Die alten Dosodarianer: Über androidisches Verhalten zur Dichtkunst

Einige der unterhaltsamsten Betrachtungen zu Dichtkunst im popkulturellen Kontext stammen von einer nichtmenschlichen Lebensform: Lieutenant Commander Data aus der TV-Serie Raumschiff Enterprise (Star Trek), die in der Zukunft spielt und bisweilen auf Literatur als Intermezzo oder Katalysator zurückgreift. Ziel des Androiden Data ist es, seine maschinelle Herkunft zu überwinden, menschliche Empfindungen zu verstehen, letztlich selber menschlich zu werden. Zu diesem Zweck beschäftigt Data sich u.a. mit den Künsten. Seine Ode an Spot (Ode to Spot), ein selbst verfasstes und anlässlich einer literarischen Soirée im Raumschiff vorgetragenes Gedicht(1) über seinen Kater(2), spiegelt gleichermaßen Originalität und Defizite des Data’schen Charakters. Die Einleitung der Performance, die auf Wissen aus Datas enzyklopädischem Datenspeicher basiert, klingt seltsam eingeschränkt und dennoch vielversprechend: „In allen Epochen von Keats bis Jorkemo haben viele Poeten für Einzelpersonen Oden verfasst, die einen tiefgreifenden Einfluss auf ihr Leben hatten. In Bewahrung dieser Tradition habe ich also mein nächstes Werk zu Ehren meiner Katze geschrieben.“(3) Doch Datas technizistische Poetologie ruft Langeweile bei den Zuschauern hervor, einen vorzeitig gesetzten Schlussapplaus aus dem Publikum missversteht der Rezitator als Ermunterung. Die er im Grunde mehr als verdient hätte, denn mit Sicherheit handelt es sich bei Ode to Spot bis heute um das weltweit berühmteste Gedicht eines Androiden:

Ode to Spot

Felis Catus is your taxonomic nomenclature,
An endothermic quadruped, carnivorous by nature.
Your visual, olfactory, and auditory senses
Contribute to your hunting skills and natural defenses.

I find myself intrigued by your subvocal oscillations,
A singular development of cat communications
That obviates your basic hedonistic predilection
For a rhythmic stroking of your fur to demonstrate affection.

A tail is quite essential for your acrobatic talents,
You would not be so agile if you lacked its counterbalance.
And when not being utilized to aid in locomotion,
It often serves to illustrate the state of your emotion.

Oh Spot, the complex levels of behavior you display
Connote a fairly well-developed cognitive array.
And though you are not sentient, Spot, and do not comprehend,
I nonetheless consider you a true and valued friend.(4)

Gerade weil der mit übermenschlichen Kräften und Fähigkeiten ausgestattete, rhetorisch bewanderte Data für Emotionen wie Humor unzugänglich ist, erzeugt er häufig unfreiwillig Situationen, die die anderen Crew-Mitglieder irritieren. In einer weniger bekannten Szene beschäftigt sich Data einige Zeit nach seiner mäßig erfolgreichen Lesung(6) abermals mit Dichtung(7). Dabei entspinnt sich ein Dialog zwischen Data und seinem besten menschlichen Freund, dem Ingenieur Geordi La Forge, dessen Mutter gerade als vermisst gemeldet wurde.

