Salina Cruz: Was bleibt ist das Verschwinden

Ensenada de la Ventosa lautet der Name einer Bucht hinter den östlichen Hügeln der mexikanischen Hafenstadt Salina Cruz. Von La Ventosa soll Arthur Cravan vor den Augen seiner schwangeren Frau Mina Loy mit einem leck erworbenen und selbst reparierten Boot auf den Pazifik aufgebrochen und für immer am Horizont verschwunden sein. Das war vor 99 Jahren. Über meine Verknüpfung mit Cravan hatte ich bereits an dieser Stelle geschrieben.

Nachts kommt der Cadejo, um dich zu beschützen oder zu töten: Mural in Salina Cruz

Der Bus von Tuxtla Gutiérrez nach Salina Cruz windet sich durch blassgrüne Sierra Madre, zeigt Hollywoodfilme im Bordfernsehen, taucht schließlich schlafwandlerisch hin und her unter den verschwommenen Oberflächen einer viel zu heißen Nacht. Bebenzerstört wabert und schummert die Stadt Juchitán de Zaragoza bei der Durchfahrt im Dunkeln: ein trüber Schemen. Angelangt in Salina Cruz, in der Literatur da und dort als Weltende beschrieben, klappere ich eine ganze Reihe Hotels ab. Keines möchte mir Unterkunft gewähren. Aufgrund der Erdbebenschäden – mit der Raffinerie musste der größte Arbeitgeber stillgelegt werden – sei die Stadt überfüllt mit auswärtigen Hilfskräften und Experten. Aufgeweicht von einem Zehntagesfieber aus den Bergen beratschlage ich auf der Straße mit meinem Fieber-Ich, was zu tun sei. Die Stadt sirrt vor irregeleiteter Elektrizität und fremden Augenpaaren. Just in einer ausladenden Schlaufe besten Leerlaufs im Schädel erscheint aus der Mitte der Nacht zu schlagartig entspannter Zikadenmusik ein Rezeptionist, der mich zuvor abgewiesen hatte und meint, wie gut, dass er mich aufgetrieben hätte, denn er habe in den Tiefen seines Hotels doch noch ein bisher unbekanntes, leerstehendes Zimmer entdecken können. Es müffelt und besitzt keine Klimaanlage. Die Allianz aus nächtlicher Hitze und gestauter Zimmerluft besiegt schließlich in hartem Ringen das Fieber, das mir zuletzt in Tuxtla heftig in die Beine getreten hatte.

Die Bucht von La Ventosa experimentiert mit Farben vergangener Jahrzehnte

Am Morgen fahre ich mit dem Colectivo zum Strand von La Ventosa. In Mexiko herrschen Puffertage zwischen dreitägiger Staatstrauer und den Unabhängigkeitsfeiern. Düfte röstender Tortillas und getrockneter Fische verhängen das Zentrum, angereichert mit Chili- und Koriandernoten. Am Markt und am Strand gehen die Dinge ihren Gang. Den Strand beschließt eine Lagune, hinter der die Erdöl-Raffinerie des Staatskonzerns PEMEX sich ausbreitet wie eine Kulissenstadt aus dem Star Trek-Universum. In der Bucht landen Fischer Mantas an und sind zu beschäftigt, meine Grüße zu erwidern. Mehr als das: sie schauen überaus finster drein und ignorieren mich komplett. Vielleicht leben sie in einer anderen Dimension und können mich deswegen weder hören noch sehen. Ansonsten ist niemand zugegen. Außer zwei Hunden. Und mir. Ich laufe den Strand auf und ab und denke: aha, und soso, und hier also. Nach einiger Zeit gewinnt der Ort an Größe und Traurigkeit. Ein mit sich selbst fremdelndes Jahrhundert scheint sich in diesem Abseits zu verdichten, zu überlagern, in schwächlichen Brisen im Kreis zu wandern. Viel gibt es nicht von sich preis, doch lässt sich sehr leicht vorstellen, an welcher Stelle Mina Loy schwanger am Lagerfeuer gesessen haben mochte, einen Oktopus am Spieß garend, an einer Horchata nippend, die Nacht durchwachend, voll böser Ahnung, nachdem ihr Mann über den Horizont gesegelt war.

Mina Loys Lippen materialisieren sich für einen flüchtigen Moment. Sie bleiben stumm

Nach einiger Zeit suche ich, um Schatten zu genießen, die verlassene Strandbar auf. So verlassen ist sie dann doch nicht. Aus dem Off erscheint, mich anpfeifend, der Besitzer, und bringt eine kühle Kokosnuss. Hernán Cortés sei einst vorbeigekommen, das Meer käme seit 40 Jahren ständig näher (er verweist auf alte, von der Flut verschluckte Strandlinien), eine Ölpest habe es gegeben, französische Gringos, die dachten, dass sie keine Gringos seien, die Rettung eines gestrandeten Wals, die es auf Youtube gebracht habe und ein bis heute gern erinnertes Aufsehen, weil eine Italienerin gemeint habe, hier (der Mann weist auf die ungefähre Stelle) ein Nacktbad nehmen zu müssen – das sei die komplette Geschichte der Bucht, von einem Dichter sei nichts bekannt. Ob ich keine Angst habe (Beben, Tsunami), er habe keine Angst. So endet meine Pilgerfahrt nach La Ventosa in Smalltalk mit der einzig verfügbaren Person. Während ich darüber nachdenke, was das zu bedeuten habe, erscheinen Fregattvögel und Rabengeier, um die Manta-Eingeweide in Augenschein zu nehmen, exakt hinter der Brandungslinie landen vornehm 13 Pelikane. Von meiner Stirn tropft Schweiß ins Notizbuch. Der Horizont kleidet sich in Banderolen. Das pazifische Rauschen. Das pazifische Blau.

la muerte

Ungefähr zwei Drittel aller Murals in Salina Cruz thematisieren den Tod

Am Nachmittag schlendere ich zur Städtischen Bibliothek, einem der beeindruckendsten Gebäude der von Hügeln umgrenzten Stadt. Vielleicht lassen sich dort Anhaltspunkte finden, existiert im Idealfall gar ein kleines Cravan-Regal. Vor der Bibliothek wacht eine unfassbar schöne Polizistin, und meint, ich dürfe das Gebäude nicht betreten, wegen Einsturzgefahr. Damit hatte ich nicht gerechnet. Nicht mit der überirdischen Ausstrahlung einer Frau in Uniform, nicht mit einem dermaßen tief in meine Psyche dringenden Lächeln. Die Verwirrung reicht so weit, dass jeder Gedanke an das Normale, nämlich sie zu schmieren oder einen bedeutenden Besucher zu markieren (oder beides), außer Kraft gesetzt wird. Erst Stunden und Tage später, hinter den Stadtgrenzen, sprich: viel zu spät, wird ein Gewitter derartige Lösungen wieder auf meinen inneren Schirm spülen. Auf diese Weise versiegt auch meine zweite Spur (falls in der Bibliothek Spuren aufzutreiben gewesen wären): neue Fakten über Cravans Verschwinden sind vor Ort zu diesem Zeitpunkt nicht aufzutreiben. Entweder sind sie tatsächlich inexistent oder sie schützen sich mit durchschaubaren, aber effektiven Tricks vor ihrer Entdeckung.

