MINI WELT bei Livres

An der Lyrischen Litfaßsäule, dem Gedichtbänden vorbehaltenen Part von Livres, dem Büchermagazin des luxemburgischen Tageblatts, bespricht Guy Helminger für die Sommerausgabe meinen jüngsten Auswahlband MINI WELT:

„Wussten Sie, dass das Meer der Feind der Dichtung ist, dass Möwen Pendlerinnen sind zwischen unseren Wünschen und Müllhalden? Wenn nicht, sollten Sie Stan Lafleur lesen, der seit langem zu den Großen der deutschsprachigen Lyrikszene zählt. Der Band MINI WELT (…) gewährt einen kleinen Einblick in Lafleurs momentanes Schaffen, sind die Gedichte doch unterschiedlichen unveröffentlichten Manuskripten entnommen. Während das Kapitel „Möwen von Jetzt“ Texte präsentiert, die alle zusammengehören, entlang einer feinen, bildlich ausgefeilten Linie operieren, und dabei über den vergehenden Moment in die Ewigkeit von Zeit verweisen, Erdgebundenheit hinter sich lassend bei der Erkundung des Alls, positioniert sich der Abschnitt „Wahrscheinlich schon in Bickendorf“ nicht nur in Lafleurs Wahlheimat Köln, sondern in der Spoken-Word-Akustik. Auch hier kennt der Dichter sich aus, gibt dem Deskriptiven den Vortritt, paart die Bilder mit Binnenreim und sich angleichenden Sounds. Beides hat Witz und ist von einem einnehmenden ästhetischen Gestaltungsprinzip durchzogen. Gutes Buch. (…)“

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Lesezeichen 02/2017

Soeben erschienen ist das neue Lesezeichen, die vierteljährliche Zusammenstellung mit Highlights aus der deutschsprachigen Netzliteratur bei litblogs.net, einem Portal, das derzeit gut 20 AutorInnen, KünstlerInnen und Gruppen assoziiert und präsentiert. Themen sind u.a.:

Schreibmaschinen und Senflichter, Hofmannsthals Spasmen, die Heebie Jeebies, tonnenschwere Jachten, kryptolyrische Eheversprechen, Joachim Fest gegen Ernst Bloch, Tim Renner und Chris Dercon, Gewinncodes, Rohrgedommel, eine Bergspiegelung im See, ein Großes Grünes Heupferd und die Köln-Bonner Stadtbahntrasse, Mallarmé und Käte Hamburger … uvm.

rheinseins Beitrag besteht diesmal aus dem inzwischen zehnten Bild-Text-Eintrag der nach hinten offenen Serie Auf den Spuren Willy Brandts, der Beschreibung einer hochsommerlichen Wanderung entlang der Willy-Brandt-Straße in Wesseling.

Weitere AutorInnen des aktuellen Lesezeichens sind Marianne Büttiker, Der goldene Fisch, Andreas Glumm, Jan Kuhlbrodt, Jörg Meyer, Carl Nymphenbad, J. S. Piveckova, Rittiner & Gomez, Norbert W. Schlinkert, Andreas Louis Seyerlein, Christian de Simoni, Lisa Spalt und Chris Zintzen.

Tour de France-Gedicht

Das Gedicht tour de france: finistère ist in keinem meiner Bände enthalten. Veröffentlicht wurde es erstmals 2005 in der ersten und vergriffenen Ausgabe der [SIC] Zeitschrift für Literatur, sowie später im Poetenladen, auf dessen Seiten es weiterhin nachlesbar ist.
Eine Live-Version, eingesprochen vor einer Woche im Düsseldorfer Haus der Universität, steht ab sofort auf SoundCloud zur Verfügung.

STILL

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Durch einen verirrten Oktoberregen laufe ich zur Post und hole die Sendungen ab, die der Briefträger nicht abzuliefern gewillt ist. Darunter die neue, fünfte Ausgabe der auf den ersten Blick vermittels leichtem Überformat auffälligen Berlin-New Yorker Zeitschrift STILL.