La Forge: „Ich bin nur vorbeigekommen, um mal zu sehen, was Sie hier so treiben.“
Data: „Ich verwende die Zeit, um mein Studium der Dichtkunst zu ergänzen.“
(Kameraschwenk über Datas Laptop, der einen schwarzen Bildschirm anzeigt.)
La Forge: „Data, es ist nichts auf dem Bildschirm!“
Data: „Das ist nicht vollkommen korrekt. Obwohl es wahr ist, dass das Display gegenwärtig leer ist, hat diese Leere eine poetische Bedeutung. Deswegen kann sie nicht als Nichts betrachtet werden.“
La Forge: „Wer sagt das?“
Data: „Die alten Dosodarianer. Viele ihrer Gedichte haben solche Lacunae und Leerräume enthalten. Oftmals dauerten diese Pausen mehrere Tage an, während derer der Dichter und das Publikum ermuntert wurden, die Erfahrungen dieser Leere in vollem Rahmen auszukosten.“
La Forge: „Einige Vorlesungen auf der Sternenflottenakademie schienen mir auch so zu sein.“
Data: „Sind Sie sicher, dass Sie nicht über Ihre Mutter sprechen möchten?“
La Forge: „Warum sagen Sie das?“
Data: „Zweifellos empfinden Sie großes emotionales Leid als Folge ihres Verschwindens. Sie behaupten zwar, Sie kämen nur so vorbei. Das ist aber wohl nur ein Vorwand, um ein Gespräch über dieses unangenehme Thema zu beginnen. Ist das korrekt?“
La Forge: „Nein, Data. Manchmal heißt „ich komme nur so vorbei“ einfach nur „ich komme nur so vorbei“.“
Data: „Hmmm. Dann verzeihen Sie mir bitte meine übereilte Annahme. Dieses spezielle Gedicht hat eine Lacunae von 47 Minuten. Sie können die Leere miterleben, wenn Sie wünschen.“
La Forge: „Danke!“
(Beide starren auf den schwarzen Bildschirm.)

Tatsächlich erweist sich der schwarze Spiegel des poetischen Interludums als Referenzfläche für La Forges Sorgen. Im weiteren Gesprächsverlauf erklärt La Forge dem Androiden, dass „ich komme nur so vorbei“ in diesem Fall eben doch nicht einfach nur „ich komme nur so vorbei“ bedeutet habe. Wie stets nimmt Data das Verwirrende emotionslos-analytisch zur Kenntnis. Neu für uns ist die Überlieferung der altdosodarianischen Gedichttechnik. Ohne Datas Interesse für das Überzogene, das mit seinen Programmeigenschaften korrespondiert, wäre sie uns noch lange verborgen geblieben. Zwischen Wortfolgen stehen bei den Dosodarianern womöglich noch bedeutendere Leerstellen. Offenbar dienen sie dazu, die Auswirkungen der Worte kontrapunktisch zu neutralisieren: die Quadratur eines spirituellen Konzepts. In ihrer Ausdehnung übertreffen die dosodarianischen Pausen alles, was das menschengeschaffene Gedicht bisher gewagt hat, und auch Erwin Schulhoffs Fünf Pittoresken oder John Cages 4’33“ (Four minutes, thirty-three seconds) wirken anbetrachts der dosodarianischen Leistungen wie eine leichtfertige Aufwärmübung in Dingen Silentium, Leere, Nachdenken und Rezeption.

(1) Hier im Original in einem Youtube-Video
(2) In Staffel 6, Folge 5 (In den Subraum entführt; Original: Schisms)
(3) Die Szene beginnt eigentlich mit den Schlusszeilen eines anderen, titellosen Gedichts Datas, das einen zweisamen romantischen Sonnenuntergang am Meer aus Androidensicht behandelt: anstatt dem menschlichen Gegenüber das Abendrot anhand wissenschaftlicher Analysen auseinanderzusetzen, schweigt das empfindungslose lyrische Maschinen-Ich aus Rücksicht auf die Gesamtstimmung
(4) Der Rapper Dan Bull produzierte einen Remix des Gedichts mit Datas Stimme zu Hiphop-Beats und gab dem Text damit einen frischeren und durchgehenden Flow
(5) Auch die deutsche Version gibt die präzise Umständlichkeit von Datas Sprache gut wieder. Der tatsächliche Verfasser des Originaltexts ist umstritten. Data-Darsteller Brent Spiner nannte als Autor Brannon Braga
(6) Datas literarischer Auftritt parodiert zugleich (ähnlich Lothar Frohweins Melusine-Vortrag in Pappa ante portas) das gängige Klischee der Wasserglaslesung zu Beginn der 90er-Jahre
(7) In Staffel 7, Folge 3 (Das Interface; Original: Interface)

