Wer geht denn je nach Guatemala? Kuriose und epochemachende Reiseberichte aus dem wilden Zentralamerika

John L. Stephens‘ Incidents of Travel in Central America, Chiapas and Yucatan erreichten Mitte des 19. Jahrhunderts in deutscher Übersetzung mit elf Auflagen in den ersten sechs Monaten erhebliche Beachtung. Der amerikanische Forscher, Diplomat und Reiseschriftsteller war ein knappes Jahr im Auftrag des Präsidenten der Vereinigten Staaten unterwegs gewesen, um die politischen Verhältnisse in der gerade zerfallenden Zentralamerikanischen Konföderation (1823-1840) auszuloten, zu der sich nach der Unabhängigkeit von Spanien Guatemala, Honduras, El Salvador, Nicaragua und Costa Rica als Staatenbund zusammengefunden hatten. Am Rande und inmitten chaotischer Kriegshandlungen bestieg Stephens brodelnde Vulkane, erlitt diverse Tropenfieber, notierte seine Begegnungen mit der indigenen Bevölkerung, suchte in den Städten oft vergeblich nach verbliebenen Regierungsvertretern und erforschte vom Dschungel verschluckte Mayastädte, von deren Existenz mehr Gerüchte als Wissen kursierten.

Nachdem unsre Gesellschaft sich durch die Ankunft einer vornehmen Familie aus Guatemala vermehrt hatte, zogen wir sammt und sonders zu dem Hahnenkampfe. Er fand statt in dem Hofe eines unbewohnten Hauses, der bereits mit Menschen überfüllt war, die, wie ich zur Ehre der Indianer und zur Schande der bessern Klassen bemerkte, sämmtlich Mestizen oder Weisse waren, und — mit steter Ausnahme von Carrera’s Soldaten — sah ich nie in meinem Leben einen Menschenschlag von hässlicherem oder mörderhafterem Aussehen. Längs den ganzen Mauern des Hofs standen Hähne an einem Beine angebunden und Leute liefen mit andern Hähnen unterm Arme umher, die sie, um Grösse und Gewicht zu vergleichen, auf die Erde setzten, brachten Wetten in Ordnung und suchten sich gegenseitig zu betrügen. Endlich begann ein Spiel. Die Damen unsrer Gesellschaft hatten Sitze im Corridor des Hauses und der Platz vor ihnen war frei. Die Hahnensporen waren mörderische Instrumente, mehr als zwei Zoll lang, dick und wie Nadeln spitz. Kaum waren die Hähne auf den Kampfplatz gelassen, als die Halsfedern aufschwollen und sie aufeinander losflogen. In weniger Zeit als man zu ihrem Bespornen gebraucht, lag einer todt da, mit heraushangender Zunge und mit dem Munde entströmendem Blute. Die Begierde und Leidenschaftlichkeit der Menge und ihr Lärmen und Toben, ihr Wetten, Fluchen, Zanken und Balgen boten ein trübes Bild der Menschennatur dar und zeugten von einem blutdürstigen Volke. Den Damen bin ich es schuldig zu sagen, dass sie in der Stadt niemals solchen Schauspielen beiwohnen. (…) Nachdem wir die widrige Scene verlassen, machten wir einen Gang in der Vorstadt umher, wo man von einem gewissen Punkte aus eine prachtvolle Aussicht über die Ebene und die Stadt Guatemala nebst den umliegenden Bergen geniesst, eine Aussicht, die Einen nicht begreifen lässt, wie es möglich ist, dass Menschen, die in mitten einer so grossartigen und herrlichen Natur aufwachsen, Geschmack an so gemeinen, niedrigen Dingen finden.

„So viel Schönheit / so viele Pumpguns“ endet mein Gedicht Postkärtchen aus Guatemala. Als ich es letztes Jahr verfasste, waren mir Stephens‘ Berichte noch unbekannt. Sie zeichnen, als fokussierter Ausschnitt, die seit Anbeginn rekordgespickte Gewaltkurve Zentralamerikas fort und bis in unsere Gegenwart vor; annähernd 1000 Buchseiten mäandert die literarische Reise als grob- und feinnervig schillerndes Dokument chaotischer Zustände voller Brutalität, Schönheit und Zerrüttung seitens Mensch und Natur – und darin mindestens ebenbürtig den heute deutlich berühmteren Darstellungen des Wilden Westens, der ein paar tausend Meilen weiter nördlich zur selben Zeit seine Kaktusblüten trieb. Stephens‘ um Neutralität bemühte, gelegentlich zu ausschweifende, plastische und häufig mit Witz gewürzte Beschreibungen erinnern u.a. an Szenen aus Werner Herzogs Amazonas-Spielfilme: schlammüberzogene Ankünfte in entlegenen Dörfern, allgegenwärtiger Fieberwahn, rustikale Vergnügungen in Kolonialstädten mit ihren unablässig von Krieg und Naturgewalten bedrohten zivilisatorischen Fassaden; den als mürrisch, phlegmatisch bzw. als aguardiente- und blutdürstiger Mob beschriebenen indigenen Einwohnern bleiben im Dschungel nur Jobs aus der kolonialistisch-klerikalen Klamottenkiste:

Der zunächst Aufbrechende war der Kanonikus. Er war vor zwanzig Jahren, bei seiner ersten Ankunft im Lande, über den Berg gekommen, aber seine Schrecken standen noch immer in lebhafter Erinnerung vor ihm. Er reiste auf dem Rücken eines Indianers ab, nämlich getragen in einer Silla oder einem Stuhle mit hoher Lehne und zum Schutze gegen die Sonne oben überdeckt. Drei andere Indianer folgten als Reserve-Träger, sowie ein edles Maulthier zur Abwechselung für den Fall, dass er des Stuhltragens überdrüssig würde. Obwohl der Indianer von der Last tief zur Erde gebeugt marschirte, war doch der Kanonikus guter Dinge, schmauchte behaglich seine Cigarre und winkte uns mit der Hand zu bis er uns aus dem Gesicht war.

Stephens trifft unterwegs auf bemerkenswerte Gestalten, Sitten, Naturfänomene und Ruinen. Guatemala und seine Erscheinungen („Jeder unsrer Tritte und Schritte in diesem Lande bot uns etwas Wildphantastisches und Neues, etwas, was unsre Phantasie ergriff“), aus denen hundert Jahre später Miguel Ángel Asturias in seiner Prosa den Magischen Realismus destillieren wird, macht seine Besucher wie selbstverständlich zu Abenteurern, in schwer überschaubaren Kriegsverläufen verwandelt sich der verblüffte Stephens in einen Agenten wider Willen, der mit den Generälen beider verfeindeter Parteien speist und parliert, kurz nachdem deren versprengte Truppen ihn willkürlich gefangen genommen und um ein Haar exekutiert hatten. Ob Karl May sich bei Stephens bediente, entzieht sich meiner Kenntnis, die Möglichkeit einer solchen Linie immerhin erscheint überdeutlich.

Der letzte Fremde, der im Hafen gewesen war, war ein allbekannter Amerikaner, Namens Handy, von dem ich zuerst am Kap der Guten Hoffnung, wo er Giraffen jagte, gehört hatte, dem ich später in Neuyork begegnet war und den ich hier verfehlt zu haben ausserordentlich bedauerte. Er war von den Vereinigten Staaten aus durch Tejas, Mejico und Centralamerika gereist, und zwar mit einem Elephanten und zwei Dromedaren als Anführern seines Zugs! Der Elephant war der erste in Centraiamerika je gesehene und ich hörte oft von ihm in den Pueblos unter dem Namen El Demonio (der Teufel) sprechen.

Eine eher beiläufig erwähnte Gefahr der Reise besteht im Fieber. An einer Stelle berichtet Stephens trocken, dass alle sieben seiner unmittelbaren Vorgänger in Zentralamerika am Fieber gestorben seien. (Er selber wird zwölf Jahre später an Malariafolgen, einem ungewollten Reisemitbringsel, sterben.) Von zeitgenössischen Repellentien (außer komplett bedeckender Kleidung) kein Wort. In seiner Ergebenheit in die Fiebersituation kommt Stephens, ohne es zu merken, der Ergebenheit der Mayavölker in den Willen der Natur vielleicht am nächsten.

Alle centralamerikanischen Häfen am stillen Meere sind ungesund, dieser aber galt geradezu als tödtlich. Ich war ohne Bangigkeit in Städte eingezogen, wo die Pest wüthete; hier aber herrschte am Ufer eine todtengleiche Stille, die erschreckend war. (…) Den Nachmittag brachte mich der Kapitän ans Ufer. Am ersten Hause sahen wir zwei Kerzen angezündet, um bei der Leiche eines Mannes zu brennen. Alle, die wir sahen, waren krank und Alle klagten, dass der Ort dem menschlichen Leben tödtlich wäre. Und er war in der That fast ganz verödet, und ungeachtet seiner Vortheile als Hafen erfolgte doch wenige Tage darnach von Seiten der Regierung der Befehl, ihn aufzugeben und nach dem ehemaligen Hafen von Punta Arenas zurückzuverlegen. (…)
Der Ort war ein elender Hüttenhaufen und arm an Lebensmitteln, wo die Leute lieber schmutziges Wasser, das vor ihren Hütten stand, tranken als dass sie sich die Mühe gaben, nach dem Flusse zu gehen.

Zu den Höhepunkten des Buches lassen sich auch viele weniger abenteuerliche Alltagsbeschreibungen zählen, z.B. über das Tortillabacken (wie ich es 180 Jahre später unverändert beobachtet habe und dessen elegant-monotone Geräusche sich mir tief eingeprägt haben) oder ein Kindsbegräbnis, das mit dem Zerstampfen des Leichnams endet, um auf dem Lehmgrund der Kirche Platz für kommende Tote zu schaffen. Landschaften wie der Atitlánsee, in der Maya-Mythologie Nabel der Welt und Verbindung zur Unterwelt, erfahren mit Kuriosa beschmückte Würdigungen. Wo er auf entsprechende Informationen trifft (Bücher sind auf der Route Raritäten, wer welche zu veräußern hat, kennt sie bereits auswendig), reichert Stephens seine Berichte mit geschichtlichen Exkursen an, die als Verbindungsglieder zwischen mythischem und modernem Wissen angesehen werden können.