„STILL is an independent magazine featuring inventive writing and photography,“ heißt es in der Selbstbeschreibung, „the artists published by the magazine challenge creative conventions in form or content and include an eclectic range of creators working in fiction, nonfiction, poetry, essays, translations, and fine art photography.“

Die wechselnden Text- und Bildsektionen der aktuellen Ausgabe erzeugen eine Komposition mit globalistischer Anmutung. Ein Teil der Texte findet sich aus dem Deutschen ins Englische übertragen oder umgekehrt. Zu entdecken sind neben einem Loreley-Text von Friederike Mayröcker, dem schönen Backcover-Gedicht von Sirka Elspaß, das direkt zweisprachig verfaßt wurde oder dem fotografischen Tagebuch von Lotte Reimann unter anderem auch zwei meiner guatemaltekischen Gedichte (englische Versionen: Jake Schneider).

AutorInnen: Ines Berwing, Daniela Danz, Petra Feigl, Forrest Gander, Kenneth Goldsmith, Axel Görlach, Sascha Hargesheimer, Andreas Hutt, Jan Imgrund, Mathias Jeschke, Pablo Katchadijan, Sascha Kokot, Stan Lafleur, Michael Lowenthal, Friederike Mayröcker, Sudabeh Mohafez, Jonas Mölzer, Filip Noterdaeme, Sandra Santana, Mercedes Spannagel, Andreas Thamm, Jordan Valentine Tucker, Uljana Wolf

FotografInnen: Alexander Anufriev, Miia Autio, Diego Ballestrasse, Tobias Faisst, Johannes Heinke, Kani Marouf, Anne-Lena Michel, Lotte Reimann, Daniel Terna

STILL 5 (Berlin Edition), 108 Seiten, 23×31 cm, Klebebindung, Berlin/New York 2017
Auflage: 400, 15 Euro

Ich bin hier, weil das Leben keine Lösung hat

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Mit zwei wahrscheinlich lange vor meiner Geburt verstorbenen Autoren verbinden mich besondere Links. Einer davon ist Arthur Cravan. Seine Spur verlor sich vor 99 Jahren. (1)

Anfang der Neunziger, als ich unter einigem Gewese die Zeitschrift elektropansen vorbereitete, machte mich der Düsseldorfer Szenefotograf Schiko auf Cravan aufmerksam: „So einer wie der damals war, bist heute du.“ Schiko besaß Faksimiles der Zeitschrift Maintenant (2), die Cravan unter verschiedenen Pseudonymen komplett alleine bestritten und von einer Schubkarre bzw. einem Gemüsewägelchen (die Quellenlage dazu schwankt) in Paris auf der Straße verkauft hatte.

Bei so intellektuellen Lesern wie meinen bin ich gezwungen, mich noch einmal zu erklären und zu sagen, dass ich einen Menschen nur dann für intelligent halte, wenn seine Inteligenz mit einem Temperament verbunden ist, da ein wirklich intelligenter Mensch einer Million wirklich intelligenter Menschen ähnelt. Für mich ist ein feiner oder subtiler Mensch fast immer nur ein Idiot.

Sonderlich weit reichten die von Schiko behaupteten Übereinstimmungen zwischen Cravan und mir zwar nicht, dennoch ließ sich die eine oder andere Parallele in Absichten, Auftreten und Lebensweise kaum bestreiten (3) und die Zuweisung, als der neue Cravan des Rheinlands zu gelten (die mangels Bekanntheit des cravan’schen Werks freilich dem befreundeten Fotografen allein vorbehalten blieb), verursachte mir über zwei Jahrzehnte keinerlei Hirnzucken, bis ich dieses Frühjahr eine Einladung in den mexikanischen Süden erhielt, unweit der Stadt, in der Cravan zum letzten Mal lebend gesichtet wurde.

