Wer geht denn je nach Guatemala? Kuriose und epochemachende Reiseberichte aus dem wilden Zentralamerika

John L. Stephens‘ Incidents of Travel in Central America, Chiapas and Yucatan erreichten Mitte des 19. Jahrhunderts in deutscher Übersetzung mit elf Auflagen in den ersten sechs Monaten erhebliche Beachtung. Der amerikanische Forscher, Diplomat und Reiseschriftsteller war ein knappes Jahr im Auftrag des Präsidenten der Vereinigten Staaten unterwegs gewesen, um die politischen Verhältnisse in der gerade zerfallenden Zentralamerikanischen Konföderation (1823-1840) auszuloten, zu der sich nach der Unabhängigkeit von Spanien Guatemala, Honduras, El Salvador, Nicaragua und Costa Rica als Staatenbund zusammengefunden hatten. Am Rande und inmitten chaotischer Kriegshandlungen bestieg Stephens brodelnde Vulkane, erlitt diverse Tropenfieber, notierte seine Begegnungen mit der indigenen Bevölkerung, suchte in den Städten oft vergeblich nach verbliebenen Regierungsvertretern und erforschte vom Dschungel verschluckte Mayastädte, von deren Existenz mehr Gerüchte als Wissen kursierten.

Nachdem unsre Gesellschaft sich durch die Ankunft einer vornehmen Familie aus Guatemala vermehrt hatte, zogen wir sammt und sonders zu dem Hahnenkampfe. Er fand statt in dem Hofe eines unbewohnten Hauses, der bereits mit Menschen überfüllt war, die, wie ich zur Ehre der Indianer und zur Schande der bessern Klassen bemerkte, sämmtlich Mestizen oder Weisse waren, und — mit steter Ausnahme von Carrera’s Soldaten — sah ich nie in meinem Leben einen Menschenschlag von hässlicherem oder mörderhafterem Aussehen. Längs den ganzen Mauern des Hofs standen Hähne an einem Beine angebunden und Leute liefen mit andern Hähnen unterm Arme umher, die sie, um Grösse und Gewicht zu vergleichen, auf die Erde setzten, brachten Wetten in Ordnung und suchten sich gegenseitig zu betrügen. Endlich begann ein Spiel. Die Damen unsrer Gesellschaft hatten Sitze im Corridor des Hauses und der Platz vor ihnen war frei. Die Hahnensporen waren mörderische Instrumente, mehr als zwei Zoll lang, dick und wie Nadeln spitz. Kaum waren die Hähne auf den Kampfplatz gelassen, als die Halsfedern aufschwollen und sie aufeinander losflogen. In weniger Zeit als man zu ihrem Bespornen gebraucht, lag einer todt da, mit heraushangender Zunge und mit dem Munde entströmendem Blute. Die Begierde und Leidenschaftlichkeit der Menge und ihr Lärmen und Toben, ihr Wetten, Fluchen, Zanken und Balgen boten ein trübes Bild der Menschennatur dar und zeugten von einem blutdürstigen Volke. Den Damen bin ich es schuldig zu sagen, dass sie in der Stadt niemals solchen Schauspielen beiwohnen. (…) Nachdem wir die widrige Scene verlassen, machten wir einen Gang in der Vorstadt umher, wo man von einem gewissen Punkte aus eine prachtvolle Aussicht über die Ebene und die Stadt Guatemala nebst den umliegenden Bergen geniesst, eine Aussicht, die Einen nicht begreifen lässt, wie es möglich ist, dass Menschen, die in mitten einer so grossartigen und herrlichen Natur aufwachsen, Geschmack an so gemeinen, niedrigen Dingen finden.

„So viel Schönheit / so viele Pumpguns“ endet mein Gedicht Postkärtchen aus Guatemala. Als ich es letztes Jahr verfasste, waren mir Stephens‘ Berichte noch unbekannt. Sie zeichnen, als fokussierter Ausschnitt, die seit Anbeginn rekordgespickte Gewaltkurve Zentralamerikas fort und bis in unsere Gegenwart vor; annähernd 1000 Buchseiten mäandert die literarische Reise als grob- und feinnervig schillerndes Dokument chaotischer Zustände voller Brutalität, Schönheit und Zerrüttung seitens Mensch und Natur – und darin mindestens ebenbürtig den heute deutlich berühmteren Darstellungen des Wilden Westens, der ein paar tausend Meilen weiter nördlich zur selben Zeit seine Kaktusblüten trieb. Stephens‘ um Neutralität bemühte, gelegentlich zu ausschweifende, plastische und häufig mit Witz gewürzte Beschreibungen erinnern u.a. an Szenen aus Werner Herzogs Amazonas-Spielfilme: schlammüberzogene Ankünfte in entlegenen Dörfern, allgegenwärtiger Fieberwahn, rustikale Vergnügungen in Kolonialstädten mit ihren unablässig von Krieg und Naturgewalten bedrohten zivilisatorischen Fassaden; den als mürrisch, phlegmatisch bzw. als aguardiente- und blutdürstiger Mob beschriebenen indigenen Einwohnern bleiben im Dschungel nur Jobs aus der kolonialistisch-klerikalen Klamottenkiste:

Der zunächst Aufbrechende war der Kanonikus. Er war vor zwanzig Jahren, bei seiner ersten Ankunft im Lande, über den Berg gekommen, aber seine Schrecken standen noch immer in lebhafter Erinnerung vor ihm. Er reiste auf dem Rücken eines Indianers ab, nämlich getragen in einer Silla oder einem Stuhle mit hoher Lehne und zum Schutze gegen die Sonne oben überdeckt. Drei andere Indianer folgten als Reserve-Träger, sowie ein edles Maulthier zur Abwechselung für den Fall, dass er des Stuhltragens überdrüssig würde. Obwohl der Indianer von der Last tief zur Erde gebeugt marschirte, war doch der Kanonikus guter Dinge, schmauchte behaglich seine Cigarre und winkte uns mit der Hand zu bis er uns aus dem Gesicht war.

