Wer geht denn je nach Guatemala? Kuriose und epochemachende Reiseberichte aus dem wilden Zentralamerika

John L. Stephens‘ Incidents of Travel in Central America, Chiapas and Yucatan erreichten Mitte des 19. Jahrhunderts in deutscher Übersetzung mit elf Auflagen in den ersten sechs Monaten erhebliche Beachtung. Der amerikanische Forscher, Diplomat und Reiseschriftsteller war ein knappes Jahr im Auftrag des Präsidenten der Vereinigten Staaten unterwegs gewesen, um die politischen Verhältnisse in der gerade zerfallenden Zentralamerikanischen Konföderation (1823-1840) auszuloten, zu der sich nach der Unabhängigkeit von Spanien Guatemala, Honduras, El Salvador, Nicaragua und Costa Rica als Staatenbund zusammengefunden hatten. Am Rande und inmitten chaotischer Kriegshandlungen bestieg Stephens brodelnde Vulkane, erlitt diverse Tropenfieber, notierte seine Begegnungen mit der indigenen Bevölkerung, suchte in den Städten oft vergeblich nach verbliebenen Regierungsvertretern und erforschte vom Dschungel verschluckte Mayastädte, von deren Existenz mehr Gerüchte als Wissen kursierten.

Nachdem unsre Gesellschaft sich durch die Ankunft einer vornehmen Familie aus Guatemala vermehrt hatte, zogen wir sammt und sonders zu dem Hahnenkampfe. Er fand statt in dem Hofe eines unbewohnten Hauses, der bereits mit Menschen überfüllt war, die, wie ich zur Ehre der Indianer und zur Schande der bessern Klassen bemerkte, sämmtlich Mestizen oder Weisse waren, und — mit steter Ausnahme von Carrera’s Soldaten — sah ich nie in meinem Leben einen Menschenschlag von hässlicherem oder mörderhafterem Aussehen. Längs den ganzen Mauern des Hofs standen Hähne an einem Beine angebunden und Leute liefen mit andern Hähnen unterm Arme umher, die sie, um Grösse und Gewicht zu vergleichen, auf die Erde setzten, brachten Wetten in Ordnung und suchten sich gegenseitig zu betrügen. Endlich begann ein Spiel. Die Damen unsrer Gesellschaft hatten Sitze im Corridor des Hauses und der Platz vor ihnen war frei. Die Hahnensporen waren mörderische Instrumente, mehr als zwei Zoll lang, dick und wie Nadeln spitz. Kaum waren die Hähne auf den Kampfplatz gelassen, als die Halsfedern aufschwollen und sie aufeinander losflogen. In weniger Zeit als man zu ihrem Bespornen gebraucht, lag einer todt da, mit heraushangender Zunge und mit dem Munde entströmendem Blute. Die Begierde und Leidenschaftlichkeit der Menge und ihr Lärmen und Toben, ihr Wetten, Fluchen, Zanken und Balgen boten ein trübes Bild der Menschennatur dar und zeugten von einem blutdürstigen Volke. Den Damen bin ich es schuldig zu sagen, dass sie in der Stadt niemals solchen Schauspielen beiwohnen. (…) Nachdem wir die widrige Scene verlassen, machten wir einen Gang in der Vorstadt umher, wo man von einem gewissen Punkte aus eine prachtvolle Aussicht über die Ebene und die Stadt Guatemala nebst den umliegenden Bergen geniesst, eine Aussicht, die Einen nicht begreifen lässt, wie es möglich ist, dass Menschen, die in mitten einer so grossartigen und herrlichen Natur aufwachsen, Geschmack an so gemeinen, niedrigen Dingen finden.

„So viel Schönheit / so viele Pumpguns“ endet mein Gedicht Postkärtchen aus Guatemala. Als ich es letztes Jahr verfasste, waren mir Stephens‘ Berichte noch unbekannt. Sie zeichnen, als fokussierter Ausschnitt, die seit Anbeginn rekordgespickte Gewaltkurve Zentralamerikas fort und bis in unsere Gegenwart vor; annähernd 1000 Buchseiten mäandert die literarische Reise als grob- und feinnervig schillerndes Dokument chaotischer Zustände voller Brutalität, Schönheit und Zerrüttung seitens Mensch und Natur – und darin mindestens ebenbürtig den heute deutlich berühmteren Darstellungen des Wilden Westens, der ein paar tausend Meilen weiter nördlich zur selben Zeit seine Kaktusblüten trieb. Stephens‘ um Neutralität bemühte, gelegentlich zu ausschweifende, plastische und häufig mit Witz gewürzte Beschreibungen erinnern u.a. an Szenen aus Werner Herzogs Amazonas-Spielfilme: schlammüberzogene Ankünfte in entlegenen Dörfern, allgegenwärtiger Fieberwahn, rustikale Vergnügungen in Kolonialstädten mit ihren unablässig von Krieg und Naturgewalten bedrohten zivilisatorischen Fassaden; den als mürrisch, phlegmatisch bzw. als aguardiente- und blutdürstiger Mob beschriebenen indigenen Einwohnern bleiben im Dschungel nur Jobs aus der kolonialistisch-klerikalen Klamottenkiste:

Der zunächst Aufbrechende war der Kanonikus. Er war vor zwanzig Jahren, bei seiner ersten Ankunft im Lande, über den Berg gekommen, aber seine Schrecken standen noch immer in lebhafter Erinnerung vor ihm. Er reiste auf dem Rücken eines Indianers ab, nämlich getragen in einer Silla oder einem Stuhle mit hoher Lehne und zum Schutze gegen die Sonne oben überdeckt. Drei andere Indianer folgten als Reserve-Träger, sowie ein edles Maulthier zur Abwechselung für den Fall, dass er des Stuhltragens überdrüssig würde. Obwohl der Indianer von der Last tief zur Erde gebeugt marschirte, war doch der Kanonikus guter Dinge, schmauchte behaglich seine Cigarre und winkte uns mit der Hand zu bis er uns aus dem Gesicht war.

Stephens trifft unterwegs auf bemerkenswerte Gestalten, Sitten, Naturfänomene und Ruinen. Guatemala und seine Erscheinungen („Jeder unsrer Tritte und Schritte in diesem Lande bot uns etwas Wildphantastisches und Neues, etwas, was unsre Phantasie ergriff“), aus denen hundert Jahre später Miguel Ángel Asturias in seiner Prosa den Magischen Realismus destillieren wird, macht seine Besucher wie selbstverständlich zu Abenteurern, in schwer überschaubaren Kriegsverläufen verwandelt sich der verblüffte Stephens in einen Agenten wider Willen, der mit den Generälen beider verfeindeter Parteien speist und parliert, kurz nachdem deren versprengte Truppen ihn willkürlich gefangen genommen und um ein Haar exekutiert hatten. Ob Karl May sich bei Stephens bediente, entzieht sich meiner Kenntnis, die Möglichkeit einer solchen Linie immerhin erscheint überdeutlich.

Der letzte Fremde, der im Hafen gewesen war, war ein allbekannter Amerikaner, Namens Handy, von dem ich zuerst am Kap der Guten Hoffnung, wo er Giraffen jagte, gehört hatte, dem ich später in Neuyork begegnet war und den ich hier verfehlt zu haben ausserordentlich bedauerte. Er war von den Vereinigten Staaten aus durch Tejas, Mejico und Centralamerika gereist, und zwar mit einem Elephanten und zwei Dromedaren als Anführern seines Zugs! Der Elephant war der erste in Centraiamerika je gesehene und ich hörte oft von ihm in den Pueblos unter dem Namen El Demonio (der Teufel) sprechen.

Eine eher beiläufig erwähnte Gefahr der Reise besteht im Fieber. An einer Stelle berichtet Stephens trocken, dass alle sieben seiner unmittelbaren Vorgänger in Zentralamerika am Fieber gestorben seien. (Er selber wird zwölf Jahre später an Malariafolgen, einem ungewollten Reisemitbringsel, sterben.) Von zeitgenössischen Repellentien (außer komplett bedeckender Kleidung) kein Wort. In seiner Ergebenheit in die Fiebersituation kommt Stephens, ohne es zu merken, der Ergebenheit der Mayavölker in den Willen der Natur vielleicht am nächsten.

Alle centralamerikanischen Häfen am stillen Meere sind ungesund, dieser aber galt geradezu als tödtlich. Ich war ohne Bangigkeit in Städte eingezogen, wo die Pest wüthete; hier aber herrschte am Ufer eine todtengleiche Stille, die erschreckend war. (…) Den Nachmittag brachte mich der Kapitän ans Ufer. Am ersten Hause sahen wir zwei Kerzen angezündet, um bei der Leiche eines Mannes zu brennen. Alle, die wir sahen, waren krank und Alle klagten, dass der Ort dem menschlichen Leben tödtlich wäre. Und er war in der That fast ganz verödet, und ungeachtet seiner Vortheile als Hafen erfolgte doch wenige Tage darnach von Seiten der Regierung der Befehl, ihn aufzugeben und nach dem ehemaligen Hafen von Punta Arenas zurückzuverlegen. (…)
Der Ort war ein elender Hüttenhaufen und arm an Lebensmitteln, wo die Leute lieber schmutziges Wasser, das vor ihren Hütten stand, tranken als dass sie sich die Mühe gaben, nach dem Flusse zu gehen.

