Más méxicolores / Mehr Mexikofarben

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Tuxtla Gutiérrez: Frisch gepresste Zeit

Das westwärts gerichtete Reisen ist Reisen in die Zeit, produziert mittels Reisebewegung zusammengestauchte Zeit: das ist zugleich Flucht vor der gewohnten Zeit und Aufbruch in ihre schwer zu ergründenden Ursprünge. Dorthin, wo sie herkommt, bis heute sich selbst belauert, besuchsoffen, aber wild, noch unverschweizert, diseuropäisiert. Weil sie der pazifischen Brandung entsteigt, im Meer entsteht, von ungeheurem Wasserdruck mit kosmischem Hintergrund geprägt. Und weil ihre Sprache in ihren kleinsten Einheiten, die zugleich ihre größten sind, denn aus sich selbst heraus kennt sie keine regulierenden Maßstäbe, aus denselben wirren Intervallfarben wie die Oberflächen der Fische zusammengesetzt ist, wird sie bis heute kaum verstanden. Körper und Denkweisen verformen sich unter dieser Zeitstauchung, die leuchtende Himmel absondert. Am Flughafen von Tuxtla verliere ich zur Zeitansage sofort die Orientierung.

jungfrauenerscheinungen

Jungfrauenerscheinungen immer freitags bis sonntags, sowie an jedem Monatszwölften

„Tuxtla Gutiérrez ist seit einigen Jahren Sitz der Regierung. Wenn man San Cristóbal, die frühere Hauptstadt des Staates, kennt, so scheint die Verlegung ganz unbegreiflich. Tuxtla ist heiß und hat ein erschlaffendes Klima, die Umgebung ist ziemlich öde und trocken; alle Nahrungsmittel müssen von weit her zur Stadt gebracht werden. Ein Regierungsgebäude war erst im Bau begriffen. Die einzige Annehmlichkeit ist die hübsche, schattige, mit Trueno-Bäumen bestandene Alameda.“ (Caecilie Seler-Sachs: Quer durch Chiapas, 1895/96)

Gesichter der Vergangenheit: die mexikanische Autorin Rosario Castellanos mit Freunden und Gedichtzeile: „Es necesario, a veces, encontrar compañía“

Vormittäglicher Erkundungsgang: so recht funktionieren mag nichts: fürs Mobiltelefon in einem kleinen Lädchen (nachdem mehrere andere meinten, sie führten so etwas nicht) eine mexikanische Prepaid Card für 30 Pesos. Bei Oxxo lädt man mir 100 Pesos drauf. Das Handy funktionierte mit der deutschen Karte gleich nach Ankunft nicht mehr und funktioniert auch nicht mit der neuen mexikanischen. Der Oxxo-Mann meint, es läge am Gerät und grinst. (Wenn die mexikanische 24/7-Moderne die Billiggeräte des prekär lebenden europäischen Dichters aussortiert.) Um ein Gefühl für den lokalen Takt zu bekommen, quatsche ich Leute an. Einfache Fragen, nach Orten, zu Handelswaren und Gegebenheiten produzieren Missverständnisse am Fließband. Kein Wunder, steigt bereits am Vormittag massive Hitze durchs Tal. Zudem markiere ich eine Gestalt außer der Reihe: der andere Weiße in der Stadt: mein Spiegelbild, das wackelt, während ich es vergeblich zu fixieren versuche. Dann aber doch: die Dusche funktioniert. Und auch die ferngesteuerte Klimaanlage. Als er beim Überreichen der Fernbedienung von meiner Absicht erfährt, das Zimmer auf 20 Grad Celsius zu kühlen, zuckt der Portier zusammen: „Amigo, ich komme aus Deutschland, wir sind hombres del invierno.“ Da lacht er und klopft mir auf die Schulter.

Heißes Pflaster Tuxtla Gutiérrez

Eine geschäftige Hauptstadt mit unsichtbaren Regierungsgebäuden, frei von Tourismus. Um nicht aufzufallen, gehe ich langsam, gehe dahin, wo alle hingehen, schön in rechten Winkeln um die Blöcke des Zentrums, treibende Blutkörperchen in übersichtlichen Pac-Man-Labyrinthen. Achtung, Achtung! Die Verkehrsampeln hängen gewöhnungsbedürftig im Himmel jenseits der Kreuzungen. Kulissen aus von der Regenzeit gelöschten Flammenbäumen, grellen, schnell blätternden Hausanstrichen und Murals. Grackeln schreiten/äugen hin und her in den Parks, reichlich zerfledderte Tauben, verkrätzte streunende Hunde. Auf dem nackten Boden schlafen Männer unter Plastikplanen, auch Kinder, in Hauseingängen und -buchten. An die freistehende Uhr auf der Hauptachse sind Ankündigungen regelmäßiger Marienerscheinungen plakatiert. (Ein Deutscher soll die Standuhr nach erfüllter Fürbitte gestiftet haben, meint ein Taxifahrer.) Im Parque Central koexistieren Jahrmarkt und Protestcamp. Aus den Zeltplanen wehen Dünste lebendig verrottender Menschen. Colectivos und Taxifahrer benutzen elektronische Pfiffe (angedeutete Melodien) oder es rufen die Angestellten aus dem offenen Fenster kurz die Richtung aus. Mein Blick sortiert sich in fotografierbaren Momenten, die häufig, eigentlich immer vorüber sind, bis ich die Kamera gezückt bzw Position ergriffen habe. VW Käfer in sagenhaft abgerockten Versionen: zerzauste Vehikel aus einem kaum gebrauchten Revival-Traum für Roadmovie-Regisseure.

