Lyrik-Pegel (2)

Mosaikstein-Meldungen und Florilegium zu Gedichtvorkommen im öffentlichen Realraum, elektronisch geharkt, kommentiert aufbereitet und mit Dank an alle Zuträger und Zuträgerinnen der Zukunft überlassen:

Köln
– Als Anfang Februar Schnee fiel und, was selten genug vorkommt, am anderen Tag liegen blieb, hat dieses Ereignis im Kölner Norden offenbar einen unbekannten Jandl-Fan auf den Plan gerufen. Denn ausschließlich auf Jandl-Fragmente im Schnee stieß ich bei meinen Pausenspaziergängen im Nippeser Tälchen und auf der Rennbahn an mehreren Stellen. Weil der Kamera-Akku in der Kälte schlapp gemacht hatte, konnte ich nur diese beiden aufnehmen:

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Es jandlt: Ottos Mops kotzt auf einer Parkbank im Nippeser Tälchen

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Aus dem Jandl-Gedicht „im park“ geliehene Zeilen zieren das Dach einer Kinderspielhütte an der Galopprennbahn

– Ebenfalls in Nippes, für Köln erstaunlich genug, stieß ich auf Verse eines Düsseldorfers:

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Heinrich Heine, fragmentiert, in der Mauenheimer Straße

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Prag
– Vom Václav-Havel-Flughafen Prag schickt Klára Hůrková Leuchtschriftgedichte. Sie stammen von Václav Havel selbst, dessen Schaffen Kateřina Bártová in ihrer Abhandlung zur Geschichte der konkreten Poesie wie folgt einordnet: „Ein Sonderkapitel der tschechischen Poesie stellte Václav Havel dar. Mit seinen Sammlungen „das erste Mal“ (1966), „das zweite Mal“(1994) und „Antikode“, zeigte er einen künstlerischen Unterschied zu den anderen Autoren der tschechischen Experimentellen Poesie, der in der Kritik der Politik und des sozialen Wesens bestand. Im Wesentlichen behandeln seine Titel rationelle Systeme, Mathematik, Logik und Grammatik. Trotz diesem objektiven, wissenschaftlichen Prinzip können wir hinter jedem seiner Texte ein Autorbewusstsein und sein gesellschaftliches Engagement sehen.“

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Relativitätsgleichungsbaum von Václav Havel (Bild: Klára Hůrková)

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Wortkasten von Václav Havel (Bild: Klára Hůrková)

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Türkei
Achim Wagner schreibt: „In der Türkei fördern die Stadtteilverwaltungen von Çankaya (Ankara) und Kadıköy (İstanbul) mittlerweile Poesie im öffentlichen Raum und beziehen sich in der Auswahl auf die şiirsokakta-Bewegung, sprich auf häufig verwendete Gedichte bzw. Gedichtauszüge. Erwähnenswert ist dabei, dass die Stadteilverwaltung in Kadıköy anfangs (2013/2014) die gefundenen Verse noch überstreichen ließ, was dazu führte, dass Aktivisten und Aktivistinnen die Stadtverwaltung nachts antwitterten und ankündigten, gleich loszusziehen, um Wände und Straßen wieder und weiter zu beschriften…“
Achim schickt Aufnahmen zum Gedicht „Einzelverbot“ von Cemal Süreya, das 2013/2014 zu den weitverbreiteten Gedichten gehört habe. Die Übersetzung des Textes lautet: „An dem Tag, an dem die Freiheit kommt / An diesem Tag ist sterben verboten!“

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Im Anfang 2014 restaurierten Cemal-Süreya-Park in Çankaya (Bild: Achim Wagner)

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Eine von mehreren Gedichtplatten in der Cemal-Süreya-Straße in Kadıköy, die die Stadtteilverwaltung dort Anfang 2016 verlegen ließ (Bild: Achim Wagner)

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In Dikmen (Ankara), früher Herbst 2013 (Bild: Achim Wagner)

