deine meine seine heine

Entlang von Deutschland. Ein Wintermärchen und Heinrich Heines Pariser Exil orientiert sich der jüngste Kurzfilm deine meine seine heine von Roland Bergère. Er besteht in einer schrillen Meditation über Identität und die exilbedingte Gespaltenheit vor der Wendung äußerer wie innerer Verhältnisse.

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Die Hosen der Franzosen (Drehbuchskizze)

Die Szenen switchen zwischen dem Rhein, der gusseisernen Haustür von Heines Wohnung in der Rue du Faubourg Poissonière 72 und traumartigen Gefilden. Bilder und Ton variieren über Heinezeilen. So verlesen Off-Stimmen Heine-Zitate, wobei die deutschen Gedichte von genuinen Französischsprechern und die französischen Zitate von deutschen Muttersprachlern (1) mit einer Holprigkeit vorgetragen werden, die streckenweise an Mischsprachen (2) denken lässt und die Worte bis zur Unverständlichkeit verstammelt. Umkehr, Verfremdung, Symbolik sind die Säulen des Films: ein schreiendes, kriegerisches, mit dem Tod liiertes, in seiner Freizeit Schmetterlingsbroschen tragendes Quietscheentchen versteckt sich in oder rast durch die meisten Szenen, ein veritables Horrormotiv. Wölfe streifen durch Wildgehege. Eine Apfelsine wird auseinandergenommen, während die Sanduhr läuft. Das Leben steuert unaufhaltsam auf seinen Verfall in der Matratzengruft zu. „Die weißen Höschen der lieben kleinen Französchen“ bestehen im Film aus Hemden, während die Hosen als Hemden getragen werden. Hinter der Absurdität lauern schwarzer Humor und essentielle Bitterstoffe. Wiederkehrende Fisch-Szenen rekurrieren auf das Zitat: „Fragt Sie jemand, wie ich mich hier befinde, so sagen Sie: Wie ein Fisch im Wasser, oder vielmehr sagen Sie den Leuten, dass, wenn im Meere ein Fisch den anderen nach seinem Befinden fragt, so antworte dieser: Ich befinde mich wie Heine in Paris.“ Bei den Fischen handelt es sich um Piranhas.

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Filmstill mit gepeinigter Ente und Sanduhr

deine meine seine heine – Ein Film von Roland Bergère (D/F, 2017, 10:47 Minuten)

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(1) Eine dieser Off-Stimmen habe ich vergangenen Herbst am Rande eines gemeinsamen Essens mit dem Regisseur eingesprochen. Im Film ist die Passage mit massivem Hall unterlegt. Häufig habe ich geäußert, dass ich Heine als meinen literarischen Großvater betrachte. Bergères Film ist nun das erste Werk, in dem ich Heine eine direkte, wenngleich winzige Referenz erweisen durfte.
(2) Französisch ausgesprochenes Deutsch kann türkisch klingen!

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Neulich, in der Kölner Literaturszene (6)

Vor dem Solution Space am Brüsseler Platz fand am Pfingstsamstag im Rahmen von le bloc, den Mode- und Designtagen des Belgischen Viertels, bei diesjähriger Rekordhitze die Präsentation der neuen Ausgabe des Kölner Lifestyle-Magazins null22eins statt – mit Lyrik-Lesungen! Die DichterInnen lasen mikrofonverstärkt unter einem mobilen Baldachin, das Publikum rückte an die dünn beschatteten Böschungsränder von St. Michael, der kampferprobten Sonne wegen zum einen, zum anderen um das Pflaster zwischen Bühne und Auditorium für Passanten freizuhalten. Özlem Özgül Dündar aus Solingen begann. Ihr Vortrag: zurückhaltend, klar, monoton. Die Texte handelten vornehmlich von Berührungen. Die Nachmittagshitze belferte matt. Als Özlem Dündar das „fahrende wasser zw den zellen“ zu Gehör brachte: „da spielt sich mein geist ab“, entrann in erstaunlicher Kongruenz zum Wortgeschehen ein erster Schweißfaden mir der rechten, kurz darauf ein weiterer der linken Schläfe. Und weiter: aus Özlems Gedichten tönte es just von Haut und Küssen, als drei greise Damen in gepunkteten Sommerkleidern sich in Slowmotion beeindruckend kontinuierlich gemeinsam die Bühne entlang zwischen Autorin und Publikum hindurcharbeiteten, ohne die öffentlichen Geschehnisse eines Blickes zu würdigen. Dafür schaute ich mich um: in unmittelbarer Nähe transpirierten zahlreiche DichterInnen aus Köln und dem rheinischen Umland. Einer davon: Christoph Danne, der kurz darauf die Bühne betrat. das halten der asche heißt sein aktueller Gedichtband, den ich an dieser Stelle empfehlen möchte, kürzlich erschienen in der parasitenpresse: knappe Skizzen des Vertrauten, die wie von Geisterhand ins Offene oder das in den Hanglagen unserer Erinnerungen hausende Verwunschene driften, moderner Alltag hinter rissigem Klarlack. Als Christoph Danne endete, war eine knappe halbe Stunde Literatur vergangen und die allgemeine Aufnahmefähigkeit hitzegesättigt. Gemeinsam mit den Kollegen Kasnitz, Wenzel und Wustmann suchte ich ergo und erfolgreich die brav unter ihren Parkbäumen sich dahinfläzenden Schatten des Biergartens am Rathenauplatz, und unsere unter direktem Sonneneinfluß noch eher vereinzelten Tierlauten ähnelnden Gespräche gewannen allmählich an Eloquenz, umso mehr, als sie sich von der lokalen (traditionell als lähmend erachteten) der internationalen Situation der Lyrik zuwandten.

