Puerto Àngel: Den Himmel meistern

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Irre erschließen die Wege, die später von Weisen beschritten werden: verblassende Zeilen nach Carlo Dossi an einer Fleischerei in Puerto Àngel

Der deutsche Wikipedia-Eintrag zu Arthur Cravan behauptet, der Boxerpoet sei zuletzt im November 1918 in Puerto Àngel (1) gesehen worden. Die Literatur bietet Anzeichen, dass Cravan sich tatsächlich für eine Weile in dem kleinen Fischerdorf (oder in dessen Nähe) an der Küste von Oaxaca aufgehalten haben könnte. In Puerto Àngel ist davon allerdings nichts in Erfahrung zu bringen. Zwei eher versteckte Murals unter dem Label der Acción Poética zitieren Verse des mexikanischen Rap-Literaten Danger Alto Kalibre und des italienischen Schriftstellers Carlo Dossi, eines Zeitgenossen Cravans. Keiner meiner Gesprächspartner kennt auch nur Cravans Namen. Durchaus möglich, dass Cravan unter einem weiteren Pseudonym in der Gegend unterwegs war, und keine Spuren hinterlassen wollte, denn er befand sich auf der Flucht.

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Während des Aufklarens entstehen Kolibri-Landschaften

Der Regen prasselt so laut aufs Terrassendach, dass ich meine eigenen Gedanken nicht mehr hören kann. Unterm Tisch schläft Thunfisch, der Hund meiner Gastgeber, der Knecht Ruprecht, dem Hund der Simpsons, in Aussehen und Verhalten bis aufs Haar gleicht. In Oaxaca kämen nach den ersten Starkregen der Saison zwischen drei und vier Uhr morgens die Chicatanas (geflügelte Blattschneider) hervor, die überaus schmackhafte Mahlzeiten abgeben sollen (2). Auf dem Arbeitstisch schillert eine Flasche Mezcal, über den nicht mehr zu erfahren ist, als dass „die Frauen aus den Bergen“ ihn produzierten, die alle paar Wochen oder Monate an die Küste herab kämen, um frisch destillierte Margen zu verkaufen. Der Regen ist der weltschnellste Drumcomputer. Mit überbordendem, in Worten unmöglich wiederzugebenden Getrommel rasiert er die Stromversorgung. Frösche und Unken nutzen die Strompausen, um lautstark Generatorengeräusche nachzuahmen. Am nächsten Morgen ist das ausgetrocknete Flussbett (der Fluss in Puerto Àngel trägt keinen Namen) zur Hälfte gefüllt: der Oberlauf am Hang östlich der Brücke so trocken wie zuvor, besteht der flache Unterlauf bis zur Mündung ins Meer aus reißenden schlammigen Fluten.

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Trügerisches Fischeridyll

In der Bucht werden Fische schubkarrengerecht geschlachtet, dh so, dass sie der Länge nach mit den Enden der Schubkarre abschließen und ihr Metallgrau in die unbestimmten Tiefen der Schubkarren übergeht. Haien werden umstandslos die Gebisse herausgehauen und die Rückenflossen abgetrennt. Erlegte Goldmakrelen transportieren die Traurigkeit des Mondes in die Mittagshitze. Der Fächerfisch darf sein Schwert nicht, dafür seinen Fächer behalten, Fächerfischmittelteile setzen bei jeder kleinen Brise Segel auf den Schubkarren. Viele Fischer sind breit bis an die Stirnunterkante, manche rennen halbnackt mit Schubkarren voller zerstoßenem Eis über die Straße und stolpern dabei in Schlaglöcher, wodurch antarktische Miniaturlandschaften sich über den Asfalt verteilen. Das Speiseeis heißt in Mexiko nicht nur Eis (helado), sondern auch, viel poetischer, Schnee (nieves).

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Und ewig äugt die Goldmakrele

„Die Mangos kosten 18 Pesos das Kilo, musst du abwiegen, mi vida, wer weiß wie viele du davon willst, die sind reif, die sind gut, mi vida, das da sind Pepinos, mi vida, wie Gurken, nur gelb, süß, das sind Früchte, kein Gemüse, gelbe Gurken, Süßgurken, mi vida“, sagt die Obstverkäuferin beim Obstverkaufen über das Obstverkäuferinnenleben bzw das Obst, denn mich wird sie ja wohl hoffentlich kaum mit „mi vida“ gemeint haben.

