Heimat

heimat_reclam 2017„Heimat – was ist das eigentlich? Die Orte der Kindheit, die Sprache, die man spricht, kulturelle Besonderheiten der Region, aus der man kommt – oder nur eine Projektionsfläche für (meist) melancholische Gefühle? Auf jeden Fall ist Heimat etwas sehr Individuelles. (…) Anton G. Leitner, Lyriker, Herausgeber der Zeitschrift »Das Gedicht« und wirkungsmächtigster Propagator der Lyrik hierzulande, hat aus der Fülle neuer und neuester Gedichte seine Best-of-Auswahl getroffen, die er mit »klassischer« Lyrik von Goethe, Ringelnatz, Tucholsky und vielen anderen in eine spannende Beziehung bringt.“ (Aus dem Verlagsinfo)

Von mir ist die Jägerzaunsonate dabei. Hier geht’s zur kompletten AutorInnenliste plus Bestellmöglichkeit ab Verlag.

Heimat. Gedichte, Hrsg.: Anton G. Leitner, Reclam, Stuttgart 2017
96 Seiten, Gebunden, Format: 9,6 x 15,2 cm, 10 Euro, ISBN: 978-3-15-011099-7

Meerschaukel

Unter dem Titel Stan Lafleur’s Sea-Saw präsentiert ZiN Daily – das neue Magazin von Natalija Grgorinić und Ognjen Rađen – drei meiner istrischen Fotografien: Wasser, das nicht mehr als Fluß, sondern Meer, oder vielleicht als Fluß, der bereits Meer ist, bzw. Meer, das noch Fluß ist, fungiert.

ZiN Daily stellt in kurzen Portraits internationale Literatur- und Kunstschaffende vor, die in der Residenz Zvona i Nari zu Gast waren. In der noch jungen Reihe finden sich bisher vor allem Bildwerke und ins Englische übersetzte zeitgenössische kroatische Dichtung.

silbende_kunst

silbende_kunst-15

Frostfrisch erschienen ist die 15. Ausgabe der von Jenny Feuerstein herausgegebenen, feinen, kleinen, grafisch wohlsortierten Halbjahres-Zeitschrift silbende_kunst. Thema: Heute im Traum. Die Schwerpunkte liegen auf lyrischen Texten und Fotografie. Von mir ist ein titelloses Gedicht zwischen Traum- und Morgenstimmung enthalten.

silbende_kunst versteht sich als „unabhängiges literarisches Heft“ vorwiegend für Lyrik und Bildarbeiten – mittlerweile ist aus der Heftidee ein Verlagsprojekt mit mehreren Gedichtbänden erwachsen.

Die Traumausgabe enthält Beiträge von: Roland Bärwinkel, Timo Brandt, Marina Büttner, Alexander Estis, Jenny Feuerstein, Hinrika Franke, Dirk Uwe Hansen, Michael Hillen, Birgit Kogoj, Johanna Klara Kuppe, Stan Lafleur und Klaus Roth.

silbende_kunst 15, 28 Seiten, DIN A5, Farbdruck, getackert. Köln 2017
Verlagspreis: 2.20 Euro (plus Versand), Ladenpreis: 2.37 Euro. ISSN: 1869-9464.

Lesezeichen 04/2016

Heute ist das neue Lesezeichen erschienen, die vierteljährliche Zusammenstellung mit Highlights aus der deutschsprachigen Netzliteratur bei litblogs.net, einem Portal, das derzeit gut 20 AutorInnen, KünstlerInnen und Gruppen assoziiert und präsentiert. Themen sind u.a.:

Gekenterte Boote und Glockenjungen, der Unterschied von Regen­- und Schnee­schir­men, Millenniumspatzen und Kettensägen, Lärchenschwämme und Minnesänger, Pferde in Wiesenträumen, Gabriela Mistral, Pablo Neruda und Antonio Skármeta, großformatige Ritter-Bilder und ein Baugerüst in Paris, Schweighöfer, Houellebecq, Bourdieu und Raoul Schrott, schlanke, androgyne, junge Männer und Frauen in Slim Jeans und T-Shirts mit sonderbaren Aufdrucken, zerbröselte Illusionen, Divertimenti … uvm.

