I’m tired of life, I’m tired of waiting, I feel like a Gerhard Richter painting

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Karlheinz

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Als „eine Art Roman“ bezeichnet Autor Billy Hutter sein Buch, auf das mich Dieter M. Gräf aufmerksam gemacht hatte. Das Cover mit seinen in Kodacolor gefaßten Kontrasten gefiel ebenso auf den ersten Blick wie der Neugier schürende Untertitel „Ein Stück von Karlheinz steckt auch in Euch“. Daß Karlheinz, den Billy Hutter im Buch und darüberhinaus als Paradebeispiel eines deutschen Durchschnittslebens „projektiert“ hat, tot im „deutschen Schicksalsstrom“ Rhein gefunden wurde, brachte zudem unverzüglich meine rheinsein-Ader in Wallung.

Karlheinz, wahlweise mit Bindestrich, hießen in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts unsere Komponisten, Schauspieler und Fußballer („der Treter mit dem Engelsgesicht“). Noch häufiger war der Name bei Bauarbeitern, Laboranten und obskuren Onkeln anzutreffen – kleinen Männern, für die selten literarische Worte bemüht werden (1). Laborant und obskurer Onkel zugleich war Karlheinz Naksch (1929–1989) gewesen, dessen Nachlaß Billy Hutter, der im Brotberuf als Entrümpler (2) arbeitet, einem Schatzsucher-Impuls folgend hortete, erforschte („Sauerkrautbüchsen, dreißig oder vierzig Stück, die einzigen Lebensmittel, die er auf Vorrat gekauft hat – Verdauungsprobleme? Skorbut?“), sortierte, deutete, im Rahmen von Kunstaktionen zugänglich machte und über die Jahre zum Buche Karlheinz faßte: die große leidenschaftslose Geschichte vom Versinken unter den Möglichkeiten, das Hohelied vom antriebsarmen Versacken in den unaussprechlichen Fallen des Aufbruchs nach dem Zweiten Weltkrieg.

Die Stadt ist eine Arbeiterstadt. Es ist meine Stadt. Hier dominiert leider ein schlechter Geschmack. (…)
In einer vom Pfälzischen Fremdenverkehrsverband e. V. (…) Ende der 1930er Jahre herausgegebenen Broschüre – „Deutschland – Die Pfalz am Rhein“ – (von Karlheinz mehrfach unbeherrscht mit „1939“ bestempelt) werden im Abschnitt Ludwigshafen unter dem Punkt Sehenswürdigkeiten im Wesentlichen der großartige Schiffsverkehr auf dem Rhein, die Werke der I.G. Farbenindustrie und der Blick auf Mannheim genannt.

Neben Karlheinz gebührt die zweite Hauptrolle des Buchs der Stadt Ludwigshafen, ihrer parallel zu Karlheinzens Leben verlaufenden Geschichte, sowie der näheren Umgebung. Daß die Pfalz exemplarisch für deutschen Durchschnitt steht, mag sich an ihrer Kartoffel- und Weinlastigkeit ermessen lassen (in der Pfalz wird Wein als Dubbeschoppe in Halblitergläsern serviert), an der bräsigen, vom Aussitzen dominierten Kanzlerschaft Helmut Kohls (Karlheinz und der große, anderthalb Jahre ältere Nachbarsjunge müssen sich wenigstens vom Sehen gekannt haben, rechnet Hutter nach Straßenzügen und Schulzeiten aus), oder auch daran, daß seit Jahrzehnten die Einwohner einer Ludwigshafen nahen Gemeinde mit dem sprechenden Namen Haßloch der Konsumlobby als Testkaninchen dienen, deren Verhalten entscheidet, welche neuen Produkte Einzug in den gesamtdeutschen Alltag halten dürfen.

