifiziert. Den in Loos gefundenen Grabspruch „Known unto God“ nutzte ich als Titel für die Geschichte des in sich selbst verlorenen und unter Tage zu einem Maulwurf mutierten Bergmanns Topowski, die ich gemeinsam mit Dominique Sampiero und dem schlesischen Fotografen Arek Gola vor Ort entwickelte.

Britischer Soldatenfriedhof in Loos-en-Gohelle. Foto: Arek Gola

Britischer Soldatenfriedhof in Loos-en-Gohelle. (Foto: Arek Gola)

Vom Fluß meiner Kindheit und Jugend, der Alb, durchflossen wird der Rüppurrer Friedhof. Er ist deutlich älter als die evangelische Auferstehungskirche, zu deren Füßen er liegt und in deren Name die Erwartung einer Zombieinvasion mitschwingt, die von „meinem Stadtteilfriedhof“ ihren Ausgang nehmen könnte. Ein flußdurchflossener Friedhof ist etwas Schönes, doch mich stimmt der äußerlich hübsch anzusehende Rüppurrer Kirchacker stets traurig. An keinem anderen Ort spüre ich die Auswirkungen meiner Wurzellosigkeit in vergleichbarem Maß. Niemand aus meiner verstreuten Familie liegt in Rüppurrer Erde begraben. Wer von uns stirbt, verschwindet in die Anonymität. Also stelle ich mir vor, daß wir nach dem Tod versteinern, um ganz allmählich von Wasser und Witterung zermalmt in die planetaren Kreisläufe einzugehen. An der Alb bestattet liegt Pia. Bei Pia handelt es sich um keine reale Person, sondern um eine lyrische Leiche. Pia steht für die in flokatigepolsterten Nächten und an zähen Sonntagen vor der Silhouette der Schwarzwaldausläufer und zum Soundtrack der Bundesautobahn erwürgte Jugend, für das langwierige, nur teilweise erfolgreiche Abtöten von Sehnsüchten. Die Gedicht-Pia setzt sich zusammen aus Momenten provinzieller Abgestandenheit und hoffnungsvoller Frische, aus Saturiertheit und Magersucht, aus vorgestanzten Träumen mit bürgerlichen Rebellenelementen, eine klassisch-moderne Fertigmischung, die Blumen an ihrem Grab sind die Plastikblumen des Schnellrestaurants, in dem wir uns nach Jahrzehnten zu einer Thaisuppe treffen, welche die längst stattgefundene Ankunft der weiten Welt, nach der wir uns einst im badischen Hinterland so sehr sehnten, symbolisiert. Jetzt habe ich die E-Mail-Adresse der auferstandenen Pia und ihren Tom Kha Gung-Segen. Unsere mit Ölkreide ausgemalten Schnittmengen lagern in muffigen Schubladen. Gehe ich heute über den Albfriedhof, verfremde nicht ich Szenerie und Geschichte in Gedichten, sondern sind es vielmehr die reale Szenerie und Geschichte, die mich verfremden, sogar entfremden, indem sie mir in schmerzhafter Weise das chronisch wiederkehrende Heimatgefühl kurieren. In der gleichen Richtung, in der die Alb durch den Friedhof verläuft, verschwinde ich von diesem Ort und auch in der gleichen Weise: immer auf der Stelle tretend, immer auf der Flucht.

