fugitive beauty

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Das neue und soeben erschienene Magazin des amerikanischen Künstlers Lee Baumgarten beschäftigt sich mit den Themen Diaspora, Migration und flüchtige Schönheit. Die internationale Kompilation versammelt Künstler aus neun Nationen. Eine meiner guatemaltekischen Fotoarbeiten plus Begleittext findet sich auf Seite 21.

Das Magazin im elektronischen FlipBook-Format kann wie eine Website abgerufen werden.

Mit Beiträgen von: Ráed Al-Rawi (Irak), Nico Amortegui (Kolumbien), Case Baumgarten (USA), Vlado Franjević (Kroatien/Liechtenstein), Stan Lafleur (Deutschland), Phillip Larrimore (USA), Pedro Lobo (Portugal), Steven Lyons (USA), Kenny Nguyen (Vietnam), Tina Roozbehi (Iran), Hanna Tadrous Girgis (Ägypten) und Denise Torrance (USA).

Jahrbuch der Lyrik

jahrbuch der lyrik 2017

„Seit 1979 gibt das »Jahrbuch der Lyrik« Einblick in neueste Entwicklungen der Poesie in Deutschland, Österreich und der Schweiz; ab diesem Jahr erscheint es jährlich bei Schöffling & Co. Für die 31. Ausgabe konnte Christoph Buchwald die vielfach ausgezeichnete Lyrikerin Ulrike Almut Sandig als Mitherausgeberin gewinnen. Gemeinsam haben sie die besten zeitgenössischen Gedichte ausgesucht und in thematischen Kapiteln zusammengestellt.
In welchem Maße ist die Gegenwartslyrik Echo und Spiegel unserer Zeit? Wie tief sitzt das Misstrauen gegen politische Ideologien und Rezepte? Offensichtlich ist: Die Sicht auf Geschichte und Gesellschaft ist nur mit subjektiver Herangehensweise glaubwürdig zu artikulieren, der persönliche Blick verweist auf das große Ganze.
Erstmals wurden auch Bildgedichte in die Auswahl aufgenommen; zusammen mit dem Kapitel »Dichter übersetzen Dichter« gehen diese über Sprach- und Genregrenzen hinaus.“
(Aus dem Verlagsinfo)

Rund 120 AutorInnen sind im Jahrbuch der Lyrik vertreten, die Stimmen reichen von der Newcomerin ohne eigenes Buch bis zur Nobelpreisträgerin. Mit Die Charaktere in Fernsehserien werden unmoralischer von Jahr zu Jahr und Zone 4, X-ter Nebenweg zur Allee der Reformen sind zwei meiner guatemaltekischen Gedichte enthalten.

Jahrbuch der Lyrik 2017, herausgegeben von Christoph Buchwald und Ulrike Almut Sandig, Schöffling & Co., Frankfurt/Main 2017
232 Seiten, gebunden und mit Lesebändchen, 22 Euro, ISBN: 978-3-89561-680-8

Nachtrag, 04. Mai 2017
Ein erster Vorbericht erschien bereits am 06. April auf dem Lyrikportal fixpoetry. Darin ist die Rede von über 5000 Einsendungen. Die ausgewählten Texte eigneten einen „beglückend hohen Risikofaktor“, konstatiert wird darüberhinaus das neuerliche Aufflackern politisch motivierter Dichtung.

Nachtrag, 08. Mai 2017
André Hatting bespricht das Buch am 06. Mai für den Deutschlandfunk: „Das aktuelle Jahrbuch der Lyrik ist ein Who is Who der neuen deutschsprachigen Poesie.“

Ixcanul

Guatemala ist im Zeitalter der Globalisierung für die meisten Europäer Terra incognita geblieben. Das gilt sowohl für das Land selbst, als auch für seine Literatur. Die Youtube-Recherche führt zu den üblichen Amateurvideos von Reisenden, kurzen touristischen Werbefilmen und einigen Dokumentationen über Elend und Gewalt. Letztere dominiert den Alltag als nationales Thema: in den Straßen gespiegelt auf Wandbildern, in Graffiti, auf Suchplakaten nach Verschwundenen und täglich neu formuliert in den Mantras der Schlagzeilen. Spielfilme aus Guatemala – oder solche, die das Land zum Gegenstand wählen – sind indes rar bzw. in Europa kaum verfügbar.