Eines von vier Kaninchen im Zentrum Tuxtlas

Flanieren am Nachmittag: Distanzen und Straßennamen auf Google Maps werden von der Realität gedehnt und vertauscht. Unweit des Parque de la Marimba zwitschern elektronische Vögel aus einer zum Hohlweg umfunktionierten Bürgersteig-Bedschungelung mit Sitzbänken, Rankpflanzen und nachgebauten Tieren. Am Ufer des braunen, stinkenden, müllgeschmückten Río Sabinal zischt ein wütender Leguan durchs Geäst. Inkatäubchen und ein gelbbrüstiger Vogel, den ich nie zuvor sah, unter dessen Flügelschlag der Himmel zu rotieren beginnt. Es gibt mit Handtüchern wedelnde Parkplatzeinwinker. Dralle Frauen, die ihre Brüste mithilfe spezieller Textilien in die Blickebenen der Männer heben. Es gibt Mayaleute mit furchenzersägten, wulstig bepockten oder eingedellten/kubistischen Gesichtern, die mir bis an die Hüfte reichen. Obstverkäuferinnen mit Fliegenklatschen, farblich auf die Kleidung abgestimmt. Ein fußlahmes Mädchen trägt ein T-Shirt mit deutscher Aufschrift „Wanderlust“. Auf seinen Gehstock gestützt vermisst ein winziger, gebückter Alter per Daumenpeilung Stichstraßen außerhalb des Zentrums. Jähe Löcher im Bürgersteig: Einladungen in die Unterwelt. Ein alter Mestize mit skulpturalem Schädel, der sich neben den Bronzen lokaler/nationaler Berühmtheiten positioniert, von denen er nicht zu unterscheiden ist. Mayafrauen, Straßenverkäuferinnen, die beim Sortieren und Zurechtmachen ihrer Waren am liebsten zu Boden oder auf Hauswände starren, um ja keinen Passantenblick aufs Auge zu bekommen: eine zupft und bindet tiefrote Rosen vor tiefrosenroter Hauswand, sodass, Blüten und Wand heben sich auf, nur das Grün und die erdigen Hände (wie Tiere beim Nestbau) bleiben. Zahlreiche Leute, die auf dem Boden sitzen, einige arbeiten in dieser Position. Ein Männerpaar beim Küssen vor der Catedral de San Marcos.

Hähnchenbraterei-Logo in typischen Hähnchenbratereifarben

Kaninchen habe ich in Tuxtla, dem „Ort der vielen Kaninchen“, keine lebenden erblickt, und nur vier auf Wandbildern, sowie mehrere stilisierte Kaninchenohren, die allerdings ebenso gut Esels- oder Eichhörnchenohren vorstellen konnten. Und auf dem Schild einer Bushaltestelle war ein Wortspiel zu lesen aus conejo (Kaninchen) und conexión (Verbindung). Nichtmal das gelbe Kaninchen im Mond gelang es zu erblicken; wahrscheinlich, weil gerade Halbmond (Kalebassenschalenmond) herrschte und das Kaninchen auf der anderen, unsichtbaren Seite oder im Inneren der Schüssel sich befand.

Wer schon immer wissen wollte wie absolute Leere aussieht, braucht lediglich dieses Stillleben um seinen Mexiko-Faktor zu bereinigen

Abends erscheinen mit dem Hunger jene klangvollen Worte, mit denen mexikanische Gerichte beschrieben werden. Ein mir zuvor völlig unbekanntes, zaubrisches gewinnt meine uneingeschränkte Aufmerksamkeit: Ninguijuti. Die kommunikative Kellnerin im Restaurant Ambar meint sogleich, dies seine eine hervorragende Wahl. Serviert wird eine Suppe mit Rücken- und Gulaschstücken vom Schwein in einer angedickten Brühe auf Basis von Maismehl mit Tomaten, grünen Chilis, Knoblauch, Annatto, Limone, dazu Bohnen, Habanerosauce und Tortillas. Die Bedienung liest mir die Begeisterung am Gesicht ab, was wiederum ihr sichtliche Freude bereitet. Aus dem Zoque käme die Bezeichnung, was sie aber bedeuten würde, wisse sie nicht. Die Chiapas-Küche sei eine Mischung aus Tradition, Mystizismus und indigenem Wissen/Handwerk und Ninguijuti die Schnittmenge daraus, lese ich später im Netz, das die wörtliche Bedeutung ebenfalls nicht zu kennen scheint. Auch das Zoque-Wörterbuch schweigt sich aus. Sollte „ninguijuti“ am Ende das seit Ewigkeiten vergeblich gesuchte, bedeutungsfreie, eine große Wort Gottes sein, das sich fleischlich-trivial in einem umwerfenden, grandiosen, alten Gericht manifestiert?

Wer geht denn je nach Guatemala? Kuriose und epochemachende Reiseberichte aus dem wilden Zentralamerika

John L. Stephens‘ Incidents of Travel in Central America, Chiapas and Yucatan erreichten Mitte des 19. Jahrhunderts in deutscher Übersetzung mit elf Auflagen in den ersten sechs Monaten erhebliche Beachtung. Der amerikanische Forscher, Diplomat und Reiseschriftsteller war ein knappes Jahr im Auftrag des Präsidenten der Vereinigten Staaten unterwegs gewesen, um die politischen Verhältnisse in der gerade zerfallenden Zentralamerikanischen Konföderation (1823-1840) auszuloten, zu der sich nach der Unabhängigkeit von Spanien Guatemala, Honduras, El Salvador, Nicaragua und Costa Rica als Staatenbund zusammengefunden hatten. Am Rande und inmitten chaotischer Kriegshandlungen bestieg Stephens brodelnde Vulkane, erlitt diverse Tropenfieber, notierte seine Begegnungen mit der indigenen Bevölkerung, suchte in den Städten oft vergeblich nach verbliebenen Regierungsvertretern und erforschte vom Dschungel verschluckte Mayastädte, von deren Existenz mehr Gerüchte als Wissen kursierten.

