Pale Blue Eyes

Forgotten sky on my balcony door

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Lyrik-Pegel: Antwerpen

In den meisten Städten des niederländisch-flämischen Sprachraums gehört dank umsichtiger Kulturpolitik Lyrik im öffentlichen Raum zum gängigen Accessoire des urbanen Antlitzes. Bisweilen, wie in Leiden, sogar zum prägenden. Auch Antwerpen nimmt in dieser Hinsicht eine besondere Stellung ein. In anderen Städten mag die Zahl der Interventionen höher liegen: in Antwerpen punkten sie mit Funktionalität, intelligenter Ortswahl und professioneller Ausführung. Nicht wenige davon vermitteln den Eindruck, als sei es regelmäßig und dauerhaft möglich, politische und ästhetische Themen anhand von Gedichten zentral im gesellschaftlichen Diskurs zu positionieren.

Gute Hilfe beim Erkunden öffentlich angebrachter Gedichte in den Niederlanden und Belgien leistet die dokumentarische Website Straatpoëzie, die ich hier bereits kurz vorgestellt habe. Für den Großraum Antwerpen kartografiert sie aktuell über 40 Positionen. Weil die Adressen weit verstreut liegen und die Straßen der Antwerpener Innenstadt sich lustig verästeln und strecken, lasse ich die Karte für den Anfang beiseite und vertraue auf meinen Instinkt. Mit Erfolg. In den mittlerweile sensibilisierten Blick fallen zahlreiche Gedichte, die bisher nicht bei Straatpoëzie registriert sind.

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Gleich bei der ersten dérive entlang der Schelde, deren innerstädtisches Ufer momentan aufwendig zur Promenade umgestaltet wird, stoße ich auf die letzten Worte eines Mauergedichts, dessen Anfang mehr als drei Kilometer weiter nördlich liegt. Organisiert hat es der damalige Stadtdichter (2010/11) Peter Holvoest-Hanssen. Per Zeitungsaufruf hatte er die Bürgerschaft gebeten, an einem Ufertext mitzuwirken. Aus hunderten Einsendungen komponierte Holvoest-Hanssen das Langgedicht Welkom pierewaaiers (Willkommen, Freunde des Piers). Die Stadt besorgte einen Trupp Anstreicher, der den Text in zweiwöchiger Arbeit unter Zuhilfenahme von Schablonen anbrachte. Den kompletten Wortstrom, seine Installation, seine Autoren und Ideen zur architektonischen Zukunft des Scheldekais dokumentiert eine Broschüre: Lyrik und Stadtplanung Hand in Hand.

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Es bedarf keiner langen Erkundungen, um zu ahnen, dass die Beziehung von Poesie und Bürgern in Antwerpens urbanem Gelände eine durchdachte, gemanagte ist, und dass sie der Alltagsnormalität angehört. Um mehr über die Hintergründe zu erfahren, treffe ich den Dichterkollegen Michaël Vandebril, der bei Antwerpens Boekenstad-Projekt beschäftigt ist, das die literarischen Aktivitäten in der Stadt bündelt. In seiner Position fungiert Michaël als Schnittstelle, koordiniert u.a. die Aktionen der für ein bis zwei Jahre bestallten Stadsdichter mit Verwaltung, Politik und ausführendem Handwerk, hilft passende Lösungen für Literatur im öffentlichen Raum zu entwickeln und erläutert auswärtigen Interessenten wie mir das Antwerpener System. Gemeinsam spazieren wir durchs Zentrum, um einige der markantesten Gedichtstandorte aufzusuchen. Darunter auch ehemalige Schauplätze, denn einige Texte waren und sind für klar bemessene, andere wiederum für offene Zeiträume konzipiert. „Hier durch diese Straße“, sagt Michaël, als wir die Fußgängerzone erreichen, „hat die kürzlich berufene Stadsdichterin Maud Vanhauwaert einen Performance-Zug geschickt: Menschen in weißen Ganzkörperanzügen, die im Gänsemarsch schweigend durchs Zentrum marschieren und dabei leere weiße Schilder in die Höhe halten.“ Sogleich fühle ich mich an mein mangels Mitteln niemals aufgeführtes, in elektropansen #4 niedergelegtes Theaterstück Demonstration der Sinnlosigkeit aus den frühen 90ern erinnert.

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Übrig noch auf Plastiktüten: Tom Lanoyes Gedicht am vorübergehend umbenannten KBC-Turm

Das erste auffällige Gedicht im öffentlichen Raum ging auf die Amtszeit von Tom Lanoye in den Jahren 2003/2004 zurück, dem ersten Antwerpener Stadtdichter überhaupt, erzählt Michaël, als wir das markanteste Hochhaus des Zentrums passieren. Arbeiter verkleideten den Boerentoren (Bauernturm), eines der frühesten Hochhäuser Europas und bis heute das nach der Liebfrauenkathedrale höchste Gebäude Antwerpens, mit riesigen Lettern des von Lanoye maßgefertigten Gedichts De Boerentoren schrijft. Die Maßnahme war seinerzeit stark diskutiert, viele Antwerpener kennen den Inhalt bis heute, wahrscheinlich handelt es sich um das bekannteste Antwerpen-Gedicht der jüngeren Zeit.

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Über den Platz vor der Stadsschouwburg (Stadttheater) erstreckt sich ein riesiges, auf schlanke Säulen gestütztes Lamellendach. Am Wochenende findet auf dem Theaterplatz ein Markt statt. Besonderer Beliebtheit erfreuen sich die dicht belagerten Imbissstände mit Kibbeling und Schalentieren, hunderte Antwerpener ergehen sich am Samstagvormittag bei Austern und Sekt in lebhaften Freiluft-Gesprächen und Feierlaune. Zur Einweihung des Dachs ließ die Stadsdichterin von 2008 bis 2010, Joke van Leeuwen, in Zusammenarbeit mit dem Skulpturisten Bob Takes die Worte „zie wat ik zeg dat ik niet zeggen kann“ (sieh was ich sage das ich nicht sagen kann) an der Unterseite anbringen, und zwar so, dass der Text je nach Standort von den Lamellen verzerrt und verschluckt wurde und nur von einer einzigen, leicht abseitigen Position aus vollständig lesbar war. Der Architekt soll von der Idee eines Textes an „seinem Dach“ anfangs alles andere als begeistert gewesen sein, willigte aber schließlich in eine vorübergehende Maßnahme ein. Die Zeile stammt aus dem Gedicht Ben ik (Bin ich), in dem van Leeuwen Kindesmissbrauch thematisiert. Das Stadtgespräch findet direkt unter diesem Dach statt, eine öffentlichere Diskussion ist in Antwerpen kaum denkbar. Am Dach selbst ist der Vers heute nicht mehr sichtbar, stattdessen ist er nun in ein Schwarzweißmuster Konkreter Kunst integriert: eine die Theaterfassade erweiternde Mauer, an der ein gerahmtes Plakat mit dem vollständigen Wortlaut des Gedichts angebracht ist.