Zu den Höhepunkten des Buches lassen sich auch viele weniger abenteuerliche Alltagsbeschreibungen zählen, z.B. über das Tortillabacken (wie ich es 180 Jahre später unverändert beobachtet habe und dessen elegant-monotone Geräusche sich mir tief eingeprägt haben) oder ein Kindsbegräbnis, das mit dem Zerstampfen des Leichnams endet, um auf dem Lehmgrund der Kirche Platz für kommende Tote zu schaffen. Landschaften wie der Atitlánsee, in der Maya-Mythologie Nabel der Welt und Verbindung zur Unterwelt, erfahren mit Kuriosa beschmückte Würdigungen. Wo er auf entsprechende Informationen trifft (Bücher sind auf der Route Raritäten, wer welche zu veräußern hat, kennt sie bereits auswendig), reichert Stephens seine Berichte mit geschichtlichen Exkursen an, die als Verbindungsglieder zwischen mythischem und modernem Wissen angesehen werden können.

Frühe am Morgen gingen wir abermals zum See. Es schwebte jetzt kein Dunst auf dem Wasser und die Scheitel der Vulkane waren wolkenfrei. (…) Wir verbrachten unsre Zeit mit Schiessen wilder Enten, konnten aber nur zwei Stück ans Ufer bekommen, die, wie wir später fanden, von köstlichem Geschmack waren. Nach Juarros‘ Nachrichten ist das Wasser dieses Sees so kalt, dass es schon nach wenigen Minuten die Glieder Aller, die in ihm baden, erstarren macht und anschwellt. Aber es sah so einladend aus, dass wir beschlossen es zu wagen, und siehe da, unsere Glieder erstarrten nicht und schwollen nicht an. Die Umwohner baden beständig darin, wie man uns sagte; und Herr Catherwood blieb, von seinem Schwimmgürtel getragen und ohne alle Körperbewegung, lange Zeit im Wasser und empfand nichts von einer ausserordentlichen Kälte. Bei der gänzlichen Unwissenheit, welche über die geographischen und geologischen Verhältnisse dieses Landes herrscht, kann es wohl sein, dass die Erzählung von der bodenlosen Tiefe des Sees und von dem Mangel jedes Abflusses ebenso unbegründet ist wie die von der Kälte seines Wassers.

Ein weitgehend und völlig zu Unrecht vergessenes bzw. übersehenes Monumentalwerk, das sich in die großen Reiseberichte der Literaturgeschichte reiht.

John L. Stephens, Eduard Höpfner: Reiseerlebnisse in Centralamerika, Chiapas und Yucatan, Leipzig 1854

Eine Neuausgabe der Höpfner-Übersetzung erschien im Herbst 2014 im Verlag der Pioniere.

In mehreren Formaten, darunter auch als E-Book, bietet Google Books das Werk zum kostenfreien Download (ohne Illustrationen).

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Jahrbuch der Lyrik

jahrbuch der lyrik 2017

„Seit 1979 gibt das »Jahrbuch der Lyrik« Einblick in neueste Entwicklungen der Poesie in Deutschland, Österreich und der Schweiz; ab diesem Jahr erscheint es jährlich bei Schöffling & Co. Für die 31. Ausgabe konnte Christoph Buchwald die vielfach ausgezeichnete Lyrikerin Ulrike Almut Sandig als Mitherausgeberin gewinnen. Gemeinsam haben sie die besten zeitgenössischen Gedichte ausgesucht und in thematischen Kapiteln zusammengestellt.
In welchem Maße ist die Gegenwartslyrik Echo und Spiegel unserer Zeit? Wie tief sitzt das Misstrauen gegen politische Ideologien und Rezepte? Offensichtlich ist: Die Sicht auf Geschichte und Gesellschaft ist nur mit subjektiver Herangehensweise glaubwürdig zu artikulieren, der persönliche Blick verweist auf das große Ganze.
Erstmals wurden auch Bildgedichte in die Auswahl aufgenommen; zusammen mit dem Kapitel »Dichter übersetzen Dichter« gehen diese über Sprach- und Genregrenzen hinaus.“
(Aus dem Verlagsinfo)

Rund 120 AutorInnen sind im Jahrbuch der Lyrik vertreten, die Stimmen reichen von der Newcomerin ohne eigenes Buch bis zur Nobelpreisträgerin. Mit Die Charaktere in Fernsehserien werden unmoralischer von Jahr zu Jahr und Zone 4, X-ter Nebenweg zur Allee der Reformen sind zwei meiner guatemaltekischen Gedichte enthalten.

Jahrbuch der Lyrik 2017, herausgegeben von Christoph Buchwald und Ulrike Almut Sandig, Schöffling & Co., Frankfurt/Main 2017
232 Seiten, gebunden und mit Lesebändchen, 22 Euro, ISBN: 978-3-89561-680-8

Nachtrag, 04. Mai 2017
Ein erster Vorbericht erschien bereits am 06. April auf dem Lyrikportal fixpoetry. Darin ist die Rede von über 5000 Einsendungen. Die ausgewählten Texte eigneten einen „beglückend hohen Risikofaktor“, konstatiert wird darüberhinaus das neuerliche Aufflackern politisch motivierter Dichtung.

Nachtrag, 08. Mai 2017
André Hatting bespricht das Buch am 06. Mai für den Deutschlandfunk: „Das aktuelle Jahrbuch der Lyrik ist ein Who is Who der neuen deutschsprachigen Poesie.“

Ixcanul

Guatemala ist im Zeitalter der Globalisierung für die meisten Europäer Terra incognita geblieben. Das gilt sowohl für das Land selbst, als auch für seine Literatur. Die Youtube-Recherche führt zu den üblichen Amateurvideos von Reisenden, kurzen touristischen Werbefilmen und einigen Dokumentationen über Elend und Gewalt. Letztere dominiert den Alltag als nationales Thema: in den Straßen gespiegelt auf Wandbildern, in Graffiti, auf Suchplakaten nach Verschwundenen und täglich neu formuliert in den Mantras der Schlagzeilen. Spielfilme aus Guatemala – oder solche, die das Land zum Gegenstand wählen – sind indes rar bzw. in Europa kaum verfügbar.

Den größten Bekanntheitsgrad dürften zwei Produktionen aus den Achtzigern erreicht haben. Zum einen El Norte (USA/GB 1983), ein Flüchtlingsdrama von Gregory Nava, das das traurige Schicksal eines jugendlichen Maya-Geschwisterpaars auf seinem Weg aus dem vom Bürgerkrieg gebeutelten Guatemala ins gelobte Kalifornien beschreibt. Zum anderen The Evil That Men Do (MEX/USA/GB 1984), ein typischer Selbstjustiz-Action Thriller mit Charles Bronson in der Rolle des Rächers. Das Star-Vehikel spielt allerdings nur laut Drehbuch in Guatemala, aufgenommen wurde es in Mexiko.

„Sie wollen’s nicht tun!“ Gleich werden die Schweine mit Rum gedopt

Mit Ixcanul Volcano von Jayro Bustamante (GUA/FRA 2015) hat erstmals ein guatemaltekischer Streifen interkontinentale Aufmerksamkeit erzielt. Das Drama zeigt Ausschnitte aus dem Leben einer abgeschieden am Vulkanhang lebenden Kleinbauernfamilie. Formal schlicht erzählt, verquickt der Film eine ganze Reihe Aspekte des armseligen Kaffeepflückerlebens zu einem kompakten, komplexen Ganzen. So ließe sich Ixcanul Volcano wahlweise als Frauenfilm, Adoleszenz- bzw. Gesellschaftsdrama oder als Dokumentation über das heutige Leben ländlicher Mayas betrachten. Entwickelt wurde er nach einer wahren Begebenheit, wie es heißt, von Regisseur Bustamante und den Akteuren in Teamarbeit – für die Laienschauspieler (herausragend María Telón und María Mercedes Coroy als Mutter und Tochter) war es der erste Spielfilm.

