Versnetze_zehn

versnetze_zehn
„Die „Versnetze“ sind auch ein Seismograph gesellschaftlicher Befindlichkeiten, etwa mit von ostdeutschen Schriftstellern verfassten Gedichten über die Nachwehen der Wiedervereinigung oder Erinnerungen an das Leben in der DDR. Und auch die unheilvolle Vergangenheit des Dritten Reiches mit seinem unmenschlichen Vernichtungsapparat beschäftigt die Autoren nach wie vor. Kein Wunder bei den rechtspopulistischen Entwicklungen in Deutschland und anderen Ländern Europas. In der jüngeren Vergangenheit und Gegenwart wird verstärkt die Situation der Flüchtlinge thematisiert. Zum weiteren inhaltlichen Spektrum gehören unter anderem die schöne neue Technik- und Medienwelt, Heimat ohne Heimattümelei, Natur, Kunst, Musik, Literatur und Zeit.“ (Herausgeber Axel Kutsch im Vorwort)

Am Konzept der Versnetze hat sich in der zehnten Ausgabe nichts geändert: nach Regionen geordnet versammelt die jährlich erscheinende Anthologie ausgewählte Dichterstimmen (hauptsächlich) aus Deutschland. Von mir sind mit Heimat und Feuer zwei Gedichte aus dem in diesem Frühjahr erschienenen Band MINI WELT enthalten.

Versnetze_zehn, Verlag Ralf Liebe, Weilerswist, 340 Seiten, 24 Euro, ISBN: 978-3-944566-71-9

Flüchtiges Fleisch im Arbeitskittel

lütfiye güzel_faible
Seit 2012 hat Lütfiye Güzel sieben Bücher mit Gedichten, Notizen, Kurzgeschichten und Selbstgesprächen vorgelegt, darunter eine Novelle und ein Antiroman. faible? fungiert als Best of-Kompilation aus diesen sieben Titeln. Inhalte und Herstellungsbedingungen des Bandes erinnern an Produkte des Social Beat, eines literarischen Netzwerks in den 90ern, das abseits etablierter Strukturen unzählige Zeitschriften, Lesungen und Verlage organisierte und dessen AutorInnen überwiegend von gesellschaftlichem Schattendasein erzählten.

faible? eröffnet mit einem Supermarkt-Gedicht, in dem das lyrische Ich sich ostentativ vor den Waren und zugleich im Off der Kommerz- und Erfolgswelt mit ihren Anforderungen und Normen positioniert. Ein Auftakt, der sich im Folgenden bestätigt: auf der Flucht vor dem Vielzuviel pendelt ein zweifelserfüllter Ichzustand webschiffchengleich von Text zu Text, schattierte Muster aus grauen Gewissheiten zu wirken.

die hose

wie die hose & das t-shirt
über der stuhllehne hängen
so leblos & fallen gelassen
nutzlos auch
& das buch der antworten
es liegt auf meinen knien
während ich an den fragen arbeite

In Lütfiye Güzels Worten schwingen Staunen, Zweifel, Einsamkeit, Abenteuerlust, Verlust und Randexistenz-Bewußtsein: krakenbeinige Führungslinien, die in trockenen, tödlich nüchternen Beobachtungen verlaufen. Ihre Sprache ist prägnant, trotzig, bisweilen überraschend, aus mittlerer Distanz klingen Orhan Veli und Charles Bukowski an, aus der Nähe viel Marxloher Vorstadtwirklichkeit. Mehrere Gedichte erreichen Hitqualität. Es wäre wunderbar, solche Texte, gegen jede Furcht und Routine, am Samstagabend um 20 Uhr im Ersten ausgestrahlt zu wissen. Sie handeln von Ängsten in einem der wohlhabendsten Länder (von der Angst nicht dazuzugehören genauso wie von der Angst dazuzugehören), von Kleinigkeiten, von der Welt, von Sehnsucht und Fernweh, von der Verlorenheit, vom Nichterreichten, von der Machtlosigkeit der poetischen Fantasie, davon daß nichts passiert, vom Vater (dem Helden, der sein Geld verspielte), von hüzün (der türkischen Version von Tristesse, die auf Deutsch nach Fado klingt), kurzum: vom Gegenteil von Glück und insofern vom Glück, von der Dichtung als Ausweg (der keiner ist), vom Gastarbeiter-Schichtalltag und vom Gurkensortieren, von Duisburg, vom Nichtbleibenwollen und Nichtfortgehenkönnen, von der Verlogenheit der Durchhalteparolen, vom Einrasten des Klischees, von Zimmern (immer wieder von Zimmern), von Reinigung, Familie und entkoppelt dastehenden Gefühlen, von der Übersättigung an Unbefriedigendem, von einem Treffen mit Claude Chabrol, letztlich von der Flucht aus dem Vertrauten ins Vertraute, das zu ertragen eine der edelsten Aufgaben des Menschseins vorstellt.