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Aus den künstlichen Farbstoffen Gelb 6, Gelb 5 und Rot 40 setzt sich die intensivste Glut pazifischer Sonnenuntergänge zusammen, eine Farbe wie sie sonst nur die Peñafiel-Mandarinenlimo aufweist.

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Mural im benachbarten Zipolite: „Vorsicht! Was du heute denkst, wird morgen wahr sein“

Unweit des Oxxo-Ladens sitzt an der Straße ein Mann mit verdreckter Jeans und löchrigem T-Shirt. Hinter ihm gähnt, gelb gestrichen, ein zur Straße offener Raum. Bis auf einen grünen Plastikhocker und eine brettgestützte Baumwurzel mit Haigebiss (zusammen ergeben sie die Skulptur: „Der Hai“) steht der Raum leer. Ob er mir sagen könne, wo im Dorf die Busse losführen? „Brauchst du ein Ticket, ich kann dir eins verkaufen“, antwortet der Mann. „Hier?“ Ich deute auf den bis auf die Hai-Skulptur leeren Raum. „Nein“, sagt der Mann und öffnet die Tür zu einem überaus düsteren Büro voller undefinierbarem Gerümpel direkt nebenan. „Brauchst nicht reinkommen“, sagt er, als er mein Misstrauen gegenüber diesem Raum wahrnimmt, „ich komm raus, hab alles hier in der Schachtel.“ Aus einer kleinen Box, ehemals eine Zigarrenschachtel, zieht er Busfahrplan, Quittungsblock und Stift. „Und das Ticket?“ „Ticket gibt’s nicht, komm einfach morgen vorbei, ich kenn‘ dich ja jetzt. Kannst gleich zahlen oder morgen, egal. Sei vor der Zeit da, der Bus fährt früher los, wenn der Fahrer Lust hat.“ „Hast du den Hai gemacht?“ „Den hab ich gemacht. Ist heiß hier, nicht viel los.“ „Machst du noch einen?“ „Mal sehen. Haigebisse gibt’s hier mehr als genug. Warum nicht? Eines Tages. Vielleicht.“

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Über den Strand rasen Schatten von Flugsauriern. Walt Whitman beschrieb sie in seiner Ode To the Man-of-War-Bird: „Thou born to match the gale, (thou art all wings,) / To cope with heaven and earth and sea and hurricane“. Außerhalb des Dorfes liegt ein kleines Palmenhütteninstitut, das eine mehrtägige Ausbildung zum Fregattvogel anbietet. Seit der letzte Hurrikan in Richtung Norden abgebogen ist, finden neben Theorie- auch wieder Flugstunden statt.

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Kleine Haie

Byron kennengelernt. Byron redet unentwegt (das Reden gehöre zu seinem Business). Als er von meinen Gründen für den Küstenbesuch erfährt, meint er, mir könne er erzählen, wovon er im Dorf besser schweige. Sein Vater nämlich habe den kompletten Lord Byron gelesen und geliebt und ihn entsprechend Byron getauft. Aus Neugier nach seiner Namensherkunft habe er in der Gesamtausgabe zu lesen begonnen und schätze Byrons Werk, soweit, ebenfalls. Seither frage er sich, ob die Kraft der Metafern die Naturgesetze übersteige. Im Dorf sei damit jedoch Vorsicht geboten. Man würde ihn für verrückt erklären und ausgrenzen, falls er sich oute, auf dunkle Verse eines toten englischen Dichters zu stehen. Nun dürfte es in diesem ein wenig dreckigen, zugleich malerischen Fischerdorf, so klein es auch ist, noch mindestens einen weiteren heimlichen Poesieliebhaber geben, wie mit Versen bepinselte Wände nahelegen. Dass diese von anonymer Hand angebracht wurden, bekräftigt der Rektor, an dessen winziger Schule sich eines der Graffiti befindet: obwohl im Dorf jeder jeden kenne, habe er keinerlei Ahnung, wer der Urheber sei.

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Es ist ein viel lyrischeres Dorf, als die Bewohner sich selbst gegenüber eingestehen. Im Gespräch will einer der Restaurantbesitzer an der Playa del Panteón (Friedhofsstrand) wissen, ob es spanische Übertragungen meiner Texte gäbe. Als ich ihm mexikanische Veröffentlichungen (3) nenne, erinnert er sich tatsächlich: „Du bist also der Typ mit den Blick in den Himmel-Gedichten!“ Die hätten ihm gefallen, schließlich sei er täglich mit reichlich nutzlosem Himmel konfrontiert. Um den heutigen Himmel zu feiern und zu meistern, holt er mehrere Flaschen Mezcal „von den Frauen aus den Bergen“ aus seinem Kabuff. Wann die denn wieder kämen, möchte ich wissen. Für morgen seien sie versprochen: „Aber manchmal bleiben sie dabei unsichtbar.“

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Was darf’s sonst noch sein?

