Wer geht denn je nach Guatemala? Kuriose und epochemachende Reiseberichte aus dem wilden Zentralamerika

John L. Stephens‘ Incidents of Travel in Central America, Chiapas and Yucatan erreichten Mitte des 19. Jahrhunderts in deutscher Übersetzung mit elf Auflagen in den ersten sechs Monaten erhebliche Beachtung. Der amerikanische Forscher, Diplomat und Reiseschriftsteller war ein knappes Jahr im Auftrag des Präsidenten der Vereinigten Staaten unterwegs gewesen, um die politischen Verhältnisse in der gerade zerfallenden Zentralamerikanischen Konföderation (1823-1840) auszuloten, zu der sich nach der Unabhängigkeit von Spanien Guatemala, Honduras, El Salvador, Nicaragua und Costa Rica als Staatenbund zusammengefunden hatten. Am Rande und inmitten chaotischer Kriegshandlungen bestieg Stephens brodelnde Vulkane, erlitt diverse Tropenfieber, notierte seine Begegnungen mit der indigenen Bevölkerung, suchte in den Städten oft vergeblich nach verbliebenen Regierungsvertretern und erforschte vom Dschungel verschluckte Mayastädte, von deren Existenz mehr Gerüchte als Wissen kursierten.

Nachdem unsre Gesellschaft sich durch die Ankunft einer vornehmen Familie aus Guatemala vermehrt hatte, zogen wir sammt und sonders zu dem Hahnenkampfe. Er fand statt in dem Hofe eines unbewohnten Hauses, der bereits mit Menschen überfüllt war, die, wie ich zur Ehre der Indianer und zur Schande der bessern Klassen bemerkte, sämmtlich Mestizen oder Weisse waren, und — mit steter Ausnahme von Carrera’s Soldaten — sah ich nie in meinem Leben einen Menschenschlag von hässlicherem oder mörderhafterem Aussehen. Längs den ganzen Mauern des Hofs standen Hähne an einem Beine angebunden und Leute liefen mit andern Hähnen unterm Arme umher, die sie, um Grösse und Gewicht zu vergleichen, auf die Erde setzten, brachten Wetten in Ordnung und suchten sich gegenseitig zu betrügen. Endlich begann ein Spiel. Die Damen unsrer Gesellschaft hatten Sitze im Corridor des Hauses und der Platz vor ihnen war frei. Die Hahnensporen waren mörderische Instrumente, mehr als zwei Zoll lang, dick und wie Nadeln spitz. Kaum waren die Hähne auf den Kampfplatz gelassen, als die Halsfedern aufschwollen und sie aufeinander losflogen. In weniger Zeit als man zu ihrem Bespornen gebraucht, lag einer todt da, mit heraushangender Zunge und mit dem Munde entströmendem Blute. Die Begierde und Leidenschaftlichkeit der Menge und ihr Lärmen und Toben, ihr Wetten, Fluchen, Zanken und Balgen boten ein trübes Bild der Menschennatur dar und zeugten von einem blutdürstigen Volke. Den Damen bin ich es schuldig zu sagen, dass sie in der Stadt niemals solchen Schauspielen beiwohnen. (…) Nachdem wir die widrige Scene verlassen, machten wir einen Gang in der Vorstadt umher, wo man von einem gewissen Punkte aus eine prachtvolle Aussicht über die Ebene und die Stadt Guatemala nebst den umliegenden Bergen geniesst, eine Aussicht, die Einen nicht begreifen lässt, wie es möglich ist, dass Menschen, die in mitten einer so grossartigen und herrlichen Natur aufwachsen, Geschmack an so gemeinen, niedrigen Dingen finden.

„So viel Schönheit / so viele Pumpguns“ endet mein Gedicht Postkärtchen aus Guatemala. Als ich es letztes Jahr verfasste, waren mir Stephens‘ Berichte noch unbekannt. Sie zeichnen, als fokussierter Ausschnitt, die seit Anbeginn rekordgespickte Gewaltkurve Zentralamerikas fort und bis in unsere Gegenwart vor; annähernd 1000 Buchseiten mäandert die literarische Reise als grob- und feinnervig schillerndes Dokument chaotischer Zustände voller Brutalität, Schönheit und Zerrüttung seitens Mensch und Natur – und darin mindestens ebenbürtig den heute deutlich berühmteren Darstellungen des Wilden Westens, der ein paar tausend Meilen weiter nördlich zur selben Zeit seine Kaktusblüten trieb. Stephens‘ um Neutralität bemühte, gelegentlich zu ausschweifende, plastische und häufig mit Witz gewürzte Beschreibungen erinnern u.a. an Szenen aus Werner Herzogs Amazonas-Spielfilme: schlammüberzogene Ankünfte in entlegenen Dörfern, allgegenwärtiger Fieberwahn, rustikale Vergnügungen in Kolonialstädten mit ihren unablässig von Krieg und Naturgewalten bedrohten zivilisatorischen Fassaden; den als mürrisch, phlegmatisch bzw. als aguardiente- und blutdürstiger Mob beschriebenen indigenen Einwohnern bleiben im Dschungel nur Jobs aus der kolonialistisch-klerikalen Klamottenkiste:

Der zunächst Aufbrechende war der Kanonikus. Er war vor zwanzig Jahren, bei seiner ersten Ankunft im Lande, über den Berg gekommen, aber seine Schrecken standen noch immer in lebhafter Erinnerung vor ihm. Er reiste auf dem Rücken eines Indianers ab, nämlich getragen in einer Silla oder einem Stuhle mit hoher Lehne und zum Schutze gegen die Sonne oben überdeckt. Drei andere Indianer folgten als Reserve-Träger, sowie ein edles Maulthier zur Abwechselung für den Fall, dass er des Stuhltragens überdrüssig würde. Obwohl der Indianer von der Last tief zur Erde gebeugt marschirte, war doch der Kanonikus guter Dinge, schmauchte behaglich seine Cigarre und winkte uns mit der Hand zu bis er uns aus dem Gesicht war.