Advertisements

Der polnische Boxer

halfon_der polnische boxer

Am Morgen, an dem ich mich an diese Besprechung setze, lese ich in der guatemaltekischen Tageszeitung Prensa Libre, daß Eduardo Halfon den diesjährigen Prix Roger-Caillois erhalten wird. Bezeichnenderweise fokussiert der Artikel nicht auf Halfons Literatur, sondern auf seine Identität, die im Zentrum seines Werkes stehe und zitiert den Autor: „Meine Großeltern sind alle außerhalb Guatemalas geboren – im Libanon, in Polen, in Ägypten und in Syrien. Der Zufall führte sie Mitte des 20. Jahrhunderts in Guatemala zusammen, wo ich schließlich im Jahr 1971 zur Welt kam. Vielleicht ist dieser Nomadismus, dieses Umherschweifen mit dem Judentum verknüpft.“

Mein einziges Gespräch in Guatemala über Halfon erinnere ich sehr gut. Als ich erwähnte, außer Der polnische Boxer sei mir kein anderes Buch eines lebenden guatemaltekischen Autors in deutscher Übertragung bekannt, bekam ich zu hören, Halfon sei ein in den USA lebender Jude und könne sich das Publizieren daher, anders als die meisten im Land verbliebenen Autoren, leisten. Der so redete, war der PEN-Vorsitzende Guatemalas Carlos René García Escobar. Mein Einwand, daß Hanser nicht gerade im Ruf eines Zuschußverlags stehe, fand als Erwiderung nur unbestimmtes Gemurmel.

Wissen Sie, wie Dichtung auf Cakchikel heißt, Herr Halfon?, fragte Juan plötzlich. Nein, sagte ich, keine Ahnung. Pach’un tzij, sagte er. Pach’un tzij, sagte ich. Ich ließ mir das Wort eine Weile im Mund zergehen, kostete seinen Klang aus, genoss es, es immer wieder auszusprechen: Pach’un tzij. Wissen Sie, was das bedeutet?, fragte Juan, und ich antwortete zögernd, nein, das sei aber auch nicht wichtig. Wortgeflecht, sagte er. Das ist eine Neuschöpfung, sie bedeutet Wortgeflecht, sagte er noch einmal, Pach’un tzij. So elegant aussprechen wie er konnte es nur, wer rückhaltlos daran glaubt, dass es mehr gibt als nur diese eine Welt. Das ist ein Huipil aus Worten, sagte Juan, ein Wortkleid. Mehr sagte er nicht.

In der Tat spielt das Thema Identität in Halfons wohl bekanntestem Roman Der polnische Boxer die bedeutendste Rolle. Halfon agiert als Ich-Erzähler unter eigenem Namen und verwendet autobiografische Sequenzen. Sein Status als jüdischer Guatemalteke, der in den Staaten lebt, sorgt in der jeweiligen Heimat, sowohl in den USA, als auch in Guatemala, bei anderen Figuren für Irritationen. Weit überwiegend handeln die zehn geschlossenen Erzählrunden, die sich als literarischer Boxkampf des Autors gegen sich selbst bezeichnen ließen, von typisch postmodernen, bildungsbürgerlichen Szenarien. Vereinzelt setzen sich Erzählstränge über die Kapitel fort. Das Personal besteht aus Universitätsangestellten und Studenten, Teilnehmern eines Mark Twain-Symposions, Besuchern und Mitwirkenden eines internationalen Kulturfestivals in Antigua Guatemala und jungen, hübschen, sexuell freizügigen Frauen aus Guatemalas gehobener Schicht. Als Kontrapunkt dienen Skizzen einer in die Gegenwart transponierten, mystifizierten Zigeunerromantik, die der Autor an einige Figuren knüpft, die dem Roman-Eduardo in Belgrad, wohin er einem kuriosen Impuls folgend reist, begegnen.