Stephens trifft unterwegs auf bemerkenswerte Gestalten, Sitten, Naturfänomene und Ruinen. Guatemala und seine Erscheinungen („Jeder unsrer Tritte und Schritte in diesem Lande bot uns etwas Wildphantastisches und Neues, etwas, was unsre Phantasie ergriff“), aus denen hundert Jahre später Miguel Ángel Asturias in seiner Prosa den Magischen Realismus destillieren wird, macht seine Besucher wie selbstverständlich zu Abenteurern, in schwer überschaubaren Kriegsverläufen verwandelt sich der verblüffte Stephens in einen Agenten wider Willen, der mit den Generälen beider verfeindeter Parteien speist und parliert, kurz nachdem deren versprengte Truppen ihn willkürlich gefangen genommen und um ein Haar exekutiert hatten. Ob Karl May sich bei Stephens bediente, entzieht sich meiner Kenntnis, die Möglichkeit einer solchen Linie immerhin erscheint überdeutlich.

Der letzte Fremde, der im Hafen gewesen war, war ein allbekannter Amerikaner, Namens Handy, von dem ich zuerst am Kap der Guten Hoffnung, wo er Giraffen jagte, gehört hatte, dem ich später in Neuyork begegnet war und den ich hier verfehlt zu haben ausserordentlich bedauerte. Er war von den Vereinigten Staaten aus durch Tejas, Mejico und Centralamerika gereist, und zwar mit einem Elephanten und zwei Dromedaren als Anführern seines Zugs! Der Elephant war der erste in Centraiamerika je gesehene und ich hörte oft von ihm in den Pueblos unter dem Namen El Demonio (der Teufel) sprechen.

Eine eher beiläufig erwähnte Gefahr der Reise besteht im Fieber. An einer Stelle berichtet Stephens trocken, dass alle sieben seiner unmittelbaren Vorgänger in Zentralamerika am Fieber gestorben seien. (Er selber wird zwölf Jahre später an Malariafolgen, einem ungewollten Reisemitbringsel, sterben.) Von zeitgenössischen Repellentien (außer komplett bedeckender Kleidung) kein Wort. In seiner Ergebenheit in die Fiebersituation kommt Stephens, ohne es zu merken, der Ergebenheit der Mayavölker in den Willen der Natur vielleicht am nächsten.

Alle centralamerikanischen Häfen am stillen Meere sind ungesund, dieser aber galt geradezu als tödtlich. Ich war ohne Bangigkeit in Städte eingezogen, wo die Pest wüthete; hier aber herrschte am Ufer eine todtengleiche Stille, die erschreckend war. (…) Den Nachmittag brachte mich der Kapitän ans Ufer. Am ersten Hause sahen wir zwei Kerzen angezündet, um bei der Leiche eines Mannes zu brennen. Alle, die wir sahen, waren krank und Alle klagten, dass der Ort dem menschlichen Leben tödtlich wäre. Und er war in der That fast ganz verödet, und ungeachtet seiner Vortheile als Hafen erfolgte doch wenige Tage darnach von Seiten der Regierung der Befehl, ihn aufzugeben und nach dem ehemaligen Hafen von Punta Arenas zurückzuverlegen. (…)
Der Ort war ein elender Hüttenhaufen und arm an Lebensmitteln, wo die Leute lieber schmutziges Wasser, das vor ihren Hütten stand, tranken als dass sie sich die Mühe gaben, nach dem Flusse zu gehen.

Zu den Höhepunkten des Buches lassen sich auch viele weniger abenteuerliche Alltagsbeschreibungen zählen, z.B. über das Tortillabacken (wie ich es 180 Jahre später unverändert beobachtet habe und dessen elegant-monotone Geräusche sich mir tief eingeprägt haben) oder ein Kindsbegräbnis, das mit dem Zerstampfen des Leichnams endet, um auf dem Lehmgrund der Kirche Platz für kommende Tote zu schaffen. Landschaften wie der Atitlánsee, in der Maya-Mythologie Nabel der Welt und Verbindung zur Unterwelt, erfahren mit Kuriosa beschmückte Würdigungen. Wo er auf entsprechende Informationen trifft (Bücher sind auf der Route Raritäten, wer welche zu veräußern hat, kennt sie bereits auswendig), reichert Stephens seine Berichte mit geschichtlichen Exkursen an, die als Verbindungsglieder zwischen mythischem und modernem Wissen angesehen werden können.

Frühe am Morgen gingen wir abermals zum See. Es schwebte jetzt kein Dunst auf dem Wasser und die Scheitel der Vulkane waren wolkenfrei. (…) Wir verbrachten unsre Zeit mit Schiessen wilder Enten, konnten aber nur zwei Stück ans Ufer bekommen, die, wie wir später fanden, von köstlichem Geschmack waren. Nach Juarros‘ Nachrichten ist das Wasser dieses Sees so kalt, dass es schon nach wenigen Minuten die Glieder Aller, die in ihm baden, erstarren macht und anschwellt. Aber es sah so einladend aus, dass wir beschlossen es zu wagen, und siehe da, unsere Glieder erstarrten nicht und schwollen nicht an. Die Umwohner baden beständig darin, wie man uns sagte; und Herr Catherwood blieb, von seinem Schwimmgürtel getragen und ohne alle Körperbewegung, lange Zeit im Wasser und empfand nichts von einer ausserordentlichen Kälte. Bei der gänzlichen Unwissenheit, welche über die geographischen und geologischen Verhältnisse dieses Landes herrscht, kann es wohl sein, dass die Erzählung von der bodenlosen Tiefe des Sees und von dem Mangel jedes Abflusses ebenso unbegründet ist wie die von der Kälte seines Wassers.

