MINI WELT bei Livres

An der Lyrischen Litfaßsäule, dem Gedichtbänden vorbehaltenen Part von Livres, dem Büchermagazin des luxemburgischen Tageblatts, bespricht Guy Helminger für die Sommerausgabe meinen jüngsten Auswahlband MINI WELT:

„Wussten Sie, dass das Meer der Feind der Dichtung ist, dass Möwen Pendlerinnen sind zwischen unseren Wünschen und Müllhalden? Wenn nicht, sollten Sie Stan Lafleur lesen, der seit langem zu den Großen der deutschsprachigen Lyrikszene zählt. Der Band MINI WELT (…) gewährt einen kleinen Einblick in Lafleurs momentanes Schaffen, sind die Gedichte doch unterschiedlichen unveröffentlichten Manuskripten entnommen. Während das Kapitel „Möwen von Jetzt“ Texte präsentiert, die alle zusammengehören, entlang einer feinen, bildlich ausgefeilten Linie operieren, und dabei über den vergehenden Moment in die Ewigkeit von Zeit verweisen, Erdgebundenheit hinter sich lassend bei der Erkundung des Alls, positioniert sich der Abschnitt „Wahrscheinlich schon in Bickendorf“ nicht nur in Lafleurs Wahlheimat Köln, sondern in der Spoken-Word-Akustik. Auch hier kennt der Dichter sich aus, gibt dem Deskriptiven den Vortritt, paart die Bilder mit Binnenreim und sich angleichenden Sounds. Beides hat Witz und ist von einem einnehmenden ästhetischen Gestaltungsprinzip durchzogen. Gutes Buch. (…)“

Neulich, in der Kölner Literaturszene (9)

Der monatlich im Theater „die wohngemeinschaft“ stattfindende Literaturklub hat sich zu einer Konstante unter den Kölner Lesebühnen gemausert. Mit Guy Helmingers und Navid Kermanis Literarischem Salon, der auf international bekannte Stimmen spezialisiert ist, der von Christoph Danne betriebenen Lyrikreihe hellopoetry! und der auf junge Autoren ausgerichteten Cafélesung Land in Sicht, die von einem fünfköpfigen Team betreut wird, zählt der Literaturklub zu den interessantesten Kölner Literaturveranstaltungen. Ihr Betreiber Adrian Kasnitz setzt auf frische, bisweilen borstige Stimmen: gute bis hochqualitative literarische Alternativen zum Angebot, das den Markt und somit die bekannteren Feuilletons beherrscht. Das hat sich herumgesprochen: der anfänglich schwankende Publikumszuspruch ist passé, die Literaturklub-Abende sind mittlerweile regelmäßig gut besucht.

Der aktuelle Märztermin stand, recht allgemein gehalten, im Zeichen „neuer Texte“. Neben Gastgeber und Kurator Adrian Kasnitz, der gelegentlich die Moderatorenrolle verläßt und eigene Texte vorstellt, lasen diesmal Miriam Zeh und Joachim Geil.

Kasnitz begann mit Ausschnitten aus dem jüngst in der hauseigenen parasitenpresse erschienenen Band 2 (Februar) seines „auf sechs bis zehn Jahre“ angelegten Langzeitprojekts Kalendarium, das für jeden Kalendermonat einen Band mit je einem Gedicht pro Kalendertag vorsieht. Die von Alltagssituationen und Polaroids ausgehenden Februartexte ankern, saisongemäß, zumeist in Beschreibungen winterlicher Heimeligkeit, die, mithilfe antiidyllischer Spiegelungen und diverser „Techniken gegen die Jahreszeit“ gebrochen und aufgeschüttelt vom morbiden Charme der Bourgeoisie, sich zu Schneekugellandschaften runden, die seltsam wirklich erscheinen. Der Alltag kippt in von Falltüren und Melancholie durchsetzte Minidramen: so entwirrt sich aus dem Kabelsalat einer Homerecording-Session ein fatalistischer Strick als offene Exit-Variante. Kasnitz‘ tonlos gehaltenem Vortrag fehlten auf der Bühne lediglich Kaminfeuer und Schwarzweißfilter, seine Februargedichte in die perfekte Vortragsumgebung zu rücken.