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Schwarz und weiß: Joke van Leeuwen bringt das Thema Kindesmissbrauch in Zusammenarbeit mit dem Künstler Bob Takes ins Zentrum der Stadt

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Ein weiteres Gedicht zum Thema Kind, Klein von Bart Moeyaert, ist riesengroß an der Theaterfassade angebracht: die Stadt und ihre lebenden Dichter, verbunden in symbiotischer Präsenz. Letzte Station des Rundgangs mit Michaël Vandebril ist De Vertelboom (Der Erzählbaum), ein weiteres Projekt von Peter Holvoet-Hanssen. Wieder sind zahlreiche Beteiligte in das Werk involviert. Was in Deutschland als Kunst am Bau bekannt ist, hat Antwerpen auf Gedichtebene weitergedacht. Als ich Michaël, beeindruckt von Vielfalt, Ausdruck und Möglichkeiten des Gesehenen, auf Faktoren und Bedeutung für den Fremdenverkehr anspreche, meint er, ich sei als Tourist in Sachen Gedichte im öffentlichen Raum wohl zugleich als Avantgardist zu betrachten und wahrscheinlich (immerhin!) der erste, der Antwerpen aus diesem Grund, jedenfalls der erste, der ihn deswegen aufgesucht hätte. Von den Gedichten gehen wir über zum Bier; auch in dieser Hinsicht wartet Antwerpen mit Qualität auf, zum Beispiel mit dem Seef, über das wieder eigene Lieder und Gedichte gesungen werden.

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Der Erzählbaum setzt sich in einem wahrhaftigen Baum fort

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Anderntags besuche ich das Museum aan de Stroom. Das Gebäude erinnert an einen kubistischen Clownfisch. Über zehn Stockwerke verteilt bietet das MAS mehrere Sammlungen und Sonderausstellungen. Gratis und sehr beliebt ist der Panoramablick vom Dach. Rolltreppen führen von Etage zu Etage, die u.a. mit Antwerpen-Gedichten der Stadtdichter und Antwerpen-Motiven der Stadtfotografen ausgestattet sind. Wer Antwerpen von oben betrachten will, defiliert zwangsläufig an Versen seiner zeitgenössischen Dichter vorüber, die Inhalte beschäftigen sich mit Vorkommnissen und Möglichkeiten urbanen Alltags. Verfasst sind sie auf Flämisch, Französisch und Englisch und korrespondieren mit der Internationalität der Stadt, in der in mehreren Sprachen zugleich geführte Gespräche an jeder Ecke zu hören sind.

Mit Herman de Coninck überschriebenes Hafenpanorama in einer Zwischenetage des MAS

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Erinnerung an Mexiko

Poetischer Blick in den Himmel in Antwerpens Plantentuin: Erinnerung an Mexiko

Der Plantentuin (Botanischer Garten), ein hinter Mauern verborgenes, aus der Zeit gefallenes Kleinod mitten in der Stadt, dient in einer zweiten Funktion zugleich als Tuin der Poëten (Dichtergarten). Neben der in solchen Anlagen üblichen botanischen Beschilderung existert ein Pfad mit Stationen, in denen ausgewählte Pflanzen, oft solche mit traumverstärkender oder anderweitig giftiger Wirkung, in Gedichten behandelt werden. Mit dem Smartfone kann man sich an den Stationen einloggen und Audio-Versionen der Texte abrufen. U.a. stoße ich auf ein Absinth-Gedicht meines alten Freundes Bart Droog. Im Schatten einer ausladenden Zeder steht auf dem Boden, aus Stein gearbeitet und zur allgemeinen Verfügung „het krukje der poëten“ (das Dichterschemelchen). Bei vorfrühlingshaften Temperaturen lasse ich mich darauf nieder und notiere Gedanken und Verszeilen für ein neues Europoem.

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Beim Schlendern durch die Stadt lässt sich bemerken, dass viele Müllwerker aussehen wie Dichter und viele Künstler wie Geschäftsleute. Im Netz schnappe ich unterdessen bei Maarten Inghels auf, dass neuerdings sogar auf Antwerpens Müllwagen Poesie angebracht sei. Auf der Pirsch erweist sich, dass die entsprechenden Fahrzeuge selbst zur Morgenstunde selten sind, sich scheu und bei Entdeckung flink verhalten – sowie längst nicht alle mit Zitaten beschriftet sind. Nach ausdauernder Lauer am Bolivarplaats gelingt es schließlich, wenigstens aus der Ferne ein poetisches Exemplar abzulichten.

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Mit Lyrik beschrifteter Müllwagen: der Text in weißer Schrift läuft über drei Zeilen, darunter abgesetzt die Autorenangabe

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Neben den offiziellen Interventionen der jüngeren Zeit, lassen sich in Antwerpen auch historische Gedichte entdecken, bzw. solche mit privatem bzw halböffentlichem Interesse wie etwa an Gastronomiebetrieben, die mit griffigen Zeilen flämischer und ausländischer Dichter Kundschaft locken. Hinter dem derzeit wegen Renovierung geschlossenen Königlichen Kunstmuseum steht im Schatten des Geschehens ein beachtliches Ensemble aus Gedichtstelen zu den Unabhängigkeiten der flämischen und niederländischen Gebiete. Am Waterpoort (Wassertor) sind lateinische Verse zur weltverbindenden Wirkung des Wassers eingemeißelt. Als vor kurzer Zeit die kleinen Nachtshops, vergleichbar unseren Kiosks bzw. Büdchen, derart hoch besteuert wurden, dass ihnen das Aus drohte, initiierte Maarten Inghels eine lyrische Protestaktion: Türschilder, die mit einem leuchtenden „OPEN“ bei Nacht die Öffnung anzeigen, ersetzte er durch „POETRY“-Leuchtschilder in derselben, in China produzierten Ästhetik, um auf die kulturelle Bedeutung der Läden für die Viertel aufmerksam zu machen. Während sich Beispiele vorwiegend organischer, aber auch verstörender und aktionistischer Interventionen an dieser Stelle mühelos fortsetzen ließen, setzt Antwerpen permanent neue Projekte für Lyrik im öffentlichen Raum an: eine Situation, die auch deutschen Literaturinstitutionen zur Inspiration dienen könnte wie sich ein auf Literatur basierender Diskurs aus eher geschlossenen Räumen und Kreisen in weitere Teile der Gesellschaft tragen ließe.

 

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Die städtisch unterstützten poetischen Interventionen aus den vergangenen 15 Jahren sind zu einem guten Teil in Büchern, Broschüren und auf  anderen Trägern (Poster, Tischdecken, Spielkarten) dokumentiert

Oaxaca de Juárez: Mezcal, Gedichte und der Tod

Agavenfarben

An einem bodenständig-raffinierten Mezcal wie dem Papalométl aus der Schmetterlingsagave, der in irdenen Töpfen destilliert und in rindsledernen Schläuchen aufbewahrt überaus eigentümliche Aromen schlammig-scharfkantiger Bergwelten entwickelt, schärft sich auch das Verständnis für die agavenartigen Rhythmen der Stadt. Da ist z.B. dieser ausgemergelte, halbnackte, verfilzte Kerl, der in der Rush Hour stieren Blicks auf der überlasteten Kreuzung hin- und herstolpert und, als praktiziere er zeitgleich Tai-Chi, verhaltene Armbewegungen ausführt. Zunächst hielt ich ihn für betrunken oder verrückt. Doch nun verstehe ich, dass er lediglich versucht, mithilfe von Agavenkraft und Telepathie die Richtungen der Straßen zu vermehren und zu verschieben, um einen reibungslosen Verkehrsablauf zu gewährleisten. Eine hehre und gefährliche Tätigkeit um Gotteslohn. Und ich, als Reisender, werde es sein, der grandiose Einfälle wie den seinen in Gedichte rettet, allein schon, weil es sonst niemand tut.

