Ich bin hier, weil das Leben keine Lösung hat

cravan_deutsch
Mit zwei wahrscheinlich lange vor meiner Geburt verstorbenen Autoren verbinden mich besondere Links. Einer davon ist Arthur Cravan. Seine Spur verlor sich vor 99 Jahren. (1)

Anfang der Neunziger, als ich unter einigem Gewese die Zeitschrift elektropansen vorbereitete, machte mich der Düsseldorfer Szenefotograf Schiko auf Cravan aufmerksam: „So einer wie der damals war, bist heute du.“ Schiko besaß Faksimiles der Zeitschrift Maintenant (2), die Cravan unter verschiedenen Pseudonymen komplett alleine bestritten und von einer Schubkarre bzw. einem Gemüsewägelchen (die Quellenlage dazu schwankt) in Paris auf der Straße verkauft hatte.

Bei so intellektuellen Lesern wie meinen bin ich gezwungen, mich noch einmal zu erklären und zu sagen, dass ich einen Menschen nur dann für intelligent halte, wenn seine Inteligenz mit einem Temperament verbunden ist, da ein wirklich intelligenter Mensch einer Million wirklich intelligenter Menschen ähnelt. Für mich ist ein feiner oder subtiler Mensch fast immer nur ein Idiot.

Sonderlich weit reichten die von Schiko behaupteten Übereinstimmungen zwischen Cravan und mir zwar nicht, dennoch ließ sich die eine oder andere Parallele in Absichten, Auftreten und Lebensweise kaum bestreiten (3) und die Zuweisung, als der neue Cravan des Rheinlands zu gelten (die mangels Bekanntheit des cravan’schen Werks freilich dem befreundeten Fotografen allein vorbehalten blieb), verursachte mir über zwei Jahrzehnte keinerlei Hirnzucken, bis ich dieses Frühjahr eine Einladung in den mexikanischen Süden erhielt, unweit der Stadt, in der Cravan zum letzten Mal lebend gesichtet wurde.

Bis vor einigen Jahren war Salina Cruz zu Recht als ein tödliches Loch gefürchtet; nahezu jeder weiße Mann fand dort binnen eines Jahres den Tod. Die „Altstadt“, eine erbärmliche Ansammlung von Eingeborenenhütten, Palmen und Schilfrohr, lag auf einem engen Flachland-Hals zwischen der See und einer übel riechenden Lagune, umgeben von dichtem Gestrüpp, ein vom Fieber geplagter Ort. Ein gewisses Problem bereitete die Wasserversorgung, das einzig erreichbare Rinnsal, das – und nur mit Unterbrechungen – am Friedhof entlangfloss, der die mit Abstand größte Zahl weißer Männer im Distrikt Oaxaca zusammenbrachte. (4)

Salina Cruz genießt bis heute unter Reisenden zweifelhaften Ruf. Doch treibt mich ein Impuls, dem Verschwinden Cravans vor Ort nachzugehen: warum sonst hätte mir das Schicksal eine Einladung in diesen entlegenen Winkel verschaffen sollen.

So zählte nun König der verkrachten Existenzen zur vorbereitenden Lektüre, weil der in meiner Erinnerung bis auf den Titel identische Vorgängerband Der Boxerpoet oder Die Seele im zwanzigsten Jahrhundert auf meinen Wegen durch Mauenheim und die Weltgeschichte verschütt gegangen sein muss.

Übersetzungen aus den fünf zwischen 1912 und 1915 erschienenen Maintenant-Ausgaben bilden den ersten Teil der schmalen Werkausgabe, dem dritten Anlauf der Edition Nautilus, Schaffen und Leben des häufig als „Dada-Vorläufer“ und „Boxerpoet“ bezeichneten Bohemiens für das deutschsprachige Publikum bereitzustellen. Transportieren die Maintenant-Texte großteils launig-provokative Geschwätzigkeit von mäßigem Interesse, gelangen Cravan mit seiner kleinen Zeitschrift dennoch zwei geniale Coups.