In Anlehnung an Arte Povera ließe sich bei Lütfiye Güzel von Poesia Povera sprechen, einer Dichtung aus „armen“, sprich gewöhnlichen, alltäglichen Materialien. Der auf diesen Seiten stets geprüfte Möwenfaktor beträgt in faible? übrigens, wie auch der Rheinfaktor, Null. Statt Möwen finden sich Tauben „die man verjagt / weil sie vielleicht / nicht wirklich schön sind“, die an anderer Stelle als „Nazi-Tauben“ auftreten und somit als Symboltiere das gesamte Hassliebespektrum des Bandes auf sich vereinen. Für diesen Herbst ist mit Elle-Rebelle bereits der nächste Güzel-Band angekündigt.

gedicht 6

aus dem nichts
bleibt mir
der zerbrechliche trost
dass vielleicht
je tiefer man
über eine sache
zu reden fähig ist
man sie am
wenigsten
empfindet

Lütfiye Güzel: faible?, go-güzel-publishing, Duisburg 2017, Taschenbuch, 200 Seiten, 12 Euro, ISBN: 978-3-00-054953-3

MINI WELT bei WDR5 Bücher

„Aus dem Westen was Neues“ vermeldet Matthias Ehlers für die WDR5-Sendung Bücher das Erscheinen von MINI WELT: „Acht Möwengedichte erwarten den Leser auf den ersten Seiten, worauf es munter & kreuz & quer durch die gar nicht so kleine Miniwelt (…) geht. Da sind wir im Freibad, im Mykonos Grill, auf dem Land und am Fluß und wir lernen unsere Heimat kennen, „Wiesen und Waschbeton, von klein auf einander versprochen“. Lafleur schreibt pointiert, präzise, unaufdringlich und er legt Wert auf Sprechbarkeit seiner exakt im Gleichmaß durchkomponierten Gedichte.“
Für die Sendung wurde, kalendarisch passend, mein Gedicht Mai zum Vortrag ausgewählt.

Die dreizehnte Sprache

country songMein Gedicht Hemd aus dem aktuellen Band MINI WELT gibt es jetzt hier in tschechischer Übertragung von Klára Hůrková, die auf ihrem Blog poemataclara abwechselnd tschechische und deutsche Gedichte vorstellt – jeweils in ihrer Interpretation und mit einem kurzen Begleittext und einer bildnerischen Arbeit versehen. Tschechisch ist damit die dreizehnte Sprache, in die eines oder mehrere meiner Gedichte zu Publikationszwecken übertragen wurden.

Heimat

heimat_reclam 2017„Heimat – was ist das eigentlich? Die Orte der Kindheit, die Sprache, die man spricht, kulturelle Besonderheiten der Region, aus der man kommt – oder nur eine Projektionsfläche für (meist) melancholische Gefühle? Auf jeden Fall ist Heimat etwas sehr Individuelles. (…) Anton G. Leitner, Lyriker, Herausgeber der Zeitschrift »Das Gedicht« und wirkungsmächtigster Propagator der Lyrik hierzulande, hat aus der Fülle neuer und neuester Gedichte seine Best-of-Auswahl getroffen, die er mit »klassischer« Lyrik von Goethe, Ringelnatz, Tucholsky und vielen anderen in eine spannende Beziehung bringt.“ (Aus dem Verlagsinfo)

Von mir ist die Jägerzaunsonate dabei. Hier geht’s zur kompletten AutorInnenliste plus Bestellmöglichkeit ab Verlag.