Nachdem unsre Gesellschaft sich durch die Ankunft einer vornehmen Familie aus Guatemala vermehrt hatte, zogen wir sammt und sonders zu dem Hahnenkampfe. Er fand statt in dem Hofe eines unbewohnten Hauses, der bereits mit Menschen überfüllt war, die, wie ich zur Ehre der Indianer und zur Schande der bessern Klassen bemerkte, sämmtlich Mestizen oder Weisse waren, und — mit steter Ausnahme von Carrera’s Soldaten — sah ich nie in meinem Leben einen Menschenschlag von hässlicherem oder mörderhafterem Aussehen. Längs den ganzen Mauern des Hofs standen Hähne an einem Beine angebunden und Leute liefen mit andern Hähnen unterm Arme umher, die sie, um Grösse und Gewicht zu vergleichen, auf die Erde setzten, brachten Wetten in Ordnung und suchten sich gegenseitig zu betrügen. Endlich begann ein Spiel. Die Damen unsrer Gesellschaft hatten Sitze im Corridor des Hauses und der Platz vor ihnen war frei. Die Hahnensporen waren mörderische Instrumente, mehr als zwei Zoll lang, dick und wie Nadeln spitz. Kaum waren die Hähne auf den Kampfplatz gelassen, als die Halsfedern aufschwollen und sie aufeinander losflogen. In weniger Zeit als man zu ihrem Bespornen gebraucht, lag einer todt da, mit heraushangender Zunge und mit dem Munde entströmendem Blute. Die Begierde und Leidenschaftlichkeit der Menge und ihr Lärmen und Toben, ihr Wetten, Fluchen, Zanken und Balgen boten ein trübes Bild der Menschennatur dar und zeugten von einem blutdürstigen Volke. Den Damen bin ich es schuldig zu sagen, dass sie in der Stadt niemals solchen Schauspielen beiwohnen. (…) Nachdem wir die widrige Scene verlassen, machten wir einen Gang in der Vorstadt umher, wo man von einem gewissen Punkte aus eine prachtvolle Aussicht über die Ebene und die Stadt Guatemala nebst den umliegenden Bergen geniesst, eine Aussicht, die Einen nicht begreifen lässt, wie es möglich ist, dass Menschen, die in mitten einer so grossartigen und herrlichen Natur aufwachsen, Geschmack an so gemeinen, niedrigen Dingen finden.

„So viel Schönheit / so viele Pumpguns“ endet mein Gedicht Postkärtchen aus Guatemala. Als ich es letztes Jahr verfasste, waren mir Stephens‘ Berichte noch unbekannt. Sie zeichnen, als fokussierter Ausschnitt, die seit Anbeginn rekordgespickte Gewaltkurve Zentralamerikas fort und bis in unsere Gegenwart vor; annähernd 1000 Buchseiten mäandert die literarische Reise als grob- und feinnervig schillerndes Dokument chaotischer Zustände voller Brutalität, Schönheit und Zerrüttung seitens Mensch und Natur – und darin mindestens ebenbürtig den heute deutlich berühmteren Darstellungen des Wilden Westens, der ein paar tausend Meilen weiter nördlich zur selben Zeit seine Kaktusblüten trieb. Stephens‘ um Neutralität bemühte, gelegentlich zu ausschweifende, plastische und häufig mit Witz gewürzte Beschreibungen erinnern u.a. an Szenen aus Werner Herzogs Amazonas-Spielfilme: schlammüberzogene Ankünfte in entlegenen Dörfern, allgegenwärtiger Fieberwahn, rustikale Vergnügungen in Kolonialstädten mit ihren unablässig von Krieg und Naturgewalten bedrohten zivilisatorischen Fassaden; den als mürrisch, phlegmatisch bzw. als aguardiente- und blutdürstiger Mob beschriebenen indigenen Einwohnern bleiben im Dschungel nur Jobs aus der kolonialistisch-klerikalen Klamottenkiste:

Der zunächst Aufbrechende war der Kanonikus. Er war vor zwanzig Jahren, bei seiner ersten Ankunft im Lande, über den Berg gekommen, aber seine Schrecken standen noch immer in lebhafter Erinnerung vor ihm. Er reiste auf dem Rücken eines Indianers ab, nämlich getragen in einer Silla oder einem Stuhle mit hoher Lehne und zum Schutze gegen die Sonne oben überdeckt. Drei andere Indianer folgten als Reserve-Träger, sowie ein edles Maulthier zur Abwechselung für den Fall, dass er des Stuhltragens überdrüssig würde. Obwohl der Indianer von der Last tief zur Erde gebeugt marschirte, war doch der Kanonikus guter Dinge, schmauchte behaglich seine Cigarre und winkte uns mit der Hand zu bis er uns aus dem Gesicht war.

Stephens trifft unterwegs auf bemerkenswerte Gestalten, Sitten, Naturfänomene und Ruinen. Guatemala und seine Erscheinungen („Jeder unsrer Tritte und Schritte in diesem Lande bot uns etwas Wildphantastisches und Neues, etwas, was unsre Phantasie ergriff“), aus denen hundert Jahre später Miguel Ángel Asturias in seiner Prosa den Magischen Realismus destillieren wird, macht seine Besucher wie selbstverständlich zu Abenteurern, in schwer überschaubaren Kriegsverläufen verwandelt sich der verblüffte Stephens in einen Agenten wider Willen, der mit den Generälen beider verfeindeter Parteien speist und parliert, kurz nachdem deren versprengte Truppen ihn willkürlich gefangen genommen und um ein Haar exekutiert hatten. Ob Karl May sich bei Stephens bediente, entzieht sich meiner Kenntnis, die Möglichkeit einer solchen Linie immerhin erscheint überdeutlich.