Stephens trifft unterwegs auf bemerkenswerte Gestalten, Sitten, Naturfänomene und Ruinen. Guatemala und seine Erscheinungen („Jeder unsrer Tritte und Schritte in diesem Lande bot uns etwas Wildphantastisches und Neues, etwas, was unsre Phantasie ergriff“), aus denen hundert Jahre später Miguel Ángel Asturias in seiner Prosa den Magischen Realismus destillieren wird, macht seine Besucher wie selbstverständlich zu Abenteurern, in schwer überschaubaren Kriegsverläufen verwandelt sich der verblüffte Stephens in einen Agenten wider Willen, der mit den Generälen beider verfeindeter Parteien speist und parliert, kurz nachdem deren versprengte Truppen ihn willkürlich gefangen genommen und um ein Haar exekutiert hatten. Ob Karl May sich bei Stephens bediente, entzieht sich meiner Kenntnis, die Möglichkeit einer solchen Linie immerhin erscheint überdeutlich.

Der letzte Fremde, der im Hafen gewesen war, war ein allbekannter Amerikaner, Namens Handy, von dem ich zuerst am Kap der Guten Hoffnung, wo er Giraffen jagte, gehört hatte, dem ich später in Neuyork begegnet war und den ich hier verfehlt zu haben ausserordentlich bedauerte. Er war von den Vereinigten Staaten aus durch Tejas, Mejico und Centralamerika gereist, und zwar mit einem Elephanten und zwei Dromedaren als Anführern seines Zugs! Der Elephant war der erste in Centraiamerika je gesehene und ich hörte oft von ihm in den Pueblos unter dem Namen El Demonio (der Teufel) sprechen.

Eine eher beiläufig erwähnte Gefahr der Reise besteht im Fieber. An einer Stelle berichtet Stephens trocken, dass alle sieben seiner unmittelbaren Vorgänger in Zentralamerika am Fieber gestorben seien. (Er selber wird zwölf Jahre später an Malariafolgen, einem ungewollten Reisemitbringsel, sterben.) Von zeitgenössischen Repellentien (außer komplett bedeckender Kleidung) kein Wort. In seiner Ergebenheit in die Fiebersituation kommt Stephens, ohne es zu merken, der Ergebenheit der Mayavölker in den Willen der Natur vielleicht am nächsten.

Alle centralamerikanischen Häfen am stillen Meere sind ungesund, dieser aber galt geradezu als tödtlich. Ich war ohne Bangigkeit in Städte eingezogen, wo die Pest wüthete; hier aber herrschte am Ufer eine todtengleiche Stille, die erschreckend war. (…) Den Nachmittag brachte mich der Kapitän ans Ufer. Am ersten Hause sahen wir zwei Kerzen angezündet, um bei der Leiche eines Mannes zu brennen. Alle, die wir sahen, waren krank und Alle klagten, dass der Ort dem menschlichen Leben tödtlich wäre. Und er war in der That fast ganz verödet, und ungeachtet seiner Vortheile als Hafen erfolgte doch wenige Tage darnach von Seiten der Regierung der Befehl, ihn aufzugeben und nach dem ehemaligen Hafen von Punta Arenas zurückzuverlegen. (…)
Der Ort war ein elender Hüttenhaufen und arm an Lebensmitteln, wo die Leute lieber schmutziges Wasser, das vor ihren Hütten stand, tranken als dass sie sich die Mühe gaben, nach dem Flusse zu gehen.

Zu den Höhepunkten des Buches lassen sich auch viele weniger abenteuerliche Alltagsbeschreibungen zählen, z.B. über das Tortillabacken (wie ich es 180 Jahre später unverändert beobachtet habe und dessen elegant-monotone Geräusche sich mir tief eingeprägt haben) oder ein Kindsbegräbnis, das mit dem Zerstampfen des Leichnams endet, um auf dem Lehmgrund der Kirche Platz für kommende Tote zu schaffen. Landschaften wie der Atitlánsee, in der Maya-Mythologie Nabel der Welt und Verbindung zur Unterwelt, erfahren mit Kuriosa beschmückte Würdigungen. Wo er auf entsprechende Informationen trifft (Bücher sind auf der Route Raritäten, wer welche zu veräußern hat, kennt sie bereits auswendig), reichert Stephens seine Berichte mit geschichtlichen Exkursen an, die als Verbindungsglieder zwischen mythischem und modernem Wissen angesehen werden können.