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Richtungssuche

Die Gottheit der Mezcal-Liebhaber besteht aus 400 Kaninchen. Auf Náhuatl heißen sie Centzontotochtin. Ich stelle mir ein flauschiges, wuseliges, desorientiertes Gedränge vor, eine chaotische, diffundierende Götterherde, die aber nie wirklich auseinander fällt. Darunter befindet sich mit Tlaltecayohua ein Gottkaninchen, dessen Name „Fallende Erde“ bedeutet. Acolhua ist „Der mit den Schultern“, Papáztac („Der Entnervte“) zugleich Gott des Schaumes, Tlilhua („Der schwarze Tinte hat“) vermutlich der Dichter, der das Durcheinander in Worte fasst.

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Prominenz in der Seitenstraße: Neymar Junior und Frida Kahlo

Eine saubere, aufgeräumte Stadt mit europäischen Anmutungen. Besonders auffällig: die guten Bürgersteige. Ein wenig verströmt Oaxaca die Gesetztheit und zur Folklore erhobene Langeweile meiner Karlsruher Heimat. Auf den Straßen ist ab und an Deutsch zu hören. Selbst die einfachen Leute wirken gebildet, was wiederum an Freiburg erinnert, wo beinahe jeder Hilfsarbeiter Belehrungen und Erklärungen in Schachtelsätzen abzuhalten vermag. Übers gesamte Zentrum verteilt: die Universität mit geisteswissenschaftlichen Schwerpunkten. Ausgerechnet die erste Bar, die meine Aufmerksamkeit erregt, La nueva Babel, stellt sich als Literatentreff heraus. Sie bietet Dunkelbier, Mezcal und Quesadillas mit Kürbisblüten. Abends findet ein Palomazo (mexikanische Variante der Open Mikes) statt. Im Hinterzimmer, in internationaler epikureischer Runde, bedrängt mich eine junge mexikanische Frau, Bertolt Brecht (sie spricht den Namen maschinell aus, als würde sie eine Orange entsaften), der ihr absoluter Lieblingsdichter sei, den sie aber nur auf Spanisch kenne, im Original zu rezitieren. So erreicht Joseph alias Jakob Apfelböck im Jahre 2017 die Sierra Madre.

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„Willst du Wurmsalz?“ „Ist dein Salz für oder gegen Würmer?“ „Es ist eine Mischung aus Salz und zerstoßenen Würmern. Schau wie schön rot! Das geht hervorragend zum Mezcal!“

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Blick in den Himmel

Möglich, dass ich das alles halluziniere, dass ich meinen handschriftlichen Aufzeichnungen besser nicht trauen sollte: da steht, ich hätte mitten im Zentrum Oaxacas eine Dogge gesehen, unter deren Bauch die meisten Mexikaner, so sie keinen Sombrero trügen, was selten genug vorkommt, aufrecht hindurchgehen könnten und dies auch täten, in einer Art Reigen, Achten um die Dogge beschreibend, das Unendlichkeitssymbol, das, zum Moebiusband geflochten und meditativ verfolgt, einen Ausstieg aus dem Alltag offeriert, wie es heiße: dies nachdem ich halb im Himmel auf einer von Achten beschreibenden Kellnern stark frequentierten Terrasse wegen (von einigen Kollegen gefeierten!) Magenbeschwerden Kräuterschäume verspeist hatte und Kräutergelees und Blüten, die teils mit dem Attribut „heilig“ beschrieben waren.

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Heilige Blätter

Im Bundesstaat Oaxaca sind hongos („Zauberpilze“ mit dem psychotropen Inhaltsstoff Psilocybin) deutlich präsent. In Huautla de Jiménez wurden sie 1955 von Gordon Wasson, einem amerikanischen Ethnomykologen, im Rahmen einer Session bei der mazatekischen Schamanin María Sabina für die westliche Welt entdeckt und in der Folge klassifiziert; den indigenen Bewohnern waren sie seit jeher bekannt. Das nebelverhangene Dorf San José del Pacífico in den Höhen der Sierra Madre del Sur, in der Gegend des Wolkenvolks, der Zapoteken, bietet seit geraumer Zeit einen speziellen Pilztourismus an, kombiniert mit Besuchen im temazcal (Schwitzbad). Die Einnahme der Pilze wird als viaje (Reise) beschrieben, von der, wie ich in der Hauptstadt Oaxaca de Juárez zu hören bekomme, viele Touristen nicht zurückkehrten. Entweder würden sie verrückt oder liefen tagtäglich ohne Sinn und Zweck die Berghänge auf und ab. Als Kulturbotschafter Nordrhein-Westfalens gilt es bei dieser Gelegenheit die von vielen Autoren und Künstlern genutzte europäische Kulturtechnik zu erläutern, ohne erkennbaren Zweck durch etwelche Gegenden zu flanieren(1), sowie von der Existenz in ihrer Wirkung vergleichbarer Gewächse auf unseren heimatlichen Golfplätzen zu berichten. Insbesondere deren Name, Spitzkegelige Kahlköpfe, sorgt für große Erheiterung unter der oaxacenischen Zuhörerschaft und endet in zungenbrecherischen Ausspracheversuchen.

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Drei Frauen

Mexiko, Land des Todes: für mich als Ortsfremden liegt es stets im Bereich des Möglichen, dass ich, insbesondere des Nachts, in einem unachtsamen Augenblick in einem der urbanen Löcher verschwinden könnte. Nur wenige der Löcher senden gelegentlich Warnsignale. Wird etwa die Kanalisation von Starkregen gespült, entsteht unter der Erde ein solcher Druck, dass Wasserfontänen an die Oberfläche drängen. Ein paar solcher Fontänen habe ich mit eigenen Augen gesehen. Es soll in Chiapas eine in einem mehrere Meter tiefen Straßenloch verschwundene Frau sogar von einer heftigen Fontäne an die Oberfläche zurückgespült worden sein. Sekundenlang soll sie hilflos auf dem Gipfel der Fontäne gehangen haben, bis Passanten sie retteten.
Heute bin ich mit einer Todesart konfrontiert worden, die in meiner Vorstellungswelt bisher keinen Platz einnahm: um ein Haar wäre ich in der Nähe des Zentralmarkts zwischen einer Hauswand und einem LKW zerquetscht worden. Meine Seele hatte ich bereits einer unnatürlich verbreiterten Silhouette entfliehen sehen. Denn dank einer hiesigen Malaise leide ich aktuell unter erhöhter Wahrnehmung. So gelang rechtzeitig der wohl schnellste Rückwärtssprint meines Lebens. Auch die kleine Frau direkt hinter mir profitierte davon, denn um dem Tode zu entrinnen, musste ich zunächst sie aus dem Gefahrenwinkel schubsen. Gerettet und der Sprache für den Moment unfähig, schauten wir uns an und machten dabei Gesten des Luftherauslassens, ohne das Procedere zu übertreiben, denn der Tod (die mexikanische Spezies(2)) lauerte vermutlich schon an der nächsten Ecke auf weniger aufmerksame Opfer. Kurz darauf fielen mir die in Originalgröße an Hauswänden angebrachten Druckwerke menschlicher Silhouetten wieder ein, deren Sinn mir bis dato verborgen geblieben war.