rheinsein ist diesmal mit einem Gastbeitrag des französischen Alltagshintergrundforschers Marcel Crépon vertreten. In einem dreiteiligen Bild-Text-Gemenge berichtet Crépon von seiner Exkursion an den Rheinfall, die ihn zunächst auf den Säntis führt. Das Lesezeichen präsentiert noch einmal den Auftakt, der komplette Bericht ist auf rheinsein nachzulesen.

Weitere AutorInnen des aktuellen Lesezeichens sind Hartmut Abendschein, Marianne Büttiker, Der goldene Fisch, Andreas Glumm, René Hamann, Alban Nikolai Herbst, Jan Kuhlbrodt, Jörg Meyer, Michael Perkampus, J. S. Piveckova, Rittiner & Gomez, Norbert W. Schlinkert, Andreas Louis Seyerlein und Benjamin Stein.

Butt

butt

Eines der Bilder meiner Ausstellung Prominente Personen und Pferde in der Kölner Calcographie im Jahr 2000 hängt heuer als Wandkunst in einem Büro des Erkrather Logistikunternehmens TimoCom. Ein Firmenmitarbeiter schickte dieses Beweisfoto als Neujahrsgruß. Die Portrait-Collage zeigt Hans Jörg Butt in seiner Zeit als Bundesligaprofi.

Die Auswahl der in der Serie portraitierten Personen und Pferde folgte weitgehend dem Zufallsprinzip. In einschlägigen Illustrierten suchte ich nach Fotovorlagen, die aus sehr unterschiedlichen Gründen meine Aufmerksamkeit wecken konnten. Das Schrille, Überkandidelte der Selbstdarstellung konnte ebensogut den Ausschlag für eine Arbeit geben wie die historische Bedeutung der Person (bzw des Pferdes) oder eine mit ihr verknüpfte tragische Begebenheit. Zusammen ergaben sie ein Mosaik der Möglichkeiten, die Bandbreite reichte ungefähr „von Karl Marx bis Karl Moik“.

An der Vorlage für das Portrait Butts, ich erinnere mich noch gut, sprach mich ein Ausdruck hochgradiger Alltäglichkeit an, der damals bereits über sein Karriereende als Fußballstar hinauszuweisen schien. Heute wirkt Butt – ein hervorragender Torhüter, der auch als sicherer Elfmeterschütze auftrat – im familieneigenen Betrieb für „Verladerampen und Industrietore“.

Rubzow-Materialien

rubcov-in-seinen-geliebten-waldern

A. P. Rybkin: Nikolai Rubzow im vergangenen Herbst. Öl auf Leinwand. 2000.

Meine Übertragung des Gedichts Ziege von Nikolai Michailowitsch Rubzow, sowie meine angejahrte Rezension Schweifen und begreifen über den deutsch-russischen Auswahlband Komm, Erde im Wiesenburg Verlag (2004) sind Inhalt bzw. Gegenstand einer kürzlich erschienenen Publikation der Staatsuniversität Tscherepowez in russischer Sprache:

РУБЦОВСКИЙ СБОРНИК, Материалы научных конференций, ВЫПУСК 2, Часть 2, Череповец 2016, ISBN 978-5-85341-674-1.

Rubzow-Kollektion, Materialien der wissenschaftlichen Konferenzen, Nummer 2, Teil 2, Tscherepowez 2016, ISBN 978-5-85341-674-1.

Robotomie als Stream verfügbar

Der WDR hat Robotomie bereits im Sommer 2015 als Stream zum Download bei Audible freigegeben. Das teilte die WDR mediagroup nun auf telefonische Nachfrage mit. Das Hörspiel ist somit (neun Jahre nach der Erstausstrahlung) auch auf dem regulären Verkaufsweg erhältlich.

