#şiirsokakta

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Zeilen aus einem Gedicht von Turgut Uyar in Kuledibi, der Nachbarschaft unterhalb des Galataturms

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Nicht alle Männer sind gleich: sofistische bzw. Sufi-Variante des Straßengedichts nahe Şişhane

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Umarme mich, wo ich mein Leben gelassen habe: Metin Altıok starb beim Brandanschlag von Sivas

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Wenn du blau trägst vergesse ich das Meer: Gedichttitel von Selçuk Yamen vor Rissen an Hauswand

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Auf der Befestigung der Uferpromenade von Kadıköy: Vers von Necdet Evliyagil

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Hüzün, gekreuzte Kabel und schwarzes Haar: aus dem Gedicht Kestim Kara Saçlarımı von Gülten Akın

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Verbleichende Verse von Can Yücel, irgendwo in Beyoğlu

 

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Straatpoëzie

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„dat rond / deel deel / dat rond“: Lucebert-Gedicht „uiterst klein rond deel“ in Venlo

In den Niederlanden und in Belgien gehören Gedichte im öffentlichen Raum zum Straßenbild. Das ist mir in mehreren Städten beider Länder angenehm aufgefallen und wo sich Gelegenheit ergab, habe ich solche Orte poetischer Alltagserweiterung fotografiert: in Rotterdam, Leiden, Nijmegen, Arnhem, Venlo, Brüssel und Ostende. Die Gedichte finden sich auf Hauswänden (muurgedichten), ins Trottoir eingelassen, auf Fensterglas, Plakaten, Schildern, an Hafenbecken und eigens eingerichteten Objekten appliziert. Manche sind versteckt, andere zieren stark frequentierte Orte wie Bahnhöfe oder Fußgängerzonen.

Vor geraumer Zeit stieß ich in der Facebook-Timeline von Lucas Hüsgen, der einige meiner Gedichte ins Niederländische übersetzt hat, auf eine Website, deren Anspruch es ist, lyrische Interventionen im öffentlichen Raum der Niederlande und Belgiens mit genauen Adressen zu dokumentieren. Soweit ich verstehe, kann dabei jeder mitmachen. Wer die Website von Straatpoëzie aufruft, bekommt eine Landkarte präsentiert, in der annähernd 2000 solcher Textstätten markiert und teilweise mit Fotos, Wortlaut und Informationen zum jeweiligen Gedicht versehen sind. Die Website bestätigt die naheliegende Vermutung, dass die meisten Straßengedichte mithilfe institutioneller Unterstützung ihren Weg in die Öffentlichkeit fanden.

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Rote Ziegel, zitternde Hände: Louis Paul Boon auf nächtlicher Suche in Versen nach dem in die Jahre gekommenen Mariechen von Nimwegen

Die Straßengedichte können sowohl von historischen, als auch von zeitgenössischen, sowohl von nationalen, als auch von internationalen Verfassern stammen. Beim wilden Klicken stieß ich ebenso rasch wie zufällig auf Gedichte geschätzter Kollegen, mit denen mich gemeinsame Auftritte verbinden: Charles Ducal aus Belgien, sowie Diana Ozon und Ester Naomi Perquin aus den Niederlanden.

Von manchen der registrierten Gedichte wie etwa einer von Schuhsohlen und Gezeiten abgenutzten Ode von Fernando Pessoa auf der Promenade von Ostende habe ich Fotos, die auf der Website noch fehlen. Auch besitze ich Aufnahmen von Versen, welche die Website bisher nicht kennt: Lyrik im öffentlichen Raum ist, obgleich sie bis heute ihr klassisches In-Stein-Gemeißeltsein fortführt, auch ein bewegliches Gut, dessen Potential noch lange nicht ausgeschöpft ist.

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Zu Risiken bei der Detailisolierung: Spruchgedicht von Ton Luijten in Arnheim

Generell scheinen Belgier und Niederländer poetischere Nachbarn. Mehrere Städte bestallen sogenannte Stadsdichter, deren Aufgabe unter anderem darin besteht, lyrisch in den öffentlichen Raum einzuwirken bzw. die Bürger für Dichtkunst zu sensibilisieren. Die Ergebnisse poetischer Interventionen im öffentlichen Raum beider Länder jedenfalls können sich selbst in brutalistischen Fällen sehen lassen: das kürzlich hier vorgestellte und weltweit ausgelegte Motto „Sin poesía no hay ciudad“ der mexikanischen Acción Poética wirkt in den Niederlanden und Belgien bereits gut verstanden und angekommen.

Oaxaca de Juárez: Mezcal, Gedichte und der Tod

Agavenfarben

An einem bodenständig-raffinierten Mezcal wie dem Papalométl aus der Schmetterlingsagave, der in irdenen Töpfen destilliert und in rindsledernen Schläuchen aufbewahrt überaus eigentümliche Aromen schlammig-scharfkantiger Bergwelten entwickelt, schärft sich auch das Verständnis für die agavenartigen Rhythmen der Stadt. Da ist z.B. dieser ausgemergelte, halbnackte, verfilzte Kerl, der in der Rush Hour stieren Blicks auf der überlasteten Kreuzung hin- und herstolpert und, als praktiziere er zeitgleich Tai-Chi, verhaltene Armbewegungen ausführt. Zunächst hielt ich ihn für betrunken oder verrückt. Doch nun verstehe ich, dass er lediglich versucht, mithilfe von Agavenkraft und Telepathie die Richtungen der Straßen zu vermehren und zu verschieben, um einen reibungslosen Verkehrsablauf zu gewährleisten. Eine hehre und gefährliche Tätigkeit um Gotteslohn. Und ich, als Reisender, werde es sein, der grandiose Einfälle wie den seinen in Gedichte rettet, allein schon, weil es sonst niemand tut.