Der letzte Fremde, der im Hafen gewesen war, war ein allbekannter Amerikaner, Namens Handy, von dem ich zuerst am Kap der Guten Hoffnung, wo er Giraffen jagte, gehört hatte, dem ich später in Neuyork begegnet war und den ich hier verfehlt zu haben ausserordentlich bedauerte. Er war von den Vereinigten Staaten aus durch Tejas, Mejico und Centralamerika gereist, und zwar mit einem Elephanten und zwei Dromedaren als Anführern seines Zugs! Der Elephant war der erste in Centraiamerika je gesehene und ich hörte oft von ihm in den Pueblos unter dem Namen El Demonio (der Teufel) sprechen.

Eine eher beiläufig erwähnte Gefahr der Reise besteht im Fieber. An einer Stelle berichtet Stephens trocken, dass alle sieben seiner unmittelbaren Vorgänger in Zentralamerika am Fieber gestorben seien. (Er selber wird zwölf Jahre später an Malariafolgen, einem ungewollten Reisemitbringsel, sterben.) Von zeitgenössischen Repellentien (außer komplett bedeckender Kleidung) kein Wort. In seiner Ergebenheit in die Fiebersituation kommt Stephens, ohne es zu merken, der Ergebenheit der Mayavölker in den Willen der Natur vielleicht am nächsten.

Alle centralamerikanischen Häfen am stillen Meere sind ungesund, dieser aber galt geradezu als tödtlich. Ich war ohne Bangigkeit in Städte eingezogen, wo die Pest wüthete; hier aber herrschte am Ufer eine todtengleiche Stille, die erschreckend war. (…) Den Nachmittag brachte mich der Kapitän ans Ufer. Am ersten Hause sahen wir zwei Kerzen angezündet, um bei der Leiche eines Mannes zu brennen. Alle, die wir sahen, waren krank und Alle klagten, dass der Ort dem menschlichen Leben tödtlich wäre. Und er war in der That fast ganz verödet, und ungeachtet seiner Vortheile als Hafen erfolgte doch wenige Tage darnach von Seiten der Regierung der Befehl, ihn aufzugeben und nach dem ehemaligen Hafen von Punta Arenas zurückzuverlegen. (…)
Der Ort war ein elender Hüttenhaufen und arm an Lebensmitteln, wo die Leute lieber schmutziges Wasser, das vor ihren Hütten stand, tranken als dass sie sich die Mühe gaben, nach dem Flusse zu gehen.

Zu den Höhepunkten des Buches lassen sich auch viele weniger abenteuerliche Alltagsbeschreibungen zählen, z.B. über das Tortillabacken (wie ich es 180 Jahre später unverändert beobachtet habe und dessen elegant-monotone Geräusche sich mir tief eingeprägt haben) oder ein Kindsbegräbnis, das mit dem Zerstampfen des Leichnams endet, um auf dem Lehmgrund der Kirche Platz für kommende Tote zu schaffen. Landschaften wie der Atitlánsee, in der Maya-Mythologie Nabel der Welt und Verbindung zur Unterwelt, erfahren mit Kuriosa beschmückte Würdigungen. Wo er auf entsprechende Informationen trifft (Bücher sind auf der Route Raritäten, wer welche zu veräußern hat, kennt sie bereits auswendig), reichert Stephens seine Berichte mit geschichtlichen Exkursen an, die als Verbindungsglieder zwischen mythischem und modernem Wissen angesehen werden können.

Frühe am Morgen gingen wir abermals zum See. Es schwebte jetzt kein Dunst auf dem Wasser und die Scheitel der Vulkane waren wolkenfrei. (…) Wir verbrachten unsre Zeit mit Schiessen wilder Enten, konnten aber nur zwei Stück ans Ufer bekommen, die, wie wir später fanden, von köstlichem Geschmack waren. Nach Juarros‘ Nachrichten ist das Wasser dieses Sees so kalt, dass es schon nach wenigen Minuten die Glieder Aller, die in ihm baden, erstarren macht und anschwellt. Aber es sah so einladend aus, dass wir beschlossen es zu wagen, und siehe da, unsere Glieder erstarrten nicht und schwollen nicht an. Die Umwohner baden beständig darin, wie man uns sagte; und Herr Catherwood blieb, von seinem Schwimmgürtel getragen und ohne alle Körperbewegung, lange Zeit im Wasser und empfand nichts von einer ausserordentlichen Kälte. Bei der gänzlichen Unwissenheit, welche über die geographischen und geologischen Verhältnisse dieses Landes herrscht, kann es wohl sein, dass die Erzählung von der bodenlosen Tiefe des Sees und von dem Mangel jedes Abflusses ebenso unbegründet ist wie die von der Kälte seines Wassers.

Ein weitgehend und völlig zu Unrecht vergessenes bzw. übersehenes Monumentalwerk, das sich in die großen Reiseberichte der Literaturgeschichte reiht.

John L. Stephens, Eduard Höpfner: Reiseerlebnisse in Centralamerika, Chiapas und Yucatan, Leipzig 1854

Eine Neuausgabe der Höpfner-Übersetzung erschien im Herbst 2014 im Verlag der Pioniere.

