Die Möwe

Eines der Möwengedichte aus MINI WELT, ein Remix von The Sandhills der Chickasaw-Dichterin Linda Hogan, ist heute Text des Tages bei fixpoetry.

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MINI WELT bei Livres

An der Lyrischen Litfaßsäule, dem Gedichtbänden vorbehaltenen Part von Livres, dem Büchermagazin des luxemburgischen Tageblatts, bespricht Guy Helminger für die Sommerausgabe meinen jüngsten Auswahlband MINI WELT:

„Wussten Sie, dass das Meer der Feind der Dichtung ist, dass Möwen Pendlerinnen sind zwischen unseren Wünschen und Müllhalden? Wenn nicht, sollten Sie Stan Lafleur lesen, der seit langem zu den Großen der deutschsprachigen Lyrikszene zählt. Der Band MINI WELT (…) gewährt einen kleinen Einblick in Lafleurs momentanes Schaffen, sind die Gedichte doch unterschiedlichen unveröffentlichten Manuskripten entnommen. Während das Kapitel „Möwen von Jetzt“ Texte präsentiert, die alle zusammengehören, entlang einer feinen, bildlich ausgefeilten Linie operieren, und dabei über den vergehenden Moment in die Ewigkeit von Zeit verweisen, Erdgebundenheit hinter sich lassend bei der Erkundung des Alls, positioniert sich der Abschnitt „Wahrscheinlich schon in Bickendorf“ nicht nur in Lafleurs Wahlheimat Köln, sondern in der Spoken-Word-Akustik. Auch hier kennt der Dichter sich aus, gibt dem Deskriptiven den Vortritt, paart die Bilder mit Binnenreim und sich angleichenden Sounds. Beides hat Witz und ist von einem einnehmenden ästhetischen Gestaltungsprinzip durchzogen. Gutes Buch. (…)“

MINI WELT

mini welt_cover_warmMein neuer Auswahlband, herausgegeben von Michael Serrer und Adrian Kasnitz, beinhaltet 28 Gedichte über die Möwe im Zeitalter ihrer technischen Reproduzier- und neoliberal geprägten Anpreisbarkeit, über heimatlichen Umgebungswandel und den Stand der Fortschritte zur Aufhebung der Klassengesellschaft. Geschrieben habe ich sie am Rhein, am Bosporus, auf meinem Mauenheimer Balkon und im Fernbus während langwieriger Polizeikontrollen an den innereuropäischen Grenzen. Die Bora, einer der stärksten Winde der Welt, half mit scharfböig vorgetragener, rüttelnder und jaulender Kritik beim Textschliff, als ich bei Zvona i Nari in Ližnjan als Artist in Residence zu Gast sein durfte.

Den Schwerpunkt des Bandes bildet das Eingangskapitel Möwen von Jetzt. Das Wesen des Vogels, eines der beliebtesten Motive der Dichtung, befindet sich im Wandel. Bereits vor 280 Jahren hatte der französische Ingenieur Jacques de Vaucanson eine hochkomplexe automatische Ente gebaut, die trinken, essen, mit den Flügeln flattern, schnattern, paddeln und sogar verdauen konnte, ein mechanisches Wunderwerk, das seinen Schöpfer berühmt machte. Diesem flugunfähigen canard digérateur folgten diverse Ornithopter: mechanische Vögel mit Schlagapparat und/oder Gleitfähigkeiten, angetrieben von Pressluft, Kohlensäure oder Revolverpatronen. Einen solchen künstlichen Vogel sah ich erstmals 2012 in Istanbul den Galataturm im Flug umrunden. Angetrieben von einem Gummimotor hielt er sich gute zehn Sekunden in der Luft und vollführte erstaunliche Kapriolen. Wo er flog, flogen auch biologische Spatzen, Tauben und Möwen. Die Bausätze, die es um sehr kleines Geld zu erstehen gab, hatten aus Fernost an diesen historisch belasteten Ort der Aeronautik gefunden. Bereits ein Jahr zuvor hatte der schwäbische Automatisierungsbetrieb Festo den SmartBird entwickelt, einen bionisch-elektronischen, der Silbermöwe nachempfundenen Vogel, und für sich in Anspruch genommen, den Vogelflug technisch entschlüsselt zu haben. Ungefähr zur gleichen Zeit lernte ich in einem Workshop bei Hannes Hoelzl wie handelsübliche Alarmanlagen zu Singvögeln umgelötet werden können – seither ist mein Gehör für artifizielle Vögel im öffentlichen Raum sensibilisiert: die Eroberung unserer Umwelt durch künstliche Vögel, die in der Dichtung bisher nicht sonderlich auffällig wurden, hat bereits vor einem Vierteljahrtausend begonnen.