Bis vor einigen Jahren war Salina Cruz zu Recht als ein tödliches Loch gefürchtet; nahezu jeder weiße Mann fand dort binnen eines Jahres den Tod. Die „Altstadt“, eine erbärmliche Ansammlung von Eingeborenenhütten, Palmen und Schilfrohr, lag auf einem engen Flachland-Hals zwischen der See und einer übel riechenden Lagune, umgeben von dichtem Gestrüpp, ein vom Fieber geplagter Ort. Ein gewisses Problem bereitete die Wasserversorgung, das einzig erreichbare Rinnsal, das – und nur mit Unterbrechungen – am Friedhof entlangfloss, der die mit Abstand größte Zahl weißer Männer im Distrikt Oaxaca zusammenbrachte. (4)

Salina Cruz genießt bis heute unter Reisenden zweifelhaften Ruf. Doch treibt mich ein Impuls, dem Verschwinden Cravans vor Ort nachzugehen: warum sonst hätte mir das Schicksal eine Einladung in diesen entlegenen Winkel verschaffen sollen.

So zählte nun König der verkrachten Existenzen zur vorbereitenden Lektüre, weil der in meiner Erinnerung bis auf den Titel identische Vorgängerband Der Boxerpoet oder Die Seele im zwanzigsten Jahrhundert auf meinen Wegen durch Mauenheim und die Weltgeschichte verschütt gegangen sein muss.

Übersetzungen aus den fünf zwischen 1912 und 1915 erschienenen Maintenant-Ausgaben bilden den ersten Teil der schmalen Werkausgabe, dem dritten Anlauf der Edition Nautilus, Schaffen und Leben des häufig als „Dada-Vorläufer“ und „Boxerpoet“ bezeichneten Bohemiens für das deutschsprachige Publikum bereitzustellen. Transportieren die Maintenant-Texte großteils launig-provokative Geschwätzigkeit von mäßigem Interesse, gelangen Cravan mit seiner kleinen Zeitschrift dennoch zwei geniale Coups.

Erst später nahm ich wahr, dass mein Gast ununterbrochen lachte, und zwar nicht mit der nervösen Verkrampfung der Europäer, sondern im Absoluten. (…)
Ich begann also, ihn genau zu betrachten. Ich sah mir zuerst den Kopf an, der dunkelhäutig und fast kahl war und tiefe Falten hatte. Dabei herrschte in mir der Gedanke vor, dass Wilde eher musikalisch als plastisch aussah, ohne dass ich daran dachte, dieser Definition einen sehr genauen Sinn zu geben, tatsächlich eher musikalisch als plastisch. Ich blickte ihn vor allem in seiner gesamten Erscheinung an. Er war schön. In seinem Sessel sah er wie ein Elefant aus: Der Arsch drückte die Polster des Sessels platt, in denen er beengt saß, gegenüber den stämmigen Armen und Beinen versuchte ich mir die göttlichen Gefühle vorzustellen, die in solchen Gliedern wohnten. Ich betrachtete die Größe seiner Schuhe, der Fuß relativ klein, etwas flach, was seinem Besitzer den träumerischen und rhythmischen Gang eines Dickhäuters geben und, so gebaut, aus ihm auf geheimnisvolle Weise einen Dichter machen sollte. Ich betete ihn an, weil er einem großen Tier ähnelte; ich stellte mir vor, wie er simpel wie ein Nilpferd schiss; und dieses Bild entzückte mich wegen seiner Unschuld und Triftigkeit; (…) und (…) stellte (…) ihn mir poetisch vor, wie er in dem verrückten grünen Afrika bei der Musik der Fliegen Berge von Exkrementen von sich gab.

Der so („ich glaube schon, dass ich tot war“) beschriebene Oscar Wilde war tatsächlich Cravans leiblicher Onkel und als solcher bereits ein gutes Jahrzehnt unter der Erde, als der Neffe in Maintenant No. 3 verkündete: „Oscar Wilde est vivant!“ Die sensationelle Falschnachricht verbreitete sich in seriös eingestellten Blättern rund um den Globus und mehrte den Ruf von Zeitschrift und Autor.