Das Werk ist trotz seiner anderthalb Jahrhunderte langen Geschichte arm an Anekdoten – die Anilinratten sollen groß wie Katzen sein (…). Vielleicht ist seine Macht zu drückend, um kleine Geschichten zu spinnen. Eine, die dennoch in allen möglichen Varianten an den Stammtischen erzählt wird, geht so: In einer Abteilung fällt auf, daß immer wieder größere Mengen Quecksilber verschwinden. Der Werkschutz wird verständigt. Am Tor werden Kontrollen durchgeführt. Ein Arbeiter schiebt sein Fahrrad, er hat die Tasche auf den Gepäckträger geschnallt, dem Ausgang entgegen. Die Tasche wird durchsucht – ohne Ergebnis. Dieser Vorgang wiederholt sich in den folgenden (…) Wochen ein ums andere Mal. Der Mann hat den Verdacht auf sich gezogen. Eines Tages kippt ihm, er hat die Kontrolle schon passiert, das Fahrrad um. Die Werkschützer beobachten entgeistert, wie er sich bemüht, das Gefährt wieder hoch zu wuchten; es geht nicht, das Rad ist einfach zu schwer. Der Dieb hat den ganzen Rahmen mit Quecksilber gefüllt.

Natürlich spielt „das Werk“ auch in Karlheinzens Leben eine entscheidende Rolle: der Vater arbeitete dort als Doktor der Chemie. Die ans Werksgelände grenzenden Straßen der Arbeiterkinder galt es für den Jungen aus besserem Hause zu meiden. Die väterliche Erwartung, der Sohn möge in seine Fußstapfen treten, wird Karlheinz zwar angehen, jedoch nicht erfüllen. Für die allgegenwärtige, ihm von Geburt an zugedachte BASF zu arbeiten vermeidet er: Enthaltsamkeit als aufmüpfiger Akt? Statt Karriere zu machen, führt Karlheinz ein etwas undurchschaubares, von eintönigen Zeugnissen markiertes Leben: Ereignislosigkeit, die er von klein auf akribisch in Kalendern notiert: eine Akribie, auf die auch der Autor beim Erschließen der karlheinzschen Notizen verfällt, bis er unmerklich und nie ohne Widerwillen beginnt, das Leben des zur Kunstfigur erkorenen Verstorbenen in zaghaften Ausschnitten nachzuleben. Um derartige Vorgänge erträglich zu gestalten, muß Distanz zum Sujet gehalten werden (Zeugenbefragungen werden vermieden, sie könnten die Karlheinz-Ikone demolieren); dann wieder macht Hutter seine Leser zu Komplizen, indem er sie in bester Arbeitermanier euchzt und ihrzt; der nachgelassene Krempel, der seine Wohnung verstopft, wird zu Performance-Material umgedeutet:

Als ich zu sprechen beginne, zerstöre ich das demokratische Element. Meine Haltung ist bereits festgelegt. Ich beobachte längst meine Gäste. Ich beäuge argwöhnisch die Männer, die allein unterwegs sind. Hinter einer konventionellen Maske verbergen sie nicht unbedingt sympathische Schrullen. Der ist wegen Nichtigkeiten in bittere Grabenkämpfe mit seinen Nachbarn verstrickt. Der fliegt alleine nach Südostasien. Karlheinzige Typen. „Du bist Karlheinz!“
(…) Ich überbetone die endlosen Wiederholungen in seinen Aufzeichnungen und erzähle die Geschichte von den Gurken aus Oggersheim. Schildere, wie es der Familie im vorletzten Kriegsjahr gelingt, eine Ladung Gurken zu organisieren. Wie die Gurken im Wäschekorb über Bahnsteige geschleppt und zur Nahrungsergänzung mit in den Urlaub geschafft werden. Wie Karlheinz über drei lange Wochen täglich notiert: „abends Gurken.“