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Richtungssuche

Die Gottheit der Mezcal-Liebhaber besteht aus 400 Kaninchen. Auf Náhuatl heißen sie Centzontotochtin. Ich stelle mir ein flauschiges, wuseliges, desorientiertes Gedränge vor, eine chaotische, diffundierende Götterherde, die aber nie wirklich auseinander fällt. Darunter befindet sich mit Tlaltecayohua ein Gottkaninchen, dessen Name „Fallende Erde“ bedeutet. Acolhua ist „Der mit den Schultern“, Papáztac („Der Entnervte“) zugleich Gott des Schaumes, Tlilhua („Der schwarze Tinte hat“) vermutlich der Dichter, der das Durcheinander in Worte fasst.

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Prominenz in der Seitenstraße: Neymar Junior und Frida Kahlo

Eine saubere, aufgeräumte Stadt mit europäischen Anmutungen. Besonders auffällig: die guten Bürgersteige. Ein wenig verströmt Oaxaca die Gesetztheit und zur Folklore erhobene Langeweile meiner Karlsruher Heimat. Auf den Straßen ist ab und an Deutsch zu hören. Selbst die einfachen Leute wirken gebildet, was wiederum an Freiburg erinnert, wo beinahe jeder Hilfsarbeiter Belehrungen und Erklärungen in Schachtelsätzen abzuhalten vermag. Übers gesamte Zentrum verteilt: die Universität mit geisteswissenschaftlichen Schwerpunkten. Ausgerechnet die erste Bar, die meine Aufmerksamkeit erregt, La nueva Babel, stellt sich als Literatentreff heraus. Sie bietet Dunkelbier, Mezcal und Quesadillas mit Kürbisblüten. Abends findet ein Palomazo (mexikanische Variante der Open Mikes) statt. Im Hinterzimmer, in internationaler epikureischer Runde, bedrängt mich eine junge mexikanische Frau, Bertolt Brecht (sie spricht den Namen maschinell aus, als würde sie eine Orange entsaften), der ihr absoluter Lieblingsdichter sei, den sie aber nur auf Spanisch kenne, im Original zu rezitieren. So erreicht Joseph alias Jakob Apfelböck im Jahre 2017 die Sierra Madre.

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„Willst du Wurmsalz?“ „Ist dein Salz für oder gegen Würmer?“ „Es ist eine Mischung aus Salz und zerstoßenen Würmern. Schau wie schön rot! Das geht hervorragend zum Mezcal!“

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Blick in den Himmel

Möglich, dass ich das alles halluziniere, dass ich meinen handschriftlichen Aufzeichnungen besser nicht trauen sollte: da steht, ich hätte mitten im Zentrum Oaxacas eine Dogge gesehen, unter deren Bauch die meisten Mexikaner, so sie keinen Sombrero trügen, was selten genug vorkommt, aufrecht hindurchgehen könnten und dies auch täten, in einer Art Reigen, Achten um die Dogge beschreibend, das Unendlichkeitssymbol, das, zum Moebiusband geflochten und meditativ verfolgt, einen Ausstieg aus dem Alltag offeriert, wie es heiße: dies nachdem ich halb im Himmel auf einer von Achten beschreibenden Kellnern stark frequentierten Terrasse wegen (von einigen Kollegen gefeierten!) Magenbeschwerden Kräuterschäume verspeist hatte und Kräutergelees und Blüten, die teils mit dem Attribut „heilig“ beschrieben waren.

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Heilige Blätter

Im Bundesstaat Oaxaca sind hongos („Zauberpilze“ mit dem psychotropen Inhaltsstoff Psilocybin) deutlich präsent. In Huautla de Jiménez wurden sie 1955 von Gordon Wasson, einem amerikanischen Ethnomykologen, im Rahmen einer Session bei der mazatekischen Schamanin María Sabina für die westliche Welt entdeckt und in der Folge klassifiziert; den indigenen Bewohnern waren sie seit jeher bekannt. Das nebelverhangene Dorf San José del Pacífico in den Höhen der Sierra Madre del Sur, in der Gegend des Wolkenvolks, der Zapoteken, bietet seit geraumer Zeit einen speziellen Pilztourismus an, kombiniert mit Besuchen im temazcal (Schwitzbad). Die Einnahme der Pilze wird als viaje (Reise) beschrieben, von der, wie ich in der Hauptstadt Oaxaca de Juárez zu hören bekomme, viele Touristen nicht zurückkehrten. Entweder würden sie verrückt oder liefen tagtäglich ohne Sinn und Zweck die Berghänge auf und ab. Als Kulturbotschafter Nordrhein-Westfalens gilt es bei dieser Gelegenheit die von vielen Autoren und Künstlern genutzte europäische Kulturtechnik zu erläutern, ohne erkennbaren Zweck durch etwelche Gegenden zu flanieren(1), sowie von der Existenz in ihrer Wirkung vergleichbarer Gewächse auf unseren heimatlichen Golfplätzen zu berichten. Insbesondere deren Name, Spitzkegelige Kahlköpfe, sorgt für große Erheiterung unter der oaxacenischen Zuhörerschaft und endet in zungenbrecherischen Ausspracheversuchen.