Der zweite Coup bestand in vernichtenden und beleidigenden Kritiken der Künstler seines engeren Umfelds zur „Ausstellung der unabhängigen Maler“ in Maintenant No. 4. Cravan kämpfte mit offenem Visier: „Ich schreibe, um meine Kollegen zu ärgern; damit man von mir spricht, und um zu versuchen, mir einen Namen zu machen. Mit einem Namen hat man Erfolg bei den Frauen und im Geschäft.“ Zwei Jahrzehnte nach Alfred Jarrys Stück Ubu roi, das mit dem Ausruf „Merdre!“ eröffnete, hatte obszöne Sprache die Hürden der französischen Literatur längst überklommen.

Wer im Ernst eine einzige Zeile über Malerei schreibt, ist ein … Sie wissen schon. (…) Delaunay, der das Maul eines hitzigen Schweins oder Herrenhauskutschers hat, konnte mit einer solchen Fresse den Ehrgeiz besitzen, wie ein Rohling zu malen. Das Äußere war vielversprechend, das Innere war nur wenig wert. Wahrscheinlich übertreibe ich, wenn ich sage, dass Delaunays phänomenales Aussehen etwas Bewundernswertes hatte. Körperlich ist er nur weicher Käse: Robert läuft mühsam und wirft nur mit Mühe einen Stein dreißig Meter weit. (…) Sein Unglück ist es aber (…), dass er eine Russin, o Jungfrau Maria!, eine Russin geheiratet hat, aber eine Russin, die er nicht zu betrügen wagt. Ich für meinen Teil würde lieber mit einem Philosophieprofessor im Collège de France schlechten Umgang haben – zum Beispiel mit Herrn Bergson – als mit den meisten russischen Frauen schlafen. Ich will nicht behaupten, dass ich es nicht einmal mit Frau Delaunay treiben werde, da ich, wie die große Mehrheit der Männer, ein geborener Sammler bin und folglich ein grausames Wohlgefallen dabei empfinden würde, eine Volksschullehrerin zu misshandeln, umso mehr als ich in dem Moment, in dem ich sie durchbohre, den Eindruck hätte, ein Brillenglas zu zerschlagen.

Cravans Provokationen zwischen maskuliner Archaik und purem Nonsense bewirkten den erhofften Skandal. Die unabhängigen Maler passten den Verleger-Autor-Handverkäufer auf der Straße ab, um ihn für seine Anwürfe zu verprügeln. Apollinaire forderte Cravan zum Duell, eine riskante Nummer, aus der sich beide rechtzeitig herauszuwinden wussten, bevor es ans gegenseitige Ermorden gegangen wäre. Cravans Ruhm wuchs. Expressive Performances trugen dazu bei. Bei seiner ersten Lesung forderte er mit Jagdhörnern und Keulen die Ruhe des Publikums ein und „gab seinem Bedauern Ausdruck, dass die Cholera nicht dreißig Jahre zuvor die großen Dichter dahingerafft habe, das hätte ihnen ein schäbiges Leben erspart“ (5). Vor einer anderen Lesung kündigte er seinen Freitod auf der Bühne mittels Absinth-Verzehr an, trat einzig mit einer Metzgerschürze bzw. einem Suspensorium (die Quellenlage schwankt) bekleidet an, betrank sich, vermied jedoch den finalen Abgang und behielt die Tageskasse.

Neben den Maintenant-Texten bietet der Werkband ein sehr kurzes Fragment (betitelt Elefantenmattigkeit) als einzigen zusätzlichen literarischen Text, eine schöne Reihe historischer Fotos und Abbildungen, vehemente Briefe an Familie, Förderer und Frauen sowie im Nachwort ein Portrait, das maßgeblich für den Cravan-Anekdotenschatz im deutschsprachigen Raum verantwortlich sein dürfte, der in anderen Sprachräumen teilweise abweicht.