Erst später nahm ich wahr, dass mein Gast ununterbrochen lachte, und zwar nicht mit der nervösen Verkrampfung der Europäer, sondern im Absoluten. (…)
Ich begann also, ihn genau zu betrachten. Ich sah mir zuerst den Kopf an, der dunkelhäutig und fast kahl war und tiefe Falten hatte. Dabei herrschte in mir der Gedanke vor, dass Wilde eher musikalisch als plastisch aussah, ohne dass ich daran dachte, dieser Definition einen sehr genauen Sinn zu geben, tatsächlich eher musikalisch als plastisch. Ich blickte ihn vor allem in seiner gesamten Erscheinung an. Er war schön. In seinem Sessel sah er wie ein Elefant aus: Der Arsch drückte die Polster des Sessels platt, in denen er beengt saß, gegenüber den stämmigen Armen und Beinen versuchte ich mir die göttlichen Gefühle vorzustellen, die in solchen Gliedern wohnten. Ich betrachtete die Größe seiner Schuhe, der Fuß relativ klein, etwas flach, was seinem Besitzer den träumerischen und rhythmischen Gang eines Dickhäuters geben und, so gebaut, aus ihm auf geheimnisvolle Weise einen Dichter machen sollte. Ich betete ihn an, weil er einem großen Tier ähnelte; ich stellte mir vor, wie er simpel wie ein Nilpferd schiss; und dieses Bild entzückte mich wegen seiner Unschuld und Triftigkeit; (…) und (…) stellte (…) ihn mir poetisch vor, wie er in dem verrückten grünen Afrika bei der Musik der Fliegen Berge von Exkrementen von sich gab.

Der so („ich glaube schon, dass ich tot war“) beschriebene Oscar Wilde war tatsächlich Cravans leiblicher Onkel und als solcher bereits ein gutes Jahrzehnt unter der Erde, als der Neffe in Maintenant No. 3 verkündete: „Oscar Wilde est vivant!“ Die sensationelle Falschnachricht verbreitete sich in seriös eingestellten Blättern rund um den Globus und mehrte den Ruf von Zeitschrift und Autor.

Der zweite Coup bestand in vernichtenden und beleidigenden Kritiken der Künstler seines engeren Umfelds zur „Ausstellung der unabhängigen Maler“ in Maintenant No. 4. Cravan kämpfte mit offenem Visier: „Ich schreibe, um meine Kollegen zu ärgern; damit man von mir spricht, und um zu versuchen, mir einen Namen zu machen. Mit einem Namen hat man Erfolg bei den Frauen und im Geschäft.“ Zwei Jahrzehnte nach Alfred Jarrys Stück Ubu roi, das mit dem Ausruf „Merdre!“ eröffnete, hatte obszöne Sprache die Hürden der französischen Literatur längst überklommen.

Wer im Ernst eine einzige Zeile über Malerei schreibt, ist ein … Sie wissen schon. (…) Delaunay, der das Maul eines hitzigen Schweins oder Herrenhauskutschers hat, konnte mit einer solchen Fresse den Ehrgeiz besitzen, wie ein Rohling zu malen. Das Äußere war vielversprechend, das Innere war nur wenig wert. Wahrscheinlich übertreibe ich, wenn ich sage, dass Delaunays phänomenales Aussehen etwas Bewundernswertes hatte. Körperlich ist er nur weicher Käse: Robert läuft mühsam und wirft nur mit Mühe einen Stein dreißig Meter weit. (…) Sein Unglück ist es aber (…), dass er eine Russin, o Jungfrau Maria!, eine Russin geheiratet hat, aber eine Russin, die er nicht zu betrügen wagt. Ich für meinen Teil würde lieber mit einem Philosophieprofessor im Collège de France schlechten Umgang haben – zum Beispiel mit Herrn Bergson – als mit den meisten russischen Frauen schlafen. Ich will nicht behaupten, dass ich es nicht einmal mit Frau Delaunay treiben werde, da ich, wie die große Mehrheit der Männer, ein geborener Sammler bin und folglich ein grausames Wohlgefallen dabei empfinden würde, eine Volksschullehrerin zu misshandeln, umso mehr als ich in dem Moment, in dem ich sie durchbohre, den Eindruck hätte, ein Brillenglas zu zerschlagen.

