Street Art in Oaxaca de Juárez

runen

Menetekel

Pixaçãos stammen ursprünglich aus São Paulo. Die runenartigen, oft mannshohen Schriftzüge lehnen sich an Heavy Metal-Typografie an. Als Signets lokaler Gangkultur werden sie häufig unter lebensgefährlichen Umständen auf Hochhäusern angebracht. Anders dieses Graffito im Pixação-Stil in Oaxaca de Juárez. Es findet sich in der touristisch frequentierten Fußgängerzone nahe des Santo Domingo-Ensembles. Das Werk überzieht eine komplette Hausfront und macht einen legalen Eindruck. Dafür spricht sowohl die exakte Abdeckung der Wand, als auch die präzise Ausführung der Lettern. Eher illegal wirken Relikte zweier weiterer Street Art-Styles: Scherenschnitte sah ich überall im Süden Mexikos als populäres (offizielles) Ausdrucksmittel, mit Schraffuren arbeitende, als Druckwerke angekleisterte Schwarzweißformate hingegen nur in Oaxaca.

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Mit Teppichen verhängtes ASARO-Werk auf der Außenwand eines Webereiprodukte-Ladens

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Festzug der Landarbeiter ins Gefängnis

Sie gehen zurück auf die Versammlung der Revolutionären Künstler von Oaxaca, kurz ASARO (Asamblea de Artistas Revolucionarios de Oaxaca), ein Künstlerkollektiv, das sich vor elf Jahren gründete. ASARO-Werke sind seither unübersehbares Merkmal des Gesichts der Innenstadt. Sie beschäftigen sich mit sozialen und politischen Themen, häufig mit dem Landleben in der Sierra Madre und indianischer Kultur. Ihre Positionierung im Zentrum zielt auf Touristen ab, die Altstadt von Oaxaca zählt zum UNESCO-Weltkulturerbe. Die in den Straßen plakatierten Werke, Holzschnitte, deren stilistische Einheitlichkeit bzw. Nähe die Zuschreibung zu ASARO auch ohne Signatur ermöglicht, zielen bewusst auf Kurzlebigkeit. Auf diese Weise wechseln die im öffentlichen Raum gezeigten Motive ständig. In Werkstattläden stehen die Drucke auch zum Verkauf.

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Der Tod ist ein Radfahrer und Passanten tragen stets Sorge, ihre Kleidung mit der Umgebung abzustimmen

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Madre Tierra-Motiv aus der indianischen Weltanschauung

Oaxacenisches Rapunzel

Rascher Verfall ist ein Generalmerkmal von Street Art. Rätselhaft bleibt die Aussage dieses Werks in einem der Barrios auf den Hügeln. Zopfquirl und Unterarme des Mädchens scheinen sich in Pflanzen oder Wellen zu verwandeln oder sie herzustellen. Ist der käsige kleine Bienenmann (bzw. Stauneengel) Teil des Werks oder durch Zufall vom Wetter freigelegt worden? Liegt dem Wandgemälde ein lokaler oder regionaler Mythos zugrunde? Oder soll lediglich einmal mehr Bretons Diktum von Mexiko als dem Land des Surrealismus bildhaften Ausdruck gefunden haben?

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Oaxaca de Juárez: Mezcal, Gedichte und der Tod

Agavenfarben

An einem bodenständig-raffinierten Mezcal wie dem Papalométl aus der Schmetterlingsagave, der in irdenen Töpfen destilliert und in rindsledernen Schläuchen aufbewahrt überaus eigentümliche Aromen schlammig-scharfkantiger Bergwelten entwickelt, schärft sich auch das Verständnis für die agavenartigen Rhythmen der Stadt. Da ist z.B. dieser ausgemergelte, halbnackte, verfilzte Kerl, der in der Rush Hour stieren Blicks auf der überlasteten Kreuzung hin- und herstolpert und, als praktiziere er zeitgleich Tai-Chi, verhaltene Armbewegungen ausführt. Zunächst hielt ich ihn für betrunken oder verrückt. Doch nun verstehe ich, dass er lediglich versucht, mithilfe von Agavenkraft und Telepathie die Richtungen der Straßen zu vermehren und zu verschieben, um einen reibungslosen Verkehrsablauf zu gewährleisten. Eine hehre und gefährliche Tätigkeit um Gotteslohn. Und ich, als Reisender, werde es sein, der grandiose Einfälle wie den seinen in Gedichte rettet, allein schon, weil es sonst niemand tut.

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Richtungssuche

Die Gottheit der Mezcal-Liebhaber besteht aus 400 Kaninchen. Auf Náhuatl heißen sie Centzontotochtin. Ich stelle mir ein flauschiges, wuseliges, desorientiertes Gedränge vor, eine chaotische, diffundierende Götterherde, die aber nie wirklich auseinander fällt. Darunter befindet sich mit Tlaltecayohua ein Gottkaninchen, dessen Name „Fallende Erde“ bedeutet. Acolhua ist „Der mit den Schultern“, Papáztac („Der Entnervte“) zugleich Gott des Schaumes, Tlilhua („Der schwarze Tinte hat“) vermutlich der Dichter, der das Durcheinander in Worte fasst.

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Prominenz in der Seitenstraße: Neymar Junior und Frida Kahlo

Eine saubere, aufgeräumte Stadt mit europäischen Anmutungen. Besonders auffällig: die guten Bürgersteige. Ein wenig verströmt Oaxaca die Gesetztheit und zur Folklore erhobene Langeweile meiner Karlsruher Heimat. Auf den Straßen ist ab und an Deutsch zu hören. Selbst die einfachen Leute wirken gebildet, was wiederum an Freiburg erinnert, wo beinahe jeder Hilfsarbeiter Belehrungen und Erklärungen in Schachtelsätzen abzuhalten vermag. Übers gesamte Zentrum verteilt: die Universität mit geisteswissenschaftlichen Schwerpunkten. Ausgerechnet die erste Bar, die meine Aufmerksamkeit erregt, La nueva Babel, stellt sich als Literatentreff heraus. Sie bietet Dunkelbier, Mezcal und Quesadillas mit Kürbisblüten. Abends findet ein Palomazo (mexikanische Variante der Open Mikes) statt. Im Hinterzimmer, in internationaler epikureischer Runde, bedrängt mich eine junge mexikanische Frau, Bertolt Brecht (sie spricht den Namen maschinell aus, als würde sie eine Orange entsaften), der ihr absoluter Lieblingsdichter sei, den sie aber nur auf Spanisch kenne, im Original zu rezitieren. So erreicht Joseph alias Jakob Apfelböck im Jahre 2017 die Sierra Madre.

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„Willst du Wurmsalz?“ „Ist dein Salz für oder gegen Würmer?“ „Es ist eine Mischung aus Salz und zerstoßenen Würmern. Schau wie schön rot! Das geht hervorragend zum Mezcal!“

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Blick in den Himmel

Möglich, dass ich das alles halluziniere, dass ich meinen handschriftlichen Aufzeichnungen besser nicht trauen sollte: da steht, ich hätte mitten im Zentrum Oaxacas eine Dogge gesehen, unter deren Bauch die meisten Mexikaner, so sie keinen Sombrero trügen, was selten genug vorkommt, aufrecht hindurchgehen könnten und dies auch täten, in einer Art Reigen, Achten um die Dogge beschreibend, das Unendlichkeitssymbol, das, zum Moebiusband geflochten und meditativ verfolgt, einen Ausstieg aus dem Alltag offeriert, wie es heiße: dies nachdem ich halb im Himmel auf einer von Achten beschreibenden Kellnern stark frequentierten Terrasse wegen (von einigen Kollegen gefeierten!) Magenbeschwerden Kräuterschäume verspeist hatte und Kräutergelees und Blüten, die teils mit dem Attribut „heilig“ beschrieben waren.