Arthur Cravan – König der verkrachten Existenzen (aus dem Französischen von Pierre Gallissaires und Hanna Mittelstädt, mit einem Vorwort von André Breton und einem Nachwort von Bastiaan van der Velden, Edition Nautilus, Hamburg 2015
Hardcover, 192 Seiten, 22 Euro

(1) Cravan soll laut seiner Ehefrau Mina Loy nahe der mexikanischen Hafenstadt Salina Cruz über den Horizont gesegelt und nie wieder gesehen worden sein. Versionen über sein Verschwinden bzw. seinen Tod bzw. sein Fortleben (z.B. als B. Traven) existieren im Dutzend. Von den mexikanischen Behörden wurde Cravan 1920 offiziell für tot erklärt.
(2) Die Maintenant-Ausgaben Nr. 3 und 4 sind im Netz als Einzelseiten-Scans des Originals verfügbar.
(3) Zum Beispiel erreichten wir in Sachen Sport beide Weltniveau: Cravan wurde kampflos französischer Boxmeister im Schwergewicht (oder Halbschwergewicht, die Quellenlage schwankt) und verlor einen Schaukampf gegen den ebenso illustren Ex-Weltmeister Jack Johnson durch K.o.; ich war in jungen Jahren (und bin es womöglich heute noch) Weltrekordhalter im 1000-mal 400 Meter-Staffellauf, einer selten ausgetragenen Disziplin.
(4) Im Nachwort von Bastiaan van der Velden zitiert nach Hans Friedrich Gadow: Through southern Mexico, London 1908
(5) Im Nachwort von Bastiaan van der Velden zitiert nach dem Periodikum Gil Blas, Paris 1913

fugitive beauty

fugitive beauty
Das neue und soeben erschienene Magazin des amerikanischen Künstlers Lee Baumgarten beschäftigt sich mit den Themen Diaspora, Migration und flüchtige Schönheit. Die internationale Kompilation versammelt Künstler aus neun Nationen. Eine meiner guatemaltekischen Fotoarbeiten plus Begleittext findet sich auf Seite 21.

Das Magazin im elektronischen FlipBook-Format kann wie eine Website abgerufen werden.

Mit Beiträgen von: Ráed Al-Rawi (Irak), Nico Amortegui (Kolumbien), Case Baumgarten (USA), Vlado Franjević (Kroatien/Liechtenstein), Stan Lafleur (Deutschland), Phillip Larrimore (USA), Pedro Lobo (Portugal), Steven Lyons (USA), Kenny Nguyen (Vietnam), Tina Roozbehi (Iran), Hanna Tadrous Girgis (Ägypten) und Denise Torrance (USA).

Versnetze_zehn

versnetze_zehn
„Die „Versnetze“ sind auch ein Seismograph gesellschaftlicher Befindlichkeiten, etwa mit von ostdeutschen Schriftstellern verfassten Gedichten über die Nachwehen der Wiedervereinigung oder Erinnerungen an das Leben in der DDR. Und auch die unheilvolle Vergangenheit des Dritten Reiches mit seinem unmenschlichen Vernichtungsapparat beschäftigt die Autoren nach wie vor. Kein Wunder bei den rechtspopulistischen Entwicklungen in Deutschland und anderen Ländern Europas. In der jüngeren Vergangenheit und Gegenwart wird verstärkt die Situation der Flüchtlinge thematisiert. Zum weiteren inhaltlichen Spektrum gehören unter anderem die schöne neue Technik- und Medienwelt, Heimat ohne Heimattümelei, Natur, Kunst, Musik, Literatur und Zeit.“ (Herausgeber Axel Kutsch im Vorwort)

Am Konzept der Versnetze hat sich in der zehnten Ausgabe nichts geändert: nach Regionen geordnet versammelt die jährlich erscheinende Anthologie ausgewählte Dichterstimmen (hauptsächlich) aus Deutschland. Von mir sind mit Heimat und Feuer zwei Gedichte aus dem in diesem Frühjahr erschienenen Band MINI WELT enthalten.