Maya-Zeremonie am Vulkanhang mit Dank an die Geister

Mutter Juana und Tochter María zerren vor der intensiven Landschaft des Pacaya, einem der aktivsten Vulkane der Welt, ein Schwein in den Koben und füllen das Tier mit reichlich Hochprozentigem ab, um es zur Paarung zu stimulieren, bevor es für ein Gastmahl zur Hochzeitsanbahnung geschlachtet wird. Die Familie, Vater, Mutter, Tochter, lebt in einer Bretterhütte von wenig mehr als nichts. Hinter dem mächtigen Vulkan, Lebensraum und scheinbar unüberwindliches Hindernis zugleich, liegt das Unbekannte. María soll mit dem verwitweten Vorarbeiter der Kaffeepflücker verheiratet werden, doch die junge Frau interessiert sich stärker für den gleichaltrigen Hilfsarbeiter Pepe, einen Heiopei, der sie im Gesträuch bedrängt und davon spricht, in das Land hinterm Vulkan, wo es Strom und fließend Wasser gibt und jeder englisch spricht, abzuhauen. Beim Abtritt hinter der Schnapsbude läßt María sich von Pepe entjungfern und wird umgehend schwanger. Der werdende Vater verdrückt sich zügig Richtung Mexiko und USA. Der Ehemann in spe hatte sich seine Braut weniger schwanger vorgestellt, die Abtreibung mit Maya-Hausmitteln schlägt fehl. Ohne das feste Einkommen des Bräutigams steht die Familie nun vor dem Abgrund, zumal die Felder mit einerseits heiligen, andererseits todbringenden Schlangen verseucht sind. Beim Versuch der Schlangenaustreibung (Schwangeren können die Tiere nichts anhaben, erinnert sich Juana an eine alte Maya-Weisheit) wird María prompt gebissen. Das Krankenhaus in der Stadt rettet ihr Leben, doch verliert sie ihr Kind. Den Leichnam zu sehen wird María verweigert. Als sie den Sarg öffnet, enthält er nur Steine. Das Kind wurde geraubt und verkauft. Damit ist das Problem für den Bräutigam aus der Welt. So blickt María schließlich doch in eine Zukunft hinter dem Vorhang des Brautschleiers.

Mutter und Tochter im Temazcal, dem medizinischen Schwitzbad

Vordergründig zu faszinieren vermögen an Ixcanul, was soviel wie „die nach außen drängende Kraft im Inneren des Berges“ bedeutet, Marías duldendes, die Kamera bezwingendes Gesicht, das Schönheit und Elend vereinende Chiaroscuro einer selten gezeigten Welt, befördert von der Tonspur, die statt auf musikalische Unterlegung auf knappe Dialoge und die Akustik der Schauplätze vertraut. Fernblick und Armutsexotik wecken beim europäischen Zuschauer Gefühle aus dem Sumpf seiner romantischen Vorbildung. Wie wunderbar stoisch die kleine Frau ihr Schicksal erträgt! Kein Wunder fallen da insbesondere die bürgerlichen Kritiken schwärmerisch aus.

María Mercedes Coroy als María

Über ihre tragische Handlungsabfolge hinaus weist die Geschichte auf das In-sich-Gefangensein einer als abgeschieden dargestellten Kultur, die tatsächlich die Hälfte der guatemaltekischen Bevölkerung stellt, von der herrschenden Klasse der Ladinos jedoch vernachlässigt, bestaunt und mißachtet, wenn nicht mißbraucht wird. María wirkt in diesem Kontext zuweilen wie der titelgebende Vulkan: magisch schön, sich selbst nicht verstehend, im Inneren brodelnd, letztlich unbesiegbar. Dieweil die Dialoge auf Kaqchikel, einer der 22 in Guatemala vorkommenden Maya-Sprachen, abgehalten werden, dienen sämtliche Tier- und Naturszenen des Films, darüberhinaus auch Orte wie das Schwitzbad oder ausgestellte Emotionen als Symbole der traditionellen Maya-Weltanschauung mit feststehenden Bedeutungen. Auf diese Weise verknüpft sich die Bildsprache zum spirituellen Grundmuster, welches die Erzählung neben einer dramatischen, ethno- und soziografischen auch zu einer religiösen macht.
In der indigenen Community wurde der Film teilweise kritisch aufgenommen: zu sehr bediene er sich des Ladino-Blickwinkels und reflektiere nicht unbedingt Wirklichkeit und Weltanschauung der Mayavölker.

Ixcanul Volcano ist bei uns als Ixcanul – Träume am Fuße des Vulkans auf DVD mit deutschen Untertiteln erhältlich und ab 12 Jahren freigegeben. Kostenpunkt: ca. 20 Euro.

Meine Hände

Meine Hände

Meine Hände sind zwei gefangene Vögel
ganz in der Nähe ihrer Flugkurve:
sie bewegen sich rastlos
weil sie kein Nest haben
oder angespannt warten.
Durch die dünnen Adern fließt
das stille Blut
wie Pflanzensäfte durch den Zweig,
jedoch bewegt meine Hände kein
Frühlingswind.
Zärtlichkeit, die sich ausruht oder nicht
belebt ihre Mattigkeit,
und eine Hoffnung auf zumindest die
Erinnerung an Dinge die sie taten.
Meine Hände sind eingesperrte Tauben
sie können nicht hinter
den Sand der Zeit fliegen
der durch ihre Finger rinnt.

Alaíde Foppa (1914-1980 (?)) gehört zu den bedeutendsten lyrischen Stimmen Guatemalas. Das Gedicht Mis manos findet sich im Zyklus Mujer im 2014 erschienenen Sammelband Viento de primavera, der das Werk der im Kontext des guatemaltekischen Bürgerkriegs verschwundenen Dichterin erstmals ordnet. Tauben und Hände gehören zu den Lieblingsbildern Alaíde Foppas, wie auch in Liebesbriefe, einem weiteren von mir übertragenen Gedicht.

Mis manos

Mis manos son dos pájaros cautivos
y cercano es el giro de su vuelo:
se agitan sin sosiego
porque no tienen nido
o quedan en suspenso y en espera.
Pasa por las finas venas
la sangre silenciosa
como savia en el ramo,
mas no mueve mis manos
viento de primavera.
Caricia que se posa o no se posa
anima su cansancio,
y una esperanza de guardar siquiera
memoria de las cosas que tuvieron.
Mis manos son palomas prisioneras
y no pueden volar
tras la arena de tiempo
que pasa entre sus dedos.

Literatur aus dem Hinterland – Interview mit Rudy Alfonzo Gómez Rivas

Rudy Alfonzo Gómez Rivas lebt in Aguacatán, einer Kleinstadt abseits der Hauptrouten im Hochland der weit überwiegend von Maya bewohnten guatemaltekischen Region Huehuetenango. Seine literarischen Aktivitäten sind zahlreich und vielfältig: Rudy ist Dichter, Lehrer, Organisator des Poesiefestivals von Aguacatán und betreibt außerdem einen Kleinverlag: Editorial Cafeína, zu deutsch soviel wie Koffeinverlag.

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Mural mit Zitaten guatemaltekischer Dichter in Aguacatán

Rudy, wie und warum hast du mit der verlegerischen Tätigkeit begonnen? Existiert in Guatemala eine Traditionslinie ähnlicher Verlage?

Editorial Cafeína ist eine Reaktion auf das zunehmende Angebot erzählerischer wie lyrischer Werke von sehr hoher Qualität, das sich in Guatemala entwickelt hat und dient als Alternative für diejenigen, die nicht bei den großkalibrigen Verlagen landen können, die seit Jahrzehnten im Land tätig sind.
In Guatemala existiert keine sonderlich tief verankerte Verlagstradition und damit die Sache aus Verlegersicht funktioniert, mußt du in Guatemala bereits ein erfolgreicher Schriftsteller oder Dichter sein, um veröffentlicht zu werden, ein Prozeß, in dem du nichts weiter als dein Werk ablieferst. Oder andersherum: wenn du literarische Qualität, aber keinen großen Namen als Schriftsteller vorweisen kannst, und dennoch möchtest, daß deine Arbeit ans Licht kommt, mußt du dafür bezahlen. Ein Konzept, von dem ich denke, daß es die Arbeit des Schriftstellers zunichte macht.
Ich glaube also, im Fall Guatemala lag das Entstehen unabhängiger Verlage teilweise an dieser Herausgeberpolitik. Dadurch kamen Verlage auf wie Alambique Editorial („Destillierhelmverlag“), Editorial Chuleta de Cerdo („Schweinekotelettverlag“), Editorial Zopilotes („Rabengeierverlag“), Editorial Pato/lógica („Patho/logischer Verlag“), von denen ich weiß, daß ihre Vorgehensweisen nicht in besagter Tradition stehen: bei denen liefert der Autor sein Werk ab, der Verleger übernimmt den wirtschaftlichen Part, die Bücher auf den Weg zu bringen. Auf diese Weise wird die Arbeit des Autors gewürdigt.

Gibt es eine Verbindung zwischen Editorial Cafeína und der Cartonera-Idee, die sich seit 2002 von Buenos Aires ausgehend hauptsächlich in den lateinamerikanischen Ländern verbreitet hat?

Der Beginn der unabhängigen Verlage in Lateinamerika, speziell in Argentinien, liegt in der Wirtschaftskrise begründet, die das Land im von dir genannten Jahr erlebt hat. Denkweisen und Konzepte der einzelnen Verlage waren wohl auf die Voraussetzungen der einzelnen Länder abgestimmt, in sämtlichen Ländern gibt es unterschiedliche Vorgehensweisen, die jeweils regionale Aspekte berücksichtigen. Der gemeinsame Nenner liegt wahrscheinlich im Mangel an ökonomischen Mitteln, der in der Mehrzahl der lateinamerikanischen Länder gegeben ist. Im Fall von Guatemala sind die unabhängigen Verlage angetreten, um den neuen, noch nicht so bekannten Dichtern und Schriftstellern eine Atempause zu verschaffen, die ihnen erlaubt, ihr Werk vorzustellen und, wie man sagt, „sich einen Namen zu machen“.