Den größten Bekanntheitsgrad dürften zwei Produktionen aus den Achtzigern erreicht haben. Zum einen El Norte (USA/GB 1983), ein Flüchtlingsdrama von Gregory Nava, das das traurige Schicksal eines jugendlichen Maya-Geschwisterpaars auf seinem Weg aus dem vom Bürgerkrieg gebeutelten Guatemala ins gelobte Kalifornien beschreibt. Zum anderen The Evil That Men Do (MEX/USA/GB 1984), ein typischer Selbstjustiz-Action Thriller mit Charles Bronson in der Rolle des Rächers. Das Star-Vehikel spielt allerdings nur laut Drehbuch in Guatemala, aufgenommen wurde es in Mexiko.

„Sie wollen’s nicht tun!“ Gleich werden die Schweine mit Rum gedopt

Mit Ixcanul Volcano von Jayro Bustamante (GUA/FRA 2015) hat erstmals ein guatemaltekischer Streifen interkontinentale Aufmerksamkeit erzielt. Das Drama zeigt Ausschnitte aus dem Leben einer abgeschieden am Vulkanhang lebenden Kleinbauernfamilie. Formal schlicht erzählt, verquickt der Film eine ganze Reihe Aspekte des armseligen Kaffeepflückerlebens zu einem kompakten, komplexen Ganzen. So ließe sich Ixcanul Volcano wahlweise als Frauenfilm, Adoleszenz- bzw. Gesellschaftsdrama oder als Dokumentation über das heutige Leben ländlicher Mayas betrachten. Entwickelt wurde er nach einer wahren Begebenheit, wie es heißt, von Regisseur Bustamante und den Akteuren in Teamarbeit – für die Laienschauspieler (herausragend María Telón und María Mercedes Coroy als Mutter und Tochter) war es der erste Spielfilm.

Maya-Zeremonie am Vulkanhang mit Dank an die Geister

Mutter Juana und Tochter María zerren vor der intensiven Landschaft des Pacaya, einem der aktivsten Vulkane der Welt, ein Schwein in den Koben und füllen das Tier mit reichlich Hochprozentigem ab, um es zur Paarung zu stimulieren, bevor es für ein Gastmahl zur Hochzeitsanbahnung geschlachtet wird. Die Familie, Vater, Mutter, Tochter, lebt in einer Bretterhütte von wenig mehr als nichts. Hinter dem mächtigen Vulkan, Lebensraum und scheinbar unüberwindliches Hindernis zugleich, liegt das Unbekannte. María soll mit dem verwitweten Vorarbeiter der Kaffeepflücker verheiratet werden, doch die junge Frau interessiert sich stärker für den gleichaltrigen Hilfsarbeiter Pepe, einen Heiopei, der sie im Gesträuch bedrängt und davon spricht, in das Land hinterm Vulkan, wo es Strom und fließend Wasser gibt und jeder englisch spricht, abzuhauen. Beim Abtritt hinter der Schnapsbude läßt María sich von Pepe entjungfern und wird umgehend schwanger. Der werdende Vater verdrückt sich zügig Richtung Mexiko und USA. Der Ehemann in spe hatte sich seine Braut weniger schwanger vorgestellt, die Abtreibung mit Maya-Hausmitteln schlägt fehl. Ohne das feste Einkommen des Bräutigams steht die Familie nun vor dem Abgrund, zumal die Felder mit einerseits heiligen, andererseits todbringenden Schlangen verseucht sind. Beim Versuch der Schlangenaustreibung (Schwangeren können die Tiere nichts anhaben, erinnert sich Juana an eine alte Maya-Weisheit) wird María prompt gebissen. Das Krankenhaus in der Stadt rettet ihr Leben, doch verliert sie ihr Kind. Den Leichnam zu sehen wird María verweigert. Als sie den Sarg öffnet, enthält er nur Steine. Das Kind wurde geraubt und verkauft. Damit ist das Problem für den Bräutigam aus der Welt. So blickt María schließlich doch in eine Zukunft hinter dem Vorhang des Brautschleiers.

