In memoriam Thien Tran

„Das Schönste, was ein Mensch hinterlassen kann, ist ein Lächeln im Gesicht derer, die an ihn denken“ steht seit Wochen eine Spruchweisheit auf einem tönernen Grabteller im Schaufenster des Bestatters gegenüber ausgestellt. Ein Satz, der die Frage aufwirft, ob dem Verfasser bei der Niederlegung bewußt gewesen war, wieviele Arten des Lächelns der Menschheit zur Verfügung stehen. Wenn ich heute zwischen Bäcker und Frühstück anbetrachts dieser kitschigen Schaufensterausstattung an Thien Tran zurückdenke, der gestern vor sechs Jahren im Alter von nur 31 Jahren von uns ging, verspüre ich unter anderem auch ein Lächeln: ein überaus schmerzvolles, das mir darüber Auskunft erteilt wie schwierig für einige von uns das Leben ist und wie eklatant Klüfte zwischen zwei Menschen mit verwandten Absichten, die sich am Tisch bei Kaffee oder Bier gegenübersitzen, klaffen können.

„mein Haus. das ist ein Jahrmarkt / wo die Freundschaft ein- und ausgeht“

Denn solche um Austausch bemühten Gespräche habe ich in Köln mit Thien, meist im Café Storch auf der Aachener Straße, über ein knappes Jahrzehnt hinweg ungezählte geführt: über das Wesen der Dichtung und der Freundschaft, über Möglichkeiten und Schwierigkeiten des Dichterlebens, etwaige Neuigkeiten, unseren Alltag. Weil Thien häufig Selbstverständlichkeiten, übertrieben gesagt: jeden einzelnen Buchstaben des einmal Gehörten oder Gelesenen in Frage zu stellen gewillt war, bis vielleicht eine wahre Essenz übrig bliebe, weil viele seiner Vorgehensweisen sich mir kaum über die augenscheinlich verzweifelte Akribie hinaus erschlossen, mit der er sie betrieb, möglicherweise vor allem aufgrund unseres Altersunterschieds (ich hatte rund zwanzig Jahre zuvor ein ähnliches Programm absolviert), gelangen dabei selten gemeinsame Nenner.

„diese Linien im Kopf / sind die Linien der Flucht / keine Fluchtlinien“

In besagtem Café Storch, einem früher bei Dichtern beliebten Straßencafé im Belgischen Viertel unweit seiner Wohnung, war Thien jahrelang zuverlässig anzutreffen gewesen. Zu Beginn eines unserer ersten Zusammentreffen schenkte Thien mir dort Mangostan- und Rambutanfrüchte, die seine Mutter ihm anläßlich einer vietnamesischen Feier mitgegeben hatte und die er loswerden wollte, weil alles, was mit dem Thema Vietnam verbunden war, ihn bedrückte. Über seine Familie erzählte er ungern. Thien war als Kleinkind mit seinen Eltern als Flüchtling nach Deutschland gekommen. Erinnerungen daran besaß er keine. Was ich von meinen Reisen nach Vietnam zu berichten gehabt hätte, interessierte ihn nicht. Seine Wurzeln waren gekappt, zumindest beschädigt, in Sprache schlug er aus. In Sachen Sprachfindung wirkte Thien ebenso gehemmt wie besessen. Das konnte so aussehen, daß er sich über seine eigenen Sätze geradezu verzweifelt ärgerte, weil sie ihm nicht präzise genug erschienen; das konnte so aussehen, daß er ein Gespräch abrupt beendete und schimpfend davonstürzte, wenn ihm eine Äußerung seines Gegenübers nicht paßte.

„viele meiner Abonnenten / sind unzufrieden. weil ich ihnen immer / meine Probleme mitliefere“

Seine intensive Beschäftigung mit der Lyrik (oft trug er Bücher, Kladden und Manuskriptseiten mit sich), seine Seelenschwankungen (welche das Café Storch oder zumindest Tischecken davon auszufüllen in der Lage waren), seine Unfähigkeit zu freundschaftlichem Umgang und Liebesbeziehungen, seine Demonstrationen schlechter Laune entfremdeten ihn den meisten Menschen wie wohl auch die Folgen seiner über Jahre hinweg bitteren materiellen Armut. Entspanntere, hoffnungsfrohe Fasen, in denen er auf Perspektiven vertraute, wechselten mit solchen, in denen er vorwiegend innere Kämpfe ausfocht, die, wie mir zugetragen wurde, zunehmend in heftigen unkontrollierten Reaktionen mündeten, die Dritte vor den Kopf stießen. Unter der Auflage, es für mich zu behalten, hatte Thien mir erzählt, daß er vor seinem Auftauchen in Köln aufgrund psychischer Probleme eine Weile in Behandlung gewesen sei. Gelegentliche Ratschläge, sich mit seinen Problemen erneut an Fachleute zu wenden, schlug er mit der Begründung aus, daß solche Konsultationen erfahrungsgemäß zu nichts führen würden.