(1) Gemeint ist la dérive, das psychogeografische Konzept der Situationisten einer ziellos-traumwandlerischen Umgebenserkundung, die sich von subjektiven Empfindungen leiten lässt.
(2) Der Chauffeur des Lasters, erzählten mir Passanten mit Einblick ins Führerhaus, habe einen wütenden Eindruck gemacht. Er hatte ein Mobiltelefon am Ohr und den Wortfetzen zufolge, die durchs offene Seitenfenster zu verstehen gewesen seien, befand er sich in einem Streitgespräch mit einer Frau namens Catrina.

Puerto Àngel: Den Himmel meistern

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Irre erschließen die Wege, die später von Weisen beschritten werden: verblassende Zeilen nach Carlo Dossi an einer Fleischerei in Puerto Àngel

Der deutsche Wikipedia-Eintrag zu Arthur Cravan behauptet, der Boxerpoet sei zuletzt im November 1918 in Puerto Àngel (1) gesehen worden. Die Literatur bietet Anzeichen, dass Cravan sich tatsächlich für eine Weile in dem kleinen Fischerdorf (oder in dessen Nähe) an der Küste von Oaxaca aufgehalten haben könnte. In Puerto Àngel ist davon allerdings nichts in Erfahrung zu bringen. Zwei eher versteckte Murals unter dem Label der Acción Poética zitieren Verse des mexikanischen Rap-Literaten Danger Alto Kalibre und des italienischen Schriftstellers Carlo Dossi, eines Zeitgenossen Cravans. Keiner meiner Gesprächspartner kennt auch nur Cravans Namen. Durchaus möglich, dass Cravan unter einem weiteren Pseudonym in der Gegend unterwegs war, und keine Spuren hinterlassen wollte, denn er befand sich auf der Flucht.

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Während des Aufklarens entstehen Kolibri-Landschaften

Der Regen prasselt so laut aufs Terrassendach, dass ich meine eigenen Gedanken nicht mehr hören kann. Unterm Tisch schläft Thunfisch, der Hund meiner Gastgeber, der Knecht Ruprecht, dem Hund der Simpsons, in Aussehen und Verhalten bis aufs Haar gleicht. In Oaxaca kämen nach den ersten Starkregen der Saison zwischen drei und vier Uhr morgens die Chicatanas (geflügelte Blattschneider) hervor, die überaus schmackhafte Mahlzeiten abgeben sollen (2). Auf dem Arbeitstisch schillert eine Flasche Mezcal, über den nicht mehr zu erfahren ist, als dass „die Frauen aus den Bergen“ ihn produzierten, die alle paar Wochen oder Monate an die Küste herab kämen, um frisch destillierte Margen zu verkaufen. Der Regen ist der weltschnellste Drumcomputer. Mit überbordendem, in Worten unmöglich wiederzugebenden Getrommel rasiert er die Stromversorgung. Frösche und Unken nutzen die Strompausen, um lautstark Generatorengeräusche nachzuahmen. Am nächsten Morgen ist das ausgetrocknete Flussbett (der Fluss in Puerto Àngel trägt keinen Namen) zur Hälfte gefüllt: der Oberlauf am Hang östlich der Brücke so trocken wie zuvor, besteht der flache Unterlauf bis zur Mündung ins Meer aus reißenden schlammigen Fluten.

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Trügerisches Fischeridyll

In der Bucht werden Fische schubkarrengerecht geschlachtet, dh so, dass sie der Länge nach mit den Enden der Schubkarre abschließen und ihr Metallgrau in die unbestimmten Tiefen der Schubkarren übergeht. Haien werden umstandslos die Gebisse herausgehauen und die Rückenflossen abgetrennt. Erlegte Goldmakrelen transportieren die Traurigkeit des Mondes in die Mittagshitze. Der Fächerfisch darf sein Schwert nicht, dafür seinen Fächer behalten, Fächerfischmittelteile setzen bei jeder kleinen Brise Segel auf den Schubkarren. Viele Fischer sind breit bis an die Stirnunterkante, manche rennen halbnackt mit Schubkarren voller zerstoßenem Eis über die Straße und stolpern dabei in Schlaglöcher, wodurch antarktische Miniaturlandschaften sich über den Asfalt verteilen. Das Speiseeis heißt in Mexiko nicht nur Eis (helado), sondern auch, viel poetischer, Schnee (nieves).

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Und ewig äugt die Goldmakrele

„Die Mangos kosten 18 Pesos das Kilo, musst du abwiegen, mi vida, wer weiß wie viele du davon willst, die sind reif, die sind gut, mi vida, das da sind Pepinos, mi vida, wie Gurken, nur gelb, süß, das sind Früchte, kein Gemüse, gelbe Gurken, Süßgurken, mi vida“, sagt die Obstverkäuferin beim Obstverkaufen über das Obstverkäuferinnenleben bzw das Obst, denn mich wird sie ja wohl hoffentlich kaum mit „mi vida“ gemeint haben.

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Aus den künstlichen Farbstoffen Gelb 6, Gelb 5 und Rot 40 setzt sich die intensivste Glut pazifischer Sonnenuntergänge zusammen, eine Farbe wie sie sonst nur die Peñafiel-Mandarinenlimo aufweist.

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Mural im benachbarten Zipolite: „Vorsicht! Was du heute denkst, wird morgen wahr sein“

Unweit des Oxxo-Ladens sitzt an der Straße ein Mann mit verdreckter Jeans und löchrigem T-Shirt. Hinter ihm gähnt, gelb gestrichen, ein zur Straße offener Raum. Bis auf einen grünen Plastikhocker und eine brettgestützte Baumwurzel mit Haigebiss (zusammen ergeben sie die Skulptur: „Der Hai“) steht der Raum leer. Ob er mir sagen könne, wo im Dorf die Busse losführen? „Brauchst du ein Ticket, ich kann dir eins verkaufen“, antwortet der Mann. „Hier?“ Ich deute auf den bis auf die Hai-Skulptur leeren Raum. „Nein“, sagt der Mann und öffnet die Tür zu einem überaus düsteren Büro voller undefinierbarem Gerümpel direkt nebenan. „Brauchst nicht reinkommen“, sagt er, als er mein Misstrauen gegenüber diesem Raum wahrnimmt, „ich komm raus, hab alles hier in der Schachtel.“ Aus einer kleinen Box, ehemals eine Zigarrenschachtel, zieht er Busfahrplan, Quittungsblock und Stift. „Und das Ticket?“ „Ticket gibt’s nicht, komm einfach morgen vorbei, ich kenn‘ dich ja jetzt. Kannst gleich zahlen oder morgen, egal. Sei vor der Zeit da, der Bus fährt früher los, wenn der Fahrer Lust hat.“ „Hast du den Hai gemacht?“ „Den hab ich gemacht. Ist heiß hier, nicht viel los.“ „Machst du noch einen?“ „Mal sehen. Haigebisse gibt’s hier mehr als genug. Warum nicht? Eines Tages. Vielleicht.“

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Über den Strand rasen Schatten von Flugsauriern. Walt Whitman beschrieb sie in seiner Ode To the Man-of-War-Bird: „Thou born to match the gale, (thou art all wings,) / To cope with heaven and earth and sea and hurricane“. Außerhalb des Dorfes liegt ein kleines Palmenhütteninstitut, das eine mehrtägige Ausbildung zum Fregattvogel anbietet. Seit der letzte Hurrikan in Richtung Norden abgebogen ist, finden neben Theorie- auch wieder Flugstunden statt.