Mutter und Tochter im Temazcal, dem medizinischen Schwitzbad

Vordergründig zu faszinieren vermögen an Ixcanul, was soviel wie „die nach außen drängende Kraft im Inneren des Berges“ bedeutet, Marías duldendes, die Kamera bezwingendes Gesicht, das Schönheit und Elend vereinende Chiaroscuro einer selten gezeigten Welt, befördert von der Tonspur, die statt auf musikalische Unterlegung auf knappe Dialoge und die Akustik der Schauplätze vertraut. Fernblick und Armutsexotik wecken beim europäischen Zuschauer Gefühle aus dem Sumpf seiner romantischen Vorbildung. Wie wunderbar stoisch die kleine Frau ihr Schicksal erträgt! Kein Wunder fallen da insbesondere die bürgerlichen Kritiken schwärmerisch aus.

María Mercedes Coroy als María

Über ihre tragische Handlungsabfolge hinaus weist die Geschichte auf das In-sich-Gefangensein einer als abgeschieden dargestellten Kultur, die tatsächlich die Hälfte der guatemaltekischen Bevölkerung stellt, von der herrschenden Klasse der Ladinos jedoch vernachlässigt, bestaunt und mißachtet, wenn nicht mißbraucht wird. María wirkt in diesem Kontext zuweilen wie der titelgebende Vulkan: magisch schön, sich selbst nicht verstehend, im Inneren brodelnd, letztlich unbesiegbar. Dieweil die Dialoge auf Kaqchikel, einer der 22 in Guatemala vorkommenden Maya-Sprachen, abgehalten werden, dienen sämtliche Tier- und Naturszenen des Films, darüberhinaus auch Orte wie das Schwitzbad oder ausgestellte Emotionen als Symbole der traditionellen Maya-Weltanschauung mit feststehenden Bedeutungen. Auf diese Weise verknüpft sich die Bildsprache zum spirituellen Grundmuster, welches die Erzählung neben einer dramatischen, ethno- und soziografischen auch zu einer religiösen macht.
In der indigenen Community wurde der Film teilweise kritisch aufgenommen: zu sehr bediene er sich des Ladino-Blickwinkels und reflektiere nicht unbedingt Wirklichkeit und Weltanschauung der Mayavölker.

Ixcanul Volcano ist bei uns als Ixcanul – Träume am Fuße des Vulkans auf DVD mit deutschen Untertiteln erhältlich und ab 12 Jahren freigegeben. Kostenpunkt: ca. 20 Euro.

Guatemala-Stadt (3)

Flugstudie: anonymes Werk in den Straßen der Hauptstadt

Vom Fliegen: anonymes Werk in den Straßen der Hauptstadt

Während meines Aufenthalts ist Guatemala-Stadt Kulturhauptstadt Zentralamerikas. An Aktivitäten bekomme ich lediglich ein Marimba-Orchester mit, das in der Mittagshitze unter der öffentlich zugänglichen Bühnenmuschel im Parque Centenario seine Setliste abarbeitet. Das wechselnde Publikum sitzt, von Regenschirmen gegen die Sonne geschützt, unter freiem Himmel, einige ältere Menschen umschlingen sich im Paartanz. Wenige Schritte entfernt sind Meilensteine der Kunstgeschichte auf der Straße ausgestellt: auf Stelzen gesetzte Drucke, sämtlich auf ein und dasselbe Format nivelliert. Besonderen Anklang bei den Betrachtern, ausschließlich Männern, findet ein barocker Frauenakt. Bei meinen Erkundungsrunden entdecke ich an Hauswände und Stromverteilerkästen applizierte, häufig anonyme Werke mit dringlichen Aussagen, die kaum im Kulturhauptstadtprogramm zu finden sein dürften.