Am Día de los Muertos wird in Guatemala gemeinsam mit Nachbarn und Bekannten Fiambre (was im Spanischen sowohl Leiche, als auch Kaltgericht bedeutet) gegessen, ein überreicher Mischmasch, der tagelanger Vorbereitung bedarf und dessen Zutaten die Hundert überschreiten können, weil jede Zutat die Lieblingsspeise eines Ahnen repräsentiert. Leben und Tod wirken im tropischen Zentralamerika mit seinen Gewaltexzessen üppiger und enger verschlungen als in Europa. So gehen in Quetzaltenango im guatemaltekischen Hochland die Viertel der Lebenden und der Toten trotz trennender Mauern auf magische Weise ineinander über. Vom zentral gelegenen Cementerio General ergeben sich die faszinierendsten innerstädtischen Ausblicke, einige Friedhofsfluchten scheinen in Wohnstraßen zu münden, deren Häuser exakt die Farbigkeit der Grabmäler besitzen. Die umgebenden Vulkane wirken als wurzelten sie, wo die Toten wohnen, und wulsteten sich von dort empor, verstärkt wird dieser Eindruck durch einen auffälligen Ceibabaum, der in der Maya-Mythologie der germanischen Esche Yggdrasil entspricht, indem er als Weltachse Himmel, Erde und Unterwelt verknüpft. Zwei Pyramiden ähneln in Größe und Material frappant dem Wahrzeichen meiner Heimatstadt, der Karlsruher Pyramide auf dem Marktplatz, nur daß sie eleganter gearbeitet und von Marmorsfingen bewacht sind. In Nähe des Haupteingangs befindet sich die blumenbedeckte und mit Wünschen bekritzelte Skulptur der vor hundert Jahren verstorbenen Zigeunerin Vanushka, ein Pilgerort für Menschen, die an unglücklicher Liebe leiden. Während vor der Friedhofsmauer Schnapsleichen zucken, räuchern innerhalb Hinterbliebene mit Maisblattfeuern und geflüsterten Sprüchen die Seele eines Verstorbenen nach. Zu zweit und in Kleingruppen promenieren gelöste Menschen über die Hauptachse, um in Urnengassen und Hügelwellen zu verschwinden und an anderer Stelle wieder aufzutauchen. Ganz allein unter fremden Toten fühle ich mich plötzlich frei: überwältigt von einer Ahnung, dieser von potenten, freundlich dreinschauenden Bergen bewachte farbenfrohe Friedhof diene als Übergangsort, an dem die Verstorbenen, für kurze Zeit nur, in ihren Gruften geheimnisvolle Formeln studieren, um sich auf ein neues unbekanntes Leben vorzubereiten.

Geschnitzte und bemalte Totenheinis am Verkaufsstand einer Maya-Kooperative in Guatemala

Geschnitzte und bemalte Totenfiguren am Verkaufsstand einer Maya-Kooperative in Guatemala

Am Ende des Goldenen Horns liegt, am eindrücklichsten mit dem Vapur, der Dampfschifffähre, zu erreichen, der Istanbuler Stadtteil Eyüp. Benannt nach Abu Aiyub al-Ansari, einem Gefährten Mohammeds, dessen Grab sich in der Eyüp-Sultan-Moschee befinden soll, gilt der muslimisch geprägte Stadtteil als bedeutende Pilgerstätte. Vom Wasser fällt der Blick über Eyüp auf den Pierre Loti-Hügel. In diesem Blickwinkel die prägendste Erscheinung bietet der Friedhof, ein von Baumgruppen durchsetztes Gräberfeld, fast wie ein Steinbruch, mit geometrischen Mustern, die archaischen Strukturen aus Beton beziehungsweise einer eingefrorenen Computerspielkulisse in Grautönen gleichen. Über den Friedhof hinweg pendelt seit 2005 eine modern designte, touristische Seilbahn. Sie bedient die Aussichtsterrassen, Cafés und Teegärten auf dem Gipfelplateau mit seinen aufgereihten Münzfernrohren. Unablässig strömen Paare und Gruppen den Hügel hinauf, die Situation erinnert an den Drachenfels, nur daß in Eyüp statt einer Burgruine Grabsteine die Aufmerksamkeit auf sich ziehen. Vom Gipfel fällt der Blick anstatt über den Rhein über die autark wirkende Gräberstadt und die Bosporusausbuchtung auf die Rückseite des abendländischsten Teils Istanbuls: das pulsierende Beyoğlu, bekrönt von Levents Hochhäusern. Bei näherem Betrachten, der Hügel läßt sich leicht auch zu Fuß erschließen, erweist sich der Friedhof als Gräberdschungel, für dessen Betreten Querfeldein- und Kletterfähigkeiten von Vorteil sind: die Pfade zwischen den Gräbern sind extrem schmal, steil oder inexistent. Erkundungen anzustellen, ohne auf einzelne Gräber zu treten: ein Ding der Unmöglichkeit. Auf den Grabsteinen entdecke ich Koranverse in arabischer Schrift und Gedichte in türkischer Sprache. Die trauerschwere weißgraue Marmorwildnis hin und wieder gelockert vom Farbtupfer einer Blumenblüte. So gut wie niemand betritt den eigentlichen Friedhof, die Touristen bleiben hinter der niedrigen Mauer zurück und blicken auf das Gräberfeld wie auf eine beliebige Sehenswürdigkeit. Ein geflügeltes Wort behauptet, die zahlreichen streunenden Katzen Istanbuls mieden von allen Orten die Friedhöfe. In Eyüp gilt dies höchstens solange, bis jemand seine Essenreste über die Mauerbegrenzung kippt. Bis vor hundert Jahren sollen viele Istanbuler Friedhöfe wie heute wohl nur noch der von Eyüp wilde urbane Flecken zwischen den Wohnsiedlungen gewesen sein, abenteuerliche Gelände, in denen Geier und furchterregende Gestalten sich herumtrieben, gefährliche Orte, von denen die Katzen wußten, weshalb sie ihnen fernblieben, überkommene Orte, an denen der Tod aktiv am Leben teilnahm.