„die Bourgeoisie / nominierte diesen Kandidaten. die Sonntage nun schon / zum dritten Mal ausgezeichnet“

Als das Verlagshaus J. Frank (heute: Verlagshaus Berlin) sein lyrisches Debut fieldings herausbrachte, hatte Thien, der bis dahin kaum etwas veröffentlicht hatte, bereits erste Preise gewonnen und nach und nach mit der kompletten Kölner Dichterschaft gebrochen. fieldings hatte ich ungefähr zwei Jahre vor Erscheinen in einer ersten Version auf Thiens Wunsch lektoriert. Davon war später in den Credits keine Rede. Die Preise verhalfen Thien dazu, seine Gedichte über Kölns Kreise hinaus zu präsentieren. Sonderlich wohl schien er sich damit nicht zu fühlen. Unsere Gespräche wurden seltener und verliefen zuletzt so unerquicklich, daß ich ihm schrieb, es wäre an der Zeit, unsere Treffen auszusetzen. Er antwortete freundlich, wünschte mir Glück. Wenige Monate später hörte ich Gerüchte, Thien habe Köln verlassen.

„der luftleere Raum war uns / zu unpersönlich. wir strebten auseinander“

Obwohl oder vielmehr gerade weil wir in den letzten Monaten seines nun für immer jungen Lebens keinen Kontakt mehr pflegten, beschäftigt Thiens Tod seither jedes Jahr meine Gedanken. Die Todesnachricht hatte mich hart getroffen. (Thien ist in Paris gestorben, von Freitod hörte ich KollegInnen sprechen, ohne daß genauere Umstände zu erfahren gewesen wären.) Beinahe ebenso wie die Todesnachricht verstörten mich damals Äußerungen einiger weniger KollegInnen und gemeinsamer Bekannter: Verächtlichkeit und Mißgunst über den Tod hinaus für einen jungen Mann, für den das Wort Tragik gemacht schien. In Köln hatte Thien, vom Grundsatz ein defensiver Typ, es sich offenbar derart verscherzt, daß bis heute keine (literarische) Gedenkveranstaltung stattfand. fieldings ist nicht mehr lieferbar, ein möglicher Nachlaßband bisher nicht erschienen.

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Ausschließlich KollegInnen außerhalb Kölns hatten vor sechs Jahren auf Thiens Tod öffentlich reagiert. Der poetenladen versammelt unter einigen wenigen Gedichten Thiens den Nachruf von Ron Winkler und eine akustische Gedenkminute von Mara Genschel. Ein kurzes literarisches Innehalten für Thien von Tom Bresemann, Simone Kornappel und Philip Maroldt ist bei lyrikkritik erschienen.

Nachtrag, 19. Dezember 2016
Ich darf mich korrigieren: Thorsten Krämer schrieb, nachdem ich diesen Artikel heute früh auf Facebook verlinkt hatte, er meine sich zu erinnern, daß er seinerzeit im Forum der 13 auf Thiens Tod mit einer Note reagiert habe. Damit hätte immerhin auch ein Kölner Kollege sich öffentlich geäußert. Der betreffende Beitrag ist allerdings mit dem gesamten, einst reichhaltigen und literaturgeschichtlich sehr interessanten Archiv des Forums nicht mehr zugänglich.

Neulich, in der Kölner Literaturszene (10)

Im Rahmen der Reihe Kölner Gespräche zur Weltliteratur war der guatemaltekische Autor Eduardo Halfon, dessen Buch Der polnische Boxer ich hier vorgestellt habe, zu Gast im Neuen Senatssaal der Universität zu Köln (Hauptgebäude, Albertus-Magnus-Platz 1). Eine für ihren Aufwand recht klandestin angelegte Veranstaltung, auf die mich Timo Berger aufmerksam gemacht hatte, der die Übersetzung des Autorengesprächs besorgte. Halfon, der derzeit vom Literaturbetrieb zum neuen Star der lateinamerikanischen Literatur aufgebaut wird, las mit gutem Gefühl für die Textmaterie aus seinem gerade auf deutsch erschienenen Buch Signor Hoffman die bildstarke, haften bleibende Erzählung Bambus, die an der guatemaltekischen Pazifikküste angesiedelt auf engem Raum Gegensätze und Wildheit des mittelamerikanischen Landes thematisiert:

Ich kam an einem Stück Land mit Cashew- und Mangobäumen vorbei, an einer verlassenen Tankstelle, an einer Gruppe sonnengebräunter Männer, die ihr Gespräch unterbrachen und mich nur aus dem Augenwinkel betrachteten, aus Ressentiment oder Zurückhaltung. Die Erde unter den Füßen war keine Erde, sondern Papierfetzen und Verpackungsmaterial und trockenes Laub und Plastiktüten und ein paar Reste von grünen Mandeln, zertreten und moderig. In der Ferne hörte ein Schwein nicht auf zu brüllen. Ich ging langsam weiter, ohne mir Gedanken zu machen, betrachtete eine Mulattin auf der anderen Straßenseite, zu dick für ihren schwarz-weiß gestreiften Bikini, zu pausbäckig für ihre hohen Absätze. Auf einmal spürte ich Nässe am Fuß. Ich hatte mir die Mulattin zu lange angesehen und war dabei in eine rötliche Pfütze getreten. Ich blieb stehen. Als ich nach links blickte, in eine dunkle, enge Lagerhalle, entdeckte ich, dass der Boden dort voller Haie war. Kleine Haie. Mittelgroße Haie. Blaue Haie. Graue Haie. Braune Haie. Sogar ein paar Hammerhaie. Alle trieben sozusagen in einer Suhle aus Salzwasser und Eingeweiden und Blut und noch mehr Haien. Der Geruch war fast nicht zu ertragen. Ein Mädchen kniete da. Das Gesicht glänzend von Wasser und Schweiß. Ihre Hände griffen in einen langen Einschnitt im weißen Bauch des Hais und zogen innere Organe und Eingeweide heraus. (…) Mir fiel auf, dass die meisten Haie schon keine Flossen mehr hatten. Ich erinnerte mich, irgendwo gelesen zu haben, dass es da einen internationalen Schwarzmarkt gab. Den Flossenmarkt. Da wird man aufpassen müssen, dachte ich, später im Meer. An so einem Haifischtag.

Das begleitende Gespräch drehte sich vornehmlich um die bei Halfon zentrale Frage nach der literarischen Identität. Die Eduardo-Figur seiner Bücher ähnle ihm in Aussehen und Alter, rauche jedoch wie ein Schlot, während er selber „zu feige“ zum Rauchen sei, meinte der Autor und stupste dabei fleißig den Moderator an. Dass seine Hauptfigur stets seinen Namen trage, habe „sich mit der Zeit so ergeben“. Seine Auseinandersetzung mit Guatemala stehe vor dem Hintergrund, dass er mit seiner Familie das Land während des Bürgerkriegs in Richtung USA verlassen habe müssen. Als Jude sei er in Guatemala ein seltenes Exemplar, auch seine Statur und sein Spanisch unterschieden ihn von klassischen Guatemalteken. In den USA habe er Englisch zu denken begonnen und seine Studien in der neuen Sprache abgeschlossen. Erst im Alter von 23 Jahren habe er sich wieder auf das Spanisch seiner Herkunft, in dem er seither sämtliche Erzählungen verfasst, besonnen.

Gerahmt wurde Halfons sympathischer Auftritt von einem Literarischen Quintett, das aus Heinrich von Berenberg (Berenberg Verlag), Anita Djafari (LitProm), Ijoma Mangold (Die Zeit), Thomas Sparr (Suhrkamp) und Nicole Witt (Agentur Mertin) bestand und über Gründe der geringfügigen Repräsentation von Literaturen aus dem Dritte Welt-Gürtel auf dem deutschen Buchmarkt sich austauschte, sowie einem Empfang mit Quiche und Wein.

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Im Literaturklub (Theater Die Wohngemeinschaft, Richard-Wagner-Str. 39) lud Adrian Kasnitz zum zweiten Mal zum Lyrikfest Über der Kimmung. Mehrere Lesungen wurden zunächst zaghaft begleitet von variantenreichen, frei in den Raum geworfenen Lautäußerungen eines Babys in der Sitzreihe hinter mir. Nachdem das Baby unter den Stühlen in meine Reihe vorgekrochen war, gelang es mir nach und nach, seine Laute zu koordinieren. Fortab gickste und juchzte das Kind nicht nur, sondern begann mit den Armen zu arbeiten, an mir herumzuzupfen und an seiner Mimik zu feilen: eine Performancenatur, die einige Bühnenvorträge auszustechen vermochte.