Wachmann mit Pumpgun

Im Vorübergehen höre ich einen Straßenhändler mit Vocoderstimme müde monotone Verkaufsverse rezitieren. Ein Teenager hält ein Bündel Kabelenden in die Luft und findet tatsächlich Interessenten. Ein unbeschäftigter Mensch hat sich zwei leere Bierkisten als Hocker auf die Straße gesetzt und wartet auf garnichts. Zwei Blocks weiter wird mürrisch eine Mauer bewacht. Eine Menge Vergeblichkeit dünstet in das eigentlich, vonseiten der Natur, durchaus angenehme Klima.

Dreckiger Himmel

Dreckiger Himmel

Auf verspiegelten Scheiben eilen die Himmel vorüber und achten wenig auf das Geschehen zu ihren Füßen, bilden stattdessen Gummibärchenwolken und ziehen sich später zu einem Grollen zusammen. Kaum werde ich des Stadtwanderns überdrüssig, als ich von einem Fahrrad (!) angeklingelt (!) werde: der einzige Weiße, dem ich auf den Straßen der Hauptstadt begegne, ist ein schwäbischer Tourist, der gerade mit seinem Guide eine fünfstündige Radtour durch den Betondschungel absolviert hat. An einer schicken kleinen Bar probieren wir ein paar eigenartige Getränke.

Mit den Kollegen Kaypa Tz'ikin und Wingston González nach einem gemeinsamen Kaqik-Essen

Mit den Kollegen Pascual Tz’ikin und Wingston González

Zwei Dichterfreunde, die jeweils eine Minderheitensprache Guatemalas repräsentieren, mache ich beim Kaq’ik-Essen im Restaurant Arrin Cuan miteinander bekannt. Direkt hinter unserem Tisch spielt die hauseigene Marimba-Combo, was den lebhaften Gesprächen keinen Abbruch tut. Pascual schreibt auf Tujaal, einer Maya-Sprache, die im Departamento El Quiché beheimatet ist, Wingston auf Garífuna, einer Einwanderersprache, die an der Karibikküste gesprochen wird. Am Abend trage ich im Deutschen Sprachinstitut in der Zona 10 Gedichte vor und beantworte zahlreiche Fragen zu Deutschland. Institutsleiter Hartmut Schostak hat, eine kleine Sensation, zur Befeuerung des Vortrags und der Aufnahmewilligkeit des Publikums Urfränkisches Dunkelbier bereitgestellt: auf diese Weise gerät der Vorabend meines Rückflugs unweigerlich zu simulierter Heimat. Auf dem Rückweg zum Hotel sehe ich über dreißig, vierzig Blocks keine Menschenseele auf der Straße. Es ist noch nicht einmal Mitternacht und die Millionenmetropole hat sich in eine verrammelte Geisterstadt wie aus einem Zombiefilm verwandelt.

Guatemala-Stadt (2)

Digital StillCamera

Kathedrale von Guatemala-Stadt auf der Plaza de la Constitución

Bei meinem zweiten Aufenthalt residiere ich im historischen Zentrum der Zona 1. Der Platz der Verfassung wird bevölkert von fliegenden Händlern, auf dem Asfalt picknickenden Familien und Demonstranten. Nicht weit entfernt befindet sich der Zentralmarkt mit beachtlichem Angebot an Frischwaren. Ich lasse mir eine Trinkkokosnuß aufschlagen und lerne das guatemaltekische Maß „tres manos“ (drei Handvoll) kennen, das beim Straßenverkauf kleinerer Früchte Verwendung findet. Auf den Platz führt die 6A Avenida, vermutlich die bekannteste Straße der Hauptstadt.