(1) Stand: 25. März 2017. Die Behauptung bleibt ohne Quellenangabe. Der deutsche Artikel weicht damit ab von den englischen, französischen, italienischen, niederländischen und türkischen Versionen (Stand: November 2017), welche die letzte Sichtung in Salina Cruz lokalisieren. Diese teils mit Quellen versehenen Angaben beinhalten wiederum voneinander abweichende Behauptungen. Der spanische Eintrag verortet Cravans Verschwinden nach André Breton „irgendwo im Golf von Mexiko“, also auf der karibischen, anstatt auf der pazifischen Seite.
(2) Nach langwieriger Suche gelang es später, ein Gläschen mit Olivenöl und Chili angemachter Salsa de Chicatana (Blattschneidersoße) aufzutreiben. Chicatanas werden in Mexiko mit Gold aufgewogen. Wer probieren möchte, mag sich gerne melden.
(3) In La Jornada und punto de partida (einer bekannten Studentenzeitschrift aus der Hauptstadt, die, wie ich nun weiß, auch von Restaurantbesitzern in der Provinz gelesen wird). In Übertragungen von Daniel Bencomo und Gonzalo Vélez (jeweils im Jahr 2011, als Deutschland Gastland auf der Internationalen Buchmesse von Guadalajara war).

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An unreality of himself

David Lalé_Last Stop Salina CruzDen Spuren des Exzentrikers und Prädadaisten Arthur Cravan folgt diese vor zehn Jahren erschienene Road Novel des britischen Autors und Filmregisseurs David Lalé, indem sie historische Informationen zur Person Cravans mit der Coming of Age-Geschichte ihres Ich-Erzählers verschneidet, eines Büroangestellten und verhinderten Schriftstellers, der überstürzt aus England aufbricht, um per Anhalter und als Backpacker die Lebensstationen des sagenhaften Boxerpoeten aufzusuchen: von Paris über Barcelona, New York, Mexiko-Stadt hin zum wahrscheinlichsten Ort seines Verschwindens: Salina Cruz an der Pazifikküste im mexikanischen Bundesstaat Oaxaca.

„I’m perhaps the king of failures, since I must sureley be the king of something.“ (Arthur Cravan)

Paris
In den Jahren vor dem Ersten Weltkrieg hatte Cravan in der angesagten Kunstmetropole seine Zeitschrift Maintenant herausgegeben, seine ersten Skandale inszeniert, aufgrund wilder Erfindungen und Anschuldigungen, radikaler Performances und Zeitungsenten frühen Ruhm erworben. Weithin vergebens sucht Lalés Ich-Erzähler knapp hundert Jahre später in Paris nach Cravan’schen Adressen: entweder existieren die Gebäude nicht mehr oder sind seit Jahrzehnten Bestimmungen gewidmet, die so deutlich über das alte Flair hinweg geschrieben haben, daß es nicht einmal mehr erahnbar ist. Das Logis in einem billigen Hostel verschärft seine Krise. Ein Schlafsaal-Mitbewohner palavert unablässig davon, gerade „das neue On the Road“ zu schreiben. In der Lobby liegt zufällig eine veraltete englische Zeitschrift mit der einzigen Kritik (einem Verriß) seines Debutromans aus. Der handelte von Pech und Erfolglosigkeit, die sich in der Realität bis in die unglückliche Entsorgung der überschüssigen Exemplare fortsetzten:

The nine hundred and eighty-two unsold copies of my novel had been stacked in my father’s garage for years, to gather cement dust and be pissed on by generations of rats. Finally I carted them out in a wheelbarrow, down to the bottom of his garden, where I intended to burn every last one in a ritual of purgation.
But during the years of storage the books had become damp and mildewed, and they burned reticently, giving off a bitter green smoke. Even with the addition of a gallon can of paraffin they failed to come alight. They smouldered there for two days before finally choking the fire. I raked through the pile of blackened and partially carbonized books, and left them for the autumn, to be rained on and to rot.
The following year my father used the remains of them for compost on his vegetable patch, and that season their corrupted ashes miscarried three sickly and inedible Savoy cabbages. The garden was barren ever afterwards, and its wretched drabness mocked me whenever I went over to visit.