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Allgemein
– Bei der #şiirsokakta-Bewegung und der lateinamerikanischen Acción Poética lassen sich einige Parallelen entdecken, die sie deutlich von kerneuropäischer Lyrik im öffentlichen Raum unterscheiden. Zu nennen wäre, neben der Bereitschaft zum Zusammenschluss unter einem Label bzw. Hashtag, zunächst der halblegale bis illegale/wilde Charakter der poetischen Erweiterung/Gewichtung von Mauern, Zäunen, Straßen, der das Recht auf Schönheit und Gedankenfreiheit mit einer Selbstverständlichkeit transportiert, die vorrangig im Jenseits von Saturiertheit und Nachbarschaftsklagen zu gedeihen scheint. Desweiteren der ästhetisch eher spielerische Umgang mit dem öffentlichen Raum, der nicht nur ungezwungener, sondern zugleich auch organischer, bisweilen geradezu zwangsläufig wirkt, während hiesigen Anbringungen bisher meist etwas offiziöses, museales, juriertes („Bronzetafel“) beigegeben ist. Der Bewegungscharakter mit mehr oder minder organisierten lokalen, regionalen, nationalen Gruppierungen, solidarisch geachteten Übereinkünften und hohen Followerzahlen in den sozialen Netzwerken sensibilisiert permanent und mit weitem Radius für Gedichte. Schließlich das politische Moment, das weniger bis gar nicht im Text selbst, sondern aufgrund seiner wilden Anbringung, seiner überraschenden Präsenz und Wechselwirkung mit gesellschaftlichen und politischen Umständen zum Ausdruck gelangt.
Mexikaner und Niederländer forcieren Poesie im öffentlichen Raum mit der für mich bisher deutlichsten Sichtbarkeit – aus teils sehr unterschiedlichen Beweggründen.

 

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Straatpoëzie

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„dat rond / deel deel / dat rond“: Lucebert-Gedicht „uiterst klein rond deel“ in Venlo

In den Niederlanden und in Belgien gehören Gedichte im öffentlichen Raum zum Straßenbild. Das ist mir in mehreren Städten beider Länder angenehm aufgefallen und wo sich Gelegenheit ergab, habe ich solche Orte poetischer Alltagserweiterung fotografiert: in Rotterdam, Leiden, Nijmegen, Arnhem, Venlo, Brüssel und Ostende. Die Gedichte finden sich auf Hauswänden (muurgedichten), ins Trottoir eingelassen, auf Fensterglas, Plakaten, Schildern, an Hafenbecken und eigens eingerichteten Objekten appliziert. Manche sind versteckt, andere zieren stark frequentierte Orte wie Bahnhöfe oder Fußgängerzonen.

Vor geraumer Zeit stieß ich in der Facebook-Timeline von Lucas Hüsgen, der einige meiner Gedichte ins Niederländische übersetzt hat, auf eine Website, deren Anspruch es ist, lyrische Interventionen im öffentlichen Raum der Niederlande und Belgiens mit genauen Adressen zu dokumentieren. Soweit ich verstehe, kann dabei jeder mitmachen. Wer die Website von Straatpoëzie aufruft, bekommt eine Landkarte präsentiert, in der annähernd 2000 solcher Textstätten markiert und teilweise mit Fotos, Wortlaut und Informationen zum jeweiligen Gedicht versehen sind. Die Website bestätigt die naheliegende Vermutung, dass die meisten Straßengedichte mithilfe institutioneller Unterstützung ihren Weg in die Öffentlichkeit fanden.

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Rote Ziegel, zitternde Hände: Louis Paul Boon auf nächtlicher Suche in Versen nach dem in die Jahre gekommenen Mariechen von Nimwegen

Die Straßengedichte können sowohl von historischen, als auch von zeitgenössischen, sowohl von nationalen, als auch von internationalen Verfassern stammen. Beim wilden Klicken stieß ich ebenso rasch wie zufällig auf Gedichte geschätzter Kollegen, mit denen mich gemeinsame Auftritte verbinden: Charles Ducal aus Belgien, sowie Diana Ozon und Ester Naomi Perquin aus den Niederlanden.