Frühe am Morgen gingen wir abermals zum See. Es schwebte jetzt kein Dunst auf dem Wasser und die Scheitel der Vulkane waren wolkenfrei. (…) Wir verbrachten unsre Zeit mit Schiessen wilder Enten, konnten aber nur zwei Stück ans Ufer bekommen, die, wie wir später fanden, von köstlichem Geschmack waren. Nach Juarros‘ Nachrichten ist das Wasser dieses Sees so kalt, dass es schon nach wenigen Minuten die Glieder Aller, die in ihm baden, erstarren macht und anschwellt. Aber es sah so einladend aus, dass wir beschlossen es zu wagen, und siehe da, unsere Glieder erstarrten nicht und schwollen nicht an. Die Umwohner baden beständig darin, wie man uns sagte; und Herr Catherwood blieb, von seinem Schwimmgürtel getragen und ohne alle Körperbewegung, lange Zeit im Wasser und empfand nichts von einer ausserordentlichen Kälte. Bei der gänzlichen Unwissenheit, welche über die geographischen und geologischen Verhältnisse dieses Landes herrscht, kann es wohl sein, dass die Erzählung von der bodenlosen Tiefe des Sees und von dem Mangel jedes Abflusses ebenso unbegründet ist wie die von der Kälte seines Wassers.

Ein weitgehend und völlig zu Unrecht vergessenes bzw. übersehenes Monumentalwerk, das sich in die großen Reiseberichte der Literaturgeschichte reiht.

John L. Stephens, Eduard Höpfner: Reiseerlebnisse in Centralamerika, Chiapas und Yucatan, Leipzig 1854

Eine Neuausgabe der Höpfner-Übersetzung erschien im Herbst 2014 im Verlag der Pioniere.

In mehreren Formaten, darunter auch als E-Book, bietet Google Books das Werk zum kostenfreien Download (ohne Illustrationen).

Ich bin hier, weil das Leben keine Lösung hat

cravan_deutsch
Mit zwei wahrscheinlich lange vor meiner Geburt verstorbenen Autoren verbinden mich besondere Links. Einer davon ist Arthur Cravan. Seine Spur verlor sich vor 99 Jahren. (1)

Anfang der Neunziger, als ich unter einigem Gewese die Zeitschrift elektropansen vorbereitete, machte mich der Düsseldorfer Szenefotograf Schiko auf Cravan aufmerksam: „So einer wie der damals war, bist heute du.“ Schiko besaß Faksimiles der Zeitschrift Maintenant (2), die Cravan unter verschiedenen Pseudonymen komplett alleine bestritten und von einer Schubkarre bzw. einem Gemüsewägelchen (die Quellenlage dazu schwankt) in Paris auf der Straße verkauft hatte.

Bei so intellektuellen Lesern wie meinen bin ich gezwungen, mich noch einmal zu erklären und zu sagen, dass ich einen Menschen nur dann für intelligent halte, wenn seine Inteligenz mit einem Temperament verbunden ist, da ein wirklich intelligenter Mensch einer Million wirklich intelligenter Menschen ähnelt. Für mich ist ein feiner oder subtiler Mensch fast immer nur ein Idiot.

Sonderlich weit reichten die von Schiko behaupteten Übereinstimmungen zwischen Cravan und mir zwar nicht, dennoch ließ sich die eine oder andere Parallele in Absichten, Auftreten und Lebensweise kaum bestreiten (3) und die Zuweisung, als der neue Cravan des Rheinlands zu gelten (die mangels Bekanntheit des cravan’schen Werks freilich dem befreundeten Fotografen allein vorbehalten blieb), verursachte mir über zwei Jahrzehnte keinerlei Hirnzucken, bis ich dieses Frühjahr eine Einladung in den mexikanischen Süden erhielt, unweit der Stadt, in der Cravan zum letzten Mal lebend gesichtet wurde.

Bis vor einigen Jahren war Salina Cruz zu Recht als ein tödliches Loch gefürchtet; nahezu jeder weiße Mann fand dort binnen eines Jahres den Tod. Die „Altstadt“, eine erbärmliche Ansammlung von Eingeborenenhütten, Palmen und Schilfrohr, lag auf einem engen Flachland-Hals zwischen der See und einer übel riechenden Lagune, umgeben von dichtem Gestrüpp, ein vom Fieber geplagter Ort. Ein gewisses Problem bereitete die Wasserversorgung, das einzig erreichbare Rinnsal, das – und nur mit Unterbrechungen – am Friedhof entlangfloss, der die mit Abstand größte Zahl weißer Männer im Distrikt Oaxaca zusammenbrachte. (4)

Salina Cruz genießt bis heute unter Reisenden zweifelhaften Ruf. Doch treibt mich ein Impuls, dem Verschwinden Cravans vor Ort nachzugehen: warum sonst hätte mir das Schicksal eine Einladung in diesen entlegenen Winkel verschaffen sollen.

So zählte nun König der verkrachten Existenzen zur vorbereitenden Lektüre, weil der in meiner Erinnerung bis auf den Titel identische Vorgängerband Der Boxerpoet oder Die Seele im zwanzigsten Jahrhundert auf meinen Wegen durch Mauenheim und die Weltgeschichte verschütt gegangen sein muss.

Übersetzungen aus den fünf zwischen 1912 und 1915 erschienenen Maintenant-Ausgaben bilden den ersten Teil der schmalen Werkausgabe, dem dritten Anlauf der Edition Nautilus, Schaffen und Leben des häufig als „Dada-Vorläufer“ und „Boxerpoet“ bezeichneten Bohemiens für das deutschsprachige Publikum bereitzustellen. Transportieren die Maintenant-Texte großteils launig-provokative Geschwätzigkeit von mäßigem Interesse, gelangen Cravan mit seiner kleinen Zeitschrift dennoch zwei geniale Coups.