eine bunte geschichte vom verschwinden

Im Ansatz bunte, kühne, mehrschichtige Geschichte vom Verschwinden

Weil keine dritte Spur zur Hand ist, marschiere ich durchs Stadtzentrum voller Staub und Hitze und Schutt. Straße auf, Straße ab, mit ihren handgemalten Straßenschildern. Das ganze im Karree und sobald ich damit fertig bin, beginne ich wieder von vorne. Die Menschen wirken perspektivlos-freundlich. Machistisch regieren Hitze und Staub, mit der Absicht und dem Potential, absolute Gleichgültigkeit zu erzeugen. Ich setze mich in ein Fischrestaurant und denke, soweit man das Denken nennen kann, über mögliche Unterschiede zwischen den Zuständen des Vegetierens und des Nirwanas nach. Und darüber, dass Salina Cruz der perfekte Ort sei, der eigenen Zerrüttung zuzuschauen und/oder in einer fiebrig-spinnerten Aktion verschütt zu gehen. Das Ende der Welt kurz vor deren Umkippen ins pazifische Blau, das sich aus allen bekannten und unbekannten Blautönen zusammensetzt, womöglich gleichzusetzen mit dem anderen Blau, von dem Rolf Dieter Brinkmann geschrieben hat und das von Köln aus erreichbar sein muss.

Advertisements

Flüsse und Tiere in Chiapas

Verschwimmende Erinnerungen: Cañón del Sumidero

Nach meinem ersten Grand Canyon, dem der Schweiz, der Ruinaulta, erreiche ich in Chiapas meinen zweiten, den Cañón del Sumidero, den „Grand Canyon Mexikos“. Ob diese Besuche ausreichen, mir eine Visite des Namenspatrons in Arizona zu ersparen, bleibt unklar, selbst als es gelingt, die Flüsse dieser beiden Canyons, Graubündens Rhein mit Chiapas‘ Río Grijalva, mental zu überblenden. Auf der einen Seite das wilde, klare, trinkbare Surselvawasser, aus dem ich vor wenigen Jahren mit bloßer Hand eine Groppe gefischt habe und dem die Schweizer Boulevardpresse Alpendelfin-Legenden zuschreibt, auf der anderen Seite das Blasen werfende, toxisch-braune Sumiderowasser, in dessen verschlammten Tiefen neben anderen unerforschten Wesen bis heute die Geister der Chiapa siedeln könnten, einer früheren Mayapopulation, die der drohenden Versklavung durch die Konquistadoren den kollektiven Sprung in die Schlucht vorgezogen haben und dabei ausgestorben sein soll. Der Wasseramsel des Vorderrheins diametral gegenüber stehen tropische Silberreiher, deren strahlend weißes Gefieder jede Waschmittelreklame beschämt. In der Ruinaulta stapfte ich in Wanderstiefeln durch Wald und Flachwasser. Durch den Sumidero rase ich mit dem Speedboat. Den Himmelskorridor zwischen den Felswänden bevölkern verirrte Pelikane, im schattenartigen Flug die Schnabellanze leicht abgesenkt wie verkaterte Turnierritter. Darüber kreisende Rabengeier in kirre machenden Formationswechseln. Fünfbeinig-fünfarmig-greifschwänzig turnende, bizarre Körperhaltungen einnehmende Affen gehen den Alpen derzeit genau so ab wie Schlammbänke voller Krokodile. Ein die gesamte Flussbreite bedeckender Müllteppich bildet das Zentrum des chiapanesischen Naturschutzgebiets. Darin stakend: Boote voller Touristen, deren Kapitäne von den Heckkanzeln die „Hohe Geschichte des Plastikmülls“ predigen, deren Spitzen jedoch der Wind stiehlt, bevor sie verstanden werden können. Mühsam häckselnde Motorschrauben befreien die Boote mit ihren Schwimmwesten tragenden Passagieren, Schwimmwesten in Signalfarben chemischer Sonnenuntergänge: die Toten, heißt es in Mexiko, würden von den Farben Gelb und Orange besonders angezogen. Dass während der Fahrt bloß niemand seine Hand ins Wasser tauchen solle, lautete eine der vorab gehörten Warnungen. Meine Sitznachbarin versorgt mich unterdessen mit frischen Jícama-Scheiben, einem Snack, dessen aztekischer Namensursprung laut Wikipedia, je nach Ländereintrag, “Wasserwurzel” oder „Schmeckendes“ bedeute.

***

revolutionskarnickel

Tuxtlenisches Revolutionskarnickel

Der Río Sabinal durchfließt die chiapanesische Hauptstadt Tuxtla Gutiérrez. Von kleinen Straßenbrücken überquert, gesäumt von klischeeisiert-üppiger Tropenvegetation, führen Trampelpfade an den Ufern entlang in menschenleere Zonen der ansonsten durchaus geschäftigen Stadt. Müll liegt auf den Wegen, stinkender Matsch, gespickt mit wohlig-betörenden Frangipani-Blüten. Ein Leguan verwechselt sich mit einem Eichhörnchen und zischt durchs ausladende Geäst über dem schmalen Wasserlauf. Rückwände, zerfallende Mauern, Graffiti. Das abschnittsweise eingefaßte Flußbett steckt voller Müll. Verkommene Parkanlagen, von potentiellen Besuchern strikt gemieden. Je weiter ich mich entlang der Ufer von der Straße entferne, desto stärker riechen sie nach Gefahr. Undefinierbare Bäume mit vor Wollust und Überdruss platzenden Früchten, überdimensionale Insekten mit Körperstrukturen, als gälte ihr Leben einer einzigen Aufforderung zur Vivisektion. Ich erinnere mich an Zeitungsartikel: Fotos von Leichenfundorten, gefolterte Torsi am Gestade. Das Elend der Stadt, gekippt in ein Rinnsal. Die überbordende Vegetation, der fantastische Vogelsang. Jeder Baum ein Vanitas-Symbol, krank und zugleich sprießend. Wieviel Prozent mag der Blutanteil des Wassers betragen? In Chiapas, wo der Tod in direkter Nachbarschaft des Lebens wohnt, eignen die Flüsse sehr deutlich neben ihrem Kreislauf- und lebensspendenden Charakter auch jenen der Selbstzerstörung und des Todes. In stadtplanerischer Hinsicht ist der Río Sabinal das am leichtfertigsten dem Nichts übereignete Naturfänomen, das ich bisher gesehen habe, denn die natürliche Oase einer von Hitze ausgelaugten Stadt wird inszeniert als kaum zu betretender Sumpf bzw als touristische Empfehlung für Zyniker und Lebensmüde.