Wie lauten deine Programmziele für Editorial Cafeína und wie suchst du deine Autoren aus?

Die Idee ist, daß jeder guatemaltekische Autor bei uns veröffentlichen kann. Ich denke, daß die Dezentralisierung, die der verlegerische Prozeß im Landesinneren erleidet, ebenso von Bedeutung ist wie die Tatsache, daß die daraus sich entwickelnden und ergebenden Verlagsaktivitäten fern der Hauptstadt nicht nur ein kulturelles Erbe bekräftigen, sondern auch mit herkömmlichen literarischen Paradigmen brechen. Das Wichtigste ist, daß es sich um Werke handelt, die andere Lesarten anbieten und befördern und eine klare Botschaft vermitteln, daß einem bestimmten literarischen Zirkel anzugehören keine notwendige Voraussetzung darstellt, um veröffentlicht zu werden. Die Auswahl betreiben wir in einem Herausgeberrat, eine Art Filter, der dafür sorgt, daß das, was publiziert werden soll, literarische Qualität aufweist, wenngleich das relativ ist.

Gibt es in der jungen guatemaltekischen Literatur so etwas wie einen gemeinsam zu nennenden Trend? Worüber schreiben die jungen guatemaltekischen Dichter (deines Verlags) in diesen Tagen?

Es gibt eine ziemlich lange Liste junger guatemaltekischer Dichter und Schriftsteller, dazu gehören Sonia Marroquín, Alberto Arzú, Rebeca Lane, Daniela Castillo, Pep Balcárcel, Marilinda Guerrero, Vanessa Ramos, Evelyn Macario, Jhonatan Bell, Marco Valerio Reyes, Numa Dávila, José Juan Guzmán, José Alvarado, Joselin Pinto, Pablo Hernández, Julio Prado, Marlon Francisco, Gabriela Gómez, César Yumán, Carlos Orellana, Rafael Romero und viele andere, die gerade meiner Erinnerung entflohen sind, aber zweifellos existiert eine große Varietät guatemaltekischer Literatur, die mit Kraft und sehr guten literarischen Vorschlägen aufwartet und die sich deutlich von romantischen oder Nachkriegskriterien absetzt. Ich würde sagen, es handelt sich um eine Literatur, welche die literarische Sprache neu zu erfinden beabsichtigt, und die unter anderem eine eineindeutige Beziehung zwischen Schriftsteller und Leser herzustellen versucht.

Wie würdest du die Beziehung von Aguacatán zur Literatur beschreiben? Hast du literarische Zukunftspläne für die Stadt und die Region?

Zwischen Aguacatán und der Literatur hat sich eine sehr enge Beziehung ergeben, ich glaube, die Stadt ist sehr darauf erpicht, sich der Literatur an verschiedenen Fronten zu nähern, und zwar dergestalt, daß die Bevölkerung Aguacatáns, zumindest die des städtischen und semiurbanen Bereichs, die Literatur als Passierschein nutzt, um einem latenten existentiellen Chaos zu entkommen.
Zu den Plänen gehört, in den Schulen die Lektüre zu fördern, um den jungen Generationen die Möglichkeit zu bieten, die Liebe zur Literatur in sich zu erwecken, ihnen diese faszinierende Welt aufzuzeigen. Kreatives Schreiben zuzulassen, damit neue lokale Werte in die nationale und die Literatur der Welt eingemeindet werden können und das eben Erwähnte beim Internationalen Poesiefestival Aguacatán in Szene zu setzen, welches auch als Plattform dient, die lokale Literatur kennenzulernen.

XVII

Die Gesichter meines Landes
sind abgezehrt
verschollen
fern
manchmal
– um nicht zu sagen immer –
unsichtbar.
Auch so noch rufen sie
bei Nacht die Liebe an.

(Das Gedicht habe ich übertragen aus Rudy Alfonzo Gómez Rivas: El silencio como invento, Editorial Letra Negra, Guatemala 2012)

Nachtrag, 18. Januar 2016
Die Lyrikzeitung übernimmt das Interview in Ausschnitten.

Der polnische Boxer

halfon_der polnische boxer

Am Morgen, an dem ich mich an diese Besprechung setze, lese ich in der guatemaltekischen Tageszeitung Prensa Libre, daß Eduardo Halfon den diesjährigen Prix Roger-Caillois erhalten wird. Bezeichnenderweise fokussiert der Artikel nicht auf Halfons Literatur, sondern auf seine Identität, die im Zentrum seines Werkes stehe und zitiert den Autor: „Meine Großeltern sind alle außerhalb Guatemalas geboren – im Libanon, in Polen, in Ägypten und in Syrien. Der Zufall führte sie Mitte des 20. Jahrhunderts in Guatemala zusammen, wo ich schließlich im Jahr 1971 zur Welt kam. Vielleicht ist dieser Nomadismus, dieses Umherschweifen mit dem Judentum verknüpft.“

Mein einziges Gespräch in Guatemala über Halfon erinnere ich sehr gut. Als ich erwähnte, außer Der polnische Boxer sei mir kein anderes Buch eines lebenden guatemaltekischen Autors in deutscher Übertragung bekannt, bekam ich zu hören, Halfon sei ein in den USA lebender Jude und könne sich das Publizieren daher, anders als die meisten im Land verbliebenen Autoren, leisten. Der so redete, war der PEN-Vorsitzende Guatemalas Carlos René García Escobar. Mein Einwand, daß Hanser nicht gerade im Ruf eines Zuschußverlags stehe, fand als Erwiderung nur unbestimmtes Gemurmel.

Wissen Sie, wie Dichtung auf Cakchikel heißt, Herr Halfon?, fragte Juan plötzlich. Nein, sagte ich, keine Ahnung. Pach’un tzij, sagte er. Pach’un tzij, sagte ich. Ich ließ mir das Wort eine Weile im Mund zergehen, kostete seinen Klang aus, genoss es, es immer wieder auszusprechen: Pach’un tzij. Wissen Sie, was das bedeutet?, fragte Juan, und ich antwortete zögernd, nein, das sei aber auch nicht wichtig. Wortgeflecht, sagte er. Das ist eine Neuschöpfung, sie bedeutet Wortgeflecht, sagte er noch einmal, Pach’un tzij. So elegant aussprechen wie er konnte es nur, wer rückhaltlos daran glaubt, dass es mehr gibt als nur diese eine Welt. Das ist ein Huipil aus Worten, sagte Juan, ein Wortkleid. Mehr sagte er nicht.

In der Tat spielt das Thema Identität in Halfons wohl bekanntestem Roman Der polnische Boxer die bedeutendste Rolle. Halfon agiert als Ich-Erzähler unter eigenem Namen und verwendet autobiografische Sequenzen. Sein Status als jüdischer Guatemalteke, der in den Staaten lebt, sorgt in der jeweiligen Heimat, sowohl in den USA, als auch in Guatemala, bei anderen Figuren für Irritationen. Weit überwiegend handeln die zehn geschlossenen Erzählrunden, die sich als literarischer Boxkampf des Autors gegen sich selbst bezeichnen ließen, von typisch postmodernen, bildungsbürgerlichen Szenarien. Vereinzelt setzen sich Erzählstränge über die Kapitel fort. Das Personal besteht aus Universitätsangestellten und Studenten, Teilnehmern eines Mark Twain-Symposions, Besuchern und Mitwirkenden eines internationalen Kulturfestivals in Antigua Guatemala und jungen, hübschen, sexuell freizügigen Frauen aus Guatemalas gehobener Schicht. Als Kontrapunkt dienen Skizzen einer in die Gegenwart transponierten, mystifizierten Zigeunerromantik, die der Autor an einige Figuren knüpft, die dem Roman-Eduardo in Belgrad, wohin er einem kuriosen Impuls folgend reist, begegnen.

Wir gingen in die Cueva de los Urquizú, ein einfaches Lokal mit Plastiktischdecken, Plastiktabletts und Wegwerfgeschirr, das höchstwahrscheinblich nie weggeworfen wurde. Ich wollte, dass Milan ein bisschen typisch guatemaltekisches Essen kennenlernte.

Oberflächliche Übereinstimmungen mit meiner eigenen Guatemala-Wahrnehmung habe ich vor allem im ersten Kapitel, Fern, gefunden: Halfon schwärmt von den beeindruckenden Namen guatemaltekischer Orte, vom Klang der Mayasprachen (die in meinem Empfinden, wo ich sie auf der Straße hörte, Naturfänomene nachzuahmen schienen und knisternde, raschelnde, rauschende, Naturkräften ähnelnde, zerfallende Soundskulpturen bildeten), läßt sich über die lokale Küche aus, bevorzugt unter den guatemaltekischen Bieren, genau wie ich, das dunkle Moza, und thematisiert die Ungleichheit zwischen indianischer und herrschender Bevölkerung, vorbereitet durch literaturwissenschaftliche Überlegungen, die er als Dozent seinen desinteressierten Studenten nahezubringen sucht, und denen einzig der junge talentierte Maya-Dichter Juan Kalel zu folgen versteht, der am Ende seine just begonnene akademische Laufbahn knicken muß, weil die Armut den Lebenstakt der Mayaexistenzen bestimmt und Juan die magere Gärtnerrolle des verstorbenen Vaters in seiner subsistenzwirtschaftlich sich ernährenden Familie einnehmen muß.