Erst später nahm ich wahr, dass mein Gast ununterbrochen lachte, und zwar nicht mit der nervösen Verkrampfung der Europäer, sondern im Absoluten. (…)
Ich begann also, ihn genau zu betrachten. Ich sah mir zuerst den Kopf an, der dunkelhäutig und fast kahl war und tiefe Falten hatte. Dabei herrschte in mir der Gedanke vor, dass Wilde eher musikalisch als plastisch aussah, ohne dass ich daran dachte, dieser Definition einen sehr genauen Sinn zu geben, tatsächlich eher musikalisch als plastisch. Ich blickte ihn vor allem in seiner gesamten Erscheinung an. Er war schön. In seinem Sessel sah er wie ein Elefant aus: Der Arsch drückte die Polster des Sessels platt, in denen er beengt saß, gegenüber den stämmigen Armen und Beinen versuchte ich mir die göttlichen Gefühle vorzustellen, die in solchen Gliedern wohnten. Ich betrachtete die Größe seiner Schuhe, der Fuß relativ klein, etwas flach, was seinem Besitzer den träumerischen und rhythmischen Gang eines Dickhäuters geben und, so gebaut, aus ihm auf geheimnisvolle Weise einen Dichter machen sollte. Ich betete ihn an, weil er einem großen Tier ähnelte; ich stellte mir vor, wie er simpel wie ein Nilpferd schiss; und dieses Bild entzückte mich wegen seiner Unschuld und Triftigkeit; (…) und (…) stellte (…) ihn mir poetisch vor, wie er in dem verrückten grünen Afrika bei der Musik der Fliegen Berge von Exkrementen von sich gab.

Der so („ich glaube schon, dass ich tot war“) beschriebene Oscar Wilde war tatsächlich Cravans leiblicher Onkel und als solcher bereits ein gutes Jahrzehnt unter der Erde, als der Neffe in Maintenant No. 3 verkündete: „Oscar Wilde est vivant!“ Die sensationelle Falschnachricht verbreitete sich in seriös eingestellten Blättern rund um den Globus und mehrte den Ruf von Zeitschrift und Autor.

Der zweite Coup bestand in vernichtenden und beleidigenden Kritiken der Künstler seines engeren Umfelds zur „Ausstellung der unabhängigen Maler“ in Maintenant No. 4. Cravan kämpfte mit offenem Visier: „Ich schreibe, um meine Kollegen zu ärgern; damit man von mir spricht, und um zu versuchen, mir einen Namen zu machen. Mit einem Namen hat man Erfolg bei den Frauen und im Geschäft.“ Zwei Jahrzehnte nach Alfred Jarrys Stück Ubu roi, das mit dem Ausruf „Merdre!“ eröffnete, hatte obszöne Sprache die Hürden der französischen Literatur längst überklommen.

Wer im Ernst eine einzige Zeile über Malerei schreibt, ist ein … Sie wissen schon. (…) Delaunay, der das Maul eines hitzigen Schweins oder Herrenhauskutschers hat, konnte mit einer solchen Fresse den Ehrgeiz besitzen, wie ein Rohling zu malen. Das Äußere war vielversprechend, das Innere war nur wenig wert. Wahrscheinlich übertreibe ich, wenn ich sage, dass Delaunays phänomenales Aussehen etwas Bewundernswertes hatte. Körperlich ist er nur weicher Käse: Robert läuft mühsam und wirft nur mit Mühe einen Stein dreißig Meter weit. (…) Sein Unglück ist es aber (…), dass er eine Russin, o Jungfrau Maria!, eine Russin geheiratet hat, aber eine Russin, die er nicht zu betrügen wagt. Ich für meinen Teil würde lieber mit einem Philosophieprofessor im Collège de France schlechten Umgang haben – zum Beispiel mit Herrn Bergson – als mit den meisten russischen Frauen schlafen. Ich will nicht behaupten, dass ich es nicht einmal mit Frau Delaunay treiben werde, da ich, wie die große Mehrheit der Männer, ein geborener Sammler bin und folglich ein grausames Wohlgefallen dabei empfinden würde, eine Volksschullehrerin zu misshandeln, umso mehr als ich in dem Moment, in dem ich sie durchbohre, den Eindruck hätte, ein Brillenglas zu zerschlagen.

Cravans Provokationen zwischen maskuliner Archaik und purem Nonsense bewirkten den erhofften Skandal. Die unabhängigen Maler passten den Verleger-Autor-Handverkäufer auf der Straße ab, um ihn für seine Anwürfe zu verprügeln. Apollinaire forderte Cravan zum Duell, eine riskante Nummer, aus der sich beide rechtzeitig herauszuwinden wussten, bevor es ans gegenseitige Ermorden gegangen wäre. Cravans Ruhm wuchs. Expressive Performances trugen dazu bei. Bei seiner ersten Lesung forderte er mit Jagdhörnern und Keulen die Ruhe des Publikums ein und „gab seinem Bedauern Ausdruck, dass die Cholera nicht dreißig Jahre zuvor die großen Dichter dahingerafft habe, das hätte ihnen ein schäbiges Leben erspart“ (5). Vor einer anderen Lesung kündigte er seinen Freitod auf der Bühne mittels Absinth-Verzehr an, trat einzig mit einer Metzgerschürze bzw. einem Suspensorium (die Quellenlage schwankt) bekleidet an, betrank sich, vermied jedoch den finalen Abgang und behielt die Tageskasse.

Neben den Maintenant-Texten bietet der Werkband ein sehr kurzes Fragment (betitelt Elefantenmattigkeit) als einzigen zusätzlichen literarischen Text, eine schöne Reihe historischer Fotos und Abbildungen, vehemente Briefe an Familie, Förderer und Frauen sowie im Nachwort ein Portrait, das maßgeblich für den Cravan-Anekdotenschatz im deutschsprachigen Raum verantwortlich sein dürfte, der in anderen Sprachräumen teilweise abweicht.

