Lesezeichen 03/2017

Soeben erschienen ist das neue Lesezeichen, die vierteljährliche Zusammenstellung mit Highlights aus der deutschsprachigen Netzliteratur bei litblogs.net, einem Portal, das derzeit gut 20 AutorInnen, KünstlerInnen und Gruppen assoziiert und präsentiert. Themen sind u.a.: Kleine Konditoreien, Schweizer Volksmusik, Wolfgang Tillmans, die Grube der Sphinx, East River und die Brooklyn Bridge, Bambergs Abende, probiotische Verhältnisse, ein Mitternachtsmahl, Eugen Gomringer, ein sprachloser König, die Hildener Fußgängerzone, kaltes Wasser, kapitale Karpfen und Speichel von Korallenlippen … uvm.

rheinseins Beitrag besteht diesmal aus einem Flaneurstext über die badische Residenzstadt Karlsruhe und ihr enges Verhältnis zur exotischen wie heimischen Tierwelt, wobei letztere unter vielen permanent auftretenden rheinsein-Motiven bei der Leserschaft zu den beliebtesten zählt.

Weitere AutorInnen des aktuellen Lesezeichens sind Hartmut Abendschein, Albera Anders, Marianne Büttiker, Der goldene Fisch, Andreas Glumm, Jörg Meyer,  J. S. Piveckova, Rittiner & Gomez, Norbert W. Schlinkert, Helmut Schulze, Andreas Louis Seyerlein und Chris Zintzen.

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An unreality of himself

David Lalé_Last Stop Salina CruzDen Spuren des Exzentrikers und Prädadaisten Arthur Cravan folgt diese vor zehn Jahren erschienene Road Novel des britischen Autors und Filmregisseurs David Lalé, indem sie historische Informationen zur Person Cravans mit der Coming of Age-Geschichte ihres Ich-Erzählers verschneidet, eines Büroangestellten und verhinderten Schriftstellers, der überstürzt aus England aufbricht, um per Anhalter und als Backpacker die Lebensstationen des sagenhaften Boxerpoeten aufzusuchen: von Paris über Barcelona, New York, Mexiko-Stadt hin zum wahrscheinlichsten Ort seines Verschwindens: Salina Cruz an der Pazifikküste im mexikanischen Bundesstaat Oaxaca.

„I’m perhaps the king of failures, since I must sureley be the king of something.“ (Arthur Cravan)

Paris
In den Jahren vor dem Ersten Weltkrieg hatte Cravan in der angesagten Kunstmetropole seine Zeitschrift Maintenant herausgegeben, seine ersten Skandale inszeniert, aufgrund wilder Erfindungen und Anschuldigungen, radikaler Performances und Zeitungsenten frühen Ruhm erworben. Weithin vergebens sucht Lalés Ich-Erzähler knapp hundert Jahre später in Paris nach Cravan’schen Adressen: entweder existieren die Gebäude nicht mehr oder sind seit Jahrzehnten Bestimmungen gewidmet, die so deutlich über das alte Flair hinweg geschrieben haben, daß es nicht einmal mehr erahnbar ist. Das Logis in einem billigen Hostel verschärft seine Krise. Ein Schlafsaal-Mitbewohner palavert unablässig davon, gerade „das neue On the Road“ zu schreiben. In der Lobby liegt zufällig eine veraltete englische Zeitschrift mit der einzigen Kritik (einem Verriß) seines Debutromans aus. Der handelte von Pech und Erfolglosigkeit, die sich in der Realität bis in die unglückliche Entsorgung der überschüssigen Exemplare fortsetzten:

The nine hundred and eighty-two unsold copies of my novel had been stacked in my father’s garage for years, to gather cement dust and be pissed on by generations of rats. Finally I carted them out in a wheelbarrow, down to the bottom of his garden, where I intended to burn every last one in a ritual of purgation.
But during the years of storage the books had become damp and mildewed, and they burned reticently, giving off a bitter green smoke. Even with the addition of a gallon can of paraffin they failed to come alight. They smouldered there for two days before finally choking the fire. I raked through the pile of blackened and partially carbonized books, and left them for the autumn, to be rained on and to rot.
The following year my father used the remains of them for compost on his vegetable patch, and that season their corrupted ashes miscarried three sickly and inedible Savoy cabbages. The garden was barren ever afterwards, and its wretched drabness mocked me whenever I went over to visit.