Straßencombo auf der 6A Avenida

Straßencombo auf der 6A Avenida

Der Boulevard fungiert als einzige Fußgängerzone der Innenstadt. Morgens kommt sie nur langsam in Schwung. Auf einem Kilometer reihen sich Läden mit Kunststoffprodukten, dazwischen Fastfood-Restaurants und Boutiquen, die Kleidung mit Minions-Motiven und Glitzer verkaufen. Auf der Straße bieten Portraitzeichner, karibische Friseurinnen, und wandelnde Schaufensterpuppen ihre Produkte und Dienstleistungen an. Alle paar Meter stehen Polizisten oder Wachpersonal mit Shotguns.

Immer an der Wand lang

Eine seltsame Hochlandgrippe mit mir schleppend, lasse ich mich von Passantenwellen die Straße auf- und abspülen. Vereinzelt schieben Hedonisten ihre Einräder neben sich her. Schuhputzer versuchen mich zu stoppen. Über den Köpfen der Menge platzen Seifenblasen, baumeln an Stangen angebrachte Moskitonetze, weisen Plakate auf einen großen Fotowettbewerb hin, gefragt sind Motive der Innenstadt. Aus der Hüfte schieße ich verwackelte Straßenszenen, bis der Speicherchip übersäuert.

Seit jeher gesucht, bis heute unentdeckt: das legendäre Heartland

Als befände ich mich in einem Computerspiel, bewege ich mich durch das rechtwinklige Straßenraster, rechts, links, links, rechts… Umgehe jäh aufklaffende Gullilöcher, die mit ihren abgebrochenen Schutzgittern an Bärenfallen erinnern. Auf dem Weg eingesammelte Instinkte hindern mich am Betreten diverser Areale. Meine Feinde halten sich bedeckt. Von den Wänden bröckelt der Putz und gibt Geheimkarten preis.

Einer von zahlreichen Fußballstars in den Straßen der Hauptstadt

Einer von zahlreichen Fußballstars in den Straßen der Hauptstadt

Dann taucht Thierry Henry vor mir auf. Neben seinem alten Arsenal-Jersey trägt er einen leeren Blecheimer übers Trottoir.  Ich spreche den Ex-Fußballer an, wir reden über seine großen Zeiten und er führt mich zur Buchhandlung Piedra Santa. Dort bittet Henry um etwas Geld für sein Frühstück, sein Gehalt sei noch nicht angewiesen. Der Lyrik wird in der Buchhandlung, anders als in Europa, ebensoviel Platz beigemessen wie der Belletristik und dem Sachbuch: zwei Dutzend Titel, darunter eine Handvoll von derselben Autorin, die, falls ich recht verstehe, um die Ecke wohnen soll.

Vom Verschwinden der Verschwundenen



Die Stimmung im Zentrum von Guatemala-Stadt wirkt bedrückt. An den Hauswänden kleben Steckbriefe Verschwundener, von Mord-, Folter- und Genozidopfern. Der Bürgerkrieg hinterließ eine traumatisierte Gesellschaft, die angefressenen Plakate lassen sich ebenso als breitgestreutes Symptom auf der städtischen Oberfläche betrachten wie Anti-Gewalt-Poster und Sprühparolen („Alle lügen, niemand hält Wort“, „Irgendwer hat sämtliche Blumen vernichtet“), die sich mit dem Zustand des öffentlichen Lebens auseinandersetzen. Die Mordrate der Stadt zählt zu den höchsten der Welt, die Ursachen sind vielfältig: Guatemala liegt auf der Drogenroute zwischen Südamerika und den Vereinigten Staaten, der Busverkehr wird von Banden kontrolliert, Frauen fallen dem Machismo zum Opfer, Korruption ist allgegenwärtig, die Aufklärungsraten niedrig, die öffentlichen Zuschreibungen sind teilweise gesteuert und irreführend. Typische Zeitungsmeldungen lauten: „In der Nacht auf Sonntag wurde der Fußballer (Name angegeben) vor dem Eingang einer Disco in der Zona Viva von unbekannten Subjekten mit mehreren Kugeln niedergestreckt. Die Liga betrauert seinen Abgang“ oder „Vergangenen Nachmittag wurde ein Bus der Linie (Nummer angegeben) in der Hauptstadt von Bewaffneten angehalten, der Fahrer empfing drei Kugeln in Brust und Kopf, ein Fahrgast in der Nähe des Chauffeurs wurde von einer vierten Kugel verletzt“. Im Durchschnitt verzeichnet Guatemala-Stadt acht Morde pro Tag.