Ein weitgehend und völlig zu Unrecht vergessenes bzw. übersehenes Monumentalwerk, das sich in die großen Reiseberichte der Literaturgeschichte reiht.

John L. Stephens, Eduard Höpfner: Reiseerlebnisse in Centralamerika, Chiapas und Yucatan, Leipzig 1854

Eine Neuausgabe der Höpfner-Übersetzung erschien im Herbst 2014 im Verlag der Pioniere.

In mehreren Formaten, darunter auch als E-Book, bietet Google Books das Werk zum kostenfreien Download (ohne Illustrationen).

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Maismenschen

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„Die Hand, die jäh die Maisähre bricht, damit die Frucht ganz ausreift, ist wie die Hand, die den Klang der Glocke mitten entzweibricht, damit der Tote ausreifen kann.“

„Asturias, Asturias, Asturias, die ganze guatemaltekische Literatur ist Asturias“, erklärt gestikulierend der PEN-Vorsitzende des Landes, Carlos René García Escobar, als er mich durch Guatemala-Stadt chauffiert, und zählt ein paar Titel des Nobeltreisträgers auf. „“Hombres de maíz“ habe ich auf Deutsch im Gepäck“, entgegne ich, unschlüssig darüber wie Carlos sein Statement gemeint haben könnte. Da fällt das Thema bereits unter den Tisch, bzw. in den Fußraum des Wagens, wir kommen, inspiriert vom Geschehen vor der Windschutzscheibe, übergangslos auf Verkehr, Kriminalität, Politik und die Dichtung der jüngeren Generationen zu sprechen. Der Name Asturias begegnet mir in Guatemala fortab ähnlich wie der Name Grass in Deutschland: als angestaubter, mehr oder minder beschädigter Monolith, dem gerade nichts hinzuzufügen ist.

„Die Maismänner“ (wie das Buch in der mir vorliegenden Übersetzung von Rodolfo Selke heißt – es existiert noch eine weitere, „Maismenschen“ betitelt), meine Reiselektüre, läßt sich in heutiger Diktion am besten als Remix des Popol Vuh, des Heiligen Buches und Schöpfungsmythos der Maya beschreiben. Asturias nimmt bereits im Popol Vuh enthaltene Momente des Magischen Realismus auf und transponiert dessen illustres Personal aus prominenten Tierkriegern und Göttern zu geschlagenen Charakteren aus den einfachen Bevölkerungsschichten der Provinz. So setzt sich der Roman aus sechs bildmächtigen Einzelerzählungen zusammen, die jeweils nach ihrer Hauptfigur benannt sind. Zwischen den Erzählungen ergeben sich personelle Schnittmengen, allen gemein ist das geografische Milieu des Hochlands mit seinen indianischen Bewohnern und ihrer Weltsicht einer in sämtlichen Elementen belebten, zyklisch sich organisierenden Natur: in den Lebenden sind die Toten spürbar enthalten, den Maisgeborenen ist ihre künftige Eigenschaft als Maisdünger bewußt. Nicht selten geht die Handlung unter ihrer eigenen Bildhaftigkeit verschütt, in plastischen, poetischen, fabulierend wogenden Schüben wie aus der wind- und regenbewegten, saftig und dornig dümpelnden Natur der Mayagebiete.

„Man hat mir ja schon Medizin gegeben. Was ich in der Brust spüre und was man mir untersucht hat, ist Herzensschaum.“
„Ach du Scheiße! Was ist das denn?“
„Leuten wie mir, die ihr Leben lang immer gut getrunken haben, bleibt ein schaumiger Rückstand von all dem Likör im Blut, und wenn dieser Schaum das Herz erreicht, stirbt man. Das Herz verträgt den Schnapsschaum nicht.“
„Aber dagegen muß es doch ein Mittel geben…“
„Ja, noch ein Schlückchen… Wie meinen?“

Zäh und beharrlich geht das Erzählen vonstatten wie die Feldarbeit im Hochland, die ich auf diversen Autofahrten aus der Ferne betrachte, die bis heute von Hand betrieben wird. Bis in die Gegenwart von Großgrundbesitzern ausgebeutete Campesinos marschieren nach verrichtetem Tagwerk mit geschulterten Macheten die Landstraßen heimwärts. Manche erreichen ihr Zuhause nicht, sondern bleiben, vom Schnaps niedergestreckt, zuckend am Straßenrand oder gleich direkt vor dem Friedhofstor liegen. Mit derartigen Beobachtungen wie ich sie an verschiedenen Stellen im Departamento Huehuetenango mache, korrespondiert eine der schönsten Schnapstrinkerpassagen der Literatur, gleichwohl mit vorhersehbarem Ausgang, als in der Buchmitte die Compadres Revolorio und Goyo Yic sich seitenlang gegenseitig ihren Fusel um immer dieselbe Münze abkaufen, bis der Kanister, mit dem sie für guten Verdienst ein halbes Dorf abfüllen wollten, geleert ist.