Daß der Profet in seiner Heimat nichts gilt, steht bei Markus 6, 1-6 nachzulesen. Daß es dem deutschen Dichterlein zu Lebzeiten oft ähnlich ergeht, darüber hält sich die Bibel aus historischen Gründen bedeckt. Les Murray erzählte dem Bayerischen Rundfunk in einem Interview in deutscher Sprache, daß er in Australien kaum wahrgenommen würde, in Europa hingegen durchaus. Auf die Frage, welchen anderen Dichter er gut fände, benennt Murray im selben Interview zu meiner großen Freude als ersten Heinrich Heine, der sich als Dichter u.a. auch profetisch betätigt hatte. Noch vor Pfingsten war Murray zu einem Auftritt, der nicht weiter öffentlich angekündigt wurde (worüber ich bis heute unglücklich bin), in der Buchhandlung Bittner in Köln gewesen. Das Publikum soll vornehmlich aus „älteren Herren“ bestanden haben, zur Lesung selber war kaum mehr zu erfahren als daß sie recht vernuschelt gewesen sei und das australische Englisch Murrays schwer zu verfolgen, was wiederum an profetische Vorgehensweisen gemahnt.

Lebhaft wurde unser Schattengespräch bei der Status quo-Aufnahme institutioneller Literaturförderungssysteme in diversen Nachbarländern, mit speziellem Fokus auf Frankreich und die Benelux-Staaten. So beinhalten hierzulande übliche Stipendien zumeist Bedingungen und Dotationen, die den geförderten AutorInnen vornehmlich studentische Bedürfnisse zuzugestehen scheinen. Wenige lobenswerte Ausnahmen bestätigen die traurige Regel. Eine Revolution zu starten, diese Verhältnisse zu bessern, saßen wir jedoch am falschen Ort, in Köln nämlich, mit seinem rheinisch-fatalen Luftgemisch aus Importgedanken wie dem mediterranen Mañana-Kult und orientalischem Kismet, vor allem aber heimischer Generalabsolution. Immerhin, schon bald werden wir wieder beisammen sitzen, in der badisch-revolutionären Kühle des Schwarzwalds dann, beim Hausacher LeseLenz, zu dem sich Mitte Juli erhebliche Teile (nicht nur) der rheinischen Lyrikszene an der Kinzig einfinden werden.

Gedichtverfilmung von Seruni Bodjawati


Ab sofort auf Youtube zu finden ist die erste Verfilmung eines Gedichts aus Das Lachen der Hühner. Die in Yogyakarta lebende Malerin und Videokünstlerin Seruni Bodjawati hat taufrisch Am Rheindamm, als Variante einer zeitgenössischen liechtensteinischen Loreley, mittels Wayang, dem traditionellen javanischen Puppen- bzw. Schattentheater, zu Gamelanmusik als Kunstvideo umgesetzt: kontinental getrennte Mythen geraten gemeinsam in die große elektronische Strömung, unvermittelt entfaltet sich der Alpenrhein auf Java und greift von dort bis nach Bali, die Insel, deren Musik vor weit über tausend Jahren aus einem Getöse im Himmel entstand, die ursprünglich mittelrheinische Loreley (auch in Indonesien wird Heine gelesen) trägt schwarzes Haar und asiatische Gesichtszüge, geisterhafte Puppen aus Tierleder, Büffelhorn und Papier kommunizieren über dem Text, der von Rheinkieseln getaktet wird, ein mörderischer Fisch tritt auf den Plan, das Wasser sprudelt rot, die Sonne sinkt darnieder und gibt die Szenerie frei für dralle beunruhigende Fischfrauen aus den Gemälden von Wara Anindyah, Serunis Mutter.

In ihren Videoarbeiten nimmt sich Seruni Bodjawati häufig internationale Kunstgrößen (von Leonardo da Vinci bis Yayoi Kusama) vor und kombiniert deren Werke und Einflüsse mit dem in Yogyakarta beheimateten Wayang und Bildern von Wara Anindyah. Auch die Puppen spielt sie gemeinsam mit ihrer Mutter. Häufig enthalten die Filme surreale Momente, Seruni tritt selbst in verschiedenen Rollen auf, immer stumm, doch als fester Bestandteil des Geschehens.

Die Gedichtverfilmung entstand, nachdem ich im Rahmen der Spiralkanäle, einem Vernetzungsprojekt des kroatisch-liechtensteinischen Künstlers und Autors Vlado Franjević, auf Serunis Videos aufmerksam geworden war.

Nachtrag, 04. Mai 2014
Serunis Video wird, kaum ist es erschienen, im Netz fleißig geteilt, u.a. auf den englischsprachigen Blogs mythologycurator und spokenwordpoetry.