Wir gingen in die Cueva de los Urquizú, ein einfaches Lokal mit Plastiktischdecken, Plastiktabletts und Wegwerfgeschirr, das höchstwahrscheinblich nie weggeworfen wurde. Ich wollte, dass Milan ein bisschen typisch guatemaltekisches Essen kennenlernte.

Oberflächliche Übereinstimmungen mit meiner eigenen Guatemala-Wahrnehmung habe ich vor allem im ersten Kapitel, Fern, gefunden: Halfon schwärmt von den beeindruckenden Namen guatemaltekischer Orte, vom Klang der Mayasprachen (die in meinem Empfinden, wo ich sie auf der Straße hörte, Naturfänomene nachzuahmen schienen und knisternde, raschelnde, rauschende, Naturkräften ähnelnde, zerfallende Soundskulpturen bildeten), läßt sich über die lokale Küche aus, bevorzugt unter den guatemaltekischen Bieren, genau wie ich, das dunkle Moza, und thematisiert die Ungleichheit zwischen indianischer und herrschender Bevölkerung, vorbereitet durch literaturwissenschaftliche Überlegungen, die er als Dozent seinen desinteressierten Studenten nahezubringen sucht, und denen einzig der junge talentierte Maya-Dichter Juan Kalel zu folgen versteht, der am Ende seine just begonnene akademische Laufbahn knicken muß, weil die Armut den Lebenstakt der Mayaexistenzen bestimmt und Juan die magere Gärtnerrolle des verstorbenen Vaters in seiner subsistenzwirtschaftlich sich ernährenden Familie einnehmen muß.

Mein Großvater sagte immer, ich sei so alt wie die Ampeln, denn an dem Tag, an dem ich zur Welt kam, wurde offenbar an ich weiß nicht welcher Kreuzung im Stadtzentrum die erste Ampel Guatemalas aufgestellt.

Die zehn Erzählungen stecken voller einprägsamer, kräftiger Ideen und literarischer Finten, zu denen Halfon gerne etwas Theorie zur Deutung nachreicht. Sie sind ausstaffiert mit der Sprunghaftigkeit unserer globalisierten Epoche, Tablettenschwangerschaften und gezeichneten Orgasmen, mit der Häftlingstätowierung des Großvaters, der Auschwitz überlebte und sehr viel Musik, Zigaretten und Alkohol. Bei beachtlicher Vielschichtigkeit sind die Geschichten intelligent komponiert, handwerklich hervorragend gearbeitet und mit reichlich Witz versehen. Halfon kreist in Der polnische Boxer, stellvertretend für jedwede zeitgenössische Biografie, ständig um sein wahres und sein literarisches Ich: das längste Kapitel trägt paßgenau den Titel Pirouette. Extensive Beschreibungen des Fremden dienen letztlich der Suche nach dem Fremden im Autor selbst, in der Betrachtung gesellschaftlicher Außenseiter sucht er nach dem Unverstellten, der vermeintlichen Magie, die mit wirtschaftlicher Armut einhergeht und die sich mithilfe klassischer Bildung bzw aus den antrainierten Verhaltensmustern akademischer Tätigkeiten schwer begreifen läßt.

Als nächstes traf eine Karte aus Denver, Colorado, ein. Sie zeigte einen erdmandelmilchfarbenen Berg, der mit winzigen schwarzen Punkten übersät war, Skifahrer, nahm ich an, oder riesige Nadelbäume. Milan schrieb dazu: Es war einmal ein König, der besaß das große Zigeuner-ABC. Da es damals noch keine Bücherregale gab, um ABCs aufzubewahren, wickelte der König das ABC in Salatblätter ein. Anschließend legte er sich am Ufer eines sanften Bächleins schlafen. Wenig später erschien ein Esel, trank Wasser aus dem Bächlein und aß die Salatblätter auf. Deshalb haben wir Zigeuner kein eigenes ABC.