Heimat. Gedichte, Hrsg.: Anton G. Leitner, Reclam, Stuttgart 2017
96 Seiten, Gebunden, Format: 9,6 x 15,2 cm, 10 Euro, ISBN: 978-3-15-011099-7

Tag an der Küste

promenade

die ganze Wahrheit über das Meer würde ich nie ertragen
geheimnisvolle Fischkreise im Gezeitenbereich gezeichnet
von Kameras die Ausschnitte meines Lebens parafrasieren

zwischen den Hotelblöcken überwintert die kleine Kapelle
Unserer Lieben Dame der Zementsäcke in Ochsenblut
früher kannte ich Kinder die waren in Gebeten eingesperrt

gegenüber windverwehten Horizonten und unter Einfluss
der Shopping-Musik setze ich mich neu zusammen wie
ein kubistisches Programm mit gedämpftem Grundimpuls

in tausenden Hotelfenstern spiegelt sich die Endlosigkeit
ich sehe nicht die Möwen sondern die möglichen Möwen
in Acryl lauernde Smartbirds auf Imbisswagenrückwänden

Meerschaukel

Unter dem Titel Stan Lafleur’s Sea-Saw präsentiert ZiN Daily – das neue Magazin von Natalija Grgorinić und Ognjen Rađen – drei meiner istrischen Fotografien: Wasser, das nicht mehr als Fluß, sondern Meer, oder vielleicht als Fluß, der bereits Meer ist, bzw. Meer, das noch Fluß ist, fungiert.

ZiN Daily stellt in kurzen Portraits internationale Literatur- und Kunstschaffende vor, die in der Residenz Zvona i Nari zu Gast waren. In der noch jungen Reihe finden sich bisher vor allem Bildwerke und ins Englische übersetzte zeitgenössische kroatische Dichtung.

silbende_kunst

silbende_kunst-15

Frostfrisch erschienen ist die 15. Ausgabe der von Jenny Feuerstein herausgegebenen, feinen, kleinen, grafisch wohlsortierten Halbjahres-Zeitschrift silbende_kunst. Thema: Heute im Traum. Die Schwerpunkte liegen auf lyrischen Texten und Fotografie. Von mir ist ein titelloses Gedicht zwischen Traum- und Morgenstimmung enthalten.

silbende_kunst versteht sich als „unabhängiges literarisches Heft“ vorwiegend für Lyrik und Bildarbeiten – mittlerweile ist aus der Heftidee ein Verlagsprojekt mit mehreren Gedichtbänden erwachsen.

Die Traumausgabe enthält Beiträge von: Roland Bärwinkel, Timo Brandt, Marina Büttner, Alexander Estis, Jenny Feuerstein, Hinrika Franke, Dirk Uwe Hansen, Michael Hillen, Birgit Kogoj, Johanna Klara Kuppe, Stan Lafleur und Klaus Roth.

silbende_kunst 15, 28 Seiten, DIN A5, Farbdruck, getackert. Köln 2017
Verlagspreis: 2.20 Euro (plus Versand), Ladenpreis: 2.37 Euro. ISSN: 1869-9464.

Neulich, in der Kölner Literaturszene (10)

Im Rahmen der Reihe Kölner Gespräche zur Weltliteratur war der guatemaltekische Autor Eduardo Halfon, dessen Buch Der polnische Boxer ich hier vorgestellt habe, zu Gast im Neuen Senatssaal der Universität zu Köln (Hauptgebäude, Albertus-Magnus-Platz 1). Eine für ihren Aufwand recht klandestin angelegte Veranstaltung, auf die mich Timo Berger aufmerksam gemacht hatte, der die Übersetzung des Autorengesprächs besorgte. Halfon, der derzeit vom Literaturbetrieb zum neuen Star der lateinamerikanischen Literatur aufgebaut wird, las mit gutem Gefühl für die Textmaterie aus seinem gerade auf deutsch erschienenen Buch Signor Hoffman die bildstarke, haften bleibende Erzählung Bambus, die an der guatemaltekischen Pazifikküste angesiedelt auf engem Raum Gegensätze und Wildheit des mittelamerikanischen Landes thematisiert:

Ich kam an einem Stück Land mit Cashew- und Mangobäumen vorbei, an einer verlassenen Tankstelle, an einer Gruppe sonnengebräunter Männer, die ihr Gespräch unterbrachen und mich nur aus dem Augenwinkel betrachteten, aus Ressentiment oder Zurückhaltung. Die Erde unter den Füßen war keine Erde, sondern Papierfetzen und Verpackungsmaterial und trockenes Laub und Plastiktüten und ein paar Reste von grünen Mandeln, zertreten und moderig. In der Ferne hörte ein Schwein nicht auf zu brüllen. Ich ging langsam weiter, ohne mir Gedanken zu machen, betrachtete eine Mulattin auf der anderen Straßenseite, zu dick für ihren schwarz-weiß gestreiften Bikini, zu pausbäckig für ihre hohen Absätze. Auf einmal spürte ich Nässe am Fuß. Ich hatte mir die Mulattin zu lange angesehen und war dabei in eine rötliche Pfütze getreten. Ich blieb stehen. Als ich nach links blickte, in eine dunkle, enge Lagerhalle, entdeckte ich, dass der Boden dort voller Haie war. Kleine Haie. Mittelgroße Haie. Blaue Haie. Graue Haie. Braune Haie. Sogar ein paar Hammerhaie. Alle trieben sozusagen in einer Suhle aus Salzwasser und Eingeweiden und Blut und noch mehr Haien. Der Geruch war fast nicht zu ertragen. Ein Mädchen kniete da. Das Gesicht glänzend von Wasser und Schweiß. Ihre Hände griffen in einen langen Einschnitt im weißen Bauch des Hais und zogen innere Organe und Eingeweide heraus. (…) Mir fiel auf, dass die meisten Haie schon keine Flossen mehr hatten. Ich erinnerte mich, irgendwo gelesen zu haben, dass es da einen internationalen Schwarzmarkt gab. Den Flossenmarkt. Da wird man aufpassen müssen, dachte ich, später im Meer. An so einem Haifischtag.

Das begleitende Gespräch drehte sich vornehmlich um die bei Halfon zentrale Frage nach der literarischen Identität. Die Eduardo-Figur seiner Bücher ähnle ihm in Aussehen und Alter, rauche jedoch wie ein Schlot, während er selber „zu feige“ zum Rauchen sei, meinte der Autor und stupste dabei fleißig den Moderator an. Dass seine Hauptfigur stets seinen Namen trage, habe „sich mit der Zeit so ergeben“. Seine Auseinandersetzung mit Guatemala stehe vor dem Hintergrund, dass er mit seiner Familie das Land während des Bürgerkriegs in Richtung USA verlassen habe müssen. Als Jude sei er in Guatemala ein seltenes Exemplar, auch seine Statur und sein Spanisch unterschieden ihn von klassischen Guatemalteken. In den USA habe er Englisch zu denken begonnen und seine Studien in der neuen Sprache abgeschlossen. Erst im Alter von 23 Jahren habe er sich wieder auf das Spanisch seiner Herkunft, in dem er seither sämtliche Erzählungen verfasst, besonnen.

Gerahmt wurde Halfons sympathischer Auftritt von einem Literarischen Quintett, das aus Heinrich von Berenberg (Berenberg Verlag), Anita Djafari (LitProm), Ijoma Mangold (Die Zeit), Thomas Sparr (Suhrkamp) und Nicole Witt (Agentur Mertin) bestand und über Gründe der geringfügigen Repräsentation von Literaturen aus dem Dritte Welt-Gürtel auf dem deutschen Buchmarkt sich austauschte, sowie einem Empfang mit Quiche und Wein.

***

Im Literaturklub (Theater Die Wohngemeinschaft, Richard-Wagner-Str. 39) lud Adrian Kasnitz zum zweiten Mal zum Lyrikfest Über der Kimmung. Mehrere Lesungen wurden zunächst zaghaft begleitet von variantenreichen, frei in den Raum geworfenen Lautäußerungen eines Babys in der Sitzreihe hinter mir. Nachdem das Baby unter den Stühlen in meine Reihe vorgekrochen war, gelang es mir nach und nach, seine Laute zu koordinieren. Fortab gickste und juchzte das Kind nicht nur, sondern begann mit den Armen zu arbeiten, an mir herumzuzupfen und an seiner Mimik zu feilen: eine Performancenatur, die einige Bühnenvorträge auszustechen vermochte.

Was noch gut war: Wolfgang Schiffer stellte die isländischen Atomdichter vor, die in den 50er-Jahren mit den seit Jahrhunderten erstarrten Versformen der Edda und der Skalden brachen und damit gesellschaftliche Skandale auslösten, die – die Rede ist vom Umgang mit lyrischen Traditionen! – bis hin zu Morddrohungen gereicht haben sollen. Rund 50 Gedichte der Atomdichter und ihrer Nachfolger hat Wolfgang Schiffer, der die Texte mit anderen ins Deutsche übertrug, bisher auf seinem Blog Wortspiele in der Serie Dichtung von der Insel aus Feuer und Eis einzeln vorgestellt und mit zusätzlichen Informationen, Anekdoten und Fotos versehen. Zum Einstieg empfehle ich: Wintertag von Stefán Hörður Grímsson und Sauberland aus den Supermarkt-Gedichten Andri Snær Magnasons.