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Heilige Blätter

Im Bundesstaat Oaxaca sind hongos („Zauberpilze“ mit dem psychotropen Inhaltsstoff Psilocybin) deutlich präsent. In Huautla de Jiménez wurden sie 1955 von Gordon Wasson, einem amerikanischen Ethnomykologen, im Rahmen einer Session bei der mazatekischen Schamanin María Sabina für die westliche Welt entdeckt und in der Folge klassifiziert; den indigenen Bewohnern waren sie seit jeher bekannt. Das nebelverhangene Dorf San José del Pacífico in den Höhen der Sierra Madre del Sur, in der Gegend des Wolkenvolks, der Zapoteken, bietet seit geraumer Zeit einen speziellen Pilztourismus an, kombiniert mit Besuchen im temazcal (Schwitzbad). Die Einnahme der Pilze wird als viaje (Reise) beschrieben, von der, wie ich in der Hauptstadt Oaxaca de Juárez zu hören bekomme, viele Touristen nicht zurückkehrten. Entweder würden sie verrückt oder liefen tagtäglich ohne Sinn und Zweck die Berghänge auf und ab. Als Kulturbotschafter Nordrhein-Westfalens gilt es bei dieser Gelegenheit die von vielen Autoren und Künstlern genutzte europäische Kulturtechnik zu erläutern, ohne erkennbaren Zweck durch etwelche Gegenden zu flanieren(1), sowie von der Existenz in ihrer Wirkung vergleichbarer Gewächse auf unseren heimatlichen Golfplätzen zu berichten. Insbesondere deren Name, Spitzkegelige Kahlköpfe, sorgt für große Erheiterung unter der oaxacenischen Zuhörerschaft und endet in zungenbrecherischen Ausspracheversuchen.

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Drei Frauen

Mexiko, Land des Todes: für mich als Ortsfremden liegt es stets im Bereich des Möglichen, dass ich, insbesondere des Nachts, in einem unachtsamen Augenblick in einem der urbanen Löcher verschwinden könnte. Nur wenige der Löcher senden gelegentlich Warnsignale. Wird etwa die Kanalisation von Starkregen gespült, entsteht unter der Erde ein solcher Druck, dass Wasserfontänen an die Oberfläche drängen. Ein paar solcher Fontänen habe ich mit eigenen Augen gesehen. Es soll in Chiapas eine in einem mehrere Meter tiefen Straßenloch verschwundene Frau sogar von einer heftigen Fontäne an die Oberfläche zurückgespült worden sein. Sekundenlang soll sie hilflos auf dem Gipfel der Fontäne gehangen haben, bis Passanten sie retteten.
Heute bin ich mit einer Todesart konfrontiert worden, die in meiner Vorstellungswelt bisher keinen Platz einnahm: um ein Haar wäre ich in der Nähe des Zentralmarkts zwischen einer Hauswand und einem LKW zerquetscht worden. Meine Seele hatte ich bereits einer unnatürlich verbreiterten Silhouette entfliehen sehen. Denn dank einer hiesigen Malaise leide ich aktuell unter erhöhter Wahrnehmung. So gelang rechtzeitig der wohl schnellste Rückwärtssprint meines Lebens. Auch die kleine Frau direkt hinter mir profitierte davon, denn um dem Tode zu entrinnen, musste ich zunächst sie aus dem Gefahrenwinkel schubsen. Gerettet und der Sprache für den Moment unfähig, schauten wir uns an und machten dabei Gesten des Luftherauslassens, ohne das Procedere zu übertreiben, denn der Tod (die mexikanische Spezies(2)) lauerte vermutlich schon an der nächsten Ecke auf weniger aufmerksame Opfer. Kurz darauf fielen mir die in Originalgröße an Hauswänden angebrachten Druckwerke menschlicher Silhouetten wieder ein, deren Sinn mir bis dato verborgen geblieben war.

(1) Gemeint ist la dérive, das psychogeografische Konzept der Situationisten einer ziellos-traumwandlerischen Umgebenserkundung, die sich von subjektiven Empfindungen leiten lässt.
(2) Der Chauffeur des Lasters, erzählten mir Passanten mit Einblick ins Führerhaus, habe einen wütenden Eindruck gemacht. Er hatte ein Mobiltelefon am Ohr und den Wortfetzen zufolge, die durchs offene Seitenfenster zu verstehen gewesen seien, befand er sich in einem Streitgespräch mit einer Frau namens Catrina.

Ohne Poesie gibt es keine Stadt

Die Acción Poética ist ein literarisches und künstlerisches Fänomen mit Ursprung in Mexiko. In beinahe allen mexikanischen Städten und Dörfern, die ich besuchte, fand ich Interventionen, die das Label nutzten.(1) Dabei handelt es sich um meist in Großbuchstaben angepinselte Gedicht- oder Liedfragmente auf Flächen des öffentlichen Raums, häufig von anonymer Hand und stets mit Acción Poética, gelegentlich auch zusätzlich mit einer Lokalkennung signiert. Die Interventionen besitzen eine gewisse, leicht erkennbare Einheitlichkeit. Angestrebt sind schwarze Lettern auf weißem Grund, um an die Buchherkunft der Verse zu erinnern, und eine Ästhetik guter Leserlichkeit. Religiöse und politische Themen werden zugunsten eines eher romantischen Tonfalls vermieden, die Texte gehen in der Regel nicht über zehn Wörter bzw. fünf Zeilen hinaus. Die malerische Ästhetik der Lettern ist eine eigene Betrachtung wert. Letztlich entwickelt die Bewegung auf den Straßen eine spezielle Anthologieform zerstreuender Versbotschaften, ein poetisches Subraumnetz voller Tages- und Nachtmantras für Passanten.

Mondgebadete Straßen: Zeile aus dem Lied „Luna de Xelajú“ von Paco Pérez. Quetzaltenango, meist kurz Xela genannt, gilt als Stadt des Mondes.


Begründet wurde die Acción Poética im Jahr 1996 vom mexikanischen Dichter Armando Alanís Pulido in Monterrey, als er eigene Texte in der Stadt anpinselte. Seine Aktionen brachten ihm den Beinamen El bardo de las bardas (Der Zaunbarde) ein. Von ihm stammt auch eines der bekanntesten Textmotive: „Sin poesía no hay ciudad“ (Ohne Poesie gibt es keine Stadt). Die Idee verbreitete sich, zunächst in Mexiko, heute gibt es in allen lateinamerikanischen Ländern Ableger der Bewegung, die eine weltweite Reichweite seit Bestehen der sozialen Netzwerke entwickelt hat: die verschiedenen Facebookseiten werden millionenfach abonniert. Insbesondere die neueren grafischen Oberflächen bei Facebook erlauben eine Fortsetzung des Formats ins Elektronische. Zahlreiche selbst organisierte Gruppen sorgen für die Verbreitung von Idee und Texten.
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Der Tod ist die Kaution für dieses Gefängnis aus Fleisch und Blut: Schulwand in Puerto Àngel


In ihrer oft harmlosen, bisweilen aber auch tiefgreifenden Aforistik, sowie in ihrer äußeren Form erinnern die verwendeten Verse und Fragmente an hiesige Spruchpostkarten. An Wänden des öffentlichen Raums angebracht, können sie sich unmittelbar auf ihre Umgebung beziehen, was den ausgewählten Texten eine zusätzliche Dimension zu verleihen vermag, so etwa der kopfüber an einer Parkmauer angebrachte Vers „El cielo a tus pies“ (Der Himmel zu deinen Füßen). Selten sah ich Acción Poética-Texte an exponierten Stellen, häufiger an Schulen und in eher vernachlässigten, nicht-touristischen Ecken. Anders als bei der türkischen #şiirsokakta-Bewegung spielt das Subversionsmoment bei der Acción Poética keine beherrschende Rolle. Im Vordergrund steht die Konfrontation des Publikums mit Literatur. Teils werden Texte illegal angepinselt, häufig jedoch auf Einladung. So brachte im Jahr 2015 eine offizielle Kampagne der Stadtregierung Acción Poética-Tüpfel an unzählige Orte entlang der Metro von Mexiko-Stadt.

(1) Auch in Guatemala, wo ich erstmals auf das Fänomen stieß, ließen sich mehrere Acción Poética-Versgemälde entdecken.

