MINI WELT

mini welt_cover_warmMein neuer Auswahlband, herausgegeben von Michael Serrer und Adrian Kasnitz, beinhaltet 28 Gedichte über die Möwe im Zeitalter ihrer technischen Reproduzier- und neoliberal geprägten Anpreisbarkeit, über heimatlichen Umgebungswandel und den Stand der Fortschritte zur Aufhebung der Klassengesellschaft. Geschrieben habe ich sie am Rhein, am Bosporus, auf meinem Mauenheimer Balkon und im Fernbus während langwieriger Polizeikontrollen an den innereuropäischen Grenzen. Die Bora, einer der stärksten Winde der Welt, half mit scharfböig vorgetragener, rüttelnder und jaulender Kritik beim Textschliff, als ich bei Zvona i Nari in Ližnjan als Artist in Residence zu Gast sein durfte.

Den Schwerpunkt des Bandes bildet das Eingangskapitel Möwen von Jetzt. Das Wesen des Vogels, eines der beliebtesten Motive der Dichtung, befindet sich im Wandel. Bereits vor 280 Jahren hatte der französische Ingenieur Jacques de Vaucanson eine hochkomplexe automatische Ente gebaut, die trinken, essen, mit den Flügeln flattern, schnattern, paddeln und sogar verdauen konnte, ein mechanisches Wunderwerk, das seinen Schöpfer berühmt machte. Diesem flugunfähigen canard digérateur folgten diverse Ornithopter: mechanische Vögel mit Schlagapparat und/oder Gleitfähigkeiten, angetrieben von Pressluft, Kohlensäure oder Revolverpatronen. Einen solchen künstlichen Vogel sah ich erstmals 2012 in Istanbul den Galataturm im Flug umrunden. Angetrieben von einem Gummimotor hielt er sich gute zehn Sekunden in der Luft und vollführte erstaunliche Kapriolen. Wo er flog, flogen auch biologische Spatzen, Tauben und Möwen. Die Bausätze, die es um sehr kleines Geld zu erstehen gab, hatten aus Fernost an diesen historisch belasteten Ort der Aeronautik gefunden. Bereits ein Jahr zuvor hatte der schwäbische Automatisierungsbetrieb Festo den SmartBird entwickelt, einen bionisch-elektronischen, der Silbermöwe nachempfundenen Vogel, und für sich in Anspruch genommen, den Vogelflug technisch entschlüsselt zu haben. Ungefähr zur gleichen Zeit lernte ich in einem Workshop bei Hannes Hoelzl wie handelsübliche Alarmanlagen zu Singvögeln umgelötet werden können – seither ist mein Gehör für artifizielle Vögel im öffentlichen Raum sensibilisiert: die Eroberung unserer Umwelt durch künstliche Vögel, die in der Dichtung bisher nicht sonderlich auffällig wurden, hat bereits vor einem Vierteljahrtausend begonnen.

Die übrigen Kapitel handeln von Umgebungen, die der neue Supervogel mit seinen Kameraaugen aufnehmen und für un/bestimmte Zwecke abspeichern könnte: Zeugnisse sich ausbeulender Zeit- und Gesellschaftsmatrix, des Alles und Nichts – häufig aus in der Lyrik eher unterrepräsentierten Perspektiven auf den kleinbürgerlichen, proletarischen und randständigen Alltag.

Der Titel des Bandes, MINI WELT, sollte ursprünglich barockes Ausmaß erreichen, Inhalte, Entstehungsbedingungen und Förderer in einem über mehrere Zeilen mäandernden Satz inklusive Kommata und Punkt berücksichtigen, um aktuelle Produktionsvorgaben hiesiger Dichtung mit einer gefilterten Rückspiegelsicht auf feudale Bedingungen zu überblenden. Die Corporate Design-Vorgabe der Reihe ließ das nicht zu. Nun also MINI WELT – zum Minipreis von 5 Euro. Das sind knapp 18 Cent pro Gedicht, ein unverschämt günstiger Preis, der dadurch zustande kommen konnte, daß die Nyland-Stiftung Druck und Lektorat der Reihe subventioniert.

MINI WELT, Lyrik-Edition Rheinland, Edition Virgines, Düsseldorf 2017
32 Seiten, 14,5 x 21 cm, Taschenbuch, 5 Euro, ISBN: 978-3944011660

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s