Tag an der Küste

promenade

die ganze Wahrheit über das Meer würde ich nie ertragen
geheimnisvolle Fischkreise im Gezeitenbereich gezeichnet
von Kameras die Ausschnitte meines Lebens parafrasieren

zwischen den Hotelblöcken überwintert die kleine Kapelle
Unserer Lieben Dame der Zementsäcke in Ochsenblut
früher kannte ich Kinder die waren in Gebeten eingesperrt

gegenüber windverwehten Horizonten und unter Einfluss
der Shopping-Musik setze ich mich neu zusammen wie
ein kubistisches Programm mit gedämpftem Grundimpuls

in tausenden Hotelfenstern spiegelt sich die Endlosigkeit
ich sehe nicht die Möwen sondern die möglichen Möwen
in Acryl lauernde Smartbirds auf Imbisswagenrückwänden

Die vielen Gesichter des Rheins

liebes land ist ein maßgeblich aus Bildern bestehender Beitrag in der April-Ausgabe der Zeitschrift Liebes Land überschrieben. Die Redaktion landete bei Artikel-Recherchen auf rheinsein und fragte mein Foto der letzten Rheinmeter bei Katwijk an, um es mit einem Teilhard de Chardin-Sinnspruch verknüpft halbseitig zu präsentieren. Liebes Land sieht sich als „ehrliches Magazin, das Menschen, Tradition und Wissenswertes, sowie Bewährtes im Heute“ präsentiert, um seine Leserschaft „mit einer Mischung aus Fakten und emotionalem Erzählton, untermalt mit schwelgerischen Bildern“ zu binden: ein konservatives Lifestyle-Magazin „für Frauen zwischen 30-69 Jahren mit hohem Interesse an Natur, Garten, Wohnen, die gern genießen aber auch anspruchsvoll sind“.

Versnetze_acht

versnetze_acht„Die vielfältigen Schreibweisen in der deutschsprachigen Lyrik der Gegenwart machen es jenen Rezipienten schwer, die sich nach einer fest umrissenen Ordnung in der Dichtung sehnen. Wenn man heute nach Gemeinsamkeit sucht, dann läßt sie sich am ehesten thematisch verorten. So ist schon seit einigen Jahren quer durch die Generationen eine verstärkte Hinwendung zur Naturlyrik zu beobachten, die sich auch wie ein roter Faden durch Versnetze_acht zieht. Doch es ist ein „Wellenritt in riffreicher Zone“ (Thomas Kling); denn einen gemeinsamen Nenner wie etwa eine auf Einverständnis zielende Ökolyrik oder blauäugiges Romantisieren wird man nicht finden. Dazu ist die auch mit Verfremdungen aufwartende, nicht selten mehrschichtige Naturpoesie zu subtil, filigran, vielgestaltig. Eindeutige Botschaften jedenfalls gehen bei diesem Wellenritt baden.“ (Herausgeber Axel Kutsch im Vorwort)

Wie stets grob nach Postleitzahlengebieten geordnet bietet die Anthologie weit über 200 Dichterstimmen aus der gesamten Republik. Von mir sind zwei Gedichte enthalten, die deutlich auf The Möwement mit seinen kosmisch zerdroschenen, zwischen Flug, Fraß, Sinn und Tod changierenden, Möwenprofeten zugeschriebenen Verlautbarungen hinweisen.

Versnetze_acht, Verlag Ralf Liebe, Weilerswist, 368 Seiten, 22 Euro, ISBN: 978-3-944566-47-4

applaudissement

Mit wenigen Monaten Verzögerung erreichte mich die diesjährige Ausgabe von applaudissement, der Münchner Zeitschrift für Literatur und Kunst – Herausgeber Bernhard Rusch drückte mir die aktuelle Nummer 19 jüngst in Köln persönlich in die Hand. applaudissement spricht sich, anders als sich vermuten ließe, nicht französisch, sondern deutsch „applau-disse-ment“. Erstmals im Kunstkontext abgedruckt wurde eines meiner The Möwement-Fotos, das eine Möwe im einsam-abenteuerlichen Flug durch die grünen Himmel über Rotterdams Hafenindustrie zeigt. Dazu gibt es einen Textausschnitt aus der Rhein-Meditation.

Mit Text- und Bildbeiträgen von Max Ackermann, Peter Adacker, Hazel Ang, Bobbie Dunn-Komarek, Elwood, Elzemieke De Tiège, Christian Engelken, Catalina Gomez, Maud Gravereaux, Gerald Grüneklee, Josef Hader, Lynn Hardacker, Thomas Höpfinger, Emmy Horstkamp, Manuela Illera, Jürgen Kerstiens, Justin Koller, Stan Lafleur, Joachim Lischka, Brigitte Yoshiko Pruchnow, Gabriele Rothweiler, Wencke Rowek, Bernhard Rusch, Tina Schlegel, Ulli Schmeling, Nina Schmid, Ines Seidel, Steve Toase, Niko Vartiainen und Bärbel Wolfmeier.

applaudissement, 36 Seiten, DIN A4, zahlreiche Farbbilder, 5 Euro. Zu beziehen über den TTR-Verlag.

Festschrift für Axel Kutsch

Festschrift_AK70

Die parasitenpresse gratuliert dem Dichter und Herausgeber Axel Kutsch mit einer Festschrift zum 70. Geburtstag! Mit Texten von Gerrit Wustmann, Marie T. Martin, Christoph Danne, Anke Glasmacher, Amir Shaheen, Guy Helminger, Sabine Schiffner, Adrian Kasnitz und einer in Verse gesetzten Geburtstagsmöwe von mir.