Frühe am Morgen gingen wir abermals zum See. Es schwebte jetzt kein Dunst auf dem Wasser und die Scheitel der Vulkane waren wolkenfrei. (…) Wir verbrachten unsre Zeit mit Schiessen wilder Enten, konnten aber nur zwei Stück ans Ufer bekommen, die, wie wir später fanden, von köstlichem Geschmack waren. Nach Juarros‘ Nachrichten ist das Wasser dieses Sees so kalt, dass es schon nach wenigen Minuten die Glieder Aller, die in ihm baden, erstarren macht und anschwellt. Aber es sah so einladend aus, dass wir beschlossen es zu wagen, und siehe da, unsere Glieder erstarrten nicht und schwollen nicht an. Die Umwohner baden beständig darin, wie man uns sagte; und Herr Catherwood blieb, von seinem Schwimmgürtel getragen und ohne alle Körperbewegung, lange Zeit im Wasser und empfand nichts von einer ausserordentlichen Kälte. Bei der gänzlichen Unwissenheit, welche über die geographischen und geologischen Verhältnisse dieses Landes herrscht, kann es wohl sein, dass die Erzählung von der bodenlosen Tiefe des Sees und von dem Mangel jedes Abflusses ebenso unbegründet ist wie die von der Kälte seines Wassers.

Ein weitgehend und völlig zu Unrecht vergessenes bzw. übersehenes Monumentalwerk, das sich in die großen Reiseberichte der Literaturgeschichte reiht.

John L. Stephens, Eduard Höpfner: Reiseerlebnisse in Centralamerika, Chiapas und Yucatan, Leipzig 1854

Eine Neuausgabe der Höpfner-Übersetzung erschien im Herbst 2014 im Verlag der Pioniere.

In mehreren Formaten, darunter auch als E-Book, bietet Google Books das Werk zum kostenfreien Download (ohne Illustrationen).

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Der polnische Boxer

halfon_der polnische boxer

Am Morgen, an dem ich mich an diese Besprechung setze, lese ich in der guatemaltekischen Tageszeitung Prensa Libre, daß Eduardo Halfon den diesjährigen Prix Roger-Caillois erhalten wird. Bezeichnenderweise fokussiert der Artikel nicht auf Halfons Literatur, sondern auf seine Identität, die im Zentrum seines Werkes stehe und zitiert den Autor: „Meine Großeltern sind alle außerhalb Guatemalas geboren – im Libanon, in Polen, in Ägypten und in Syrien. Der Zufall führte sie Mitte des 20. Jahrhunderts in Guatemala zusammen, wo ich schließlich im Jahr 1971 zur Welt kam. Vielleicht ist dieser Nomadismus, dieses Umherschweifen mit dem Judentum verknüpft.“

Mein einziges Gespräch in Guatemala über Halfon erinnere ich sehr gut. Als ich erwähnte, außer Der polnische Boxer sei mir kein anderes Buch eines lebenden guatemaltekischen Autors in deutscher Übertragung bekannt, bekam ich zu hören, Halfon sei ein in den USA lebender Jude und könne sich das Publizieren daher, anders als die meisten im Land verbliebenen Autoren, leisten. Der so redete, war der PEN-Vorsitzende Guatemalas Carlos René García Escobar. Mein Einwand, daß Hanser nicht gerade im Ruf eines Zuschußverlags stehe, fand als Erwiderung nur unbestimmtes Gemurmel.

Wissen Sie, wie Dichtung auf Cakchikel heißt, Herr Halfon?, fragte Juan plötzlich. Nein, sagte ich, keine Ahnung. Pach’un tzij, sagte er. Pach’un tzij, sagte ich. Ich ließ mir das Wort eine Weile im Mund zergehen, kostete seinen Klang aus, genoss es, es immer wieder auszusprechen: Pach’un tzij. Wissen Sie, was das bedeutet?, fragte Juan, und ich antwortete zögernd, nein, das sei aber auch nicht wichtig. Wortgeflecht, sagte er. Das ist eine Neuschöpfung, sie bedeutet Wortgeflecht, sagte er noch einmal, Pach’un tzij. So elegant aussprechen wie er konnte es nur, wer rückhaltlos daran glaubt, dass es mehr gibt als nur diese eine Welt. Das ist ein Huipil aus Worten, sagte Juan, ein Wortkleid. Mehr sagte er nicht.