Miriam Zeh eröffnete auf Kasnitz‘ Eingangsfragen mit verdruckst vorgebrachten Anekdoten zu ihrer Teilnahme an der Schreibwerkstatt an der Kölner Universität: so habe sie Werkstättenleiter Marcel Beyer „beinahe mit einer Zigarette den Mantel angezündet“ und wisse nicht recht wie sie den Eindruck vermeiden könne, Kurs und Kursleiter hätten anstatt über Literatur sich auszutauschen nur Bier getrunken. Verhaltenes Gelächter. Es folgte eine gedehnte Kurzgeschichte aus dem Jugendorchestermilieu: glasklare Sätze, punktgenau über musikalisches Fachwissen komponiert, Daphnis und Chloe-Thema, Flöten- und Oboeproben verschaltet mit sexuellem Erwachen. Zehs rhythmisch geschulter, beeindruckender Vortrag kaschierte inhaltliche Längen, die langsam und technizistisch aufgebaute Lolita-Erotik zwischen der zunächst fünfzehnjährigen, später im Studentenalter befindlichen Holzbläserin und ihren kugelbäuchigen Lehrern im fortgeschrittenen Mannsalter mündet, überraschend harsch und trashig, in einen katastrofalen Liebesspaziergang am apokalyptisch vermüllten Rheinufer, „der perfekten Gegend, um sich zu erschießen“. Eine zweite Lolita-Geschichte, diesmal im Ponyhofmilieu angesiedelt, mit Passagen „zum Kichern“ wie Zeh anmerkte, entschwand noch während des wiederum gekonnten Vortrags meinem Gedächtnis.

Als dritter Abendgast las Joachim Geil aus seinem im Herbst bei Steidl erscheinenden neuen Roman Ruhe auf der Flucht über ein mit überbordender Fantasie gesegnetes Mißbrauchsopfer auf Rachefeldzug. Den Ausschnitt hatte Geil eigens für die Veranstaltung umgeschrieben und von der nahen Zukunft in die Gegenwart des Jahres 2016 verfrachtet. Vor einem Supermarkt im Industriegebiet in den klandestinen Tiefen der Pfalz greifen ein Kind (der sich erinnernde Ich-Erzähler) und ein nach Genußmittelkonsum riechender Erwachsener zugleich nach einer Pepsibüchse („beide Hände wie Handschellen um die Dose gekrallt“), auf der eine Dorflotterie-Zahl angebracht steht: eine grandiose Auftaktszene, die an Italowestern gemahnte. Geil verfiel umgehend in wogenden Vortrag, der den wogenden, mit postmoderner Aforistik („Erst born to be wild, dann warst du Sachbearbeiterin“) und Ziffernversessenheit applizierten Erinnerungen seines Protagonisten entsprach: vor dem Publikum, welches plötzlich aus unerfindlichen Gründen schwarmartig per Smartfone durchs Netz surfte, entstand ein nie zuvor erblicktes pfälzisches Meer, in dem auf begeisternde Art Humor, Schrecken, amorfe Provinzschatten und gute Stücke Weltgeschichte einherschwappten: starker Text, starker Vortrag, Joachim Geils dritter Roman muß wohl mit Vorfreude erwartet werden.

Rhein-Meditation: Rezension im Luxemburger Tageblatt

Unter dem Titel Gottesbeweise in den Wasserstürzen ist in der Buchbeilage Livres des Tageblatts die dritte Rezension zur Rhein-Meditation erschienen, wiederum eine durchgehend positive. Guy Helminger listet Stationen meiner ausgiebigen Rheinerkundungen und befindet: „Wer so tief in die Fluten taucht, muss eins werden mit ihnen, zugleich aber Sprachrohr der Natur und eigenständiger Denker bleiben. Genau mit diesem Paradoxon beginnt der Autor sein Sinnen über Entstehung, Dasein und Ableben. Der Rhein selbst scheint zu sprechen, dann wieder der Autor als tausendjähriges Medium, schließlich das Denken, gekoppelt an den Schriftsteller Lafleur. Dabei bleiben die Gänge der spirituellen Praxis immer an die haptische Wahrnehmung gekoppelt, an das sinnliche Erlebnis.“ Über Mara schreibt Helminger, daß der Leser nicht genau entscheiden könne, ob es sich bei ihr um eine existente Person oder eine Projektion handle: „Mit den Bergen verwachsen und das Meer hassend, sorgt Mara für eine Begleitung voll Witz und bodenständiger Souveränität. Wenn es sie denn nicht gegeben haben sollte, mußte sie erfunden werden.“ Anschließend beschreibt der Rezensent die stilistische Mischung, die dem Text zugrunde liegt: „Für seine Verquickung von Andacht mit Witz, von lyrischer Stille und prosaischem Alltag, von meditativem Kerngeschäft und ironischer Begleitung hat Stan Lafleur eine Fülle an Bildern, Metaphern und Lyrismen gefunden, die seine Prosa in eine mäandernde Fließbewegung führen und so die Begradigung des Rheins aufheben so wie die damit zusammenhängende Gedankenlosigkeit. Diese wortgewaltige Kontemplation ist Verifizierung der Natur durch Poesie genauso wie das Gegenteil.“ Auch Sätze anderer Denker würden vom Autor angesichts der rheinischen Landschaften als Bestandteile des Textes und wahr bestätigt. Herausgekommen, resümiert Helminger, sei „eine großartige Meditation, die alles ist, Poesie, Kindheitserinnerung, Philosophie, Landschaftsbeschreibung genauso wie Liebeserklärung und Gottsuche.“