Guatemala-Stadt

Wandgemälde mit Vorhang in der Zona 4

Wandgemälde mit Vorhang

Zona 4, Guatemala-Stadt. Carlos René García Escobar, der PEN-Präsident Guatemalas, holte mich am Flughafen ab. Einfach so ein Taxi ohne Referenz zu nehmen sei gefährlich, hörte ich später. Zuvor hatte Carlos mir, damit ich ihn erkennen möge und mich an meine Heimat erinnert fühle, wie er sagte, ein gemeinsames Foto mit Günter Grass von einem Kongreß in Berlin vor rund zehn Jahren geschickt. Der Abend dämmerte bereits, als Carlos mich in einem stacheldrahtumzäunten Hotel ablieferte, vor der vergitterten Einfahrt zwei Wachmänner mit Shotguns. Gejetlagged fiel ich umgehend in Tiefschlaf. Am nächsten Morgen, sechs Uhr früh, wollte ich ein paar Scheine in der lokalen Währung auftreiben und einen Netzadapter für meine elektronischen Geräte besorgen. Die Rezeptionistin beorderte das Wachpersonal, mich über die Kreuzung zu einer Tankstelle mit Geldautomat zu begleiten. Das kam mir zu gleichen Teilen übertrieben wie freundlich vor. Mit einer Anzahl frisch gebügelter Quetzales machte ich mich auf den Weg. Die Geschäfte hatten noch geschlossen, doch einige abenteuerliche Kramläden öffneten nach und nach, auch solche mit Elektrobedarf, Adapter für europäische Stecker führte keiner davon. Auf der Straße zuckten Überreste der vergangenen Nacht. Zerstörte Menschen. Dann wieder solche, die den Weg zur Arbeit aufnahmen. Beutegierige Straßenkinder. Ein paar befremdete Blicke: was sucht der große Weiße hier? Traute mich kaum zu fotografieren. Eines der wenigen Bilder des ersten Morgens ist dieses von einem Wandgemälde in einer Nebenstraße.

Torre del Reformador von 1935

Torre del Reformador von 1935

Auf meiner frühmorgendlichen Erkundungstour durch Haupt- (Avenidas) und Nebenstraßen (Calles), die sich zu durchnummerierten Rastern fügen, ragte plötzlich der Torre del Reformador, unter dem ich am Vortag bereits hindurchgefahren war, vor mir empor. Das Bauwerk ist dem Eiffelturm nachempfunden, auf derselben Avenida steht weiter stadteinwärts auf der Plaza de la Republica ein von drei Bronzefiguren über Kopf erhobener Obelisk. Tourismus existiert in der Landeshauptstadt kaum. Sie gilt als wenig sehenswert und gefährlich.

Teethburger

Teethburger

Burger-Schnellrestaurants sind im Stadtbild omnipräsent, Produktnamen der spanischen Sprache angepaßt – so sah ich z.B. „McNíficos“ angepriesen. Drei meiner ersten vier Mahlzeiten in Guatemala bestanden aus dem desayuno típico (typisches Frühstück), das zu anderen Tageszeiten als platillo típico (typisches Gericht) angeboten wird: die Basisversion vereint schwarze Bohnenpaste, Kochbananen, Rührei, Tortillas und Kaffee.