Nicht zuletzt dank der Berühmtheiten, die auf ihm bestattet wurden, ist der Père-Lachaise einer der bekanntesten Friedhöfe der Welt. In einer langen Reihe von Friedhofsbesuchen war er der erste, den ich unter touristischen Aspekten aufsuchte. Zuvor hatte einer meiner Brüder mir von seinem Paris-Besuch erzählt, bei dem er sich, weil er die französischen Anweisungen des Wächters nicht verstand, bei Dunkelheit auf dem Père-Lachaise-Gelände eingeschlossen fand. Also überkletterte er die Friedhofsmauer, an einer Stelle, die im Jenseits urbanes Licht versprach – und landete mitten auf der Bühne einer grell ausgeleuchteten Filmhandlung mit leichtbekleideten Schauspielerinnen und einem tobenden Regisseur, dem der unverhoffte Eindringling die Szene versaut hatte. In meiner Erinnerung besteht der Père-Lachaise aus Kapellengräbern, einem rapiden Kältesturz um mindestens zehn Grad Celsius und der bibbernden Suche nach der letzten Ruhestätte Jim Morrisons, die mir gleichgültig war, meinem Freund Klaus, der mich begleitete, jedoch eminent wichtig, sodaß wir uns von den imposanten Grabmonumenten etwa Oscar Wildes ab- und einer im Umherirren geführten Debatte zuwandten, die, dem Umstand geschuldet, daß zum Zwecke angemessener Morrisonapproximation eingenommene Lysergsäure unsere Gedankengänge stimulierte, rasch an Abgründen gewann. Während Klaus nach Kreidepfeilen spähte, die das versteckt liegende Morrison-Grab anzeigen sollten, stellte ich Berechnungen an wie unsere Überlebenschancen stünden, sollte der begonnene Kältesturz sich fortsetzen. Daß wir in Bewegung waren, war in dieser Hinsicht günstig, nur müßte es mir gelingen, den Freund davon zu überzeugen, daß uns Nachgeborene mit diesem Morrison weit weniger verband als gemeinhin behauptet. Die Zeit begann sich zu dehnen und zurückzuschnalzen wie ein Expander. Die Friedhofshügel wandelten sich in schwarze Gletscher. Unser Streunen glich zunehmend dem Moonwalk Michael Jacksons: kaum war uns mehr bewußt, in welche Richtung wir uns bewegten. Unsere Fußstapfen pflügten den Boden und hinterließen tiefe Krater. Aus meiner Gegenwart entwich in frostigen Atemzügen der Sinn. Da plötzlich grinste Klaus mir triumfierend ins Gesicht. Wenige Meter entfernt lag, umstanden von kargem Gesträuch und einer handvoll langhaariger Silhouetten, wie nach einem Filmschnitt, das Morrisongrab! Eine junge Frau im Poncho schüttete den Inhalt einer Flasche Rotwein auf den Boden. Aus dem Gebüsch löste sich ein weinender Mann und trat direkt auf Klaus zu: „Du, hasch vielleicht emol e Dembodascheduuch?“ Im selben Augenblick spürte ich die Kräfte des Rock’n’Roll mich mit aller Macht von diesem Ort abstoßen. Auch Klaus hatte genug gesehen. Wortlos blickten wir uns an und machten auf dem Absatz kehrt, um uns den Lichtern von Paris zuzuwenden.