In mehreren Formaten, darunter auch als E-Book, bietet Google Books das Werk zum kostenfreien Download (ohne Illustrationen).

Ich bin hier, weil das Leben keine Lösung hat

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Mit zwei wahrscheinlich lange vor meiner Geburt verstorbenen Autoren verbinden mich besondere Links. Einer davon ist Arthur Cravan. Seine Spur verlor sich vor 99 Jahren. (1)

Anfang der Neunziger, als ich unter einigem Gewese die Zeitschrift elektropansen vorbereitete, machte mich der Düsseldorfer Szenefotograf Schiko auf Cravan aufmerksam: „So einer wie der damals war, bist heute du.“ Schiko besaß Faksimiles der Zeitschrift Maintenant (2), die Cravan unter verschiedenen Pseudonymen komplett alleine bestritten und von einer Schubkarre bzw. einem Gemüsewägelchen (die Quellenlage dazu schwankt) in Paris auf der Straße verkauft hatte.

Bei so intellektuellen Lesern wie meinen bin ich gezwungen, mich noch einmal zu erklären und zu sagen, dass ich einen Menschen nur dann für intelligent halte, wenn seine Inteligenz mit einem Temperament verbunden ist, da ein wirklich intelligenter Mensch einer Million wirklich intelligenter Menschen ähnelt. Für mich ist ein feiner oder subtiler Mensch fast immer nur ein Idiot.

Sonderlich weit reichten die von Schiko behaupteten Übereinstimmungen zwischen Cravan und mir zwar nicht, dennoch ließ sich die eine oder andere Parallele in Absichten, Auftreten und Lebensweise kaum bestreiten (3) und die Zuweisung, als der neue Cravan des Rheinlands zu gelten (die mangels Bekanntheit des cravan’schen Werks freilich dem befreundeten Fotografen allein vorbehalten blieb), verursachte mir über zwei Jahrzehnte keinerlei Hirnzucken, bis ich dieses Frühjahr eine Einladung in den mexikanischen Süden erhielt, unweit der Stadt, in der Cravan zum letzten Mal lebend gesichtet wurde.

Bis vor einigen Jahren war Salina Cruz zu Recht als ein tödliches Loch gefürchtet; nahezu jeder weiße Mann fand dort binnen eines Jahres den Tod. Die „Altstadt“, eine erbärmliche Ansammlung von Eingeborenenhütten, Palmen und Schilfrohr, lag auf einem engen Flachland-Hals zwischen der See und einer übel riechenden Lagune, umgeben von dichtem Gestrüpp, ein vom Fieber geplagter Ort. Ein gewisses Problem bereitete die Wasserversorgung, das einzig erreichbare Rinnsal, das – und nur mit Unterbrechungen – am Friedhof entlangfloss, der die mit Abstand größte Zahl weißer Männer im Distrikt Oaxaca zusammenbrachte. (4)

Salina Cruz genießt bis heute unter Reisenden zweifelhaften Ruf. Doch treibt mich ein Impuls, dem Verschwinden Cravans vor Ort nachzugehen: warum sonst hätte mir das Schicksal eine Einladung in diesen entlegenen Winkel verschaffen sollen.

So zählte nun König der verkrachten Existenzen zur vorbereitenden Lektüre, weil der in meiner Erinnerung bis auf den Titel identische Vorgängerband Der Boxerpoet oder Die Seele im zwanzigsten Jahrhundert auf meinen Wegen durch Mauenheim und die Weltgeschichte verschütt gegangen sein muss.

Übersetzungen aus den fünf zwischen 1912 und 1915 erschienenen Maintenant-Ausgaben bilden den ersten Teil der schmalen Werkausgabe, dem dritten Anlauf der Edition Nautilus, Schaffen und Leben des häufig als „Dada-Vorläufer“ und „Boxerpoet“ bezeichneten Bohemiens für das deutschsprachige Publikum bereitzustellen. Transportieren die Maintenant-Texte großteils launig-provokative Geschwätzigkeit von mäßigem Interesse, gelangen Cravan mit seiner kleinen Zeitschrift dennoch zwei geniale Coups.

Erst später nahm ich wahr, dass mein Gast ununterbrochen lachte, und zwar nicht mit der nervösen Verkrampfung der Europäer, sondern im Absoluten. (…)
Ich begann also, ihn genau zu betrachten. Ich sah mir zuerst den Kopf an, der dunkelhäutig und fast kahl war und tiefe Falten hatte. Dabei herrschte in mir der Gedanke vor, dass Wilde eher musikalisch als plastisch aussah, ohne dass ich daran dachte, dieser Definition einen sehr genauen Sinn zu geben, tatsächlich eher musikalisch als plastisch. Ich blickte ihn vor allem in seiner gesamten Erscheinung an. Er war schön. In seinem Sessel sah er wie ein Elefant aus: Der Arsch drückte die Polster des Sessels platt, in denen er beengt saß, gegenüber den stämmigen Armen und Beinen versuchte ich mir die göttlichen Gefühle vorzustellen, die in solchen Gliedern wohnten. Ich betrachtete die Größe seiner Schuhe, der Fuß relativ klein, etwas flach, was seinem Besitzer den träumerischen und rhythmischen Gang eines Dickhäuters geben und, so gebaut, aus ihm auf geheimnisvolle Weise einen Dichter machen sollte. Ich betete ihn an, weil er einem großen Tier ähnelte; ich stellte mir vor, wie er simpel wie ein Nilpferd schiss; und dieses Bild entzückte mich wegen seiner Unschuld und Triftigkeit; (…) und (…) stellte (…) ihn mir poetisch vor, wie er in dem verrückten grünen Afrika bei der Musik der Fliegen Berge von Exkrementen von sich gab.