***

otter

Seltenes, in Chiapas heimisches Gelbwassertier

Die äußerliche tropische Hitze provoziert Ausbrüche meiner inneren Hitze. Ich drifte einher als Schatten suchender Planet. Ich jage den Tapir. Der Tapir jagt in mir. Der Tapir jagt nicht, er fläzt sich im Schatten, den ich suche. Äußerer und innerer Schatten: werden sie je zur Deckung gelangen? Der Tapir lebt nicht in meinem Inneren, er lebt im Zoo, durch den ich streife. Sein Gehege liegt hinter den Hügeln, die ich wegen meines Fiebers nicht erklimmen kann. Die Müllbehälter des Zoos tragen Aufsätze aus Tapirköpfen. Schlafe ich, zwingt mich der Tapir, ihn bis an den Rand des Erwachens zu reiten. Anderntags darf ich mich als erster Europäer in die Mitgliederliste der Liga del movimiento de la elegancia tapirística (Liga der tapiristischen Eleganzbewegung) eintragen.

***

der tapir

Träges Totem Tapir

Während einer Fieberwanderung stoße ich in San Cristóbal auf den Río Amarillo, der so gelb aussieht wie sein Name es besagt. Von allen gelben Flüssen einer der gelbsten, gewiss. Wäre es an mir, ihn zu benennen, höchstwahrscheinlich würde ich ihn ganz genau so benennen wie er längst aus gutem Grunde heißt. Ansonsten handelt es sich eher um ein Flüsschen, denn um einen Fluss. Er streift die Stadt und sieht wie die beiden weiter oben portraitierten Flussabschnitte alles andere als gesund aus. Mehr als eine zusätzliche Farbnuance fällt die Häufung öffentlich angebrachter Zeilen auf, als ich die auf eine Fahrspur sich verengende Puente Blanco (Weiße Brücke) quere. Auf deren Pfeilern sind Knittelverse zur Geschichte der Brücke wie des “mejicanischen Vaterlands” angebracht. Und in unmittelbarer Nähe findet sich ein beinahe hauswandgroßer Schriftzug “Vivos los llevaron! Vivos los queremos!” (“Lebendig habt ihr sie geholt! Lebendig wollen wir sie zurück!”): eine Parole, mit der nach der Entführung und mutmaßlichen Ermordung von 43 studentischen Demonstranten in Ayotzinapa im Jahr 2014 das gesamte Land bepinselt wurde.

***

geckoblaster

Spirituelles Gegacker aus pazifikblauem Geckoblaster

Klammeraffen heißen auf Spanisch Spinnenaffen, Krokodile Kokodrile und Spechte Schreiner. Nicht minder passende Namen als die unsrigen. Gelbbrüstige Spechte bewohnen in Chiapas Stadt und Land, sie picken um des Pickens willen auch an hauchdünnen Zweigen, deren Bepicken völlig sinnlos erscheint und unter ihrem Flügelschlag beginnt der Himmel zu rotieren. Leguane, die ich nie anders als dösend-äugend in Terrarien, reglos-camouflierend auf Mauerabbrüchen ghanaischer Freiluft-Autowerkstätten oder tot von den Schultern ihrer begabten karibischen Jäger baumeln sah, entwickeln in Tuxtla erstaunliche Geschwindigkeiten bei der innerstädtischen Flucht vor meiner Kamera.

***

el zopilote pasa

El zopilote pasa

Die Erde bebt, mein Körper bebt. Tag für Tag. Häufig bleibt unklar, was genau da bebt. Die Straßen beben, es beben die Autos auf den Straßen. Wie Flüsse beben, ist nicht zu ermitteln. Ich sehe wilde Tiere, hinter, vor und zwischen Zäunen, in der freien Natur der Stadt. Bebende Reptilien. Beben auslösende Insekten. Staksende Grackeln. Atme mit Klarsicht verdünnte Luft. Esse wurmstichige Früchte von einem Baum, der noch mit B. Travens Asche gedüngt worden ist.

Aufwachen in Istanbul / Istanbul‘da Uyanış

Aktuell und noch bis zum 04. November ist in Köln die Ausstellung „Aufwachen in Istanbul / Istanbul‘da Uyanış“ zu sehen. Kuratiert wurde sie von Nadine Müseler und Jari Ortwig. Das Wortprogramm stellte Gerrit Wustmann zusammen. Gezeigt werden Werke Kölner Künstler, die in den vergangenen acht Jahren für längere Zeit in Istanbul gearbeitet haben:

Lars Breuer_Ideologie_Detail

Lars Breuer: Ideologie, Acryl auf Wand (Detail). Freitagnachmittagsschatten bearbeiten die Anfangsbuchstaben des an Runen erinnernden Schriftzugs

Philipp Enders_Abschied von I

Philipp Enders: Abschied von I, Soundinstallation, Digitaldruck auf Folie. Der Künstler erzählt von seiner Reaktion auf das Selbstmordattentat vom 16. März 2016 auf der İstiklal Caddesi

Evamaria Schaller: Fremdkörper, Fotografie einer 1-Minuten-Performance (Ausschnitt). Das wandgroße Selfie ist der Eyecatcher der Ausstellung

Noa Gur_Key Museum_Detail

Noa Gur: Key Museum (Detail). Die zweiteilige Arbeit besteht aus einem Koffer mit aus Ton nachgebildeten Objekten aus dem Archäologischen Museum in Istanbul und einem Video, in dem die Objekte zum Sternenhimmel abstrahiert werden

Von mir liegen Gedicht-Postkarten (Gezi-Park, Gülhane-Park) aus, die gratis mitgenommen werden dürfen. Im Programmheft ist darüberhinaus eine meiner Istanbul-Fotografien zu sehen

Beteiligte KünstlerInnen und AutorInnen: Lars Breuer, Marianna Christofides, Philipp Enders, Doris Frohnapfel, Tanja Goethe, Selma Gültoprak, Noa Gur, Andrea Karimé, Tessa Knapp, Alfons Knogl, Robert Kraiss, Stan Lafleur, Ulla Lenze, Marie T. Martin, Selim Özdogan, Evamaria Schaller, Bastian Schneider, Gerrit Wustmann und Mona Yahia.
Gastauftritte: Alper Canıgüz, Orhan Esen, Elektro Hafiz und Burçak Konukman.

Ort: Werft 5 – Raum für Kunst im Kunsthaus Rhenania, Bayenstraße 28, Köln-Südstadt
Dauer: 15. Oktober bis 04. November 2017
Öffnungszeiten: Donnerstag bis Sonntag von 15 bis 19 Uhr und nach Vereinbarung
Erweiterte Öffnungszeiten am 15./22. Oktober und 04. November

***

Nachtrag, 08. November 2017
Auf Vimeo gibt es eine viertelstündige Dokumentation der Ausstellung von Verena Maas. Meine Beiträge (Gedichtpostkarten, Mikrolesung) bleiben darin konsequent außer Acht.