An meine mehrhundertfach fotografierten Sonnenaufgänge über dem Atitlánsee erinnert mich eine der Schlußszenen vor der Kulisse der antiken Mayastätte Tikal, die zugleich eine guatemaltekische Klammer schließt, indem sie eine neofolkloristische Betrachtung der indianischen Bevölkerung, auf die der weiße Mann in Guatemala sich unvermittelt verworfen sieht, anstellt, die, dem Zeitgeist gemäß, unaufgelöst bleiben muß.

Der Eingeborene zeichnete den Sonnenuntergang, (…) aber er zeichnete so, ganz schnell, sagte Shlomo und bemühte sich offensichtlich, den anderen nachzuahmen. Er machte mit seinen Farbstiften ganz schnell eine Zeichnung, sagte er, und dann riss er die Seite aus dem Heft und warf sie auf die Steine des Mayatempels, auf die Steine seiner Vorfahren, und fing an, einen neuen Sonnenuntergang zu zeichnen. Verstehen Sie? Denn jede Zeichnung war anders, jeder Sonnenuntergang war anders, als wären es wirklich lauter verschiedene Sonnenuntergänge. Alles veränderte sich ganz schnell. Die Bewegung der Wolken, die Stellung der Sonne, die Farbe des Himmels. (…) Aber statt einer Kamera nahm er seine Augen und seine Hände und seine Farbstifte dafür. (…) Und der Eingeborene, fuhr er fort, ließ seine Zeichnungen auf dem Boden liegen, und manche wurden vom Wind fortgetragen. Als läge ihm nichts daran, sagte er, oder als wäre das nicht das Wichtigste, sagte Shlomo. (…) Wir waren vielleicht zehn oder fünfzehn Touristen und wir vergaßen ganz, den Sonnenuntergang über dem Urwald zu verfolgen, und sahen dafür zu, wie dieser Eingeborene ihn mit seinen Farbstiften zeichnete.

Eduardo Halfon: Der polnische Boxer (aus dem Spanischen von Peter Kultzen und Luis Ruby), Hanser, München 2014 (Originalausgabe: El boxeador polaco, Editorial Pre-Textos, Valencia 2008/2010)

Von Sekretärinnen und Taxifahrern

Alberto Arzús Gedichtband 10-14, diesen Mai erschienen bei Editorial X in Guatemala

Alberto Arzús Gedichtband 10-14, diesen Mai erschienen bei Editorial X in Guatemala

An einem von Starkregen bedrohten Nachmittag treffe ich im Parque Centroamérica im Herzen Quetzaltenangos, das bis zu 2400 Meter hoch auf den Sedimenten eines ehemaligen Bergsees liegt und nach seinem alten Mayanamen Xelajú meist Xela (sprich: Schela) genannt wird, auf Alberto Arzú, einen Dichter, der auf seiner Facebook-Seite (dort als Gato Azul, deutsch: Blaue Katze unterwegs) in hohem Takt von kulturellen und politischen Begebenheiten in Xela und ganz Guatemala berichtet sowie eine schier endlose Serie mit lyrischen Aforismen betreibt. Alberto ist leicht auszumachen: mit seinen Rastalocken und der Kapitänsbinde, die er über einer mit Stickern benähten Weste trägt, fällt er in Xela optisch aus dem Rahmen. Noch bevor er mich ausgiebig durch die innerstädtischen Zonen führt, in denen er jeder Straße, beinahe jedem Haus eine Geschichte zuzuordnen weiß, drückt er mir zwei seiner Gedichtbände in die Hand.

Der erste, Taxi ¡Crush!, 2012 bei Chuleta de Cerdo Editorial erschienen, lotst die Leserschaft in ein anfahrendes Taxi, dessen namenloser Chauffeur über die Schulter von seinen Erlebnissen und Gedanken erzählt. Sämtliche Gedichte sind auf eine Buchseitenlänge geschnitten. In ihren Erzählweisen erinnern sie an Popsongs, die wiederum tatsächlich in vielen der Gedichte als Soundtrack aus dem ständig eingeschalteten Autoradio tönen: mal läuft nach vorne gehender Indie-Trashbeat (The Go-Go’s), dann wieder sehnsüchtige, melancholische Melodien (Feargal Sharkey, John Lennon) – vornehmlich Stücke aus den Achtzigerjahren. Im Popmusik-Kontext verweilend, ließe sich der Band als Konzeptalbum beschreiben: der Taxi fahrende Protagonist frißt Straßenkilometer wie flüchtige Begegnungen und durchlebt eine zunehmend emotionale Reise: von Anteilnahme und Verliebtheit über Frustration hin zu Todessehnsucht.