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Kleine Haie

Byron kennengelernt. Byron redet unentwegt (das Reden gehöre zu seinem Business). Als er von meinen Gründen für den Küstenbesuch erfährt, meint er, mir könne er erzählen, wovon er im Dorf besser schweige. Sein Vater nämlich habe den kompletten Lord Byron gelesen und geliebt und ihn entsprechend Byron getauft. Aus Neugier nach seiner Namensherkunft habe er in der Gesamtausgabe zu lesen begonnen und schätze Byrons Werk, soweit, ebenfalls. Seither frage er sich, ob die Kraft der Metafern die Naturgesetze übersteige. Im Dorf sei damit jedoch Vorsicht geboten. Man würde ihn für verrückt erklären und ausgrenzen, falls er sich oute, auf dunkle Verse eines toten englischen Dichters zu stehen. Nun dürfte es in diesem ein wenig dreckigen, zugleich malerischen Fischerdorf, so klein es auch ist, noch mindestens einen weiteren heimlichen Poesieliebhaber geben, wie mit Versen bepinselte Wände nahelegen. Dass diese von anonymer Hand angebracht wurden, bekräftigt der Rektor, an dessen winziger Schule sich eines der Graffiti befindet: obwohl im Dorf jeder jeden kenne, habe er keinerlei Ahnung, wer der Urheber sei.

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Es ist ein viel lyrischeres Dorf, als die Bewohner sich selbst gegenüber eingestehen. Im Gespräch will einer der Restaurantbesitzer an der Playa del Panteón (Friedhofsstrand) wissen, ob es spanische Übertragungen meiner Texte gäbe. Als ich ihm mexikanische Veröffentlichungen (3) nenne, erinnert er sich tatsächlich: „Du bist also der Typ mit den Blick in den Himmel-Gedichten!“ Die hätten ihm gefallen, schließlich sei er täglich mit reichlich nutzlosem Himmel konfrontiert. Um den heutigen Himmel zu feiern und zu meistern, holt er mehrere Flaschen Mezcal „von den Frauen aus den Bergen“ aus seinem Kabuff. Wann die denn wieder kämen, möchte ich wissen. Für morgen seien sie versprochen: „Aber manchmal bleiben sie dabei unsichtbar.“

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Was darf’s sonst noch sein?

(1) Stand: 25. März 2017. Die Behauptung bleibt ohne Quellenangabe. Der deutsche Artikel weicht damit ab von den englischen, französischen, italienischen, niederländischen und türkischen Versionen (Stand: November 2017), welche die letzte Sichtung in Salina Cruz lokalisieren. Diese teils mit Quellen versehenen Angaben beinhalten wiederum voneinander abweichende Behauptungen. Der spanische Eintrag verortet Cravans Verschwinden nach André Breton „irgendwo im Golf von Mexiko“, also auf der karibischen, anstatt auf der pazifischen Seite.
(2) Nach langwieriger Suche gelang es später, ein Gläschen mit Olivenöl und Chili angemachter Salsa de Chicatana (Blattschneidersoße) aufzutreiben. Chicatanas werden in Mexiko mit Gold aufgewogen. Wer probieren möchte, mag sich gerne melden.
(3) In La Jornada und punto de partida (einer bekannten Studentenzeitschrift aus der Hauptstadt, die, wie ich nun weiß, auch von Restaurantbesitzern in der Provinz gelesen wird). In Übertragungen von Daniel Bencomo und Gonzalo Vélez (jeweils im Jahr 2011, als Deutschland Gastland auf der Internationalen Buchmesse von Guadalajara war).

Mein durstiges Wort gegen die flüchtige Liebe

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Ein Karussell nennt Herausgeber Dinçer Güçyeter die neue Lyrik-Anthologie Mein durstiges Wort gegen die flüchtige Liebe: „Jetzt sehe ich die kugelschwere Zeit, entlastet, auf diesem leuchtenden Wunder, mit bunten Luftballons in der Hand. In ihrem Mund der Fleck eines Paradiesapfels.“ Tatsächlich äußern sich die versammelten Stimmen in hoher Varietät, in Farben ausgedrückt reichte die Auswahl von bonbonniere über différence und gloss bis sehnsuchtsgrau, es finden sich klassische Zeilen („benebelt von deinem Duft“), hungerndes Fleisch, Kirschblüten und natürlich eine Menge Lippen ebenso wie Brodskyverben, Nichtzielorganismen und geschlossene Vögel. Wen die Lektüre zum Selberdichten reizt, dem stehen am Buchende ein paar eigens für Notizen eingeräumte Seiten zur Verfügung.

Als eher achsensymmetrisch zum Titel bzw. die Vorgabe auf links wendend, als flüchtige Worte gegen den gewaltigen, allverschlingenden Durst der Liebe, empfinde ich meinen Beitrag, drei Gedichte aus der seit Jahren fortlaufenden Blick in den Himmel-Serie.

Die AutorInnen: Günter Abramowski, Willi Achten, Konstantin Ames, Birgit Boden, Martina Burandt, Marina Büttner, Safiye Can, Ernst Christoph Cohnen, Crauss., Max Czollek, Christoph Danne, Dominik Dombrowski, Matthias Engels, Sonja Enste, Ulrike Gau, Anke Glasmacher, Nora Gomringer, Marco Grosse, Dieter Hans, Jonis Hartmann, Bettina Hesse, Stefan Heuer, Tim Holland, Klára Hůrková, Angelika Janz, Gültekin Kaan Kaynak, Thomas Kade, Udo Kawasser, Sina Klein, Hung-min Krämer, Thorsten Krämer, David Krause, Arndt Kremer, Stan Lafleur, Maja Loewe, Werner Muth, Marlene Olbrich, José Oliver, Mario Osterland, Deniz Pasaoglu, Martin Piekar, Wolfgang Rödig, Jürgen Sanders, Şafak Sarıçiçek, Simone Scharbert, Amir Shaheen, Giuliano Francesco Spagnolo, Zacharias Stegmaier, Silke Vogten, Werner Weimar-Mazur, Alexander Weinstock, Wilfriede Weise-Ney, Ron Winkler und Gerrit Wustmann.