Puerto Àngel: Den Himmel meistern

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Irre erschließen die Wege, die später von Weisen beschritten werden: verblassende Zeilen nach Carlo Dossi an einer Fleischerei in Puerto Àngel

Der deutsche Wikipedia-Eintrag zu Arthur Cravan behauptet, der Boxerpoet sei zuletzt im November 1918 in Puerto Àngel (1) gesehen worden. Die Literatur bietet Anzeichen, dass Cravan sich tatsächlich für eine Weile in dem kleinen Fischerdorf (oder in dessen Nähe) an der Küste von Oaxaca aufgehalten haben könnte. In Puerto Àngel ist davon allerdings nichts in Erfahrung zu bringen. Zwei eher versteckte Murals unter dem Label der Acción Poética zitieren Verse des mexikanischen Rap-Literaten Danger Alto Kalibre und des italienischen Schriftstellers Carlo Dossi, eines Zeitgenossen Cravans. Keiner meiner Gesprächspartner kennt auch nur Cravans Namen. Durchaus möglich, dass Cravan unter einem weiteren Pseudonym in der Gegend unterwegs war, und keine Spuren hinterlassen wollte, denn er befand sich auf der Flucht.

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Während des Aufklarens entstehen Kolibri-Landschaften

Der Regen prasselt so laut aufs Terrassendach, dass ich meine eigenen Gedanken nicht mehr hören kann. Unterm Tisch schläft Thunfisch, der Hund meiner Gastgeber, der Knecht Ruprecht, dem Hund der Simpsons, in Aussehen und Verhalten bis aufs Haar gleicht. In Oaxaca kämen nach den ersten Starkregen der Saison zwischen drei und vier Uhr morgens die Chicatanas (geflügelte Blattschneider) hervor, die überaus schmackhafte Mahlzeiten abgeben sollen (2). Auf dem Arbeitstisch schillert eine Flasche Mezcal, über den nicht mehr zu erfahren ist, als dass „die Frauen aus den Bergen“ ihn produzierten, die alle paar Wochen oder Monate an die Küste herab kämen, um frisch destillierte Margen zu verkaufen. Der Regen ist der weltschnellste Drumcomputer. Mit überbordendem, in Worten unmöglich wiederzugebenden Getrommel rasiert er die Stromversorgung. Frösche und Unken nutzen die Strompausen, um lautstark Generatorengeräusche nachzuahmen. Am nächsten Morgen ist das ausgetrocknete Flussbett (der Fluss in Puerto Àngel trägt keinen Namen) zur Hälfte gefüllt: der Oberlauf am Hang östlich der Brücke so trocken wie zuvor, besteht der flache Unterlauf bis zur Mündung ins Meer aus reißenden schlammigen Fluten.

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Trügerisches Fischeridyll

In der Bucht werden Fische schubkarrengerecht geschlachtet, dh so, dass sie der Länge nach mit den Enden der Schubkarre abschließen und ihr Metallgrau in die unbestimmten Tiefen der Schubkarren übergeht. Haien werden umstandslos die Gebisse herausgehauen und die Rückenflossen abgetrennt. Erlegte Goldmakrelen transportieren die Traurigkeit des Mondes in die Mittagshitze. Der Fächerfisch darf sein Schwert nicht, dafür seinen Fächer behalten, Fächerfischmittelteile setzen bei jeder kleinen Brise Segel auf den Schubkarren. Viele Fischer sind breit bis an die Stirnunterkante, manche rennen halbnackt mit Schubkarren voller zerstoßenem Eis über die Straße und stolpern dabei in Schlaglöcher, wodurch antarktische Miniaturlandschaften sich über den Asfalt verteilen. Das Speiseeis heißt in Mexiko nicht nur Eis (helado), sondern auch, viel poetischer, Schnee (nieves).

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Und ewig äugt die Goldmakrele

„Die Mangos kosten 18 Pesos das Kilo, musst du abwiegen, mi vida, wer weiß wie viele du davon willst, die sind reif, die sind gut, mi vida, das da sind Pepinos, mi vida, wie Gurken, nur gelb, süß, das sind Früchte, kein Gemüse, gelbe Gurken, Süßgurken, mi vida“, sagt die Obstverkäuferin beim Obstverkaufen über das Obstverkäuferinnenleben bzw das Obst, denn mich wird sie ja wohl hoffentlich kaum mit „mi vida“ gemeint haben.

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Aus den künstlichen Farbstoffen Gelb 6, Gelb 5 und Rot 40 setzt sich die intensivste Glut pazifischer Sonnenuntergänge zusammen, eine Farbe wie sie sonst nur die Peñafiel-Mandarinenlimo aufweist.

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Mural im benachbarten Zipolite: „Vorsicht! Was du heute denkst, wird morgen wahr sein“

Unweit des Oxxo-Ladens sitzt an der Straße ein Mann mit verdreckter Jeans und löchrigem T-Shirt. Hinter ihm gähnt, gelb gestrichen, ein zur Straße offener Raum. Bis auf einen grünen Plastikhocker und eine brettgestützte Baumwurzel mit Haigebiss (zusammen ergeben sie die Skulptur: „Der Hai“) steht der Raum leer. Ob er mir sagen könne, wo im Dorf die Busse losführen? „Brauchst du ein Ticket, ich kann dir eins verkaufen“, antwortet der Mann. „Hier?“ Ich deute auf den bis auf die Hai-Skulptur leeren Raum. „Nein“, sagt der Mann und öffnet die Tür zu einem überaus düsteren Büro voller undefinierbarem Gerümpel direkt nebenan. „Brauchst nicht reinkommen“, sagt er, als er mein Misstrauen gegenüber diesem Raum wahrnimmt, „ich komm raus, hab alles hier in der Schachtel.“ Aus einer kleinen Box, ehemals eine Zigarrenschachtel, zieht er Busfahrplan, Quittungsblock und Stift. „Und das Ticket?“ „Ticket gibt’s nicht, komm einfach morgen vorbei, ich kenn‘ dich ja jetzt. Kannst gleich zahlen oder morgen, egal. Sei vor der Zeit da, der Bus fährt früher los, wenn der Fahrer Lust hat.“ „Hast du den Hai gemacht?“ „Den hab ich gemacht. Ist heiß hier, nicht viel los.“ „Machst du noch einen?“ „Mal sehen. Haigebisse gibt’s hier mehr als genug. Warum nicht? Eines Tages. Vielleicht.“

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Über den Strand rasen Schatten von Flugsauriern. Walt Whitman beschrieb sie in seiner Ode To the Man-of-War-Bird: „Thou born to match the gale, (thou art all wings,) / To cope with heaven and earth and sea and hurricane“. Außerhalb des Dorfes liegt ein kleines Palmenhütteninstitut, das eine mehrtägige Ausbildung zum Fregattvogel anbietet. Seit der letzte Hurrikan in Richtung Norden abgebogen ist, finden neben Theorie- auch wieder Flugstunden statt.

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kleine haie

Kleine Haie

Byron kennengelernt. Byron redet unentwegt (das Reden gehöre zu seinem Business). Als er von meinen Gründen für den Küstenbesuch erfährt, meint er, mir könne er erzählen, wovon er im Dorf besser schweige. Sein Vater nämlich habe den kompletten Lord Byron gelesen und geliebt und ihn entsprechend Byron getauft. Aus Neugier nach seiner Namensherkunft habe er in der Gesamtausgabe zu lesen begonnen und schätze Byrons Werk, soweit, ebenfalls. Seither frage er sich, ob die Kraft der Metafern die Naturgesetze übersteige. Im Dorf sei damit jedoch Vorsicht geboten. Man würde ihn für verrückt erklären und ausgrenzen, falls er sich oute, auf dunkle Verse eines toten englischen Dichters zu stehen. Nun dürfte es in diesem ein wenig dreckigen, zugleich malerischen Fischerdorf, so klein es auch ist, noch mindestens einen weiteren heimlichen Poesieliebhaber geben, wie mit Versen bepinselte Wände nahelegen. Dass diese von anonymer Hand angebracht wurden, bekräftigt der Rektor, an dessen winziger Schule sich eines der Graffiti befindet: obwohl im Dorf jeder jeden kenne, habe er keinerlei Ahnung, wer der Urheber sei.