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Drei Frauen

Mexiko, Land des Todes: für mich als Ortsfremden liegt es stets im Bereich des Möglichen, dass ich, insbesondere des Nachts, in einem unachtsamen Augenblick in einem der urbanen Löcher verschwinden könnte. Nur wenige der Löcher senden gelegentlich Warnsignale. Wird etwa die Kanalisation von Starkregen gespült, entsteht unter der Erde ein solcher Druck, dass Wasserfontänen an die Oberfläche drängen. Ein paar solcher Fontänen habe ich mit eigenen Augen gesehen. Es soll in Chiapas eine in einem mehrere Meter tiefen Straßenloch verschwundene Frau sogar von einer heftigen Fontäne an die Oberfläche zurückgespült worden sein. Sekundenlang soll sie hilflos auf dem Gipfel der Fontäne gehangen haben, bis Passanten sie retteten.
Heute bin ich mit einer Todesart konfrontiert worden, die in meiner Vorstellungswelt bisher keinen Platz einnahm: um ein Haar wäre ich in der Nähe des Zentralmarkts zwischen einer Hauswand und einem LKW zerquetscht worden. Meine Seele hatte ich bereits einer unnatürlich verbreiterten Silhouette entfliehen sehen. Denn dank einer hiesigen Malaise leide ich aktuell unter erhöhter Wahrnehmung. So gelang rechtzeitig der wohl schnellste Rückwärtssprint meines Lebens. Auch die kleine Frau direkt hinter mir profitierte davon, denn um dem Tode zu entrinnen, musste ich zunächst sie aus dem Gefahrenwinkel schubsen. Gerettet und der Sprache für den Moment unfähig, schauten wir uns an und machten dabei Gesten des Luftherauslassens, ohne das Procedere zu übertreiben, denn der Tod (die mexikanische Spezies(2)) lauerte vermutlich schon an der nächsten Ecke auf weniger aufmerksame Opfer. Kurz darauf fielen mir die in Originalgröße an Hauswänden angebrachten Druckwerke menschlicher Silhouetten wieder ein, deren Sinn mir bis dato verborgen geblieben war.

(1) Gemeint ist la dérive, das psychogeografische Konzept der Situationisten einer ziellos-traumwandlerischen Umgebenserkundung, die sich von subjektiven Empfindungen leiten lässt.
(2) Der Chauffeur des Lasters, erzählten mir Passanten mit Einblick ins Führerhaus, habe einen wütenden Eindruck gemacht. Er hatte ein Mobiltelefon am Ohr und den Wortfetzen zufolge, die durchs offene Seitenfenster zu verstehen gewesen seien, befand er sich in einem Streitgespräch mit einer Frau namens Catrina.

Ohne Poesie gibt es keine Stadt

Die Acción Poética ist ein literarisches und künstlerisches Fänomen mit Ursprung in Mexiko. In beinahe allen mexikanischen Städten und Dörfern, die ich besuchte, fand ich Interventionen, die das Label nutzten.(1) Dabei handelt es sich um meist in Großbuchstaben angepinselte Gedicht- oder Liedfragmente auf Flächen des öffentlichen Raums, häufig von anonymer Hand und stets mit Acción Poética, gelegentlich auch zusätzlich mit einer Lokalkennung signiert. Die Interventionen besitzen eine gewisse, leicht erkennbare Einheitlichkeit. Angestrebt sind schwarze Lettern auf weißem Grund, um an die Buchherkunft der Verse zu erinnern, und eine Ästhetik guter Leserlichkeit. Religiöse und politische Themen werden zugunsten eines eher romantischen Tonfalls vermieden, die Texte gehen in der Regel nicht über zehn Wörter bzw. fünf Zeilen hinaus. Die malerische Ästhetik der Lettern ist eine eigene Betrachtung wert. Letztlich entwickelt die Bewegung auf den Straßen eine spezielle Anthologieform zerstreuender Versbotschaften, ein poetisches Subraumnetz voller Tages- und Nachtmantras für Passanten.

Mondgebadete Straßen: Zeile aus dem Lied „Luna de Xelajú“ von Paco Pérez. Quetzaltenango, meist kurz Xela genannt, gilt als Stadt des Mondes.


Begründet wurde die Acción Poética im Jahr 1996 vom mexikanischen Dichter Armando Alanís Pulido in Monterrey, als er eigene Texte in der Stadt anpinselte. Seine Aktionen brachten ihm den Beinamen El bardo de las bardas (Der Zaunbarde) ein. Von ihm stammt auch eines der bekanntesten Textmotive: „Sin poesía no hay ciudad“ (Ohne Poesie gibt es keine Stadt). Die Idee verbreitete sich, zunächst in Mexiko, heute gibt es in allen lateinamerikanischen Ländern Ableger der Bewegung, die eine weltweite Reichweite seit Bestehen der sozialen Netzwerke entwickelt hat: die verschiedenen Facebookseiten werden millionenfach abonniert. Insbesondere die neueren grafischen Oberflächen bei Facebook erlauben eine Fortsetzung des Formats ins Elektronische. Zahlreiche selbst organisierte Gruppen sorgen für die Verbreitung von Idee und Texten.
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Der Tod ist die Kaution für dieses Gefängnis aus Fleisch und Blut: Schulwand in Puerto Àngel


In ihrer oft harmlosen, bisweilen aber auch tiefgreifenden Aforistik, sowie in ihrer äußeren Form erinnern die verwendeten Verse und Fragmente an hiesige Spruchpostkarten. An Wänden des öffentlichen Raums angebracht, können sie sich unmittelbar auf ihre Umgebung beziehen, was den ausgewählten Texten eine zusätzliche Dimension zu verleihen vermag, so etwa der kopfüber an einer Parkmauer angebrachte Vers „El cielo a tus pies“ (Der Himmel zu deinen Füßen). Selten sah ich Acción Poética-Texte an exponierten Stellen, häufiger an Schulen und in eher vernachlässigten, nicht-touristischen Ecken. Anders als bei der türkischen #şiirsokakta-Bewegung spielt das Subversionsmoment bei der Acción Poética keine beherrschende Rolle. Im Vordergrund steht die Konfrontation des Publikums mit Literatur. Teils werden Texte illegal angepinselt, häufig jedoch auf Einladung. So brachte im Jahr 2015 eine offizielle Kampagne der Stadtregierung Acción Poética-Tüpfel an unzählige Orte entlang der Metro von Mexiko-Stadt.