Erfolglosigkeit ist, neben Flucht, zentrales Motiv auch des vorliegenden Romans. Von seinen Mißerfolgen genervt, begibt sich der Ich-Erzähler auf den Père-Lachaise. Die dort spielende Szene deckt sich erstaunlich mit meinen Erlebnissen am Grabe Jim Morrisons, von dem Lalé schreibt, daß er als frühverstorbener, visionärer Poet durchaus eine Inkarnation Cravans vorstellen könnte:

Around the next corner I stumbled into the midst of a crowd of tourists. They were kneeling at the foot of a tomb adorned with tea lights and great welts of fresh flowers in bouquets. These people were consumed by a hushed reverence, the only sound was a murmur of sobbed incantations. (…) I backed off. I walked away as quickly as I could (…). At every turn I ran into tourists consulting fold-out maps and asking me where Morrison’s grave was. The first few I just ignored, but – thinking better of it – the next group to flag me over I misdirected into the inwardingly collapsing vortex at the centre of Père Lachaise.

Barcelona
Um der Einziehung zum Militär und somit den Schützengräben zu entgehen, flüchtet Cravan aus Paris nach Katalonien und hängt mit anderen Pariser Exilanten ab: Anarchisten und Künstlern, deren Wege sich selten kreuzen. In Barcelona lebt er am Park Güell, zu dessen Fuße ich – eine Koinzidenz, zu deren Zeitpunkt Cravans Name mir noch nicht geläufig gewesen war – im Sommer 1991 einige Tage als Gast bei den anarchistischen Besetzern einer ehemaligen Polizeikaserne verbrachte, die sich von der deutschen Szene u.a. durch ihre Vorliebe für Schwarzenegger-Filme und das Nacktsonnen, generell durch offen zur Schau gestellte Lebensbejahung unterschieden. Teile Barcelonas wurden damals für die Olympischen Sommerspiele im Folgejahr umgebaut. Lalé läßt seinen Ich-Erzähler keine zwei Jahrzehnte später konstatieren, daß mittlerweile alle europäischen Städte gleich aussähen („Barcelona was just the same as Paris“) und in den Gesichtern der sie bevölkernden Menschen ein vernichtendes „I can never change“ erblicken.

Cravan’s relationship to the anarchist cause was an ambiguous one. It seems he should have been sympathetic to the worker’s plight, since their struggle reflected his own personal revolution. He had slipped the leash of polite society, and had nothing but contempt for the tyranny of civil behaviour that turned natural instincts into guilty secrets, primal urges into perversions, and made hypocrites of all men. He embodied the questioning nature of a godless time riddled with doubt and insecurity. (…) These were the times that gave birth to Dadaism. It sprung from the same spirit of nihilism, in defiance of the values of the past. Dada was a violent revolt against bourgeois pity, and who better to enact this revolt than Cravan, the scandal-artist with a love for the puerile and the profane and a natural-born gift for causing offence – the human spectacle who inspired admiration and loathing in equal measure and was ready to drop his underpants at a moment’s notice?

In Barcelona findet Cravans Kampf gegen den ehemaligen Schwergewichtsweltmeister Jack Johnson statt, ein Schauboxen, von dem Cravans Aufwärmfase in einem kurzen Film auf Youtube zu sehen ist. Für eine Zeit folgt er Francis Picabia („Even as he produced a masterpiece, he knew full well that art was a pretty waste of time in a world without meaning“) nach Tossa de Mar, wo beide Lalé zufolge die Grundlagen für Dada ausbrüteten. Der zunehmend verlorener wirkende Ich-Erzähler nutzt die trostlose Kulisse winterlich leerstehender Hotelkomplexe für ein Komabesäufnis mit schottischen Skinheads.

Dada was a prophecy and Cravan was its prophet. But he didn’t stop to consider what he was prophesying. The fact is, he didn’t care. (…) While his complete works number a mere dozen derivative poems, the real Dada masterpiece was Cravan himself.

New York
Als auch Barcelona für Kriegsverweigerer zu unsicher wird, flieht Cravan über den Atlantik nach New York. Während der Schiffspassage trifft er auf Leo Trotzki (wie dessen Tagebuch verbürgt) und erobert nach der Ankunft die New Yorker Kunstszene als arroganter Sonderling in Salons und mit einem skandalösen, in einer Verhaftung endenden Nacktvortrag, als dessen Strippenzieher jedoch Marcel Duchamp gilt, der Cravan gezielt mit Pastis abgefüllt und den stinkbesoffenen angestachelt und auf die Bühne geschubst haben soll. In New York verliebt sich Cravan in die britische Dichterin Mina Loy, die in den Salons als „Prototyp der modernen Frau“ gehandelt wird und, was den Sensationswert betrifft, seinen weiblichen Gegenpart darstellt.