Tree of Messages

Tree of Messages_ZMF_Deniz PasaogluAuf dem Gelände des Zelt-Musik-Festivals Freiburg (ZMF) hat die in verschiedenen darstellenden Sparten tätige Künstlerin Deniz Pasaoglu ihren Tree of Messages errichtet, der vom 01. bis 19. Juli besichtigt und genutzt werden kann. Deniz Pasaoglus Website gibt Auskunft über Sinn und Ursprung des Projekts, das auf ein einst im öffentlichen Raum gefundenes, privates Liebesgedicht rekurriert: „Die Idee besteht darin, einen „Baum“ (vorzugsweise eine Konstruktion aus Holz mit daran angebrachten vielen kleinen Nachrichten (z. B. Gedichte, Zitate)) an einem öffentlichen Ort aufzustellen. Jeder Passant darf sich seine eigene „Nachricht“ dort abholen und mitnehmen. Einfach so.“

Unter hunderten Gedichten hängt derzeit meine Istanbuler Park-Trilogie zum Durchlesen bzw Abpflücken an besagtem Baum, der auch als Anlaufstelle für Mitmach-Aktionen dient – ein Ort zugleich des Innehaltens, der Lyrik und der Kommunikation – der zudem „ununterbrochen“ besucht werde wie die eigens eingerichtete Facebook-Seite des farbenfrohen Gewächses vermeldet. (Bild: Deniz Pasaoglu)

Istanbul

ich schaue den Schatten der Möwen auf den
Dachplanen der Fährboote zu wie sie sich in
Störche verwandeln. dies ist also die Fremde

die Taubenfutterverkäuferin schlägt mit einem
Stock nach den Tauben. der Friedhof besitzt
eine Café-Terrasse mit bröckelnden Menschen

die Stadt ist eine Welle, die mich mitreißt
um mittags, inmitten fragender Blicke
der Straßenhunde, über mir zu zerfallen

unter meiner Haut steht graviert, daß ich
Ausländer bin: alleine schlendernd dringe
ich durch die Gassen vor auf mein Spiegelbild

Die Möwe

es waren Comics aus denen sie in
geschwungenen Linien in die Sfären
strömte, angetrieben von Brotresten
und Sardinen, Pendlerin zwischen
unseren Träumen und Müllhalden

nun kommt sie zu uns herab und
predigt von Sonnen, von Nächten
in denen sie als Keilschrift
durch richtungslose Himmel fiel

nun wacht sie auf dem Schornstein
gegenüber. enträtselt mit nervösen
Blicken die Vorgänge in der Stadt

Die endlose Stadt

ulla lenze_die endlose stadtAm Rande nicht allzu lang vergangener Debatten um den Sinn von Literaturförderung fiel u.a. der diffamierend gemeinte Begriff der Stipendiaten-Lyrik bzw -Prosa. An konkrete Beispiele (Buchtitel oder einzelne Texte) kann ich mich nicht erinnern, eine Definition blieb ausgespart. Was also wäre Stipendiatenliteratur? Solche, die von Stipendiaten (während eines Stipendiums) geschrieben wird? Solche, die über ihr Stipendiertsein reflektiert? Und schreibt ein Literat, der sich stipendieren läßt, schlechtere oder bessere Texte als er sie ohne Stipendium schreiben würde?

