Neulich, in der Kölner Literaturszene (10)

Im Rahmen der Reihe Kölner Gespräche zur Weltliteratur war der guatemaltekische Autor Eduardo Halfon, dessen Buch Der polnische Boxer ich hier vorgestellt habe, zu Gast im Neuen Senatssaal der Universität zu Köln (Hauptgebäude, Albertus-Magnus-Platz 1). Eine für ihren Aufwand recht klandestin angelegte Veranstaltung, auf die mich Timo Berger aufmerksam gemacht hatte, der die Übersetzung des Autorengesprächs besorgte. Halfon, der derzeit vom Literaturbetrieb zum neuen Star der lateinamerikanischen Literatur aufgebaut wird, las mit gutem Gefühl für die Textmaterie aus seinem gerade auf deutsch erschienenen Buch Signor Hoffman die bildstarke, haften bleibende Erzählung Bambus, die an der guatemaltekischen Pazifikküste angesiedelt auf engem Raum Gegensätze und Wildheit des mittelamerikanischen Landes thematisiert:

Ich kam an einem Stück Land mit Cashew- und Mangobäumen vorbei, an einer verlassenen Tankstelle, an einer Gruppe sonnengebräunter Männer, die ihr Gespräch unterbrachen und mich nur aus dem Augenwinkel betrachteten, aus Ressentiment oder Zurückhaltung. Die Erde unter den Füßen war keine Erde, sondern Papierfetzen und Verpackungsmaterial und trockenes Laub und Plastiktüten und ein paar Reste von grünen Mandeln, zertreten und moderig. In der Ferne hörte ein Schwein nicht auf zu brüllen. Ich ging langsam weiter, ohne mir Gedanken zu machen, betrachtete eine Mulattin auf der anderen Straßenseite, zu dick für ihren schwarz-weiß gestreiften Bikini, zu pausbäckig für ihre hohen Absätze. Auf einmal spürte ich Nässe am Fuß. Ich hatte mir die Mulattin zu lange angesehen und war dabei in eine rötliche Pfütze getreten. Ich blieb stehen. Als ich nach links blickte, in eine dunkle, enge Lagerhalle, entdeckte ich, dass der Boden dort voller Haie war. Kleine Haie. Mittelgroße Haie. Blaue Haie. Graue Haie. Braune Haie. Sogar ein paar Hammerhaie. Alle trieben sozusagen in einer Suhle aus Salzwasser und Eingeweiden und Blut und noch mehr Haien. Der Geruch war fast nicht zu ertragen. Ein Mädchen kniete da. Das Gesicht glänzend von Wasser und Schweiß. Ihre Hände griffen in einen langen Einschnitt im weißen Bauch des Hais und zogen innere Organe und Eingeweide heraus. (…) Mir fiel auf, dass die meisten Haie schon keine Flossen mehr hatten. Ich erinnerte mich, irgendwo gelesen zu haben, dass es da einen internationalen Schwarzmarkt gab. Den Flossenmarkt. Da wird man aufpassen müssen, dachte ich, später im Meer. An so einem Haifischtag.

Das begleitende Gespräch drehte sich vornehmlich um die bei Halfon zentrale Frage nach der literarischen Identität. Die Eduardo-Figur seiner Bücher ähnle ihm in Aussehen und Alter, rauche jedoch wie ein Schlot, während er selber „zu feige“ zum Rauchen sei, meinte der Autor und stupste dabei fleißig den Moderator an. Dass seine Hauptfigur stets seinen Namen trage, habe „sich mit der Zeit so ergeben“. Seine Auseinandersetzung mit Guatemala stehe vor dem Hintergrund, dass er mit seiner Familie das Land während des Bürgerkriegs in Richtung USA verlassen habe müssen. Als Jude sei er in Guatemala ein seltenes Exemplar, auch seine Statur und sein Spanisch unterschieden ihn von klassischen Guatemalteken. In den USA habe er Englisch zu denken begonnen und seine Studien in der neuen Sprache abgeschlossen. Erst im Alter von 23 Jahren habe er sich wieder auf das Spanisch seiner Herkunft, in dem er seither sämtliche Erzählungen verfasst, besonnen.