„The world has always exploited the Artist – it is time for the Artist to exploit the world!“. (Arthur Cravan)

Lalés Ich-Erzähler indes macht eine frühere Wohnung Cravans ausfindig, in der nun eine reizende alte Dame lebt. Da diese unter Taubheit und Alzheimer leidet, quartiert er sich kurzerhand für ein paar Tage in den weitläufigen Räumen ein. Im Central Park trifft er auf einen Schachmeister, der sein Auskommen verdient, indem er Passanten zu Partien um Geld herausfordert: die Referenz geht an Marcel Duchamp, der sich an gleicher Stelle bis zur Selbstaufgabe ins Schachspiel vertieft hatte. Nach 200 Seiten rückt der Erzähler damit heraus, daß seine gerade von ihm verlassene Lebensgefährtin von ihm schwanger sei.

Mexiko-Stadt
Als der Krieg nach Amerika ausgreift, sind Cravans New Yorker Tage gezählt. Auf abenteuerlichen Wegen gelangt er nach Mexiko-Stadt und residiert im Slackers‘ Hotel, einer Absteige für Mittellose. Ohne Szene, die auf seine Selbstinszenierung wartet, verfällt Cravan auf Krankheiten und schmachtende Liebesbriefe voller Lügen an Mina Loy. Lalé vermutet zunehmend aussetzenden Verstand. Eines Tages trifft Loy in Mexiko ein. Das Paar lebt von ihrem Ersparten und gelegentlichen Boxkämpfen. Der „Prototyp der modernen Frau“ hält die gemeinsame Wohnung sauber, kocht und wäscht Cravans Wäsche. Ein verschobener Kampf ist schließlich der einzige, den Cravan je im Ring gewinnt: mit dem Resultat, sich in der Stadt nicht mehr blicken lassen zu können.
Lalés Ich-Erzähler staunt 90 Jahre später über fremdartige Vorkommnisse, indianische Zeremonien in einer Megalopole, die sich in permanenter Rush Hour befindet und zitiert André Breton: „Mexico is truly the land of the surrealists.“

Salina Cruz
Über Stationen an der Pazifikküste gelangen Cravan und Loy nach Salina Cruz, ein gottverlassenes („life means nothing here“) Nest in Mexikos Süden, Absprungsort zu den Häfen Südamerikas. Inzwischen ist das Paar verheiratet und Mina schwanger. Cravan kauft am Strand von La Ventosa günstig ein leckes Boot und steckt seine Energie darein, es seetüchtig zu bekommen. Als es soweit ist, verkündet er eine Probefahrt, segelt über den Horizont und taucht einzig in Gerüchten wieder auf.

A sizeable group of slackers was already occupying the finest flop-house in Salina Cruz. They spent their days at Otto’s, a ramshackle bar knocked together by a ship’s carpenter who used his connections in the merchant navy to keep the place stocked with German beer. Pink insect netting drooped over the doors and windows, for decorative purposes more than anything else, for it provided scant protection against the merciless advance of the mosquitoes. The proprietor, armed with a rag and a stiff brush, expended his energies in tireless defence of his territory from the incursions of poisonous animals (…) From time to time Otto’s eyes would turn glassy, focusing somewhere in the air beyond his customers, then he’d vault the bar, bring down a scorpion from the wall with his dishcloth and dance it to death on the floor. This was the extent of the entertainment in Salina Cruz.

Angelangt, wo Cravan („an unreality of himself“) über das Meer verschwand wie im karibischen Gegenstück zu Salina Cruz in Coatzacoalcos der gefiederte Schlangengott Quetzalcoatl, schwant Lalés Ich-Erzähler Sinn und Auflösung seiner eigenen Flucht.

David Lalé_Last Stop Salina Cruz_FotoErzählerische Zurückhaltung im Wechsel mit Bissigkeit sowie der feine Humor Lalés erzeugen einen Grundanstrich klassischer Britishness. Verschwommene Schwarzweiß-Fotografien ergänzen den Text: Authentizitätsnachweise bezüglich der Spielorte. In den Cravan-Passagen bleibt der Roman dicht bei der im Dankeswort ausführlich niedergelegten Quellenlage, die bekanntlich voller Widersprüche steckt. Deutschsprachige Cravan-Adepten dürfen zahlreiche Fundstücke, Anekdoten, Zitate und Aspekte, welche über die bei Nautilus erschienene Materialsammlung König der verkrachten Existenzen hinausgehen, bzw. dort nicht mitgelieferte Interpretationen erwarten.