Ein weiterer Höhepunkt war die Lesung von Menno Wigman aus Amsterdam. Menno hatte ich 2008 in der Bukowina anläßlich eines einwöchigen Poesiefestivals kennengelernt, wo ich erstmals auf seine Gedichte stieß, deren schwarzromantische, von Popelementen und milder Nostalgie durchwirkte Eleganz mich umgehend einnahm. Von schönen Idioten war darin die Rede, von der abstrusen wie konkreten Verletzlichkeit von Körper und Seele, und davon wie es kommt, daß in Amsterdam soviele Männerleichen in den Grachten aufgefunden werden. Um Mitternacht, wenn wir von ganztägigen Bustouren zu den Auftritten in den bukowinischen Ortschaften nach Suceava zurückgekehrt waren, hatten wir uns desöfteren bei Zigaretten und rumänischem Wodka der Marke Stalin in die kleineren Parks verzogen, um im Windschatten der Karpaten die europäische Literaturlandschaft und Popgeschichte zu zerreden. Mittlerweile ist Menno mit seinem Auswahlband Im Sommer stinken alle Städte in deutscher Übertragung bei der parasitenpresse gelandet, bei der auch drei meiner Gedichtbände erschienen sind. Der Abend brachte zutage, daß Menno (neben vielen anderen niederländischen und flämischen Dichtern) im Auftrag der Stiftung De Eenzame Uitvaart Nachruf-Gedichte für Verstorbene ohne Angehörige schreibt, eine Idee, die auf Bart FM Droog, einen weiteren befreundeten niederländischen Kollegen zurückgeht. Wünschenswert wäre, daß diese Idee auch in Deutschland Unterstützung erlangt. Ein großartiges Beispiel ist das Gedicht Hou niet van mij (Lieb mich nicht), das Menno für den in Serbien geborenen Igor K. (1970-2016) verfaßt hat:

Hou niet van mij

Het was een feest, je weet niet meer wanneer,
je brak een tand, je weet niet meer waarom,
maar bloedend had je het bestaan doorgrond.

Je bleef de bodem uit je leven slaan:
een optocht hier, een vaandel daar, de roes
van witte grafmuziek om voor te sterven.

Ik zie je, Igor, ik zie je en ik lees je lichaam.
Dit is wat je tatoeages me vertellen:
hou niet van mij, maar vrees me, vrees me.

Hoe lang al was je in jezelf verongelukt?
Waar kon je heen met die beladen huid?
– Jij met je laarzen vol verstand, verstrikt

in hevig wit en radeloze razernij,
je zocht gejaagd een lus voor je gelijk,
hing het op straat voor iedereen te kijk.

***

Macht und Ohnmacht der Worte war das Programm der Kölner Literaturtage, organisiert vom lokalen VS (Verband deutscher Schriftstellerinnen und Schriftsteller), betitelt, mit natürlichem Schwerpunkt auf politischer Literatur. Im Academyspace (vormals Teapot, Herwarthstr. 3) der Akademie der Künste der Welt befragte Roberto Di Bella die Autoren Ramy Al-Asheq, Vougar Aslanov und Safiye Can zu ihren Erfahrungen mit Flucht und Migration.

Der „staatenlose syrische Palästinenser“ Al-Asheq lebt derzeit in Köln, wo er als Chefredakteur seit einem knappen Jahr die (wie es hieß) erste arabische Zeitung Deutschlands, Abwab (Türen), betreibt – die FAZ berichtete im Februar über das Projekt. Als Lesebeitrag trug Al-Asheq aus einem Langgedicht vor, welches klassische Elemente arabischer Lyrik als Stream of Consciousness mit freizügig-modernem Vokabular neu anzuordnen schien und um einen Mordanschlag auf den Autor in Damaskus sich gruppierte: für meine nicht sonderlich mit arabischer Lyrik vertrauten Ohren eine neuartige und hochinteressante Erfahrung.

Safiye Can, eine in Deutschland geborene Autorin mit tscherkessischen Wurzeln, auf die ich bereits als Übersetzerin türkischer Lyrik ins Deutsche hingewiesen habe, trug in einem Stil vor, der an Slam Poetry (und mich insbesondere an meine eigenen Performances früherer Jahre) erinnerte: eingängige, für die Bühne überaus brauchbare Gedichte, die sich am gül ve bülbül (Rose und Nachtigall)-Motiv der türkischen bzw. vorderasiatischen Literatur orientieren: der schwierigen, unerwiderten Liebe.