San Juan Chamula: Der ganze Hühnerscheiß

Schnellimbiss mit Hühner- und Klauensuppe, Trockenfleisch und gebratenen Mojarras im Angebot

Bekannt ist das autonom regierte Chamula, ein kleines Dorf von weitreichendem Ruf, vor allem für seine synkretistische Kirche San Juan Bautista, in der katholische Liturgie mit Maya-Zeremonien zu einer Form der Gottesanrufung verschmelzen, die ihresgleichen sucht. Ein Vorfall im Juli vergangenen Jahres, bei dem der Bürgermeister und sein Gemeindeverwalter von einem Trupp Bewaffneter (angeblich unter Beteiligung des vorherigen Bürgermeisters) während einer Ansprache auf dem Dorfplatz vor der Kirche erschossen worden waren, lenkte erstmals mein Augenmerk auf diesen Ort. Die Presse schrieb seinerzeit von Wildwest-Szenarien. Die Chamula-Leute könnten überaus unangenehm werden, wenn ihnen etwas missfiele, die Kriminalität sei hoch, tagsüber jedoch unsichtbar; allerspätestens um 17 Uhr solle ich das Dorf wieder verlassen, lauteten in Chiapas mit Nachdruck ausgesprochene Warnungen.
mexicolores_vision de la muerte

Méxicolores: Visión de la muerte

Die halbstündige Fahrt von San Cristóbal mit dem Colectivo zur Kirche von Chamula führt durch pittoreske Höhenlandschaften der Sierra Madre de Chiapas. Die Ankunft belagern Kunsthandwerk-Verkäuferinnen, behängt mit Troddelschals und Freundschaftsbändchen. Ob ich Deutscher sei? Auf meine Bestätigung folgt postwendend die unerwartete Entgegnung: „Später, später!“ – und ich bin aus der Souvenirhölle entlassen. Für den Kirchenbesuch müssen Ortsfremde Eintrittstickets lösen. Fotografieren und Videoaufnahmen sind im Kircheninnern streng verboten. Schon mehrere Leute, die sich bei Aufnahmen erwischen ließen, sollen kollektiv zum Dorf hinaus geprügelt worden sein. Allen Gefahren und dem gebotenen Respekt zum Trotz lassen sich im Netz eine handvoll unscharfer Bilder und verwackelte Videos ähnlicher Szenerien entdecken wie ich sie meinen Notaten und Erinnerungen entnehme:

Iglesia San Juan Bautista in Chamula

Der Boden des Schiffs ist mit Kiefernnadeln (1) bestreut. Bänke Fehlanzeige. Entlang der Längsseiten befinden sich in Vitrinen (eine davon mit blauen Blinklichtern ausgestattet) insgesamt rund zwei Dutzend Heiligenfiguren diverser Provenienz (darunter die bösen Buben Judas und Thomas), beinahe museal aufgereiht und räumlich brav nach Männlein und Weiblein getrennt. Fotografische Vorgänge, entnehme ich Wortfetzen eines Guides, beschädigten ihre Wirkkraft. Nicht direkt zur Abwehr fotografischer Angriffe, sondern um Gunst oder Missgunst des Bittstellers zu erwidern, tragen die Figuren Spiegel auf ihren Brüsten. Zu den Heiligen empor wachsen überdimensionale Blumensträuße aus beeindruckenden Kerzenmeeren: Meere, in einem Schiff, das in Flammen steht! Ein enormer Schmetterling flattert durch die Szene, im Gebälk tummeln sich Tauben. Anstelle des Altarkreuzes oder der in Mexiko allgegenwärtigen Jungfrau von Guadalupe ist der Namenspatron (Johannes der Täufer) in der größten aller Vitrinen aufgestellt. Teils in Schafsfelle gekleidete Wachleute (2), Girlanden montierende Hilfsarbeiter und Touristenführer bevölkern die Kirche, das Besucheraufkommen schwankt permanent. Ein Wachmann raucht ungeniert Zigaretten. Es ist ein Ort der vielen kleinen Vorgänge, stete Bewegung erfüllt den Raum.

Ihr Tag mit den Hühnern

Auf dem Boden rechteckige Areale, von Kiefernnadeln frei gekehrt: sie dienen den j’ilol, Chamula-HeilerInnen, als Ritualplätze (3): unter rhythmischen Beschwörungen schwenken sie Pox (4) und Coca-Cola über Kerzen, schütten die Flüssigkeiten auf den Boden bzw. nehmen sie ein. Schließlich rauschen mehrere Kerzen zugleich zu einem klingenden Feuer empor, bevor die Heilerin sie löscht und sich zu einer der Familien aufmacht, die sich wie zum Picknick auf den Kiefernnadeln niedergelassen haben. Dort nimmt die j’ilol den Puls des kranken Familienmitglieds, unterdessen ein Kirchendiener das Wachs vom Boden der Ritualstelle schabt, um sie für neue Rituale zu säubern. Der Puls erzählt der j’ilol vom Defizit des Patienten. Der Check gilt der Seele. In der Chamula-Weltanschauung setzt sich die Seele aus verschiedenen Tier-, Pflanzen- und weiteren Komponenten zusammen. Geschieht es, dass ein Geist aus einem Wasserloch eine Person um Seelenanteile bringt, erkrankt derjenige und es wird, in schwereren Fällen, ein Hühneropfer zum Seelenaustausch notwendig: die Hühnerseele gegen den Anteil der vom bösen Geist gestörten Seele der kranken Person. Geringere Probleme werden mithilfe eines Hühnereis absorbiert, das die j’ilol entlang des betroffenen Körpers führt. Ich beobachte ein schwarzes Huhn, das während längerer Zeremonienfasen mit Streicheleinheiten beruhigt, dem dann ratzfatz der Hals umgedreht wird und das schließlich in einer Handtasche landet, um nach dem Ritual gerupft und in Suppe umgewandelt zu werden. Die Zeremonie besitzt Schnittmengen mit solchen des Voodoo oder der Santería und erinnert mich für einen Moment an den durch Geflügelvolieren flüchtenden Filmdetektiv Harry Angel und seine ausgeprägte Aversion gegen „den ganzen Hühnerscheiß“.
Eher klassisch-katholische Gottesdienste finden an Sonntagen statt, die Eucharistie wird nicht abgehalten.