In Aguacatán zu Füßen der Sierra de los Cuchumatanes, abseits der Touristenpfade, werde ich zufälliger Zeuge einer Maya-Räucherzeremonie für einen Toten und verbinde das Gesehene sogleich mit einer Buchpassage über Maisblattfeuergeknister. Asturias beschreibt Guatemala in seiner natürlichen, sinnlichen Vielfalt, die Geschichten sind angereichert mit Auftritten von Vögeln, Pflanzen, Gerichten und Getränken, von denen ich noch nie zuvor gehört habe. Bei den Schulspeisungen auf Mayagebiet, zu denen ich als Gast geladen werde, und auf Märkten erweist sich, daß die kulinarischen Hinweise des Buches weiterhin zutreffen: ich verkoste Atol (ein schrotiges, warm serviertes Maisgetränk), in Bananenblätter geschlagene Reistamales (ein herzhaftes Risotto) oder Nancefrüchte und andere, der deutschsprachigen Wikipedia bis dato unbekannte Köstlichkeiten. Am Straßenrand erblicke ich Ortsbezeichnungen, die auf historische Mayahelden weisen, die wiederum das Maismenschen-Personal bereichern: in einigen Momenten kommt es mir vor, als befahre, bewandere und erkunde ich anstelle Guatemalas ein sechzig, siebzig Jahre altes Buch, Momente, die jedoch schnell in Wirklichkeit und Moderne sich lösen: die Tochter der Marktfrau, die nur Tz’utujil spricht, spielt mit ihrem Smartfone, statt Eselskarren holpern Pick-ups und Tuk Tuks durch die Provinz, gerade hat ein im Lande wegen seines Blicks auf die Mayakultur kontrovers diskutierter Spielfilm, Ixcanul Volcano von Jayro Bustamente, der erste guatemaltekische Wettbewerbsfilm bei der Berlinale überhaupt, einen Silbernen Bären gewonnen.

Menschen sind wie in Kleider gehüllte Tamales, aus denen der rote Saft quillt.

Im Spannungsfeld zwischen Lebens- und Todesmetafern wabert ein beschwörender Text voller blut-, feuer-, liebes-, haß- und alkoholgetränkter Zauberformeln, die mit Macht aus dem Leben mit seinen profanen Vorgängen hervortreten, das sie zur Beiläufigkeit verurteilen, dieweil die mystische Dimension obsiegt: überfrachtet-bunte, nach innen gespiegelte Geisterhaftigkeit wie aus Überblendungen der gemalten Visionen Henri Rousseaus und Hieronymus Boschs, ein psychedelischer Ouroboros-Comic, naiver Normalitätssplatter als Möbiusschlaufe. Die Guatemala durchwirkende, täglich in den Zeitungen abgehandelte Gewalttätigkeit strebt ihrer Erlösung in zeremoniellem Wort und freier Fantasie entgegen: keine im modernen Sinne mitreißende, sondern vielmehr eine mit unzähligen Falltüren ins Reich der Mystik versehene, die Beharrlichkeit bäuerlicher Rhythmen imitierende und fordernde Lektüre.

„Immer betrügt man sich selbst in der Hoffnung, daß die Dinge so sind, wie man sie sich wünscht. Leider sind sie es nicht. Gaspar ertrank. Aber nicht, weil er nicht schwimmen konnte – du sagtest selbst, er war mit dem Wasser vertraut wie ein Fisch – sondern weil er im Lager statt lebendiger Menschen nur Leichen fand. Die Soldaten hatten alles niedergemetzelt. Das traf ihn härter als jeden anderen, war er doch ihr Führer, und so wurde ihm klar, daß er mit ihnen gehen mußte, mit den Gemordeten. Um nicht der Patrouille den Gefallen zu tun, auf den sie warteten, ließ er sich in den Fluß fallen – aber nun nicht mehr wie ein Mensch, sondern wie ein Stein. Du mußt wissen, wenn Gaspar schwamm, war er zuerst eine Wolke, dann ein Vogel und schließlich der Schatten seines Schattens auf dem Wasser.“

Miguel Angel Asturias: Die Maismänner, Volk und Welt, Berlin 1985 (Originalausgabe: Hombres de Maíz, Editorial Losada, Buenos Aires 1949)

Guatemala-Stadt (3)

Flugstudie: anonymes Werk in den Straßen der Hauptstadt

Vom Fliegen: anonymes Werk in den Straßen der Hauptstadt

Während meines Aufenthalts ist Guatemala-Stadt Kulturhauptstadt Zentralamerikas. An Aktivitäten bekomme ich lediglich ein Marimba-Orchester mit, das in der Mittagshitze unter der öffentlich zugänglichen Bühnenmuschel im Parque Centenario seine Setliste abarbeitet. Das wechselnde Publikum sitzt, von Regenschirmen gegen die Sonne geschützt, unter freiem Himmel, einige ältere Menschen umschlingen sich im Paartanz. Wenige Schritte entfernt sind Meilensteine der Kunstgeschichte auf der Straße ausgestellt: auf Stelzen gesetzte Drucke, sämtlich auf ein und dasselbe Format nivelliert. Besonderen Anklang bei den Betrachtern, ausschließlich Männern, findet ein barocker Frauenakt. Bei meinen Erkundungsrunden entdecke ich an Hauswände und Stromverteilerkästen applizierte, häufig anonyme Werke mit dringlichen Aussagen, die kaum im Kulturhauptstadtprogramm zu finden sein dürften.

Wachmann mit Pumpgun

Im Vorübergehen höre ich einen Straßenhändler mit Vocoderstimme müde monotone Verkaufsverse rezitieren. Ein Teenager hält ein Bündel Kabelenden in die Luft und findet tatsächlich Interessenten. Ein unbeschäftigter Mensch hat sich zwei leere Bierkisten als Hocker auf die Straße gesetzt und wartet auf garnichts. Zwei Blocks weiter wird mürrisch eine Mauer bewacht. Eine Menge Vergeblichkeit dünstet in das eigentlich, vonseiten der Natur, durchaus angenehme Klima.