Mein durstiges Wort gegen die flüchtige Liebe, Elif Verlag, Nettetal 2016, 104 Seiten, 17 x 24 cm, Broschur, 14,95 Euro, ISBN 978-3981750973

Nachtrag, 03. Juli 2017
Vorbeigerufen: Timo Brandt bespricht den Sammelband auf Fixpoetry unter dem Titel Der Ergebnisse der Liebe kann man kaum bekanntgeben, geht auf sämtliche Beiträger ein und beklagt in meinem Fall die Mißachtung seiner Leseerwartung: „Eine Spur Rotz, eine Spur Pathos, ein Nippen am Beliebigen, ein Prusten des Ekels. Stan Lafleurs drei Gedichte unterhalten, biegen und brechen hier und da etwas, illuminieren mit schneller Feder. Aber trotzdem ist es so, als riefe er immer an mir vorbei – mich als Lesenden scheint er gar nicht zu sehen.“

Atelier NRW

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Alpha, Omega, Victory: Wandteppich im Kreuzgang des Klosters Steinfeld

Als Textwerkstatt für ausgewählte Autoren fungiert das Atelier NRW, eine Veranstaltung vom Literarischen Colloquium Berlin und Ideengeber Dorian Steinhoff in Zusammenarbeit mit dem Literaturhaus Bonn; gefördert von der Kunststiftung NRW und dem Ministerium für Familie, Kinder, Jugend, Kultur und Sport des Landes Nordrhein-Westfalen.

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Urftschrift bzw Kallschrift: bislang unentzifferte Glyphen im Kaller Ortsteil Urft

An zwei Augustwochenenden trafen sich im Kloster Steinfeld Monika Buschey, Yannic Federer, Stan Lafleur, Christina Leicht, Felix-Emeric Tota und Barbara Zoschke mit den Moderatoren Thorsten Dönges und Dorian Steinhoff zur Analyse und Diskussion ihrer aktuellen Prosaprojekte. Im November werden Ergebnisse des Ateliers im Bonner Literaturhaus bei einer Publikumsveranstaltung präsentiert.

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Blick in den Himmel als Selbstbespiegelung

Zum Ausgleich für die über Stunden intensiven Werkstattgespräche machte ich Fotos im Kloster und der umgebenden Eifel. Bei Durchsicht der Bilder fanden sich später zahlreiche literarische Motive, die als Fußnoten zu den stattgefundenen Gesprächen dienen könnten.

Nachtrag, 16.11.2016
Über die Vorstellung des Ateliers im Literaturhaus Bonn berichtet die Kritische Ausgabe unter dem Titel Die eigene Phantasie geht in den Köpfen der Anderen spazieren.

Unter blauem Himmel versprachen die Wahlplakate blauen Himmel

das Fleisch an den Haken der Metzgerstände am Markt schimmerte in den Nationalfarben
von Fliegen bekrochen surrte der Anblick eines vergitterten Kiosks als Fenster zur Volksseele
„lade mein Handy noch einmal auf mir sind nun die richtigen Worte in den Sinn gekommen“
die Losverkäuferin drüben an der Kreuzung brach einfach weg in schlagartigen Mittagsschlaf
ganz langsam rollten wie Geisterschiffe die Busse durch die Gebäude aus Spiegelglas
sehr intensiv durchdrang Werbung für abstrakte Begriffe den urbanen Raum: Freiheit
„wir sollten dringend lernen die Dritte Welt als Prequel zur Ersten Welt zu begreifen“
ein Mann im grauen Anzug sprach wie zufällig ein Opfer an andere brüllten in Megafone
die Menge auf der Straße verfolgte Ziele wie das Aufschlagen und Leertrinken einer Kokosnuß
in den Häusern auf den Straßen selbst noch im Traum schien Sterben ein gutes Geschäft
das Lob der Toten allerdings mußte warten bis feststand daß sie tatsächlich hinüber waren

Wie Johan Cruyff verhinderte, daß die Niederlande 1974 Fußballweltmeister werden konnten

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In Nijmegen treffe ich Lucas Hüsgen, der für die flandrische Literaturzeitschrift DW B (Dietsche Warande en Belfort) einige meiner Gedichte ins Niederländische übertragen und zuletzt für rheinsein eine Serie mit Texten und Fotos zu Orten entlang des gelderländischen Rheinarms Waal verfaßt hat, in der u.a. über Geschichte und Gegenwart, Wirtschaftsmodelle, Fußballplätze und Frittenbuden, Brücken und Nebenrinnen, Zuwanderung und Blutvergießen, Schriftsteller und Gespenster berichtet und nachgedacht wird.

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Als erstes besuchen wir Mariken van Nieumeghen, bekannt für ihren sündigen Lebenswandel bzw. allgemein dafür, daß sie sich dem Teufel verschrieben hat. Die wilden Zeiten hat Mariken indes hinter sich gelassen, gemeinsam schweigend betrachten wir den Himmel, über den in rasanter Folge eindrückliche, von kräftigen Windstößen getriebene Aprilwetter flüchten und dem für niederländische Verhältnisse tiefsten Binnenland einen seeischen Anschein verleihen.

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Nijmegen ist, eine in hiesigen Niederungen seltene Kombination, klassisch katholisch und zugleich politisch so rot, daß es als La Habana der Niederlande bezeichnet wird. Samstag ist Markttag und so gilt unser zweiter Besuch Wilma Graat, nicht zuletzt deswegen die bekannteste Fischhändlerin Nijmegens, weil ihr Nachname Gräte bedeutet. Ohne Eile wandern Unmengen Hering und Kibbeling über den Tresen. Entspannte Geschäftigkeit überall. Der Giro d’Italia wird in Kürze in Nijmegen starten und so mischt sich Rosa (die Trikotfarbe des Führenden in der Giro-Gesamtwertung) ebenso ins Stadtbild wie Wettbewerbe im Langsamfahren auf dem Fahrrad. Um selber keinesfalls zu überschleunigen, besuchen wir eines der zahlreichen Straßencafés, das vom Faß gezapftes Trappistenbier anbietet.

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Wenn ein niederländischer und ein deutscher Dichter sich unterhalten, kommen sie beinahe unumgänglich auf das Endspiel der Fußballweltmeisterschaft 1974 zu sprechen. Als ich von Cruyffs Alleingang in der ersten Spielminute schwärme, eröffnet Lucas Hüsgen mir eine in Deutschland kaum bekannte Theorie, weshalb die Niederlande das Spiel nicht gewinnen konnten, eine Theorie, die hauptsächlich von PSV Eindhoven-Fans vertreten werden dürfte: „Alles lag daran, daß Johan Cruyff bewirkt hatte, daß der damals beste Torwart der Welt, Jan van Beveren (von PSV), nicht für den Kader der niederländischen Mannschaft nominiert wurde. Van Beveren hätte das Tor von Gerd Müller niemals zugelassen, er hat genau solche Bälle immer gehalten. Später spielten die beiden gemeinsam in den USA bei den Fort Lauderdale Strikers. Selbst im Training konnte Gerd Müller Jan van Beveren kein einziges Mal bezwingen.“