***

truthahn_2

Amerikanischer Truthahn, Asterix-Lesern auch als Guruguru bekannt

Spaziergang durchs Dorf, im ersten Ansatz unterbrochen vom fliegenden Bernsteinverkäufer mit seinem Schaukasten voller geschliffener, eingefasster Stücke. Ja, er wisse vom Bernstein aus der Ostsee, doch qualitativ hochwertiger sei der hiesige, aus den Minen der umliegenden Berge gebrochene. Am Rande des Hauptplatzes duckt und streckt sich ein Lebensmittel- und Textilienmarkt: günstige Waren guter Qualität. Doch wissen die Verkäuferinnen Herkunft und Art der Stoffe kaum einzuordnen. (Besser erledigen diese Aufgabe die eingenähten Etiketten.) Eine gute Handvoll Imbissbuden, schon ist der Dorfrand erreicht, prutteln Puter in Gärten, zieht ein Zug Ziegen über die Straßen. Hin und wieder verschwindet ein Wagen hinter der nächsten Kurve. Auf halber Höhe abgebrochene Betontreppen führen aus dem oder in den Wald: eine fantastische Vegetation voller fremdartiger Formen und Wirkstoffe. Von den Schwüngen der Grate begrenztes Land in Grün und bedrückenden gleichwie euforischen Ausblicken. Jimi Hendrix‘ Voodoo Child (Slight return) erklingt in meinem Hinterkopf: „Well, I stand up next to a mountain / And I chop it down with the edge of my hand“. Gelegentlich meistert ein Pick-up oder Pkw elegant schnurrend oder fies über den Asfalt schleifend den Straßenbuckel, der die Uhrzeit am Sonnenstand erkennt und warnt, es sei höchste Zeit Chamula zu verlassen, noch bevor der Friedhof besucht ist, der hinter einer Kirchenruine Grabkreuze in verschiedenen Farben aufweist: für Kinder, Adoleszente und solche im würdigen Alter, für gewalttätig und für friedlich Verstorbene.

***

(1) Auf dem Zentralmarkt von San Cristóbal sah ich zuvor gelangweilte bzw. Siesta haltende Verkäuferinnen gewaltiger Säcke voller Kiefernnadeln, zu deren Verkäuflichkeit mir kein rechtes Bild einfallen wollte. Kiefernnadeln werden in der Region bei Feierlichkeiten, Einweihungen und dergleichen als Bodenbelag gestreut; die Kirche von Chamula dürfte gewiss der größte Abnehmer sein.
(2) Weiße Schafsfellwesten (chuj) sind nur den Mayordomos, den männlichen Autoritäten, erlaubt, dieweil schwarze Schafsfellröcke (nagua) zur gängigen Frauentracht gehören. Die Chamula gelten als besonders hartnäckig beim Erhalten ihrer Traditionen. In heißere Tropenregionen umgesiedelte Chamula trügen selbst dort ihre Schafsfellkleidung weiter.
(3) Heilzeremonien können nur von Einheimischen gekauft werden. Der Hausschamane des Museo de la Medicina Maya in San Cristóbal steht hingegen auch Touristen zur Verfügung.
(4) Ein regionales Destillat aus maíz criollo („Kreolenmais“), Zuckerrohr und Weizen. Das Tzotzil-Wort bedeutet soviel wie Medizin oder Heilung. Berufsbedingter Alkoholismus soll unter den j’ilol ein weit verbreitetes Problem darstellen. Eine grauhaarige Schamanin sah ich innert einer Stunde einen Drittelliter Pox verarbeiten.

In den Straßen von San Cristóbal

die hlg jungfrau von guadalupe

Rückenwind und Risse im Profil: Bildnis Unserer Lieben Frau von Guadalupe auf einer Plastikplane


Festivallesung in Corazón de María, einer Gemeinde des Municipios San Cristóbal, eine knappe Stunde außerhalb der Stadt in den Bergen versteckt. Wenige Kilometer vor dem Dorf sprinten Grundschüler mit Schulranzen unserem Bus voller Dichter hinterher. Noch vor wenigen Jahrzehnten sei die Gegend wegen ständiger Nebel unsichtbar und somit unbewohnbar gewesen. Weshalb die Nebel, die sich zwischen die umgebenden Höhenzüge zurückgezogen haben, Acker- und Weideland freigegeben hätten, wisse kein Mensch. 3000 Einwohner habe die Gemeinde, über ausladende Flächen verteilt, und kein wirkliches Zentrum, meint ein Dorfbewohner, zu dem ich mich am Rande des Basketballfeldes vor der Schulhalle setze, um die Aromen der Bergluft aufzunehmen und ein wenig über den Ort in Erfahrung zu bringen, während drinnen das Programm sich streckt. Wie hoch genau die Gemeinde gelegen sei, könne er nicht sagen, höher jedenfalls als die Stadt. Die einzige Angabe, die später im Netz ausfindig zu machen ist, verortet Corazón de María auf 2340 Metern. Zweifelsfrei habe ich in der Dorfhalle einen neuen persönlichen Höhenlesungsrekord aufgestellt; zuvor empfangen von Feuerwerk und frenetischem Kinderjubel; in einer Gegend, die es lange nicht gab und die in Zukunft womöglich erneut in Nebel und Nichts aufgehen wird. Vieles in Chiapas erscheint auf den dritten Blick anders als auf den zweiten, dieweil der erste generell als Streichergebnis in Betracht gezogen werden sollte, selbst wenn es sich um geringfügige Beobachtungen handelt. So entpuppen sich vermeintliche EZLN-Graffiti auf dem Hinweg nach Corazón de María, offene oder geheime Rebellenzeichen, handgemalt und waffenstrotzend, auf dem Rückweg als Reklamen für Paintball-Gelände. (Ob diese ausschließlich für zivilen Zeitvertreib genutzt werden, ist nicht in Erfahrung zu bringen.)

***

frijol saltarín_2

Fliegender Teppich mit hüpfenden Bohnen


Ein Junge von ungefähr elf Jahren hat sich am Mittag in der Fußgängerzone aufgebaut und präsentiert ein paar hundert getrocknete Kapseln, die an Kaffeebohnen erinnern. Es handele sich um frijol saltarín (Hüpfbohne) aus dem nördlichen Bundesstaat Sonora, besagt ein laminierter Computerausdruck: Heilmittel gegen Bluthochdruck, Nervenleiden, Kopf- und Herzschmerzen sowie gegen Rheuma. Bei Beschwerden solle man vier Bohnen in die Hand nehmen und abwarten bis sie zu hüpfen begönnen. Bei näherem Betrachten zucken einige der Kapseln, wackeln, als wollten sie in Kürze davonrollen, ein Fänomen, das mir entfernt bekannt vorkommt. Warum die Bohnen zucken, frage ich den Jungen. „Weiß nicht“, kommt seine missmutige Antwort. Mein Begleiter beginnt, ihn zu belehren: wenn er etwas verkaufen wolle, dann wäre es nur gescheit, Respekt zu zeigen und die Fragen der Leute zu beantworten. Der Junge wirkt noch missmutiger und schweigt sich aus. Dass er womöglich kaum Spanisch spreche, entgegne ich, als wir ein paar Meter weiter sind, und dass das eigentliche Problem bei der Geschichte darin gründen könne, dass ein Junge seines Alters um diese Zeit besser in der Schule aufgehoben sei, denn als Verkäufer zweifelhafter Wundermittel auf der Touristenmeile. Die Frage, weswegen die Bohnen ein Déjà-vu auslösten und weshalb sie wackeln, wird erst Wochen später im Laufe eines Telefonats beantwortet werden: in den 70-er Jahren hatte die Zeitschrift Yps „lebende Wunderbohnen“ als „Super-Gimmick aus Mexiko“ im Programm: „Sensationell! Sie pochen wie dein Herz und springen wie ein Ball“. Heute firmiert das Fänomen unter dem Begriff „Mexikanische Spring- bzw. Hüpfbohne“: es handelt sich um die Frucht eines Wolfsmilchgewächses, das von der Larve der Hüpfbohnenmotte bewohnt wird, die bei Hitze beginnt, sich zu winden, was die „Bohne“ in Bewegung versetzt.