Dreckiger Himmel

Dreckiger Himmel

Auf verspiegelten Scheiben eilen die Himmel vorüber und achten wenig auf das Geschehen zu ihren Füßen, bilden stattdessen Gummibärchenwolken und ziehen sich später zu einem Grollen zusammen. Kaum werde ich des Stadtwanderns überdrüssig, als ich von einem Fahrrad (!) angeklingelt (!) werde: der einzige Weiße, dem ich auf den Straßen der Hauptstadt begegne, ist ein schwäbischer Tourist, der gerade mit seinem Guide eine fünfstündige Radtour durch den Betondschungel absolviert hat. An einer schicken kleinen Bar probieren wir ein paar eigenartige Getränke.

Mit den Kollegen Kaypa Tz'ikin und Wingston González nach einem gemeinsamen Kaqik-Essen

Mit den Kollegen Pascual Tz’ikin und Wingston González

Zwei Dichterfreunde, die jeweils eine Minderheitensprache Guatemalas repräsentieren, mache ich beim Kaq’ik-Essen im Restaurant Arrin Cuan miteinander bekannt. Direkt hinter unserem Tisch spielt die hauseigene Marimba-Combo, was den lebhaften Gesprächen keinen Abbruch tut. Pascual schreibt auf Tujaal, einer Maya-Sprache, die im Departamento El Quiché beheimatet ist, Wingston auf Garífuna, einer Einwanderersprache, die an der Karibikküste gesprochen wird. Am Abend trage ich im Deutschen Sprachinstitut in der Zona 10 Gedichte vor und beantworte zahlreiche Fragen zu Deutschland. Institutsleiter Hartmut Schostak hat, eine kleine Sensation, zur Befeuerung des Vortrags und der Aufnahmewilligkeit des Publikums Urfränkisches Dunkelbier bereitgestellt: auf diese Weise gerät der Vorabend meines Rückflugs unweigerlich zu simulierter Heimat. Auf dem Rückweg zum Hotel sehe ich über dreißig, vierzig Blocks keine Menschenseele auf der Straße. Es ist noch nicht einmal Mitternacht und die Millionenmetropole hat sich in eine verrammelte Geisterstadt wie aus einem Zombiefilm verwandelt.

De mi barrio a tu barrio

Ohne Totenkopf geht garnichts - organisierte Streetart in Guatemala-Stadt

Ohne Totenkopf geht garnichts – organisierte Streetart in Guatemala-Stadt

Neben dem Pan American, einem Art Déco-Hotel und belebten Treffpunkt der Zona 1 für Geschäftsleute, Schönheitsköniginnen und sonstwie ausgefallene Gestalten, erstreckt sich um zwei Straßenecken eine Mauer, die über hundert Längenmeter von einem Dutzend guatemaltekischer Sprayer gestaltet wurde. In deutscher Sprache steht ein auffälliger Schriftzug angeschrieben: „Von der Dritten Welt in die ganze Welt“.

Detail: Schweineengel mit Propellerkappe

Kuratiert hatte die Aktion „De mi barrio a tu barrio“ (Von meinem Viertel in deines) Jim Avignon im Jahr 2011. In einem Interview erzählt er, daß die Künstler von der Stadt gewarnt worden waren, unter keinen Umständen mit dem Stacheldraht, der den Mauerabschluß krönt, in Berührung zu kommen. Der Draht steht unter Starkstrom.

In sich selbst Gefangener, Schafe, Passant

Wenn Passanten ihren Blick auf die Bildwerke werfen, dann, weil ich dort stehenbleibe, schaue und fotografiere. Auf der gegenüberliegenden Straßenseite hat eine sechs- bis achtköpfige Gruppe unter einer schäbigen Arkade, Schlafplatz für Obdachlose, Mikrofone und Verstärker aufgebaut und beginnt eine Straßenpredigt ins Leere. Am nächsten Tag steht die Christentruppe, der niemand Aufmerksamkeit schenkt, erneut an ihrem Platz.

Guatemala-Stadt (2)

Digital StillCamera

Kathedrale von Guatemala-Stadt auf der Plaza de la Constitución

Bei meinem zweiten Aufenthalt residiere ich im historischen Zentrum der Zona 1. Der Platz der Verfassung wird bevölkert von fliegenden Händlern, auf dem Asfalt picknickenden Familien und Demonstranten. Nicht weit entfernt befindet sich der Zentralmarkt mit beachtlichem Angebot an Frischwaren. Ich lasse mir eine Trinkkokosnuß aufschlagen und lerne das guatemaltekische Maß „tres manos“ (drei Handvoll) kennen, das beim Straßenverkauf kleinerer Früchte Verwendung findet. Auf den Platz führt die 6A Avenida, vermutlich die bekannteste Straße der Hauptstadt.

Straßencombo auf der 6A Avenida

Straßencombo auf der 6A Avenida

Der Boulevard fungiert als einzige Fußgängerzone der Innenstadt. Morgens kommt sie nur langsam in Schwung. Auf einem Kilometer reihen sich Läden mit Kunststoffprodukten, dazwischen Fastfood-Restaurants und Boutiquen, die Kleidung mit Minions-Motiven und Glitzer verkaufen. Auf der Straße bieten Portraitzeichner, karibische Friseurinnen, und wandelnde Schaufensterpuppen ihre Produkte und Dienstleistungen an. Alle paar Meter stehen Polizisten oder Wachpersonal mit Shotguns.

Immer an der Wand lang

Eine seltsame Hochlandgrippe mit mir schleppend, lasse ich mich von Passantenwellen die Straße auf- und abspülen. Vereinzelt schieben Hedonisten ihre Einräder neben sich her. Schuhputzer versuchen mich zu stoppen. Über den Köpfen der Menge platzen Seifenblasen, baumeln an Stangen angebrachte Moskitonetze, weisen Plakate auf einen großen Fotowettbewerb hin, gefragt sind Motive der Innenstadt. Aus der Hüfte schieße ich verwackelte Straßenszenen, bis der Speicherchip übersäuert.