(1) Auch in Guatemala, wo ich erstmals auf das Fänomen stieß, ließen sich mehrere Acción Poética-Versgemälde entdecken.

MINI WELT: Möwengedichte auf Arabisch

wort für wort_dt-arabischer lyriksalonFünf Gedichte aus MINI WELT (Feuer, Freibad, Hemd, sowie zwei gleichlautend mit Die Möwe betitelte) hat Fouad El-Auwad für seine Anthologie Wort für Wort ausgewählt und ins Arabische übertragen. Die Anthologie begleitet den diesjährigen Deutsch-arabischen Lyriksalon mit Lesungs- und Musikabenden in Aachen und München.

„Verständigung und Versöhnung werden in einer Welt zunehmender Konfrontation immer wichtiger. Aufgrund ihrer Universalität und der Sinnlichkeit ihrer Metaphern ist die Sprache der Poesie in der Lage, einen lebendigen Dialog zwischen den Kulturen zu stiften. Der von dem deutschsprachigen, aus Syrien stammenden Dichter und bildenden Künstler Fouad EL-Auwad ins Leben gerufene und von ihm seit 2005 jährlich organisierte deutsch-arabische Lyrik-Salon soll ein Beispiel dafür sein. Er schafft die Möglichkeit Jahr für Jahr, dass sich die Kulturen auf literarischer Ebene begegnen und eine neue Brücke zwischen der arabischen und der europäischen Welt bauen.“

Mit Beiträgen von: Marwan Ali, Nouri Aljarrah, Michael Augustin, Patrick Beck, Fouad El-Auwad, Manfred Freude, Andrea Heuser, Khaleda Khalil, Stan Lafleur, Christoph Leisten, Anton G. Leitner, Undine Materni, Roland Merk, Jürgen Nendza, Àxel Sanjosé, Frank Schablewski, Ludwig Steinherr, Gerrit Wustmann und Kathy Zarnegin

Fouad El-Auwad (Hrsg.): Wort für Wort, Edition Lyrik-Salon spezial, Bonn 2017, 17.90 Euro, ISBN: 9783744883573

Puerto Àngel: Den Himmel meistern

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Irre erschließen die Wege, die später von Weisen beschritten werden: verblassende Zeilen nach Carlo Dossi an einer Fleischerei in Puerto Àngel

Der deutsche Wikipedia-Eintrag zu Arthur Cravan behauptet, der Boxerpoet sei zuletzt im November 1918 in Puerto Àngel (1) gesehen worden. Die Literatur bietet Anzeichen, dass Cravan sich tatsächlich für eine Weile in dem kleinen Fischerdorf (oder in dessen Nähe) an der Küste von Oaxaca aufgehalten haben könnte. In Puerto Àngel ist davon allerdings nichts in Erfahrung zu bringen. Zwei eher versteckte Murals unter dem Label der Acción Poética zitieren Verse des mexikanischen Rap-Literaten Danger Alto Kalibre und des italienischen Schriftstellers Carlo Dossi, eines Zeitgenossen Cravans. Keiner meiner Gesprächspartner kennt auch nur Cravans Namen. Durchaus möglich, dass Cravan unter einem weiteren Pseudonym in der Gegend unterwegs war, und keine Spuren hinterlassen wollte, denn er befand sich auf der Flucht.

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Während des Aufklarens entstehen Kolibri-Landschaften

Der Regen prasselt so laut aufs Terrassendach, dass ich meine eigenen Gedanken nicht mehr hören kann. Unterm Tisch schläft Thunfisch, der Hund meiner Gastgeber, der Knecht Ruprecht, dem Hund der Simpsons, in Aussehen und Verhalten bis aufs Haar gleicht. In Oaxaca kämen nach den ersten Starkregen der Saison zwischen drei und vier Uhr morgens die Chicatanas (geflügelte Blattschneider) hervor, die überaus schmackhafte Mahlzeiten abgeben sollen (2). Auf dem Arbeitstisch schillert eine Flasche Mezcal, über den nicht mehr zu erfahren ist, als dass „die Frauen aus den Bergen“ ihn produzierten, die alle paar Wochen oder Monate an die Küste herab kämen, um frisch destillierte Margen zu verkaufen. Der Regen ist der weltschnellste Drumcomputer. Mit überbordendem, in Worten unmöglich wiederzugebenden Getrommel rasiert er die Stromversorgung. Frösche und Unken nutzen die Strompausen, um lautstark Generatorengeräusche nachzuahmen. Am nächsten Morgen ist das ausgetrocknete Flussbett (der Fluss in Puerto Àngel trägt keinen Namen) zur Hälfte gefüllt: der Oberlauf am Hang östlich der Brücke so trocken wie zuvor, besteht der flache Unterlauf bis zur Mündung ins Meer aus reißenden schlammigen Fluten.