Erfolglosigkeit ist, neben Flucht, zentrales Motiv auch des vorliegenden Romans. Von seinen Mißerfolgen genervt, begibt sich der Ich-Erzähler auf den Père-Lachaise. Die dort spielende Szene deckt sich erstaunlich mit meinen Erlebnissen am Grabe Jim Morrisons, von dem Lalé schreibt, daß er als frühverstorbener, visionärer Poet durchaus eine Inkarnation Cravans vorstellen könnte:

Around the next corner I stumbled into the midst of a crowd of tourists. They were kneeling at the foot of a tomb adorned with tea lights and great welts of fresh flowers in bouquets. These people were consumed by a hushed reverence, the only sound was a murmur of sobbed incantations. (…) I backed off. I walked away as quickly as I could (…). At every turn I ran into tourists consulting fold-out maps and asking me where Morrison’s grave was. The first few I just ignored, but – thinking better of it – the next group to flag me over I misdirected into the inwardingly collapsing vortex at the centre of Père Lachaise.

Barcelona
Um der Einziehung zum Militär und somit den Schützengräben zu entgehen, flüchtet Cravan aus Paris nach Katalonien und hängt mit anderen Pariser Exilanten ab: Anarchisten und Künstlern, deren Wege sich selten kreuzen. In Barcelona lebt er am Park Güell, zu dessen Fuße ich – eine Koinzidenz, zu deren Zeitpunkt Cravans Name mir noch nicht geläufig gewesen war – im Sommer 1991 einige Tage als Gast bei den anarchistischen Besetzern einer ehemaligen Polizeikaserne verbrachte, die sich von der deutschen Szene u.a. durch ihre Vorliebe für Schwarzenegger-Filme und das Nacktsonnen, generell durch offen zur Schau gestellte Lebensbejahung unterschieden. Teile Barcelonas wurden damals für die Olympischen Sommerspiele im Folgejahr umgebaut. Lalé läßt seinen Ich-Erzähler keine zwei Jahrzehnte später konstatieren, daß mittlerweile alle europäischen Städte gleich aussähen („Barcelona was just the same as Paris“) und in den Gesichtern der sie bevölkernden Menschen ein vernichtendes „I can never change“ erblicken.

Cravan’s relationship to the anarchist cause was an ambiguous one. It seems he should have been sympathetic to the worker’s plight, since their struggle reflected his own personal revolution. He had slipped the leash of polite society, and had nothing but contempt for the tyranny of civil behaviour that turned natural instincts into guilty secrets, primal urges into perversions, and made hypocrites of all men. He embodied the questioning nature of a godless time riddled with doubt and insecurity. (…) These were the times that gave birth to Dadaism. It sprung from the same spirit of nihilism, in defiance of the values of the past. Dada was a violent revolt against bourgeois pity, and who better to enact this revolt than Cravan, the scandal-artist with a love for the puerile and the profane and a natural-born gift for causing offence – the human spectacle who inspired admiration and loathing in equal measure and was ready to drop his underpants at a moment’s notice?

In Barcelona findet Cravans Kampf gegen den ehemaligen Schwergewichtsweltmeister Jack Johnson statt, ein Schauboxen, von dem Cravans Aufwärmfase in einem kurzen Film auf Youtube zu sehen ist. Für eine Zeit folgt er Francis Picabia („Even as he produced a masterpiece, he knew full well that art was a pretty waste of time in a world without meaning“) nach Tossa de Mar, wo beide Lalé zufolge die Grundlagen für Dada ausbrüteten. Der zunehmend verlorener wirkende Ich-Erzähler nutzt die trostlose Kulisse winterlich leerstehender Hotelkomplexe für ein Komabesäufnis mit schottischen Skinheads.

Dada was a prophecy and Cravan was its prophet. But he didn’t stop to consider what he was prophesying. The fact is, he didn’t care. (…) While his complete works number a mere dozen derivative poems, the real Dada masterpiece was Cravan himself.