Seit jeher gesucht, bis heute unentdeckt: das legendäre Heartland

Als befände ich mich in einem Computerspiel, bewege ich mich durch das rechtwinklige Straßenraster, rechts, links, links, rechts… Umgehe jäh aufklaffende Gullilöcher, die mit ihren abgebrochenen Schutzgittern an Bärenfallen erinnern. Auf dem Weg eingesammelte Instinkte hindern mich am Betreten diverser Areale. Meine Feinde halten sich bedeckt. Von den Wänden bröckelt der Putz und gibt Geheimkarten preis.

Einer von zahlreichen Fußballstars in den Straßen der Hauptstadt

Einer von zahlreichen Fußballstars in den Straßen der Hauptstadt

Dann taucht Thierry Henry vor mir auf. Neben seinem alten Arsenal-Jersey trägt er einen leeren Blecheimer übers Trottoir.  Ich spreche den Ex-Fußballer an, wir reden über seine großen Zeiten und er führt mich zur Buchhandlung Piedra Santa. Dort bittet Henry um etwas Geld für sein Frühstück, sein Gehalt sei noch nicht angewiesen. Der Lyrik wird in der Buchhandlung, anders als in Europa, ebensoviel Platz beigemessen wie der Belletristik und dem Sachbuch: zwei Dutzend Titel, darunter eine Handvoll von derselben Autorin, die, falls ich recht verstehe, um die Ecke wohnen soll.

Vom Verschwinden der Verschwundenen



Die Stimmung im Zentrum von Guatemala-Stadt wirkt bedrückt. An den Hauswänden kleben Steckbriefe Verschwundener, von Mord-, Folter- und Genozidopfern. Der Bürgerkrieg hinterließ eine traumatisierte Gesellschaft, die angefressenen Plakate lassen sich ebenso als breitgestreutes Symptom auf der städtischen Oberfläche betrachten wie Anti-Gewalt-Poster und Sprühparolen („Alle lügen, niemand hält Wort“, „Irgendwer hat sämtliche Blumen vernichtet“), die sich mit dem Zustand des öffentlichen Lebens auseinandersetzen. Die Mordrate der Stadt zählt zu den höchsten der Welt, die Ursachen sind vielfältig: Guatemala liegt auf der Drogenroute zwischen Südamerika und den Vereinigten Staaten, der Busverkehr wird von Banden kontrolliert, Frauen fallen dem Machismo zum Opfer, Korruption ist allgegenwärtig, die Aufklärungsraten niedrig, die öffentlichen Zuschreibungen sind teilweise gesteuert und irreführend. Typische Zeitungsmeldungen lauten: „In der Nacht auf Sonntag wurde der Fußballer (Name angegeben) vor dem Eingang einer Disco in der Zona Viva von unbekannten Subjekten mit mehreren Kugeln niedergestreckt. Die Liga betrauert seinen Abgang“ oder „Vergangenen Nachmittag wurde ein Bus der Linie (Nummer angegeben) in der Hauptstadt von Bewaffneten angehalten, der Fahrer empfing drei Kugeln in Brust und Kopf, ein Fahrgast in der Nähe des Chauffeurs wurde von einer vierten Kugel verletzt“. Im Durchschnitt verzeichnet Guatemala-Stadt acht Morde pro Tag.

Guatemala-Stadt

Wandgemälde mit Vorhang in der Zona 4

Wandgemälde mit Vorhang

Zona 4, Guatemala-Stadt. Carlos René García Escobar, der PEN-Präsident Guatemalas, holte mich am Flughafen ab. Einfach so ein Taxi ohne Referenz zu nehmen sei gefährlich, hörte ich später. Zuvor hatte Carlos mir, damit ich ihn erkennen möge und mich an meine Heimat erinnert fühle, wie er sagte, ein gemeinsames Foto mit Günter Grass von einem Kongreß in Berlin vor rund zehn Jahren geschickt. Der Abend dämmerte bereits, als Carlos mich in einem stacheldrahtumzäunten Hotel ablieferte, vor der vergitterten Einfahrt zwei Wachmänner mit Shotguns. Gejetlagged fiel ich umgehend in Tiefschlaf. Am nächsten Morgen, sechs Uhr früh, wollte ich ein paar Scheine in der lokalen Währung auftreiben und einen Netzadapter für meine elektronischen Geräte besorgen. Die Rezeptionistin beorderte das Wachpersonal, mich über die Kreuzung zu einer Tankstelle mit Geldautomat zu begleiten. Das kam mir zu gleichen Teilen übertrieben wie freundlich vor. Mit einer Anzahl frisch gebügelter Quetzales machte ich mich auf den Weg. Die Geschäfte hatten noch geschlossen, doch einige abenteuerliche Kramläden öffneten nach und nach, auch solche mit Elektrobedarf, Adapter für europäische Stecker führte keiner davon. Auf der Straße zuckten Überreste der vergangenen Nacht. Zerstörte Menschen. Dann wieder solche, die den Weg zur Arbeit aufnahmen. Beutegierige Straßenkinder. Ein paar befremdete Blicke: was sucht der große Weiße hier? Traute mich kaum zu fotografieren. Eines der wenigen Bilder des ersten Morgens ist dieses von einem Wandgemälde in einer Nebenstraße.

Torre del Reformador von 1935

Torre del Reformador von 1935

Auf meiner frühmorgendlichen Erkundungstour durch Haupt- (Avenidas) und Nebenstraßen (Calles), die sich zu durchnummerierten Rastern fügen, ragte plötzlich der Torre del Reformador, unter dem ich am Vortag bereits hindurchgefahren war, vor mir empor. Das Bauwerk ist dem Eiffelturm nachempfunden, auf derselben Avenida steht weiter stadteinwärts auf der Plaza de la Republica ein von drei Bronzefiguren über Kopf erhobener Obelisk. Tourismus existiert in der Landeshauptstadt kaum. Sie gilt als wenig sehenswert und gefährlich.

