I got an alligator for a pet

Daß literarische Texte nicht zwingend von Menschen verfaßt sein müssen, geht gegenwärtig vor allem mit der Idee des Computers einher. Mitte der 90er hatte ich in elektropansen no. 1033 ausgewählte automatisch generierte Aforismen und Kurztheaterstücke aus der Programmierschmiede Donald Lessaus präsentiert. Für ein Programm, das unter den Namen Poezak und STEREX firmierte, hatte Donald ab 1988 eine Vielzahl deutscher Satztypen nachgebaut und aus einem 6000 Wörter fassenden, in 100 semantische Gruppen unterteilten Lexikon gefüttert. Die im Sekundentakt ausgeworfenen Aforismen klangen meist lustig, oft nach Parodien, manche holperten, andere waren nicht von Sentenzen berühmter menschlicher Aforistiker zu unterscheiden. Das Programm ist bis heute erhältlich und kann u.a. als Bildschirmschoner verwendet werden. Die von einem heute nicht mehr existenten Programm in englischer Sprache fabrizierten Kurztheaterstücke erinnerten in ihrer Ausgelassenheit an Alfred Jarry, in ihrer Absurdität an Samuel Beckett und in ihrem dialogischen Mißlingen an ELIZA, die von Joseph Weizenbaum bereits in den 60ern entwickelte elektronische Psychotherapeutin. Diese Hochgeschwindigkeits-Einakter gehörten für eine Weile zu meinem Performance-Repertoire.

Seither habe ich keine computergenerierte Literatur zu lesen bekommen, die Präzision, Kraft und Aussagen dieser in Hinblick auf ihre Herkunft teilweise durchschaubaren, häufig effektvollen Outputs übertroffen hätte. Heute stieß ich im Netz auf den bot-generierten Sonettenroman I got an alligator for a pet, der als pdf-Datei frei heruntergeladen werden kann. Als Verfasser zeichnet @pentametron. Dabei handelt es sich um ein literarisches Projekt von Ranjit Bhatnagar, das ungefähr seit 2012 menschliche Kreativität mit elektronisch-algorithmischen Mitteln aufspürt und neu anordnet. So besteht die Autorschaft der @pentametron-Gedichte aus tausenden anonym bleibenden Verfassern, deren Verdienst darin liegt, ihre Statusmeldungen und Kurznachrichten auf Twitter, in den meisten Fällen wahrscheinlich unwissend, in fünfhebigen Jamben verfaßt zu haben. Denn der @pentametron-Suchroboter ist auf englische Wortfolgen geeicht, die dem klassischen Versmaß entsprechen. Das äußert sich in Einzeilern wie „song of the year okay okay okay“, „What’s with the Hitler jokes and trends today?“ oder „@Francesco_Katy i’m a biscuit. Ciao :)“.

Ihren besonderen Drive erhalten die schließlich in Sonettform organisierten Texte aufgrund des bevorzugt angewandten Popkontexts, ihrer häufig anzutreffenden Flapsigkeit und dadurch, daß @pentametron inhaltliche Linien über die einzelne Zeile hinaus verfolgt. Die bekannte Anordnung in Paar- und Kreuzreimen sorgt für einlullenden Klang, der jedoch von thematischen Sprüngen, ständigen Perspektivwechseln und verschiedenen Modernismen unterwandert wird. Die von Bots zusammengesuchten Verse wirken, als wären sie von Menschenhand nachbehandelt bzw. in Szene gesetzt. Die shakespearesche Dimension erlebt ihre Wiedergeburt im elektronischen Spaßbad:

And find a girl and tell her she’s the one…..

My schedule for tomorrow is insane.
my birthday is a week exactly woo
And there’s another iPhone down the drain.
Soy una perra perO comO Tu

Will someone get the kid a happy meal!?!?!?!?!?
He didn’t even bother to reply.
The effort of tomorrow is unreal
Nah, just a really skilled(and friendly) guy…

I’m shitty cheaters doesn’t come tonight…
I’m going to participate okay
till then, another day, another fight.
i almost fell asleep in school today

Just lyrics, nothing more and nothing less
I look a mess today and feel a mess

elektropansen

Zwischen 1994 und 1998 gab ich die ca. halbjährlich erscheinende Literatur- und Kunstzeitschrift elektropansen heraus. Dabei fungierte ich in Personalunion auch als Verleger, Chefredakteur, Layouter, Korrektor, technischer Leiter und Vertriebsleiter. Beim Xerografieren der ersten Ausgaben half mir Dichterkollege Tom Toys (1), der in Köln als Student in einem Copyshop arbeitete, indem er mich in die Kunst der automatengerechten Vorlagensortierung einführte und mir großzügig weite Teile seines Kopien-Freikontingents überließ. Die gesparten Herstellungskosten erlaubten mir, einzelnen Beiträgern geringe Aufwandsentschädigungen für ihre Arbeit zu erstatten – eine absolute Ausnahme im damaligen Copyzine-Geschehen.