In March 1910 Cravan entered the 8th Boxing Championship Meeting organized by the French Federation of Boxing Societes. This turned out to be one of the most uneventful competitions in the history of boxing. Plagued by clerical cock-ups and an outbreak of illness amongst the competitors, it was in fact an utter washout from which Cravan was the only person to derive any satisfaction. His first opponent was overcome by pre-fight nerves and forfeited the match. The following two fights were called in Cravan’s favour when his rivals fell victim to administrative incompetence and were directed to the wrong venue. Cravan progressed through the tournament unchallenged and found himself in the final rounds. His semi-final opponent, Gaumier, sprained his ankle as he vaulted into the ring and promptly withdrew limpingly from the competition, allowing Cravan to go through to the championship bout. On 14th March he claimed victory in a blaze of glory when his opponent, Pecquerieux, was confined to his bed with a nasty cold. Cravan was pronounced Heavyweight Champion of France without having thrown a single punch.

David Lalé: Last Stop Salina Cruz, Alma Books Ltd., London 2007 (Paperback 2008)

applaudissement

applaudissement_21Es entwickelt sich zur jährlichen Tradition, daß ein kleiner Beitrag von mir in der Münchner Zeitschrift applaudissement zu finden ist – und daß Herausgeber Bernhard Rusch mir das Blatt einige Wochen oder Monate nach Erscheinen persönlich in Köln aushändigt. Die diesjährigen „Mitteilungen für Applisten und Applauphile“ bestehen ungefähr zur Hälfte aus Bild- und Textmaterialien, von mir ist mit ekaterina ein eigens für diese Ausgabe aufgespürtes Found Poem aus dem Spammailmilieu enthalten.

applaudissement_21_spirals

Interessante Entsprechung zu den Spiralkanälen Vlado Franjevićs: Stefan Mayers Spirale di Roma

Mit Text- und Bildbeiträgen von Max Ackermann, Peter Adacker, Marion Brasch, Ann Cotten, Eine besorgte Bürgerin, Elwood, Christian Engelken, Carola Fuchs, Johanna Gabler, Helmut Glatz, Florian Günter, Justina Eleonora Hoegerl, Thomas Höpfinger, Brigitte Hopstock, Emmy Horstkamp, Manuela Illera, Franz Kafka, Oliver Jung-Kostick, Jürgen Kerstiens, Justin Koller, Fitzgerald Kusz, Stan Lafleur, Joachim Lischka, Stefan Mayer, Birgit Moser, Gislind Nabakowski, Corinna Naumann, Karabin Oljoschin, Brigitte Yoshiko Pruchnow, Sabine Remy, Timo Rowek, Wencke Rowek, Bernhard Rusch, Ulli Schmeling, Nina Schmid, Holger Sommer, Stephan Sprang, Tanja Ulbrich, Knut van Brijs, Niko Vartiainen, Marion Vina, Reiner Wiebe und Petra Winter.

applaudissement, 36 Seiten, DIN A4, zahlreiche Farbbilder, 5 Euro. Zu beziehen über den TTR-Verlag.

MINI WELT bei Livres

An der Lyrischen Litfaßsäule, dem Gedichtbänden vorbehaltenen Part von Livres, dem Büchermagazin des luxemburgischen Tageblatts, bespricht Guy Helminger für die Sommerausgabe meinen jüngsten Auswahlband MINI WELT:

„Wussten Sie, dass das Meer der Feind der Dichtung ist, dass Möwen Pendlerinnen sind zwischen unseren Wünschen und Müllhalden? Wenn nicht, sollten Sie Stan Lafleur lesen, der seit langem zu den Großen der deutschsprachigen Lyrikszene zählt. Der Band MINI WELT (…) gewährt einen kleinen Einblick in Lafleurs momentanes Schaffen, sind die Gedichte doch unterschiedlichen unveröffentlichten Manuskripten entnommen. Während das Kapitel „Möwen von Jetzt“ Texte präsentiert, die alle zusammengehören, entlang einer feinen, bildlich ausgefeilten Linie operieren, und dabei über den vergehenden Moment in die Ewigkeit von Zeit verweisen, Erdgebundenheit hinter sich lassend bei der Erkundung des Alls, positioniert sich der Abschnitt „Wahrscheinlich schon in Bickendorf“ nicht nur in Lafleurs Wahlheimat Köln, sondern in der Spoken-Word-Akustik. Auch hier kennt der Dichter sich aus, gibt dem Deskriptiven den Vortritt, paart die Bilder mit Binnenreim und sich angleichenden Sounds. Beides hat Witz und ist von einem einnehmenden ästhetischen Gestaltungsprinzip durchzogen. Gutes Buch. (…)“

