San Juan Chamula: Der ganze Hühnerscheiß

Schnellimbiss mit Hühner- und Klauensuppe, Trockenfleisch und gebratenen Mojarras im Angebot

Bekannt ist das autonom regierte Chamula, ein kleines Dorf von weitreichendem Ruf, vor allem für seine synkretistische Kirche San Juan Bautista, in der katholische Liturgie mit Maya-Zeremonien zu einer Form der Gottesanrufung verschmelzen, die ihresgleichen sucht. Ein Vorfall im Juli vergangenen Jahres, bei dem der Bürgermeister und sein Gemeindeverwalter von einem Trupp Bewaffneter (angeblich unter Beteiligung des vorherigen Bürgermeisters) während einer Ansprache auf dem Dorfplatz vor der Kirche erschossen worden waren, lenkte erstmals mein Augenmerk auf diesen Ort. Die Presse schrieb seinerzeit von Wildwest-Szenarien. Die Chamula-Leute könnten überaus unangenehm werden, wenn ihnen etwas missfiele, die Kriminalität sei hoch, tagsüber jedoch unsichtbar; allerspätestens um 17 Uhr solle ich das Dorf wieder verlassen, lauteten in Chiapas mit Nachdruck ausgesprochene Warnungen.
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Méxicolores: Visión de la muerte

Die halbstündige Fahrt von San Cristóbal mit dem Colectivo zur Kirche von Chamula führt durch pittoreske Höhenlandschaften der Sierra Madre de Chiapas. Die Ankunft belagern Kunsthandwerk-Verkäuferinnen, behängt mit Troddelschals und Freundschaftsbändchen. Ob ich Deutscher sei? Auf meine Bestätigung folgt postwendend die unerwartete Entgegnung: „Später, später!“ – und ich bin aus der Souvenirhölle entlassen. Für den Kirchenbesuch müssen Ortsfremde Eintrittstickets lösen. Fotografieren und Videoaufnahmen sind im Kircheninnern streng verboten. Schon mehrere Leute, die sich bei Aufnahmen erwischen ließen, sollen kollektiv zum Dorf hinaus geprügelt worden sein. Allen Gefahren und dem gebotenen Respekt zum Trotz lassen sich im Netz eine handvoll unscharfer Bilder und verwackelte Videos ähnlicher Szenerien entdecken wie ich sie meinen Notaten und Erinnerungen entnehme:

Iglesia San Juan Bautista in Chamula

Der Boden des Schiffs ist mit Kiefernnadeln (1) bestreut. Bänke Fehlanzeige. Entlang der Längsseiten befinden sich in Vitrinen (eine davon mit blauen Blinklichtern ausgestattet) insgesamt rund zwei Dutzend Heiligenfiguren diverser Provenienz (darunter die bösen Buben Judas und Thomas), beinahe museal aufgereiht und räumlich brav nach Männlein und Weiblein getrennt. Fotografische Vorgänge, entnehme ich Wortfetzen eines Guides, beschädigten ihre Wirkkraft. Nicht direkt zur Abwehr fotografischer Angriffe, sondern um Gunst oder Missgunst des Bittstellers zu erwidern, tragen die Figuren Spiegel auf ihren Brüsten. Zu den Heiligen empor wachsen überdimensionale Blumensträuße aus beeindruckenden Kerzenmeeren: Meere, in einem Schiff, das in Flammen steht! Ein enormer Schmetterling flattert durch die Szene, im Gebälk tummeln sich Tauben. Anstelle des Altarkreuzes oder der in Mexiko allgegenwärtigen Jungfrau von Guadalupe ist der Namenspatron (Johannes der Täufer) in der größten aller Vitrinen aufgestellt. Teils in Schafsfelle gekleidete Wachleute (2), Girlanden montierende Hilfsarbeiter und Touristenführer bevölkern die Kirche, das Besucheraufkommen schwankt permanent. Ein Wachmann raucht ungeniert Zigaretten. Es ist ein Ort der vielen kleinen Vorgänge, stete Bewegung erfüllt den Raum.