Robotomie hatte ich 2006 für den WDR-Spartensender 1Live getextet und gemeinsam mit Joker Nies produziert. Das Stück handelt von Leben und Problemen einer Gruppe biomechanischer Roboter, die ihr Dasein unbewußt nach menschlichem Vorbild gestalten.
Schwerpunkte des stark auf Klanglichkeit konzipierten Stücks bilden u.a. die individuellen Sprechweisen der Roboklone, sowie die akustischen Landschaften. Viele der Maßnahmen (wie z.B. die Gestaltung einer nur wenige Sekunden zu hörenden Schafliedpassage auf Basis von Sprachsynthese) erforderten hohe Aufwände, die weit über den üblichen WDR-Produktionsrahmen hinausliefen. Einige meiner Vorstellungen hinsichtlich bestimmter Klangeinsätze konnten nicht verwirklicht werden, weil von der Redaktion die Schockwirkung auf das Publikum als zu groß bzw. vom Toningenieur die technische Umsetzung als unmöglich angesehen wurden. Die ein oder andere klangdesignerische Finesse dürfte dennoch mit Robotomie erstmals im Radio erklungen sein. WDR3 übernahm damals die Produktion und ermöglichte eine kompressionsfreie Aufführung des Stücks, die bei 1Live wegen dessen Senderstatuten nicht umsetzbar war.

Robotomie, ca. 53 Minuten, Preis: 7.95 Euro (Fünfminütige Hörprobe)
Text und Regie: Stan Lafleur. Komposition und Klangtechnik: Joker Nies. SprecherInnen: Stefan Reusch (Ribo), Horst Mendroch (Quant), Isis Krüger (Ava), Susanne Arnold (Bibi), Constance Craemer (Zeta), Dustin Semmelrogge (Fetamin), Rolf Persch (i-Dolf), sowie synthetische Stimmen aus dem Repertoire von Professor Thierry Dutroit. Redaktion: Isabel Platthaus.

In memoriam Thien Tran

„Das Schönste, was ein Mensch hinterlassen kann, ist ein Lächeln im Gesicht derer, die an ihn denken“ steht seit Wochen eine Spruchweisheit auf einem tönernen Grabteller im Schaufenster des Bestatters gegenüber ausgestellt. Ein Satz, der die Frage aufwirft, ob dem Verfasser bei der Niederlegung bewußt gewesen war, wieviele Arten des Lächelns der Menschheit zur Verfügung stehen. Wenn ich heute zwischen Bäcker und Frühstück anbetrachts dieser kitschigen Schaufensterausstattung an Thien Tran zurückdenke, der gestern vor sechs Jahren im Alter von nur 31 Jahren von uns ging, verspüre ich unter anderem auch ein Lächeln: ein überaus schmerzvolles, das mir darüber Auskunft erteilt wie schwierig für einige von uns das Leben ist und wie eklatant Klüfte zwischen zwei Menschen mit verwandten Absichten, die sich am Tisch bei Kaffee oder Bier gegenübersitzen, klaffen können.

„mein Haus. das ist ein Jahrmarkt / wo die Freundschaft ein- und ausgeht“

Denn solche um Austausch bemühten Gespräche habe ich in Köln mit Thien, meist im Café Storch auf der Aachener Straße, über ein knappes Jahrzehnt hinweg ungezählte geführt: über das Wesen der Dichtung und der Freundschaft, über Möglichkeiten und Schwierigkeiten des Dichterlebens, etwaige Neuigkeiten, unseren Alltag. Weil Thien häufig Selbstverständlichkeiten, übertrieben gesagt: jeden einzelnen Buchstaben des einmal Gehörten oder Gelesenen in Frage zu stellen gewillt war, bis vielleicht eine wahre Essenz übrig bliebe, weil viele seiner Vorgehensweisen sich mir kaum über die augenscheinlich verzweifelte Akribie hinaus erschlossen, mit der er sie betrieb, möglicherweise vor allem aufgrund unseres Altersunterschieds (ich hatte rund zwanzig Jahre zuvor ein ähnliches Programm absolviert), gelangen dabei selten gemeinsame Nenner.