Die übrigen Kapitel handeln von Umgebungen, die der neue Supervogel mit seinen Kameraaugen aufnehmen und für un/bestimmte Zwecke abspeichern könnte: Zeugnisse sich ausbeulender Zeit- und Gesellschaftsmatrix, des Alles und Nichts – häufig aus in der Lyrik eher unterrepräsentierten Perspektiven auf den kleinbürgerlichen, proletarischen und randständigen Alltag.

Der Titel des Bandes, MINI WELT, sollte ursprünglich barockes Ausmaß erreichen, Inhalte, Entstehungsbedingungen und Förderer in einem über mehrere Zeilen mäandernden Satz inklusive Kommata und Punkt berücksichtigen, um aktuelle Produktionsvorgaben hiesiger Dichtung mit einer gefilterten Rückspiegelsicht auf feudale Bedingungen zu überblenden. Die Corporate Design-Vorgabe der Reihe ließ das nicht zu. Nun also MINI WELT – zum Minipreis von 5 Euro. Das sind knapp 18 Cent pro Gedicht, ein unverschämt günstiger Preis, der dadurch zustande kommen konnte, daß die Nyland-Stiftung Druck und Lektorat der Reihe subventioniert.

MINI WELT, Lyrik-Edition Rheinland, Edition Virgines, Düsseldorf 2017
32 Seiten, 14,5 x 21 cm, Taschenbuch, 5 Euro, ISBN: 978-3944011660

Tag an der Küste

promenade

die ganze Wahrheit über das Meer würde ich nie ertragen
geheimnisvolle Fischkreise im Gezeitenbereich gezeichnet
von Kameras die Ausschnitte meines Lebens parafrasieren

zwischen den Hotelblöcken überwintert die kleine Kapelle
Unserer Lieben Dame der Zementsäcke in Ochsenblut
früher kannte ich Kinder die waren in Gebeten eingesperrt

gegenüber windverwehten Horizonten und unter Einfluss
der Shopping-Musik setze ich mich neu zusammen wie
ein kubistisches Programm mit gedämpftem Grundimpuls

in tausenden Hotelfenstern spiegelt sich die Endlosigkeit
ich sehe nicht die Möwen sondern die möglichen Möwen
in Acryl lauernde Smartbirds auf Imbisswagenrückwänden

Die vielen Gesichter des Rheins

liebes land ist ein maßgeblich aus Bildern bestehender Beitrag in der April-Ausgabe der Zeitschrift Liebes Land überschrieben. Die Redaktion landete bei Artikel-Recherchen auf rheinsein und fragte mein Foto der letzten Rheinmeter bei Katwijk an, um es mit einem Teilhard de Chardin-Sinnspruch verknüpft halbseitig zu präsentieren. Liebes Land sieht sich als „ehrliches Magazin, das Menschen, Tradition und Wissenswertes, sowie Bewährtes im Heute“ präsentiert, um seine Leserschaft „mit einer Mischung aus Fakten und emotionalem Erzählton, untermalt mit schwelgerischen Bildern“ zu binden: ein konservatives Lifestyle-Magazin „für Frauen zwischen 30-69 Jahren mit hohem Interesse an Natur, Garten, Wohnen, die gern genießen aber auch anspruchsvoll sind“.