***

die einkäufe nachhause retten

Die Einkäufe nach Hause retten: Szene auf dem Zentralmarkt


Erdbeben der Stärke 8,2 auf der Richter-Skala, kurz nach dem Einschlafen, während eines ausgewachsenen Fieberschubs. Das Bett schlingert seitwärts ruckend, ächzend, krängend, eine Nussschale auf hoher See in sternenloser Neumondnacht. Unverzüglich in den Innenhof oder auf die Straße zu fliehen, rät mein Verstand, doch das Fieber argumentiert dagegen: schließlich schlägt der Boden Wellen wie das Meer, besteht jedoch aus Stein: sollte ich stürzen, was in diesem Zustand und ohne Licht wahrscheinlich wäre, ein paralleler Gedanke gilt meinen Erfahrungen auf dem Erdbebensimulator des Karlsruher Naturkundemuseums, könnte das zu Verletzungen führen. (Traumartige Bilder einer blutüberströmten Gestalt, wieder und wieder in Richtung Bett zurückgeworfen von gewaltigen Bodenwellen.) In der Nachbarschaft beginnen die Hunde zu bellen, Alarmsirenen konzertieren, aufgeregte Stimmen auf der Straße, die das Szenario noch eine Spur gefährlicher erscheinen lassen: ob bereits Plünderungen stattfinden? Das Bett schlingert weiter, mein Zeitgefühl ist aufgehoben. Während es bebt, denke ich: „Was, wenn das nie mehr endet?“ Kurz, nachdem es geendet hat: „Das waren vielleicht nicht mehr als 20 Sekunden, denn Beängstigendes wirkt stets intensiver als die Uhr.“ Der Seismische Dienst Mexikos weiß es besser und bis auf die Sekunde genau: zweieinviertel Minuten hatte das Beben angehalten.

***

Fledermausfrauen auf dem Zentralmarkt von San Cristóbal


Am Rande der Wahrscheinlichkeit von Mexiko geleitet ein an- und abschwellendes, namenloses Bergfieber mich zur Stadt San Cristóbal de las Casas hinaus zu den Fledermausmenschen von Zinacantán. Im Dorf ist es heiß. Ich fühle mich allein auf weiter Flur. In der Mittagssonne schmilzt mein einsamer Schatten. Gebärdet sich zunehmend unförmiger beim Schwinden. Kaum beginne ich, mich ernsthaft um ihn zu sorgen, als ganz plötzlich, bevor es mit dem Schatten zu Ende geht, von der San Lorenzo-Kirche wirre, doch bei sich selbst verharrende Rhythmen mit magischen Anziehungskräften erklingen. Scheppernd, treibend, in die Beine fahrend. Wie schöne, wilde, gerade eben noch so kontrollierte Guggenmusik. Eine Menge Fledermausmenschen geraten mit der Musik in mein Blickfeld. Die Männer, ausschließlich die Männer, tanzen in traditionellen Plateauschluppen, kurzen Hosen, bestickten Westen, Ponchos und fantastischen Hüten mit bunten rückwärtigen Streifenvorhängen ein wieder und wieder wiederholtes Auf-der-Stelle-treten. Flaschen mit eingetrübtem Pox kreisen am helllichten Tag. Ein unsichtbares Band zieht mich in ihre Nähe. Ich verspüre den Drang, das alles festzuhalten, doch hält es mich fest. Vielmehr ist es so, als setzte die Musik mich frisch in Gang. Freundliche Bäume verwehren der Sonne den Zugriff auf meinen Schatten und fächeln lächelnd etwas Luft in unsere Richtung. Anwallende Ohnmachten verschwinden chancenlos in tiefen Rissen verschleppter Rhythmen, die Bläser hauchen mir ihren Odem ein, ich bin der Golem dieser musizierenden, tanzenden, betrunkenen Fledermausmenschen. An Fasenverschiebungen laborierend, trete ich mit den Fledermausmännern auf der Stelle, ohne beweiskräftige Aufzeichnungen. Musik, Tanz und Schatten geleiten meinen Körper unversehrt aus dem Dorf. Dessen früherer Name habe Ik’al Ojov (Schwarzer Herr) gelautet, ein schreckenerregender Name. Am Dorfrand, bei ausklingender Musik, versuche ich erfolglos Fledermausfrauenschatten abzulichten: sie sind einfach zu schnell für die Kamera. Später, zurück in meiner Gastwohnung in der Kolumbusstraße, erprobt das Fieber neue Ringergriffe an meinem Körper. Von der Baustelle des bis auf die bunt angemalte Fassade komplett in sich zusammengefallenen, direkt angrenzenden Psychonautenhauses erklingt dazu in Endlosschleife der Chattanooga Choo Choo.

***

Die Kathedrale von San Cristóbal nach einem Starkregen


Unter Kolibri-Einfluss reflektiere ich das Gewahrwerden zu Schleuderpreisen verschwendeter Naturschönheiten und -gewalten. Sie schwappen jeweils in radikalen Ausmaßen an und ergreifen den Menschen. In Fiebern schreiben sie sich vereint den Nerven ein und prägen das Empfinden. Der Kolibrischnabel gilt als Injektionsnadel, mit deren Hilfe er seine schillernden Farb-, Leichtigkeits- und Geschwindigkeitslehren durch unsere kleinen Pupillenlöcher auf lückenhafte Gedankenschirme überträgt. Kaum hast du, anfangs meist ganz unvermittelt, einen Kolibri entdeckt, explodiert ein Großteil deines Alltagsempfindens und ein Sekundenlächeln, das endlos gegen den Horizont des Gartens, der Dachterrasse, der Stadt wiederholte, wiederholt erscheinende Wellen schlägt, bemächtigt sich deines Gemüts. In deinen Fiebern wird der schwirrende Vogel transzendiert, zu medizinischem, oral einzunehmenden Püree verarbeitet, winzige gefiederte weiche Tabletten, aus denen feine Knöchelchen als Widerhaken staken. Der Kolibri wächst zum Emblem, Mittler zwischen Außen- und Innenwelt, Totem, Nahual. Er bringt und er ist zugleich die tröstlich schillernde Botschaft zwischen Leben und Tod, die Idee des ewigen Kreislaufs, manifestiert in einem zarten kleinen Etwas, das von punktuell auftretender Süße lebt inmitten herber Bergwelten.