Versnetze_zehn, Verlag Ralf Liebe, Weilerswist, 340 Seiten, 24 Euro, ISBN: 978-3-944566-71-9

Nachtrag, 05. Juli 2017
Eine erste Rezension der Anthologie ist bei Fixpoetry erschienen. Jonis Hartmann schreibt unter dem Titel #networking: „Tatsächlich erweist sich Kutsch als ein unerschrockener Zusammenbringer/ Vernetzer verschiedenster AutorInnen. Namen, die einem bisher kaum geläufig waren, die wenig publizieren oder in Erscheinung treten, sind „erfasst“. (…) Die Versnetze haben sich in jedem Fall von den meisten anderen Anthologien der letzten Zeit abgesetzt.“

Flüchtiges Fleisch im Arbeitskittel

lütfiye güzel_faible
Seit 2012 hat Lütfiye Güzel sieben Bücher mit Gedichten, Notizen, Kurzgeschichten und Selbstgesprächen vorgelegt, darunter eine Novelle und ein Antiroman. faible? fungiert als Best of-Kompilation aus diesen sieben Titeln. Inhalte und Herstellungsbedingungen des Bandes erinnern an Produkte des Social Beat, eines literarischen Netzwerks in den 90ern, das abseits etablierter Strukturen unzählige Zeitschriften, Lesungen und Verlage organisierte und dessen AutorInnen überwiegend von gesellschaftlichem Schattendasein erzählten.

faible? eröffnet mit einem Supermarkt-Gedicht, in dem das lyrische Ich sich ostentativ vor den Waren und zugleich im Off der Kommerz- und Erfolgswelt mit ihren Anforderungen und Normen positioniert. Ein Auftakt, der sich im Folgenden bestätigt: auf der Flucht vor dem Vielzuviel pendelt ein zweifelserfüllter Ichzustand webschiffchengleich von Text zu Text, schattierte Muster aus grauen Gewissheiten zu wirken.

die hose

wie die hose & das t-shirt
über der stuhllehne hängen
so leblos & fallen gelassen
nutzlos auch
& das buch der antworten
es liegt auf meinen knien
während ich an den fragen arbeite

In Lütfiye Güzels Worten schwingen Staunen, Zweifel, Einsamkeit, Abenteuerlust, Verlust und Randexistenz-Bewußtsein: krakenbeinige Führungslinien, die in trockenen, tödlich nüchternen Beobachtungen verlaufen. Ihre Sprache ist prägnant, trotzig, bisweilen überraschend, aus mittlerer Distanz klingen Orhan Veli und Charles Bukowski an, aus der Nähe viel Marxloher Vorstadtwirklichkeit. Mehrere Gedichte erreichen Hitqualität. Es wäre wunderbar, solche Texte, gegen jede Furcht und Routine, am Samstagabend um 20 Uhr im Ersten ausgestrahlt zu wissen. Sie handeln von Ängsten in einem der wohlhabendsten Länder (von der Angst nicht dazuzugehören genauso wie von der Angst dazuzugehören), von Kleinigkeiten, von der Welt, von Sehnsucht und Fernweh, von der Verlorenheit, vom Nichterreichten, von der Machtlosigkeit der poetischen Fantasie, davon daß nichts passiert, vom Vater (dem Helden, der sein Geld verspielte), von hüzün (der türkischen Version von Tristesse, die auf Deutsch nach Fado klingt), kurzum: vom Gegenteil von Glück und insofern vom Glück, von der Dichtung als Ausweg (der keiner ist), vom Gastarbeiter-Schichtalltag und vom Gurkensortieren, von Duisburg, vom Nichtbleibenwollen und Nichtfortgehenkönnen, von der Verlogenheit der Durchhalteparolen, vom Einrasten des Klischees, von Zimmern (immer wieder von Zimmern), von Reinigung, Familie und entkoppelt dastehenden Gefühlen, von der Übersättigung an Unbefriedigendem, von einem Treffen mit Claude Chabrol, letztlich von der Flucht aus dem Vertrauten ins Vertraute, das zu ertragen eine der edelsten Aufgaben des Menschseins vorstellt.