Antigua Guatemala

im minivanAntigua (Alt-Guatemala) gilt aufgrund ihres architektonischen Reichtums als sehenswerteste Stadt des Landes, eine Mischung aus Kolonialstil und us-amerikanischer Resortbildung. Bei einem kurzen Zwischenstop auf dem Weg nach Guatemala-Stadt bekam ich hauptsächlich Randbezirke zu sehen: breite, saubere Kopfsteinpflasterstraßen, in denen der Tag mit Lichteinfällen experimentierte.

im minivan_2Als Passagier eines vollbesetzten Minivans cruiste ich durch den Ort. Kubistische Lichtmauern drangen ins Fahrzeug und verschoben ihre Oberflächen in unsere Schatten.

zweiweltRucksack-Reisende lagerten im reichhaltigen Gebüsch, das auf Gartenmauern in die Himmel wuchs, dessen Servicekräfte Besuchertickets ausstellten. Vielfältige Perspektiven für einen Rücksitz-Reisenden.

Chimaltenango

Cevicheria an der Interamericana

Cevicheria an der Interamericana

Die Interamericana führt mitten durch Chimaltenango. Entlang der Straße, welche die Stadt teilt, reihen sich Werkstätten, Restaurants und Tankstellen. Ceviche ist ein in weiten Teilen Lateinamerikas verbreitetes Kaltgericht mit jeweils landestypischen Zubereitungsformen. In Guatemala besteht es aus in kleingeschnittenen Zwiebeln, Tomaten, Selleriestengeln, Korianderblättern, Minze, Worcestershiresauce und Limonensaft marinierten Garnelen, die in Gläsern oder Bechern gereicht werden.

Kleine Läden, die sich keine Wachmänner leisten können, sind fast überall im Land vergittert

Hähnchenbraterei-Ketten sah ich mehrere in Guatemala, neben Pollo Pinolito erinnere ich mich an Pollo Campero und (hinsichtlich der Namensgebung, denn gespeist habe ich in keinem der Läden, mein Favorit:) Pollolandia – alle drei verwenden Rot und Gelb als Firmenfarben. Ob sie wie die fiktive Kette Los Pollos Hermanos (ebenfalls Rot und Gelb) aus der Fernsehserie Breaking Bad zur Geldwäsche dienen, ist weder bekannt noch völlig unwahrscheinlich.

Gegenverkehr

Zum Aussteigen blieb in Chimaltenango, das ich sowohl auf dem Hin-, als auch auf dem Rückweg querte, keine Zeit. Vom Asfalt der Interamericana entsteht der Eindruck, die Stadt definiere sich über die Verkehrsachse, die Vehikel um Vehikel durch sie hindurchspult. Die Bewegungen am Straßenrand gehen abschnittsweise mit denen auf der Straße kongruent, Läden und Menschen tragen, letztere anstelle von Trachten, die Farben der in zähflüssigem Verkehr die Stadt durchwühlenden Fahrzeuge.

Fußgängerrampe

Mitten in Chimaltenango führt diese Rampe zu einer Plattform im Himmel. Von diesem höchsten Punkt aus ließen sich die umgebenden Vulkane und das Treiben in den vermutlich existierenden Vierteln abseits der Durchgangsstraße beobachten – doch anstatt die Gelegenheit zum Verweilen zu nutzen, bewegen sich die Menschen auf der Rampe, als würde ihr Sichbewegen (und nichts anderes) den Fortgang der Welt und ihrer Geschehnisse erst gewährleisten, ein Menschenmotor, der in Sisyfosmanier die Tage anschiebt, bis sie ins Loch der Nacht hinabstürzen.