Lesezeichen 02/2017

Soeben erschienen ist das neue Lesezeichen, die vierteljährliche Zusammenstellung mit Highlights aus der deutschsprachigen Netzliteratur bei litblogs.net, einem Portal, das derzeit gut 20 AutorInnen, KünstlerInnen und Gruppen assoziiert und präsentiert. Themen sind u.a.:

Schreibmaschinen und Senflichter, Hofmannsthals Spasmen, die Heebie Jeebies, tonnenschwere Jachten, kryptolyrische Eheversprechen, Joachim Fest gegen Ernst Bloch, Tim Renner und Chris Dercon, Gewinncodes, Rohrgedommel, eine Bergspiegelung im See, ein Großes Grünes Heupferd und die Köln-Bonner Stadtbahntrasse, Mallarmé und Käte Hamburger … uvm.

rheinseins Beitrag besteht diesmal aus dem inzwischen zehnten Bild-Text-Eintrag der nach hinten offenen Serie Auf den Spuren Willy Brandts, der Beschreibung einer hochsommerlichen Wanderung entlang der Willy-Brandt-Straße in Wesseling.

Weitere AutorInnen des aktuellen Lesezeichens sind Marianne Büttiker, Der goldene Fisch, Andreas Glumm, Jan Kuhlbrodt, Jörg Meyer, Carl Nymphenbad, J. S. Piveckova, Rittiner & Gomez, Norbert W. Schlinkert, Andreas Louis Seyerlein, Christian de Simoni, Lisa Spalt und Chris Zintzen.

STILL

STILL-5_COVER

Durch einen verirrten Oktoberregen laufe ich zur Post und hole die Sendungen ab, die der Briefträger nicht abzuliefern gewillt ist. Darunter die neue, fünfte Ausgabe der auf den ersten Blick vermittels leichtem Überformat auffälligen Berlin-New Yorker Zeitschrift STILL.

„STILL is an independent magazine featuring inventive writing and photography,“ heißt es in der Selbstbeschreibung, „the artists published by the magazine challenge creative conventions in form or content and include an eclectic range of creators working in fiction, nonfiction, poetry, essays, translations, and fine art photography.“

Die wechselnden Text- und Bildsektionen der aktuellen Ausgabe erzeugen eine Komposition mit globalistischer Anmutung. Ein Teil der Texte findet sich aus dem Deutschen ins Englische übertragen oder umgekehrt. Zu entdecken sind neben einem Loreley-Text von Friederike Mayröcker, dem schönen Backcover-Gedicht von Sirka Elspaß, das direkt zweisprachig verfaßt wurde oder dem fotografischen Tagebuch von Lotte Reimann unter anderem auch zwei meiner guatemaltekischen Gedichte (englische Versionen: Jake Schneider).

AutorInnen: Ines Berwing, Daniela Danz, Petra Feigl, Forrest Gander, Kenneth Goldsmith, Axel Görlach, Sascha Hargesheimer, Andreas Hutt, Jan Imgrund, Mathias Jeschke, Pablo Katchadijan, Sascha Kokot, Stan Lafleur, Michael Lowenthal, Friederike Mayröcker, Sudabeh Mohafez, Jonas Mölzer, Filip Noterdaeme, Sandra Santana, Mercedes Spannagel, Andreas Thamm, Jordan Valentine Tucker, Uljana Wolf

FotografInnen: Alexander Anufriev, Miia Autio, Diego Ballestrasse, Tobias Faisst, Johannes Heinke, Kani Marouf, Anne-Lena Michel, Lotte Reimann, Daniel Terna

STILL 5 (Berlin Edition), 108 Seiten, 23×31 cm, Klebebindung, Berlin/New York 2017
Auflage: 400, 15 Euro