In Anlehnung an Arte Povera ließe sich bei Lütfiye Güzel von Poesia Povera sprechen, einer Dichtung aus „armen“, sprich gewöhnlichen, alltäglichen Materialien. Der auf diesen Seiten stets geprüfte Möwenfaktor beträgt in faible? übrigens, wie auch der Rheinfaktor, Null. Statt Möwen finden sich Tauben „die man verjagt / weil sie vielleicht / nicht wirklich schön sind“, die an anderer Stelle als „Nazi-Tauben“ auftreten und somit als Symboltiere das gesamte Hassliebespektrum des Bandes auf sich vereinen. Für diesen Herbst ist mit Elle-Rebelle bereits der nächste Güzel-Band angekündigt.

gedicht 6

aus dem nichts
bleibt mir
der zerbrechliche trost
dass vielleicht
je tiefer man
über eine sache
zu reden fähig ist
man sie am
wenigsten
empfindet

Lütfiye Güzel: faible?, go-güzel-publishing, Duisburg 2017, Taschenbuch, 200 Seiten, 12 Euro, ISBN: 978-3-00-054953-3

Das Hungertuch

das hungertuchNachdem mir gestern geträumt hatte, in einer ortslosen lichten Fabrikhalle vor wohlgeordneten leeren Stuhlreihen bei der offiziellen Vergabe der Hauptsächlichen Preise für deutschsprachige Dichtung mit der unbeliebtesten der vier jeweils mit einer geringen krummen Summe Taschengelds dotierten Trofäen, dem Pokal für „Gedichte, die gar nicht erst versuchen Gedichte zu sein“, ausgezeichnet worden zu sein, einer plumpen Statue, die stark an die FIFA World Cup Trophy erinnerte und die schnellstmöglich loszuwerden hervorragend gelang, weil sie beim Abstellen umstandslos in der von Wichtigkeit beladenen Umgebung aufging, freue ich mich über die Ehre eines weiteren, höchst realen Preises für mein literarisches Schaffen: Das Hungertuch. Der Preis wird seit 2001 zweijährlich an zumeist drei Künstler verschiedener Sparten vergeben. Besonders rührt mich, unter den bisherigen Preisträgern zwei Musikhelden meiner Jugend zu finden: Tom Liwa und den Pyrolator. In der Sparte Literatur gehören u.a. A. J. Weigoni, Swantje Lichtenstein und Enno Stahl zu den Vorgängern. Unaussprechliche Freude gebührt der Tatsache, den diesjährigen Preis mit dem bretonischen Künstler Roland Bergère zu teilen, mit dem mich seit zwei Jahrzehnten zahlreiche Kooperationen verbinden. Dritter Preisträger 2017 ist der Komponist Christoph Staude.

„Diese von Ulrich Peters begründete Auszeichnung ist ein Preis, verliehen von Künstlern an Künstler. Er unterstreicht das Ideelle und Nachhaltige der künstlerischen Produktion und ist ein Plädoyer für die künstlerische Unabhängigkeit. (…) „Die Unabhängigkeit der Inhalte schützt am besten, wer sich tatsächlich um die Inhalte kümmert. (…) ‚Das Hungertuch‘ (…) wird an Artisten verliehen, die mit experimentellem Pioniergeist im 21. Jahrhundert neues künstlerisches Terrain aufbrechen. Die Jury verfolgt mit besonderem Interesse künstlerische Ansätze, die sich um die Verschmelzung unterschiedlicher Genres bemühen.““ (Kirsten Adamek, Galerie amschatzhaus)

Der Begriff des Hungertuchs rekurriert auf den mittelalterlichen Kirchenbrauch, in der Fastenzeit den Altar zu verhüllen. Zur körperlichen Buße des Fastens kommt die eines liturgischen Verzichts. Leicht mit dem Hungertuch assoziiert werden können Kafkas Erzählung Ein Hungerkünstler (als ironisch gezeichnete Symbolgestalt des Künstlers schlechthin) oder das Textil als (Welt-)Gewebe, innerhalb dessen und an dem der von spirituellen Antrieben motivierte Künstler wirkt.

Die Preisverleihung findet am 10.06.2017 um 16.30 Uhr in der Galerie amschatzhaus in Neuss-Holzheim mit Lesung und Musik im Rahmen von Roland Bergères Ausstellung Um die Häuser statt. Die Laudationes hält Enno Stahl.