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Trügerisches Fischeridyll

In der Bucht werden Fische schubkarrengerecht geschlachtet, dh so, dass sie der Länge nach mit den Enden der Schubkarre abschließen und ihr Metallgrau in die unbestimmten Tiefen der Schubkarren übergeht. Haien werden umstandslos die Gebisse herausgehauen und die Rückenflossen abgetrennt. Erlegte Goldmakrelen transportieren die Traurigkeit des Mondes in die Mittagshitze. Der Fächerfisch darf sein Schwert nicht, dafür seinen Fächer behalten, Fächerfischmittelteile setzen bei jeder kleinen Brise Segel auf den Schubkarren. Viele Fischer sind breit bis an die Stirnunterkante, manche rennen halbnackt mit Schubkarren voller zerstoßenem Eis über die Straße und stolpern dabei in Schlaglöcher, wodurch antarktische Miniaturlandschaften sich über den Asfalt verteilen. Das Speiseeis heißt in Mexiko nicht nur Eis (helado), sondern auch, viel poetischer, Schnee (nieves).

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Und ewig äugt die Goldmakrele

„Die Mangos kosten 18 Pesos das Kilo, musst du abwiegen, mi vida, wer weiß wie viele du davon willst, die sind reif, die sind gut, mi vida, das da sind Pepinos, mi vida, wie Gurken, nur gelb, süß, das sind Früchte, kein Gemüse, gelbe Gurken, Süßgurken, mi vida“, sagt die Obstverkäuferin beim Obstverkaufen über das Obstverkäuferinnenleben bzw das Obst, denn mich wird sie ja wohl hoffentlich kaum mit „mi vida“ gemeint haben.

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Aus den künstlichen Farbstoffen Gelb 6, Gelb 5 und Rot 40 setzt sich die intensivste Glut pazifischer Sonnenuntergänge zusammen, eine Farbe wie sie sonst nur die Peñafiel-Mandarinenlimo aufweist.

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Mural im benachbarten Zipolite: „Vorsicht! Was du heute denkst, wird morgen wahr sein“

Unweit des Oxxo-Ladens sitzt an der Straße ein Mann mit verdreckter Jeans und löchrigem T-Shirt. Hinter ihm gähnt, gelb gestrichen, ein zur Straße offener Raum. Bis auf einen grünen Plastikhocker und eine brettgestützte Baumwurzel mit Haigebiss (zusammen ergeben sie die Skulptur: „Der Hai“) steht der Raum leer. Ob er mir sagen könne, wo im Dorf die Busse losführen? „Brauchst du ein Ticket, ich kann dir eins verkaufen“, antwortet der Mann. „Hier?“ Ich deute auf den bis auf die Hai-Skulptur leeren Raum. „Nein“, sagt der Mann und öffnet die Tür zu einem überaus düsteren Büro voller undefinierbarem Gerümpel direkt nebenan. „Brauchst nicht reinkommen“, sagt er, als er mein Misstrauen gegenüber diesem Raum wahrnimmt, „ich komm raus, hab alles hier in der Schachtel.“ Aus einer kleinen Box, ehemals eine Zigarrenschachtel, zieht er Busfahrplan, Quittungsblock und Stift. „Und das Ticket?“ „Ticket gibt’s nicht, komm einfach morgen vorbei, ich kenn‘ dich ja jetzt. Kannst gleich zahlen oder morgen, egal. Sei vor der Zeit da, der Bus fährt früher los, wenn der Fahrer Lust hat.“ „Hast du den Hai gemacht?“ „Den hab ich gemacht. Ist heiß hier, nicht viel los.“ „Machst du noch einen?“ „Mal sehen. Haigebisse gibt’s hier mehr als genug. Warum nicht? Eines Tages. Vielleicht.“

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Über den Strand rasen Schatten von Flugsauriern. Walt Whitman beschrieb sie in seiner Ode To the Man-of-War-Bird: „Thou born to match the gale, (thou art all wings,) / To cope with heaven and earth and sea and hurricane“. Außerhalb des Dorfes liegt ein kleines Palmenhütteninstitut, das eine mehrtägige Ausbildung zum Fregattvogel anbietet. Seit der letzte Hurrikan in Richtung Norden abgebogen ist, finden neben Theorie- auch wieder Flugstunden statt.

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kleine haie

Kleine Haie

Byron kennengelernt. Byron redet unentwegt (das Reden gehöre zu seinem Business). Als er von meinen Gründen für den Küstenbesuch erfährt, meint er, mir könne er erzählen, wovon er im Dorf besser schweige. Sein Vater nämlich habe den kompletten Lord Byron gelesen und geliebt und ihn entsprechend Byron getauft. Aus Neugier nach seiner Namensherkunft habe er in der Gesamtausgabe zu lesen begonnen und schätze Byrons Werk, soweit, ebenfalls. Seither frage er sich, ob die Kraft der Metafern die Naturgesetze übersteige. Im Dorf sei damit jedoch Vorsicht geboten. Man würde ihn für verrückt erklären und ausgrenzen, falls er sich oute, auf dunkle Verse eines toten englischen Dichters zu stehen. Nun dürfte es in diesem ein wenig dreckigen, zugleich malerischen Fischerdorf, so klein es auch ist, noch mindestens einen weiteren heimlichen Poesieliebhaber geben, wie mit Versen bepinselte Wände nahelegen. Dass diese von anonymer Hand angebracht wurden, bekräftigt der Rektor, an dessen winziger Schule sich eines der Graffiti befindet: obwohl im Dorf jeder jeden kenne, habe er keinerlei Ahnung, wer der Urheber sei.