Versnetze_zehn

versnetze_zehn
„Die „Versnetze“ sind auch ein Seismograph gesellschaftlicher Befindlichkeiten, etwa mit von ostdeutschen Schriftstellern verfassten Gedichten über die Nachwehen der Wiedervereinigung oder Erinnerungen an das Leben in der DDR. Und auch die unheilvolle Vergangenheit des Dritten Reiches mit seinem unmenschlichen Vernichtungsapparat beschäftigt die Autoren nach wie vor. Kein Wunder bei den rechtspopulistischen Entwicklungen in Deutschland und anderen Ländern Europas. In der jüngeren Vergangenheit und Gegenwart wird verstärkt die Situation der Flüchtlinge thematisiert. Zum weiteren inhaltlichen Spektrum gehören unter anderem die schöne neue Technik- und Medienwelt, Heimat ohne Heimattümelei, Natur, Kunst, Musik, Literatur und Zeit.“ (Herausgeber Axel Kutsch im Vorwort)

Am Konzept der Versnetze hat sich in der zehnten Ausgabe nichts geändert: nach Regionen geordnet versammelt die jährlich erscheinende Anthologie ausgewählte Dichterstimmen (hauptsächlich) aus Deutschland. Von mir sind mit Heimat und Feuer zwei Gedichte aus dem in diesem Frühjahr erschienenen Band MINI WELT enthalten.

Versnetze_zehn, Verlag Ralf Liebe, Weilerswist, 340 Seiten, 24 Euro, ISBN: 978-3-944566-71-9

Nachtrag, 05. Juli 2017
Eine erste Rezension der Anthologie ist bei Fixpoetry erschienen. Jonis Hartmann schreibt unter dem Titel #networking: „Tatsächlich erweist sich Kutsch als ein unerschrockener Zusammenbringer/ Vernetzer verschiedenster AutorInnen. Namen, die einem bisher kaum geläufig waren, die wenig publizieren oder in Erscheinung treten, sind „erfasst“. (…) Die Versnetze haben sich in jedem Fall von den meisten anderen Anthologien der letzten Zeit abgesetzt.“

Flüchtiges Fleisch im Arbeitskittel

lütfiye güzel_faible
Seit 2012 hat Lütfiye Güzel sieben Bücher mit Gedichten, Notizen, Kurzgeschichten und Selbstgesprächen vorgelegt, darunter eine Novelle und ein Antiroman. faible? fungiert als Best of-Kompilation aus diesen sieben Titeln. Inhalte und Herstellungsbedingungen des Bandes erinnern an Produkte des Social Beat, eines literarischen Netzwerks in den 90ern, das abseits etablierter Strukturen unzählige Zeitschriften, Lesungen und Verlage organisierte und dessen AutorInnen überwiegend von gesellschaftlichem Schattendasein erzählten.

faible? eröffnet mit einem Supermarkt-Gedicht, in dem das lyrische Ich sich ostentativ vor den Waren und zugleich im Off der Kommerz- und Erfolgswelt mit ihren Anforderungen und Normen positioniert. Ein Auftakt, der sich im Folgenden bestätigt: auf der Flucht vor dem Vielzuviel pendelt ein zweifelserfüllter Ichzustand webschiffchengleich von Text zu Text, schattierte Muster aus grauen Gewissheiten zu wirken.

die hose

wie die hose & das t-shirt
über der stuhllehne hängen
so leblos & fallen gelassen
nutzlos auch
& das buch der antworten
es liegt auf meinen knien
während ich an den fragen arbeite

In Lütfiye Güzels Worten schwingen Staunen, Zweifel, Einsamkeit, Abenteuerlust, Verlust und Randexistenz-Bewußtsein: krakenbeinige Führungslinien, die in trockenen, tödlich nüchternen Beobachtungen verlaufen. Ihre Sprache ist prägnant, trotzig, bisweilen überraschend, aus mittlerer Distanz klingen Orhan Veli und Charles Bukowski an, aus der Nähe viel Marxloher Vorstadtwirklichkeit. Mehrere Gedichte erreichen Hitqualität. Es wäre wunderbar, solche Texte, gegen jede Furcht und Routine, am Samstagabend um 20 Uhr im Ersten ausgestrahlt zu wissen. Sie handeln von Ängsten in einem der wohlhabendsten Länder (von der Angst nicht dazuzugehören genauso wie von der Angst dazuzugehören), von Kleinigkeiten, von der Welt, von Sehnsucht und Fernweh, von der Verlorenheit, vom Nichterreichten, von der Machtlosigkeit der poetischen Fantasie, davon daß nichts passiert, vom Vater (dem Helden, der sein Geld verspielte), von hüzün (der türkischen Version von Tristesse, die auf Deutsch nach Fado klingt), kurzum: vom Gegenteil von Glück und insofern vom Glück, von der Dichtung als Ausweg (der keiner ist), vom Gastarbeiter-Schichtalltag und vom Gurkensortieren, von Duisburg, vom Nichtbleibenwollen und Nichtfortgehenkönnen, von der Verlogenheit der Durchhalteparolen, vom Einrasten des Klischees, von Zimmern (immer wieder von Zimmern), von Reinigung, Familie und entkoppelt dastehenden Gefühlen, von der Übersättigung an Unbefriedigendem, von einem Treffen mit Claude Chabrol, letztlich von der Flucht aus dem Vertrauten ins Vertraute, das zu ertragen eine der edelsten Aufgaben des Menschseins vorstellt.