Arthur Cravan – König der verkrachten Existenzen (aus dem Französischen von Pierre Gallissaires und Hanna Mittelstädt, mit einem Vorwort von André Breton und einem Nachwort von Bastiaan van der Velden, Edition Nautilus, Hamburg 2015
Hardcover, 192 Seiten, 22 Euro

(1) Cravan soll laut seiner Ehefrau Mina Loy nahe der mexikanischen Hafenstadt Salina Cruz über den Horizont gesegelt und nie wieder gesehen worden sein. Versionen über sein Verschwinden bzw. seinen Tod bzw. sein Fortleben (z.B. als B. Traven) existieren im Dutzend. Von den mexikanischen Behörden wurde Cravan 1920 offiziell für tot erklärt.
(2) Die Maintenant-Ausgaben Nr. 3 und 4 sind im Netz als Einzelseiten-Scans des Originals verfügbar.
(3) Zum Beispiel erreichten wir in Sachen Sport beide Weltniveau: Cravan wurde kampflos französischer Boxmeister im Schwergewicht (oder Halbschwergewicht, die Quellenlage schwankt) und verlor einen Schaukampf gegen den ebenso illustren Ex-Weltmeister Jack Johnson durch K.o.; ich war in jungen Jahren (und bin es womöglich heute noch) Weltrekordhalter im 1000-mal 400 Meter-Staffellauf, einer selten ausgetragenen Disziplin.
(4) Im Nachwort von Bastiaan van der Velden zitiert nach Hans Friedrich Gadow: Through southern Mexico, London 1908
(5) Im Nachwort von Bastiaan van der Velden zitiert nach dem Periodikum Gil Blas, Paris 1913

fugitive beauty

fugitive beauty
Das neue und soeben erschienene Magazin des amerikanischen Künstlers Lee Baumgarten beschäftigt sich mit den Themen Diaspora, Migration und flüchtige Schönheit. Die internationale Kompilation versammelt Künstler aus neun Nationen. Eine meiner guatemaltekischen Fotoarbeiten plus Begleittext findet sich auf Seite 21.

Das Magazin im elektronischen FlipBook-Format kann wie eine Website abgerufen werden.

Mit Beiträgen von: Ráed Al-Rawi (Irak), Nico Amortegui (Kolumbien), Case Baumgarten (USA), Vlado Franjević (Kroatien/Liechtenstein), Stan Lafleur (Deutschland), Phillip Larrimore (USA), Pedro Lobo (Portugal), Steven Lyons (USA), Kenny Nguyen (Vietnam), Tina Roozbehi (Iran), Hanna Tadrous Girgis (Ägypten) und Denise Torrance (USA).

… immer steigend, kommt Ihr auf die Höhen

bergpässe

In der 266. Ausgabe der Zeitschrift die horen beschäftigen sich, herausgegeben von Andreas Erb und Christof Hamann, Kulturwissenschaftler, Essayisten, Lyriker und Prosaisten mit alpinen Verbindungswegen.

„Hochgelegene Regionen verbinden wir heute oftmals mit den Namen herausragender Berge, dem Matterhorn, dem Kilimandscharo, dem Mount Everest. Wurden die Gipfel lange Zeit als Orte des Zwiegesprächs zwischen Göttern und Menschen angesehen, so schufen die Pässe hingegen vielfältige Verbindungen zwischen den Menschen selbst.
Handelswege, Schmugglerwege, Kriegswege, Pilgerwege: Pässe bilden Einbuchtungen in den ansonsten nur schwer zu überquerenden Gebirgsriegeln. Sie sind Orte eines vielfältigen Verkehrs von Menschen, Tieren, Dingen, von Erlaubtem und Verbotenem, auch Möglichkeitsräume, an denen zukünftige Ereignisse zum Greifen nahe scheinen. Pässe stiften daher auch Ideen und Fantasien.“ (Aus dem Verlagsinfo.)

Von mir ist ein Text über die literarisch und filmisch häufig stark verfremdete Via Mala enthalten.

Weitere AutorInnen sind u.a.: Marcel Beyer, Iso Camartin, Oswald Egger, Péter Farkas, Joachim Geil, Franziska Gerstenberg, Guy Helminger, Silvio Huonder, Birgit Kempker, Birgit Kreipe, Tim Krohn, Volker Kutscher, Klaus Merz, Klaus Modick, Karl-Heinz Ott, Angelika Overath, Annette Pehnt, Marion Poschmann, Norbert Scheuer, Sabine Scho, Tom Schulz, Ulf Stolterfoth, Antje Rávic Strubel, Alain Claude Sulzer, Leo Tuor, Theresia Walser, Peter Wawerzinek und Miek Zwamborn.

… immer steigend, kommt Ihr auf die Höhen. Bergübergänge, herausgegeben von Andreas Erb und Christof Hamann in der Reihe: die horen. Zeitschrift für Literatur, Kunst und Kritik; Band 266, 62. Jahrgang, Wallstein Verlag, Göttingen 2017
240 Seiten, zum Teil farbige Abbildungen, Broschur, 14 Euro, ISBN: 978-3-8353-3038-2

Nachtrag, 26.07.2017
„Die gesammelten Grenzerfahrungen zeugen schon durch das auf den Schweizer St. Gotthard bezogene Motto aus Schillers Wilhelm Tell („… immer steigend, kommt Ihr auf die Höhen“) weniger von lebensgefährlichen Risikounternehmungen als von erhebenden, manchmal spirituellen Passagen zwischen dem Bekannten und dem Unbekannten – um Abenteuer der Wahrnehmung“, heißt es in einer ersten Rezension von Gregor Dotzauer für den Tagesspiegel unter dem Titel Im Meer der Berge.