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Es ist ein viel lyrischeres Dorf, als die Bewohner sich selbst gegenüber eingestehen. Im Gespräch will einer der Restaurantbesitzer an der Playa del Panteón (Friedhofsstrand) wissen, ob es spanische Übertragungen meiner Texte gäbe. Als ich ihm mexikanische Veröffentlichungen (3) nenne, erinnert er sich tatsächlich: „Du bist also der Typ mit den Blick in den Himmel-Gedichten!“ Die hätten ihm gefallen, schließlich sei er täglich mit reichlich nutzlosem Himmel konfrontiert. Um den heutigen Himmel zu feiern und zu meistern, holt er mehrere Flaschen Mezcal „von den Frauen aus den Bergen“ aus seinem Kabuff. Wann die denn wieder kämen, möchte ich wissen. Für morgen seien sie versprochen: „Aber manchmal bleiben sie dabei unsichtbar.“

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restauranterben

Was darf’s sonst noch sein?

(1) Stand: 25. März 2017. Die Behauptung bleibt ohne Quellenangabe. Der deutsche Artikel weicht damit ab von den englischen, französischen, italienischen, niederländischen und türkischen Versionen (Stand: November 2017), welche die letzte Sichtung in Salina Cruz lokalisieren. Diese teils mit Quellen versehenen Angaben beinhalten wiederum voneinander abweichende Behauptungen. Der spanische Eintrag verortet Cravans Verschwinden nach André Breton „irgendwo im Golf von Mexiko“, also auf der karibischen, anstatt auf der pazifischen Seite.
(2) Nach langwieriger Suche gelang es später, ein Gläschen mit Olivenöl und Chili angemachter Salsa de Chicatana (Blattschneidersoße) aufzutreiben. Chicatanas werden in Mexiko mit Gold aufgewogen. Wer probieren möchte, mag sich gerne melden.
(3) In La Jornada und punto de partida (einer bekannten Studentenzeitschrift aus der Hauptstadt, die, wie ich nun weiß, auch von Restaurantbesitzern in der Provinz gelesen wird). In Übertragungen von Daniel Bencomo und Gonzalo Vélez (jeweils im Jahr 2011, als Deutschland Gastland auf der Internationalen Buchmesse von Guadalajara war).

Flüsse und Tiere in Chiapas

Verschwimmende Erinnerungen: Cañón del Sumidero

Nach meinem ersten Grand Canyon, dem der Schweiz, der Ruinaulta, erreiche ich in Chiapas meinen zweiten, den Cañón del Sumidero, den „Grand Canyon Mexikos“. Ob diese Besuche ausreichen, mir eine Visite des Namenspatrons in Arizona zu ersparen, bleibt unklar, selbst als es gelingt, die Flüsse dieser beiden Canyons, Graubündens Rhein mit Chiapas‘ Río Grijalva, mental zu überblenden. Auf der einen Seite das wilde, klare, trinkbare Surselvawasser, aus dem ich vor wenigen Jahren mit bloßer Hand eine Groppe gefischt habe und dem die Schweizer Boulevardpresse Alpendelfin-Legenden zuschreibt, auf der anderen Seite das Blasen werfende, toxisch-braune Sumiderowasser, in dessen verschlammten Tiefen neben anderen unerforschten Wesen bis heute die Geister der Chiapa siedeln könnten, einer früheren Mayapopulation, die der drohenden Versklavung durch die Konquistadoren den kollektiven Sprung in die Schlucht vorgezogen haben und dabei ausgestorben sein soll. Der Wasseramsel des Vorderrheins diametral gegenüber stehen tropische Silberreiher, deren strahlend weißes Gefieder jede Waschmittelreklame beschämt. In der Ruinaulta stapfte ich in Wanderstiefeln durch Wald und Flachwasser. Durch den Sumidero rase ich mit dem Speedboat. Den Himmelskorridor zwischen den Felswänden bevölkern verirrte Pelikane, im schattenartigen Flug die Schnabellanze leicht abgesenkt wie verkaterte Turnierritter. Darüber kreisende Rabengeier in kirre machenden Formationswechseln. Fünfbeinig-fünfarmig-greifschwänzig turnende, bizarre Körperhaltungen einnehmende Affen gehen den Alpen derzeit genau so ab wie Schlammbänke voller Krokodile. Ein die gesamte Flussbreite bedeckender Müllteppich bildet das Zentrum des chiapanesischen Naturschutzgebiets. Darin stakend: Boote voller Touristen, deren Kapitäne von den Heckkanzeln die „Hohe Geschichte des Plastikmülls“ predigen, deren Spitzen jedoch der Wind stiehlt, bevor sie verstanden werden können. Mühsam häckselnde Motorschrauben befreien die Boote mit ihren Schwimmwesten tragenden Passagieren, Schwimmwesten in Signalfarben chemischer Sonnenuntergänge: die Toten, heißt es in Mexiko, würden von den Farben Gelb und Orange besonders angezogen. Dass während der Fahrt bloß niemand seine Hand ins Wasser tauchen solle, lautete eine der vorab gehörten Warnungen. Meine Sitznachbarin versorgt mich unterdessen mit frischen Jícama-Scheiben, einem Snack, dessen aztekischer Namensursprung laut Wikipedia, je nach Ländereintrag, “Wasserwurzel” oder „Schmeckendes“ bedeute.