Ihr Tag mit den Hühnern

Auf dem Boden rechteckige Areale, von Kiefernnadeln frei gekehrt: sie dienen den j’ilol, Chamula-HeilerInnen, als Ritualplätze (3): unter rhythmischen Beschwörungen schwenken sie Pox (4) und Coca-Cola über Kerzen, schütten die Flüssigkeiten auf den Boden bzw. nehmen sie ein. Schließlich rauschen mehrere Kerzen zugleich zu einem klingenden Feuer empor, bevor die Heilerin sie löscht und sich zu einer der Familien aufmacht, die sich wie zum Picknick auf den Kiefernnadeln niedergelassen haben. Dort nimmt die j’ilol den Puls des kranken Familienmitglieds, unterdessen ein Kirchendiener das Wachs vom Boden der Ritualstelle schabt, um sie für neue Rituale zu säubern. Der Puls erzählt der j’ilol vom Defizit des Patienten. Der Check gilt der Seele. In der Chamula-Weltanschauung setzt sich die Seele aus verschiedenen Tier-, Pflanzen- und weiteren Komponenten zusammen. Geschieht es, dass ein Geist aus einem Wasserloch eine Person um Seelenanteile bringt, erkrankt derjenige und es wird, in schwereren Fällen, ein Hühneropfer zum Seelenaustausch notwendig: die Hühnerseele gegen den Anteil der vom bösen Geist gestörten Seele der kranken Person. Geringere Probleme werden mithilfe eines Hühnereis absorbiert, das die j’ilol entlang des betroffenen Körpers führt. Ich beobachte ein schwarzes Huhn, das während längerer Zeremonienfasen mit Streicheleinheiten beruhigt, dem dann ratzfatz der Hals umgedreht wird und das schließlich in einer Handtasche landet, um nach dem Ritual gerupft und in Suppe umgewandelt zu werden. Die Zeremonie besitzt Schnittmengen mit solchen des Voodoo oder der Santería und erinnert mich für einen Moment an den durch Geflügelvolieren flüchtenden Filmdetektiv Harry Angel und seine ausgeprägte Aversion gegen „den ganzen Hühnerscheiß“.
Eher klassisch-katholische Gottesdienste finden an Sonntagen statt, die Eucharistie wird nicht abgehalten.

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Amerikanischer Truthahn, Asterix-Lesern auch als Guruguru bekannt

Spaziergang durchs Dorf, im ersten Ansatz unterbrochen vom fliegenden Bernsteinverkäufer mit seinem Schaukasten voller geschliffener, eingefasster Stücke. Ja, er wisse vom Bernstein aus der Ostsee, doch qualitativ hochwertiger sei der hiesige, aus den Minen der umliegenden Berge gebrochene. Am Rande des Hauptplatzes duckt und streckt sich ein Lebensmittel- und Textilienmarkt: günstige Waren guter Qualität. Doch wissen die Verkäuferinnen Herkunft und Art der Stoffe kaum einzuordnen. (Besser erledigen diese Aufgabe die eingenähten Etiketten.) Eine gute Handvoll Imbissbuden, schon ist der Dorfrand erreicht, prutteln Puter in Gärten, zieht ein Zug Ziegen über die Straßen. Hin und wieder verschwindet ein Wagen hinter der nächsten Kurve. Auf halber Höhe abgebrochene Betontreppen führen aus dem oder in den Wald: eine fantastische Vegetation voller fremdartiger Formen und Wirkstoffe. Von den Schwüngen der Grate begrenztes Land in Grün und bedrückenden gleichwie euforischen Ausblicken. Jimi Hendrix‘ Voodoo Child (Slight return) erklingt in meinem Hinterkopf: „Well, I stand up next to a mountain / And I chop it down with the edge of my hand“. Gelegentlich meistert ein Pick-up oder Pkw elegant schnurrend oder fies über den Asfalt schleifend den Straßenbuckel, der die Uhrzeit am Sonnenstand erkennt und warnt, es sei höchste Zeit Chamula zu verlassen, noch bevor der Friedhof besucht ist, der hinter einer Kirchenruine Grabkreuze in verschiedenen Farben aufweist: für Kinder, Adoleszente und solche im würdigen Alter, für gewalttätig und für friedlich Verstorbene.

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(1) Auf dem Zentralmarkt von San Cristóbal sah ich zuvor gelangweilte bzw. Siesta haltende Verkäuferinnen gewaltiger Säcke voller Kiefernnadeln, zu deren Verkäuflichkeit mir kein rechtes Bild einfallen wollte. Kiefernnadeln werden in der Region bei Feierlichkeiten, Einweihungen und dergleichen als Bodenbelag gestreut; die Kirche von Chamula dürfte gewiss der größte Abnehmer sein.
(2) Weiße Schafsfellwesten (chuj) sind nur den Mayordomos, den männlichen Autoritäten, erlaubt, dieweil schwarze Schafsfellröcke (nagua) zur gängigen Frauentracht gehören. Die Chamula gelten als besonders hartnäckig beim Erhalten ihrer Traditionen. In heißere Tropenregionen umgesiedelte Chamula trügen selbst dort ihre Schafsfellkleidung weiter.
(3) Heilzeremonien können nur von Einheimischen gekauft werden. Der Hausschamane des Museo de la Medicina Maya in San Cristóbal steht hingegen auch Touristen zur Verfügung.
(4) Ein regionales Destillat aus maíz criollo („Kreolenmais“), Zuckerrohr und Weizen. Das Tzotzil-Wort bedeutet soviel wie Medizin oder Heilung. Berufsbedingter Alkoholismus soll unter den j’ilol ein weit verbreitetes Problem darstellen. Eine grauhaarige Schamanin sah ich innert einer Stunde einen Drittelliter Pox verarbeiten.

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