„diese Linien im Kopf / sind die Linien der Flucht / keine Fluchtlinien“

In besagtem Café Storch, einem früher bei Dichtern beliebten Straßencafé im Belgischen Viertel unweit seiner Wohnung, war Thien jahrelang zuverlässig anzutreffen gewesen. Zu Beginn eines unserer ersten Zusammentreffen schenkte Thien mir dort Mangostan- und Rambutanfrüchte, die seine Mutter ihm anläßlich einer vietnamesischen Feier mitgegeben hatte und die er loswerden wollte, weil alles, was mit dem Thema Vietnam verbunden war, ihn bedrückte. Über seine Familie erzählte er ungern. Thien war als Kleinkind mit seinen Eltern als Flüchtling nach Deutschland gekommen. Erinnerungen daran besaß er keine. Was ich von meinen Reisen nach Vietnam zu berichten gehabt hätte, interessierte ihn nicht. Seine Wurzeln waren gekappt, zumindest beschädigt, in Sprache schlug er aus. In Sachen Sprachfindung wirkte Thien ebenso gehemmt wie besessen. Das konnte so aussehen, daß er sich über seine eigenen Sätze geradezu verzweifelt ärgerte, weil sie ihm nicht präzise genug erschienen; das konnte so aussehen, daß er ein Gespräch abrupt beendete und schimpfend davonstürzte, wenn ihm eine Äußerung seines Gegenübers nicht paßte.

„viele meiner Abonnenten / sind unzufrieden. weil ich ihnen immer / meine Probleme mitliefere“

Seine intensive Beschäftigung mit der Lyrik (oft trug er Bücher, Kladden und Manuskriptseiten mit sich), seine Seelenschwankungen (welche das Café Storch oder zumindest Tischecken davon auszufüllen in der Lage waren), seine Unfähigkeit zu freundschaftlichem Umgang und Liebesbeziehungen, seine Demonstrationen schlechter Laune entfremdeten ihn den meisten Menschen wie wohl auch die Folgen seiner über Jahre hinweg bitteren materiellen Armut. Entspanntere, hoffnungsfrohe Fasen, in denen er auf Perspektiven vertraute, wechselten mit solchen, in denen er vorwiegend innere Kämpfe ausfocht, die, wie mir zugetragen wurde, zunehmend in heftigen unkontrollierten Reaktionen mündeten, die Dritte vor den Kopf stießen. Unter der Auflage, es für mich zu behalten, hatte Thien mir erzählt, daß er vor seinem Auftauchen in Köln aufgrund psychischer Probleme eine Weile in Behandlung gewesen sei. Gelegentliche Ratschläge, sich mit seinen Problemen erneut an Fachleute zu wenden, schlug er mit der Begründung aus, daß solche Konsultationen erfahrungsgemäß zu nichts führen würden.

„die Bourgeoisie / nominierte diesen Kandidaten. die Sonntage nun schon / zum dritten Mal ausgezeichnet“

Als das Verlagshaus J. Frank (heute: Verlagshaus Berlin) sein lyrisches Debut fieldings herausbrachte, hatte Thien, der bis dahin kaum etwas veröffentlicht hatte, bereits erste Preise gewonnen und nach und nach mit der kompletten Kölner Dichterschaft gebrochen. fieldings hatte ich ungefähr zwei Jahre vor Erscheinen in einer ersten Version auf Thiens Wunsch lektoriert. Davon war später in den Credits keine Rede. Die Preise verhalfen Thien dazu, seine Gedichte über Kölns Kreise hinaus zu präsentieren. Sonderlich wohl schien er sich damit nicht zu fühlen. Unsere Gespräche wurden seltener und verliefen zuletzt so unerquicklich, daß ich ihm schrieb, es wäre an der Zeit, unsere Treffen auszusetzen. Er antwortete freundlich, wünschte mir Glück. Wenige Monate später hörte ich Gerüchte, Thien habe Köln verlassen.