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revolutionskarnickel

Tuxtlenisches Revolutionskarnickel

Der Río Sabinal durchfließt die chiapanesische Hauptstadt Tuxtla Gutiérrez. Von kleinen Straßenbrücken überquert, gesäumt von klischeeisiert-üppiger Tropenvegetation, führen Trampelpfade an den Ufern entlang in menschenleere Zonen der ansonsten durchaus geschäftigen Stadt. Müll liegt auf den Wegen, stinkender Matsch, gespickt mit wohlig-betörenden Frangipani-Blüten. Ein Leguan verwechselt sich mit einem Eichhörnchen und zischt durchs ausladende Geäst über dem schmalen Wasserlauf. Rückwände, zerfallende Mauern, Graffiti. Das abschnittsweise eingefaßte Flußbett steckt voller Müll. Verkommene Parkanlagen, von potentiellen Besuchern strikt gemieden. Je weiter ich mich entlang der Ufer von der Straße entferne, desto stärker riechen sie nach Gefahr. Undefinierbare Bäume mit vor Wollust und Überdruss platzenden Früchten, überdimensionale Insekten mit Körperstrukturen, als gälte ihr Leben einer einzigen Aufforderung zur Vivisektion. Ich erinnere mich an Zeitungsartikel: Fotos von Leichenfundorten, gefolterte Torsi am Gestade. Das Elend der Stadt, gekippt in ein Rinnsal. Die überbordende Vegetation, der fantastische Vogelsang. Jeder Baum ein Vanitas-Symbol, krank und zugleich sprießend. Wieviel Prozent mag der Blutanteil des Wassers betragen? In Chiapas, wo der Tod in direkter Nachbarschaft des Lebens wohnt, eignen die Flüsse sehr deutlich neben ihrem Kreislauf- und lebensspendenden Charakter auch jenen der Selbstzerstörung und des Todes. In stadtplanerischer Hinsicht ist der Río Sabinal das am leichtfertigsten dem Nichts übereignete Naturfänomen, das ich bisher gesehen habe, denn die natürliche Oase einer von Hitze ausgelaugten Stadt wird inszeniert als kaum zu betretender Sumpf bzw als touristische Empfehlung für Zyniker und Lebensmüde.

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otter

Seltenes, in Chiapas heimisches Gelbwassertier

Die äußerliche tropische Hitze provoziert Ausbrüche meiner inneren Hitze. Ich drifte einher als Schatten suchender Planet. Ich jage den Tapir. Der Tapir jagt in mir. Der Tapir jagt nicht, er fläzt sich im Schatten, den ich suche. Äußerer und innerer Schatten: werden sie je zur Deckung gelangen? Der Tapir lebt nicht in meinem Inneren, er lebt im Zoo, durch den ich streife. Sein Gehege liegt hinter den Hügeln, die ich wegen meines Fiebers nicht erklimmen kann. Die Müllbehälter des Zoos tragen Aufsätze aus Tapirköpfen. Schlafe ich, zwingt mich der Tapir, ihn bis an den Rand des Erwachens zu reiten. Anderntags darf ich mich als erster Europäer in die Mitgliederliste der Liga del movimiento de la elegancia tapirística (Liga der tapiristischen Eleganzbewegung) eintragen.

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der tapir

Träges Totem Tapir

Während einer Fieberwanderung stoße ich in San Cristóbal auf den Río Amarillo, der so gelb aussieht wie sein Name es besagt. Von allen gelben Flüssen einer der gelbsten, gewiss. Wäre es an mir, ihn zu benennen, höchstwahrscheinlich würde ich ihn ganz genau so benennen wie er längst aus gutem Grunde heißt. Ansonsten handelt es sich eher um ein Flüsschen, denn um einen Fluss. Er streift die Stadt und sieht wie die beiden weiter oben portraitierten Flussabschnitte alles andere als gesund aus. Mehr als eine zusätzliche Farbnuance fällt die Häufung öffentlich angebrachter Zeilen auf, als ich die auf eine Fahrspur sich verengende Puente Blanco (Weiße Brücke) quere. Auf deren Pfeilern sind Knittelverse zur Geschichte der Brücke wie des “mejicanischen Vaterlands” angebracht. Und in unmittelbarer Nähe findet sich ein beinahe hauswandgroßer Schriftzug “Vivos los llevaron! Vivos los queremos!” (“Lebendig habt ihr sie geholt! Lebendig wollen wir sie zurück!”): eine Parole, mit der nach der Entführung und mutmaßlichen Ermordung von 43 studentischen Demonstranten in Ayotzinapa im Jahr 2014 das gesamte Land bepinselt wurde.

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geckoblaster

Spirituelles Gegacker aus pazifikblauem Geckoblaster

Klammeraffen heißen auf Spanisch Spinnenaffen, Krokodile Kokodrile und Spechte Schreiner. Nicht minder passende Namen als die unsrigen. Gelbbrüstige Spechte bewohnen in Chiapas Stadt und Land, sie picken um des Pickens willen auch an hauchdünnen Zweigen, deren Bepicken völlig sinnlos erscheint und unter ihrem Flügelschlag beginnt der Himmel zu rotieren. Leguane, die ich nie anders als dösend-äugend in Terrarien, reglos-camouflierend auf Mauerabbrüchen ghanaischer Freiluft-Autowerkstätten oder tot von den Schultern ihrer begabten karibischen Jäger baumeln sah, entwickeln in Tuxtla erstaunliche Geschwindigkeiten bei der innerstädtischen Flucht vor meiner Kamera.

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el zopilote pasa

El zopilote pasa

Die Erde bebt, mein Körper bebt. Tag für Tag. Häufig bleibt unklar, was genau da bebt. Die Straßen beben, es beben die Autos auf den Straßen. Wie Flüsse beben, ist nicht zu ermitteln. Ich sehe wilde Tiere, hinter, vor und zwischen Zäunen, in der freien Natur der Stadt. Bebende Reptilien. Beben auslösende Insekten. Staksende Grackeln. Atme mit Klarsicht verdünnte Luft. Esse wurmstichige Früchte von einem Baum, der noch mit B. Travens Asche gedüngt worden ist.