Von manchen der registrierten Gedichte wie etwa einer von Schuhsohlen und Gezeiten abgenutzten Ode von Fernando Pessoa auf der Promenade von Ostende habe ich Fotos, die auf der Website noch fehlen. Auch besitze ich Aufnahmen von Versen, welche die Website bisher nicht kennt: Lyrik im öffentlichen Raum ist, obgleich sie bis heute ihr klassisches In-Stein-Gemeißeltsein fortführt, auch ein bewegliches Gut, dessen Potential noch lange nicht ausgeschöpft ist.

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Zu Risiken bei der Detailisolierung: Spruchgedicht von Ton Luijten in Arnheim

Generell scheinen Belgier und Niederländer poetischere Nachbarn. Mehrere Städte bestallen sogenannte Stadsdichter, deren Aufgabe unter anderem darin besteht, lyrisch in den öffentlichen Raum einzuwirken bzw. die Bürger für Dichtkunst zu sensibilisieren. Die Ergebnisse poetischer Interventionen im öffentlichen Raum beider Länder jedenfalls können sich selbst in brutalistischen Fällen sehen lassen: das kürzlich hier vorgestellte und weltweit ausgelegte Motto „Sin poesía no hay ciudad“ der mexikanischen Acción Poética wirkt in den Niederlanden und Belgien bereits gut verstanden und angekommen.

Ohne Poesie gibt es keine Stadt

Die Acción Poética ist ein literarisches und künstlerisches Fänomen mit Ursprung in Mexiko. In beinahe allen mexikanischen Städten und Dörfern, die ich besuchte, fand ich Interventionen, die das Label nutzten.(1) Dabei handelt es sich um meist in Großbuchstaben angepinselte Gedicht- oder Liedfragmente auf Flächen des öffentlichen Raums, häufig von anonymer Hand und stets mit Acción Poética, gelegentlich auch zusätzlich mit einer Lokalkennung signiert. Die Interventionen besitzen eine gewisse, leicht erkennbare Einheitlichkeit. Angestrebt sind schwarze Lettern auf weißem Grund, um an die Buchherkunft der Verse zu erinnern, und eine Ästhetik guter Leserlichkeit. Religiöse und politische Themen werden zugunsten eines eher romantischen Tonfalls vermieden, die Texte gehen in der Regel nicht über zehn Wörter bzw. fünf Zeilen hinaus. Die malerische Ästhetik der Lettern ist eine eigene Betrachtung wert. Letztlich entwickelt die Bewegung auf den Straßen eine spezielle Anthologieform zerstreuender Versbotschaften, ein poetisches Subraumnetz voller Tages- und Nachtmantras für Passanten.

Mondgebadete Straßen: Zeile aus dem Lied „Luna de Xelajú“ von Paco Pérez. Quetzaltenango, meist kurz Xela genannt, gilt als Stadt des Mondes.


Begründet wurde die Acción Poética im Jahr 1996 vom mexikanischen Dichter Armando Alanís Pulido in Monterrey, als er eigene Texte in der Stadt anpinselte. Seine Aktionen brachten ihm den Beinamen El bardo de las bardas (Der Zaunbarde) ein. Von ihm stammt auch eines der bekanntesten Textmotive: „Sin poesía no hay ciudad“ (Ohne Poesie gibt es keine Stadt). Die Idee verbreitete sich, zunächst in Mexiko, heute gibt es in allen lateinamerikanischen Ländern Ableger der Bewegung, die eine weltweite Reichweite seit Bestehen der sozialen Netzwerke entwickelt hat: die verschiedenen Facebookseiten werden millionenfach abonniert. Insbesondere die neueren grafischen Oberflächen bei Facebook erlauben eine Fortsetzung des Formats ins Elektronische. Zahlreiche selbst organisierte Gruppen sorgen für die Verbreitung von Idee und Texten.
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Der Tod ist die Kaution für dieses Gefängnis aus Fleisch und Blut: Schulwand in Puerto Àngel