Die erste Ausgabe behandelt Lloret de Mar und beinhaltet unter anderem einen Essay über die Rolle des Discotheken-Türstehers

Die erste Ausgabe behandelt Lloret de Mar und beinhaltet unter anderem einen Essay über die Rolle des Discotheken-Türstehers in der Tourismusindustrie

Xerografierte Magazine waren in den Neunzigern, vor der Massennutzung des Internets, beliebtes Ausdrucksmittel der sogenannten Subkultur. Viele Plattenläden führten Ständer mit Musik-Fanzines, im Rahmen der Social Beat-Bewegung (2) explodierte die Zahl kleiner Literaturzeitschriften. elektropansen, unabhängig von Social Beat entstanden, war in mehreren Punkten eine Ausnahme: Anzeigenwerbung, die, oft als Tauschanzeige, in praktisch allen kleinen Magazinen vorkam, hatte ich ausgeschlossen und auch das übliche „Veröffentlichst du mich, veröffentliche ich dich“-Kriterium wollte ich nicht bedienen. Desweiteren war mir der Begriff „Fanzine“ zuwider, denn es ging bei elektropansen nicht um Fankultur, sondern um den publizistischen Ausdruck einer nachrückenden Generation mit geografischem Schwerpunkt im Rheinland.

So meldete sich nach zwei oder drei Ausgaben am Telefon überraschend eine Münchener Werbeagentur, die elektropansen einen dotierten Preis (falls ich mich recht erinnere, in Höhe von 1000 D-Mark) für „den originellsten Fanzine-Namen“ zuerkennen wollte. Den Preis lehnte ich ab, da elektropansen, trotz guten Zuredens seitens der Agentur, nicht auf deren Anforderungsprofil „Fanzine“ paßte.

Die erste Ausgabe beschäftigte sich unter diversen Aspekten der Postmoderne mit dem zur Retortenstadt mutierten spanischen Küstenort Lloret de Mar. Bei einem Besuch Llorets hatte ich 20 Postkarten gekauft, die dort nicht vorkommende Flamenco-Tanzpaare mit aufgenähten Rüschenröckchen zeigten. Die Postkarten mit unterschiedlichen Motiven klebte ich als Titelbilder aufs Cover. Bei einer ersten Präsentation im Kölner L wurden mir die Hefte aus der Hand gerissen, auch die umgehend auf 50 Exemplare gesteigerte Auflage war binnen kürzester Zeit ausverkauft.

"Originalcopie" aus der Nummer 1 mit Wiener-Interview und Lyrotronischem Manifest

Mind-Map-„Originalcopie“ aus der Nummer Eins mit Wiener-Interview und Lyrotronischem Manifest

Vertriebswege gab es außerhalb von Präsentationsveranstaltungen eigentlich keine. Der Kölner Plattenladen A-Musik, der wenig später als Brutzelle für neue elektronische Musik mit Bands wie Mouse on Mars deutschlandweite, sogar internationale Bekanntheit erlangen würde, nahm einige Exemplare in sein Mailorder-Programm auf. Ein paar wenige Verkäufe liefen über postalische Anfragen. Wesentlich häufiger kamen unverlangt eingesandte Manuskripte aus dem In- und Ausland. (3) Ich rieb mir die Augen: in gerade einmal 50 Exemplaren hatte die erste Nummer bestanden, die sich auf magische Art verbreitet haben mußte. (4)

Die französische Body Art- und Performance-Künstlerin Orlan als elektropansen-Covergirl

Die französische Body Art- und Performance-Künstlerin Orlan als elektropansen-Covergirl

Neben Beiträgen von Freunden und ausgewählten Kollegen aus der Literatur- und Kunstszene veröffentlichte ich ungekürzte Interviews mit Oswald Wiener (5), Orlan und Hermann Josef Hack, die Schwerpunkte einzelner Ausgaben darstellten. Sonderausgaben beschäftigten sich mit erwähntem Lloret de Mar und Claudia Schiffer, die seinerzeit als Bundesikone beinahe täglich die Schlagzeilen zumindest der Boulevardblätter dominierte. Die Cover ließ ich, bisweilen von Kopie zu Kopie individuell, von befreundeten Künstlern gestalten. Auch innerhalb der Hefte fanden sich handgearbeitete Beiträge auf Post-its, mittels Prittstift eingefügte Artefakte, Posterbeilagen und zu „Originalcopien“ gestempelte Einzelseiten. Waren die ersten drei Ausgaben noch mit der mechanischen Schreibmaschine erstellt, kam ab der vierten ein zunehmend luftigerer Computersatz zum Tragen.