Mein Großvater sagte immer, ich sei so alt wie die Ampeln, denn an dem Tag, an dem ich zur Welt kam, wurde offenbar an ich weiß nicht welcher Kreuzung im Stadtzentrum die erste Ampel Guatemalas aufgestellt.

Die zehn Erzählungen stecken voller einprägsamer, kräftiger Ideen und literarischer Finten, zu denen Halfon gerne etwas Theorie zur Deutung nachreicht. Sie sind ausstaffiert mit der Sprunghaftigkeit unserer globalisierten Epoche, Tablettenschwangerschaften und gezeichneten Orgasmen, mit der Häftlingstätowierung des Großvaters, der Auschwitz überlebte und sehr viel Musik, Zigaretten und Alkohol. Bei beachtlicher Vielschichtigkeit sind die Geschichten intelligent komponiert, handwerklich hervorragend gearbeitet und mit reichlich Witz versehen. Halfon kreist in Der polnische Boxer, stellvertretend für jedwede zeitgenössische Biografie, ständig um sein wahres und sein literarisches Ich: das längste Kapitel trägt paßgenau den Titel Pirouette. Extensive Beschreibungen des Fremden dienen letztlich der Suche nach dem Fremden im Autor selbst, in der Betrachtung gesellschaftlicher Außenseiter sucht er nach dem Unverstellten, der vermeintlichen Magie, die mit wirtschaftlicher Armut einhergeht und die sich mithilfe klassischer Bildung bzw aus den antrainierten Verhaltensmustern akademischer Tätigkeiten schwer begreifen läßt.

Als nächstes traf eine Karte aus Denver, Colorado, ein. Sie zeigte einen erdmandelmilchfarbenen Berg, der mit winzigen schwarzen Punkten übersät war, Skifahrer, nahm ich an, oder riesige Nadelbäume. Milan schrieb dazu: Es war einmal ein König, der besaß das große Zigeuner-ABC. Da es damals noch keine Bücherregale gab, um ABCs aufzubewahren, wickelte der König das ABC in Salatblätter ein. Anschließend legte er sich am Ufer eines sanften Bächleins schlafen. Wenig später erschien ein Esel, trank Wasser aus dem Bächlein und aß die Salatblätter auf. Deshalb haben wir Zigeuner kein eigenes ABC.

An meine mehrhundertfach fotografierten Sonnenaufgänge über dem Atitlánsee erinnert mich eine der Schlußszenen vor der Kulisse der antiken Mayastätte Tikal, die zugleich eine guatemaltekische Klammer schließt, indem sie eine neofolkloristische Betrachtung der indianischen Bevölkerung, auf die der weiße Mann in Guatemala sich unvermittelt verworfen sieht, anstellt, die, dem Zeitgeist gemäß, unaufgelöst bleiben muß.

Der Eingeborene zeichnete den Sonnenuntergang, (…) aber er zeichnete so, ganz schnell, sagte Shlomo und bemühte sich offensichtlich, den anderen nachzuahmen. Er machte mit seinen Farbstiften ganz schnell eine Zeichnung, sagte er, und dann riss er die Seite aus dem Heft und warf sie auf die Steine des Mayatempels, auf die Steine seiner Vorfahren, und fing an, einen neuen Sonnenuntergang zu zeichnen. Verstehen Sie? Denn jede Zeichnung war anders, jeder Sonnenuntergang war anders, als wären es wirklich lauter verschiedene Sonnenuntergänge. Alles veränderte sich ganz schnell. Die Bewegung der Wolken, die Stellung der Sonne, die Farbe des Himmels. (…) Aber statt einer Kamera nahm er seine Augen und seine Hände und seine Farbstifte dafür. (…) Und der Eingeborene, fuhr er fort, ließ seine Zeichnungen auf dem Boden liegen, und manche wurden vom Wind fortgetragen. Als läge ihm nichts daran, sagte er, oder als wäre das nicht das Wichtigste, sagte Shlomo. (…) Wir waren vielleicht zehn oder fünfzehn Touristen und wir vergaßen ganz, den Sonnenuntergang über dem Urwald zu verfolgen, und sahen dafür zu, wie dieser Eingeborene ihn mit seinen Farbstiften zeichnete.

Eduardo Halfon: Der polnische Boxer (aus dem Spanischen von Peter Kultzen und Luis Ruby), Hanser, München 2014 (Originalausgabe: El boxeador polaco, Editorial Pre-Textos, Valencia 2008/2010)

Von Totenorten

Der romantischste Gottesacker meiner Erinnerung ist der Parkfriedhof in Niebüll. Ich betrat ihn zufällig, er lag gerade recht, um von einem längeren Fußmarsch zu pausieren. Von einer verwitternden Sitzbank blickte ich auf wilde, halb verwunschene Parklandschaften: großzügige Flächen lagen zwischen den Gräbern, das ungemähte Gras erreichte an manchen Stellen Wadenhöhe. Brombeeren, Äpfel und Birnen sprossen aus den Gebeinen, Rankpflanzen rahmten die Perspektiven wie in einem verspielten Scherenschnitt. Im bröckelnden Gemäuer fanden sich Kommunikationsspuren der nahen, ob ihrer Launen gefürchteten See. Das Gräberensemble war gänzlich frei von Pomp. Die einzelnen Grabstätten glichen stilvoll verwilderten Einlässen ins unsagbare Nichts der Ewigkeit: graue Quaderflächen mit eingravierten Zaubercodes aus Buchstaben, Zahlen, Symbolen: eine sympathische Brise blätterte in den Bäumen und erweiterte das Zeichensystem gekonnt um passende akustische Komponenten. Es war ein großer Vormittag. Ameisen paradierten, ein taumelnder Mistkäfer erging sich in simpler Drolligkeit. Berauschend senkte sich das Parfum Gottes in kaum wahrnehmbaren Schwaden über den Ort. Das Singvogelkonzert, zunächst etwas abseits in den Büschen, dann vom vagierenden Luftdruck direkt in meine Gehörgänge appliziert, verlief freudig, doch zu keinem Zeitpunkt ungehalten. Kurzum, der Niebüller Friedhof zeigt sich in der Rückschau derart idealisiert, daß ich meiner Erinnerung nicht trauen kann: Details, die ich unter Eid niemals bestätigen würde, geben sich in meinem neuronalen Netzwerk ein Stelldichein und fügen sich zu grandiosem Kitsch. Offenbar benötigt meine Vorstellung die Möglichkeit eines solchen Idylls, eines memotechnisch verklärten, perfekten Ruhe- und Rückzugsorts, den ich aufgrund seiner Abgeschiedenheit in der Realität kaum je ein zweites Mal betreten werde.

Eindeutiger sind meine Erinnerungen an den British Cemetery in Loos-en-Gohelle. Weiße Grabtafeln stehen auf dem nordfranzösischen Soldatenfriedhof in geordneten Reihen wie bei einer historischen Schlachtaufstellung oder dem Antanzen zum letzten Appell. Die meisten Gräber sind anonym und so denke ich an namenlose Gestalten, gesichtslose Männer, Uniformierte, die in Angst und Hast gegen eine Spiegelachse ziehen, eine Linie, hinter der andere gesichtslose Männer in leicht abweichenden Uniformen wiederum sich der Front nähern, um massenhaft zu töten und sich abschlachten zu lassen für die Interessen einiger weniger, die weit von dieser Front entfernt Gewinne und Verluste aufrechnen. Ein einziger Mann besitzt doch ein Gesicht. Es handelt sich um meinen Großvater väterlicherseits. Im Ersten Weltkrieg war er in Frankreich als Soldat im Einsatz. Wo genau, ist unbekannt. Überliefert ist lediglich, daß er nach Kriegsende zu Fuß in die Heimat zurückkehrte. Mein Gefühlshaushalt gerät angesichts der Gräberreihen außer Balance. Ich bin vom Conseil Régional (dem Äquivalent unserer Landesregierungen) als Freund in eine Gegend eingeladen, die meine Vorfahren als Feinde heimsuchten. Ein Moment, in dem meine Nationalität, die Handlungen meiner Ahnen mich beschämen, auch wenn von den Lebenden in Loos niemand auf die Idee kommt, diese Scham zu befördern. Ich stapfe durch die Reihen, die tiefstehende Novembersonne tüncht einzelne der ohnehin schon blendend weißen Grabtafeln in eine Art Heiligenschein. Auf zahlreichen anonymen Gräbern entdecke ich die Wortfolge „Known unto God“, deren altertümliche Schönheit mich berührt. Zunächst eine shakespearsche Halbzeile vermutend, finde ich später im Internet die Information, daß es sich um ein Epitaf aus der Feder Rudyard Kiplings handelt, den eine besondere, im Ort selbst kaum bekannte Geschichte mit Loos-en-Gohelle verbindet. Der 1907 mit dem Literatur-Nobelpreis ausgezeichnete Kipling schickte aus patriotischen Überlegungen und unter Einsatz seiner Beziehungen zur Politik seinen einzigen Sohn John, der eigentlich für kriegsuntauglich befunden worden war, an die Front. In der dreiwöchigen Schlacht von Loos im Herbst 1915 wurde John Kipling verletzt und als missing in action deklariert. Nach dem Ende des Krieges reiste Rudyard Kipling, inzwischen zum Pazifisten gewandelt, bis zu seinem Tod im Jahre 1936 jeden Sommer in die Gegend von Loos, um den Verbleib seines Sohnes zu klären. Erst 1992 wurde John Kiplings Grab im Nachbarort Haisnes identifiziert. Den in Loos gefundenen Grabspruch „Known unto God“ nutzte ich als Titel für die Geschichte des in sich selbst verlorenen und unter Tage zu einem Maulwurf mutierten Bergmanns Topowski, die ich gemeinsam mit Dominique Sampiero und dem schlesischen Fotografen Arek Gola vor Ort entwickelte.