In der Tat spielt das Thema Identität in Halfons wohl bekanntestem Roman Der polnische Boxer die bedeutendste Rolle. Halfon agiert als Ich-Erzähler unter eigenem Namen und verwendet autobiografische Sequenzen. Sein Status als jüdischer Guatemalteke, der in den Staaten lebt, sorgt in der jeweiligen Heimat, sowohl in den USA, als auch in Guatemala, bei anderen Figuren für Irritationen. Weit überwiegend handeln die zehn geschlossenen Erzählrunden, die sich als literarischer Boxkampf des Autors gegen sich selbst bezeichnen ließen, von typisch postmodernen, bildungsbürgerlichen Szenarien. Vereinzelt setzen sich Erzählstränge über die Kapitel fort. Das Personal besteht aus Universitätsangestellten und Studenten, Teilnehmern eines Mark Twain-Symposions, Besuchern und Mitwirkenden eines internationalen Kulturfestivals in Antigua Guatemala und jungen, hübschen, sexuell freizügigen Frauen aus Guatemalas gehobener Schicht. Als Kontrapunkt dienen Skizzen einer in die Gegenwart transponierten, mystifizierten Zigeunerromantik, die der Autor an einige Figuren knüpft, die dem Roman-Eduardo in Belgrad, wohin er einem kuriosen Impuls folgend reist, begegnen.

Wir gingen in die Cueva de los Urquizú, ein einfaches Lokal mit Plastiktischdecken, Plastiktabletts und Wegwerfgeschirr, das höchstwahrscheinblich nie weggeworfen wurde. Ich wollte, dass Milan ein bisschen typisch guatemaltekisches Essen kennenlernte.

Oberflächliche Übereinstimmungen mit meiner eigenen Guatemala-Wahrnehmung habe ich vor allem im ersten Kapitel, Fern, gefunden: Halfon schwärmt von den beeindruckenden Namen guatemaltekischer Orte, vom Klang der Mayasprachen (die in meinem Empfinden, wo ich sie auf der Straße hörte, Naturfänomene nachzuahmen schienen und knisternde, raschelnde, rauschende, Naturkräften ähnelnde, zerfallende Soundskulpturen bildeten), läßt sich über die lokale Küche aus, bevorzugt unter den guatemaltekischen Bieren, genau wie ich, das dunkle Moza, und thematisiert die Ungleichheit zwischen indianischer und herrschender Bevölkerung, vorbereitet durch literaturwissenschaftliche Überlegungen, die er als Dozent seinen desinteressierten Studenten nahezubringen sucht, und denen einzig der junge talentierte Maya-Dichter Juan Kalel zu folgen versteht, der am Ende seine just begonnene akademische Laufbahn knicken muß, weil die Armut den Lebenstakt der Mayaexistenzen bestimmt und Juan die magere Gärtnerrolle des verstorbenen Vaters in seiner subsistenzwirtschaftlich sich ernährenden Familie einnehmen muß.

Mein Großvater sagte immer, ich sei so alt wie die Ampeln, denn an dem Tag, an dem ich zur Welt kam, wurde offenbar an ich weiß nicht welcher Kreuzung im Stadtzentrum die erste Ampel Guatemalas aufgestellt.

Die zehn Erzählungen stecken voller einprägsamer, kräftiger Ideen und literarischer Finten, zu denen Halfon gerne etwas Theorie zur Deutung nachreicht. Sie sind ausstaffiert mit der Sprunghaftigkeit unserer globalisierten Epoche, Tablettenschwangerschaften und gezeichneten Orgasmen, mit der Häftlingstätowierung des Großvaters, der Auschwitz überlebte und sehr viel Musik, Zigaretten und Alkohol. Bei beachtlicher Vielschichtigkeit sind die Geschichten intelligent komponiert, handwerklich hervorragend gearbeitet und mit reichlich Witz versehen. Halfon kreist in Der polnische Boxer, stellvertretend für jedwede zeitgenössische Biografie, ständig um sein wahres und sein literarisches Ich: das längste Kapitel trägt paßgenau den Titel Pirouette. Extensive Beschreibungen des Fremden dienen letztlich der Suche nach dem Fremden im Autor selbst, in der Betrachtung gesellschaftlicher Außenseiter sucht er nach dem Unverstellten, der vermeintlichen Magie, die mit wirtschaftlicher Armut einhergeht und die sich mithilfe klassischer Bildung bzw aus den antrainierten Verhaltensmustern akademischer Tätigkeiten schwer begreifen läßt.

Als nächstes traf eine Karte aus Denver, Colorado, ein. Sie zeigte einen erdmandelmilchfarbenen Berg, der mit winzigen schwarzen Punkten übersät war, Skifahrer, nahm ich an, oder riesige Nadelbäume. Milan schrieb dazu: Es war einmal ein König, der besaß das große Zigeuner-ABC. Da es damals noch keine Bücherregale gab, um ABCs aufzubewahren, wickelte der König das ABC in Salatblätter ein. Anschließend legte er sich am Ufer eines sanften Bächleins schlafen. Wenig später erschien ein Esel, trank Wasser aus dem Bächlein und aß die Salatblätter auf. Deshalb haben wir Zigeuner kein eigenes ABC.