„der luftleere Raum war uns / zu unpersönlich. wir strebten auseinander“

Obwohl oder vielmehr gerade weil wir in den letzten Monaten seines nun für immer jungen Lebens keinen Kontakt mehr pflegten, beschäftigt Thiens Tod seither jedes Jahr meine Gedanken. Die Todesnachricht hatte mich hart getroffen. (Thien ist in Paris gestorben, von Freitod hörte ich KollegInnen sprechen, ohne daß genauere Umstände zu erfahren gewesen wären.) Beinahe ebenso wie die Todesnachricht verstörten mich damals Äußerungen einiger weniger KollegInnen und gemeinsamer Bekannter: Verächtlichkeit und Mißgunst über den Tod hinaus für einen jungen Mann, für den das Wort Tragik gemacht schien. In Köln hatte Thien, vom Grundsatz ein defensiver Typ, es sich offenbar derart verscherzt, daß bis heute keine (literarische) Gedenkveranstaltung stattfand. fieldings ist nicht mehr lieferbar, ein möglicher Nachlaßband bisher nicht erschienen.

***

Ausschließlich KollegInnen außerhalb Kölns hatten vor sechs Jahren auf Thiens Tod öffentlich reagiert. Der poetenladen versammelt unter einigen wenigen Gedichten Thiens den Nachruf von Ron Winkler und eine akustische Gedenkminute von Mara Genschel. Ein kurzes literarisches Innehalten für Thien von Tom Bresemann, Simone Kornappel und Philip Maroldt ist bei lyrikkritik erschienen.

Nachtrag, 19. Dezember 2016
Ich darf mich korrigieren: Thorsten Krämer schrieb, nachdem ich diesen Artikel heute früh auf Facebook verlinkt hatte, er meine sich zu erinnern, daß er seinerzeit im Forum der 13 auf Thiens Tod mit einer Note reagiert habe. Damit hätte immerhin auch ein Kölner Kollege sich öffentlich geäußert. Der betreffende Beitrag ist allerdings mit dem gesamten, einst reichhaltigen und literaturgeschichtlich sehr interessanten Archiv des Forums nicht mehr zugänglich.

Neulich, in der Kölner Literaturszene (10)

Im Rahmen der Reihe Kölner Gespräche zur Weltliteratur war der guatemaltekische Autor Eduardo Halfon, dessen Buch Der polnische Boxer ich hier vorgestellt habe, zu Gast im Neuen Senatssaal der Universität zu Köln (Hauptgebäude, Albertus-Magnus-Platz 1). Eine für ihren Aufwand recht klandestin angelegte Veranstaltung, auf die mich Timo Berger aufmerksam gemacht hatte, der die Übersetzung des Autorengesprächs besorgte. Halfon, der derzeit vom Literaturbetrieb zum neuen Star der lateinamerikanischen Literatur aufgebaut wird, las mit gutem Gefühl für die Textmaterie aus seinem gerade auf deutsch erschienenen Buch Signor Hoffman die bildstarke, haften bleibende Erzählung Bambus, die an der guatemaltekischen Pazifikküste angesiedelt auf engem Raum Gegensätze und Wildheit des mittelamerikanischen Landes thematisiert:

Ich kam an einem Stück Land mit Cashew- und Mangobäumen vorbei, an einer verlassenen Tankstelle, an einer Gruppe sonnengebräunter Männer, die ihr Gespräch unterbrachen und mich nur aus dem Augenwinkel betrachteten, aus Ressentiment oder Zurückhaltung. Die Erde unter den Füßen war keine Erde, sondern Papierfetzen und Verpackungsmaterial und trockenes Laub und Plastiktüten und ein paar Reste von grünen Mandeln, zertreten und moderig. In der Ferne hörte ein Schwein nicht auf zu brüllen. Ich ging langsam weiter, ohne mir Gedanken zu machen, betrachtete eine Mulattin auf der anderen Straßenseite, zu dick für ihren schwarz-weiß gestreiften Bikini, zu pausbäckig für ihre hohen Absätze. Auf einmal spürte ich Nässe am Fuß. Ich hatte mir die Mulattin zu lange angesehen und war dabei in eine rötliche Pfütze getreten. Ich blieb stehen. Als ich nach links blickte, in eine dunkle, enge Lagerhalle, entdeckte ich, dass der Boden dort voller Haie war. Kleine Haie. Mittelgroße Haie. Blaue Haie. Graue Haie. Braune Haie. Sogar ein paar Hammerhaie. Alle trieben sozusagen in einer Suhle aus Salzwasser und Eingeweiden und Blut und noch mehr Haien. Der Geruch war fast nicht zu ertragen. Ein Mädchen kniete da. Das Gesicht glänzend von Wasser und Schweiß. Ihre Hände griffen in einen langen Einschnitt im weißen Bauch des Hais und zogen innere Organe und Eingeweide heraus. (…) Mir fiel auf, dass die meisten Haie schon keine Flossen mehr hatten. Ich erinnerte mich, irgendwo gelesen zu haben, dass es da einen internationalen Schwarzmarkt gab. Den Flossenmarkt. Da wird man aufpassen müssen, dachte ich, später im Meer. An so einem Haifischtag.

Das begleitende Gespräch drehte sich vornehmlich um die bei Halfon zentrale Frage nach der literarischen Identität. Die Eduardo-Figur seiner Bücher ähnle ihm in Aussehen und Alter, rauche jedoch wie ein Schlot, während er selber „zu feige“ zum Rauchen sei, meinte der Autor und stupste dabei fleißig den Moderator an. Dass seine Hauptfigur stets seinen Namen trage, habe „sich mit der Zeit so ergeben“. Seine Auseinandersetzung mit Guatemala stehe vor dem Hintergrund, dass er mit seiner Familie das Land während des Bürgerkriegs in Richtung USA verlassen habe müssen. Als Jude sei er in Guatemala ein seltenes Exemplar, auch seine Statur und sein Spanisch unterschieden ihn von klassischen Guatemalteken. In den USA habe er Englisch zu denken begonnen und seine Studien in der neuen Sprache abgeschlossen. Erst im Alter von 23 Jahren habe er sich wieder auf das Spanisch seiner Herkunft, in dem er seither sämtliche Erzählungen verfasst, besonnen.

Gerahmt wurde Halfons sympathischer Auftritt von einem Literarischen Quintett, das aus Heinrich von Berenberg (Berenberg Verlag), Anita Djafari (LitProm), Ijoma Mangold (Die Zeit), Thomas Sparr (Suhrkamp) und Nicole Witt (Agentur Mertin) bestand und über Gründe der geringfügigen Repräsentation von Literaturen aus dem Dritte Welt-Gürtel auf dem deutschen Buchmarkt sich austauschte, sowie einem Empfang mit Quiche und Wein.

***

Im Literaturklub (Theater Die Wohngemeinschaft, Richard-Wagner-Str. 39) lud Adrian Kasnitz zum zweiten Mal zum Lyrikfest Über der Kimmung. Mehrere Lesungen wurden zunächst zaghaft begleitet von variantenreichen, frei in den Raum geworfenen Lautäußerungen eines Babys in der Sitzreihe hinter mir. Nachdem das Baby unter den Stühlen in meine Reihe vorgekrochen war, gelang es mir nach und nach, seine Laute zu koordinieren. Fortab gickste und juchzte das Kind nicht nur, sondern begann mit den Armen zu arbeiten, an mir herumzuzupfen und an seiner Mimik zu feilen: eine Performancenatur, die einige Bühnenvorträge auszustechen vermochte.