Versnetze_acht

versnetze_acht„Die vielfältigen Schreibweisen in der deutschsprachigen Lyrik der Gegenwart machen es jenen Rezipienten schwer, die sich nach einer fest umrissenen Ordnung in der Dichtung sehnen. Wenn man heute nach Gemeinsamkeit sucht, dann läßt sie sich am ehesten thematisch verorten. So ist schon seit einigen Jahren quer durch die Generationen eine verstärkte Hinwendung zur Naturlyrik zu beobachten, die sich auch wie ein roter Faden durch Versnetze_acht zieht. Doch es ist ein „Wellenritt in riffreicher Zone“ (Thomas Kling); denn einen gemeinsamen Nenner wie etwa eine auf Einverständnis zielende Ökolyrik oder blauäugiges Romantisieren wird man nicht finden. Dazu ist die auch mit Verfremdungen aufwartende, nicht selten mehrschichtige Naturpoesie zu subtil, filigran, vielgestaltig. Eindeutige Botschaften jedenfalls gehen bei diesem Wellenritt baden.“ (Herausgeber Axel Kutsch im Vorwort)

Wie stets grob nach Postleitzahlengebieten geordnet bietet die Anthologie weit über 200 Dichterstimmen aus der gesamten Republik. Von mir sind zwei Gedichte enthalten, die deutlich auf The Möwement mit seinen kosmisch zerdroschenen, zwischen Flug, Fraß, Sinn und Tod changierenden, Möwenprofeten zugeschriebenen Verlautbarungen hinweisen.

Versnetze_acht, Verlag Ralf Liebe, Weilerswist, 368 Seiten, 22 Euro, ISBN: 978-3-944566-47-4

applaudissement

Mit wenigen Monaten Verzögerung erreichte mich die diesjährige Ausgabe von applaudissement, der Münchner Zeitschrift für Literatur und Kunst – Herausgeber Bernhard Rusch drückte mir die aktuelle Nummer 19 jüngst in Köln persönlich in die Hand. applaudissement spricht sich, anders als sich vermuten ließe, nicht französisch, sondern deutsch „applau-disse-ment“. Erstmals im Kunstkontext abgedruckt wurde eines meiner The Möwement-Fotos, das eine Möwe im einsam-abenteuerlichen Flug durch die grünen Himmel über Rotterdams Hafenindustrie zeigt. Dazu gibt es einen Textausschnitt aus der Rhein-Meditation.

Mit Text- und Bildbeiträgen von Max Ackermann, Peter Adacker, Hazel Ang, Bobbie Dunn-Komarek, Elwood, Elzemieke De Tiège, Christian Engelken, Catalina Gomez, Maud Gravereaux, Gerald Grüneklee, Josef Hader, Lynn Hardacker, Thomas Höpfinger, Emmy Horstkamp, Manuela Illera, Jürgen Kerstiens, Justin Koller, Stan Lafleur, Joachim Lischka, Brigitte Yoshiko Pruchnow, Gabriele Rothweiler, Wencke Rowek, Bernhard Rusch, Tina Schlegel, Ulli Schmeling, Nina Schmid, Ines Seidel, Steve Toase, Niko Vartiainen und Bärbel Wolfmeier.

applaudissement, 36 Seiten, DIN A4, zahlreiche Farbbilder, 5 Euro. Zu beziehen über den TTR-Verlag.

Festschrift für Axel Kutsch

Festschrift_AK70

Die parasitenpresse gratuliert dem Dichter und Herausgeber Axel Kutsch mit einer Festschrift zum 70. Geburtstag! Mit Texten von Gerrit Wustmann, Marie T. Martin, Christoph Danne, Anke Glasmacher, Amir Shaheen, Guy Helminger, Sabine Schiffner, Adrian Kasnitz und einer in Verse gesetzten Geburtstagsmöwe von mir.