Die Möwe

es waren Comics aus denen sie in
geschwungenen Linien in die Sfären
strömte, angetrieben von Brotresten
und Sardinen, Pendlerin zwischen
unseren Träumen und Müllhalden

nun kommt sie zu uns herab und
predigt von Sonnen, von Nächten
in denen sie als Keilschrift
durch richtungslose Himmel fiel

nun wacht sie auf dem Schornstein
gegenüber. enträtselt mit nervösen
Blicken die Vorgänge in der Stadt

Treiben

treibende_2Ein mit After Effects animiertes Video von Paul Parker auf Vimeo zeichnet Möwenflugspuren nach und verfremdet sie zu helizierenden Bändern, die den Himmel beschreiben. Die Kölner Rheinmöwen zeigen dieser Tage ein abweichendes Verhalten, das an einen vom Mythos des Sisyphos inspirierten Zeitvertreib erinnert: mittelgroße Schwärme lassen sich in der Flußmitte nieder und gen Nordsee treiben, um sich kurz vor Leverkusen zu besinnen, aufzufliegen, an ihre Ausgangsstelle zurückzukehren und sich, die Schlaufe vollendend, erneut treiben zu lassen.

Was Fussball macht – Zur Kultur unseres Lieblingsspiels

was fuss ball machtBei Steidl ist dieser Tage mit Was Fussball macht ein spartenübergreifend konzipiertes Fußballbuch erschienen, das u.a. eine feine Abhandlung über die deutschsprachige Fußballlyrik seit ihren Anfängen enthält. Aus dem Verlagsinfo:

„Wenn Politiker Bilanz ziehen, sprechen sie gern einmal von »Spielminute«, »Tor« und »Fußball«. Angela Merkel nannte sich selbst »Teamchefin«. Dass in jedem Zusammenhang von Fußball die Rede ist, überrascht uns nicht mehr: Ob in den Feuilletons, beim Börsenkurs, in der Medizin oder im Wahlkampf – es lässt sich kaum ein Bereich des gesellschaftlichen Lebens denken, der nicht mithilfe von »Abseits«, »Abpfiff«, »Eigentor« und »Foul« viel leichter zu erklären wäre. Wie kommt es, dass Fußball so vieles umfasst und kulturell, ökonomisch, politisch, sogar philosophisch umgedeutet werden kann?

Passend zur Fußballweltmeisterschaft in Brasilien 2014 nähern sich Susanne Catrein und Christof Hamann mit Kolleginnen und Kollegen aus Kultur-, Literatur- und Medienwissenschaft dem Sport, der »fast alles ist«, von so unterschiedlichen Seiten, dass schnell klar wird: Fußball ist nicht nur ein ökonomisches, soziales und kulturelles, sondern auch ein intellektuelles Phänomen. Denn das Fußballspiel macht nicht allein Sprache, es macht vieles mehr: ungeheuer viel Geld etwa, Filme und Literatur, es produziert Ein- aber auch Ausschlüsse von Fremdem, und es wird zugleich als einmaliges Ereignis wie auch als traditionelles Kunstwerk mit Ewigkeitscharakter inszeniert. Der Band enthält außerdem literarische Texte und wird visuell durch einen eindrücklichen Fotoessay von der Europameisterschaft in Polen und der Ukraine sowie Bildern der vergangenen Weltmeisterschaft in Südafrika abgerundet.

Mit Beiträgen von Stephanie Catani, Susanne Catrein, Andreas Erb, Metin Genç, Torsten Hahn, Christof Hamann, Guy Helminger, Michael Hofmann, Paul Ingendaay, Christoph Jürgensen, Stan Lafleur, Andreas Lörcher, Maximilian Mengeringhaus, Rainer Merkel, Rolf Parr, Nicolas Pethes, Oliver Ruf, Julia Schöll, Helge Schultz und Ror Wolf.“

Die Buchpremiere fand bereits am 29. April vor komplett gefüllten Rängen im Kölner Literaturhaus statt. Hubert Winkels leitete zwei Gesprächsrunden mit mehreren Autoren zu wissenschaftlichen Aspekten des Spiels. Dazwischen las Rainer Merkel aus einer literarischen Skizze, in der ein zufälliger (!) gemeinsamer Stadionbesuch sich zur anrührenden, psychologisch grundierten Allegorie auf ein Vater-Sohn-Verhältnis auswächst, den Abschluß machte mein Gedicht auf Éric Cantona, der seit seinem berühmten Statement „When the seagulls follow the trawler, it’s because they think sardines will be thrown into the sea“ als „Honourable Member of the Möwement“ die Welt durcheilt. Der Veranstaltungsbeginn war kurzfristig vorgezogen worden, um dem Publikum die Gelegenheit zu geben, das Champions League-Halbfinalrückspiel zwischen Bayern München und Real Madrid in voller Länge schauen zu können. Dem Fakt des aufdräuenden Matches war auch geschuldet, daß sich das aus zahlreichen Fußballexperten bestehende Publikum unter Aufwendung höggschder Disziplin zurückhielt, den Bühnendiskurs um eigene Theorien zu ergänzen. Daß dasselbe Publikum geschlossen bis zur Schlußminute ausharrte, dürfte deutlich für die Veranstaltung gesprochen haben.