(Ich als) Teil eines Gedichts von Clemens Schittko

(…)
Jürgen Born und Butch Olderman sind jetzt Freunde.
Kassandra Lewicka hat ihren eigenen Status kommentiert:
„Bleiben die Toten das? Immer?…“
Steve C. Ellard gefällt Ulrich Specks Link.
Steve C. Ellard gefällt World Jewish Congress Foto.
Stan Lafleur gefällt Literaturatelier Köln.
Hellmuth Opitz hat Anton G. Leitners Status kommentiert:
„Diese Dame mit Spottversen zu…“
Jürgen Born hat taz. die tageszeitungs Link kommentiert:
„BRAVO“““!!!“
Jürgen Born gefällt taz. die tageszeitungs Link.
Kassandra Lewicka gefällt IWM – Institut für die Wissenschaften vom Menschens Link.
(…)

Oben ein Ausschnitt des erst jetzt von mir entdeckten Gedichts NSA-Stück vom 04.10.2013 von Clemens Schittko, das hier in voller Länge verfügbar ist. Der Text simuliert die Überwachung der Facebook-Klientel durch die Firma und Geheimdienste als arrangierte Mitschrift und verweist dadurch auf Manipulationsmöglichkeiten wie auch auf die Banalität der Kommunikation von Literaten in sozialen Netzwerken.

Das Gedicht erinnerte mich sogleich an Äußerungen des Filosofen Byung-Chul Han in einem Interview mit der ZEIT aus dem Jahr 2014, in dem Han das Glatte und Gefällige an den neuen Medien und in den zeitgenössischen Künsten als deren maßgebliche Eigenschaften betrachtet und den Begriff des digitalen Feudalismus einbringt: „(…) von der Struktur unterscheidet sich diese Gesellschaft nicht vom Feudalismus des Mittelalters. Wir befinden uns in einer Leibeigenschaft. Die digitalen Feudalherren wie Facebook geben uns Land, sagen: Beackert es, ihr bekommt es kostenlos. Und wir beackern es wie verrückt, dieses Land. Am Ende kommen die Lehnsherren und holen die Ernte. Das ist eine Ausbeutung der Kommunikation. Wir kommunizieren miteinander, und wir fühlen uns dabei frei. Die Lehnsherren schlagen Kapital aus dieser Kommunikation. Und Geheimdienste überwachen sie. Dieses System ist extrem effizient. Es gibt keinen Protest dagegen, weil wir in einem System leben, das die Freiheit ausbeutet.“

MINI WELT

mini welt_cover_warmMein neuer Auswahlband, herausgegeben von Michael Serrer und Adrian Kasnitz, beinhaltet 28 Gedichte über die Möwe im Zeitalter ihrer technischen Reproduzier- und neoliberal geprägten Anpreisbarkeit, über heimatlichen Umgebungswandel und den Stand der Fortschritte zur Aufhebung der Klassengesellschaft. Geschrieben habe ich sie am Rhein, am Bosporus, auf meinem Mauenheimer Balkon und im Fernbus während langwieriger Polizeikontrollen an den innereuropäischen Grenzen. Die Bora, einer der stärksten Winde der Welt, half mit scharfböig vorgetragener, rüttelnder und jaulender Kritik beim Textschliff, als ich bei Zvona i Nari in Ližnjan als Artist in Residence zu Gast sein durfte.

Den Schwerpunkt des Bandes bildet das Eingangskapitel Möwen von Jetzt. Das Wesen des Vogels, eines der beliebtesten Motive der Dichtung, befindet sich im Wandel. Bereits vor 280 Jahren hatte der französische Ingenieur Jacques de Vaucanson eine hochkomplexe automatische Ente gebaut, die trinken, essen, mit den Flügeln flattern, schnattern, paddeln und sogar verdauen konnte, ein mechanisches Wunderwerk, das seinen Schöpfer berühmt machte. Diesem flugunfähigen canard digérateur folgten diverse Ornithopter: mechanische Vögel mit Schlagapparat und/oder Gleitfähigkeiten, angetrieben von Pressluft, Kohlensäure oder Revolverpatronen. Einen solchen künstlichen Vogel sah ich erstmals 2012 in Istanbul den Galataturm im Flug umrunden. Angetrieben von einem Gummimotor hielt er sich gute zehn Sekunden in der Luft und vollführte erstaunliche Kapriolen. Wo er flog, flogen auch biologische Spatzen, Tauben und Möwen. Die Bausätze, die es um sehr kleines Geld zu erstehen gab, hatten aus Fernost an diesen historisch belasteten Ort der Aeronautik gefunden. Bereits ein Jahr zuvor hatte der schwäbische Automatisierungsbetrieb Festo den SmartBird entwickelt, einen bionisch-elektronischen, der Silbermöwe nachempfundenen Vogel, und für sich in Anspruch genommen, den Vogelflug technisch entschlüsselt zu haben. Ungefähr zur gleichen Zeit lernte ich in einem Workshop bei Hannes Hoelzl wie handelsübliche Alarmanlagen zu Singvögeln umgelötet werden können – seither ist mein Gehör für artifizielle Vögel im öffentlichen Raum sensibilisiert: die Eroberung unserer Umwelt durch künstliche Vögel, die in der Dichtung bisher nicht sonderlich auffällig wurden, hat bereits vor einem Vierteljahrtausend begonnen.