In Anlehnung an Arte Povera ließe sich bei Lütfiye Güzel von Poesia Povera sprechen, einer Dichtung aus „armen“, sprich gewöhnlichen, alltäglichen Materialien. Der auf diesen Seiten stets geprüfte Möwenfaktor beträgt in faible? übrigens, wie auch der Rheinfaktor, Null. Statt Möwen finden sich Tauben „die man verjagt / weil sie vielleicht / nicht wirklich schön sind“, die an anderer Stelle als „Nazi-Tauben“ auftreten und somit als Symboltiere das gesamte Hassliebespektrum des Bandes auf sich vereinen. Für diesen Herbst ist mit Elle-Rebelle bereits der nächste Güzel-Band angekündigt.

gedicht 6

aus dem nichts
bleibt mir
der zerbrechliche trost
dass vielleicht
je tiefer man
über eine sache
zu reden fähig ist
man sie am
wenigsten
empfindet

Lütfiye Güzel: faible?, go-güzel-publishing, Duisburg 2017, Taschenbuch, 200 Seiten, 12 Euro, ISBN: 978-3-00-054953-3

Das Hungertuch

das hungertuchNachdem mir gestern geträumt hatte, in einer ortslosen lichten Fabrikhalle vor wohlgeordneten leeren Stuhlreihen bei der offiziellen Vergabe der Hauptsächlichen Preise für deutschsprachige Dichtung mit der unbeliebtesten der vier jeweils mit einer geringen krummen Summe Taschengelds dotierten Trofäen, dem Pokal für „Gedichte, die gar nicht erst versuchen Gedichte zu sein“, ausgezeichnet worden zu sein, einer plumpen Statue, die stark an die FIFA World Cup Trophy erinnerte und die schnellstmöglich loszuwerden hervorragend gelang, weil sie beim Abstellen umstandslos in der von Wichtigkeit beladenen Umgebung aufging, freue ich mich über die Ehre eines weiteren, höchst realen Preises für mein literarisches Schaffen: Das Hungertuch. Der Preis wird seit 2001 zweijährlich an zumeist drei Künstler verschiedener Sparten vergeben. Besonders rührt mich, unter den bisherigen Preisträgern zwei Musikhelden meiner Jugend zu finden: Tom Liwa und den Pyrolator. In der Sparte Literatur gehören u.a. A. J. Weigoni, Swantje Lichtenstein und Enno Stahl zu den Vorgängern. Unaussprechliche Freude gebührt der Tatsache, den diesjährigen Preis mit dem bretonischen Künstler Roland Bergère zu teilen, mit dem mich seit zwei Jahrzehnten zahlreiche Kooperationen verbinden. Dritter Preisträger 2017 ist der Komponist Christoph Staude.

„Diese von Ulrich Peters begründete Auszeichnung ist ein Preis, verliehen von Künstlern an Künstler. Er unterstreicht das Ideelle und Nachhaltige der künstlerischen Produktion und ist ein Plädoyer für die künstlerische Unabhängigkeit. (…) „Die Unabhängigkeit der Inhalte schützt am besten, wer sich tatsächlich um die Inhalte kümmert. (…) ‚Das Hungertuch‘ (…) wird an Artisten verliehen, die mit experimentellem Pioniergeist im 21. Jahrhundert neues künstlerisches Terrain aufbrechen. Die Jury verfolgt mit besonderem Interesse künstlerische Ansätze, die sich um die Verschmelzung unterschiedlicher Genres bemühen.““ (Kirsten Adamek, Galerie amschatzhaus)

Der Begriff des Hungertuchs rekurriert auf den mittelalterlichen Kirchenbrauch, in der Fastenzeit den Altar zu verhüllen. Zur körperlichen Buße des Fastens kommt die eines liturgischen Verzichts. Leicht mit dem Hungertuch assoziiert werden können Kafkas Erzählung Ein Hungerkünstler (als ironisch gezeichnete Symbolgestalt des Künstlers schlechthin) oder das Textil als (Welt-)Gewebe, innerhalb dessen und an dem der von spirituellen Antrieben motivierte Künstler wirkt.