Was noch gut war: Wolfgang Schiffer stellte die isländischen Atomdichter vor, die in den 50er-Jahren mit den seit Jahrhunderten erstarrten Versformen der Edda und der Skalden brachen und damit gesellschaftliche Skandale auslösten, die – die Rede ist vom Umgang mit lyrischen Traditionen! – bis hin zu Morddrohungen gereicht haben sollen. Rund 50 Gedichte der Atomdichter und ihrer Nachfolger hat Wolfgang Schiffer, der die Texte mit anderen ins Deutsche übertrug, bisher auf seinem Blog Wortspiele in der Serie Dichtung von der Insel aus Feuer und Eis einzeln vorgestellt und mit zusätzlichen Informationen, Anekdoten und Fotos versehen. Zum Einstieg empfehle ich: Wintertag von Stefán Hörður Grímsson und Sauberland aus den Supermarkt-Gedichten Andri Snær Magnasons.

Ein weiterer Höhepunkt war die Lesung von Menno Wigman aus Amsterdam. Menno hatte ich 2008 in der Bukowina anläßlich eines einwöchigen Poesiefestivals kennengelernt, wo ich erstmals auf seine Gedichte stieß, deren schwarzromantische, von Popelementen und milder Nostalgie durchwirkte Eleganz mich umgehend einnahm. Von schönen Idioten war darin die Rede, von der abstrusen wie konkreten Verletzlichkeit von Körper und Seele, und davon wie es kommt, daß in Amsterdam soviele Männerleichen in den Grachten aufgefunden werden. Um Mitternacht, wenn wir von ganztägigen Bustouren zu den Auftritten in den bukowinischen Ortschaften nach Suceava zurückgekehrt waren, hatten wir uns desöfteren bei Zigaretten und rumänischem Wodka der Marke Stalin in die kleineren Parks verzogen, um im Windschatten der Karpaten die europäische Literaturlandschaft und Popgeschichte zu zerreden. Mittlerweile ist Menno mit seinem Auswahlband Im Sommer stinken alle Städte in deutscher Übertragung bei der parasitenpresse gelandet, bei der auch drei meiner Gedichtbände erschienen sind. Der Abend brachte zutage, daß Menno (neben vielen anderen niederländischen und flämischen Dichtern) im Auftrag der Stiftung De Eenzame Uitvaart Nachruf-Gedichte für Verstorbene ohne Angehörige schreibt, eine Idee, die auf Bart FM Droog, einen weiteren befreundeten niederländischen Kollegen zurückgeht. Wünschenswert wäre, daß diese Idee auch in Deutschland Unterstützung erlangt. Ein großartiges Beispiel ist das Gedicht Hou niet van mij (Lieb mich nicht), das Menno für den in Serbien geborenen Igor K. (1970-2016) verfaßt hat:

Hou niet van mij

Het was een feest, je weet niet meer wanneer,
je brak een tand, je weet niet meer waarom,
maar bloedend had je het bestaan doorgrond.

Je bleef de bodem uit je leven slaan:
een optocht hier, een vaandel daar, de roes
van witte grafmuziek om voor te sterven.

Ik zie je, Igor, ik zie je en ik lees je lichaam.
Dit is wat je tatoeages me vertellen:
hou niet van mij, maar vrees me, vrees me.

Hoe lang al was je in jezelf verongelukt?
Waar kon je heen met die beladen huid?
– Jij met je laarzen vol verstand, verstrikt

in hevig wit en radeloze razernij,
je zocht gejaagd een lus voor je gelijk,
hing het op straat voor iedereen te kijk.

***

Macht und Ohnmacht der Worte war das Programm der Kölner Literaturtage, organisiert vom lokalen VS (Verband deutscher Schriftstellerinnen und Schriftsteller), betitelt, mit natürlichem Schwerpunkt auf politischer Literatur. Im Academyspace (vormals Teapot, Herwarthstr. 3) der Akademie der Künste der Welt befragte Roberto Di Bella die Autoren Ramy Al-Asheq, Vougar Aslanov und Safiye Can zu ihren Erfahrungen mit Flucht und Migration.