Was noch gut war: Wolfgang Schiffer stellte die isländischen Atomdichter vor, die in den 50er-Jahren mit den seit Jahrhunderten erstarrten Versformen der Edda und der Skalden brachen und damit gesellschaftliche Skandale auslösten, die – die Rede ist vom Umgang mit lyrischen Traditionen! – bis hin zu Morddrohungen gereicht haben sollen. Rund 50 Gedichte der Atomdichter und ihrer Nachfolger hat Wolfgang Schiffer, der die Texte mit anderen ins Deutsche übertrug, bisher auf seinem Blog Wortspiele in der Serie Dichtung von der Insel aus Feuer und Eis einzeln vorgestellt und mit zusätzlichen Informationen, Anekdoten und Fotos versehen. Zum Einstieg empfehle ich: Wintertag von Stefán Hörður Grímsson und Sauberland aus den Supermarkt-Gedichten Andri Snær Magnasons.

Ein weiterer Höhepunkt war die Lesung von Menno Wigman aus Amsterdam. Menno hatte ich 2008 in der Bukowina anläßlich eines einwöchigen Poesiefestivals kennengelernt, wo ich erstmals auf seine Gedichte stieß, deren schwarzromantische, von Popelementen und milder Nostalgie durchwirkte Eleganz mich umgehend einnahm. Von schönen Idioten war darin die Rede, von der abstrusen wie konkreten Verletzlichkeit von Körper und Seele, und davon wie es kommt, daß in Amsterdam soviele Männerleichen in den Grachten aufgefunden werden. Um Mitternacht, wenn wir von ganztägigen Bustouren zu den Auftritten in den bukowinischen Ortschaften nach Suceava zurückgekehrt waren, hatten wir uns desöfteren bei Zigaretten und rumänischem Wodka der Marke Stalin in die kleineren Parks verzogen, um im Windschatten der Karpaten die europäische Literaturlandschaft und Popgeschichte zu zerreden. Mittlerweile ist Menno mit seinem Auswahlband Im Sommer stinken alle Städte in deutscher Übertragung bei der parasitenpresse gelandet, bei der auch drei meiner Gedichtbände erschienen sind. Der Abend brachte zutage, daß Menno (neben vielen anderen niederländischen und flämischen Dichtern) im Auftrag der Stiftung De Eenzame Uitvaart Nachruf-Gedichte für Verstorbene ohne Angehörige schreibt, eine Idee, die auf Bart FM Droog, einen weiteren befreundeten niederländischen Kollegen zurückgeht. Wünschenswert wäre, daß diese Idee auch in Deutschland Unterstützung erlangt. Ein großartiges Beispiel ist das Gedicht Hou niet van mij (Lieb mich nicht), das Menno für den in Serbien geborenen Igor K. (1970-2016) verfaßt hat:

Hou niet van mij

Het was een feest, je weet niet meer wanneer,
je brak een tand, je weet niet meer waarom,
maar bloedend had je het bestaan doorgrond.

Je bleef de bodem uit je leven slaan:
een optocht hier, een vaandel daar, de roes
van witte grafmuziek om voor te sterven.

Ik zie je, Igor, ik zie je en ik lees je lichaam.
Dit is wat je tatoeages me vertellen:
hou niet van mij, maar vrees me, vrees me.

Hoe lang al was je in jezelf verongelukt?
Waar kon je heen met die beladen huid?
– Jij met je laarzen vol verstand, verstrikt

in hevig wit en radeloze razernij,
je zocht gejaagd een lus voor je gelijk,
hing het op straat voor iedereen te kijk.

***

Macht und Ohnmacht der Worte war das Programm der Kölner Literaturtage, organisiert vom lokalen VS (Verband deutscher Schriftstellerinnen und Schriftsteller), betitelt, mit natürlichem Schwerpunkt auf politischer Literatur. Im Academyspace (vormals Teapot, Herwarthstr. 3) der Akademie der Künste der Welt befragte Roberto Di Bella die Autoren Ramy Al-Asheq, Vougar Aslanov und Safiye Can zu ihren Erfahrungen mit Flucht und Migration.

Der „staatenlose syrische Palästinenser“ Al-Asheq lebt derzeit in Köln, wo er als Chefredakteur seit einem knappen Jahr die (wie es hieß) erste arabische Zeitung Deutschlands, Abwab (Türen), betreibt – die FAZ berichtete im Februar über das Projekt. Als Lesebeitrag trug Al-Asheq aus einem Langgedicht vor, welches klassische Elemente arabischer Lyrik als Stream of Consciousness mit freizügig-modernem Vokabular neu anzuordnen schien und um einen Mordanschlag auf den Autor in Damaskus sich gruppierte: für meine nicht sonderlich mit arabischer Lyrik vertrauten Ohren eine neuartige und hochinteressante Erfahrung.