An meine mehrhundertfach fotografierten Sonnenaufgänge über dem Atitlánsee erinnert mich eine der Schlußszenen vor der Kulisse der antiken Mayastätte Tikal, die zugleich eine guatemaltekische Klammer schließt, indem sie eine neofolkloristische Betrachtung der indianischen Bevölkerung, auf die der weiße Mann in Guatemala sich unvermittelt verworfen sieht, anstellt, die, dem Zeitgeist gemäß, unaufgelöst bleiben muß.

Der Eingeborene zeichnete den Sonnenuntergang, (…) aber er zeichnete so, ganz schnell, sagte Shlomo und bemühte sich offensichtlich, den anderen nachzuahmen. Er machte mit seinen Farbstiften ganz schnell eine Zeichnung, sagte er, und dann riss er die Seite aus dem Heft und warf sie auf die Steine des Mayatempels, auf die Steine seiner Vorfahren, und fing an, einen neuen Sonnenuntergang zu zeichnen. Verstehen Sie? Denn jede Zeichnung war anders, jeder Sonnenuntergang war anders, als wären es wirklich lauter verschiedene Sonnenuntergänge. Alles veränderte sich ganz schnell. Die Bewegung der Wolken, die Stellung der Sonne, die Farbe des Himmels. (…) Aber statt einer Kamera nahm er seine Augen und seine Hände und seine Farbstifte dafür. (…) Und der Eingeborene, fuhr er fort, ließ seine Zeichnungen auf dem Boden liegen, und manche wurden vom Wind fortgetragen. Als läge ihm nichts daran, sagte er, oder als wäre das nicht das Wichtigste, sagte Shlomo. (…) Wir waren vielleicht zehn oder fünfzehn Touristen und wir vergaßen ganz, den Sonnenuntergang über dem Urwald zu verfolgen, und sahen dafür zu, wie dieser Eingeborene ihn mit seinen Farbstiften zeichnete.

Eduardo Halfon: Der polnische Boxer (aus dem Spanischen von Peter Kultzen und Luis Ruby), Hanser, München 2014 (Originalausgabe: El boxeador polaco, Editorial Pre-Textos, Valencia 2008/2010)

San Pedro La Laguna (2)

Welt im Spiegel: ein Blick über die Schulter und der Tag ist ein anderer

Was auf diesem Bild zu sehen ist, ist mir nicht mit letzter Sicherheit klar. Wahrscheinlich ein Fußgänger vor einer doppelgeschossigen Fassade auf einer Blechblende, die Einschußlöcher aufzuweisen scheint. Oder kriecht mitten im guatemaltekischen Hinterland ein S-Bahn-Waggon über die Dächer Richtung Himmel, der als Schriftstück ausgewiesen ist? Blitzhafte Alltagsverzerrungen begleiteten meinen Aufenthalt in bemerkenswerter Frequenz, nicht umsonst zählt Guatemala zu den Ursprungsgegenden des magischen Realismus.

Rush hour: Hochbetrieb am hellen Mittag zur letzten Stunde des täglich stattfindenden Obst- und Gemüsemarkts

Tuk Tuks übernehmen in Guatemala den Transport in Orten, die vom Netz der Hauptstraßen abgeschnitten nur über abenteuerliche Pisten zu erreichen sind. So auch in den Dörfern und Städtchen rund um den Atitlánsee. Dort sind sie an ihren Farben als bestimmten Gemeinden zugehörig erkennbar und sichtbar durchnummeriert. Die Fahrten verlaufen selbst bei hoher Belegung (als Rekord zählte ich inklusive meiner selbst drei Männer, drei Frauen, ein Kleinkind plus Fahrer) entspannt – einmal besuchte mich für eine knappe Sekunde ein Kolibri in der Kabine. Der Schlaglöcher umkurvende Chauffeur erzählte, die Vehikel stammten aus China.

Wichtige Kreuzung – christliche Motti im Straßenbild finden sich über ganz San Pedro verstreut

„Jesus ist der Weg, die Wahrheit und das Leben – niemand gelangt zum Vater, wenn nicht um seinetwillen“. Am Ortseingang sieht sich der Ankommende vor die Wegwahl gestellt. Nach rechts geht es in den Himmel, nach links Richtung Hölle. Tatsächlich wird der linke Abzweig von Müll und Gestank begleitet, kurz vor dem Treppenende wartete, dem Zerberus gleich, mit abwägenden Blicken ein Korpus aus streunenden Hunden.

Öffentlicher Geschichtsunterricht an einem typischen Gemischtwarenlädchen

Wandgemälde in San Pedro thematisieren überwiegend lokale Themen. Z.B. Entführung, Mord und das Verschwindenlassen von Menschen als Formen des Terrors, der die ansonsten vom Bürgerkrieg eher unberührte Kleinstadt zwischen 1980 und 1982 erschütterte. Hinter den Vorfällen steckten Militäreinheiten, die sich tagsüber als Beschützer San Pedros gerierten. Nachts verbreiteten sie selbstgefertigte Guerillaparolen (Graffiti und Flugblätter), um ihre Schwarzen Listen zu rechtfertigen, die stärker von privaten Rache- und Neidgelüsten als vom Kampf gegen die Guerilla geprägt gewesen sein sollen. Nach zwei Jahren Terror entfernten andere Militäreinheiten die Marodeure. 