New York
Als auch Barcelona für Kriegsverweigerer zu unsicher wird, flieht Cravan über den Atlantik nach New York. Während der Schiffspassage trifft er auf Leo Trotzki (wie dessen Tagebuch verbürgt) und erobert nach der Ankunft die New Yorker Kunstszene als arroganter Sonderling in Salons und mit einem skandalösen, in einer Verhaftung endenden Nacktvortrag, als dessen Strippenzieher jedoch Marcel Duchamp gilt, der Cravan gezielt mit Pastis abgefüllt und den stinkbesoffenen angestachelt und auf die Bühne geschubst haben soll. In New York verliebt sich Cravan in die britische Dichterin Mina Loy, die in den Salons als „Prototyp der modernen Frau“ gehandelt wird und, was den Sensationswert betrifft, seinen weiblichen Gegenpart darstellt.

„The world has always exploited the Artist – it is time for the Artist to exploit the world!“. (Arthur Cravan)

Lalés Ich-Erzähler indes macht eine frühere Wohnung Cravans ausfindig, in der nun eine reizende alte Dame lebt. Da diese unter Taubheit und Alzheimer leidet, quartiert er sich kurzerhand für ein paar Tage in den weitläufigen Räumen ein. Im Central Park trifft er auf einen Schachmeister, der sein Auskommen verdient, indem er Passanten zu Partien um Geld herausfordert: die Referenz geht an Marcel Duchamp, der sich an gleicher Stelle bis zur Selbstaufgabe ins Schachspiel vertieft hatte. Nach 200 Seiten rückt der Erzähler damit heraus, daß seine gerade von ihm verlassene Lebensgefährtin von ihm schwanger sei.

Mexiko-Stadt
Als der Krieg nach Amerika ausgreift, sind Cravans New Yorker Tage gezählt. Auf abenteuerlichen Wegen gelangt er nach Mexiko-Stadt und residiert im Slackers‘ Hotel, einer Absteige für Mittellose. Ohne Szene, die auf seine Selbstinszenierung wartet, verfällt Cravan auf Krankheiten und schmachtende Liebesbriefe voller Lügen an Mina Loy. Lalé vermutet zunehmend aussetzenden Verstand. Eines Tages trifft Loy in Mexiko ein. Das Paar lebt von ihrem Ersparten und gelegentlichen Boxkämpfen. Der „Prototyp der modernen Frau“ hält die gemeinsame Wohnung sauber, kocht und wäscht Cravans Wäsche. Ein verschobener Kampf ist schließlich der einzige, den Cravan je im Ring gewinnt: mit dem Resultat, sich in der Stadt nicht mehr blicken lassen zu können.
Lalés Ich-Erzähler staunt 90 Jahre später über fremdartige Vorkommnisse, indianische Zeremonien in einer Megalopole, die sich in permanenter Rush Hour befindet und zitiert André Breton: „Mexico is truly the land of the surrealists.“

Salina Cruz
Über Stationen an der Pazifikküste gelangen Cravan und Loy nach Salina Cruz, ein gottverlassenes („life means nothing here“) Nest in Mexikos Süden, Absprungsort zu den Häfen Südamerikas. Inzwischen ist das Paar verheiratet und Mina schwanger. Cravan kauft am Strand von La Ventosa günstig ein leckes Boot und steckt seine Energie darein, es seetüchtig zu bekommen. Als es soweit ist, verkündet er eine Probefahrt, segelt über den Horizont und taucht einzig in Gerüchten wieder auf.

A sizeable group of slackers was already occupying the finest flop-house in Salina Cruz. They spent their days at Otto’s, a ramshackle bar knocked together by a ship’s carpenter who used his connections in the merchant navy to keep the place stocked with German beer. Pink insect netting drooped over the doors and windows, for decorative purposes more than anything else, for it provided scant protection against the merciless advance of the mosquitoes. The proprietor, armed with a rag and a stiff brush, expended his energies in tireless defence of his territory from the incursions of poisonous animals (…) From time to time Otto’s eyes would turn glassy, focusing somewhere in the air beyond his customers, then he’d vault the bar, bring down a scorpion from the wall with his dishcloth and dance it to death on the floor. This was the extent of the entertainment in Salina Cruz.

Angelangt, wo Cravan („an unreality of himself“) über das Meer verschwand wie im karibischen Gegenstück zu Salina Cruz in Coatzacoalcos der gefiederte Schlangengott Quetzalcoatl, schwant Lalés Ich-Erzähler Sinn und Auflösung seiner eigenen Flucht.