Auch wenn die Kulisse im Eingangsmotto als die „irgendeiner Stadt“ zu „irgendeiner Stunde“ vorgestellt wird, ergeben sich Hinweise auf Quetzaltenango, die Stadt Guatemalas, die der Dichter Arzú von allen am meisten schätzt. Die kulturellen Entfaltungsmöglichkeiten seien in Xela größer, der Zusammenhalt in der Szene besser als in der Hauptstadt. Seit 2003 findet regelmäßig ein großes internationales Poesiefestival statt. Hier betreibt er seinen Verlag Chuleta de Cerdo (Schweinekotelett), dessen Logo die kartografische Gestalt Guatemalas mit der eines Koteletts vereint. Der Verlag wurde aus der Cartonera-Idee geboren, seine Bände erinnern in ihrer Machart an die der Kölner Parasitenpresse.

Taxi ¡Crush! bewegt sich durch einen Alltag unterhalb des öffentlichen Interesses, voll kleiner, einfacher, kaum jemals hoffnungsfroher Geschichten mit verheulten Mädchen, gehetzten Männern, traurigen Büroangestellten, katastrofalen Heimniederlagen des lokalen Fußballteams, geheimnisvollen Rückbankschönheiten und dankbaren Unfällen am Wegesrand, die unerträgliche Monologe von Fahrgästen beenden helfen. Der Regen (der in Xela apokalyptische Ausmaße anzunehmen vermag) begleitet die Touren, die in ihrer täglichen Wiederholung die schönen Erinnerungen des Chauffeurs überkommen. Zunehmend empfindet er sich als Gefangener seiner Position, Desillusionierung und Daseinsekel brechen sich Bahn. Umschwirrt von gelben Taximolekülen endet der letzte Arbeitstag in einer Blutlache aus Traum und Wirklichkeit.

Die Zahlenfolge im Titel des zweiten Bandes, 10-14, weist sowohl auf eine typische Block-Hausnummer in Guatemala-Stadt als auch auf die durchnummerierten, aktuell 25 Zonen der zentralamerikanischen Metropole – und bezeichnet hier ein fiktives Bürogebäude in der gehobenen Zona 14. Von Angestellten, Angehörigen der Mittelklasse, deren Arbeit auf die Anschaffung des neuen Volkswagens abzielt, auf gesellschaftlichen Aufstieg innerhalb eines materiell, am Wert bestimmter Markenprodukte bemessenen Codesystems, handeln die Gedichte des ersten Teils, die optisch aus Büroeinheiten bestehenden Hochhäusern gleichen. Selbst die Schmerzkiller nach Büroschluß („ein schönes kühles Budweiser“) tragen Markennamen.

Anders als der Taxifahrer aus Taxi ¡Crush!, der die Musik hinnimmt, die das Radio ihm anbietet, unterscheiden die Büroangestellten bei der Arbeitsplatzbeschallung zwischen gutem und schlechtem Geschmack, „Reggaeton-Scheiße“ und „Bands mit Klasse“. Arzú zeichnet den Büromenschen als Spielball seines Statusdenkens, seiner von ungenannten Vordenkern übernommenen Klassifikationen, die ihm erlauben, den eigenen Mittelklasse-Status als gehoben, zumindest als über minderwertigere Geschmäcker, Einstellungen, Berufe erhaben betrachten zu dürfen.