Die übrigen Kapitel handeln von Umgebungen, die der neue Supervogel mit seinen Kameraaugen aufnehmen und für un/bestimmte Zwecke abspeichern könnte: Zeugnisse sich ausbeulender Zeit- und Gesellschaftsmatrix, des Alles und Nichts – häufig aus in der Lyrik eher unterrepräsentierten Perspektiven auf den kleinbürgerlichen, proletarischen und randständigen Alltag.

Der Titel des Bandes, MINI WELT, sollte ursprünglich barockes Ausmaß erreichen, Inhalte, Entstehungsbedingungen und Förderer in einem über mehrere Zeilen mäandernden Satz inklusive Kommata und Punkt berücksichtigen, um aktuelle Produktionsvorgaben hiesiger Dichtung mit einer gefilterten Rückspiegelsicht auf feudale Bedingungen zu überblenden. Die Corporate Design-Vorgabe der Reihe ließ das nicht zu. Nun also MINI WELT – zum Minipreis von 5 Euro. Das sind knapp 18 Cent pro Gedicht, ein unverschämt günstiger Preis, der dadurch zustande kommen konnte, daß die Nyland-Stiftung Druck und Lektorat der Reihe subventioniert.

MINI WELT, Lyrik-Edition Rheinland, Edition Virgines, Düsseldorf 2017
32 Seiten, 14,5 x 21 cm, Taschenbuch, 5 Euro, ISBN: 978-3944011660

Ixcanul

Guatemala ist im Zeitalter der Globalisierung für die meisten Europäer Terra incognita geblieben. Das gilt sowohl für das Land selbst, als auch für seine Literatur. Die Youtube-Recherche führt zu den üblichen Amateurvideos von Reisenden, kurzen touristischen Werbefilmen und einigen Dokumentationen über Elend und Gewalt. Letztere dominiert den Alltag als nationales Thema: in den Straßen gespiegelt auf Wandbildern, in Graffiti, auf Suchplakaten nach Verschwundenen und täglich neu formuliert in den Mantras der Schlagzeilen. Spielfilme aus Guatemala – oder solche, die das Land zum Gegenstand wählen – sind indes rar bzw. in Europa kaum verfügbar.

Den größten Bekanntheitsgrad dürften zwei Produktionen aus den Achtzigern erreicht haben. Zum einen El Norte (USA/GB 1983), ein Flüchtlingsdrama von Gregory Nava, das das traurige Schicksal eines jugendlichen Maya-Geschwisterpaars auf seinem Weg aus dem vom Bürgerkrieg gebeutelten Guatemala ins gelobte Kalifornien beschreibt. Zum anderen The Evil That Men Do (MEX/USA/GB 1984), ein typischer Selbstjustiz-Action Thriller mit Charles Bronson in der Rolle des Rächers. Das Star-Vehikel spielt allerdings nur laut Drehbuch in Guatemala, aufgenommen wurde es in Mexiko.

„Sie wollen’s nicht tun!“ Gleich werden die Schweine mit Rum gedopt

Mit Ixcanul Volcano von Jayro Bustamante (GUA/FRA 2015) hat erstmals ein guatemaltekischer Streifen interkontinentale Aufmerksamkeit erzielt. Das Drama zeigt Ausschnitte aus dem Leben einer abgeschieden am Vulkanhang lebenden Kleinbauernfamilie. Formal schlicht erzählt, verquickt der Film eine ganze Reihe Aspekte des armseligen Kaffeepflückerlebens zu einem kompakten, komplexen Ganzen. So ließe sich Ixcanul Volcano wahlweise als Frauenfilm, Adoleszenz- bzw. Gesellschaftsdrama oder als Dokumentation über das heutige Leben ländlicher Mayas betrachten. Entwickelt wurde er nach einer wahren Begebenheit, wie es heißt, von Regisseur Bustamante und den Akteuren in Teamarbeit – für die Laienschauspieler (herausragend María Telón und María Mercedes Coroy als Mutter und Tochter) war es der erste Spielfilm.

Maya-Zeremonie am Vulkanhang mit Dank an die Geister

Mutter Juana und Tochter María zerren vor der intensiven Landschaft des Pacaya, einem der aktivsten Vulkane der Welt, ein Schwein in den Koben und füllen das Tier mit reichlich Hochprozentigem ab, um es zur Paarung zu stimulieren, bevor es für ein Gastmahl zur Hochzeitsanbahnung geschlachtet wird. Die Familie, Vater, Mutter, Tochter, lebt in einer Bretterhütte von wenig mehr als nichts. Hinter dem mächtigen Vulkan, Lebensraum und scheinbar unüberwindliches Hindernis zugleich, liegt das Unbekannte. María soll mit dem verwitweten Vorarbeiter der Kaffeepflücker verheiratet werden, doch die junge Frau interessiert sich stärker für den gleichaltrigen Hilfsarbeiter Pepe, einen Heiopei, der sie im Gesträuch bedrängt und davon spricht, in das Land hinterm Vulkan, wo es Strom und fließend Wasser gibt und jeder englisch spricht, abzuhauen. Beim Abtritt hinter der Schnapsbude läßt María sich von Pepe entjungfern und wird umgehend schwanger. Der werdende Vater verdrückt sich zügig Richtung Mexiko und USA. Der Ehemann in spe hatte sich seine Braut weniger schwanger vorgestellt, die Abtreibung mit Maya-Hausmitteln schlägt fehl. Ohne das feste Einkommen des Bräutigams steht die Familie nun vor dem Abgrund, zumal die Felder mit einerseits heiligen, andererseits todbringenden Schlangen verseucht sind. Beim Versuch der Schlangenaustreibung (Schwangeren können die Tiere nichts anhaben, erinnert sich Juana an eine alte Maya-Weisheit) wird María prompt gebissen. Das Krankenhaus in der Stadt rettet ihr Leben, doch verliert sie ihr Kind. Den Leichnam zu sehen wird María verweigert. Als sie den Sarg öffnet, enthält er nur Steine. Das Kind wurde geraubt und verkauft. Damit ist das Problem für den Bräutigam aus der Welt. So blickt María schließlich doch in eine Zukunft hinter dem Vorhang des Brautschleiers.