Der so („ich glaube schon, dass ich tot war“) beschriebene Oscar Wilde war tatsächlich Cravans leiblicher Onkel und als solcher bereits ein gutes Jahrzehnt unter der Erde, als der Neffe in Maintenant No. 3 verkündete: „Oscar Wilde est vivant!“ Die sensationelle Falschnachricht verbreitete sich in seriös eingestellten Blättern rund um den Globus und mehrte den Ruf von Zeitschrift und Autor.

Der zweite Coup bestand in vernichtenden und beleidigenden Kritiken der Künstler seines engeren Umfelds zur „Ausstellung der unabhängigen Maler“ in Maintenant No. 4. Cravan kämpfte mit offenem Visier: „Ich schreibe, um meine Kollegen zu ärgern; damit man von mir spricht, und um zu versuchen, mir einen Namen zu machen. Mit einem Namen hat man Erfolg bei den Frauen und im Geschäft.“ Zwei Jahrzehnte nach Alfred Jarrys Stück Ubu roi, das mit dem Ausruf „Merdre!“ eröffnete, hatte obszöne Sprache die Hürden der französischen Literatur längst überklommen.

Wer im Ernst eine einzige Zeile über Malerei schreibt, ist ein … Sie wissen schon. (…) Delaunay, der das Maul eines hitzigen Schweins oder Herrenhauskutschers hat, konnte mit einer solchen Fresse den Ehrgeiz besitzen, wie ein Rohling zu malen. Das Äußere war vielversprechend, das Innere war nur wenig wert. Wahrscheinlich übertreibe ich, wenn ich sage, dass Delaunays phänomenales Aussehen etwas Bewundernswertes hatte. Körperlich ist er nur weicher Käse: Robert läuft mühsam und wirft nur mit Mühe einen Stein dreißig Meter weit. (…) Sein Unglück ist es aber (…), dass er eine Russin, o Jungfrau Maria!, eine Russin geheiratet hat, aber eine Russin, die er nicht zu betrügen wagt. Ich für meinen Teil würde lieber mit einem Philosophieprofessor im Collège de France schlechten Umgang haben – zum Beispiel mit Herrn Bergson – als mit den meisten russischen Frauen schlafen. Ich will nicht behaupten, dass ich es nicht einmal mit Frau Delaunay treiben werde, da ich, wie die große Mehrheit der Männer, ein geborener Sammler bin und folglich ein grausames Wohlgefallen dabei empfinden würde, eine Volksschullehrerin zu misshandeln, umso mehr als ich in dem Moment, in dem ich sie durchbohre, den Eindruck hätte, ein Brillenglas zu zerschlagen.

Cravans Provokationen zwischen maskuliner Archaik und purem Nonsense bewirkten den erhofften Skandal. Die unabhängigen Maler passten den Verleger-Autor-Handverkäufer auf der Straße ab, um ihn für seine Anwürfe zu verprügeln. Apollinaire forderte Cravan zum Duell, eine riskante Nummer, aus der sich beide rechtzeitig herauszuwinden wussten, bevor es ans gegenseitige Ermorden gegangen wäre. Cravans Ruhm wuchs. Expressive Performances trugen dazu bei. Bei seiner ersten Lesung forderte er mit Jagdhörnern und Keulen die Ruhe des Publikums ein und „gab seinem Bedauern Ausdruck, dass die Cholera nicht dreißig Jahre zuvor die großen Dichter dahingerafft habe, das hätte ihnen ein schäbiges Leben erspart“ (5). Vor einer anderen Lesung kündigte er seinen Freitod auf der Bühne mittels Absinth-Verzehr an, trat einzig mit einer Metzgerschürze bzw. einem Suspensorium (die Quellenlage schwankt) bekleidet an, betrank sich, vermied jedoch den finalen Abgang und behielt die Tageskasse.

Neben den Maintenant-Texten bietet der Werkband ein sehr kurzes Fragment (betitelt Elefantenmattigkeit) als einzigen zusätzlichen literarischen Text, eine schöne Reihe historischer Fotos und Abbildungen, vehemente Briefe an Familie, Förderer und Frauen sowie im Nachwort ein Portrait, das maßgeblich für den Cravan-Anekdotenschatz im deutschsprachigen Raum verantwortlich sein dürfte, der in anderen Sprachräumen teilweise abweicht.

Arthur Cravan – König der verkrachten Existenzen (aus dem Französischen von Pierre Gallissaires und Hanna Mittelstädt, mit einem Vorwort von André Breton und einem Nachwort von Bastiaan van der Velden, Edition Nautilus, Hamburg 2015
Hardcover, 192 Seiten, 22 Euro

(1) Cravan soll laut seiner Ehefrau Mina Loy nahe der mexikanischen Hafenstadt Salina Cruz über den Horizont gesegelt und nie wieder gesehen worden sein. Versionen über sein Verschwinden bzw. seinen Tod bzw. sein Fortleben (z.B. als B. Traven) existieren im Dutzend. Von den mexikanischen Behörden wurde Cravan 1920 offiziell für tot erklärt.
(2) Die Maintenant-Ausgaben Nr. 3 und 4 sind im Netz als Einzelseiten-Scans des Originals verfügbar.
(3) Zum Beispiel erreichten wir in Sachen Sport beide Weltniveau: Cravan wurde kampflos französischer Boxmeister im Schwergewicht (oder Halbschwergewicht, die Quellenlage schwankt) und verlor einen Schaukampf gegen den ebenso illustren Ex-Weltmeister Jack Johnson durch K.o.; ich war in jungen Jahren (und bin es womöglich heute noch) Weltrekordhalter im 1000-mal 400 Meter-Staffellauf, einer selten ausgetragenen Disziplin.
(4) Im Nachwort von Bastiaan van der Velden zitiert nach Hans Friedrich Gadow: Through southern Mexico, London 1908
(5) Im Nachwort von Bastiaan van der Velden zitiert nach dem Periodikum Gil Blas, Paris 1913