Teethburger

Teethburger

Burger-Schnellrestaurants sind im Stadtbild omnipräsent, Produktnamen der spanischen Sprache angepaßt – so sah ich z.B. „McNíficos“ angepriesen. Drei meiner ersten vier Mahlzeiten in Guatemala bestanden aus dem desayuno típico (typisches Frühstück), das zu anderen Tageszeiten als platillo típico (typisches Gericht) angeboten wird: die Basisversion vereint schwarze Bohnenpaste, Kochbananen, Rührei, Tortillas und Kaffee.

Antigua Guatemala

im minivanAntigua (Alt-Guatemala) gilt aufgrund ihres architektonischen Reichtums als sehenswerteste Stadt des Landes, eine Mischung aus Kolonialstil und us-amerikanischer Resortbildung. Bei einem kurzen Zwischenstop auf dem Weg nach Guatemala-Stadt bekam ich hauptsächlich Randbezirke zu sehen: breite, saubere Kopfsteinpflasterstraßen, in denen der Tag mit Lichteinfällen experimentierte.

im minivan_2Als Passagier eines vollbesetzten Minivans cruiste ich durch den Ort. Kubistische Lichtmauern drangen ins Fahrzeug und verschoben ihre Oberflächen in unsere Schatten.

zweiweltRucksack-Reisende lagerten im reichhaltigen Gebüsch, das auf Gartenmauern in die Himmel wuchs, dessen Servicekräfte Besuchertickets ausstellten. Vielfältige Perspektiven für einen Rücksitz-Reisenden.

Von Sekretärinnen und Taxifahrern

Alberto Arzús Gedichtband 10-14, diesen Mai erschienen bei Editorial X in Guatemala

Alberto Arzús Gedichtband 10-14, diesen Mai erschienen bei Editorial X in Guatemala

An einem von Starkregen bedrohten Nachmittag treffe ich im Parque Centroamérica im Herzen Quetzaltenangos, das bis zu 2400 Meter hoch auf den Sedimenten eines ehemaligen Bergsees liegt und nach seinem alten Mayanamen Xelajú meist Xela (sprich: Schela) genannt wird, auf Alberto Arzú, einen Dichter, der auf seiner Facebook-Seite (dort als Gato Azul, deutsch: Blaue Katze unterwegs) in hohem Takt von kulturellen und politischen Begebenheiten in Xela und ganz Guatemala berichtet sowie eine schier endlose Serie mit lyrischen Aforismen betreibt. Alberto ist leicht auszumachen: mit seinen Rastalocken und der Kapitänsbinde, die er über einer mit Stickern benähten Weste trägt, fällt er in Xela optisch aus dem Rahmen. Noch bevor er mich ausgiebig durch die innerstädtischen Zonen führt, in denen er jeder Straße, beinahe jedem Haus eine Geschichte zuzuordnen weiß, drückt er mir zwei seiner Gedichtbände in die Hand.

Der erste, Taxi ¡Crush!, 2012 bei Chuleta de Cerdo Editorial erschienen, lotst die Leserschaft in ein anfahrendes Taxi, dessen namenloser Chauffeur über die Schulter von seinen Erlebnissen und Gedanken erzählt. Sämtliche Gedichte sind auf eine Buchseitenlänge geschnitten. In ihren Erzählweisen erinnern sie an Popsongs, die wiederum tatsächlich in vielen der Gedichte als Soundtrack aus dem ständig eingeschalteten Autoradio tönen: mal läuft nach vorne gehender Indie-Trashbeat (The Go-Go’s), dann wieder sehnsüchtige, melancholische Melodien (Feargal Sharkey, John Lennon) – vornehmlich Stücke aus den Achtzigerjahren. Im Popmusik-Kontext verweilend, ließe sich der Band als Konzeptalbum beschreiben: der Taxi fahrende Protagonist frißt Straßenkilometer wie flüchtige Begegnungen und durchlebt eine zunehmend emotionale Reise: von Anteilnahme und Verliebtheit über Frustration hin zu Todessehnsucht.

Auch wenn die Kulisse im Eingangsmotto als die „irgendeiner Stadt“ zu „irgendeiner Stunde“ vorgestellt wird, ergeben sich Hinweise auf Quetzaltenango, die Stadt Guatemalas, die der Dichter Arzú von allen am meisten schätzt. Die kulturellen Entfaltungsmöglichkeiten seien in Xela größer, der Zusammenhalt in der Szene besser als in der Hauptstadt. Seit 2003 findet regelmäßig ein großes internationales Poesiefestival statt. Hier betreibt er seinen Verlag Chuleta de Cerdo (Schweinekotelett), dessen Logo die kartografische Gestalt Guatemalas mit der eines Koteletts vereint. Der Verlag wurde aus der Cartonera-Idee geboren, seine Bände erinnern in ihrer Machart an die der Kölner Parasitenpresse.

Taxi ¡Crush! bewegt sich durch einen Alltag unterhalb des öffentlichen Interesses, voll kleiner, einfacher, kaum jemals hoffnungsfroher Geschichten mit verheulten Mädchen, gehetzten Männern, traurigen Büroangestellten, katastrofalen Heimniederlagen des lokalen Fußballteams, geheimnisvollen Rückbankschönheiten und dankbaren Unfällen am Wegesrand, die unerträgliche Monologe von Fahrgästen beenden helfen. Der Regen (der in Xela apokalyptische Ausmaße anzunehmen vermag) begleitet die Touren, die in ihrer täglichen Wiederholung die schönen Erinnerungen des Chauffeurs überkommen. Zunehmend empfindet er sich als Gefangener seiner Position, Desillusionierung und Daseinsekel brechen sich Bahn. Umschwirrt von gelben Taximolekülen endet der letzte Arbeitstag in einer Blutlache aus Traum und Wirklichkeit.