In ihrer oft harmlosen, bisweilen aber auch tiefgreifenden Aforistik, sowie in ihrer äußeren Form erinnern die verwendeten Verse und Fragmente an hiesige Spruchpostkarten. An Wänden des öffentlichen Raums angebracht, können sie sich unmittelbar auf ihre Umgebung beziehen, was den ausgewählten Texten eine zusätzliche Dimension zu verleihen vermag, so etwa der kopfüber an einer Parkmauer angebrachte Vers „El cielo a tus pies“ (Der Himmel zu deinen Füßen). Selten sah ich Acción Poética-Texte an exponierten Stellen, häufiger an Schulen und in eher vernachlässigten, nicht-touristischen Ecken. Anders als bei der türkischen #şiirsokakta-Bewegung spielt das Subversionsmoment bei der Acción Poética keine beherrschende Rolle. Im Vordergrund steht die Konfrontation des Publikums mit Literatur. Teils werden Texte illegal angepinselt, häufig jedoch auf Einladung. So brachte im Jahr 2015 eine offizielle Kampagne der Stadtregierung Acción Poética-Tüpfel an unzählige Orte entlang der Metro von Mexiko-Stadt.

(1) Auch in Guatemala, wo ich erstmals auf das Fänomen stieß, ließen sich mehrere Acción Poética-Versgemälde entdecken.

Puerto Àngel: Den Himmel meistern

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Irre erschließen die Wege, die später von Weisen beschritten werden: verblassende Zeilen nach Carlo Dossi an einer Fleischerei in Puerto Àngel

Der deutsche Wikipedia-Eintrag zu Arthur Cravan behauptet, der Boxerpoet sei zuletzt im November 1918 in Puerto Àngel (1) gesehen worden. Die Literatur bietet Anzeichen, dass Cravan sich tatsächlich für eine Weile in dem kleinen Fischerdorf (oder in dessen Nähe) an der Küste von Oaxaca aufgehalten haben könnte. In Puerto Àngel ist davon allerdings nichts in Erfahrung zu bringen. Zwei eher versteckte Murals unter dem Label der Acción Poética zitieren Verse des mexikanischen Rap-Literaten Danger Alto Kalibre und des italienischen Schriftstellers Carlo Dossi, eines Zeitgenossen Cravans. Keiner meiner Gesprächspartner kennt auch nur Cravans Namen. Durchaus möglich, dass Cravan unter einem weiteren Pseudonym in der Gegend unterwegs war, und keine Spuren hinterlassen wollte, denn er befand sich auf der Flucht.

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Während des Aufklarens entstehen Kolibri-Landschaften

Der Regen prasselt so laut aufs Terrassendach, dass ich meine eigenen Gedanken nicht mehr hören kann. Unterm Tisch schläft Thunfisch, der Hund meiner Gastgeber, der Knecht Ruprecht, dem Hund der Simpsons, in Aussehen und Verhalten bis aufs Haar gleicht. In Oaxaca kämen nach den ersten Starkregen der Saison zwischen drei und vier Uhr morgens die Chicatanas (geflügelte Blattschneider) hervor, die überaus schmackhafte Mahlzeiten abgeben sollen (2). Auf dem Arbeitstisch schillert eine Flasche Mezcal, über den nicht mehr zu erfahren ist, als dass „die Frauen aus den Bergen“ ihn produzierten, die alle paar Wochen oder Monate an die Küste herab kämen, um frisch destillierte Margen zu verkaufen. Der Regen ist der weltschnellste Drumcomputer. Mit überbordendem, in Worten unmöglich wiederzugebenden Getrommel rasiert er die Stromversorgung. Frösche und Unken nutzen die Strompausen, um lautstark Generatorengeräusche nachzuahmen. Am nächsten Morgen ist das ausgetrocknete Flussbett (der Fluss in Puerto Àngel trägt keinen Namen) zur Hälfte gefüllt: der Oberlauf am Hang östlich der Brücke so trocken wie zuvor, besteht der flache Unterlauf bis zur Mündung ins Meer aus reißenden schlammigen Fluten.