Britischer Soldatenfriedhof in Loos-en-Gohelle. Foto: Arek Gola

Britischer Soldatenfriedhof in Loos-en-Gohelle. (Foto: Arek Gola)

Vom Fluß meiner Kindheit und Jugend, der Alb, durchflossen wird der Rüppurrer Friedhof. Er ist deutlich älter als die evangelische Auferstehungskirche, zu deren Füßen er liegt und in deren Name die Erwartung einer Zombieinvasion mitschwingt, die von „meinem Stadtteilfriedhof“ ihren Ausgang nehmen könnte. Ein flußdurchflossener Friedhof ist etwas Schönes, doch mich stimmt der äußerlich hübsch anzusehende Rüppurrer Kirchacker stets traurig. An keinem anderen Ort spüre ich die Auswirkungen meiner Wurzellosigkeit in vergleichbarem Maß. Niemand aus meiner verstreuten Familie liegt in Rüppurrer Erde begraben. Wer von uns stirbt, verschwindet in die Anonymität. Also stelle ich mir vor, daß wir nach dem Tod versteinern, um ganz allmählich von Wasser und Witterung zermalmt in die planetaren Kreisläufe einzugehen. An der Alb bestattet liegt Pia. Bei Pia handelt es sich um keine reale Person, sondern um eine lyrische Leiche. Pia steht für die in flokatigepolsterten Nächten und an zähen Sonntagen vor der Silhouette der Schwarzwaldausläufer und zum Soundtrack der Bundesautobahn erwürgte Jugend, für das langwierige, nur teilweise erfolgreiche Abtöten von Sehnsüchten. Die Gedicht-Pia setzt sich zusammen aus Momenten provinzieller Abgestandenheit und hoffnungsvoller Frische, aus Saturiertheit und Magersucht, aus vorgestanzten Träumen mit bürgerlichen Rebellenelementen, eine klassisch-moderne Fertigmischung, die Blumen an ihrem Grab sind die Plastikblumen des Schnellrestaurants, in dem wir uns nach Jahrzehnten zu einer Thaisuppe treffen, welche die längst stattgefundene Ankunft der weiten Welt, nach der wir uns einst im badischen Hinterland so sehr sehnten, symbolisiert. Jetzt habe ich die E-Mail-Adresse der auferstandenen Pia und ihren Tom Kha Gung-Segen. Unsere mit Ölkreide ausgemalten Schnittmengen lagern in muffigen Schubladen. Gehe ich heute über den Albfriedhof, verfremde nicht ich Szenerie und Geschichte in Gedichten, sondern sind es vielmehr die reale Szenerie und Geschichte, die mich verfremden, sogar entfremden, indem sie mir in schmerzhafter Weise das chronisch wiederkehrende Heimatgefühl kurieren. In der gleichen Richtung, in der die Alb durch den Friedhof verläuft, verschwinde ich von diesem Ort und auch in der gleichen Weise: immer auf der Stelle tretend, immer auf der Flucht.

Am Día de los Muertos wird in Guatemala gemeinsam mit Nachbarn und Bekannten Fiambre (was im Spanischen sowohl Leiche, als auch Kaltgericht bedeutet) gegessen, ein überreicher Mischmasch, der tagelanger Vorbereitung bedarf und dessen Zutaten die Hundert überschreiten können, weil jede Zutat die Lieblingsspeise eines Ahnen repräsentiert. Leben und Tod wirken im tropischen Zentralamerika mit seinen Gewaltexzessen üppiger und enger verschlungen als in Europa. So gehen in Quetzaltenango im guatemaltekischen Hochland die Viertel der Lebenden und der Toten trotz trennender Mauern auf magische Weise ineinander über. Vom zentral gelegenen Cementerio General ergeben sich die faszinierendsten innerstädtischen Ausblicke, einige Friedhofsfluchten scheinen in Wohnstraßen zu münden, deren Häuser exakt die Farbigkeit der Grabmäler besitzen. Die umgebenden Vulkane wirken als wurzelten sie, wo die Toten wohnen, und wulsteten sich von dort empor, verstärkt wird dieser Eindruck durch einen auffälligen Ceibabaum, der in der Maya-Mythologie der germanischen Esche Yggdrasil entspricht, indem er als Weltachse Himmel, Erde und Unterwelt verknüpft. Zwei Pyramiden ähneln in Größe und Material frappant dem Wahrzeichen meiner Heimatstadt, der Karlsruher Pyramide auf dem Marktplatz, nur daß sie eleganter gearbeitet und von Marmorsfingen bewacht sind. In Nähe des Haupteingangs befindet sich die blumenbedeckte und mit Wünschen bekritzelte Skulptur der vor hundert Jahren verstorbenen Zigeunerin Vanushka, ein Pilgerort für Menschen, die an unglücklicher Liebe leiden. Während vor der Friedhofsmauer Schnapsleichen zucken, räuchern innerhalb Hinterbliebene mit Maisblattfeuern und geflüsterten Sprüchen die Seele eines Verstorbenen nach. Zu zweit und in Kleingruppen promenieren gelöste Menschen über die Hauptachse, um in Urnengassen und Hügelwellen zu verschwinden und an anderer Stelle wieder aufzutauchen. Ganz allein unter fremden Toten fühle ich mich plötzlich frei: überwältigt von einer Ahnung, dieser von potenten, freundlich dreinschauenden Bergen bewachte farbenfrohe Friedhof diene als Übergangsort, an dem die Verstorbenen, für kurze Zeit nur, in ihren Gruften geheimnisvolle Formeln studieren, um sich auf ein neues unbekanntes Leben vorzubereiten.

Geschnitzte und bemalte Totenheinis am Verkaufsstand einer Maya-Kooperative in Guatemala

Geschnitzte und bemalte Totenfiguren am Verkaufsstand einer Maya-Kooperative in Guatemala

Am Ende des Goldenen Horns liegt, am eindrücklichsten mit dem Vapur, der Dampfschifffähre, zu erreichen, der Istanbuler Stadtteil Eyüp. Benannt nach Abu Aiyub al-Ansari, einem Gefährten Mohammeds, dessen Grab sich in der Eyüp-Sultan-Moschee befinden soll, gilt der muslimisch geprägte Stadtteil als bedeutende Pilgerstätte. Vom Wasser fällt der Blick über Eyüp auf den Pierre Loti-Hügel. In diesem Blickwinkel die prägendste Erscheinung bietet der Friedhof, ein von Baumgruppen durchsetztes Gräberfeld, fast wie ein Steinbruch, mit geometrischen Mustern, die archaischen Strukturen aus Beton beziehungsweise einer eingefrorenen Computerspielkulisse in Grautönen gleichen. Über den Friedhof hinweg pendelt seit 2005 eine modern designte, touristische Seilbahn. Sie bedient die Aussichtsterrassen, Cafés und Teegärten auf dem Gipfelplateau mit seinen aufgereihten Münzfernrohren. Unablässig strömen Paare und Gruppen den Hügel hinauf, die Situation erinnert an den Drachenfels, nur daß in Eyüp statt einer Burgruine Grabsteine die Aufmerksamkeit auf sich ziehen. Vom Gipfel fällt der Blick anstatt über den Rhein über die autark wirkende Gräberstadt und die Bosporusausbuchtung auf die Rückseite des abendländischsten Teils Istanbuls: das pulsierende Beyoğlu, bekrönt von Levents Hochhäusern. Bei näherem Betrachten, der Hügel läßt sich leicht auch zu Fuß erschließen, erweist sich der Friedhof als Gräberdschungel, für dessen Betreten Querfeldein- und Kletterfähigkeiten von Vorteil sind: die Pfade zwischen den Gräbern sind extrem schmal, steil oder inexistent. Erkundungen anzustellen, ohne auf einzelne Gräber zu treten: ein Ding der Unmöglichkeit. Auf den Grabsteinen entdecke ich Koranverse in arabischer Schrift und Gedichte in türkischer Sprache. Die trauerschwere weißgraue Marmorwildnis hin und wieder gelockert vom Farbtupfer einer Blumenblüte. So gut wie niemand betritt den eigentlichen Friedhof, die Touristen bleiben hinter der niedrigen Mauer zurück und blicken auf das Gräberfeld wie auf eine beliebige Sehenswürdigkeit. Ein geflügeltes Wort behauptet, die zahlreichen streunenden Katzen Istanbuls mieden von allen Orten die Friedhöfe. In Eyüp gilt dies höchstens solange, bis jemand seine Essenreste über die Mauerbegrenzung kippt. Bis vor hundert Jahren sollen viele Istanbuler Friedhöfe wie heute wohl nur noch der von Eyüp wilde urbane Flecken zwischen den Wohnsiedlungen gewesen sein, abenteuerliche Gelände, in denen Geier und furchterregende Gestalten sich herumtrieben, gefährliche Orte, von denen die Katzen wußten, weshalb sie ihnen fernblieben, überkommene Orte, an denen der Tod aktiv am Leben teilnahm.