Gerahmt wurde Halfons sympathischer Auftritt von einem Literarischen Quintett, das aus Heinrich von Berenberg (Berenberg Verlag), Anita Djafari (LitProm), Ijoma Mangold (Die Zeit), Thomas Sparr (Suhrkamp) und Nicole Witt (Agentur Mertin) bestand und über Gründe der geringfügigen Repräsentation von Literaturen aus dem Dritte Welt-Gürtel auf dem deutschen Buchmarkt sich austauschte, sowie einem Empfang mit Quiche und Wein.

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Im Literaturklub (Theater Die Wohngemeinschaft, Richard-Wagner-Str. 39) lud Adrian Kasnitz zum zweiten Mal zum Lyrikfest Über der Kimmung. Mehrere Lesungen wurden zunächst zaghaft begleitet von variantenreichen, frei in den Raum geworfenen Lautäußerungen eines Babys in der Sitzreihe hinter mir. Nachdem das Baby unter den Stühlen in meine Reihe vorgekrochen war, gelang es mir nach und nach, seine Laute zu koordinieren. Fortab gickste und juchzte das Kind nicht nur, sondern begann mit den Armen zu arbeiten, an mir herumzuzupfen und an seiner Mimik zu feilen: eine Performancenatur, die einige Bühnenvorträge auszustechen vermochte.

Was noch gut war: Wolfgang Schiffer stellte die isländischen Atomdichter vor, die in den 50er-Jahren mit den seit Jahrhunderten erstarrten Versformen der Edda und der Skalden brachen und damit gesellschaftliche Skandale auslösten, die – die Rede ist vom Umgang mit lyrischen Traditionen! – bis hin zu Morddrohungen gereicht haben sollen. Rund 50 Gedichte der Atomdichter und ihrer Nachfolger hat Wolfgang Schiffer, der die Texte mit anderen ins Deutsche übertrug, bisher auf seinem Blog Wortspiele in der Serie Dichtung von der Insel aus Feuer und Eis einzeln vorgestellt und mit zusätzlichen Informationen, Anekdoten und Fotos versehen. Zum Einstieg empfehle ich: Wintertag von Stefán Hörður Grímsson und Sauberland aus den Supermarkt-Gedichten Andri Snær Magnasons.

Ein weiterer Höhepunkt war die Lesung von Menno Wigman aus Amsterdam. Menno hatte ich 2008 in der Bukowina anläßlich eines einwöchigen Poesiefestivals kennengelernt, wo ich erstmals auf seine Gedichte stieß, deren schwarzromantische, von Popelementen und milder Nostalgie durchwirkte Eleganz mich umgehend einnahm. Von schönen Idioten war darin die Rede, von der abstrusen wie konkreten Verletzlichkeit von Körper und Seele, und davon wie es kommt, daß in Amsterdam soviele Männerleichen in den Grachten aufgefunden werden. Um Mitternacht, wenn wir von ganztägigen Bustouren zu den Auftritten in den bukowinischen Ortschaften nach Suceava zurückgekehrt waren, hatten wir uns desöfteren bei Zigaretten und rumänischem Wodka der Marke Stalin in die kleineren Parks verzogen, um im Windschatten der Karpaten die europäische Literaturlandschaft und Popgeschichte zu zerreden. Mittlerweile ist Menno mit seinem Auswahlband Im Sommer stinken alle Städte in deutscher Übertragung bei der parasitenpresse gelandet, bei der auch drei meiner Gedichtbände erschienen sind. Der Abend brachte zutage, daß Menno (neben vielen anderen niederländischen und flämischen Dichtern) im Auftrag der Stiftung De Eenzame Uitvaart (Das einsame Begräbnis) Nachruf-Gedichte für Verstorbene ohne Angehörige schreibt, eine Idee, die auf Bart FM Droog, einen weiteren befreundeten niederländischen Kollegen zurückgeht. Wünschenswert wäre, daß diese Idee auch in Deutschland Unterstützung erlangt. Ein großartiges Beispiel ist das Gedicht Hou niet van mij (Lieb mich nicht), das Menno für den in Serbien geborenen Igor K. (1970-2016) verfaßt hat:

Hou niet van mij

Het was een feest, je weet niet meer wanneer,
je brak een tand, je weet niet meer waarom,
maar bloedend had je het bestaan doorgrond.