Gedichttitel wie „Sie haben einen Blocker für die sozialen Netzwerke in den Bürocomputern installiert“ halten, was sie versprechen: die Texte analysieren zeitgenössische Arbeitsbedingungen in Versen, es geht um Angestelltenrabatte, Arbeitsgeräusche und den Blick aus der siebten Etage über die Stadt. Wird Facebook abgeschaltet, taucht der Firmenpsychologe auf und hilft zweifelnden Mitarbeitern zu Liebenswürdigkeit und Effizienz zurückzufinden. Denn die meisten Angestellten lieben ihre Arbeit nicht gerade: ihnen ist bewußt, daß sie Geldmengen generieren, die maßgeblich von wenigen anderen abgeschöpft werden. Ein anderer Titel: „Die Wanduhren in diesen Büros sind riesig, damit sie uns an den Lauf der Zeit erinnern“ scheint direkt an Charlie Chaplins Modern Times bzw. Jacques Tatis Playtime anzuschließen.

Die von Hierarchiebewußtsein und Austauschbarkeit geprägten Verhältnisse der Angestellten dienen Arzú als Ausgangskonstellationen für kurze Erzählgedichte, in denen selten Wesentlicheres passiert, als daß eine geradezu unerträgliche Grundstimmung sich immer weiter aufbläht, eine Blase aus zigtausendfacher Realität in westlichen Modefarben, über der als ständige Bedrohung eine Insolvenz dräut, die immer nur die sogenannten Mitarbeiter um ihre aus anfallenden Ratenzahlungen bestehenden Lebensentwürfe fürchten läßt, während die Bosse in gänzlich anderen Sfären zu leben scheinen.

Auf die Erzählgedichte folgen im zweiten Teil kurze zwei- bis sechszeilige, aforistische Skizzen, die an abstrakte Kunstwerke auf den Fluren von Firmengebäuden erinnern und die im ersten Teil aufgebaute Stimmung eines seiner Lebendigkeit beraubten Lebens nochmals verdichten: „Im blauen Büro / der grauen Angestellten“, „Denn im Büro finden sich Angestellte / Und in den Angestellten findet sich nichts / Arbeit, Arbeit, Arbeitsroutine / Etwas findet sich“.

Alberto Arzús Gedichte werden getragen von verallgemeinerten soziologischen Betrachtungen und Sprechweisen des Pop. Sie transportieren die Hoffnungen der Jugend, des Verliebtseins, denen die Melancholie des Vergehens und Scheiterns bereits innewohnt. Die jungen Dichter Guatemalas räumen auf ihre Weise mit der Literatur des Landes  auf. Aus der Zeit des Bürgerkriegs (1960-1996), der das Volk bis in die Gegenwart traumatisiert hat, erklingen in Arzús Gedichten lediglich die Lieder von The Smiths, The Cure oder U2. Die auftretenden Gestalten scheinen ihrer Wurzeln beraubte, unter globalen Prämissen lebende Weltbürger, die in kurzen lyrischen Strichen mithilfe von New Wave-Songs und europäischen Traumautos vor einer unbestimmten Situation flüchten, in der sie zugleich alptraumhaft auf der Stelle treten. In Alberto Arzús Gedichten finden sich Schnittmengen zu meinen Beobachtungen des urbanen Guatemalas, wie es sich in der Hauptstadt und teilweise in Quetzaltenango abspielt. Trotz einigermaßen stabiler Wirtschaftslage ist allenthalben Desillusionierung spürbar; dafür sprechen die Gesichter der Menschen, die insbesondere in den Straßen der Hauptstadt von Plakaten und Graffiti mit den Konterfeis Verschwundener und Ermordeter gespiegelt wirken.

Nachtrag, 08. September 2015
Von Sekretärinnen und Taxifahrern ist nun auch in der Lyrikzeitung nachzulesen.

Nachtrag, 29. Dezember 2015
Im Rahmen ihres Rückblicks auf das Lyrikjahr 2015 rebloggen die Kulturnotizen zu Kunst, Musik und Poesie den Eintrag Von Sekretärinnen und Taxifahrern heute auf ihrer Website.