Mural als Entscheidungshilfe für die lokalen Maisbauern

Dieses um eine Hausecke reichende Mural widmet sich dem heiligen Maisanbau (auf Tz’utujil und Spanisch) als kulturellem Erbe der Region und stellt die Frage nach dem Einsatz von Gentechnik. Die Tatsache bedenkend, daß die Maya-Landwirtschaft noch komplett von Hand betrieben wird, spricht ein dieser Tage weithin auf Plakatwänden beworbener Firmenname wie MayaFert (Düngemittel) Bände. Ein Dichterkollege berichtete mir von mittels Kunstdünger geschaffenen geschmacksarmen Riesenfrüchten. Ich hielt seine Beschreibungen für übertrieben, bis ich an einer Tankstelle Bauern beim Beladen eines LKWs beobachtete. Ihre Karotten erreichten, ohne Grün, die Maße meiner Unterschenkel – der Anblick faszinierte mich dermaßen, daß ich darüber das Fotografieren vergaß.

Atitlánsee

Zwischen fünf und halb sechs Uhr steigt die Sonne über die Höhenzüge bei Panajachel und bewirtet den See mit ihren tagesaktuellen Farbentwürfen. „Ananas and coffee for breakfast“, geht mir eine Songzeile von Superbilk aus den frühen 90ern durch den Sinn, die ich nach Abflauen der wildesten Strahlentünchungen in die Tat umsetze.

Lakescape mit auf der Seeoberfläche sich spiegelnder Vulkanlandschaft. Die Wasserteppiche aus Schwemmgut und Algen ziehen im Tagesverlauf Grackeln und Silberreiher an. Hin und wieder kreuzen Einbäume und Schnellboote die Szenerie. Viele Touristen schwärmen, die Lebensumstände der meisten Anwohner außer acht lassend, davon „im Paradies“ angelangt zu sein.

Wolkenakkumulation oder Vulkanrauch? Die schweflig-gelbe Farbkomponente spricht für letzteres, zumal die Vulkane am Atitlánsee aktiv sind. Zahlreiche Agenturen bieten für Touristen geführte Wanderungen auf die Gipfel an. Die Tourguides führen immer noch (in Guatemala allgegenwärtige) Pumpguns mit sich, ein eher rhetorisches Mittel, um Überfällen vorzubeugen. Bis vor wenigen Jahren stellte die örtliche Polizei bewaffnete Begleitungen für ausländische Vulkanbesteiger ab.

Mit dem Speedboat unterwegs. Den Atitlánsee zu kreuzen ist trotz grandioser Ausblicke kein Spaß. Eng gedrängt hocken die Passagiere auf Holzbänken; sobald der See vom Xocomil aufgerauht wird, gerät auch das Gepäck im Bug in Bewegung und diejenigen Passagiere, die keinen regulären Sitzplatz ergattern konnten, klammern sich nach Möglichkeit am Anlegetau fest, um nicht aus dem Gleichgewicht zu geraten oder schlimmstenfalls über Bord zu gehen.

San Juan La Laguna

Mural, das den Maya-Schöpfungsmythos darstellt

Schattenmarkisenverhangenes Mural, das den Maya-Schöpfungsmythos darstellt

San Juan ist ein kleiner Ort mit leeren Straßen voller Wandgemälde, die weite Teile des Dorfes stärker als seine Menschen zu beleben scheinen. Die größten Outdoor-Aktivitäten beobachtete ich auf dem Friedhof, auf dem ein guter Schwung Gemeindearbeiter mit der Gräber- und Rasenpflege beschäftigt war. Die zentrale Markthalle bot neben dunkler muffiger Kühle deutlich mehr Leer- als Verkaufsflächen, das Angebot der wenigen Stände wirkte ärmlich. Am steilen Weg zum Bootsanleger reihen sich Webereien – sobald ein Fremder vorbeiläuft, wird er freundlich hereingewunken, sich die Handarbeiten erklären zu lassen.

Kaffee gefällig?

Kaffeeanbau gehört zu den verbreitetsten Wirtschaftszweigen rund um den Atitlánsee. Kaffeepflanzen sind nicht nur auf Plantagen, sondern auch in Hausgärten zu finden. Viele Hotels bieten ihren Gästen das Getränk gratis an.

Kaffeeplantage im Dorfzentrum

Kaffeeplantage im Dorfzentrum

Die Pflücker sind mit ihren Fahrrädern zur Arbeit gefahren. Auf dem Versammlungsplatz San Juans verdichten sich die Wandgemälde zu einem Spektakel. Beim Fotografieren erntete ich mißtrauische Blicke einzelner, auf den Tribünen abhängender Gestalten.