Cravans Provokationen zwischen maskuliner Archaik und purem Nonsense bewirkten den erhofften Skandal. Die unabhängigen Maler passten den Verleger-Autor-Handverkäufer auf der Straße ab, um ihn für seine Anwürfe zu verprügeln. Apollinaire forderte Cravan zum Duell, eine riskante Nummer, aus der sich beide rechtzeitig herauszuwinden wussten, bevor es ans gegenseitige Ermorden gegangen wäre. Cravans Ruhm wuchs. Expressive Performances trugen dazu bei. Bei seiner ersten Lesung forderte er mit Jagdhörnern und Keulen die Ruhe des Publikums ein und „gab seinem Bedauern Ausdruck, dass die Cholera nicht dreißig Jahre zuvor die großen Dichter dahingerafft habe, das hätte ihnen ein schäbiges Leben erspart“ (5). Vor einer anderen Lesung kündigte er seinen Freitod auf der Bühne mittels Absinth-Verzehr an, trat einzig mit einer Metzgerschürze bzw. einem Suspensorium (die Quellenlage schwankt) bekleidet an, betrank sich, vermied jedoch den finalen Abgang und behielt die Tageskasse.

Neben den Maintenant-Texten bietet der Werkband ein sehr kurzes Fragment (betitelt Elefantenmattigkeit) als einzigen zusätzlichen literarischen Text, eine schöne Reihe historischer Fotos und Abbildungen, vehemente Briefe an Familie, Förderer und Frauen sowie im Nachwort ein Portrait, das maßgeblich für den Cravan-Anekdotenschatz im deutschsprachigen Raum verantwortlich sein dürfte, der in anderen Sprachräumen teilweise abweicht.

Arthur Cravan – König der verkrachten Existenzen (aus dem Französischen von Pierre Gallissaires und Hanna Mittelstädt, mit einem Vorwort von André Breton und einem Nachwort von Bastiaan van der Velden, Edition Nautilus, Hamburg 2015
Hardcover, 192 Seiten, 22 Euro

(1) Cravan soll laut seiner Ehefrau Mina Loy nahe der mexikanischen Hafenstadt Salina Cruz über den Horizont gesegelt und nie wieder gesehen worden sein. Versionen über sein Verschwinden bzw. seinen Tod bzw. sein Fortleben (z.B. als B. Traven) existieren im Dutzend. Von den mexikanischen Behörden wurde Cravan 1920 offiziell für tot erklärt.
(2) Die Maintenant-Ausgaben Nr. 3 und 4 sind im Netz als Einzelseiten-Scans des Originals verfügbar.
(3) Zum Beispiel erreichten wir in Sachen Sport beide Weltniveau: Cravan wurde kampflos französischer Boxmeister im Schwergewicht (oder Halbschwergewicht, die Quellenlage schwankt) und verlor einen Schaukampf gegen den ebenso illustren Ex-Weltmeister Jack Johnson durch K.o.; ich war in jungen Jahren (und bin es womöglich heute noch) Weltrekordhalter im 1000-mal 400 Meter-Staffellauf, einer selten ausgetragenen Disziplin.
(4) Im Nachwort von Bastiaan van der Velden zitiert nach Hans Friedrich Gadow: Through southern Mexico, London 1908
(5) Im Nachwort von Bastiaan van der Velden zitiert nach dem Periodikum Gil Blas, Paris 1913

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I got an alligator for a pet

Daß literarische Texte nicht zwingend von Menschen verfaßt sein müssen, geht gegenwärtig vor allem mit der Idee des Computers einher. Mitte der 90er hatte ich in elektropansen no. 1033 ausgewählte automatisch generierte Aforismen und Kurztheaterstücke aus der Programmierschmiede Donald Lessaus präsentiert. Für ein Programm, das unter den Namen Poezak und STEREX firmierte, hatte Donald ab 1988 eine Vielzahl deutscher Satztypen nachgebaut und aus einem 6000 Wörter fassenden, in 100 semantische Gruppen unterteilten Lexikon gefüttert. Die im Sekundentakt ausgeworfenen Aforismen klangen meist lustig, oft nach Parodien, manche holperten, andere waren nicht von Sentenzen berühmter menschlicher Aforistiker zu unterscheiden. Das Programm ist bis heute erhältlich und kann u.a. als Bildschirmschoner verwendet werden. Die von einem heute nicht mehr existenten Programm in englischer Sprache fabrizierten Kurztheaterstücke erinnerten in ihrer Ausgelassenheit an Alfred Jarry, in ihrer Absurdität an Samuel Beckett und in ihrem dialogischen Mißlingen an ELIZA, die von Joseph Weizenbaum bereits in den 60ern entwickelte elektronische Psychotherapeutin. Diese Hochgeschwindigkeits-Einakter gehörten für eine Weile zu meinem Performance-Repertoire.