Das Gedicht

Das Gedicht 25

„Wo einerseits das „Christliche Abendland“ mit haarsträubenden Verrenkungen beschworen wird, die zum Himmel schreien, und andererseits der Islam und das damit verbundene Damoklesschwert „Islamismus“ als schiere Erklärungshostien verabreicht werden, wollten wir uns einer Dringlichkeit stellen, die uns eine Art Meditation ermöglichte. Wie reicht das alte Menschheitsthema des Religiösen ins Gedicht? Wohin spürt es nach (oder vor), wenn sich das Gedicht mit den Bedeutungshöfen einer Religion auseinandersetzt“, schreibt Mit-Herausgeber José Oliver im Editorial zur soeben erschienenen Jubiläumsausgabe von Das Gedicht, und fährt fort, dass die Herausgeber von allen Religionen tatsächlich nur eine, das Christentum, für diese Ausgabe sich zugetraut hätten.

Rund 150 Autoren zählen zu den Beiträgern und beleuchten das Christentum aus einer Vielzahl von Perspektiven. Die Kapitelordnung orientiert sich an den sieben Todsünden, aufgelockert um Kinderspecial (Ogottogott, Keksgebet) und Essayabteilung. Die Gedichtinhalte reichen von Allegorien der Verdammnis und über tropfenden Wasserhähnen wachenden Heiligen hin zu Kommunionskleidschleifen an Löffelsonntagen, plattdeutschen Kirschblüten in Akama, Hirnströmen als Leuchtpunkte, Stalin und die Beatles hin zur Bibelfunktion als Untersetzer für wackelnde Tische. Von mir ist ein Selbstportrait mit Stubenfliegen enthalten.

Das Gedicht erscheint nunmehr im 25-sten Jahr in Folge als Zeitschrift in Buchstärke. Immer wieder begleitet von Skandälchen, Auszeichnungen und Debatten, handelt es sich um eine der auflagenstärksten und meistbeachteten Lyrikzeitschriften des deutschsprachigen Raums.

Begleitend zur diesjährigen Ausgabe findet sich auf dem Blog von Das Gedicht die Web-Anthologie Religion und Lyrik.

Das Gedicht. Herausgegeben von Anton G. Leitner und José F. A. Oliver, München 2017, 224 Seiten, 15 x 21 cm, Broschur, 14 Euro (kann hier direkt beim Verlag bestellt werden)

Lesezeichen 03/2017

Soeben erschienen ist das neue Lesezeichen, die vierteljährliche Zusammenstellung mit Highlights aus der deutschsprachigen Netzliteratur bei litblogs.net, einem Portal, das derzeit gut 20 AutorInnen, KünstlerInnen und Gruppen assoziiert und präsentiert. Themen sind u.a.: Kleine Konditoreien, Schweizer Volksmusik, Wolfgang Tillmans, die Grube der Sphinx, East River und die Brooklyn Bridge, Bambergs Abende, probiotische Verhältnisse, ein Mitternachtsmahl, Eugen Gomringer, ein sprachloser König, die Hildener Fußgängerzone, kaltes Wasser, kapitale Karpfen und Speichel von Korallenlippen … uvm.

rheinseins Beitrag besteht diesmal aus einem Flaneurstext über die badische Residenzstadt Karlsruhe und ihr enges Verhältnis zur exotischen wie heimischen Tierwelt, wobei letztere unter vielen permanent auftretenden rheinsein-Motiven bei der Leserschaft zu den beliebtesten zählt.

Weitere AutorInnen des aktuellen Lesezeichens sind Hartmut Abendschein, Albera Anders, Marianne Büttiker, Der goldene Fisch, Andreas Glumm, Jörg Meyer,  J. S. Piveckova, Rittiner & Gomez, Norbert W. Schlinkert, Helmut Schulze, Andreas Louis Seyerlein und Chris Zintzen.

Tuxtla Gutiérrez: Frisch gepresste Zeit

Das westwärts gerichtete Reisen ist Reisen in die Zeit, produziert mittels Reisebewegung zusammengestauchte Zeit: das ist zugleich Flucht vor der gewohnten Zeit und Aufbruch in ihre schwer zu ergründenden Ursprünge. Dorthin, wo sie herkommt, bis heute sich selbst belauert, besuchsoffen, aber wild, noch unverschweizert, diseuropäisiert. Weil sie der pazifischen Brandung entsteigt, im Meer entsteht, von ungeheurem Wasserdruck mit kosmischem Hintergrund geprägt. Und weil ihre Sprache in ihren kleinsten Einheiten, die zugleich ihre größten sind, denn aus sich selbst heraus kennt sie keine regulierenden Maßstäbe, aus denselben wirren Intervallfarben wie die Oberflächen der Fische zusammengesetzt ist, wird sie bis heute kaum verstanden. Körper und Denkweisen verformen sich unter dieser Zeitstauchung, die leuchtende Himmel absondert. Am Flughafen von Tuxtla verliere ich zur Zeitansage sofort die Orientierung.

jungfrauenerscheinungen

Jungfrauenerscheinungen immer freitags bis sonntags, sowie an jedem Monatszwölften

„Tuxtla Gutiérrez ist seit einigen Jahren Sitz der Regierung. Wenn man San Cristóbal, die frühere Hauptstadt des Staates, kennt, so scheint die Verlegung ganz unbegreiflich. Tuxtla ist heiß und hat ein erschlaffendes Klima, die Umgebung ist ziemlich öde und trocken; alle Nahrungsmittel müssen von weit her zur Stadt gebracht werden. Ein Regierungsgebäude war erst im Bau begriffen. Die einzige Annehmlichkeit ist die hübsche, schattige, mit Trueno-Bäumen bestandene Alameda.“ (Caecilie Seler-Sachs: Quer durch Chiapas, 1895/96)

Gesichter der Vergangenheit: die mexikanische Autorin Rosario Castellanos mit Freunden und Gedichtzeile: „Es necesario, a veces, encontrar compañía“

Vormittäglicher Erkundungsgang: so recht funktionieren mag nichts: fürs Mobiltelefon in einem kleinen Lädchen (nachdem mehrere andere meinten, sie führten so etwas nicht) eine mexikanische Prepaid Card für 30 Pesos. Bei Oxxo lädt man mir 100 Pesos drauf. Das Handy funktionierte mit der deutschen Karte gleich nach Ankunft nicht mehr und funktioniert auch nicht mit der neuen mexikanischen. Der Oxxo-Mann meint, es läge am Gerät und grinst. (Wenn die mexikanische 24/7-Moderne die Billiggeräte des prekär lebenden europäischen Dichters aussortiert.) Um ein Gefühl für den lokalen Takt zu bekommen, quatsche ich Leute an. Einfache Fragen, nach Orten, zu Handelswaren und Gegebenheiten produzieren Missverständnisse am Fließband. Kein Wunder, steigt bereits am Vormittag massive Hitze durchs Tal. Zudem markiere ich eine Gestalt außer der Reihe: der andere Weiße in der Stadt: mein Spiegelbild, das wackelt, während ich es vergeblich zu fixieren versuche. Dann aber doch: die Dusche funktioniert. Und auch die ferngesteuerte Klimaanlage. Als er beim Überreichen der Fernbedienung von meiner Absicht erfährt, das Zimmer auf 20 Grad Celsius zu kühlen, zuckt der Portier zusammen: „Amigo, ich komme aus Deutschland, wir sind hombres del invierno.“ Da lacht er und klopft mir auf die Schulter.