Je bleef de bodem uit je leven slaan:
een optocht hier, een vaandel daar, de roes
van witte grafmuziek om voor te sterven.

Ik zie je, Igor, ik zie je en ik lees je lichaam.
Dit is wat je tatoeages me vertellen:
hou niet van mij, maar vrees me, vrees me.

Hoe lang al was je in jezelf verongelukt?
Waar kon je heen met die beladen huid?
– Jij met je laarzen vol verstand, verstrikt

in hevig wit en radeloze razernij,
je zocht gejaagd een lus voor je gelijk,
hing het op straat voor iedereen te kijk.

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Macht und Ohnmacht der Worte war das Programm der Kölner Literaturtage, organisiert vom lokalen VS (Verband deutscher Schriftstellerinnen und Schriftsteller), betitelt, mit natürlichem Schwerpunkt auf politischer Literatur. Im Academyspace (vormals Teapot, Herwarthstr. 3) der Akademie der Künste der Welt befragte Roberto Di Bella die Autoren Ramy Al-Asheq, Vougar Aslanov und Safiye Can zu ihren Erfahrungen mit Flucht und Migration.

Der „staatenlose syrische Palästinenser“ Al-Asheq lebt derzeit in Köln, wo er als Chefredakteur seit einem knappen Jahr die (wie es hieß) erste arabische Zeitung Deutschlands, Abwab (Türen), betreibt – die FAZ berichtete im Februar über das Projekt. Als Lesebeitrag trug Al-Asheq aus einem Langgedicht vor, welches klassische Elemente arabischer Lyrik als Stream of Consciousness mit freizügig-modernem Vokabular neu anzuordnen schien und um einen Mordanschlag auf den Autor in Damaskus sich gruppierte: für meine nicht sonderlich mit arabischer Lyrik vertrauten Ohren eine neuartige und hochinteressante Erfahrung.

Safiye Can, eine in Deutschland geborene Autorin mit tscherkessischen Wurzeln, auf die ich bereits als Übersetzerin türkischer Lyrik ins Deutsche hingewiesen habe, trug in einem Stil vor, der an Slam Poetry (und mich insbesondere an meine eigenen Performances früherer Jahre) erinnerte: eingängige, für die Bühne überaus brauchbare Gedichte, die sich am gül ve bülbül (Rose und Nachtigall)-Motiv der türkischen bzw. vorderasiatischen Literatur orientieren: der schwierigen, unerwiderten Liebe.

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Der polnische Boxer

halfon_der polnische boxer

Am Morgen, an dem ich mich an diese Besprechung setze, lese ich in der guatemaltekischen Tageszeitung Prensa Libre, daß Eduardo Halfon den diesjährigen Prix Roger-Caillois erhalten wird. Bezeichnenderweise fokussiert der Artikel nicht auf Halfons Literatur, sondern auf seine Identität, die im Zentrum seines Werkes stehe und zitiert den Autor: „Meine Großeltern sind alle außerhalb Guatemalas geboren – im Libanon, in Polen, in Ägypten und in Syrien. Der Zufall führte sie Mitte des 20. Jahrhunderts in Guatemala zusammen, wo ich schließlich im Jahr 1971 zur Welt kam. Vielleicht ist dieser Nomadismus, dieses Umherschweifen mit dem Judentum verknüpft.“

Mein einziges Gespräch in Guatemala über Halfon erinnere ich sehr gut. Als ich erwähnte, außer Der polnische Boxer sei mir kein anderes Buch eines lebenden guatemaltekischen Autors in deutscher Übertragung bekannt, bekam ich zu hören, Halfon sei ein in den USA lebender Jude und könne sich das Publizieren daher, anders als die meisten im Land verbliebenen Autoren, leisten. Der so redete, war der PEN-Vorsitzende Guatemalas Carlos René García Escobar. Mein Einwand, daß Hanser nicht gerade im Ruf eines Zuschußverlags stehe, fand als Erwiderung nur unbestimmtes Gemurmel.