Seither habe ich keine computergenerierte Literatur zu lesen bekommen, die Präzision, Kraft und Aussagen dieser in Hinblick auf ihre Herkunft teilweise durchschaubaren, häufig effektvollen Outputs übertroffen hätte. Heute stieß ich im Netz auf den bot-generierten Sonettenroman I got an alligator for a pet, der als pdf-Datei frei heruntergeladen werden kann. Als Verfasser zeichnet @pentametron. Dabei handelt es sich um ein literarisches Projekt von Ranjit Bhatnagar, das ungefähr seit 2012 menschliche Kreativität mit elektronisch-algorithmischen Mitteln aufspürt und neu anordnet. So besteht die Autorschaft der @pentametron-Gedichte aus tausenden anonym bleibenden Verfassern, deren Verdienst darin liegt, ihre Statusmeldungen und Kurznachrichten auf Twitter, in den meisten Fällen wahrscheinlich unwissend, in fünfhebigen Jamben verfaßt zu haben. Denn der @pentametron-Suchroboter ist auf englische Wortfolgen geeicht, die dem klassischen Versmaß entsprechen. Das äußert sich in Einzeilern wie „song of the year okay okay okay“, „What’s with the Hitler jokes and trends today?“ oder „@Francesco_Katy i’m a biscuit. Ciao :)“.

Ihren besonderen Drive erhalten die schließlich in Sonettform organisierten Texte aufgrund des bevorzugt angewandten Popkontexts, ihrer häufig anzutreffenden Flapsigkeit und dadurch, daß @pentametron inhaltliche Linien über die einzelne Zeile hinaus verfolgt. Die bekannte Anordnung in Paar- und Kreuzreimen sorgt für einlullenden Klang, der jedoch von thematischen Sprüngen, ständigen Perspektivwechseln und verschiedenen Modernismen unterwandert wird. Die von Bots zusammengesuchten Verse wirken, als wären sie von Menschenhand nachbehandelt bzw. in Szene gesetzt. Die shakespearesche Dimension erlebt ihre Wiedergeburt im elektronischen Spaßbad:

And find a girl and tell her she’s the one…..

My schedule for tomorrow is insane.
my birthday is a week exactly woo
And there’s another iPhone down the drain.
Soy una perra perO comO Tu

Will someone get the kid a happy meal!?!?!?!?!?
He didn’t even bother to reply.
The effort of tomorrow is unreal
Nah, just a really skilled(and friendly) guy…

I’m shitty cheaters doesn’t come tonight…
I’m going to participate okay
till then, another day, another fight.
i almost fell asleep in school today

Just lyrics, nothing more and nothing less
I look a mess today and feel a mess

elektropansen

Zwischen 1994 und 1998 gab ich die ca. halbjährlich erscheinende Literatur- und Kunstzeitschrift elektropansen heraus. Dabei fungierte ich in Personalunion auch als Verleger, Chefredakteur, Layouter, Korrektor, technischer Leiter und Vertriebsleiter. Beim Xerografieren der ersten Ausgaben half mir Dichterkollege Tom Toys (1), der in Köln als Student in einem Copyshop arbeitete, indem er mich in die Kunst der automatengerechten Vorlagensortierung einführte und mir großzügig weite Teile seines Kopien-Freikontingents überließ. Die gesparten Herstellungskosten erlaubten mir, einzelnen Beiträgern geringe Aufwandsentschädigungen für ihre Arbeit zu erstatten – eine absolute Ausnahme im damaligen Copyzine-Geschehen.