Die Zahlenfolge im Titel des zweiten Bandes, 10-14, weist sowohl auf eine typische Block-Hausnummer in Guatemala-Stadt als auch auf die durchnummerierten, aktuell 25 Zonen der zentralamerikanischen Metropole – und bezeichnet hier ein fiktives Bürogebäude in der gehobenen Zona 14. Von Angestellten, Angehörigen der Mittelklasse, deren Arbeit auf die Anschaffung des neuen Volkswagens abzielt, auf gesellschaftlichen Aufstieg innerhalb eines materiell, am Wert bestimmter Markenprodukte bemessenen Codesystems, handeln die Gedichte des ersten Teils, die optisch aus Büroeinheiten bestehenden Hochhäusern gleichen. Selbst die Schmerzkiller nach Büroschluß („ein schönes kühles Budweiser“) tragen Markennamen.

Anders als der Taxifahrer aus Taxi ¡Crush!, der die Musik hinnimmt, die das Radio ihm anbietet, unterscheiden die Büroangestellten bei der Arbeitsplatzbeschallung zwischen gutem und schlechtem Geschmack, „Reggaeton-Scheiße“ und „Bands mit Klasse“. Arzú zeichnet den Büromenschen als Spielball seines Statusdenkens, seiner von ungenannten Vordenkern übernommenen Klassifikationen, die ihm erlauben, den eigenen Mittelklasse-Status als gehoben, zumindest als über minderwertigere Geschmäcker, Einstellungen, Berufe erhaben betrachten zu dürfen.

Gedichttitel wie „Sie haben einen Blocker für die sozialen Netzwerke in den Bürocomputern installiert“ halten, was sie versprechen: die Texte analysieren zeitgenössische Arbeitsbedingungen in Versen, es geht um Angestelltenrabatte, Arbeitsgeräusche und den Blick aus der siebten Etage über die Stadt. Wird Facebook abgeschaltet, taucht der Firmenpsychologe auf und hilft zweifelnden Mitarbeitern zu Liebenswürdigkeit und Effizienz zurückzufinden. Denn die meisten Angestellten lieben ihre Arbeit nicht gerade: ihnen ist bewußt, daß sie Geldmengen generieren, die maßgeblich von wenigen anderen abgeschöpft werden. Ein anderer Titel: „Die Wanduhren in diesen Büros sind riesig, damit sie uns an den Lauf der Zeit erinnern“ scheint direkt an Charlie Chaplins Modern Times bzw. Jacques Tatis Playtime anzuschließen.

Die von Hierarchiebewußtsein und Austauschbarkeit geprägten Verhältnisse der Angestellten dienen Arzú als Ausgangskonstellationen für kurze Erzählgedichte, in denen selten Wesentlicheres passiert, als daß eine geradezu unerträgliche Grundstimmung sich immer weiter aufbläht, eine Blase aus zigtausendfacher Realität in westlichen Modefarben, über der als ständige Bedrohung eine Insolvenz dräut, die immer nur die sogenannten Mitarbeiter um ihre aus anfallenden Ratenzahlungen bestehenden Lebensentwürfe fürchten läßt, während die Bosse in gänzlich anderen Sfären zu leben scheinen.

Auf die Erzählgedichte folgen im zweiten Teil kurze zwei- bis sechszeilige, aforistische Skizzen, die an abstrakte Kunstwerke auf den Fluren von Firmengebäuden erinnern und die im ersten Teil aufgebaute Stimmung eines seiner Lebendigkeit beraubten Lebens nochmals verdichten: „Im blauen Büro / der grauen Angestellten“, „Denn im Büro finden sich Angestellte / Und in den Angestellten findet sich nichts / Arbeit, Arbeit, Arbeitsroutine / Etwas findet sich“.

Alberto Arzús Gedichte werden getragen von verallgemeinerten soziologischen Betrachtungen und Sprechweisen des Pop. Sie transportieren die Hoffnungen der Jugend, des Verliebtseins, denen die Melancholie des Vergehens und Scheiterns bereits innewohnt. Die jungen Dichter Guatemalas räumen auf ihre Weise mit der Literatur des Landes  auf. Aus der Zeit des Bürgerkriegs (1960-1996), der das Volk bis in die Gegenwart traumatisiert hat, erklingen in Arzús Gedichten lediglich die Lieder von The Smiths, The Cure oder U2. Die auftretenden Gestalten scheinen ihrer Wurzeln beraubte, unter globalen Prämissen lebende Weltbürger, die in kurzen lyrischen Strichen mithilfe von New Wave-Songs und europäischen Traumautos vor einer unbestimmten Situation flüchten, in der sie zugleich alptraumhaft auf der Stelle treten. In Alberto Arzús Gedichten finden sich Schnittmengen zu meinen Beobachtungen des urbanen Guatemalas, wie es sich in der Hauptstadt und teilweise in Quetzaltenango abspielt. Trotz einigermaßen stabiler Wirtschaftslage ist allenthalben Desillusionierung spürbar; dafür sprechen die Gesichter der Menschen, die insbesondere in den Straßen der Hauptstadt von Plakaten und Graffiti mit den Konterfeis Verschwundener und Ermordeter gespiegelt wirken.

Nachtrag, 08. September 2015
Von Sekretärinnen und Taxifahrern ist nun auch in der Lyrikzeitung nachzulesen.

Nachtrag, 29. Dezember 2015
Im Rahmen ihres Rückblicks auf das Lyrikjahr 2015 rebloggen die Kulturnotizen zu Kunst, Musik und Poesie den Eintrag Von Sekretärinnen und Taxifahrern heute auf ihrer Website.