Der Junge und der Fisch

Die dargestellte Fischart konnte ich nicht ausfindig machen. Fischfang existiert auf dem See, spielt jedoch keine herausragende Rolle. Auf dem Markt von San Pedro sah ich Krebse, Schnecken und kleine fleischarme, dafür grätenreiche Fische, in den Touristen-Restaurants kommen eingeschleppte Buntbarsche (Tilapia) auf den Teller. Die Fauna des Atitlánsees jedenfalls verändert sich (wie z.B. auch die des Rheins), vielleicht steht der skeptische Junge mit dem Fisch für diesen Wandel.

Panajachel

Der bedeutendste Ort am Atitlánsee besteht auf den ersten Blick aus einer ansehnlichen, von Restaurants und Geschäften gesäumten Hauptstraße, dominiert von Läden mit Maya-Textilien in großartigen Mustern und Farben. Von den ca. sieben Geldautomaten funktionierten zwei, deutlich mehr als in anderen Orten rund um den See, von dem Aldous Huxley schrieb, er sei „too much of a good thing“. Nach Panajachel bewegte ich mich mit dem Schnellboot, das den See in ca. einer halben Stunde in West-Ost-Richtung quert. Die Boote, gleich ob sie für zehn oder 20 Passagiere ausgelegt sind, verlassen den Anleger stets, sobald der vierzehnte Passagier an Bord ist. Morgens ist die Fahrt ruhig, nachmittags wellt der Xocomil, ein über die Berge kriechender Fallwind die Oberfläche: die Folge sind brutale Schläge und Gischtduschen beim Aufsetzen des durch die Traumlandschaft hastenden Bootes.

Zwei Museen bietet Panajachel. Die Casa Cakchiquel zeigt historische Fotografien an den Wänden eines städtisch betriebenen Cafés. Neben frühen Aufnahmen von Campesinos, die mich an gleichalte Bilder derb gewachsener Bauern im Appenzell erinnerten, sind auch Prominente (Che Guevara, Ingrid Bergman) zu sehen, von denen auf diese Weise Zusammenhänge mit dem Ort in die Luft gestellt, jedoch nicht erläutert werden.

Das Museo Lacustre ist in der schicken Posada Don Rodrigo untergebracht und befaßt sich mit „Samabaj“, dem „Maya-Atlantis“, einer Stadt auf dem Seegrund, die vor mindestens 1700 Jahren untergegangen sein soll. Benannt ist der Fundort nach seinem „Entdecker“ Roberto Samayoa Asmus: ein Kunstwort aus dessen Nachnamenssilbe Sam, kombiniert mit dem Quichéwort und häufigen Namensbestandteil abaj (Stein). Um den See herum sollen Berichte über den versunkenen Ort in mündlichen Maya-Überlieferungen existieren, die für die Forschung und Namensgebung jedoch bisher nicht berücksichtigt wurden. Unterdessen regt „Samabaj“ eine bunte Reihe religiöser und esoterischer Theoretiker zu Beweisführungen an. Die im Museum ausgestellten Fundstücke sind mühelos abzählbar. Als ich die Ausstellung ob ihres geringen Schauwerts achselzuckend verlassen wollte, fing mich eine Angestellte ab und geleitete mich in einen zweiten Raum, indem sie mich anwies, barfuß weiterzugehen und das Fotografieren zu unterlassen. Der Raum war rundum blau gestrichen und sollte eine Szenerie auf dem Seegrund vorstellen. In einer dreiviertelstündigen Dokumentation taucht er – trotz Fotografierverbots – kurz auf.

San Pedro La Laguna

Farbenschnarchen: La nariz (die Nase), einer der Gipfel über dem Atitlánsee, kann, samt seiner Abhänge, als Gesicht eines schlafenden Maya-Mannes interpretiert werden

Farbenschnarchen: La nariz (die Nase), einer der Gipfel über dem Atitlánsee, kann, samt seiner Abhänge, als Profil eines schlafenden Maya-Mannes interpretiert werden

San Pedro war der touristischste Ort, den ich auf meiner Hochlandreise zu Gesicht bekam. Die Uferstraße zwischen den Linienbootanlegern ist gesäumt von Hotels, Restaurants und Bespaßungsagenturen für Backpacker, die im zehn Fußminuten hügelan gelegenen Zentrum mit Kirchen, Markt und normalem Kleinstadtalltag kaum anzutreffen sind. Mein Hotel mit Blick Richtung Sonnenaufgang lag ein wenig abseits, ein gepflegt-wilder Garten bot Avocados, Bananen, Zitrus- und Nancefrüchte, die Hibisken zogen Kolibris an, die dichteren Büsche und Palmen unsichtbare Vögel, die wie Türen knarrten oder Geräusche von Plastikspielzeug imitierten. In die Zimmer eindringende Skorpione kommentierte der Manager mit einem herzhaften: „Keine Sorge, Tiere berechnen wir nicht extra.“

Die Nummer 9 beobachtet das Geschehen kurzzeitig vom linken Flügel

Die Nummer 9 beobachtet das Geschehen kurzzeitig vom linken Flügel

Vögel vermeinte ich auch in der Stadt pfeifen zu hören, bis ich entdeckte, daß es sich um Ladenbesitzer handelte, die mit langgezogenen Papageienrufen auf ihre Geschäfte aufmerksam machten. Wieder ein Ladeninhaber stellte vor seiner Tür ein Mikrofon auf und sang zu Konservenbegleitung gefühlige Schlager. Häufig saßen oder standen Menschengruppen beisammen, solch kurzfristige, sich schnell wieder auflösende Events zu betrachten oder um einfach im Schatten zu verschnaufen.