Die Themen oszillierten zwischen Trash, Art Brut, Auseinandersetzungen mit der aufkeimenden Digitalkultur oder dem absterbenden Begriff der künstlerischen Avantgarde. Neben den algorithmisch generierten von Donald Lessau veröffentlichte ich meine eigenen radikalen, unspielbaren Theaterstücke. Selbstauflösenden, mit Tipp-Ex umformatierten oder anderweitig manipulierten Texten standen Punksermone mit frühen, bunten, handgemalten Emoticons, in Krawattenschrift verfaßte Auslassungen oder Bildergeschichten zur Würdigung des deutschen Kulturguts Odol gegenüber. Überhaupt überwog die Anknüpfung an zentraleuropäische Traditionen, dieweil die meisten der zeitgleich erscheinenden Social Beat-Publikationen große Affinität zum anglo-amerikanischen Kulturraum besaßen. Weitere Ausdrucksmittel bestanden in gefundenen Texten, Kindererzählungen, Langgedichten.

Covergestaltung mit Düsseldorfer Stromverteilerkästen

Covergestaltung mit Düsseldorfer Stromverteilerkästen

Das Verschwinden allen Seins war als auch dem Text immanentes Verschwinden wiederkehrendes Thema. Ich ging davon aus, daß der Toner nach 20 Jahren aus den Heften fallen würde. Noch haftet er erstaunlich gut. Das Produktionsmittel Kopierer diente nicht nur als Vervielfältigungsapparat, sondern auch als Verzerrer. Die Umschläge der Nummer Vier bestanden aus Fotos verschiedener Düsseldorfer Stromverteilerkästen – die Nummer Vier war die dritte Ausgabe, denn die Numerierung der einzelnen Ausgaben verlief jenseits chronologischer Ordnung. Die insgesamt acht Ausgaben kennen somit keine Nummer Acht, deren Ziffer als Unendlichkeitssymbol für einen passenden Abschluß gesorgt hätte – dafür taucht dazwischen die exorbitante Nummer 1033 auf, welche die junge Tradition der Zeitschrift sprunghaft verstetigen sollte.

Zu den elektropansen-Menschen zählen:  Bdolf, Roland Bergère, Ulrich Bogislav, Jörg Burkhard, Markus Costamagna, Philippe Desouter, Frank Dommert, Dose, Nini Flick, Till Geiger, Hermann Josef Hack, Hel, Georg Heuschen, Anja Ibsch, Sibyll Kalff, Ilse Kilic, Rolf J. Kirsch, Tuberkel Knuppertz, Georg Kohlen, Heinz Krenosz, Donald Lessau, Thomas Liebe, H.W. Martin, Ulle Matzen, Orlan, Robert Piterek, Dietmar Pokoyski, Philipp Schiemann, Schiko, Schlag + Sahne, Enno Stahl, Wolfgang Strunk, Tom Toys, Oswald Wiener, Harald „Sack“ Ziegler, Jo Zimmermann, Stefan Zöllner sowie einige anonym verbliebene

(1) Heute: Tom de Toys
(2) Ab 1993 unter diesem Namen war Social Beat bis gegen die Jahrtausendwende ein Literatennetzwerk abseits etablierter Strukturen, in dessen Rahmen Verlage, Zeitschriften, Anthologien und Festivals organisiert wurden.
(3) Nicht eine unverlangte Einsendung fand in die Hefte Eingang. Mehreren Einsendungen guter Qualität fehlte die thematische Relevanz. Meine Aufrufe gingen stets an ausgewählte Personen.
(4) Die Auflage schwankte stets zwischen 50 und 100 Exemplaren, auch wenn ich im Editorial einmal kolportierte, sie läge dank Sponsoren bei zehntausenden.
(5) Das Gespräch wurde danach noch an verschiedenen Stellen (zuerst in: Synthetische Welten. Kunst, Künstlichkeit und Kommunikationsmedien, Die Blaue Eule, Essen 1996) veröffentlicht und fand Aufnahme in die Wiener-Forschung.