Wissen Sie, wie Dichtung auf Cakchikel heißt, Herr Halfon?, fragte Juan plötzlich. Nein, sagte ich, keine Ahnung. Pach’un tzij, sagte er. Pach’un tzij, sagte ich. Ich ließ mir das Wort eine Weile im Mund zergehen, kostete seinen Klang aus, genoss es, es immer wieder auszusprechen: Pach’un tzij. Wissen Sie, was das bedeutet?, fragte Juan, und ich antwortete zögernd, nein, das sei aber auch nicht wichtig. Wortgeflecht, sagte er. Das ist eine Neuschöpfung, sie bedeutet Wortgeflecht, sagte er noch einmal, Pach’un tzij. So elegant aussprechen wie er konnte es nur, wer rückhaltlos daran glaubt, dass es mehr gibt als nur diese eine Welt. Das ist ein Huipil aus Worten, sagte Juan, ein Wortkleid. Mehr sagte er nicht.

In der Tat spielt das Thema Identität in Halfons wohl bekanntestem Roman Der polnische Boxer die bedeutendste Rolle. Halfon agiert als Ich-Erzähler unter eigenem Namen und verwendet autobiografische Sequenzen. Sein Status als jüdischer Guatemalteke, der in den Staaten lebt, sorgt in der jeweiligen Heimat, sowohl in den USA, als auch in Guatemala, bei anderen Figuren für Irritationen. Weit überwiegend handeln die zehn geschlossenen Erzählrunden, die sich als literarischer Boxkampf des Autors gegen sich selbst bezeichnen ließen, von typisch postmodernen, bildungsbürgerlichen Szenarien. Vereinzelt setzen sich Erzählstränge über die Kapitel fort. Das Personal besteht aus Universitätsangestellten und Studenten, Teilnehmern eines Mark Twain-Symposions, Besuchern und Mitwirkenden eines internationalen Kulturfestivals in Antigua Guatemala und jungen, hübschen, sexuell freizügigen Frauen aus Guatemalas gehobener Schicht. Als Kontrapunkt dienen Skizzen einer in die Gegenwart transponierten, mystifizierten Zigeunerromantik, die der Autor an einige Figuren knüpft, die dem Roman-Eduardo in Belgrad, wohin er einem kuriosen Impuls folgend reist, begegnen.

Wir gingen in die Cueva de los Urquizú, ein einfaches Lokal mit Plastiktischdecken, Plastiktabletts und Wegwerfgeschirr, das höchstwahrscheinblich nie weggeworfen wurde. Ich wollte, dass Milan ein bisschen typisch guatemaltekisches Essen kennenlernte.

Oberflächliche Übereinstimmungen mit meiner eigenen Guatemala-Wahrnehmung habe ich vor allem im ersten Kapitel, Fern, gefunden: Halfon schwärmt von den beeindruckenden Namen guatemaltekischer Orte, vom Klang der Mayasprachen (die in meinem Empfinden, wo ich sie auf der Straße hörte, Naturfänomene nachzuahmen schienen und knisternde, raschelnde, rauschende, Naturkräften ähnelnde, zerfallende Soundskulpturen bildeten), läßt sich über die lokale Küche aus, bevorzugt unter den guatemaltekischen Bieren, genau wie ich, das dunkle Moza, und thematisiert die Ungleichheit zwischen indianischer und herrschender Bevölkerung, vorbereitet durch literaturwissenschaftliche Überlegungen, die er als Dozent seinen desinteressierten Studenten nahezubringen sucht, und denen einzig der junge talentierte Maya-Dichter Juan Kalel zu folgen versteht, der am Ende seine just begonnene akademische Laufbahn knicken muß, weil die Armut den Lebenstakt der Mayaexistenzen bestimmt und Juan die magere Gärtnerrolle des verstorbenen Vaters in seiner subsistenzwirtschaftlich sich ernährenden Familie einnehmen muß.

Mein Großvater sagte immer, ich sei so alt wie die Ampeln, denn an dem Tag, an dem ich zur Welt kam, wurde offenbar an ich weiß nicht welcher Kreuzung im Stadtzentrum die erste Ampel Guatemalas aufgestellt.