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(Bilder: Decke, Fenster und Mauern in Nijmegen)

Um die Gasse biegt deine Stimme

ilhan berk_um die gasse biegt deine stimmeİlhan Berk (1918-2008) gehörte zu den Dichtern der İkinci Yeni („Zweite Neue“), einer literarischen Ausrichtung in der Türkei, die sich in den 1950er-Jahren gegen ihre unmittelbaren Vorgänger u.a. dadurch abgrenzte, daß sie gesellschaftskritische und politische Aussagen aus dem Gedicht verbannte. Paradoxerweise war es vor allem diese formal apolitische, inzwischen großteils verstorbene Generation um Berk, Cemal Süreya, Turgut Uyar, Ece Ayhan, Sezai Karakoç, Edip Cansever, die von der #şiirsokakta-Bewegung und im Zusammenhang mit den Gezi-Protesten ab 2013 zitiert wurde und mit deren Versen seither die türkischen Städte von jungen Leuten wild beschriftet werden. (1)

Der kleine Elif Verlag aus Nettetal bietet nun mit dem zweisprachigen Band Um die Gasse biegt deine Stimme / Sokaği Dönüyor Sesin die erste größere Kompilation mit Gedichten und Zeichnungen von İlhan Berk für das deutschsprachige Publikum an. Übersetzt und mit einem Nachwort versehen hat die Sammlung Yüksel Pazarkaya, der Berks Lyrik als „durch und durch modern, gleichzeitig verwurzelt in den tiefen Quellen der Tradition“ beschreibt:

Vor allem bedient er sich höchst eigenständig bei den modernen Strömungen. Dabei werden Dingobjekte sowie bereits zu Schrift gewordene Welt, alles Geschriebene und Gezeichnete in der Geschichte, in Wörter und Worte transponiert, übersetzt. Seine Poetik ist dialektisch angelegt: Die Übersetzung der Dinge in Sprache geschieht sachlich nüchtern und poetisch zugleich. Das sachlich Scheinende gewinnt Sinnreichtum. Das Wort mit einem einzigen Sinn tötet bekanntlich das Gedicht, ehe es entsteht.

Himmel, Meer, Frauen, Bäume, ein „niederträchtiges Istanbul“ und nicht zuletzt das Gedicht und der Dichter selbst sind ständig wiederkehrende Motive der Sammlung. Als Verfasser von Blick in den Himmel (Hamburg/Klingenberg 2009), einem Band, der ausschließlich aus Gedichten mit dem genannten Titel besteht, fiel mir die Himmelsaffinität der İkinci Yeni-Dichter, die mir ab 2014 zur Kenntnis kam, besonders ins Auge: „dieser schlammtrübe Himmel“, „warum sich dieser Himmel aufmachte und herkam“, „nun liegt alles am Himmel“, „ein elfenbeingravierter niederträchtiger Himmel“, „ein chinesischer Morgen der Himmel über meinem Haus“, „der Himmel ist hörbar“, „ich stieg zum Himmel hinab“ und so weiter und so weiter – für lyrische Himmelzitate ist İlhan Berk sicher eine der reichsten Quellen der Literaturgeschichte.

In der Sammlung finden sich – von Berks Zeichnungen, zumeist weiblichen Akten – zu kleineren Einheiten geordnet: in ihrer verknappten Naturbetrachtung haiku-ähnliche Vierzeiler, in klare wie amorfere Formen geschmiedete Verse und längere Aufzählgedichte. Vermutlich stehen die Formen für verschiedene Schaffensperioden – hierzu liefert der Band keine Informationen.

Die Faszination der Gedichte liegt in ihren Verschiebungen: İlhan Berk beschreibt die Dinge der sichtbaren Welt wie sie sich seinem Zugriff entziehen, sich vor seinem Auge verformen, ihre Seelen tauschen und umwandeln und beschreibt, wie er diese Vorgänge beschreibt. Dann wieder gelingt es ihm, einzelne Dingseelen mithilfe inspirierter Techniken einzufangen, sie zu präparieren und in den Vitrinen seiner Verse auszustellen, wo sie ein sonderbares Schimmern entfalten. Das Schöne als das Schreckliche, Furchtbare und umgekehrt. Symbolik beim Striptease, schließlich beim Promenieren in des Kaisers neuen Kleidern. Das wirkt surreal, beinahe dadaistisch, zugleich kalkuliert und, zumindest im deutschen Sprachklang, häufig kühl, die Kühle wiederum sabotiert von der melancholischen Einsamkeit des Betrachters. Und es wirft reihenweise Verse ab, die sich als Slogans für die Straßen eines Landes in unruhigen Zeiten eignen: „Der Tod gleicht nichts“, „Das Haus ist / Zeuge / der wandernden / Nacht“, „Die Zeit ist endlos / wie ein unvollendetes Gedicht“.

İlhan Berk: Um die Gasse biegt deine Stimme / Sokaği Dönüyor Sesin, Elif Verlag, Nettetal 2016, Softcover, 168 Seiten, 12 Euro

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(1) Zur Geschichte des massiven Auftauchens von Verszeilen im öffentlichen Raum in der Türkei empfehle ich Achim Wagners informativen Artikel Das Gedicht ist auf der Straße bei Qantara.

İstanblues

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İstanblues fungiert als Kompilation der ersten beiden Bände (Beyoğlu Blues, Istanbul Bootleg) der Istanbul-Trilogie des Kölner Dichters Gerrit Wustmann. Die zweisprachige Ausgabe erscheint nur in der Türkei. Eine Botin, die vom Bosporus an den Rhein geheiratet hat, brachte dieser Tage einen Stapel Exemplare in die Domstadt.

Istanbuls Blues heißt eigentlich hüzün, eine lokale Sonderform der Melancholie wie die saudade der Portugiesen, „eine kollektive Stimmung des Scheiterns und des Verlustes“ wie Orhan Pamuk schreibt, die sich sichtbar in den Grautönen auslebt, in die die Männer sich kleiden, und in deren kargen Gesichtsausdrücken, wenn sie auf der Galatabrücke ein paar Sardinen aus dem Wasser ziehen. Viele der bekanntesten Istanbul-Gedichte sind auf diesen melancholischen Grundton geeicht. An einige von Istanbuls Bedichtern der letzten hundert Jahre knüpft Wustmann an, indem er ihre Motive als Leitfäden verwendet: zentrale Begriffe aus den Texten von Nâzım Hikmet, Cahit Külebi oder des Meistererzählers Sait Faik Abasıyanık bilden die Gerüste für kurz gehaltene, in klarer Sprache verfaßte Texte, weitere Referenzen gehen an den deutschen Autor Jörg Fauser, der Ende der 60er im Viertel Tophane als Junkie vor sich hindämmerte und schrieb und besonders an Orhan Veli, dessen Klassiker İstanbul’u dinliyorum (Ich höre Istanbul) Wustmann komplett für den Stadtteil Beyoğlu nachdichtet; der fiktive Dichter Ka aus Orhan Pamuks Roman Kar (Schnee) wird zur Projektionsfläche einer Nachdichtung, ohne daß Kas Gedichte – immerhin wissen wir grob, wovon sie handeln – der Menschheit bisher im Wortlaut bekannt wären.

