Ixcanul

Guatemala ist im Zeitalter der Globalisierung für die meisten Europäer Terra incognita geblieben. Das gilt sowohl für das Land selbst, als auch für seine Literatur. Die Youtube-Recherche führt zu den üblichen Amateurvideos von Reisenden, kurzen touristischen Werbefilmen und einigen Dokumentationen über Elend und Gewalt. Letztere dominiert den Alltag als nationales Thema: in den Straßen gespiegelt auf Wandbildern, in Graffiti, auf Suchplakaten nach Verschwundenen und täglich neu formuliert in den Mantras der Schlagzeilen. Spielfilme aus Guatemala – oder solche, die das Land zum Gegenstand wählen – sind indes rar bzw. in Europa kaum verfügbar.

Den größten Bekanntheitsgrad dürften zwei Produktionen aus den Achtzigern erreicht haben. Zum einen El Norte (USA/GB 1983), ein Flüchtlingsdrama von Gregory Nava, das das traurige Schicksal eines jugendlichen Maya-Geschwisterpaars auf seinem Weg aus dem vom Bürgerkrieg gebeutelten Guatemala ins gelobte Kalifornien beschreibt. Zum anderen The Evil That Men Do (MEX/USA/GB 1984), ein typischer Selbstjustiz-Action Thriller mit Charles Bronson in der Rolle des Rächers. Das Star-Vehikel spielt allerdings nur laut Drehbuch in Guatemala, aufgenommen wurde es in Mexiko.

„Sie wollen’s nicht tun!“ Gleich werden die Schweine mit Rum gedopt

Mit Ixcanul Volcano von Jayro Bustamante (GUA/FRA 2015) hat erstmals ein guatemaltekischer Streifen interkontinentale Aufmerksamkeit erzielt. Das Drama zeigt Ausschnitte aus dem Leben einer abgeschieden am Vulkanhang lebenden Kleinbauernfamilie. Formal schlicht erzählt, verquickt der Film eine ganze Reihe Aspekte des armseligen Kaffeepflückerlebens zu einem kompakten, komplexen Ganzen. So ließe sich Ixcanul Volcano wahlweise als Frauenfilm, Adoleszenz- bzw. Gesellschaftsdrama oder als Dokumentation über das heutige Leben ländlicher Mayas betrachten. Entwickelt wurde er nach einer wahren Begebenheit, wie es heißt, von Regisseur Bustamante und den Akteuren in Teamarbeit – für die Laienschauspieler (herausragend María Telón und María Mercedes Coroy als Mutter und Tochter) war es der erste Spielfilm.

Maya-Zeremonie am Vulkanhang mit Dank an die Geister

Mutter Juana und Tochter María zerren vor der intensiven Landschaft des Pacaya, einem der aktivsten Vulkane der Welt, ein Schwein in den Koben und füllen das Tier mit reichlich Hochprozentigem ab, um es zur Paarung zu stimulieren, bevor es für ein Gastmahl zur Hochzeitsanbahnung geschlachtet wird. Die Familie, Vater, Mutter, Tochter, lebt in einer Bretterhütte von wenig mehr als nichts. Hinter dem mächtigen Vulkan, Lebensraum und scheinbar unüberwindliches Hindernis zugleich, liegt das Unbekannte. María soll mit dem verwitweten Vorarbeiter der Kaffeepflücker verheiratet werden, doch die junge Frau interessiert sich stärker für den gleichaltrigen Hilfsarbeiter Pepe, einen Heiopei, der sie im Gesträuch bedrängt und davon spricht, in das Land hinterm Vulkan, wo es Strom und fließend Wasser gibt und jeder englisch spricht, abzuhauen. Beim Abtritt hinter der Schnapsbude läßt María sich von Pepe entjungfern und wird umgehend schwanger. Der werdende Vater verdrückt sich zügig Richtung Mexiko und USA. Der Ehemann in spe hatte sich seine Braut weniger schwanger vorgestellt, die Abtreibung mit Maya-Hausmitteln schlägt fehl. Ohne das feste Einkommen des Bräutigams steht die Familie nun vor dem Abgrund, zumal die Felder mit einerseits heiligen, andererseits todbringenden Schlangen verseucht sind. Beim Versuch der Schlangenaustreibung (Schwangeren können die Tiere nichts anhaben, erinnert sich Juana an eine alte Maya-Weisheit) wird María prompt gebissen. Das Krankenhaus in der Stadt rettet ihr Leben, doch verliert sie ihr Kind. Den Leichnam zu sehen wird María verweigert. Als sie den Sarg öffnet, enthält er nur Steine. Das Kind wurde geraubt und verkauft. Damit ist das Problem für den Bräutigam aus der Welt. So blickt María schließlich doch in eine Zukunft hinter dem Vorhang des Brautschleiers.

Mutter und Tochter im Temazcal, dem medizinischen Schwitzbad

Vordergründig zu faszinieren vermögen an Ixcanul, was soviel wie „die nach außen drängende Kraft im Inneren des Berges“ bedeutet, Marías duldendes, die Kamera bezwingendes Gesicht, das Schönheit und Elend vereinende Chiaroscuro einer selten gezeigten Welt, befördert von der Tonspur, die statt auf musikalische Unterlegung auf knappe Dialoge und die Akustik der Schauplätze vertraut. Fernblick und Armutsexotik wecken beim europäischen Zuschauer Gefühle aus dem Sumpf seiner romantischen Vorbildung. Wie wunderbar stoisch die kleine Frau ihr Schicksal erträgt! Kein Wunder fallen da insbesondere die bürgerlichen Kritiken schwärmerisch aus.

María Mercedes Coroy als María

Über ihre tragische Handlungsabfolge hinaus weist die Geschichte auf das In-sich-Gefangensein einer als abgeschieden dargestellten Kultur, die tatsächlich die Hälfte der guatemaltekischen Bevölkerung stellt, von der herrschenden Klasse der Ladinos jedoch vernachlässigt, bestaunt und mißachtet, wenn nicht mißbraucht wird. María wirkt in diesem Kontext zuweilen wie der titelgebende Vulkan: magisch schön, sich selbst nicht verstehend, im Inneren brodelnd, letztlich unbesiegbar. Dieweil die Dialoge auf Kaqchikel, einer der 22 in Guatemala vorkommenden Maya-Sprachen, abgehalten werden, dienen sämtliche Tier- und Naturszenen des Films, darüberhinaus auch Orte wie das Schwitzbad oder ausgestellte Emotionen als Symbole der traditionellen Maya-Weltanschauung mit feststehenden Bedeutungen. Auf diese Weise verknüpft sich die Bildsprache zum spirituellen Grundmuster, welches die Erzählung neben einer dramatischen, ethno- und soziografischen auch zu einer religiösen macht.
In der indigenen Community wurde der Film teilweise kritisch aufgenommen: zu sehr bediene er sich des Ladino-Blickwinkels und reflektiere nicht unbedingt Wirklichkeit und Weltanschauung der Mayavölker.

Ixcanul Volcano ist bei uns als Ixcanul – Träume am Fuße des Vulkans auf DVD mit deutschen Untertiteln erhältlich und ab 12 Jahren freigegeben. Kostenpunkt: ca. 20 Euro.

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