fugitive beauty

fugitive beauty
Das neue und soeben erschienene Magazin des amerikanischen Künstlers Lee Baumgarten beschäftigt sich mit den Themen Diaspora, Migration und flüchtige Schönheit. Die internationale Kompilation versammelt Künstler aus neun Nationen. Eine meiner guatemaltekischen Fotoarbeiten plus Begleittext findet sich auf Seite 21.

Das Magazin im elektronischen FlipBook-Format kann wie eine Website abgerufen werden.

Mit Beiträgen von: Ráed Al-Rawi (Irak), Nico Amortegui (Kolumbien), Case Baumgarten (USA), Vlado Franjević (Kroatien/Liechtenstein), Stan Lafleur (Deutschland), Phillip Larrimore (USA), Pedro Lobo (Portugal), Steven Lyons (USA), Kenny Nguyen (Vietnam), Tina Roozbehi (Iran), Hanna Tadrous Girgis (Ägypten) und Denise Torrance (USA).

… immer steigend, kommt Ihr auf die Höhen

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In der 266. Ausgabe der Zeitschrift die horen beschäftigen sich, herausgegeben von Andreas Erb und Christof Hamann, Kulturwissenschaftler, Essayisten, Lyriker und Prosaisten mit alpinen Verbindungswegen.

„Hochgelegene Regionen verbinden wir heute oftmals mit den Namen herausragender Berge, dem Matterhorn, dem Kilimandscharo, dem Mount Everest. Wurden die Gipfel lange Zeit als Orte des Zwiegesprächs zwischen Göttern und Menschen angesehen, so schufen die Pässe hingegen vielfältige Verbindungen zwischen den Menschen selbst.
Handelswege, Schmugglerwege, Kriegswege, Pilgerwege: Pässe bilden Einbuchtungen in den ansonsten nur schwer zu überquerenden Gebirgsriegeln. Sie sind Orte eines vielfältigen Verkehrs von Menschen, Tieren, Dingen, von Erlaubtem und Verbotenem, auch Möglichkeitsräume, an denen zukünftige Ereignisse zum Greifen nahe scheinen. Pässe stiften daher auch Ideen und Fantasien.“ (Aus dem Verlagsinfo.)

Von mir ist ein Text über die literarisch und filmisch häufig stark verfremdete Via Mala enthalten.

Weitere AutorInnen sind u.a.: Marcel Beyer, Iso Camartin, Oswald Egger, Péter Farkas, Joachim Geil, Franziska Gerstenberg, Guy Helminger, Silvio Huonder, Birgit Kempker, Birgit Kreipe, Tim Krohn, Volker Kutscher, Klaus Merz, Klaus Modick, Karl-Heinz Ott, Angelika Overath, Annette Pehnt, Marion Poschmann, Norbert Scheuer, Sabine Scho, Tom Schulz, Ulf Stolterfoth, Antje Rávic Strubel, Alain Claude Sulzer, Leo Tuor, Theresia Walser, Peter Wawerzinek und Miek Zwamborn.

… immer steigend, kommt Ihr auf die Höhen. Bergübergänge, herausgegeben von Andreas Erb und Christof Hamann in der Reihe: die horen. Zeitschrift für Literatur, Kunst und Kritik; Band 266, 62. Jahrgang, Wallstein Verlag, Göttingen 2017
240 Seiten, zum Teil farbige Abbildungen, Broschur, 14 Euro, ISBN: 978-3-8353-3038-2

Nachtrag, 26.07.2017
„Die gesammelten Grenzerfahrungen zeugen schon durch das auf den Schweizer St. Gotthard bezogene Motto aus Schillers Wilhelm Tell („… immer steigend, kommt Ihr auf die Höhen“) weniger von lebensgefährlichen Risikounternehmungen als von erhebenden, manchmal spirituellen Passagen zwischen dem Bekannten und dem Unbekannten – um Abenteuer der Wahrnehmung“, heißt es in einer ersten Rezension von Gregor Dotzauer für den Tagesspiegel unter dem Titel Im Meer der Berge.

(Ich als) Teil eines Gedichts von Clemens Schittko

(…)
Jürgen Born und Butch Olderman sind jetzt Freunde.
Kassandra Lewicka hat ihren eigenen Status kommentiert:
„Bleiben die Toten das? Immer?…“
Steve C. Ellard gefällt Ulrich Specks Link.
Steve C. Ellard gefällt World Jewish Congress Foto.
Stan Lafleur gefällt Literaturatelier Köln.
Hellmuth Opitz hat Anton G. Leitners Status kommentiert:
„Diese Dame mit Spottversen zu…“
Jürgen Born hat taz. die tageszeitungs Link kommentiert:
„BRAVO“““!!!“
Jürgen Born gefällt taz. die tageszeitungs Link.
Kassandra Lewicka gefällt IWM – Institut für die Wissenschaften vom Menschens Link.
(…)

Oben ein Ausschnitt des erst jetzt von mir entdeckten Gedichts NSA-Stück vom 04.10.2013 von Clemens Schittko, das hier in voller Länge verfügbar ist. Der Text simuliert die Überwachung der Facebook-Klientel durch die Firma und Geheimdienste als arrangierte Mitschrift und verweist dadurch auf Manipulationsmöglichkeiten wie auch auf die Banalität der Kommunikation von Literaten in sozialen Netzwerken.