Der „staatenlose syrische Palästinenser“ Al-Asheq lebt derzeit in Köln, wo er als Chefredakteur seit einem knappen Jahr die (wie es hieß) erste arabische Zeitung Deutschlands, Abwab (Türen), betreibt – die FAZ berichtete im Februar über das Projekt. Als Lesebeitrag trug Al-Asheq aus einem Langgedicht vor, welches klassische Elemente arabischer Lyrik als Stream of Consciousness mit freizügig-modernem Vokabular neu anzuordnen schien und um einen Mordanschlag auf den Autor in Damaskus sich gruppierte: für meine nicht sonderlich mit arabischer Lyrik vertrauten Ohren eine neuartige und hochinteressante Erfahrung.

Safiye Can, eine in Deutschland geborene Autorin mit tscherkessischen Wurzeln, auf die ich bereits als Übersetzerin türkischer Lyrik ins Deutsche hingewiesen habe, trug in einem Stil vor, der an Slam Poetry (und mich insbesondere an meine eigenen Performances früherer Jahre) erinnerte: eingängige, für die Bühne überaus brauchbare Gedichte, die sich am gül ve bülbül (Rose und Nachtigall)-Motiv der türkischen bzw. vorderasiatischen Literatur orientieren: der schwierigen, unerwiderten Liebe.

Das Gedicht

das-gedicht-24„Das Thema Heimat ist in den letzten Monaten in der gesellschaftlichen und politischen Agenda ganz nach oben gerückt, weil derzeit Millionen von Menschen auf der Welt ihr Zuhause verlieren und sich auf ihrer Flucht nach Europa nicht mehr so einfach aufhalten lassen. Über soziale Netzwerke haben sie vorab eine Ahnung davon bekommen, dass hier ein Neuanfang in Frieden und Sicherheit möglich sein könnte. Wenn auf einmal so viele Leute bei uns Schutz suchen, offenbaren Hiesige ihr wahres Gesicht, im Guten wie im Bösen. Die einen wachsen als Helfer voller Empathie über sich hinaus, andere artikulieren lautstark ihre Angst und Panik vor allem, was ihnen fremd erscheint und ihren eigenen Wohlstand gefährden könnte, den sie nicht teilen wollen“, beginnt Herausgeber Anton G. Leitner sein Vorwort zur soeben erschienenen Ausgabe von Das Gedicht mit dem Motto Der Heimat auf den Versen, das gut 100 AutorInnen mit Gedichten zum auch unabhängig von Migrationsperioden ständig aktuellen Heimatkomplex versammelt.

Von Auswirkungen dieser gerade stattfindenden ersten großen Fluchtbewegungen in Richtung Deutschland seit dem Zweiten Weltkrieg sprechen diese Gedichte, die neben dem Herausgeber diesmal Fitzgerald Kusz auswählte, allerdings so gut wie nicht. Häufiger schon von unseren Eltern und Großeltern, von denen viele, als das Dritte Reich zusammenbrach, auf der Flucht vor den Folgen der Kriegsniederlage aus dem Osten in die deutschen Kerngebiete gekommen waren. Die lyrisch verhandelte Heimat wird desweiteren gesucht, wo immer sie zu finden ist: in Dialekten und Kindheitserinnerungen, in Illusionen und Industriegebieten, in der Liebe und nicht zuletzt in der Fremde.

Das Gedicht erscheint nunmehr seit 24 Jahren jährlich als Zeitschrift in Buchstärke, in Intervallen begleitet von Skandälchen, Auszeichnungen und Debatten. Seither handelt es sich um eine der auflagenstärksten und meistbeachteten Lyrikzeitschriften des deutschsprachigen Raums. Die Namen der diesjährigen AutorInnen finden sich unter den hier im Text angegebenen Links, von mir ist die Jägerzaunsonate enthalten.

Begleitend zur diesjährigen Ausgabe findet sich auf dem Blog von Das Gedicht die bis zum kommenden Sommer um wöchentlich zwei Gedichte fortschreitende Web-Anthologie Versheimat.

Das Gedicht. Herausgegeben von Fitzgerald Kusz und Anton G. Leitner, München 2016, 160 Seiten, 15 x 21 cm, Broschur, 12.50 Euro