Aufwachen in Istanbul / Istanbul‘da Uyanış

Aktuell und noch bis zum 04. November ist in Köln die Ausstellung „Aufwachen in Istanbul / Istanbul‘da Uyanış“ zu sehen. Kuratiert wurde sie von Nadine Müseler und Jari Ortwig. Das Wortprogramm stellte Gerrit Wustmann zusammen. Gezeigt werden Werke Kölner Künstler, die in den vergangenen acht Jahren für längere Zeit in Istanbul gearbeitet haben:

Lars Breuer_Ideologie_Detail

Lars Breuer: Ideologie, Acryl auf Wand (Detail). Freitagnachmittagsschatten bearbeiten die Anfangsbuchstaben des an Runen erinnernden Schriftzugs

Philipp Enders_Abschied von I

Philipp Enders: Abschied von I, Soundinstallation, Digitaldruck auf Folie. Der Künstler erzählt von seiner Reaktion auf das Selbstmordattentat vom 16. März 2016 auf der İstiklal Caddesi

Evamaria Schaller: Fremdkörper, Fotografie einer 1-Minuten-Performance (Ausschnitt). Das wandgroße Selfie ist der Eyecatcher der Ausstellung

Noa Gur_Key Museum_Detail

Noa Gur: Key Museum (Detail). Die zweiteilige Arbeit besteht aus einem Koffer mit aus Ton nachgebildeten Objekten aus dem Archäologischen Museum in Istanbul und einem Video, in dem die Objekte zum Sternenhimmel abstrahiert werden

Von mir liegen Gedicht-Postkarten (Gezi-Park, Gülhane-Park) aus, die gratis mitgenommen werden dürfen. Im Programmheft ist darüberhinaus eine meiner Istanbul-Fotografien zu sehen

Beteiligte KünstlerInnen und AutorInnen: Lars Breuer, Marianna Christofides, Philipp Enders, Doris Frohnapfel, Tanja Goethe, Selma Gültoprak, Noa Gur, Andrea Karimé, Tessa Knapp, Alfons Knogl, Robert Kraiss, Stan Lafleur, Ulla Lenze, Marie T. Martin, Selim Özdogan, Evamaria Schaller, Bastian Schneider, Gerrit Wustmann und Mona Yahia.
Gastauftritte: Alper Canıgüz, Orhan Esen, Elektro Hafiz und Burçak Konukman.

Ort: Werft 5 – Raum für Kunst im Kunsthaus Rhenania, Bayenstraße 28, Köln-Südstadt
Dauer: 15. Oktober bis 04. November 2017
Öffnungszeiten: Donnerstag bis Sonntag von 15 bis 19 Uhr und nach Vereinbarung
Erweiterte Öffnungszeiten am 15./22. Oktober und 04. November

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Nachtrag, 08. November 2017
Auf Vimeo gibt es eine viertelstündige Dokumentation der Ausstellung von Verena Maas. Meine Beiträge (Gedichtpostkarten, Mikrolesung) bleiben darin konsequent außer Acht.

Das Gedicht

Das Gedicht 25

„Wo einerseits das „Christliche Abendland“ mit haarsträubenden Verrenkungen beschworen wird, die zum Himmel schreien, und andererseits der Islam und das damit verbundene Damoklesschwert „Islamismus“ als schiere Erklärungshostien verabreicht werden, wollten wir uns einer Dringlichkeit stellen, die uns eine Art Meditation ermöglichte. Wie reicht das alte Menschheitsthema des Religiösen ins Gedicht? Wohin spürt es nach (oder vor), wenn sich das Gedicht mit den Bedeutungshöfen einer Religion auseinandersetzt“, schreibt Mit-Herausgeber José Oliver im Editorial zur soeben erschienenen Jubiläumsausgabe von Das Gedicht, und fährt fort, dass die Herausgeber von allen Religionen tatsächlich nur eine, das Christentum, für diese Ausgabe sich zugetraut hätten.

Rund 150 Autoren zählen zu den Beiträgern und beleuchten das Christentum aus einer Vielzahl von Perspektiven. Die Kapitelordnung orientiert sich an den sieben Todsünden, aufgelockert um Kinderspecial (Ogottogott, Keksgebet) und Essayabteilung. Die Gedichtinhalte reichen von Allegorien der Verdammnis und über tropfenden Wasserhähnen wachenden Heiligen hin zu Kommunionskleidschleifen an Löffelsonntagen, plattdeutschen Kirschblüten in Akama, Hirnströmen als Leuchtpunkte, Stalin und die Beatles hin zur Bibelfunktion als Untersetzer für wackelnde Tische. Von mir ist ein Selbstportrait mit Stubenfliegen enthalten.

Das Gedicht erscheint nunmehr im 25-sten Jahr in Folge als Zeitschrift in Buchstärke. Immer wieder begleitet von Skandälchen, Auszeichnungen und Debatten, handelt es sich um eine der auflagenstärksten und meistbeachteten Lyrikzeitschriften des deutschsprachigen Raums.

Begleitend zur diesjährigen Ausgabe findet sich auf dem Blog von Das Gedicht die Web-Anthologie Religion und Lyrik.

Das Gedicht. Herausgegeben von Anton G. Leitner und José F. A. Oliver, München 2017, 224 Seiten, 15 x 21 cm, Broschur, 14 Euro (kann hier direkt beim Verlag bestellt werden)