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Es ist ein viel lyrischeres Dorf, als die Bewohner sich selbst gegenüber eingestehen. Im Gespräch will einer der Restaurantbesitzer an der Playa del Panteón (Friedhofsstrand) wissen, ob es spanische Übertragungen meiner Texte gäbe. Als ich ihm mexikanische Veröffentlichungen (3) nenne, erinnert er sich tatsächlich: „Du bist also der Typ mit den Blick in den Himmel-Gedichten!“ Die hätten ihm gefallen, schließlich sei er täglich mit reichlich nutzlosem Himmel konfrontiert. Um den heutigen Himmel zu feiern und zu meistern, holt er mehrere Flaschen Mezcal „von den Frauen aus den Bergen“ aus seinem Kabuff. Wann die denn wieder kämen, möchte ich wissen. Für morgen seien sie versprochen: „Aber manchmal bleiben sie dabei unsichtbar.“

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Was darf’s sonst noch sein?

(1) Stand: 25. März 2017. Die Behauptung bleibt ohne Quellenangabe. Der deutsche Artikel weicht damit ab von den englischen, französischen, italienischen, niederländischen und türkischen Versionen (Stand: November 2017), welche die letzte Sichtung in Salina Cruz lokalisieren. Diese teils mit Quellen versehenen Angaben beinhalten wiederum voneinander abweichende Behauptungen. Der spanische Eintrag verortet Cravans Verschwinden nach André Breton „irgendwo im Golf von Mexiko“, also auf der karibischen, anstatt auf der pazifischen Seite.
(2) Nach langwieriger Suche gelang es später, ein Gläschen mit Olivenöl und Chili angemachter Salsa de Chicatana (Blattschneidersoße) aufzutreiben. Chicatanas werden in Mexiko mit Gold aufgewogen. Wer probieren möchte, mag sich gerne melden.
(3) In La Jornada und punto de partida (einer bekannten Studentenzeitschrift aus der Hauptstadt, die, wie ich nun weiß, auch von Restaurantbesitzern in der Provinz gelesen wird). In Übertragungen von Daniel Bencomo und Gonzalo Vélez (jeweils im Jahr 2011, als Deutschland Gastland auf der Internationalen Buchmesse von Guadalajara war).

Salina Cruz: Was bleibt ist das Verschwinden

Ensenada de la Ventosa lautet der Name einer Bucht hinter den östlichen Hügeln der mexikanischen Hafenstadt Salina Cruz. Von La Ventosa soll Arthur Cravan vor den Augen seiner schwangeren Frau Mina Loy mit einem leck erworbenen und selbst reparierten Boot auf den Pazifik aufgebrochen und für immer am Horizont verschwunden sein. Das war vor 99 Jahren. Über meine Verknüpfung mit Cravan hatte ich bereits an dieser Stelle geschrieben.

Nachts kommt der Cadejo, um dich zu beschützen oder zu töten: Mural in Salina Cruz

Der Bus von Tuxtla Gutiérrez nach Salina Cruz windet sich durch blassgrüne Sierra Madre, zeigt Hollywoodfilme im Bordfernsehen, taucht schließlich schlafwandlerisch hin und her unter den verschwommenen Oberflächen einer viel zu heißen Nacht. Bebenzerstört wabert und schummert die Stadt Juchitán de Zaragoza bei der Durchfahrt im Dunkeln: ein trüber Schemen. Angelangt in Salina Cruz, in der Literatur da und dort als Weltende beschrieben, klappere ich eine ganze Reihe Hotels ab. Keines möchte mir Unterkunft gewähren. Aufgrund der Erdbebenschäden – mit der Raffinerie musste der größte Arbeitgeber stillgelegt werden – sei die Stadt überfüllt mit auswärtigen Hilfskräften und Experten. Aufgeweicht von einem Zehntagesfieber aus den Bergen beratschlage ich auf der Straße mit meinem Fieber-Ich, was zu tun sei. Die Stadt sirrt vor irregeleiteter Elektrizität und fremden Augenpaaren. Just in einer ausladenden Schlaufe besten Leerlaufs im Schädel erscheint aus der Mitte der Nacht zu schlagartig entspannter Zikadenmusik ein Rezeptionist, der mich zuvor abgewiesen hatte und meint, wie gut, dass er mich aufgetrieben hätte, denn er habe in den Tiefen seines Hotels doch noch ein bisher unbekanntes, leerstehendes Zimmer entdecken können. Es müffelt und besitzt keine Klimaanlage. Die Allianz aus nächtlicher Hitze und gestauter Zimmerluft besiegt schließlich in hartem Ringen das Fieber, das mir zuletzt in Tuxtla heftig in die Beine getreten hatte.

Die Bucht von La Ventosa experimentiert mit Farben vergangener Jahrzehnte

Am Morgen fahre ich mit dem Colectivo zum Strand von La Ventosa. In Mexiko herrschen Puffertage zwischen dreitägiger Staatstrauer und den Unabhängigkeitsfeiern. Düfte röstender Tortillas und getrockneter Fische verhängen das Zentrum, angereichert mit Chili- und Koriandernoten. Am Markt und am Strand gehen die Dinge ihren Gang. Den Strand beschließt eine Lagune, hinter der die Erdöl-Raffinerie des Staatskonzerns PEMEX sich ausbreitet wie eine Kulissenstadt aus dem Star Trek-Universum. In der Bucht landen Fischer Mantas an und sind zu beschäftigt, meine Grüße zu erwidern. Mehr als das: sie schauen überaus finster drein und ignorieren mich komplett. Vielleicht leben sie in einer anderen Dimension und können mich deswegen weder hören noch sehen. Ansonsten ist niemand zugegen. Außer zwei Hunden. Und mir. Ich laufe den Strand auf und ab und denke: aha, und soso, und hier also. Nach einiger Zeit gewinnt der Ort an Größe und Traurigkeit. Ein mit sich selbst fremdelndes Jahrhundert scheint sich in diesem Abseits zu verdichten, zu überlagern, in schwächlichen Brisen im Kreis zu wandern. Viel gibt es nicht von sich preis, doch lässt sich sehr leicht vorstellen, an welcher Stelle Mina Loy schwanger am Lagerfeuer gesessen haben mochte, einen Oktopus am Spieß garend, an einer Horchata nippend, die Nacht durchwachend, voll böser Ahnung, nachdem ihr Mann über den Horizont gesegelt war.

Mina Loys Lippen materialisieren sich für einen flüchtigen Moment. Sie bleiben stumm

Nach einiger Zeit suche ich, um Schatten zu genießen, die verlassene Strandbar auf. So verlassen ist sie dann doch nicht. Aus dem Off erscheint, mich anpfeifend, der Besitzer, und bringt eine kühle Kokosnuss. Hernán Cortés sei einst vorbeigekommen, das Meer käme seit 40 Jahren ständig näher (er verweist auf alte, von der Flut verschluckte Strandlinien), eine Ölpest habe es gegeben, französische Gringos, die dachten, dass sie keine Gringos seien, die Rettung eines gestrandeten Wals, die es auf Youtube gebracht habe und ein bis heute gern erinnertes Aufsehen, weil eine Italienerin gemeint habe, hier (der Mann weist auf die ungefähre Stelle) ein Nacktbad nehmen zu müssen – das sei die komplette Geschichte der Bucht, von einem Dichter sei nichts bekannt. Ob ich keine Angst habe (Beben, Tsunami), er habe keine Angst. So endet meine Pilgerfahrt nach La Ventosa in Smalltalk mit der einzig verfügbaren Person. Während ich darüber nachdenke, was das zu bedeuten habe, erscheinen Fregattvögel und Rabengeier, um die Manta-Eingeweide in Augenschein zu nehmen, exakt hinter der Brandungslinie landen vornehm 13 Pelikane. Von meiner Stirn tropft Schweiß ins Notizbuch. Der Horizont kleidet sich in Banderolen. Das pazifische Rauschen. Das pazifische Blau.