Nicht zuletzt dank der Berühmtheiten, die auf ihm bestattet wurden, ist der Père-Lachaise einer der bekanntesten Friedhöfe der Welt. In einer langen Reihe von Friedhofsbesuchen war er der erste, den ich unter touristischen Aspekten aufsuchte. Zuvor hatte einer meiner Brüder mir von seinem Paris-Besuch erzählt, bei dem er sich, weil er die französischen Anweisungen des Wächters nicht verstand, bei Dunkelheit auf dem Père-Lachaise-Gelände eingeschlossen fand. Also überkletterte er die Friedhofsmauer, an einer Stelle, die im Jenseits urbanes Licht versprach – und landete mitten auf der Bühne einer grell ausgeleuchteten Filmhandlung mit leichtbekleideten Schauspielerinnen und einem tobenden Regisseur, dem der unverhoffte Eindringling die Szene versaut hatte. In meiner Erinnerung besteht der Père-Lachaise aus Kapellengräbern, einem rapiden Kältesturz um mindestens zehn Grad Celsius und der bibbernden Suche nach der letzten Ruhestätte Jim Morrisons, die mir gleichgültig war, meinem Freund Klaus, der mich begleitete, jedoch eminent wichtig, sodaß wir uns von den imposanten Grabmonumenten etwa Oscar Wildes ab- und einer im Umherirren geführten Debatte zuwandten, die, dem Umstand geschuldet, daß zum Zwecke angemessener Morrisonapproximation eingenommene Lysergsäure unsere Gedankengänge stimulierte, rasch an Abgründen gewann. Während Klaus nach Kreidepfeilen spähte, die das versteckt liegende Morrison-Grab anzeigen sollten, stellte ich Berechnungen an wie unsere Überlebenschancen stünden, sollte der begonnene Kältesturz sich fortsetzen. Daß wir in Bewegung waren, war in dieser Hinsicht günstig, nur müßte es mir gelingen, den Freund davon zu überzeugen, daß uns Nachgeborene mit diesem Morrison weit weniger verband als gemeinhin behauptet. Die Zeit begann sich zu dehnen und zurückzuschnalzen wie ein Expander. Die Friedhofshügel wandelten sich in schwarze Gletscher. Unser Streunen glich zunehmend dem Moonwalk Michael Jacksons: kaum war uns mehr bewußt, in welche Richtung wir uns bewegten. Unsere Fußstapfen pflügten den Boden und hinterließen tiefe Krater. Aus meiner Gegenwart entwich in frostigen Atemzügen der Sinn. Da plötzlich grinste Klaus mir triumfierend ins Gesicht. Wenige Meter entfernt lag, umstanden von kargem Gesträuch und einer handvoll langhaariger Silhouetten, wie nach einem Filmschnitt, das Morrisongrab! Eine junge Frau im Poncho schüttete den Inhalt einer Flasche Rotwein auf den Boden. Aus dem Gebüsch löste sich ein weinender Mann und trat direkt auf Klaus zu: „Du, hasch vielleicht emol e Dembodascheduuch?“ Im selben Augenblick spürte ich die Kräfte des Rock’n’Roll mich mit aller Macht von diesem Ort abstoßen. Auch Klaus hatte genug gesehen. Wortlos blickten wir uns an und machten auf dem Absatz kehrt, um uns den Lichtern von Paris zuzuwenden.

Maismenschen

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„Die Hand, die jäh die Maisähre bricht, damit die Frucht ganz ausreift, ist wie die Hand, die den Klang der Glocke mitten entzweibricht, damit der Tote ausreifen kann.“

„Asturias, Asturias, Asturias, die ganze guatemaltekische Literatur ist Asturias“, erklärt gestikulierend der PEN-Vorsitzende des Landes, Carlos René García Escobar, als er mich durch Guatemala-Stadt chauffiert, und zählt ein paar Titel des Nobeltreisträgers auf. „“Hombres de maíz“ habe ich auf Deutsch im Gepäck“, entgegne ich, unschlüssig darüber wie Carlos sein Statement gemeint haben könnte. Da fällt das Thema bereits unter den Tisch, bzw. in den Fußraum des Wagens, wir kommen, inspiriert vom Geschehen vor der Windschutzscheibe, übergangslos auf Verkehr, Kriminalität, Politik und die Dichtung der jüngeren Generationen zu sprechen. Der Name Asturias begegnet mir in Guatemala fortab ähnlich wie der Name Grass in Deutschland: als angestaubter, mehr oder minder beschädigter Monolith, dem gerade nichts hinzuzufügen ist.

„Die Maismänner“ (wie das Buch in der mir vorliegenden Übersetzung von Rodolfo Selke heißt – es existiert noch eine weitere, „Maismenschen“ betitelt), meine Reiselektüre, läßt sich in heutiger Diktion am besten als Remix des Popol Vuh, des Heiligen Buches und Schöpfungsmythos der Maya beschreiben. Asturias nimmt bereits im Popol Vuh enthaltene Momente des Magischen Realismus auf und transponiert dessen illustres Personal aus prominenten Tierkriegern und Göttern zu geschlagenen Charakteren aus den einfachen Bevölkerungsschichten der Provinz. So setzt sich der Roman aus sechs bildmächtigen Einzelerzählungen zusammen, die jeweils nach ihrer Hauptfigur benannt sind. Zwischen den Erzählungen ergeben sich personelle Schnittmengen, allen gemein ist das geografische Milieu des Hochlands mit seinen indianischen Bewohnern und ihrer Weltsicht einer in sämtlichen Elementen belebten, zyklisch sich organisierenden Natur: in den Lebenden sind die Toten spürbar enthalten, den Maisgeborenen ist ihre künftige Eigenschaft als Maisdünger bewußt. Nicht selten geht die Handlung unter ihrer eigenen Bildhaftigkeit verschütt, in plastischen, poetischen, fabulierend wogenden Schüben wie aus der wind- und regenbewegten, saftig und dornig dümpelnden Natur der Mayagebiete.

„Man hat mir ja schon Medizin gegeben. Was ich in der Brust spüre und was man mir untersucht hat, ist Herzensschaum.“
„Ach du Scheiße! Was ist das denn?“
„Leuten wie mir, die ihr Leben lang immer gut getrunken haben, bleibt ein schaumiger Rückstand von all dem Likör im Blut, und wenn dieser Schaum das Herz erreicht, stirbt man. Das Herz verträgt den Schnapsschaum nicht.“
„Aber dagegen muß es doch ein Mittel geben…“
„Ja, noch ein Schlückchen… Wie meinen?“

Zäh und beharrlich geht das Erzählen vonstatten wie die Feldarbeit im Hochland, die ich auf diversen Autofahrten aus der Ferne betrachte, die bis heute von Hand betrieben wird. Bis in die Gegenwart von Großgrundbesitzern ausgebeutete Campesinos marschieren nach verrichtetem Tagwerk mit geschulterten Macheten die Landstraßen heimwärts. Manche erreichen ihr Zuhause nicht, sondern bleiben, vom Schnaps niedergestreckt, zuckend am Straßenrand oder gleich direkt vor dem Friedhofstor liegen. Mit derartigen Beobachtungen wie ich sie an verschiedenen Stellen im Departamento Huehuetenango mache, korrespondiert eine der schönsten Schnapstrinkerpassagen der Literatur, gleichwohl mit vorhersehbarem Ausgang, als in der Buchmitte die Compadres Revolorio und Goyo Yic sich seitenlang gegenseitig ihren Fusel um immer dieselbe Münze abkaufen, bis der Kanister, mit dem sie für guten Verdienst ein halbes Dorf abfüllen wollten, geleert ist.