Die erste Ausgabe behandelt Lloret de Mar und beinhaltet unter anderem einen Essay über die Rolle des Discotheken-Türstehers

Die erste Ausgabe behandelt Lloret de Mar und beinhaltet unter anderem einen Essay über die Rolle des Discotheken-Türstehers in der Tourismusindustrie

Xerografierte Magazine waren in den Neunzigern, vor der Massennutzung des Internets, beliebtes Ausdrucksmittel der sogenannten Subkultur. Viele Plattenläden führten Ständer mit Musik-Fanzines, im Rahmen der Social Beat-Bewegung (2) explodierte die Zahl kleiner Literaturzeitschriften. elektropansen, unabhängig von Social Beat entstanden, war in mehreren Punkten eine Ausnahme: Anzeigenwerbung, die, oft als Tauschanzeige, in praktisch allen kleinen Magazinen vorkam, hatte ich ausgeschlossen und auch das übliche „Veröffentlichst du mich, veröffentliche ich dich“-Kriterium wollte ich nicht bedienen. Desweiteren war mir der Begriff „Fanzine“ zuwider, denn es ging bei elektropansen nicht um Fankultur, sondern um den publizistischen Ausdruck einer nachrückenden Generation mit geografischem Schwerpunkt im Rheinland.

So meldete sich nach zwei oder drei Ausgaben am Telefon überraschend eine Münchener Werbeagentur, die elektropansen einen dotierten Preis (falls ich mich recht erinnere, in Höhe von 1000 D-Mark) für „den originellsten Fanzine-Namen“ zuerkennen wollte. Den Preis lehnte ich trotz guten Zuredens seitens der Agentur ab, da elektropansen nicht auf deren Anforderungsprofil „Fanzine“ paßte.

Die erste Ausgabe beschäftigte sich unter diversen Aspekten der Postmoderne mit dem zur Retortenstadt mutierten spanischen Küstenort Lloret de Mar. Bei einem Besuch Llorets hatte ich 20 Postkarten gekauft, die dort nicht vorkommende Flamenco-Tanzpaare mit aufgenähten Rüschenröckchen zeigten. Die Postkarten mit unterschiedlichen Motiven klebte ich als Titelbilder aufs Cover. Bei einer ersten Präsentation im Kölner L wurden mir die Hefte aus der Hand gerissen, auch die umgehend auf 50 Exemplare gesteigerte Auflage war binnen kürzester Zeit ausverkauft.

"Originalcopie" aus der Nummer 1 mit Wiener-Interview und Lyrotronischem Manifest

Mind-Map-„Originalcopie“ aus der Nummer Eins mit Wiener-Interview und Lyrotronischem Manifest

Vertriebswege gab es außerhalb von Präsentationsveranstaltungen eigentlich keine. Der Kölner Plattenladen A-Musik, der wenig später als Brutzelle für neue elektronische Musik mit Bands wie Mouse on Mars deutschlandweite, sogar internationale Bekanntheit erlangen würde, nahm einige Exemplare in sein Mailorder-Programm auf. Ein paar wenige Verkäufe liefen über postalische Anfragen. Wesentlich häufiger kamen unverlangt eingesandte Manuskripte aus dem In- und Ausland. (3) Ich rieb mir die Augen: in gerade einmal 50 Exemplaren hatte die erste Nummer bestanden, die sich auf magische Art verbreitet haben mußte. (4)

Die französische Body Art- und Performance-Künstlerin Orlan als elektropansen-Covergirl

Die französische Body Art- und Performance-Künstlerin Orlan als elektropansen-Covergirl

Neben Beiträgen von Freunden und ausgewählten Kollegen aus der Literatur- und Kunstszene veröffentlichte ich ungekürzte Interviews mit Oswald Wiener (5), Orlan und Hermann Josef Hack, die Schwerpunkte einzelner Ausgaben darstellten. Sonderausgaben beschäftigten sich mit erwähntem Lloret de Mar und Claudia Schiffer, die seinerzeit als Bundesikone beinahe täglich die Schlagzeilen zumindest der Boulevardblätter dominierte. Die Cover ließ ich, bisweilen von Kopie zu Kopie individuell, von befreundeten Künstlern gestalten. Auch innerhalb der Hefte fanden sich handgearbeitete Beiträge auf Post-its, mittels Prittstift eingefügte Artefakte, Posterbeilagen und zu „Originalcopien“ gestempelte Einzelseiten. Waren die ersten drei Ausgaben noch mit der mechanischen Schreibmaschine erstellt, kam ab der vierten ein zunehmend luftigerer Computersatz zum Tragen.