In ihrem Beitrag Rein in die rauen Winde in der Freitag vom 24. April 2015 über ein Symposium kapitalismuskritischer Autoren in Berlin frischt Katja Kullmann die Debatte auf, indem sie (wiederum unbelegt) behauptet, es fehle der hiesigen Stipendiatenliteratur an Wirklichkeitsbezug:

Es dürfte sinnvoll sein, der (halb)staatlichen Literaturförderung, der Stipendiumsökonomie den Rücken zu kehren. Sich den rauen Winden der „freien Marktwirtschaft“ auszusetzen, sich das Schreiben mit womöglich gänzlich ungeliebter Arbeit zu finanzieren, wie viele der größten Literaten des 20. Jahrhunderts es taten (von Kafka bis Fauser), würde Formfragen nach „Akzeleration und Intensität“ (Enno Stahl) vielleicht schnell beantworten. Literatur, die unter demselben Zeit- und Gelddruck entsteht, dem die meisten anderen Menschen unterliegen, läse sich womöglich heißer, schärfer, eindringlicher, gehetzter und angespannter, mithin viel gegenwärtiger als Werke, die aus der „Kulturproduktionsbürokratie“ (Jörg Fauser) gefüttert sind. Vor allem wäre diese Literatur eines: näher dran am Stoff.

Ein offenes Stück Stipendiatenliteratur hat diesen Februar Ulla Lenze mit Die endlose Stadt vorgelegt: einen Globalisierungsroman, der in Istanbul, Mumbai und Berlin (mit Abstechern nach Hannover) spielt, sich mit Umstrukturierung kapitalistischer Prägung, Kastenzugehörigkeiten, Macht- und Geschlechterrollen befaßt und auch die Bedingung seines Entstehens literarisch thematisiert. Mithilfe von Stipendien hat Ulla Lenze viele Monate in erstgenannten Städten verbracht, im Roman tut es ihr Protagonistin Holle Schulz, eine junge Fotografin, deren Name lautlich auf den seiner Schöpferin verweist, nach.

Das Buch beginnt mit Szenen, die zahlreichen Istanbul-Stipendiaten bestens bekannt vorkommen dürften: dem Abklappern der üblichen, touristisch frequentierten Eckpunkte, um ein Gefühl für Topografie und Rhythmen der Stadt zu gewinnen: Topkapı-Palast, Bosporusfähren, der Pierre Loti-Blick auf die Stadt vom Friedhofshügel im heiligen Eyüp. Das übliche Stehrummännchenspiel beim Botschaftsempfang für stipendierte Neuankömmlinge wird im Buch getoppt durch Holles Zugehörigkeit zur und spontane, jedoch unspektakuläre Flucht aus der Künstler-Entourage des deutschen Außenministers. Das Buch beginnt genau so wie ich mir „Stipendiatenliteratur“ aus dem Blickwinkel generalisierender Kritiker vorstelle: privatistisch, Klischees heranziehend, ein wenig lahm.

Ein Eindruck, der trügt und bereits nach wenigen Seiten verfliegen wird. Protagonistin Holle, die mit ihrem ständigen Beleidigtsein und unvorhersehbaren Wutausbrüchen zunächst vor allem als empfindliche und nervige Gestalt erscheint, erweist sich im Handlungsverlauf genau wie der Plot selbst als immer reflektierter und differenzierter. Die kleinen und größeren Kämpfe, die Holle ständig anzettelt, gegen sich und andere, ihr ganzes aufbrausendes Verhalten ergeben sich aus der mit ihrem Künstlertum einhergehenden Armut und vielleicht einer unerwähnt bleibenden Dunkelheit, die mit den klassischen Geschlechterrollen zusammenhängen könnte: Grundbedingungen, die sie zwar analysieren und in ihrer Kunst (bzw mithilfe energetischer Selbstbewußtseinsschübe) kurzzeitig überwinden kann, auf die sie jedoch keinen konkreten Zugriff besitzt, weswegen sie langfristig die Oberhand behalten.