Mutter und Tochter im Temazcal, dem medizinischen Schwitzbad

Vordergründig zu faszinieren vermögen an Ixcanul, was soviel wie „die nach außen drängende Kraft im Inneren des Berges“ bedeutet, Marías duldendes, die Kamera bezwingendes Gesicht, das Schönheit und Elend vereinende Chiaroscuro einer selten gezeigten Welt, befördert von der Tonspur, die statt auf musikalische Unterlegung auf knappe Dialoge und die Akustik der Schauplätze vertraut. Fernblick und Armutsexotik wecken beim europäischen Zuschauer Gefühle aus dem Sumpf seiner romantischen Vorbildung. Wie wunderbar stoisch die kleine Frau ihr Schicksal erträgt! Kein Wunder fallen da insbesondere die bürgerlichen Kritiken schwärmerisch aus.

María Mercedes Coroy als María

Über ihre tragische Handlungsabfolge hinaus weist die Geschichte auf das In-sich-Gefangensein einer als abgeschieden dargestellten Kultur, die tatsächlich die Hälfte der guatemaltekischen Bevölkerung stellt, von der herrschenden Klasse der Ladinos jedoch vernachlässigt, bestaunt und mißachtet, wenn nicht mißbraucht wird. María wirkt in diesem Kontext zuweilen wie der titelgebende Vulkan: magisch schön, sich selbst nicht verstehend, im Inneren brodelnd, letztlich unbesiegbar. Dieweil die Dialoge auf Kaqchikel, einer der 22 in Guatemala vorkommenden Maya-Sprachen, abgehalten werden, dienen sämtliche Tier- und Naturszenen des Films, darüberhinaus auch Orte wie das Schwitzbad oder ausgestellte Emotionen als Symbole der traditionellen Maya-Weltanschauung mit feststehenden Bedeutungen. Auf diese Weise verknüpft sich die Bildsprache zum spirituellen Grundmuster, welches die Erzählung neben einer dramatischen, ethno- und soziografischen auch zu einer religiösen macht.
In der indigenen Community wurde der Film teilweise kritisch aufgenommen: zu sehr bediene er sich des Ladino-Blickwinkels und reflektiere nicht unbedingt Wirklichkeit und Weltanschauung der Mayavölker.

Ixcanul Volcano ist bei uns als Ixcanul – Träume am Fuße des Vulkans auf DVD mit deutschen Untertiteln erhältlich und ab 12 Jahren freigegeben. Kostenpunkt: ca. 20 Euro.

Heimat

heimat_reclam 2017„Heimat – was ist das eigentlich? Die Orte der Kindheit, die Sprache, die man spricht, kulturelle Besonderheiten der Region, aus der man kommt – oder nur eine Projektionsfläche für (meist) melancholische Gefühle? Auf jeden Fall ist Heimat etwas sehr Individuelles. (…) Anton G. Leitner, Lyriker, Herausgeber der Zeitschrift »Das Gedicht« und wirkungsmächtigster Propagator der Lyrik hierzulande, hat aus der Fülle neuer und neuester Gedichte seine Best-of-Auswahl getroffen, die er mit »klassischer« Lyrik von Goethe, Ringelnatz, Tucholsky und vielen anderen in eine spannende Beziehung bringt.“ (Aus dem Verlagsinfo)

Von mir ist die Jägerzaunsonate dabei. Hier geht’s zur kompletten AutorInnenliste plus Bestellmöglichkeit ab Verlag.

Heimat. Gedichte, Hrsg.: Anton G. Leitner, Reclam, Stuttgart 2017
96 Seiten, Gebunden, Format: 9,6 x 15,2 cm, 10 Euro, ISBN: 978-3-15-011099-7

Tag an der Küste

promenade

die ganze Wahrheit über das Meer würde ich nie ertragen
geheimnisvolle Fischkreise im Gezeitenbereich gezeichnet
von Kameras die Ausschnitte meines Lebens parafrasieren

zwischen den Hotelblöcken überwintert die kleine Kapelle
Unserer Lieben Dame der Zementsäcke in Ochsenblut
früher kannte ich Kinder die waren in Gebeten eingesperrt

gegenüber windverwehten Horizonten und unter Einfluss
der Shopping-Musik setze ich mich neu zusammen wie
ein kubistisches Programm mit gedämpftem Grundimpuls

in tausenden Hotelfenstern spiegelt sich die Endlosigkeit
ich sehe nicht die Möwen sondern die möglichen Möwen
in Acryl lauernde Smartbirds auf Imbisswagenrückwänden