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Ungefähr zwei Drittel aller Murals in Salina Cruz thematisieren den Tod

Am Nachmittag schlendere ich zur Städtischen Bibliothek, einem der beeindruckendsten Gebäude der von Hügeln umgrenzten Stadt. Vielleicht lassen sich dort Anhaltspunkte finden, existiert im Idealfall gar ein kleines Cravan-Regal. Vor der Bibliothek wacht eine unfassbar schöne Polizistin, und meint, ich dürfe das Gebäude nicht betreten, wegen Einsturzgefahr. Damit hatte ich nicht gerechnet. Nicht mit der überirdischen Ausstrahlung einer Frau in Uniform, nicht mit einem dermaßen tief in meine Psyche dringenden Lächeln. Die Verwirrung reicht so weit, dass jeder Gedanke an das Normale, nämlich sie zu schmieren oder einen bedeutenden Besucher zu markieren (oder beides), außer Kraft gesetzt wird. Erst Stunden und Tage später, hinter den Stadtgrenzen, sprich: viel zu spät, wird ein Gewitter derartige Lösungen wieder auf meinen inneren Schirm spülen. Auf diese Weise versiegt auch meine zweite Spur (falls in der Bibliothek Spuren aufzutreiben gewesen wären): neue Fakten über Cravans Verschwinden sind vor Ort zu diesem Zeitpunkt nicht aufzutreiben. Entweder sind sie tatsächlich inexistent oder sie schützen sich mit durchschaubaren, aber effektiven Tricks vor ihrer Entdeckung.

eine bunte geschichte vom verschwinden

Im Ansatz bunte, kühne, mehrschichtige Geschichte vom Verschwinden

Weil keine dritte Spur zur Hand ist, marschiere ich durchs Stadtzentrum voller Staub und Hitze und Schutt. Straße auf, Straße ab, mit ihren handgemalten Straßenschildern. Das ganze im Karree und sobald ich damit fertig bin, beginne ich wieder von vorne. Die Menschen wirken perspektivlos-freundlich. Machistisch regieren Hitze und Staub, mit der Absicht und dem Potential, absolute Gleichgültigkeit zu erzeugen. Ich setze mich in ein Fischrestaurant und denke, soweit man das Denken nennen kann, über mögliche Unterschiede zwischen den Zuständen des Vegetierens und des Nirwanas nach. Und darüber, dass Salina Cruz der perfekte Ort sei, der eigenen Zerrüttung zuzuschauen und/oder in einer fiebrig-spinnerten Aktion verschütt zu gehen. Das Ende der Welt kurz vor deren Umkippen ins pazifische Blau, das sich aus allen bekannten und unbekannten Blautönen zusammensetzt, womöglich gleichzusetzen mit dem anderen Blau, von dem Rolf Dieter Brinkmann geschrieben hat und das von Köln aus erreichbar sein muss.

Flüsse und Tiere in Chiapas

Verschwimmende Erinnerungen: Cañón del Sumidero

Nach meinem ersten Grand Canyon, dem der Schweiz, der Ruinaulta, erreiche ich in Chiapas meinen zweiten, den Cañón del Sumidero, den „Grand Canyon Mexikos“. Ob diese Besuche ausreichen, mir eine Visite des Namenspatrons in Arizona zu ersparen, bleibt unklar, selbst als es gelingt, die Flüsse dieser beiden Canyons, Graubündens Rhein mit Chiapas‘ Río Grijalva, mental zu überblenden. Auf der einen Seite das wilde, klare, trinkbare Surselvawasser, aus dem ich vor wenigen Jahren mit bloßer Hand eine Groppe gefischt habe und dem die Schweizer Boulevardpresse Alpendelfin-Legenden zuschreibt, auf der anderen Seite das Blasen werfende, toxisch-braune Sumiderowasser, in dessen verschlammten Tiefen neben anderen unerforschten Wesen bis heute die Geister der Chiapa siedeln könnten, einer früheren Mayapopulation, die der drohenden Versklavung durch die Konquistadoren den kollektiven Sprung in die Schlucht vorgezogen haben und dabei ausgestorben sein soll. Der Wasseramsel des Vorderrheins diametral gegenüber stehen tropische Silberreiher, deren strahlend weißes Gefieder jede Waschmittelreklame beschämt. In der Ruinaulta stapfte ich in Wanderstiefeln durch Wald und Flachwasser. Durch den Sumidero rase ich mit dem Speedboat. Den Himmelskorridor zwischen den Felswänden bevölkern verirrte Pelikane, im schattenartigen Flug die Schnabellanze leicht abgesenkt wie verkaterte Turnierritter. Darüber kreisende Rabengeier in kirre machenden Formationswechseln. Fünfbeinig-fünfarmig-greifschwänzig turnende, bizarre Körperhaltungen einnehmende Affen gehen den Alpen derzeit genau so ab wie Schlammbänke voller Krokodile. Ein die gesamte Flussbreite bedeckender Müllteppich bildet das Zentrum des chiapanesischen Naturschutzgebiets. Darin stakend: Boote voller Touristen, deren Kapitäne von den Heckkanzeln die „Hohe Geschichte des Plastikmülls“ predigen, deren Spitzen jedoch der Wind stiehlt, bevor sie verstanden werden können. Mühsam häckselnde Motorschrauben befreien die Boote mit ihren Schwimmwesten tragenden Passagieren, Schwimmwesten in Signalfarben chemischer Sonnenuntergänge: die Toten, heißt es in Mexiko, würden von den Farben Gelb und Orange besonders angezogen. Dass während der Fahrt bloß niemand seine Hand ins Wasser tauchen solle, lautete eine der vorab gehörten Warnungen. Meine Sitznachbarin versorgt mich unterdessen mit frischen Jícama-Scheiben, einem Snack, dessen aztekischer Namensursprung laut Wikipedia, je nach Ländereintrag, “Wasserwurzel” oder „Schmeckendes“ bedeute.

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Tuxtlenisches Revolutionskarnickel

Der Río Sabinal durchfließt die chiapanesische Hauptstadt Tuxtla Gutiérrez. Von kleinen Straßenbrücken überquert, gesäumt von klischeeisiert-üppiger Tropenvegetation, führen Trampelpfade an den Ufern entlang in menschenleere Zonen der ansonsten durchaus geschäftigen Stadt. Müll liegt auf den Wegen, stinkender Matsch, gespickt mit wohlig-betörenden Frangipani-Blüten. Ein Leguan verwechselt sich mit einem Eichhörnchen und zischt durchs ausladende Geäst über dem schmalen Wasserlauf. Rückwände, zerfallende Mauern, Graffiti. Das abschnittsweise eingefaßte Flußbett steckt voller Müll. Verkommene Parkanlagen, von potentiellen Besuchern strikt gemieden. Je weiter ich mich entlang der Ufer von der Straße entferne, desto stärker riechen sie nach Gefahr. Undefinierbare Bäume mit vor Wollust und Überdruss platzenden Früchten, überdimensionale Insekten mit Körperstrukturen, als gälte ihr Leben einer einzigen Aufforderung zur Vivisektion. Ich erinnere mich an Zeitungsartikel: Fotos von Leichenfundorten, gefolterte Torsi am Gestade. Das Elend der Stadt, gekippt in ein Rinnsal. Die überbordende Vegetation, der fantastische Vogelsang. Jeder Baum ein Vanitas-Symbol, krank und zugleich sprießend. Wieviel Prozent mag der Blutanteil des Wassers betragen? In Chiapas, wo der Tod in direkter Nachbarschaft des Lebens wohnt, eignen die Flüsse sehr deutlich neben ihrem Kreislauf- und lebensspendenden Charakter auch jenen der Selbstzerstörung und des Todes. In stadtplanerischer Hinsicht ist der Río Sabinal das am leichtfertigsten dem Nichts übereignete Naturfänomen, das ich bisher gesehen habe, denn die natürliche Oase einer von Hitze ausgelaugten Stadt wird inszeniert als kaum zu betretender Sumpf bzw als touristische Empfehlung für Zyniker und Lebensmüde.