Die endlose Stadt entfaltet sich als ein an Strängen reiches Geflecht klassischer Erzählzutaten: wir finden die junge gebildete Deutsche im Liebesringen mit ihrem ungebildeten, unglaublich attraktiven türkischen Liebhaber, verfolgen den inneren Konflikt der freien Künstlerin gegenüber ihrem mal verführerisch, dann wieder dröge wirkenden Sammler/Mäzen, der zugleich ein großes Bauunternehmen repräsentiert, das die Gentrifizierung in Istanbul und Mumbai vorantreibt, wir blicken in die bizarren Höllenwelten der Mumbaier Slums, die sich teilweise auf den Dächern schicker Neubauten ausbreiten, wir lernen Holles Untermieterin kennen, die als Mumbai-Berichterstatterin mit moralischen Dilematta hadert und aufgrund vertrackter Fügungen des Plots Holles Identität annimmt, während Holle nach und nach in den Reizgasschwaden, mit denen die Istanbuler Polizei auf die Gezi-Proteste reagiert, vor die Hunde geht.

Drumherum und zwischendurch besticht die gewitzte Geschichte mit aktuellstem Zeitkolorit. Die in ihr aufgeworfenen politischen Fragen verformen sich teils im Abgleich der eigenen Maßgaben mit denen fremder Kulturen, mit denen das Leben als Kurzzeit-Expat konfrontiert. Bevölkert wird sie von einem übersichtlichen Personal, dessen Handlungen kaum vorhersehbar sind und das zum Schluß dem wahnsinnigen Weltwachstum einfach untergespült wird.

Ulla Lenze: Die endlose Stadt. Roman, Frankfurter Verlangsanstalt, Frankfurt 2015, Hardcover, 320 Seiten, 19.90 Euro, ISBN 978-3-627-00210-7

Nachtrag, 05. Juli 2016
In der FAZ beschreibt Ulla Lenze in einem lesenswerten Artikel ihre ambivalenten Erfahrungen während der Lesetournee mit Die endlose Stadt, die sie in zahlreiche Metropolen Nordafrikas, sowie des Nahen und Fernen Ostens geführt hat.

Gedichte für Reisende

gedichte für reisendeDiesen Monat erschienen ist die von Anton G. Leitner und Gabriele Trinckler bei dtv herausgegebene Anthologie Gedichte für Reisende in einer für Gedichtbücher beachtenswerten Startauflage von 10.000 Exemplaren. Angepriesen wird die Sammlung als „Poesie fürs Handgepäck“, tatsächlich eignet sie sich bestens als Weglektüre:

„Ob zu Lande, zu Wasser oder in der Luft – in dieser heiter-amüsanten Anthologie dreht sich alles ums Reisen. Doch hier kommen nicht nur die klassischen Dichter zu Wort, sondern auch viele zeitgenössische Poeten. Sie erzählen vom Unterwegssein, von Aufbruch und Ankommen, unwiederbringlichen Eindrücken und auch von unliebsamen Überraschungen. Weltenbummler, Fernweh-Leidende und sogar Reisemuffel werden sich an diesem originellen Geschenkbuch erfreuen.“ (Verlagsinfo)

Auf der Autorenliste finden sich unter den toten Reisedichtern Goethe und Eichendorff, Fontane, Storm, Rilke, Busch, Nietzsche, Ringelnatz, Tucholsky, Kästner, Kaléko, Bachmann und Brinkmann, unter den lebenden Günter Kunert, Beat Brechbühl, Babette Werth, Walle Sayer, Helmut Krausser, Tanja Dückers, Hellmuth Opitz und viele andere mehr. Von mir ist ein Flaneurgedicht mit dem Titel Istanbul dabei, das Spuren von Café-Terrassen, Friedhöfen, um sich schlagenden Taubenfutterverkäuferinnen und verzerrten Möwenschatten auf dem Bosporus enthält.