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Trügerisches Fischeridyll

In der Bucht werden Fische schubkarrengerecht geschlachtet, dh so, dass sie der Länge nach mit den Enden der Schubkarre abschließen und ihr Metallgrau in die unbestimmten Tiefen der Schubkarren übergeht. Haien werden umstandslos die Gebisse herausgehauen und die Rückenflossen abgetrennt. Erlegte Goldmakrelen transportieren die Traurigkeit des Mondes in die Mittagshitze. Der Fächerfisch darf sein Schwert nicht, dafür seinen Fächer behalten, Fächerfischmittelteile setzen bei jeder kleinen Brise Segel auf den Schubkarren. Viele Fischer sind breit bis an die Stirnunterkante, manche rennen halbnackt mit Schubkarren voller zerstoßenem Eis über die Straße und stolpern dabei in Schlaglöcher, wodurch antarktische Miniaturlandschaften sich über den Asfalt verteilen. Das Speiseeis heißt in Mexiko nicht nur Eis (helado), sondern auch, viel poetischer, Schnee (nieves).

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Und ewig äugt die Goldmakrele

„Die Mangos kosten 18 Pesos das Kilo, musst du abwiegen, mi vida, wer weiß wie viele du davon willst, die sind reif, die sind gut, mi vida, das da sind Pepinos, mi vida, wie Gurken, nur gelb, süß, das sind Früchte, kein Gemüse, gelbe Gurken, Süßgurken, mi vida“, sagt die Obstverkäuferin beim Obstverkaufen über das Obstverkäuferinnenleben bzw das Obst, denn mich wird sie ja wohl hoffentlich kaum mit „mi vida“ gemeint haben.

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Aus den künstlichen Farbstoffen Gelb 6, Gelb 5 und Rot 40 setzt sich die intensivste Glut pazifischer Sonnenuntergänge zusammen, eine Farbe wie sie sonst nur die Peñafiel-Mandarinenlimo aufweist.

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Mural im benachbarten Zipolite: „Vorsicht! Was du heute denkst, wird morgen wahr sein“

Unweit des Oxxo-Ladens sitzt an der Straße ein Mann mit verdreckter Jeans und löchrigem T-Shirt. Hinter ihm gähnt, gelb gestrichen, ein zur Straße offener Raum. Bis auf einen grünen Plastikhocker und eine brettgestützte Baumwurzel mit Haigebiss (zusammen ergeben sie die Skulptur: „Der Hai“) steht der Raum leer. Ob er mir sagen könne, wo im Dorf die Busse losführen? „Brauchst du ein Ticket, ich kann dir eins verkaufen“, antwortet der Mann. „Hier?“ Ich deute auf den bis auf die Hai-Skulptur leeren Raum. „Nein“, sagt der Mann und öffnet die Tür zu einem überaus düsteren Büro voller undefinierbarem Gerümpel direkt nebenan. „Brauchst nicht reinkommen“, sagt er, als er mein Misstrauen gegenüber diesem Raum wahrnimmt, „ich komm raus, hab alles hier in der Schachtel.“ Aus einer kleinen Box, ehemals eine Zigarrenschachtel, zieht er Busfahrplan, Quittungsblock und Stift. „Und das Ticket?“ „Ticket gibt’s nicht, komm einfach morgen vorbei, ich kenn‘ dich ja jetzt. Kannst gleich zahlen oder morgen, egal. Sei vor der Zeit da, der Bus fährt früher los, wenn der Fahrer Lust hat.“ „Hast du den Hai gemacht?“ „Den hab ich gemacht. Ist heiß hier, nicht viel los.“ „Machst du noch einen?“ „Mal sehen. Haigebisse gibt’s hier mehr als genug. Warum nicht? Eines Tages. Vielleicht.“

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Über den Strand rasen Schatten von Flugsauriern. Walt Whitman beschrieb sie in seiner Ode To the Man-of-War-Bird: „Thou born to match the gale, (thou art all wings,) / To cope with heaven and earth and sea and hurricane“. Außerhalb des Dorfes liegt ein kleines Palmenhütteninstitut, das eine mehrtägige Ausbildung zum Fregattvogel anbietet. Seit der letzte Hurrikan in Richtung Norden abgebogen ist, finden neben Theorie- auch wieder Flugstunden statt.