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Seltenes, in Chiapas heimisches Gelbwassertier

Die äußerliche tropische Hitze provoziert Ausbrüche meiner inneren Hitze. Ich drifte einher als Schatten suchender Planet. Ich jage den Tapir. Der Tapir jagt in mir. Der Tapir jagt nicht, er fläzt sich im Schatten, den ich suche. Äußerer und innerer Schatten: werden sie je zur Deckung gelangen? Der Tapir lebt nicht in meinem Inneren, er lebt im Zoo, durch den ich streife. Sein Gehege liegt hinter den Hügeln, die ich wegen meines Fiebers nicht erklimmen kann. Die Müllbehälter des Zoos tragen Aufsätze aus Tapirköpfen. Schlafe ich, zwingt mich der Tapir, ihn bis an den Rand des Erwachens zu reiten. Anderntags darf ich mich als erster Europäer in die Mitgliederliste der Liga del movimiento de la elegancia tapirística (Liga der tapiristischen Eleganzbewegung) eintragen.

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der tapir

Träges Totem Tapir

Während einer Fieberwanderung stoße ich in San Cristóbal auf den Río Amarillo, der so gelb aussieht wie sein Name es besagt. Von allen gelben Flüssen einer der gelbsten, gewiss. Wäre es an mir, ihn zu benennen, höchstwahrscheinlich würde ich ihn ganz genau so benennen wie er längst aus gutem Grunde heißt. Ansonsten handelt es sich eher um ein Flüsschen, denn um einen Fluss. Er streift die Stadt und sieht wie die beiden weiter oben portraitierten Flussabschnitte alles andere als gesund aus. Mehr als eine zusätzliche Farbnuance fällt die Häufung öffentlich angebrachter Zeilen auf, als ich die auf eine Fahrspur sich verengende Puente Blanco (Weiße Brücke) quere. Auf deren Pfeilern sind Knittelverse zur Geschichte der Brücke wie des “mejicanischen Vaterlands” angebracht. Und in unmittelbarer Nähe findet sich ein beinahe hauswandgroßer Schriftzug “Vivos los llevaron! Vivos los queremos!” (“Lebendig habt ihr sie geholt! Lebendig wollen wir sie zurück!”): eine Parole, mit der nach der Entführung und mutmaßlichen Ermordung von 43 studentischen Demonstranten in Ayotzinapa im Jahr 2014 das gesamte Land bepinselt wurde.

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geckoblaster

Spirituelles Gegacker aus pazifikblauem Geckoblaster

Klammeraffen heißen auf Spanisch Spinnenaffen, Krokodile Kokodrile und Spechte Schreiner. Nicht minder passende Namen als die unsrigen. Gelbbrüstige Spechte bewohnen in Chiapas Stadt und Land, sie picken um des Pickens willen auch an hauchdünnen Zweigen, deren Bepicken völlig sinnlos erscheint und unter ihrem Flügelschlag beginnt der Himmel zu rotieren. Leguane, die ich nie anders als dösend-äugend in Terrarien, reglos-camouflierend auf Mauerabbrüchen ghanaischer Freiluft-Autowerkstätten oder tot von den Schultern ihrer begabten karibischen Jäger baumeln sah, entwickeln in Tuxtla erstaunliche Geschwindigkeiten bei der innerstädtischen Flucht vor meiner Kamera.

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el zopilote pasa

El zopilote pasa

Die Erde bebt, mein Körper bebt. Tag für Tag. Häufig bleibt unklar, was genau da bebt. Die Straßen beben, es beben die Autos auf den Straßen. Wie Flüsse beben, ist nicht zu ermitteln. Ich sehe wilde Tiere, hinter, vor und zwischen Zäunen, in der freien Natur der Stadt. Bebende Reptilien. Beben auslösende Insekten. Staksende Grackeln. Atme mit Klarsicht verdünnte Luft. Esse wurmstichige Früchte von einem Baum, der noch mit B. Travens Asche gedüngt worden ist.

San Juan Chamula: Der ganze Hühnerscheiß

Schnellimbiss mit Hühner- und Klauensuppe, Trockenfleisch und gebratenen Mojarras im Angebot

Bekannt ist das autonom regierte Chamula, ein kleines Dorf von weitreichendem Ruf, vor allem für seine synkretistische Kirche San Juan Bautista, in der katholische Liturgie mit Maya-Zeremonien zu einer Form der Gottesanrufung verschmelzen, die ihresgleichen sucht. Ein Vorfall im Juli vergangenen Jahres, bei dem der Bürgermeister und sein Gemeindeverwalter von einem Trupp Bewaffneter (angeblich unter Beteiligung des vorherigen Bürgermeisters) während einer Ansprache auf dem Dorfplatz vor der Kirche erschossen worden waren, lenkte erstmals mein Augenmerk auf diesen Ort. Die Presse schrieb seinerzeit von Wildwest-Szenarien. Die Chamula-Leute könnten überaus unangenehm werden, wenn ihnen etwas missfiele, die Kriminalität sei hoch, tagsüber jedoch unsichtbar; allerspätestens um 17 Uhr solle ich das Dorf wieder verlassen, lauteten in Chiapas mit Nachdruck ausgesprochene Warnungen.
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Méxicolores: Visión de la muerte

Die halbstündige Fahrt von San Cristóbal mit dem Colectivo zur Kirche von Chamula führt durch pittoreske Höhenlandschaften der Sierra Madre de Chiapas. Die Ankunft belagern Kunsthandwerk-Verkäuferinnen, behängt mit Troddelschals und Freundschaftsbändchen. Ob ich Deutscher sei? Auf meine Bestätigung folgt postwendend die unerwartete Entgegnung: „Später, später!“ – und ich bin aus der Souvenirhölle entlassen. Für den Kirchenbesuch müssen Ortsfremde Eintrittstickets lösen. Fotografieren und Videoaufnahmen sind im Kircheninnern streng verboten. Schon mehrere Leute, die sich bei Aufnahmen erwischen ließen, sollen kollektiv zum Dorf hinaus geprügelt worden sein. Allen Gefahren und dem gebotenen Respekt zum Trotz lassen sich im Netz eine handvoll unscharfer Bilder und verwackelte Videos ähnlicher Szenerien entdecken wie ich sie meinen Notaten und Erinnerungen entnehme:

Iglesia San Juan Bautista in Chamula

Der Boden des Schiffs ist mit Kiefernnadeln (1) bestreut. Bänke Fehlanzeige. Entlang der Längsseiten befinden sich in Vitrinen (eine davon mit blauen Blinklichtern ausgestattet) insgesamt rund zwei Dutzend Heiligenfiguren diverser Provenienz (darunter die bösen Buben Judas und Thomas), beinahe museal aufgereiht und räumlich brav nach Männlein und Weiblein getrennt. Fotografische Vorgänge, entnehme ich Wortfetzen eines Guides, beschädigten ihre Wirkkraft. Nicht direkt zur Abwehr fotografischer Angriffe, sondern um Gunst oder Missgunst des Bittstellers zu erwidern, tragen die Figuren Spiegel auf ihren Brüsten. Zu den Heiligen empor wachsen überdimensionale Blumensträuße aus beeindruckenden Kerzenmeeren: Meere, in einem Schiff, das in Flammen steht! Ein enormer Schmetterling flattert durch die Szene, im Gebälk tummeln sich Tauben. Anstelle des Altarkreuzes oder der in Mexiko allgegenwärtigen Jungfrau von Guadalupe ist der Namenspatron (Johannes der Täufer) in der größten aller Vitrinen aufgestellt. Teils in Schafsfelle gekleidete Wachleute (2), Girlanden montierende Hilfsarbeiter und Touristenführer bevölkern die Kirche, das Besucheraufkommen schwankt permanent. Ein Wachmann raucht ungeniert Zigaretten. Es ist ein Ort der vielen kleinen Vorgänge, stete Bewegung erfüllt den Raum.