Safiye Can, eine in Deutschland geborene Autorin mit tscherkessischen Wurzeln, auf die ich bereits als Übersetzerin türkischer Lyrik ins Deutsche hingewiesen habe, trug in einem Stil vor, der an Slam Poetry (und mich insbesondere an meine eigenen Performances früherer Jahre) erinnerte: eingängige, für die Bühne überaus brauchbare Gedichte, die sich am gül ve bülbül (Rose und Nachtigall)-Motiv der türkischen bzw. vorderasiatischen Literatur orientieren: der schwierigen, unerwiderten Liebe.

Spiralkanal in Odonien

Seit zehn Jahren gräbt der kroatisch-liechtensteinische Künstler Vlado Franjević seine Spiralkanäle und betreibt damit eine Mischform aus Land Art und Vernetzungskunst. An einigen der Kanäle, die inzwischen in neun europäischen Ländern realisiert wurden und rund um den Globus abstrahlen, war ich mit Wort- und Bildbeiträgen beteiligt. So auch am aktuellen Projekt, das Vlado in den vergangenen beiden Wochen als Artist in Residence des Kölner Freistaats Odonien (einem weitläufigen Atelier- und Veranstaltungsgelände des Skulpturisten Odo Rumpf) umsetzte. Gestern fand die Abschlußpräsentation der Kölner Kanalaktion statt.

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Der frisch ausgehobene Spiralkanal in einem toten, dafür umso grüneren Winkel Odoniens

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Ausschnitt der Bildwand im Artist in Residence-Container

Zum Motto der Kölner Grabung „Spiralkanäle für Frieden – Vom Mauerfall zum Drahtgrenzenbau“ hatten Künstler aus mehreren Ländern für die Aktion gefertigte bildnerische Werke eingereicht, von denen eine Auswahl auf Fahnen gedruckt im Artist in Residence-Container zur Ausstellung kam. Darunter zwei Fotoarbeiten aus dem Hause Lafleur. Über den konkreten Grabungsort wirken die Kanäle auch im Internet und an Parallelplätzen. So war z.B. die Menschenspirale vor dem Kölner Dom Anfang April dieses Jahres, die zu Solidarität mit Flüchtlingen aufgerufen hatte, mit dem Projekt verknüpft gewesen.

Nachdem ich bereits 2008 zum Spiralkanal im liechtensteinischen Ruggell im dortigen Regionalmuseum Küefer-Martis-Huus eine Rede gehalten hatte, wurde in Odonien nun meine zweite Ansprache fällig. Hausherr Rumpf spendierte anschließend Bier und setzte mit dem Gabelstapler einen gewaltigen Regenschirm um, damit das Projekt trotz feindseliger Niederschläge, welche sich auch auf die Grabungsarbeiten ausgewirkt hatten, ausgiebig im Freien diskutiert werden konnte.

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Fluchtweg, Odonien

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Nachtrag, 11. Juni 2016
Am 08. Juni berichtete das Liechtensteiner Volksblatt von der Abschlußpräsentation und dabei u.a. über Aspekte meiner Ansprache.

Neulich, in der Kölner Literaturszene (9)

Der monatlich im Theater „die wohngemeinschaft“ stattfindende Literaturklub hat sich zu einer Konstante unter den Kölner Lesebühnen gemausert. Mit Guy Helmingers und Navid Kermanis Literarischem Salon, der auf international bekannte Stimmen spezialisiert ist, der von Christoph Danne betriebenen Lyrikreihe hellopoetry! und der auf junge Autoren ausgerichteten Cafélesung Land in Sicht, die von einem fünfköpfigen Team betreut wird, zählt der Literaturklub zu den interessantesten Kölner Literaturveranstaltungen. Ihr Betreiber Adrian Kasnitz setzt auf frische, bisweilen borstige Stimmen: gute bis hochqualitative literarische Alternativen zum Angebot, das den Markt und somit die bekannteren Feuilletons beherrscht. Das hat sich herumgesprochen: der anfänglich schwankende Publikumszuspruch ist passé, die Literaturklub-Abende sind mittlerweile regelmäßig gut besucht.

Der aktuelle Märztermin stand, recht allgemein gehalten, im Zeichen „neuer Texte“. Neben Gastgeber und Kurator Adrian Kasnitz, der gelegentlich die Moderatorenrolle verläßt und eigene Texte vorstellt, lasen diesmal Miriam Zeh und Joachim Geil.