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kleine haie

Kleine Haie

Byron kennengelernt. Byron redet unentwegt (das Reden gehöre zu seinem Business). Als er von meinen Gründen für den Küstenbesuch erfährt, meint er, mir könne er erzählen, wovon er im Dorf besser schweige. Sein Vater nämlich habe den kompletten Lord Byron gelesen und geliebt und ihn entsprechend Byron getauft. Aus Neugier nach seiner Namensherkunft habe er in der Gesamtausgabe zu lesen begonnen und schätze Byrons Werk, soweit, ebenfalls. Seither frage er sich, ob die Kraft der Metafern die Naturgesetze übersteige. Im Dorf sei damit jedoch Vorsicht geboten. Man würde ihn für verrückt erklären und ausgrenzen, falls er sich oute, auf dunkle Verse eines toten englischen Dichters zu stehen. Nun dürfte es in diesem ein wenig dreckigen, zugleich malerischen Fischerdorf, so klein es auch ist, noch mindestens einen weiteren heimlichen Poesieliebhaber geben, wie mit Versen bepinselte Wände nahelegen. Dass diese von anonymer Hand angebracht wurden, bekräftigt der Rektor, an dessen winziger Schule sich eines der Graffiti befindet: obwohl im Dorf jeder jeden kenne, habe er keinerlei Ahnung, wer der Urheber sei.

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Es ist ein viel lyrischeres Dorf, als die Bewohner sich selbst gegenüber eingestehen. Im Gespräch will einer der Restaurantbesitzer an der Playa del Panteón (Friedhofsstrand) wissen, ob es spanische Übertragungen meiner Texte gäbe. Als ich ihm mexikanische Veröffentlichungen (3) nenne, erinnert er sich tatsächlich: „Du bist also der Typ mit den Blick in den Himmel-Gedichten!“ Die hätten ihm gefallen, schließlich sei er täglich mit reichlich nutzlosem Himmel konfrontiert. Um den heutigen Himmel zu feiern und zu meistern, holt er mehrere Flaschen Mezcal „von den Frauen aus den Bergen“ aus seinem Kabuff. Wann die denn wieder kämen, möchte ich wissen. Für morgen seien sie versprochen: „Aber manchmal bleiben sie dabei unsichtbar.“

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Was darf’s sonst noch sein?

(1) Stand: 25. März 2017. Die Behauptung bleibt ohne Quellenangabe. Der deutsche Artikel weicht damit ab von den englischen, französischen, italienischen, niederländischen und türkischen Versionen (Stand: November 2017), welche die letzte Sichtung in Salina Cruz lokalisieren. Diese teils mit Quellen versehenen Angaben beinhalten wiederum voneinander abweichende Behauptungen. Der spanische Eintrag verortet Cravans Verschwinden nach André Breton „irgendwo im Golf von Mexiko“, also auf der karibischen, anstatt auf der pazifischen Seite.
(2) Nach langwieriger Suche gelang es später, ein Gläschen mit Olivenöl und Chili angemachter Salsa de Chicatana (Blattschneidersoße) aufzutreiben. Chicatanas werden in Mexiko mit Gold aufgewogen. Wer probieren möchte, mag sich gerne melden.
(3) In La Jornada und punto de partida (einer bekannten Studentenzeitschrift aus der Hauptstadt, die, wie ich nun weiß, auch von Restaurantbesitzern in der Provinz gelesen wird). In Übertragungen von Daniel Bencomo und Gonzalo Vélez (jeweils im Jahr 2011, als Deutschland Gastland auf der Internationalen Buchmesse von Guadalajara war).