Die zehn Erzählungen stecken voller einprägsamer, kräftiger Ideen und literarischer Finten, zu denen Halfon gerne etwas Theorie zur Deutung nachreicht. Sie sind ausstaffiert mit der Sprunghaftigkeit unserer globalisierten Epoche, Tablettenschwangerschaften und gezeichneten Orgasmen, mit der Häftlingstätowierung des Großvaters, der Auschwitz überlebte und sehr viel Musik, Zigaretten und Alkohol. Bei beachtlicher Vielschichtigkeit sind die Geschichten intelligent komponiert, handwerklich hervorragend gearbeitet und mit reichlich Witz versehen. Halfon kreist in Der polnische Boxer, stellvertretend für jedwede zeitgenössische Biografie, ständig um sein wahres und sein literarisches Ich: das längste Kapitel trägt paßgenau den Titel Pirouette. Extensive Beschreibungen des Fremden dienen letztlich der Suche nach dem Fremden im Autor selbst, in der Betrachtung gesellschaftlicher Außenseiter sucht er nach dem Unverstellten, der vermeintlichen Magie, die mit wirtschaftlicher Armut einhergeht und die sich mithilfe klassischer Bildung bzw aus den antrainierten Verhaltensmustern akademischer Tätigkeiten schwer begreifen läßt.

Als nächstes traf eine Karte aus Denver, Colorado, ein. Sie zeigte einen erdmandelmilchfarbenen Berg, der mit winzigen schwarzen Punkten übersät war, Skifahrer, nahm ich an, oder riesige Nadelbäume. Milan schrieb dazu: Es war einmal ein König, der besaß das große Zigeuner-ABC. Da es damals noch keine Bücherregale gab, um ABCs aufzubewahren, wickelte der König das ABC in Salatblätter ein. Anschließend legte er sich am Ufer eines sanften Bächleins schlafen. Wenig später erschien ein Esel, trank Wasser aus dem Bächlein und aß die Salatblätter auf. Deshalb haben wir Zigeuner kein eigenes ABC.

An meine mehrhundertfach fotografierten Sonnenaufgänge über dem Atitlánsee erinnert mich eine der Schlußszenen vor der Kulisse der antiken Mayastätte Tikal, die zugleich eine guatemaltekische Klammer schließt, indem sie eine neofolkloristische Betrachtung der indianischen Bevölkerung, auf die der weiße Mann in Guatemala sich unvermittelt verworfen sieht, anstellt, die, dem Zeitgeist gemäß, unaufgelöst bleiben muß.

Der Eingeborene zeichnete den Sonnenuntergang, (…) aber er zeichnete so, ganz schnell, sagte Shlomo und bemühte sich offensichtlich, den anderen nachzuahmen. Er machte mit seinen Farbstiften ganz schnell eine Zeichnung, sagte er, und dann riss er die Seite aus dem Heft und warf sie auf die Steine des Mayatempels, auf die Steine seiner Vorfahren, und fing an, einen neuen Sonnenuntergang zu zeichnen. Verstehen Sie? Denn jede Zeichnung war anders, jeder Sonnenuntergang war anders, als wären es wirklich lauter verschiedene Sonnenuntergänge. Alles veränderte sich ganz schnell. Die Bewegung der Wolken, die Stellung der Sonne, die Farbe des Himmels. (…) Aber statt einer Kamera nahm er seine Augen und seine Hände und seine Farbstifte dafür. (…) Und der Eingeborene, fuhr er fort, ließ seine Zeichnungen auf dem Boden liegen, und manche wurden vom Wind fortgetragen. Als läge ihm nichts daran, sagte er, oder als wäre das nicht das Wichtigste, sagte Shlomo. (…) Wir waren vielleicht zehn oder fünfzehn Touristen und wir vergaßen ganz, den Sonnenuntergang über dem Urwald zu verfolgen, und sahen dafür zu, wie dieser Eingeborene ihn mit seinen Farbstiften zeichnete.

Eduardo Halfon: Der polnische Boxer (aus dem Spanischen von Peter Kultzen und Luis Ruby), Hanser, München 2014 (Originalausgabe: El boxeador polaco, Editorial Pre-Textos, Valencia 2008/2010)