Ihr Tag mit den Hühnern

Auf dem Boden rechteckige Areale, von Kiefernnadeln frei gekehrt: sie dienen den j’ilol, Chamula-HeilerInnen, als Ritualplätze (3): unter rhythmischen Beschwörungen schwenken sie Pox (4) und Coca-Cola über Kerzen, schütten die Flüssigkeiten auf den Boden bzw. nehmen sie ein. Schließlich rauschen mehrere Kerzen zugleich zu einem klingenden Feuer empor, bevor die Heilerin sie löscht und sich zu einer der Familien aufmacht, die sich wie zum Picknick auf den Kiefernnadeln niedergelassen haben. Dort nimmt die j’ilol den Puls des kranken Familienmitglieds, unterdessen ein Kirchendiener das Wachs vom Boden der Ritualstelle schabt, um sie für neue Rituale zu säubern. Der Puls erzählt der j’ilol vom Defizit des Patienten. Der Check gilt der Seele. In der Chamula-Weltanschauung setzt sich die Seele aus verschiedenen Tier-, Pflanzen- und weiteren Komponenten zusammen. Geschieht es, dass ein Geist aus einem Wasserloch eine Person um Seelenanteile bringt, erkrankt derjenige und es wird, in schwereren Fällen, ein Hühneropfer zum Seelenaustausch notwendig: die Hühnerseele gegen den Anteil der vom bösen Geist gestörten Seele der kranken Person. Geringere Probleme werden mithilfe eines Hühnereis absorbiert, das die j’ilol entlang des betroffenen Körpers führt. Ich beobachte ein schwarzes Huhn, das während längerer Zeremonienfasen mit Streicheleinheiten beruhigt, dem dann ratzfatz der Hals umgedreht wird und das schließlich in einer Handtasche landet, um nach dem Ritual gerupft und in Suppe umgewandelt zu werden. Die Zeremonie besitzt Schnittmengen mit solchen des Voodoo oder der Santería und erinnert mich für einen Moment an den durch Geflügelvolieren flüchtenden Filmdetektiv Harry Angel und seine ausgeprägte Aversion gegen „den ganzen Hühnerscheiß“.
Eher klassisch-katholische Gottesdienste finden an Sonntagen statt, die Eucharistie wird nicht abgehalten.

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Amerikanischer Truthahn, Asterix-Lesern auch als Guruguru bekannt

Spaziergang durchs Dorf, im ersten Ansatz unterbrochen vom fliegenden Bernsteinverkäufer mit seinem Schaukasten voller geschliffener, eingefasster Stücke. Ja, er wisse vom Bernstein aus der Ostsee, doch qualitativ hochwertiger sei der hiesige, aus den Minen der umliegenden Berge gebrochene. Am Rande des Hauptplatzes duckt und streckt sich ein Lebensmittel- und Textilienmarkt: günstige Waren guter Qualität. Doch wissen die Verkäuferinnen Herkunft und Art der Stoffe kaum einzuordnen. (Besser erledigen diese Aufgabe die eingenähten Etiketten.) Eine gute Handvoll Imbissbuden, schon ist der Dorfrand erreicht, prutteln Puter in Gärten, zieht ein Zug Ziegen über die Straßen. Hin und wieder verschwindet ein Wagen hinter der nächsten Kurve. Auf halber Höhe abgebrochene Betontreppen führen aus dem oder in den Wald: eine fantastische Vegetation voller fremdartiger Formen und Wirkstoffe. Von den Schwüngen der Grate begrenztes Land in Grün und bedrückenden gleichwie euforischen Ausblicken. Jimi Hendrix‘ Voodoo Child (Slight return) erklingt in meinem Hinterkopf: „Well, I stand up next to a mountain / And I chop it down with the edge of my hand“. Gelegentlich meistert ein Pick-up oder Pkw elegant schnurrend oder fies über den Asfalt schleifend den Straßenbuckel, der die Uhrzeit am Sonnenstand erkennt und warnt, es sei höchste Zeit Chamula zu verlassen, noch bevor der Friedhof besucht ist, der hinter einer Kirchenruine Grabkreuze in verschiedenen Farben aufweist: für Kinder, Adoleszente und solche im würdigen Alter, für gewalttätig und für friedlich Verstorbene.

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(1) Auf dem Zentralmarkt von San Cristóbal sah ich zuvor gelangweilte bzw. Siesta haltende Verkäuferinnen gewaltiger Säcke voller Kiefernnadeln, zu deren Verkäuflichkeit mir kein rechtes Bild einfallen wollte. Kiefernnadeln werden in der Region bei Feierlichkeiten, Einweihungen und dergleichen als Bodenbelag gestreut; die Kirche von Chamula dürfte gewiss der größte Abnehmer sein.
(2) Weiße Schafsfellwesten (chuj) sind nur den Mayordomos, den männlichen Autoritäten, erlaubt, dieweil schwarze Schafsfellröcke (nagua) zur gängigen Frauentracht gehören. Die Chamula gelten als besonders hartnäckig beim Erhalten ihrer Traditionen. In heißere Tropenregionen umgesiedelte Chamula trügen selbst dort ihre Schafsfellkleidung weiter.
(3) Heilzeremonien können nur von Einheimischen gekauft werden. Der Hausschamane des Museo de la Medicina Maya in San Cristóbal steht hingegen auch Touristen zur Verfügung.
(4) Ein regionales Destillat aus maíz criollo („Kreolenmais“), Zuckerrohr und Weizen. Das Tzotzil-Wort bedeutet soviel wie Medizin oder Heilung. Berufsbedingter Alkoholismus soll unter den j’ilol ein weit verbreitetes Problem darstellen. Eine grauhaarige Schamanin sah ich innert einer Stunde einen Drittelliter Pox verarbeiten.

In den Straßen von San Cristóbal

die hlg jungfrau von guadalupe

Rückenwind und Risse im Profil: Bildnis Unserer Lieben Frau von Guadalupe auf einer Plastikplane


Festivallesung in Corazón de María, einer Gemeinde des Municipios San Cristóbal, eine knappe Stunde außerhalb der Stadt in den Bergen versteckt. Wenige Kilometer vor dem Dorf sprinten Grundschüler mit Schulranzen unserem Bus voller Dichter hinterher. Noch vor wenigen Jahrzehnten sei die Gegend wegen ständiger Nebel unsichtbar und somit unbewohnbar gewesen. Weshalb die Nebel, die sich zwischen die umgebenden Höhenzüge zurückgezogen haben, Acker- und Weideland freigegeben hätten, wisse kein Mensch. 3000 Einwohner habe die Gemeinde, über ausladende Flächen verteilt, und kein wirkliches Zentrum, meint ein Dorfbewohner, zu dem ich mich am Rande des Basketballfeldes vor der Schulhalle setze, um die Aromen der Bergluft aufzunehmen und ein wenig über den Ort in Erfahrung zu bringen, während drinnen das Programm sich streckt. Wie hoch genau die Gemeinde gelegen sei, könne er nicht sagen, höher jedenfalls als die Stadt. Die einzige Angabe, die später im Netz ausfindig zu machen ist, verortet Corazón de María auf 2340 Metern. Zweifelsfrei habe ich in der Dorfhalle einen neuen persönlichen Höhenlesungsrekord aufgestellt; zuvor empfangen von Feuerwerk und frenetischem Kinderjubel; in einer Gegend, die es lange nicht gab und die in Zukunft womöglich erneut in Nebel und Nichts aufgehen wird. Vieles in Chiapas erscheint auf den dritten Blick anders als auf den zweiten, dieweil der erste generell als Streichergebnis in Betracht gezogen werden sollte, selbst wenn es sich um geringfügige Beobachtungen handelt. So entpuppen sich vermeintliche EZLN-Graffiti auf dem Hinweg nach Corazón de María, offene oder geheime Rebellenzeichen, handgemalt und waffenstrotzend, auf dem Rückweg als Reklamen für Paintball-Gelände. (Ob diese ausschließlich für zivilen Zeitvertreib genutzt werden, ist nicht in Erfahrung zu bringen.)