Quetzaltenango

Quetzaltenango (Ort des Quetzals (1), den es in der Region längst nicht mehr gibt), meist Xela (sprich: Schela) genannt, nach ihrem alten Mayanamen Xelajú, gilt nach der Hauptstadt als zweitgrößte Stadt Guatemalas. Auf den Sedimenten eines ehemaligen Bergsees in rund 2400 Metern Höhe gelegen, leben, von grünen Gipfeln umgeben, über 100.000 Menschen – die größten Bevölkerungsgruppen bilden Ladinos und Quiché-Maya.

Umgespritzte us-amerikanische Schulbusse, chicken buses, sind die Haupttransportmittel in Guatemala. Die privaten Betreiber sehen sich mit Schutzgelderpressungen diverser Banden konfrontiert. (2) Der Name chicken bus rührt einerseits daher, daß die Passagiere bisweilen wie Hühner auf der Stange sich zusammendrängen müssen, Stehplätze eingeschlossen, andererseits daher, daß tatsächlich Hühner zum Transportgut gehören. Gepäck wird in der Regel auf dem Dach festgezurrt.

Mondgebadete Straßen: Mural der lokalen Acción Poética. Xela gilt, jeweils zurecht, als Stadt des Mondes und der Schokolade. Im Café Luna, das zugleich als Museum für Stadtgeschichte dient, wird eine unvergleichliche Trinkschokolade serviert. Der Mond selbst blieb während meines Aufenthalts hinter den Gewitterwolken der Regenzeit verborgen – mir liegen jedoch Erzählungen, Lieder und Beweisfotos für seine in Quetzaltenango außergewöhnliche Schönheit vor.

Obgleich durch eine Mauer getrennt, scheinen in Xela die Städte der Lebenden und der Toten nahtlos ineinander überzugehen. Der Friedhof als zentraler Ort bietet einige der schönsten Blickwinkel der Stadt. Zwei schlanke Pyramiden-Grabmäler übertreffen in Größe und Design die Pyramide auf dem Karlsruher Marktplatz, das Wahrzeichen meiner Heimatstadt. Auf die liegende Marmorskulptur von Vanushka Cardenas Barajas sind Botschaften mit Textmarker gekritzelt. Das Zigeunermädchen soll aus Verzweiflung über ihre unmögliche, nicht standesgemäße Liebe gestorben sein und seit Jahrzehnten gegen Blumengaben verlorene Liebschaften zurückbringen. (3)

Zu dröhnender Elektrocumbia aus dem CD-Player preßt die junge Dame an Vormittagen Obst- und Gemüsesäfte im Akkord. Zu jedem Getränk wird ein Bonbon serviert, wer möchte, kann sich rohe Hühner- oder Wachteleier in den Orangensaft schlagen lassen. Vor dem Stand sind einige Plastikhocker aufgereiht, das bunt gemischte Publikum stammt aus dem Viertel, man kennt sich. Ein kommunikativer Ort. Als ich mich auf Nachfrage als Schriftsteller oute, ernte ich skeptische Blicke und lenke das Thema schnell auf Fußball. Wenige Tage zuvor waren zwei die Stadt besuchende Journalisten von Straßenhändlern ihres Equipments beraubt und verprügelt worden.

(1) Der Quetzal, ein sehr seltener farbenprächtiger Vogel, ist das Nationaltier Guatemalas. Darstellungen finden sich allenthalben, auf Fotopostern, Wandgemälden, sogar die Währung trägt seinen Namen. Weil er in Gefangenschaft eingeht, gilt er als Freiheitssymbol.
(2) Häufig ist in den Landesnachrichten von erschossenen Fahrern zu lesen, bisweilen treffen die Kugeln auch Passagiere. Gründe für die Morde an Busfahrern sparen sich die Blätter. Sie sind allgemein bekannt.
(3) Ihre Geschichte wurde zur Schnulze.