Gedichte für Reisende, dtv, München 2015, 144 Seiten, 11,5 x 17 cm, Taschenbuch, 8.90 Euro, ISBN 978-3-423-14393-6

Mein wilder Kampf gegen die Angst

mein wilder kampf gegen die angst
Ab heute erhältlich ist die Lyrik-Anthologie Mein wilder Kampf gegen die Angst. Aus dem Geleitwort des elifverlags:

„diese ersten ängste! wie gut ich mich erinnern kann. ich spürte, ich musste kämpfen, doch ich wusste nicht, gegen wen und für was. also erhob ich meine stimme in den leeren raum. ich feilte an jedem wort, schliff es und fügte ihm meine inneren brüche hinzu, denn sie sollten darüber stolpern. über meine glatt geschliffenen worte. jedes einzelne jonglierte ich an seinen platz. diese vielen ängste, die nicht aufhören wollten. auf jedem platz, den ich fand, kamen sie wieder. und so schrieb ich weiter. schrieb mich hinein in diese innere dunkelkammer. und ahnte: diese ängste werde ich wohl immer in der hosentasche tragen. auf dem papier begann mein wilder kampf gegen die angst.“

Das Coverfoto von Ümit Kuzoluk zeigt eine Straßenszene in Tarlabaşı, einem bunten Armeleuteviertel im Zentrum Istanbuls, an dessen Rand ich Ende 2013 gelebt habe. Im Zuge der Umverteilung waren da bereits ganze Straßenzüge abgerissen und hinter Bauzäunen mit Entwürfen schicker Neubauten verschwunden. Für den Band habe ich drei Gedichte mit Istanbuler Szenen beigesteuert: aus dem Gülhane-Park, dem Maçka-Park und dem Gezi-Park.

Die AutorInnen: Murat Akbaba, Fouad El-Auwad, Andrea Bader, Rolf Birkholz, Safiye Can, Monika Carbe, Christoph Danne, Dominik Dombrowski, Özlem Özgül Dündar, Dietmar Engelberth, Matthias Engels, Lütfiye Güzel, Manfred H. Freude, Anke Glasmacher, Dieter Hans, Bettina Hesse, Sandra Hlawatsch, Birgit Honikel, Klára Hůrková, Gültekin Kaan, Andrea Karimé, Heike Kreitschmann, Arndt Kremer, Angela Kreuz, Thomas Kunst, Stan Lafleur, Monika Littau, Danyal Nacarlı, Hella Neukötter, Schirin Nouwrousian, Bijan Nowrousian, Marlene Olbrich, José Oliver, Wolfgang Rödig, Amir Shaheen, Mohammad Ali Shakibaei, Giulano Spagnolo, Marita Tank, Alexander Weinstock und Friedel Weise-Ney.

Mein wilder Kampf gegen die Angst, elifverlag, Nettetal 2015, 92 Seiten, 17 x 24 cm, Broschur, 14,95 Euro, ISBN 978-3-9816147-4-9

Nachtrag, 04. April 2015
Erste Rezensionen:
1) Ende März hat Michael Starcke den Band entlang zahlreicher Zitate auf dem Portal Lyrikwelt empfohlen: „In seinem Gedicht „Gezi-Park“ muss Stan Lafleur feststellen: „Auf der Parkbank mein Gedicht / bestand aus lauter ausradierten Buchstaben“.“
2) Für Fixpoetry bespricht Gerrit Wustmann den Band unter dem Titel Die Angst bekämpfen mit Gedichten: „Der Kölner Stan Lafleur liefert eine Istanbuler Park-Trilogie: Im Gülhane-, Macka- und Gezi-Park fühlt er den Stimmungen in der zunehmend von sozialen Unruhen und Polizeigewalt erschütterten Stadt nach, und von der grünen Schönheit der Parks bleibt oberflächlich nicht viel übrig. Es sind Verlorene, die durch sie streunen, Hunde und Menschen, irgendwo zieht wieder Tränengas herauf, und „Auf der Parkbank mein Gedicht / bestand aus lauter ausradierten Buchstaben“.“