Heißes Pflaster Tuxtla Gutiérrez

Eine geschäftige Hauptstadt mit unsichtbaren Regierungsgebäuden, frei von Tourismus. Um nicht aufzufallen, gehe ich langsam, gehe dahin, wo alle hingehen, schön in rechten Winkeln um die Blöcke des Zentrums, treibende Blutkörperchen in übersichtlichen Pac-Man-Labyrinthen. Achtung, Achtung! Die Verkehrsampeln hängen gewöhnungsbedürftig im Himmel jenseits der Kreuzungen. Kulissen aus von der Regenzeit gelöschten Flammenbäumen, grellen, schnell blätternden Hausanstrichen und Murals. Grackeln schreiten/äugen hin und her in den Parks, reichlich zerfledderte Tauben, verkrätzte streunende Hunde. Auf dem nackten Boden schlafen Männer unter Plastikplanen, auch Kinder, in Hauseingängen und -buchten. An die freistehende Uhr auf der Hauptachse sind Ankündigungen regelmäßiger Marienerscheinungen plakatiert. (Ein Deutscher soll die Standuhr nach erfüllter Fürbitte gestiftet haben, meint ein Taxifahrer.) Im Parque Central koexistieren Jahrmarkt und Protestcamp. Aus den Zeltplanen wehen Dünste lebendig verrottender Menschen. Colectivos und Taxifahrer benutzen elektronische Pfiffe (angedeutete Melodien) oder es rufen die Angestellten aus dem offenen Fenster kurz die Richtung aus. Mein Blick sortiert sich in fotografierbaren Momenten, die häufig, eigentlich immer vorüber sind, bis ich die Kamera gezückt bzw Position ergriffen habe. VW Käfer in sagenhaft abgerockten Versionen: zerzauste Vehikel aus einem kaum gebrauchten Revival-Traum für Roadmovie-Regisseure.

Eines von vier Kaninchen im Zentrum Tuxtlas

Flanieren am Nachmittag: Distanzen und Straßennamen auf Google Maps werden von der Realität gedehnt und vertauscht. Unweit des Parque de la Marimba zwitschern elektronische Vögel aus einer zum Hohlweg umfunktionierten Bürgersteig-Bedschungelung mit Sitzbänken, Rankpflanzen und nachgebauten Tieren. Am Ufer des braunen, stinkenden, müllgeschmückten Río Sabinal zischt ein wütender Leguan durchs Geäst. Inkatäubchen und ein gelbbrüstiger Vogel, den ich nie zuvor sah, unter dessen Flügelschlag der Himmel zu rotieren beginnt. Es gibt mit Handtüchern wedelnde Parkplatzeinwinker. Dralle Frauen, die ihre Brüste mithilfe spezieller Textilien in die Blickebenen der Männer heben. Es gibt Mayaleute mit furchenzersägten, wulstig bepockten oder eingedellten/kubistischen Gesichtern, die mir bis an die Hüfte reichen. Obstverkäuferinnen mit Fliegenklatschen, farblich auf die Kleidung abgestimmt. Ein fußlahmes Mädchen trägt ein T-Shirt mit deutscher Aufschrift „Wanderlust“. Auf seinen Gehstock gestützt vermisst ein winziger, gebückter Alter per Daumenpeilung Stichstraßen außerhalb des Zentrums. Jähe Löcher im Bürgersteig: Einladungen in die Unterwelt. Ein alter Mestize mit skulpturalem Schädel, der sich neben den Bronzen lokaler/nationaler Berühmtheiten positioniert, von denen er nicht zu unterscheiden ist. Mayafrauen, Straßenverkäuferinnen, die beim Sortieren und Zurechtmachen ihrer Waren am liebsten zu Boden oder auf Hauswände starren, um ja keinen Passantenblick aufs Auge zu bekommen: eine zupft und bindet tiefrote Rosen vor tiefrosenroter Hauswand, sodass, Blüten und Wand heben sich auf, nur das Grün und die erdigen Hände (wie Tiere beim Nestbau) bleiben. Zahlreiche Leute, die auf dem Boden sitzen, einige arbeiten in dieser Position. Ein Männerpaar beim Küssen vor der Catedral de San Marcos.

Hähnchenbraterei-Logo in typischen Hähnchenbratereifarben

Kaninchen habe ich in Tuxtla, dem „Ort der vielen Kaninchen“, keine lebenden erblickt, und nur vier auf Wandbildern, sowie mehrere stilisierte Kaninchenohren, die allerdings ebenso gut Esels- oder Eichhörnchenohren vorstellen konnten. Und auf dem Schild einer Bushaltestelle war ein Wortspiel zu lesen aus conejo (Kaninchen) und conexión (Verbindung). Nichtmal das gelbe Kaninchen im Mond gelang es zu erblicken; wahrscheinlich, weil gerade Halbmond (Kalebassenschalenmond) herrschte und das Kaninchen auf der anderen, unsichtbaren Seite oder im Inneren der Schüssel sich befand.

Wer schon immer wissen wollte wie absolute Leere aussieht, braucht lediglich dieses Stillleben um seinen Mexiko-Faktor zu bereinigen

Abends erscheinen mit dem Hunger jene klangvollen Worte, mit denen mexikanische Gerichte beschrieben werden. Ein mir zuvor völlig unbekanntes, zaubrisches gewinnt meine uneingeschränkte Aufmerksamkeit: Ninguijuti. Die kommunikative Kellnerin im Restaurant Ambar meint sogleich, dies sei eine hervorragende Wahl. Serviert wird eine Suppe mit Rücken- und Gulaschstücken vom Schwein in einer angedickten Brühe auf Basis von Maismehl mit Tomaten, grünen Chilis, Knoblauch, Annatto, Limone, dazu Bohnen, Habanerosauce und Tortillas. Die Bedienung liest mir während des Verzehrs die Begeisterung am Gesicht ab, was wiederum ihr sichtliche Freude bereitet. Aus dem Zoque käme die Bezeichnung, was sie aber bedeuten würde, wisse sie nicht. Die Chiapas-Küche sei eine Mischung aus Tradition, Mystizismus und indigenem Wissen/Handwerk und Ninguijuti die Schnittmenge daraus, lese ich später im Netz, das die wörtliche Bedeutung ebenfalls nicht zu kennen scheint. Auch das Zoque-Wörterbuch schweigt sich aus. Sollte „ninguijuti“ am Ende das seit Ewigkeiten vergeblich gesuchte, bedeutungsfreie, eine große Wort Gottes sein, das sich fleischlich-trivial in einem umwerfenden, grandiosen, alten Gericht manifestiert?