Kasnitz begann mit Ausschnitten aus dem jüngst in der hauseigenen parasitenpresse erschienenen Band 2 (Februar) seines „auf sechs bis zehn Jahre“ angelegten Langzeitprojekts Kalendarium, das für jeden Kalendermonat einen Band mit je einem Gedicht pro Kalendertag vorsieht. Die von Alltagssituationen und Polaroids ausgehenden Februartexte ankern, saisongemäß, zumeist in Beschreibungen winterlicher Heimeligkeit, die, mithilfe antiidyllischer Spiegelungen und diverser „Techniken gegen die Jahreszeit“ gebrochen und aufgeschüttelt vom morbiden Charme der Bourgeoisie, sich zu Schneekugellandschaften runden, die seltsam wirklich erscheinen. Der Alltag kippt in von Falltüren und Melancholie durchsetzte Minidramen: so entwirrt sich aus dem Kabelsalat einer Homerecording-Session ein fatalistischer Strick als offene Exit-Variante. Kasnitz‘ tonlos gehaltenem Vortrag fehlten auf der Bühne lediglich Kaminfeuer und Schwarzweißfilter, seine Februargedichte in die perfekte Vortragsumgebung zu rücken.

Miriam Zeh eröffnete auf Kasnitz‘ Eingangsfragen mit verdruckst vorgebrachten Anekdoten zu ihrer Teilnahme an der Schreibwerkstatt an der Kölner Universität: so habe sie Werkstättenleiter Marcel Beyer „beinahe mit einer Zigarette den Mantel angezündet“ und wisse nicht recht wie sie den Eindruck vermeiden könne, Kurs und Kursleiter hätten anstatt über Literatur sich auszutauschen nur Bier getrunken. Verhaltenes Gelächter. Es folgte eine gedehnte Kurzgeschichte aus dem Jugendorchestermilieu: glasklare Sätze, punktgenau über musikalisches Fachwissen komponiert, Daphnis und Chloe-Thema, Flöten- und Oboeproben verschaltet mit sexuellem Erwachen. Zehs rhythmisch geschulter, beeindruckender Vortrag kaschierte inhaltliche Längen, die langsam und technizistisch aufgebaute Lolita-Erotik zwischen der zunächst fünfzehnjährigen, später im Studentenalter befindlichen Holzbläserin und ihren kugelbäuchigen Lehrern im fortgeschrittenen Mannsalter mündet, überraschend harsch und trashig, in einen katastrofalen Liebesspaziergang am apokalyptisch vermüllten Rheinufer, „der perfekten Gegend, um sich zu erschießen“. Eine zweite Lolita-Geschichte, diesmal im Ponyhofmilieu angesiedelt, mit Passagen „zum Kichern“ wie Zeh anmerkte, entschwand noch während des wiederum gekonnten Vortrags meinem Gedächtnis.

Als dritter Abendgast las Joachim Geil aus seinem im Herbst bei Steidl erscheinenden neuen Roman Ruhe auf der Flucht über ein mit überbordender Fantasie gesegnetes Mißbrauchsopfer auf Rachefeldzug. Den Ausschnitt hatte Geil eigens für die Veranstaltung umgeschrieben und von der nahen Zukunft in die Gegenwart des Jahres 2016 verfrachtet. Vor einem Supermarkt im Industriegebiet in den klandestinen Tiefen der Pfalz greifen ein Kind (der sich erinnernde Ich-Erzähler) und ein nach Genußmittelkonsum riechender Erwachsener zugleich nach einer Pepsibüchse („beide Hände wie Handschellen um die Dose gekrallt“), auf der eine Dorflotterie-Zahl angebracht steht: eine grandiose Auftaktszene, die an Italowestern gemahnte. Geil verfiel umgehend in wogenden Vortrag, der den wogenden, mit postmoderner Aforistik („Erst born to be wild, dann warst du Sachbearbeiterin“) und Ziffernversessenheit applizierten Erinnerungen seines Protagonisten entsprach: vor dem Publikum, welches plötzlich aus unerfindlichen Gründen schwarmartig per Smartfone durchs Netz surfte, entstand ein nie zuvor erblicktes pfälzisches Meer, in dem auf begeisternde Art Humor, Schrecken, amorfe Provinzschatten und gute Stücke Weltgeschichte einherschwappten: starker Text, starker Vortrag, Joachim Geils dritter Roman muß wohl mit Vorfreude erwartet werden.