Die Themen oszillierten zwischen Trash, Art Brut, Auseinandersetzungen mit der aufkeimenden Digitalkultur oder dem absterbenden Begriff der künstlerischen Avantgarde. Neben den algorithmisch generierten von Donald Lessau veröffentlichte ich meine eigenen radikalen, unspielbaren Theaterstücke. Selbstauflösenden, mit Tipp-Ex umformatierten oder anderweitig manipulierten Texten standen Punksermone mit frühen, bunten, handgemalten Emoticons, in Krawattenschrift verfaßte Auslassungen oder Bildergeschichten zur Würdigung des deutschen Kulturguts Odol gegenüber. Überhaupt überwog die Anknüpfung an zentraleuropäische Traditionen, dieweil die meisten der zeitgleich erscheinenden Social Beat-Publikationen große Affinität zum anglo-amerikanischen Kulturraum besaßen. Weitere Ausdrucksmittel bestanden in gefundenen Texten, Kindererzählungen, Langgedichten.

Covergestaltung mit Düsseldorfer Stromverteilerkästen

Covergestaltung mit Düsseldorfer Stromverteilerkästen

Das Verschwinden allen Seins war als auch dem Text immanentes Verschwinden wiederkehrendes Thema. Ich ging davon aus, daß der Toner nach 20 Jahren aus den Heften fallen würde. Noch haftet er erstaunlich gut. Das Produktionsmittel Kopierer diente nicht nur als Vervielfältigungsapparat, sondern auch als Verzerrer. Die Umschläge der Nummer Vier bestanden aus Fotos verschiedener Düsseldorfer Stromverteilerkästen – die Nummer Vier war die dritte Ausgabe, denn die Numerierung der einzelnen Ausgaben verlief jenseits chronologischer Ordnung. Die insgesamt acht Ausgaben kennen somit keine Nummer Acht, deren Ziffer als Unendlichkeitssymbol für einen passenden Abschluß gesorgt hätte – dafür taucht dazwischen die exorbitante Nummer 1033 auf, welche die junge Tradition der Zeitschrift sprunghaft verstetigen sollte.

Zu den elektropansen-Menschen zählen:  Bdolf, Roland Bergère, Ulrich Bogislav, Jörg Burkhard, Markus Costamagna, Philippe Desouter, Frank Dommert, Dose, Nini Flick, Till Geiger, Hermann Josef Hack, Hel, Georg Heuschen, Anja Ibsch, Sibyll Kalff, Ilse Kilic, Rolf J. Kirsch, Tuberkel Knuppertz, Georg Kohlen, Heinz Krenosz, Donald Lessau, Thomas Liebe, H.W. Martin, Ulle Matzen, Orlan, Robert Piterek, Dietmar Pokoyski, Philipp Schiemann, Schiko, Schlag + Sahne, Enno Stahl, Wolfgang Strunk, Tom Toys, Oswald Wiener, Harald „Sack“ Ziegler, Jo Zimmermann, Stefan Zöllner sowie einige anonym verbliebene

(1) Heute: Tom de Toys
(2) Ab 1993 unter diesem Namen war Social Beat bis gegen die Jahrtausendwende ein Literatennetzwerk abseits etablierter Strukturen, in dessen Rahmen Verlage, Zeitschriften, Anthologien und Festivals organisiert wurden.
(3) Nicht eine unverlangte Einsendung fand in die Hefte Eingang. Mehreren Einsendungen guter Qualität fehlte die thematische Relevanz. Meine Aufrufe gingen stets an ausgewählte Personen.
(4) Die Auflage schwankte stets zwischen 50 und 100 Exemplaren, auch wenn ich im Editorial einmal kolportierte, sie läge dank Sponsoren bei zehntausenden.
(5) Das Gespräch wurde danach noch an verschiedenen Stellen (zuerst in: Synthetische Welten. Kunst, Künstlichkeit und Kommunikationsmedien, Die Blaue Eule, Essen 1996) veröffentlicht und fand Aufnahme in die Wiener-Forschung.