Das Gedicht erinnerte mich sogleich an Äußerungen des Filosofen Byung-Chul Han in einem Interview mit der ZEIT aus dem Jahr 2014, in dem Han das Glatte und Gefällige an den neuen Medien und in den zeitgenössischen Künsten als deren maßgebliche Eigenschaften betrachtet und den Begriff des digitalen Feudalismus einbringt: „(…) von der Struktur unterscheidet sich diese Gesellschaft nicht vom Feudalismus des Mittelalters. Wir befinden uns in einer Leibeigenschaft. Die digitalen Feudalherren wie Facebook geben uns Land, sagen: Beackert es, ihr bekommt es kostenlos. Und wir beackern es wie verrückt, dieses Land. Am Ende kommen die Lehnsherren und holen die Ernte. Das ist eine Ausbeutung der Kommunikation. Wir kommunizieren miteinander, und wir fühlen uns dabei frei. Die Lehnsherren schlagen Kapital aus dieser Kommunikation. Und Geheimdienste überwachen sie. Dieses System ist extrem effizient. Es gibt keinen Protest dagegen, weil wir in einem System leben, das die Freiheit ausbeutet.“

MINI WELT

mini welt_cover_warmMein neuer Auswahlband, herausgegeben von Michael Serrer und Adrian Kasnitz, beinhaltet 28 Gedichte über die Möwe im Zeitalter ihrer technischen Reproduzier- und neoliberal geprägten Anpreisbarkeit, über heimatlichen Umgebungswandel und den Stand der Fortschritte zur Aufhebung der Klassengesellschaft. Geschrieben habe ich sie am Rhein, am Bosporus, auf meinem Mauenheimer Balkon und im Fernbus während langwieriger Polizeikontrollen an den innereuropäischen Grenzen. Die Bora, einer der stärksten Winde der Welt, half mit scharfböig vorgetragener, rüttelnder und jaulender Kritik beim Textschliff, als ich bei Zvona i Nari in Ližnjan als Artist in Residence zu Gast sein durfte.

Den Schwerpunkt des Bandes bildet das Eingangskapitel Möwen von Jetzt. Das Wesen des Vogels, eines der beliebtesten Motive der Dichtung, befindet sich im Wandel. Bereits vor 280 Jahren hatte der französische Ingenieur Jacques de Vaucanson eine hochkomplexe automatische Ente gebaut, die trinken, essen, mit den Flügeln flattern, schnattern, paddeln und sogar verdauen konnte, ein mechanisches Wunderwerk, das seinen Schöpfer berühmt machte. Diesem flugunfähigen canard digérateur folgten diverse Ornithopter: mechanische Vögel mit Schlagapparat und/oder Gleitfähigkeiten, angetrieben von Pressluft, Kohlensäure oder Revolverpatronen. Einen solchen künstlichen Vogel sah ich erstmals 2012 in Istanbul den Galataturm im Flug umrunden. Angetrieben von einem Gummimotor hielt er sich gute zehn Sekunden in der Luft und vollführte erstaunliche Kapriolen. Wo er flog, flogen auch biologische Spatzen, Tauben und Möwen. Die Bausätze, die es um sehr kleines Geld zu erstehen gab, hatten aus Fernost an diesen historisch belasteten Ort der Aeronautik gefunden. Bereits ein Jahr zuvor hatte der schwäbische Automatisierungsbetrieb Festo den SmartBird entwickelt, einen bionisch-elektronischen, der Silbermöwe nachempfundenen Vogel, und für sich in Anspruch genommen, den Vogelflug technisch entschlüsselt zu haben. Ungefähr zur gleichen Zeit lernte ich in einem Workshop bei Hannes Hoelzl wie handelsübliche Alarmanlagen zu Singvögeln umgelötet werden können – seither ist mein Gehör für artifizielle Vögel im öffentlichen Raum sensibilisiert: die Eroberung unserer Umwelt durch künstliche Vögel, die in der Dichtung bisher nicht sonderlich auffällig wurden, hat bereits vor einem Vierteljahrtausend begonnen.

Die übrigen Kapitel handeln von Umgebungen, die der neue Supervogel mit seinen Kameraaugen aufnehmen und für un/bestimmte Zwecke abspeichern könnte: Zeugnisse sich ausbeulender Zeit- und Gesellschaftsmatrix, des Alles und Nichts – häufig aus in der Lyrik eher unterrepräsentierten Perspektiven auf den kleinbürgerlichen, proletarischen und randständigen Alltag.

Der Titel des Bandes, MINI WELT, sollte ursprünglich barockes Ausmaß erreichen, Inhalte, Entstehungsbedingungen und Förderer in einem über mehrere Zeilen mäandernden Satz inklusive Kommata und Punkt berücksichtigen, um aktuelle Produktionsvorgaben hiesiger Dichtung mit einer gefilterten Rückspiegelsicht auf feudale Bedingungen zu überblenden. Die Corporate Design-Vorgabe der Reihe ließ das nicht zu. Nun also MINI WELT – zum Minipreis von 5 Euro. Das sind knapp 18 Cent pro Gedicht, ein unverschämt günstiger Preis, der dadurch zustande kommen konnte, daß die Nyland-Stiftung Druck und Lektorat der Reihe subventioniert.

MINI WELT, Lyrik-Edition Rheinland, Edition Virgines, Düsseldorf 2017
32 Seiten, 14,5 x 21 cm, Taschenbuch, 5 Euro, ISBN: 978-3944011660