Trotz aller Ereignisloskeit, die Leserschaft weiß das von Beginn an, steuert Karlheinz auf die Katastrofe zu. Die Frage, worin sie bestehen mag, erzeugt Spannung über den zur Schau gestellten Banalitäten („bedaure, daß ich euch gelangweilt habe“). Die Lektüre erinnert mich an Jugendgefährten, die verrückt geworden sind, verschollen, an Drogen, Unfällen oder Unlust gestorben. Wieviele von uns brechen vor der Zeit weg? Was macht ein Leben aus? Wenn Rolf Dieter Brinkmann in Rom, Blicke seine Einkaufszettel publiziert, strahlt das Wut aus. Wenn Billy Hutter Karlheinzens in etwa zur gleichen Zeit angesammelten Café-Rechnungen publiziert, spricht das von Bodenständigkeit. Zwei Seiten des Spießertums, das in Karlheinzens Person nicht nur erwartbare Facetten entfaltet: die extreme Bindung ans Elternhaus, zugleich der Haß auf die verheiratete Schwester, die Unfähigkeit zur Partnerschaft, versteckte Sexualität, unbeholfene Betrugsversuche und resultierende Gerichtsverfahren, ein „sensationeller Verschleiß an Regenmänteln“, der späte Karlheinz womöglich gar – wie praktisch jede Deutung im Buch trotz Kubikmetern gewissenhaft ausgewerteten Nachlaßmaterials unbewiesene Spekulation – eine Existenz als Ludwigshafener Original: der Mann (mehr ein Schemen) mit der braunen Einkaufstüte, der sich bei den Eingängen der Kaufhäuser und den Bekanntmachungen der Banken aufhält. Jeder Anflug von Skurrilität enthält bei Karlheinz zugleich Hilflosigkeit, Manie und die fiese Befremdnis bürgerlichen Mainstreams. Beim Lesen klingt mir ständig der schleppende Ludwigshafener Dialekt im Ohr, dieweil Hutter in Karlheinz die Existenz in ihrer äußersten Schlichtheit sich Bahn brechen läßt, eine überaus flache, jederzeit absturzgefährdete Kurve beschreibend: das vieltausendfach ungekannt gelebte Leben des Helden, von dem sein Nachempf- wie  -erfinder schreibt, daß er ihm persönlich lieber nicht habe begegnen wollen – und tatsächlich löst es Schauder aus, wenn Hutter über ein Ludwigshafener Hallenbad räsoniert: Karlheinz und der Autor hätten womöglich im selben Wasser geschwommen. So traurig und erfunden alles an Karlheinz wirkt, ist es das wahrste und beeindruckendste Buch, das ich dieses Jahr bisher gelesen habe.

Ich schlage vor, ihm ein Denkmal zu setzen. Das ist ein durch und durch seriöser und ernstgemeinter, ein nicht-literarischer Vorschlag. (…) Die offizielle kulturelle Praxis unserer Stadt setzt auf das Konstruktive und das Kybernetische. Im Gegensatz dazu wird das Karlheinz-Monument, das wir unten am Rheinufer errichten, eine Mischung aus den Objekten Duane Hansons und Claes Oldenburgs werden und in farbigem Polyester oder einem vergleichbaren künstlichen Material gehalten sein; kolossal jedenfalls, da darf nicht gekleckert werden. (…) Ein Monument der Mittelmäßigkeit und der Einsamkeit wird es werden, aber ebenso ein großartiges, ein größenwahnsinniges Ding, ein Wal, ein Heidelberger Faß, das zu Abbremsungen auf den Brücken führen wird. Am Fuß des Denkmals treffen sich Verliebte. Hier werden Hochzeitsfotos gemacht. Hierhin führt das Vorstandsmitglied die chinesische Delegation. Ein touristischer Magnet wird das Denkmal sein. Nach Ludwigshafen, um Karlheinz zu sehen!

Billy Hutter: Karlheinz, Metrolit-Verlag, Berlin 2015, 224 Seiten, 14,6 x 22 cm, gebunden, 25 Euro

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(1) Zur weiterbildenden Lektüre empfehle ich das Gedicht Kleineleutechronik von HEL
(2) Anfang der 90er arbeitete ich einige Zeit wie Billy Hutter als Entrümpler und Möbelpacker in einem sozialistisch organisierten Kollektiv, ein Sammelbecken für Linksintellektuelle: nicht selten bugsierte ich damals Hand in Hand mit einem Doktor der Philosophie, der über Hegel promoviert hatte, Schränke und Waschmaschinen durch Düsseldorfer Treppenhäuser und fragte mich, wieviele Bücher dereinst einmal von Mitgliedern dieses handfesten Kollektivs verfaßt worden sein würden.