David Lalé_Last Stop Salina Cruz_FotoErzählerische Zurückhaltung im Wechsel mit Bissigkeit sowie der feine Humor Lalés erzeugen einen Grundanstrich klassischer Britishness. Verschwommene Schwarzweiß-Fotografien ergänzen den Text: Authentizitätsnachweise bezüglich der Spielorte. In den Cravan-Passagen bleibt der Roman dicht bei der im Dankeswort ausführlich niedergelegten Quellenlage, die bekanntlich voller Widersprüche steckt. Deutschsprachige Cravan-Adepten dürfen zahlreiche Fundstücke, Anekdoten, Zitate und Aspekte, welche über die bei Nautilus erschienene Materialsammlung König der verkrachten Existenzen hinausgehen, bzw. dort nicht mitgelieferte Interpretationen erwarten.

In March 1910 Cravan entered the 8th Boxing Championship Meeting organized by the French Federation of Boxing Societes. This turned out to be one of the most uneventful competitions in the history of boxing. Plagued by clerical cock-ups and an outbreak of illness amongst the competitors, it was in fact an utter washout from which Cravan was the only person to derive any satisfaction. His first opponent was overcome by pre-fight nerves and forfeited the match. The following two fights were called in Cravan’s favour when his rivals fell victim to administrative incompetence and were directed to the wrong venue. Cravan progressed through the tournament unchallenged and found himself in the final rounds. His semi-final opponent, Gaumier, sprained his ankle as he vaulted into the ring and promptly withdrew limpingly from the competition, allowing Cravan to go through to the championship bout. On 14th March he claimed victory in a blaze of glory when his opponent, Pecquerieux, was confined to his bed with a nasty cold. Cravan was pronounced Heavyweight Champion of France without having thrown a single punch.

David Lalé: Last Stop Salina Cruz, Alma Books Ltd., London 2007 (Paperback 2008)

Ich bin hier, weil das Leben keine Lösung hat

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Mit zwei wahrscheinlich lange vor meiner Geburt verstorbenen Autoren verbinden mich besondere Links. Einer davon ist Arthur Cravan. Seine Spur verlor sich vor 99 Jahren. (1)

Anfang der Neunziger, als ich unter einigem Gewese die Zeitschrift elektropansen vorbereitete, machte mich der Düsseldorfer Szenefotograf Schiko auf Cravan aufmerksam: „So einer wie der damals war, bist heute du.“ Schiko besaß Faksimiles der Zeitschrift Maintenant (2), die Cravan unter verschiedenen Pseudonymen komplett alleine bestritten und von einer Schubkarre bzw. einem Gemüsewägelchen (die Quellenlage dazu schwankt) in Paris auf der Straße verkauft hatte.

Bei so intellektuellen Lesern wie meinen bin ich gezwungen, mich noch einmal zu erklären und zu sagen, dass ich einen Menschen nur dann für intelligent halte, wenn seine Inteligenz mit einem Temperament verbunden ist, da ein wirklich intelligenter Mensch einer Million wirklich intelligenter Menschen ähnelt. Für mich ist ein feiner oder subtiler Mensch fast immer nur ein Idiot.

Sonderlich weit reichten die von Schiko behaupteten Übereinstimmungen zwischen Cravan und mir zwar nicht, dennoch ließ sich die eine oder andere Parallele in Absichten, Auftreten und Lebensweise kaum bestreiten (3) und die Zuweisung, als der neue Cravan des Rheinlands zu gelten (die mangels Bekanntheit des cravan’schen Werks freilich dem befreundeten Fotografen allein vorbehalten blieb), verursachte mir über zwei Jahrzehnte keinerlei Hirnzucken, bis ich dieses Frühjahr eine Einladung in den mexikanischen Süden erhielt, unweit der Stadt, in der Cravan zum letzten Mal lebend gesichtet wurde.

Bis vor einigen Jahren war Salina Cruz zu Recht als ein tödliches Loch gefürchtet; nahezu jeder weiße Mann fand dort binnen eines Jahres den Tod. Die „Altstadt“, eine erbärmliche Ansammlung von Eingeborenenhütten, Palmen und Schilfrohr, lag auf einem engen Flachland-Hals zwischen der See und einer übel riechenden Lagune, umgeben von dichtem Gestrüpp, ein vom Fieber geplagter Ort. Ein gewisses Problem bereitete die Wasserversorgung, das einzig erreichbare Rinnsal, das – und nur mit Unterbrechungen – am Friedhof entlangfloss, der die mit Abstand größte Zahl weißer Männer im Distrikt Oaxaca zusammenbrachte. (4)

Salina Cruz genießt bis heute unter Reisenden zweifelhaften Ruf. Doch treibt mich ein Impuls, dem Verschwinden Cravans vor Ort nachzugehen: warum sonst hätte mir das Schicksal eine Einladung in diesen entlegenen Winkel verschaffen sollen.