İstanblues

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İstanblues fungiert als Kompilation der ersten beiden Bände (Beyoğlu Blues, Istanbul Bootleg) der Istanbul-Trilogie des Kölner Dichters Gerrit Wustmann. Die zweisprachige Ausgabe erscheint nur in der Türkei. Eine Botin, die vom Bosporus an den Rhein geheiratet hat, brachte dieser Tage einen Stapel Exemplare in die Domstadt.

Istanbuls Blues heißt eigentlich hüzün, eine lokale Sonderform der Melancholie wie die saudade der Portugiesen, „eine kollektive Stimmung des Scheiterns und des Verlustes“ wie Orhan Pamuk schreibt, die sich sichtbar in den Grautönen auslebt, in die die Männer sich kleiden, und in deren kargen Gesichtsausdrücken, wenn sie auf der Galatabrücke ein paar Sardinen aus dem Wasser ziehen. Viele der bekanntesten Istanbul-Gedichte sind auf diesen melancholischen Grundton geeicht. An einige von Istanbuls Bedichtern der letzten hundert Jahre knüpft Wustmann an, indem er ihre Motive als Leitfäden verwendet: zentrale Begriffe aus den Texten von Nâzım Hikmet, Cahit Külebi oder des Meistererzählers Sait Faik Abasıyanık bilden die Gerüste für kurz gehaltene, in klarer Sprache verfaßte Texte, weitere Referenzen gehen an den deutschen Autor Jörg Fauser, der Ende der 60er im Viertel Tophane als Junkie vor sich hindämmerte und schrieb und besonders an Orhan Veli, dessen Klassiker İstanbul’u dinliyorum (Ich höre Istanbul) Wustmann komplett für den Stadtteil Beyoğlu nachdichtet; der fiktive Dichter Ka aus Orhan Pamuks Roman Kar (Schnee) wird zur Projektionsfläche einer Nachdichtung, ohne daß Kas Gedichte – immerhin wissen wir grob, wovon sie handeln – der Menschheit bisher im Wortlaut bekannt wären.

Gerrit Wustmann findet Istanbuls Schönheit über beide Bände hinweg auffallend im schnell Vergänglichen, das sich tagtäglich wiederholt: im Flügelschlag der Möwen, in den warmen Farbtönen des gezuckerten, in Tulpengläsern servierten Tees, im Regenprasseln, in der Stille und den Stimmen der Nacht, in Lichtspielen und kurz im Blickfeld aufblühenden Ornamenten: fast alles beliebte, für Istanbul typische Bildmotive, die den Stadtcharakter als illustrierte Reportagen und millionenfach verschickte Postkarten seit Dekaden im kollektiven Bewußtsein umreißen. Das Paradox, Vergängliches in einer Sprache zu skizzieren, die um Zeitlosigkeit bedacht ist, funktioniert in İstanblues inhaltlich auf Kosten aktuellen Zeitgeschehens, das, nach dem Cover und der Ankündigung zu urteilen, für den in Kürze erscheinenden Abschlußteil der Trilogie, Taksim Tango, reserviert sein dürfte. Auf sprachlicher Ebene bricht die Gegenwart in İstanblues da und dort mittels Begriffen wie Skyline, Highway, E-Gitarre, Sendemast oder Pupillenreizung durch. Auf diese Weise verortet und isoliert der Band eine nostalgisch aufgeladene, längst zum Klischee verdichtete Stimmung und stellt sie, an Orhan Pamuks Masumiyet Müzesi (Museum der Unschuld) in Cihangir erinnernd, das ebenfalls bedichtet wird, in der sie adoptierenden Gegenwart aus.

Als die Gedichte des zweiten Teils Istanbul Bootleg entstanden, wohnte ich mit ihrem Verfasser Tür an Tür im deutschen Dichterghetto von Kuledibi in der Nähe des Galataturms. Abends unterhielten wir uns häufig auf der gemeinsamen Dachterrasse und schauten dabei auf den Bosporus und die Bewegungen in den Gassen des mitten in der Gentrifizierung begriffenen Viertels, letztere ein Umstand, zu dem unsere Anwesenheit beitrug. Ich sprach von den allgegenwärtigen Möwen und behauptete in einer Kolumne, daß ich keinen Istanbultext schreiben könne, wenn nicht mindestens eine Möwe darin vorkäme. In Wustmanns Istanbul Bootleg tauchen die in Istanbul omnipräsenten Vögel spätestens in jedem dritten Gedicht auf, was den Autor zum Member of the Möwement ehrenhalber qualifiziert.