Maismenschen: nach dem Popol Vuh, dem Heiligen Buch der Maya, sind die Menschen nach einigen Fehlversuchen mit anderen Materialien aus Mais entstanden, der zugleich Hauptnahrungsmittel der Maya ist und "soviele Farben aufweisen kann wie die menschliche Haut"

Maismenschen: nach dem Popol Vuh, dem Heiligen Buch der Maya, schufen die Götter die Menschen (nach einigen Fehlversuchen mit anderen Materialien) aus Mais, der zugleich als Hauptnahrungsmittel dient und „soviele Farben aufweisen kann wie die menschliche Haut“

In San Pedro finden sich diverse Shops und Werkstätten, die von oben bis unten mit knalligen Ölgemälden vollgestopft sind, ein chromatischer Overkill. Die Bilder erinnern in Motivik und Rhythmik an naive Bauernmalerei europäischen Stils, nur daß die Kompositionen, klimatisch und gesellschaftlich bedingt, dichter und farbintensiver daherkommen. Mehrere Werkstätten lehren die Maltechnik in Schnellkursen.

Vermutlich der schönste Arbeitsplatz San Pedros: luftiges Rundkuppelstudio mit Blick auf die Stadt und den Erdkreis

Vermutlich der schönste Arbeitsplatz San Pedros: luftiges Rundkuppelstudio mit grandiosen Ausblicken auf die Stadt und den Erdkreis

Eines der auffälligsten Gebäude ist die baptistische Kirche. Ihre Außentreppe führt über drei Etagen zur Kuppel, von der sich fantastische Ausblicke ergeben. Durch ein Fenster erblicke ich im Kuppelinneren einen Mann, der sich an Geräten zu schaffen macht, die mir verdächtig bekannt vorkommen: „Hallo, hast du hier oben etwa eine Radiostation?“ DJ Hernán bejaht erfreut, winkt mich ins Studio, bietet mir einen Stuhl und hilft, die Fenster in verschiedenen Konstellationen für meine Fotos zu öffnen. Nach Beendigung der Aufnahmen setzen wir uns und quatschen. Die aktuelle Sendung geht offenbar problemlos ohne ihren DJ über den Äther.

Schwarzwälder Kirschtorte mit Erdbeeren, Stacheldraht

Schwarzwälder Kirschtorte mit Erdbeeren, Stacheldraht

Typisch für Guatemala sind die Tortillas, die mit einem sehr eigenen Geräusch, einem leisen Klap-klap-klap, aus schlichtem Maisteig zu handtellergroßen Fladen geformt und dann geröstet werden. Allerorten stieß ich auch auf die Selva Negra, eine guatemaltekische Version der Schwarzwälder Kirschtorte, die ohne Kirschen auskommt, welche manchmal durch Erdbeeren ersetzt werden. Typisch für Guatemala ist allemal der Stacheldraht, insbesondere, wenn er zusätzlich unter Strom steht. Mit diesem Foto ist es mir gelungen, gleich zwei der landestypischen Merkmale auf einen Schlag einzufangen.

Regengegenden

Xela schickte mir freundlicherweise drei Starkregen, die ich dort vergessen hatte, per Eilbote hinterher. Nur zwei Weiße hatten die Stadt an diesem Tag Richtung Atitlánsee verlassen, sodaß ich auf den von Kontrollposten gesäumten Straßen gut zu finden war.

Die Zustellung besorgten die Himmel, der Maya-Weltsicht zufolge ebenso belebte Wesen wie Tiere, Menschen, Pflanzen, kurzum: die gesamte Natur als Teil des Kosmos. Das funktionierte so: die Himmel krochen im Manöver befindlichen Soldaten gleich über die Berge und ballerten mit Wassermassen. In der deutlich befeuchteten Landschaft suchte ich den Schutz einer Tankstelle. Von dort ließ sich, aus sicherer Entfernung, ein seltenes Schauspiel beobachten: die Entpuppung eines Selbsthotels, das sich mit der Anmutung eines riesigen, giftigen Insekts zu Füßen der Höhenzüge in die Wiesen und Nebel entfaltete.

regengegend_2Irgendwann waren alle Straßen naß und alle Richtungen verschwommen. Ich raste hinter anderen Vehikeln her, bis diese mich verfolgten. Da Hinweisschilder im Gegensatz zu unangekündigten Bodenwellen kaum vorkommen, läßt sich das Autofahren im guatemaltekischen Hochland zur Regenzeit mit einer Ozeanpassage vergleichen: in der Ferne vulkanartige Inseln, in mittlerer Distanz nichts als maisgrünes Gewoge, direkt vor der Nase die gischtsprühende Heckspur eines anderen Verlorenen, der stur seinen Instinkten folgt.