So zählte nun König der verkrachten Existenzen zur vorbereitenden Lektüre, weil der in meiner Erinnerung bis auf den Titel identische Vorgängerband Der Boxerpoet oder Die Seele im zwanzigsten Jahrhundert auf meinen Wegen durch Mauenheim und die Weltgeschichte verschütt gegangen sein muss.

Übersetzungen aus den fünf zwischen 1912 und 1915 erschienenen Maintenant-Ausgaben bilden den ersten Teil der schmalen Werkausgabe, dem dritten Anlauf der Edition Nautilus, Schaffen und Leben des häufig als „Dada-Vorläufer“ und „Boxerpoet“ bezeichneten Bohemiens für das deutschsprachige Publikum bereitzustellen. Transportieren die Maintenant-Texte großteils launig-provokative Geschwätzigkeit von mäßigem Interesse, gelangen Cravan mit seiner kleinen Zeitschrift dennoch zwei geniale Coups.

Erst später nahm ich wahr, dass mein Gast ununterbrochen lachte, und zwar nicht mit der nervösen Verkrampfung der Europäer, sondern im Absoluten. (…)
Ich begann also, ihn genau zu betrachten. Ich sah mir zuerst den Kopf an, der dunkelhäutig und fast kahl war und tiefe Falten hatte. Dabei herrschte in mir der Gedanke vor, dass Wilde eher musikalisch als plastisch aussah, ohne dass ich daran dachte, dieser Definition einen sehr genauen Sinn zu geben, tatsächlich eher musikalisch als plastisch. Ich blickte ihn vor allem in seiner gesamten Erscheinung an. Er war schön. In seinem Sessel sah er wie ein Elefant aus: Der Arsch drückte die Polster des Sessels platt, in denen er beengt saß, gegenüber den stämmigen Armen und Beinen versuchte ich mir die göttlichen Gefühle vorzustellen, die in solchen Gliedern wohnten. Ich betrachtete die Größe seiner Schuhe, der Fuß relativ klein, etwas flach, was seinem Besitzer den träumerischen und rhythmischen Gang eines Dickhäuters geben und, so gebaut, aus ihm auf geheimnisvolle Weise einen Dichter machen sollte. Ich betete ihn an, weil er einem großen Tier ähnelte; ich stellte mir vor, wie er simpel wie ein Nilpferd schiss; und dieses Bild entzückte mich wegen seiner Unschuld und Triftigkeit; (…) und (…) stellte (…) ihn mir poetisch vor, wie er in dem verrückten grünen Afrika bei der Musik der Fliegen Berge von Exkrementen von sich gab.

Der so („ich glaube schon, dass ich tot war“) beschriebene Oscar Wilde war tatsächlich Cravans leiblicher Onkel und als solcher bereits ein gutes Jahrzehnt unter der Erde, als der Neffe in Maintenant No. 3 verkündete: „Oscar Wilde est vivant!“ Die sensationelle Falschnachricht verbreitete sich in seriös eingestellten Blättern rund um den Globus und mehrte den Ruf von Zeitschrift und Autor.

Der zweite Coup bestand in vernichtenden und beleidigenden Kritiken der Künstler seines engeren Umfelds zur „Ausstellung der unabhängigen Maler“ in Maintenant No. 4. Cravan kämpfte mit offenem Visier: „Ich schreibe, um meine Kollegen zu ärgern; damit man von mir spricht, und um zu versuchen, mir einen Namen zu machen. Mit einem Namen hat man Erfolg bei den Frauen und im Geschäft.“ Zwei Jahrzehnte nach Alfred Jarrys Stück Ubu roi, das mit dem Ausruf „Merdre!“ eröffnete, hatte obszöne Sprache die Hürden der französischen Literatur längst überklommen.