Außer in Beyoğlu sind die Gedichte auf den Prinzeninseln lokalisiert, sie beschreiben somit, ohne explizit davon zu sprechen, Gassen und Orte in vergleichsweise privilegierten Vierteln, die von westlich orientierten Intellektuellen, jungen Künstlern und Touristen durchsetzt ihre alte Einwohnerschaft an den Stadtrand verdrängen, der selbst von den höchsten Hochhäusern der Innenstadt nicht zu erblicken ist. Gleichzeitig fühlen die Übriggebliebenen sich von einem Staat bedrängt, der ihre Privilegien einengt und werden die Straßen plötzlich von tausenden Kriegsflüchtlingen, die nichts besitzen, als was sie am Leib tragen, als Orte purer Existenz markiert. Geschichte passiert in Istanbul so schnell und gewaltig, daß sie kaum mitgeschrieben werden kann. Eine Straße, eben noch vorhanden, ist am Abend bereits abgerissen und zwei Monate später als eine völlig andere neu erbaut.

Im Nachwort spricht Wustmann von Istanbul als einer „schwierigen Geliebten“, die „störrisch, widersprüchlich, launisch und sprunghaft“ und davon, daß der erste Band gleichsam über Nacht gegen jede Überlegung entstanden sei. In den Gedichten selbst ist von Gott und das Panorama durchziehender Göttlichkeit die Rede: aus den Kontrasten, der permanenten Umwälzung, den überall sichtbaren Brüchen, die Istanbul so unbeschreiblich machen, lassen sich unzählige, unterschiedlichste Destillate gewinnen, denen der spezifische Geschmack der Stadt unweigerlich anhaften wird, weil sie bei aller Vielfalt und Differenziertheit zu den am leichtesten erkennbaren der Welt gehört. In Wustmanns Destillat schmeckt aus der geheimen Tausendgewürzemischung die elegische Note vor.

Im Vorwort vergleicht der für seine wendungsreichen Romane bekannte türkische Schriftsteller Alper Canıgüz die beiden tausendjährigen Städte Köln und Istanbul, um sich dem Istanbul-Zugang Wustmanns zu nähern und erwähnt auch einen Rheinspaziergang, den wir vor zwei Jahren gemeinsam unternahmen:

Bei meinem Besuch in Köln befiel mich das Gefühl, dass die ungeheure Energie in diesem einmaligen Zentrum der Kunst und Kultur der Spannung zwischen dem weltberühmten prächtigen Dom und dem Fluss entspringt. „Hier bin ich“, verkündete der Kölner Dom. „Vorläufig“, erwiderte der Rhein. „Ist nicht unbedingt wie der Bosporus, was?“, meinte Stan Lafleur, ein (…) befreundeter Kölner Dichter, als wir uns am Rheinufer auf einer Bank niederließen und es plötzlich dunkel wurde. „So ist der Kölner Himmel meistens; eine Decke für die Toten.“

Die etwas schräg klingende Formulierung von der Decke kam dadurch zustande, daß ich während des auf Englisch verlaufenden Gesprächs nicht auf den Begriff shroud kam, weswegen ich den gemeinten Leichentuchhimmel ein wenig umschreiben mußte. Alper Canıgüz jedenfalls freute sich an unserer faden, grunddeutsche Melancholie verströmenden Himmelsexotik wie sie in Istanbul allenfalls an Schneetagen vorkommt; dennoch entflohen wir den Himmeln zügig ins Brauhaus. Köln kennt im Gegensatz zu Istanbul für den Blues keine lokalspezifische Bezeichnung: wohl weil die Schwermut (in welcher Ausprägung auch immer) am Rhein keine Woche unbeschadet überleben kann.

Gerrit Wustmann: İstanblues, Foo Prodüksiyon, Istanbul 2016, Softcover, 102 Seiten, 10 YTL

Nachtrag, 02. April 2016
Tatsächlich dominieren den dritten Trilogie-Teil Taksim Tango über weite Strecken Gedichte zu zeitgenössischen Themen: Gentrifizierung und die Proteste im Gezi-Park im Frühsommer 2013, die quasi mit ihrem Auftreten, in das auch zahlreiche AutorInnen und PublizistInnen involviert waren, in die türkische Geschichte eingegangen sind. Im Nachwort zu Taksim Tango zitiert mich Wustmann mit dem Satz, Istanbul sei „ein Zellorganismus, der Minute für Minute Zellen abstößt und neue bildet“: ein Satz, der gewiß auf zahlreiche Metropolen zutrifft, doch nirgendwo sonst habe ich die Umwälzung einer Stadt so vehement und rasant empfunden wie bei meinen Aufenthalten in Istanbul.