Gerrit Wustmann findet Istanbuls Schönheit über beide Bände hinweg auffallend im schnell Vergänglichen, das sich tagtäglich wiederholt: im Flügelschlag der Möwen, in den warmen Farbtönen des gezuckerten, in Tulpengläsern servierten Tees, im Regenprasseln, in der Stille und den Stimmen der Nacht, in Lichtspielen und kurz im Blickfeld aufblühenden Ornamenten: fast alles beliebte, für Istanbul typische Bildmotive, die den Stadtcharakter als illustrierte Reportagen und millionenfach verschickte Postkarten seit Dekaden im kollektiven Bewußtsein umreißen. Das Paradox, Vergängliches in einer Sprache zu skizzieren, die um Zeitlosigkeit bedacht ist, funktioniert in İstanblues inhaltlich auf Kosten aktuellen Zeitgeschehens, das, nach dem Cover und der Ankündigung zu urteilen, für den in Kürze erscheinenden Abschlußteil der Trilogie, Taksim Tango, reserviert sein dürfte. Auf sprachlicher Ebene bricht die Gegenwart in İstanblues da und dort mittels Begriffen wie Skyline, Highway, E-Gitarre, Sendemast oder Pupillenreizung durch. Auf diese Weise verortet und isoliert der Band eine nostalgisch aufgeladene, längst zum Klischee verdichtete Stimmung und stellt sie, an Orhan Pamuks Masumiyet Müzesi (Museum der Unschuld) in Cihangir erinnernd, das ebenfalls bedichtet wird, in der sie adoptierenden Gegenwart aus.

Als die Gedichte des zweiten Teils Istanbul Bootleg entstanden, wohnte ich mit ihrem Verfasser Tür an Tür im deutschen Dichterghetto von Kuledibi in der Nähe des Galataturms. Abends unterhielten wir uns häufig auf der gemeinsamen Dachterrasse und schauten dabei auf den Bosporus und die Bewegungen in den Gassen des mitten in der Gentrifizierung begriffenen Viertels, letztere ein Umstand, zu dem unsere Anwesenheit beitrug. Ich sprach von den allgegenwärtigen Möwen und behauptete in einer Kolumne, daß ich keinen Istanbultext schreiben könne, wenn nicht mindestens eine Möwe darin vorkäme. In Wustmanns Istanbul Bootleg tauchen die in Istanbul omnipräsenten Vögel spätestens in jedem dritten Gedicht auf, was den Autor zum Member of the Möwement ehrenhalber qualifiziert.

Außer in Beyoğlu sind die Gedichte auf den Prinzeninseln lokalisiert, sie beschreiben somit, ohne explizit davon zu sprechen, Gassen und Orte in vergleichsweise privilegierten Vierteln, die von westlich orientierten Intellektuellen, jungen Künstlern und Touristen durchsetzt ihre alte Einwohnerschaft an den Stadtrand verdrängen, der selbst von den höchsten Hochhäusern der Innenstadt nicht zu erblicken ist. Gleichzeitig fühlen die Übriggebliebenen sich von einem Staat bedrängt, der ihre Privilegien einengt und werden die Straßen plötzlich von tausenden Kriegsflüchtlingen, die nichts besitzen, als was sie am Leib tragen, als Orte purer Existenz markiert. Geschichte passiert in Istanbul so schnell und gewaltig, daß sie kaum mitgeschrieben werden kann. Eine Straße, eben noch vorhanden, ist am Abend bereits abgerissen und zwei Monate später als eine völlig andere neu erbaut.

Im Nachwort spricht Wustmann von Istanbul als einer „schwierigen Geliebten“, die „störrisch, widersprüchlich, launisch und sprunghaft“ und davon, daß der erste Band gleichsam über Nacht gegen jede Überlegung entstanden sei. In den Gedichten selbst ist von Gott und das Panorama durchziehender Göttlichkeit die Rede: aus den Kontrasten, der permanenten Umwälzung, den überall sichtbaren Brüchen, die Istanbul so unbeschreiblich machen, lassen sich unzählige, unterschiedlichste Destillate gewinnen, denen der spezifische Geschmack der Stadt unweigerlich anhaften wird, weil sie bei aller Vielfalt und Differenziertheit zu den am leichtesten erkennbaren der Welt gehört. In Wustmanns Destillat schmeckt aus der geheimen Tausendgewürzemischung die elegische Note vor.

Im Vorwort vergleicht der für seine wendungsreichen Romane bekannte türkische Schriftsteller Alper Canıgüz die beiden tausendjährigen Städte Köln und Istanbul, um sich dem Istanbul-Zugang Wustmanns zu nähern und erwähnt auch einen Rheinspaziergang, den wir vor zwei Jahren gemeinsam unternahmen:

Bei meinem Besuch in Köln befiel mich das Gefühl, dass die ungeheure Energie in diesem einmaligen Zentrum der Kunst und Kultur der Spannung zwischen dem weltberühmten prächtigen Dom und dem Fluss entspringt. „Hier bin ich“, verkündete der Kölner Dom. „Vorläufig“, erwiderte der Rhein. „Ist nicht unbedingt wie der Bosporus, was?“, meinte Stan Lafleur, ein (…) befreundeter Kölner Dichter, als wir uns am Rheinufer auf einer Bank niederließen und es plötzlich dunkel wurde. „So ist der Kölner Himmel meistens; eine Decke für die Toten.“

Die etwas schräg klingende Formulierung von der Decke kam dadurch zustande, daß ich während des auf Englisch verlaufenden Gesprächs nicht auf den Begriff shroud kam, weswegen ich den gemeinten Leichentuchhimmel ein wenig umschreiben mußte. Alper Canıgüz jedenfalls freute sich an unserer faden, grunddeutsche Melancholie verströmenden Himmelsexotik wie sie in Istanbul allenfalls an Schneetagen vorkommt; dennoch entflohen wir den Himmeln zügig ins Brauhaus. Köln kennt im Gegensatz zu Istanbul für den Blues keine lokalspezifische Bezeichnung: wohl weil die Schwermut (in welcher Ausprägung auch immer) am Rhein keine Woche unbeschadet überleben kann.

Gerrit Wustmann: İstanblues, Foo Prodüksiyon, Istanbul 2016, Softcover, 102 Seiten, 10 YTL

Nachtrag, 02. April 2016
Tatsächlich dominieren den dritten Trilogie-Teil Taksim Tango über weite Strecken Gedichte zu zeitgenössischen Themen: Gentrifizierung und die Proteste im Gezi-Park im Frühsommer 2013, die quasi mit ihrem Auftreten, in das auch zahlreiche AutorInnen und PublizistInnen involviert waren, in die türkische Geschichte eingegangen sind. Im Nachwort zu Taksim Tango zitiert mich Wustmann mit dem Satz, Istanbul sei „ein Zellorganismus, der Minute für Minute Zellen abstößt und neue bildet“: ein Satz, der gewiß auf zahlreiche Metropolen zutrifft, doch nirgendwo sonst habe ich die Umwälzung einer Stadt so vehement und rasant empfunden wie bei meinen Aufenthalten in Istanbul.