Wer im Ernst eine einzige Zeile über Malerei schreibt, ist ein … Sie wissen schon. (…) Delaunay, der das Maul eines hitzigen Schweins oder Herrenhauskutschers hat, konnte mit einer solchen Fresse den Ehrgeiz besitzen, wie ein Rohling zu malen. Das Äußere war vielversprechend, das Innere war nur wenig wert. Wahrscheinlich übertreibe ich, wenn ich sage, dass Delaunays phänomenales Aussehen etwas Bewundernswertes hatte. Körperlich ist er nur weicher Käse: Robert läuft mühsam und wirft nur mit Mühe einen Stein dreißig Meter weit. (…) Sein Unglück ist es aber (…), dass er eine Russin, o Jungfrau Maria!, eine Russin geheiratet hat, aber eine Russin, die er nicht zu betrügen wagt. Ich für meinen Teil würde lieber mit einem Philosophieprofessor im Collège de France schlechten Umgang haben – zum Beispiel mit Herrn Bergson – als mit den meisten russischen Frauen schlafen. Ich will nicht behaupten, dass ich es nicht einmal mit Frau Delaunay treiben werde, da ich, wie die große Mehrheit der Männer, ein geborener Sammler bin und folglich ein grausames Wohlgefallen dabei empfinden würde, eine Volksschullehrerin zu misshandeln, umso mehr als ich in dem Moment, in dem ich sie durchbohre, den Eindruck hätte, ein Brillenglas zu zerschlagen.

Cravans Provokationen zwischen maskuliner Archaik und purem Nonsense bewirkten den erhofften Skandal. Die unabhängigen Maler passten den Verleger-Autor-Handverkäufer auf der Straße ab, um ihn für seine Anwürfe zu verprügeln. Apollinaire forderte Cravan zum Duell, eine riskante Nummer, aus der sich beide rechtzeitig herauszuwinden wussten, bevor es ans gegenseitige Ermorden gegangen wäre. Cravans Ruhm wuchs. Expressive Performances trugen dazu bei. Bei seiner ersten Lesung forderte er mit Jagdhörnern und Keulen die Ruhe des Publikums ein und „gab seinem Bedauern Ausdruck, dass die Cholera nicht dreißig Jahre zuvor die großen Dichter dahingerafft habe, das hätte ihnen ein schäbiges Leben erspart“ (5). Vor einer anderen Lesung kündigte er seinen Freitod auf der Bühne mittels Absinth-Verzehr an, trat einzig mit einer Metzgerschürze bzw. einem Suspensorium (die Quellenlage schwankt) bekleidet an, betrank sich, vermied jedoch den finalen Abgang und behielt die Tageskasse.

Neben den Maintenant-Texten bietet der Werkband ein sehr kurzes Fragment (betitelt Elefantenmattigkeit) als einzigen zusätzlichen literarischen Text, eine schöne Reihe historischer Fotos und Abbildungen, vehemente Briefe an Familie, Förderer und Frauen sowie im Nachwort ein Portrait, das maßgeblich für den Cravan-Anekdotenschatz im deutschsprachigen Raum verantwortlich sein dürfte, der in anderen Sprachräumen teilweise abweicht.

Arthur Cravan – König der verkrachten Existenzen (aus dem Französischen von Pierre Gallissaires und Hanna Mittelstädt, mit einem Vorwort von André Breton und einem Nachwort von Bastiaan van der Velden, Edition Nautilus, Hamburg 2015
Hardcover, 192 Seiten, 22 Euro

(1) Cravan soll laut seiner Ehefrau Mina Loy nahe der mexikanischen Hafenstadt Salina Cruz über den Horizont gesegelt und nie wieder gesehen worden sein. Versionen über sein Verschwinden bzw. seinen Tod bzw. sein Fortleben (z.B. als B. Traven) existieren im Dutzend. Von den mexikanischen Behörden wurde Cravan 1920 offiziell für tot erklärt.
(2) Die Maintenant-Ausgaben Nr. 3 und 4 sind im Netz als Einzelseiten-Scans des Originals verfügbar.
(3) Zum Beispiel erreichten wir in Sachen Sport beide Weltniveau: Cravan wurde kampflos französischer Boxmeister im Schwergewicht (oder Halbschwergewicht, die Quellenlage schwankt) und verlor einen Schaukampf gegen den ebenso illustren Ex-Weltmeister Jack Johnson durch K.o.; ich war in jungen Jahren (und bin es womöglich heute noch) Weltrekordhalter im 1000-mal 400 Meter-Staffellauf, einer selten ausgetragenen Disziplin.
(4) Im Nachwort von Bastiaan van der Velden zitiert nach Hans Friedrich Gadow: Through southern Mexico, London 1908
(5) Im Nachwort von Bastiaan van der Velden zitiert nach dem Periodikum Gil Blas, Paris 1913