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Fliegender Teppich mit hüpfenden Bohnen


Ein Junge von ungefähr elf Jahren hat sich am Mittag in der Fußgängerzone aufgebaut und präsentiert ein paar hundert getrocknete Kapseln, die an Kaffeebohnen erinnern. Es handele sich um frijol saltarín (Hüpfbohne) aus dem nördlichen Bundesstaat Sonora, besagt ein laminierter Computerausdruck: Heilmittel gegen Bluthochdruck, Nervenleiden, Kopf- und Herzschmerzen sowie gegen Rheuma. Bei Beschwerden solle man vier Bohnen in die Hand nehmen und abwarten bis sie zu hüpfen begönnen. Bei näherem Betrachten zucken einige der Kapseln, wackeln, als wollten sie in Kürze davonrollen, ein Fänomen, das mir entfernt bekannt vorkommt. Warum die Bohnen zucken, frage ich den Jungen. „Weiß nicht“, kommt seine missmutige Antwort. Mein Begleiter beginnt, ihn zu belehren: wenn er etwas verkaufen wolle, dann wäre es nur gescheit, Respekt zu zeigen und die Fragen der Leute zu beantworten. Der Junge wirkt noch missmutiger und schweigt sich aus. Dass er womöglich kaum Spanisch spreche, entgegne ich, als wir ein paar Meter weiter sind, und dass das eigentliche Problem bei der Geschichte darin gründen könne, dass ein Junge seines Alters um diese Zeit besser in der Schule aufgehoben sei, denn als Verkäufer zweifelhafter Wundermittel auf der Touristenmeile. Die Frage, weswegen die Bohnen ein Déjà-vu auslösten und weshalb sie wackeln, wird erst Wochen später im Laufe eines Telefonats beantwortet werden: in den 70-er Jahren hatte die Zeitschrift Yps „lebende Wunderbohnen“ als „Super-Gimmick aus Mexiko“ im Programm: „Sensationell! Sie pochen wie dein Herz und springen wie ein Ball“. Heute firmiert das Fänomen unter dem Begriff „Mexikanische Spring- bzw. Hüpfbohne“: es handelt sich um die Frucht eines Wolfsmilchgewächses, das von der Larve der Hüpfbohnenmotte bewohnt wird, die bei Hitze beginnt, sich zu winden, was die „Bohne“ in Bewegung versetzt.

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die einkäufe nachhause retten

Die Einkäufe nach Hause retten: Szene auf dem Zentralmarkt


Erdbeben der Stärke 8,2 auf der Richter-Skala, kurz nach dem Einschlafen, während eines ausgewachsenen Fieberschubs. Das Bett schlingert seitwärts ruckend, ächzend, krängend, eine Nussschale auf hoher See in sternenloser Neumondnacht. Unverzüglich in den Innenhof oder auf die Straße zu fliehen, rät mein Verstand, doch das Fieber argumentiert dagegen: schließlich schlägt der Boden Wellen wie das Meer, besteht jedoch aus Stein: sollte ich stürzen, was in diesem Zustand und ohne Licht wahrscheinlich wäre, ein paralleler Gedanke gilt meinen Erfahrungen auf dem Erdbebensimulator des Karlsruher Naturkundemuseums, könnte das zu Verletzungen führen. (Traumartige Bilder einer blutüberströmten Gestalt, wieder und wieder in Richtung Bett zurückgeworfen von gewaltigen Bodenwellen.) In der Nachbarschaft beginnen die Hunde zu bellen, Alarmsirenen konzertieren, aufgeregte Stimmen auf der Straße, die das Szenario noch eine Spur gefährlicher erscheinen lassen: ob bereits Plünderungen stattfinden? Das Bett schlingert weiter, mein Zeitgefühl ist aufgehoben. Während es bebt, denke ich: „Was, wenn das nie mehr endet?“ Kurz, nachdem es geendet hat: „Das waren vielleicht nicht mehr als 20 Sekunden, denn Beängstigendes wirkt stets intensiver als die Uhr.“ Der Seismische Dienst Mexikos weiß es besser und bis auf die Sekunde genau: zweieinviertel Minuten hatte das Beben angehalten.

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Fledermausfrauen auf dem Zentralmarkt von San Cristóbal


Am Rande der Wahrscheinlichkeit von Mexiko geleitet ein an- und abschwellendes, namenloses Bergfieber mich zur Stadt San Cristóbal de las Casas hinaus zu den Fledermausmenschen von Zinacantán. Im Dorf ist es heiß. Ich fühle mich allein auf weiter Flur. In der Mittagssonne schmilzt mein einsamer Schatten. Gebärdet sich zunehmend unförmiger beim Schwinden. Kaum beginne ich, mich ernsthaft um ihn zu sorgen, als ganz plötzlich, bevor es mit dem Schatten zu Ende geht, von der San Lorenzo-Kirche wirre, doch bei sich selbst verharrende Rhythmen mit magischen Anziehungskräften erklingen. Scheppernd, treibend, in die Beine fahrend. Wie schöne, wilde, gerade eben noch so kontrollierte Guggenmusik. Eine Menge Fledermausmenschen geraten mit der Musik in mein Blickfeld. Die Männer, ausschließlich die Männer, tanzen in traditionellen Plateauschluppen, kurzen Hosen, bestickten Westen, Ponchos und fantastischen Hüten mit bunten rückwärtigen Streifenvorhängen ein wieder und wieder wiederholtes Auf-der-Stelle-treten. Flaschen mit eingetrübtem Pox kreisen am helllichten Tag. Ein unsichtbares Band zieht mich in ihre Nähe. Ich verspüre den Drang, das alles festzuhalten, doch hält es mich fest. Vielmehr ist es so, als setzte die Musik mich frisch in Gang. Freundliche Bäume verwehren der Sonne den Zugriff auf meinen Schatten und fächeln lächelnd etwas Luft in unsere Richtung. Anwallende Ohnmachten verschwinden chancenlos in tiefen Rissen verschleppter Rhythmen, die Bläser hauchen mir ihren Odem ein, ich bin der Golem dieser musizierenden, tanzenden, betrunkenen Fledermausmenschen. An Fasenverschiebungen laborierend, trete ich mit den Fledermausmännern auf der Stelle, ohne beweiskräftige Aufzeichnungen. Musik, Tanz und Schatten geleiten meinen Körper unversehrt aus dem Dorf. Dessen früherer Name habe Ik’al Ojov (Schwarzer Herr) gelautet, ein schreckenerregender Name. Am Dorfrand, bei ausklingender Musik, versuche ich erfolglos Fledermausfrauenschatten abzulichten: sie sind einfach zu schnell für die Kamera. Später, zurück in meiner Gastwohnung in der Kolumbusstraße, erprobt das Fieber neue Ringergriffe an meinem Körper. Von der Baustelle des bis auf die bunt angemalte Fassade komplett in sich zusammengefallenen, direkt angrenzenden Psychonautenhauses erklingt dazu in Endlosschleife der Chattanooga Choo Choo.

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Die Kathedrale von San Cristóbal nach einem Starkregen


Unter Kolibri-Einfluss reflektiere ich das Gewahrwerden zu Schleuderpreisen verschwendeter Naturschönheiten und -gewalten. Sie schwappen jeweils in radikalen Ausmaßen an und ergreifen den Menschen. In Fiebern schreiben sie sich vereint den Nerven ein und prägen das Empfinden. Der Kolibrischnabel gilt als Injektionsnadel, mit deren Hilfe er seine schillernden Farb-, Leichtigkeits- und Geschwindigkeitslehren durch unsere kleinen Pupillenlöcher auf lückenhafte Gedankenschirme überträgt. Kaum hast du, anfangs meist ganz unvermittelt, einen Kolibri entdeckt, explodiert ein Großteil deines Alltagsempfindens und ein Sekundenlächeln, das endlos gegen den Horizont des Gartens, der Dachterrasse, der Stadt wiederholte, wiederholt erscheinende Wellen schlägt, bemächtigt sich deines Gemüts. In deinen Fiebern wird der schwirrende Vogel transzendiert, zu medizinischem, oral einzunehmenden Püree verarbeitet, winzige gefiederte weiche Tabletten, aus denen feine Knöchelchen als Widerhaken staken. Der Kolibri wächst zum Emblem, Mittler zwischen Außen- und Innenwelt, Totem, Nahual. Er bringt und er ist zugleich die tröstlich schillernde Botschaft zwischen Leben und Tod, die Idee des ewigen Kreislaufs, manifestiert in einem zarten kleinen Etwas, das von punktuell auftretender Süße lebt inmitten herber Bergwelten.