Ausführlichere Informationen zum Hungertuch
– Die vollständige Preisträgerliste
– Vorabbericht zur Preisverleihung in der Rheinischen Post

Nachtrag, 21 Juni 2017
Zu den Literaturpreisen Das Hungertuch und Nahbellpreis schreibt Matthias Hagedorn unter dem Titel Scherz, Satire, Ironie und tiefere Bedeutung in den Kulturnotizen und stellt das Schaffen von Angelika Janz, HEL und mir in eine Reihe: „Diese Autoren haben es nicht nötig, ihre Wahrnehmungen mit der Creme salbender Schönheit zu tunen. Ihre Wahrnehmung ist brennscharf, sie haben ein untrügliches Gefühl für dramatische Zwischenräume, das lyrische Ich reflektiert gesellschaftliche Zustände in der Regel beiläufig, und zumeist heiterer Melancholie oder in bitter klugen Farcen.“

… immer steigend, kommt Ihr auf die Höhen

bergpässe

In der 266. Ausgabe der Zeitschrift die horen beschäftigen sich, herausgegeben von Andreas Erb und Christof Hamann, Kulturwissenschaftler, Essayisten, Lyriker und Prosaisten mit alpinen Verbindungswegen.

„Hochgelegene Regionen verbinden wir heute oftmals mit den Namen herausragender Berge, dem Matterhorn, dem Kilimandscharo, dem Mount Everest. Wurden die Gipfel lange Zeit als Orte des Zwiegesprächs zwischen Göttern und Menschen angesehen, so schufen die Pässe hingegen vielfältige Verbindungen zwischen den Menschen selbst.
Handelswege, Schmugglerwege, Kriegswege, Pilgerwege: Pässe bilden Einbuchtungen in den ansonsten nur schwer zu überquerenden Gebirgsriegeln. Sie sind Orte eines vielfältigen Verkehrs von Menschen, Tieren, Dingen, von Erlaubtem und Verbotenem, auch Möglichkeitsräume, an denen zukünftige Ereignisse zum Greifen nahe scheinen. Pässe stiften daher auch Ideen und Fantasien.“ (Aus dem Verlagsinfo.)

Von mir ist ein Text über die literarisch und filmisch häufig stark verfremdete Via Mala enthalten.

Weitere AutorInnen sind u.a.: Marcel Beyer, Iso Camartin, Oswald Egger, Péter Farkas, Joachim Geil, Franziska Gerstenberg, Guy Helminger, Silvio Huonder, Birgit Kempker, Birgit Kreipe, Tim Krohn, Volker Kutscher, Klaus Merz, Klaus Modick, Karl-Heinz Ott, Angelika Overath, Annette Pehnt, Marion Poschmann, Norbert Scheuer, Sabine Scho, Tom Schulz, Ulf Stolterfoth, Antje Rávic Strubel, Alain Claude Sulzer, Leo Tuor, Theresia Walser, Peter Wawerzinek und Miek Zwamborn.

… immer steigend, kommt Ihr auf die Höhen. Bergübergänge, herausgegeben von Andreas Erb und Christof Hamann in der Reihe: die horen. Zeitschrift für Literatur, Kunst und Kritik; Band 266, 62. Jahrgang, Wallstein Verlag, Göttingen 2017
240 Seiten, zum Teil farbige Abbildungen, Broschur, 14 Euro, ISBN: 978-3-8353-3038-2

Nachtrag, 26.07.2017
„Die gesammelten Grenzerfahrungen zeugen schon durch das auf den Schweizer St. Gotthard bezogene Motto aus Schillers Wilhelm Tell („… immer steigend, kommt Ihr auf die Höhen“) weniger von lebensgefährlichen Risikounternehmungen als von erhebenden, manchmal spirituellen Passagen zwischen dem Bekannten und dem Unbekannten – um Abenteuer der Wahrnehmung“, heißt es in einer ersten Rezension von Gregor Dotzauer für den Tagesspiegel unter dem Titel Im Meer der Berge.