Die Preisverleihung findet am 10.06.2017 um 16.30 Uhr in der Galerie amschatzhaus in Neuss-Holzheim mit Lesung und Musik im Rahmen von Roland Bergères Ausstellung Um die Häuser statt. Die Laudationes hält Enno Stahl.

Ausführlichere Informationen zum Hungertuch
– Die vollständige Preisträgerliste
– Vorabbericht zur Preisverleihung in der Rheinischen Post

Nachtrag, 21 Juni 2017
Zu den Literaturpreisen Das Hungertuch und Nahbellpreis schreibt Matthias Hagedorn unter dem Titel Scherz, Satire, Ironie und tiefere Bedeutung in den Kulturnotizen und stellt das Schaffen von Angelika Janz, HEL und mir in eine Reihe: „Diese Autoren haben es nicht nötig, ihre Wahrnehmungen mit der Creme salbender Schönheit zu tunen. Ihre Wahrnehmung ist brennscharf, sie haben ein untrügliches Gefühl für dramatische Zwischenräume, das lyrische Ich reflektiert gesellschaftliche Zustände in der Regel beiläufig, und zumeist heiterer Melancholie oder in bitter klugen Farcen.“

… immer steigend, kommt Ihr auf die Höhen

bergpässe

In der 266. Ausgabe der Zeitschrift die horen beschäftigen sich, herausgegeben von Andreas Erb und Christof Hamann, Kulturwissenschaftler, Essayisten, Lyriker und Prosaisten mit alpinen Verbindungswegen.

„Hochgelegene Regionen verbinden wir heute oftmals mit den Namen herausragender Berge, dem Matterhorn, dem Kilimandscharo, dem Mount Everest. Wurden die Gipfel lange Zeit als Orte des Zwiegesprächs zwischen Göttern und Menschen angesehen, so schufen die Pässe hingegen vielfältige Verbindungen zwischen den Menschen selbst.
Handelswege, Schmugglerwege, Kriegswege, Pilgerwege: Pässe bilden Einbuchtungen in den ansonsten nur schwer zu überquerenden Gebirgsriegeln. Sie sind Orte eines vielfältigen Verkehrs von Menschen, Tieren, Dingen, von Erlaubtem und Verbotenem, auch Möglichkeitsräume, an denen zukünftige Ereignisse zum Greifen nahe scheinen. Pässe stiften daher auch Ideen und Fantasien.“ (Aus dem Verlagsinfo.)

Von mir ist ein Text über die literarisch und filmisch häufig stark verfremdete Via Mala enthalten.

Weitere AutorInnen sind u.a.: Marcel Beyer, Iso Camartin, Oswald Egger, Péter Farkas, Joachim Geil, Franziska Gerstenberg, Guy Helminger, Silvio Huonder, Birgit Kempker, Birgit Kreipe, Tim Krohn, Volker Kutscher, Klaus Merz, Klaus Modick, Karl-Heinz Ott, Angelika Overath, Annette Pehnt, Marion Poschmann, Norbert Scheuer, Sabine Scho, Tom Schulz, Ulf Stolterfoth, Antje Rávic Strubel, Alain Claude Sulzer, Leo Tuor, Theresia Walser, Peter Wawerzinek und Miek Zwamborn.

… immer steigend, kommt Ihr auf die Höhen. Bergübergänge, herausgegeben von Andreas Erb und Christof Hamann in der Reihe: die horen. Zeitschrift für Literatur, Kunst und Kritik; Band 266, 62. Jahrgang, Wallstein Verlag, Göttingen 2017
240 Seiten, zum Teil farbige Abbildungen, Broschur, 14 Euro, ISBN: 978-3-8353-3038-2

Nachtrag, 26.07.2017
„Die gesammelten Grenzerfahrungen zeugen schon durch das auf den Schweizer St. Gotthard bezogene Motto aus Schillers Wilhelm Tell („… immer steigend, kommt Ihr auf die Höhen“) weniger von lebensgefährlichen Risikounternehmungen als von erhebenden, manchmal spirituellen Passagen zwischen dem Bekannten und dem Unbekannten – um Abenteuer der Wahrnehmung“, heißt es in einer ersten Rezension von Gregor Dotzauer für den Tagesspiegel unter dem Titel Im Meer der Berge.