In Aguacatán zu Füßen der Sierra de los Cuchumatanes, abseits der Touristenpfade, werde ich zufälliger Zeuge einer Maya-Räucherzeremonie für einen Toten und verbinde das Gesehene sogleich mit einer Buchpassage über Maisblattfeuergeknister. Asturias beschreibt Guatemala in seiner natürlichen, sinnlichen Vielfalt, die Geschichten sind angereichert mit Auftritten von Vögeln, Pflanzen, Gerichten und Getränken, von denen ich noch nie zuvor gehört habe. Bei den Schulspeisungen auf Mayagebiet, zu denen ich als Gast geladen werde, und auf Märkten erweist sich, daß die kulinarischen Hinweise des Buches weiterhin zutreffen: ich verkoste Atol (ein schrotiges, warm serviertes Maisgetränk), in Bananenblätter geschlagene Reistamales (ein herzhaftes Risotto) oder Nancefrüchte und andere, der deutschsprachigen Wikipedia bis dato unbekannte Köstlichkeiten. Am Straßenrand erblicke ich Ortsbezeichnungen, die auf historische Mayahelden weisen, die wiederum das Maismenschen-Personal bereichern: in einigen Momenten kommt es mir vor, als befahre, bewandere und erkunde ich anstelle Guatemalas ein sechzig, siebzig Jahre altes Buch, Momente, die jedoch schnell in Wirklichkeit und Moderne sich lösen: die Tochter der Marktfrau, die nur Tz’utujil spricht, spielt mit ihrem Smartfone, statt Eselskarren holpern Pick-ups und Tuk Tuks durch die Provinz, gerade hat ein im Lande wegen seines Blicks auf die Mayakultur kontrovers diskutierter Spielfilm, Ixcanul Volcano von Jayro Bustamente, der erste guatemaltekische Wettbewerbsfilm bei der Berlinale überhaupt, einen Silbernen Bären gewonnen.

Menschen sind wie in Kleider gehüllte Tamales, aus denen der rote Saft quillt.

Im Spannungsfeld zwischen Lebens- und Todesmetafern wabert ein beschwörender Text voller blut-, feuer-, liebes-, haß- und alkoholgetränkter Zauberformeln, die mit Macht aus dem Leben mit seinen profanen Vorgängen hervortreten, das sie zur Beiläufigkeit verurteilen, dieweil die mystische Dimension obsiegt: überfrachtet-bunte, nach innen gespiegelte Geisterhaftigkeit wie aus Überblendungen der gemalten Visionen Henri Rousseaus und Hieronymus Boschs, ein psychedelischer Ouroboros-Comic, naiver Normalitätssplatter als Möbiusschlaufe. Die Guatemala durchwirkende, täglich in den Zeitungen abgehandelte Gewalttätigkeit strebt ihrer Erlösung in zeremoniellem Wort und freier Fantasie entgegen: keine im modernen Sinne mitreißende, sondern vielmehr eine mit unzähligen Falltüren ins Reich der Mystik versehene, die Beharrlichkeit bäuerlicher Rhythmen imitierende und fordernde Lektüre.

„Immer betrügt man sich selbst in der Hoffnung, daß die Dinge so sind, wie man sie sich wünscht. Leider sind sie es nicht. Gaspar ertrank. Aber nicht, weil er nicht schwimmen konnte – du sagtest selbst, er war mit dem Wasser vertraut wie ein Fisch – sondern weil er im Lager statt lebendiger Menschen nur Leichen fand. Die Soldaten hatten alles niedergemetzelt. Das traf ihn härter als jeden anderen, war er doch ihr Führer, und so wurde ihm klar, daß er mit ihnen gehen mußte, mit den Gemordeten. Um nicht der Patrouille den Gefallen zu tun, auf den sie warteten, ließ er sich in den Fluß fallen – aber nun nicht mehr wie ein Mensch, sondern wie ein Stein. Du mußt wissen, wenn Gaspar schwamm, war er zuerst eine Wolke, dann ein Vogel und schließlich der Schatten seines Schattens auf dem Wasser.“

Miguel Angel Asturias: Die Maismänner, Volk und Welt, Berlin 1985 (Originalausgabe: Hombres de Maíz, Editorial Losada, Buenos Aires 1949)

Guatemala-Stadt (3)

Flugstudie: anonymes Werk in den Straßen der Hauptstadt

Vom Fliegen: anonymes Werk in den Straßen der Hauptstadt

Während meines Aufenthalts ist Guatemala-Stadt Kulturhauptstadt Zentralamerikas. An Aktivitäten bekomme ich lediglich ein Marimba-Orchester mit, das in der Mittagshitze unter der öffentlich zugänglichen Bühnenmuschel im Parque Centenario seine Setliste abarbeitet. Das wechselnde Publikum sitzt, von Regenschirmen gegen die Sonne geschützt, unter freiem Himmel, einige ältere Menschen umschlingen sich im Paartanz. Wenige Schritte entfernt sind Meilensteine der Kunstgeschichte auf der Straße ausgestellt: auf Stelzen gesetzte Drucke, sämtlich auf ein und dasselbe Format nivelliert. Besonderen Anklang bei den Betrachtern, ausschließlich Männern, findet ein barocker Frauenakt. Bei meinen Erkundungsrunden entdecke ich an Hauswände und Stromverteilerkästen applizierte, häufig anonyme Werke mit dringlichen Aussagen, die kaum im Kulturhauptstadtprogramm zu finden sein dürften.

Wachmann mit Pumpgun

Im Vorübergehen höre ich einen Straßenhändler mit Vocoderstimme müde monotone Verkaufsverse rezitieren. Ein Teenager hält ein Bündel Kabelenden in die Luft und findet tatsächlich Interessenten. Ein unbeschäftigter Mensch hat sich zwei leere Bierkisten als Hocker auf die Straße gesetzt und wartet auf garnichts. Zwei Blocks weiter wird mürrisch eine Mauer bewacht. Eine Menge Vergeblichkeit dünstet in das eigentlich, vonseiten der Natur, durchaus angenehme Klima.

Dreckiger Himmel

Dreckiger Himmel

Auf verspiegelten Scheiben eilen die Himmel vorüber und achten wenig auf das Geschehen zu ihren Füßen, bilden stattdessen Gummibärchenwolken und ziehen sich später zu einem Grollen zusammen. Kaum werde ich des Stadtwanderns überdrüssig, als ich von einem Fahrrad (!) angeklingelt (!) werde: der einzige Weiße, dem ich auf den Straßen der Hauptstadt begegne, ist ein schwäbischer Tourist, der gerade mit seinem Guide eine fünfstündige Radtour durch den Betondschungel absolviert hat. An einer schicken kleinen Bar probieren wir ein paar eigenartige Getränke.

Mit den Kollegen Kaypa Tz'ikin und Wingston González nach einem gemeinsamen Kaqik-Essen

Mit den Kollegen Pascual Tz’ikin und Wingston González

Zwei Dichterfreunde, die jeweils eine Minderheitensprache Guatemalas repräsentieren, mache ich beim Kaq’ik-Essen im Restaurant Arrin Cuan miteinander bekannt. Direkt hinter unserem Tisch spielt die hauseigene Marimba-Combo, was den lebhaften Gesprächen keinen Abbruch tut. Pascual schreibt auf Tujaal, einer Maya-Sprache, die im Departamento El Quiché beheimatet ist, Wingston auf Garífuna, einer Einwanderersprache, die an der Karibikküste gesprochen wird. Am Abend trage ich im Deutschen Sprachinstitut in der Zona 10 Gedichte vor und beantworte zahlreiche Fragen zu Deutschland. Institutsleiter Hartmut Schostak hat, eine kleine Sensation, zur Befeuerung des Vortrags und der Aufnahmewilligkeit des Publikums Urfränkisches Dunkelbier bereitgestellt: auf diese Weise gerät der Vorabend meines Rückflugs unweigerlich zu simulierter Heimat. Auf dem Rückweg zum Hotel sehe ich über dreißig, vierzig Blocks keine Menschenseele auf der Straße. Es ist noch nicht einmal Mitternacht und die Millionenmetropole hat sich in eine verrammelte Geisterstadt wie aus einem Zombiefilm verwandelt.

Vom Verschwinden der Verschwundenen



Die Stimmung im Zentrum von Guatemala-Stadt wirkt bedrückt. An den Hauswänden kleben Steckbriefe Verschwundener, von Mord-, Folter- und Genozidopfern. Der Bürgerkrieg hinterließ eine traumatisierte Gesellschaft, die angefressenen Plakate lassen sich ebenso als breitgestreutes Symptom auf der städtischen Oberfläche betrachten wie Anti-Gewalt-Poster und Sprühparolen („Alle lügen, niemand hält Wort“, „Irgendwer hat sämtliche Blumen vernichtet“), die sich mit dem Zustand des öffentlichen Lebens auseinandersetzen. Die Mordrate der Stadt zählt zu den höchsten der Welt, die Ursachen sind vielfältig: Guatemala liegt auf der Drogenroute zwischen Südamerika und den Vereinigten Staaten, der Busverkehr wird von Banden kontrolliert, Frauen fallen dem Machismo zum Opfer, Korruption ist allgegenwärtig, die Aufklärungsraten niedrig, die öffentlichen Zuschreibungen sind teilweise gesteuert und irreführend. Typische Zeitungsmeldungen lauten: „In der Nacht auf Sonntag wurde der Fußballer (Name angegeben) vor dem Eingang einer Disco in der Zona Viva von unbekannten Subjekten mit mehreren Kugeln niedergestreckt. Die Liga betrauert seinen Abgang“ oder „Vergangenen Nachmittag wurde ein Bus der Linie (Nummer angegeben) in der Hauptstadt von Bewaffneten angehalten, der Fahrer empfing drei Kugeln in Brust und Kopf, ein Fahrgast in der Nähe des Chauffeurs wurde von einer vierten Kugel verletzt“. Im Durchschnitt verzeichnet Guatemala-Stadt acht Morde pro Tag.